Mit Goethe in der Nanowelt

16. März 2012 von Ludwig Trepl in Landschaftsbegriff

Leseempfehlung

Schwarz, Astrid, Alfred Nordmann 2011. “Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ - Partaking in the nanoworld. In: Nanoethics 5, pp. 233-243 (pdf)

Die Nanotechnologie begegnet uns als ein unerschöpfliches Reservoir an schier unbegrenzten Möglichkeiten: „die Welt gestalten Atom für Atom“ war der Schlachtruf, mit dem so befremdende Dinge wie Graphen, Buckyballs und Goldnanodrähte in die Welt kamen. Staunen durften Forscher, Ökonomen und Politiker über die wunderbaren Eigenschaften einer unsichtbaren, unendlich kleinen Welt. Um so überraschender ist es, wie anschaulich und alltäglich diese Welt dann in ihren bildlichen Darstellungen erscheint. Die visuellen Repräsentationen der nanotechnologischen Produkte laden uns ein in ganz vertraute Landschaften, wir begegnen bekannten Spuren in Schrift und Bild, gerade so, als ob es die vielbeschworene Andersartigkeit und Unbegreiflichkeit der Nanowelt zu kompensieren gälte. Die Kapazität, Prozesse und Phänomene auf der Nanoskala darzustellen, ist also, so eine These dieses Aufsatzes, nicht nur eine Frage hochspezialisierter Visualisierungstechnologien, sondern vor allem auch eine Frage der Darstellung von Spannungsverhältnissen zwischen Wissen und Praxis, zwischen Überraschung und Kontrolle. Und dies ist es auch, was nanotechnologische Oberflächen und makroskopische Landschaften einander nahe bringt: sie laden uns ein, einzutauchen und uns in dieser Welt zu bewegen ganz wie bei einem Spaziergang: die „nanoscapes“ laden ein teilzunehmen an einer visuellen Erfahrung. Sie stellen also nicht theoretische oder metaphysische Voraussetzungen dar, sondern sie dienen dazu, die Idee der Nanotechnologie selbst vorzuführen und zu validieren: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“.

 

 


2 Kommentare zu “Mit Goethe in der Nanowelt”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    There's Plenty of Room at the Bottom

    There's Plenty of Room at the Bottom

    Dieser Spruch war schon immer war, allerdings blieben uns die Landschaften dort unten bis vor kurzem verborgen. Mit Rasterelektronenmikroskopen und anderen bildgebenden Verfahren werden sie nun ans Tageslicht geholt, bleiben aber weiterhin reine Terra imaginata, denn Bilder aus dieser Welt ersetzen Erfahrungen in dieser Welt kaum. Ein Molekül in der Nanowelt spürt Kräfte, die keine Entsprechung in der Makrowelt haben und zwei nanoskopisch kleine Dinge im Vakuum können aneinander haften bleiben, weil sie das Vakuum aneinanderdrückt (Casimir-Effekt)

    Bilder ersetzen die physische Präsenz nicht und es macht einen Unterschied ob man die Postcard “Greetings
    from Tahiti”
    aus Tahiti an seine Freunde abschickt oder von zuhause aus.

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