Natur-Religion

BLOG: Landschaft & Oekologie

Unsere Umwelt zwischen Kultur und Natur
Landschaft & Oekologie

Naturschützern ist es oft wichtig zu betonen, daß sie die Natur nicht wegen kulturell bedingter Vorlieben schützen wollen. Vielmehr gehe es um „die Natur selbst“, denn diese habe ein „eigenes Existenzrecht“ oder einen „Eigenwert“. Hier soll gezeigt werden, daß dahinter eine (kulturell bedingte) religiöse Auffassung steckt.

Kürzlich habe ich in einem Blog-Artikel auf einen Aufsatz mit der Überschrift „Was sind wilde Tiere“ hingewiesen. Dessen Ausgangspunkt ist, daß man im Naturschutz, zumindest im mehr oder weniger offiziellen, heute hauptsächlich Wildnis schützen möchte, während man früher eher besonders artenreiche Vegetations-Sukzessionsstadien oder Klimaxgesellschaften bewahren wollte. Dann wird argumentiert, daß man mit der Art, wie man die Schutzgegenstände beschreibt – nämlich naturwissenschaftlich –, das Wissen nicht erhält, das man bräuchte. Denn man will eben Wildnis schützen, und Wildnis ist kein naturwissenschaftlicher Gegenstand, ist nicht etwa „vom Menschen“ unbeeinflußte Natur – Natur, wie sie Gegenstand der Naturwissenschaften ist –, sondern sie ist Gegenwelt[1] zu der kulturellen Ordnung, die sich die Menschen gegeben haben, und sie gehört unserer symbolischen Welt an und nicht der physischen. Was man mit Wildnis verbindet, was sie bedeutet, wird in dem Aufsatz dann am Beispiel dessen, was wir mit „wilde Tiere“ meinen, näher beschrieben.

 

Martin Holzherr hat den Beitrag kritisch kommentiert. Ich halte das, was er schreibt, nicht für eine individuelle Meinungsäußerung, die einen nicht interessieren muß. Vielmehr glaube ich, daß Zehntausende für Naturschützern seinen Text unterschreiben würden. Er gibt gut die Meinung des mainstreams dieser gesellschaftlichen Bewegung wieder. Darum will ich hier etwas ausführlicher auf den Kommentar eingehen, allerdings nur auf einen bestimmten Punkt. Ich zitiere:

„nicht wilde Tiere [sollen erhalten werden].
Erhalten werden soll (in Teilen wenigstens) die Natur wie sie ist und sich auch ohne Mensch [sic!] entfalten könnte und nicht irgendwelche wilden Tiere, artenreiche Suzkzessionsstadien, Klimaxgesellschaften oder die natürliche Dynamik.
Mit: (Zitat) ’Ein Gebiet als Wildnis erhalten’ meinen heute Naturschützer – behaupte ich als Antithese zum Artikel – in der Regel, dass sie das Gebiet vor menschlichen Übergriffen und Eingriffen schützen wollen und nicht etwa, dass sie in diesem Gebiet eine bestimmte kulturelle definierte und bedingte Form der Wildnis erhalten wollen.
Folgendes spricht für meine These, dass Wildnis für die meisten Naturschützer heute vom Mensch[en] verschontes Gebiet meint:
- die IUCN definiert “Wildnis als ausgedehntes, ursprüngliches oder leicht verändertes Gebiet, das seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, eine weitgehend ungestörte Lebensraumdynamik und biologische Vielfalt aufweist, in dem keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierendem Einfluss existieren” […].

Wenn er schreibt, mit „’Ein Gebiet als Wildnis erhalten’ meinen heute Naturschützer – behaupte ich als Antithese zum Artikel – in der Regel, dass sie das Gebiet vor menschlichen Übergriffen und Eingriffen schützen wollen“, so hat er recht; seine Behauptung ist also gar keine Antithese zu meinem Artikel. Genau darum, weil Wildnis im Naturschutz in aller Regel so definiert wird wie vom IUCN (International Union for Conservation of Natur), schreibe ich ja Artikel wie den kritisierten.

Die Naturschützer sind entweder Biologen oder sie haben, etwa als Landschaftsplaner, eine von der Biologie dominierte Ausbildung, und wenn nicht,  so denken sie dennoch meist in den Bahnen, die ihnen von den im Naturschutz tonangebenden Biologen gewiesen werden. Darum definieren sie „Wildnis“ als  „vom Menschen“ (d. h. von einer bestimmten biologischen Spezies) unbeeinflußte Natur, denn diese Definition ist mit den der Biologie zur Verfügung stehenden bzw. in dieser Wissenschaft erlaubten Begriffen möglich.

Aber Wildnis ist nicht mit „vom Menschen“ unbeeinflußter Natur deckungsgleich, auch wenn eine solche Natur Wildnis sein kann. Zur Wildnis gehören sogar typischerweise Menschen, die „Wilden“ nämlich – Wesen, die zwar der biologischen Spezies Homo sapiens angehören, aber den Ehrentitel Mensch nicht verdienen, weil sie keine „Kultur“ haben. Das bringt bekanntlich dem Naturschutz große praktische Probleme: Schützt man Wildnis, wenn man die Wilden aus der Wildnis vertreibt? Sie sind entweder, so denkt man, Menschen wie alle anderen und müssen aus dem Nationalpark ausgesiedelt werden, und das Verbot des Tötens geschützter Tiere gilt für sie wie für alle. Oder aber man behandelt die mit einigem Aufwand an sprachlicher Kosmetik in „Indigene“ umbenannten Wilden weiterhin als Teil der Natur; sie haben dann im Nationalpark wie die Tiere ihren Platz und es ist ihnen wie diesen erlaubt, zu tun, was allen richtigen Menschen verboten ist, z. B. geschützte Tiere zu töten, wenn sie sie zum Überleben als Wilde benötigen.

Die normalen, nicht durch eine naturwissenschaftliche Ausbildung verbildeten Menschen wissen, daß Wildnis etwas anderes ist als von der Spezies Homo sapiens unbeeinflußte Natur, auch wenn sie das nicht immer formulieren können. Und wenn sie Wildnis wollen – und viele wollen sie –, dann geht das, was die Naturschützer unter der Überschrift Wildnisschutz unternehmen, an dem vorbei, was die normalen Menschen von der Wildnis wollen. Denn sie wollen nicht eine vom Menschen unbeeinflußte Natur als solche, sondern sie wollen, wenn sie unserer Kultur angehören, „Erlebnisse“, wie es im Jargon der Branche heißt, die an diesen Wünschen verdient. Die Erlebnisse können real sein oder sich nur in der Vorstellung zutragen. Was wollen sie erleben? Eben Wildnis – eine Welt, in der es grundsätzlich anders zugeht als in der Welt, die sie sich selbst geschaffen haben mit ihrer „Kultur“ oder „Zivilisation“. Sie sehen sich, wenigstens zeitweise, nach einer Welt, in der nicht Konventionen gelten, sondern Freiheit herrscht, und in der es nicht nach den Regeln der Vernunft zugeht, sondern wo es schaurig und geheimnisvoll ist – und wo es vor allem gefährlich ist, weil nicht alles im Dienste unseres Wohlergehens bis zur völligen Reizlosigkeit perfekt geregelt ist.[2] Wenn die Naturschützer vor das Schutzgebiet Schilder stellen mit der Aufschrift „Wildnis“ – das gibt es tatsächlich – und darunter steht, wer da zuständig ist, z. B. das Landesamt für Naturschutz, dann ist es mit einigem, was man da erwartet, schon vorbei, da mag die Natur in dem Gebiet physisch noch so unbeeinflußt sein. Und wenn es Verschiebungen im Denken und Fühlen über die Natur gibt, dann kann ein Gebiet, an dem sich physisch nicht das Geringste verändert hat, im Hinblick darauf, ob es eine Wildnis ist, seinen Charakter völlig verändern.[3]

 

Die Naturschützer definieren Wildnis also als diejenige Natur, die von der Spezies Homo sapiens unbeeinflußt ist, und sie benutzen damit den Begriff der Wildnis falsch. Nun könnte man sagen: Für den internen Gebrauch können sie Wildnis definieren wie sie wollen, solange sie das keinem anderen aufdrängen, soll’s einem recht sein. Aber erstens halten sie sich nicht an dieses oberste Gebot, das beim Gebrauch von Fachsprachen zu beachten ist, und zweitens verstehen sie Wildnis selbst auch nicht immer im Sinne ihrer Definition; sie sind ja nicht nur Biologen, sondern auch normale Gesellschaftsmitglieder und benutzen die Alltagssprache. Vor allem aber muß man fragen, warum sie denn unbeeinflußte Natur wollen. Sie wollen das deshalb, weil sie bestimmte Vorstellungen davon haben, wozu die unbeeinflußte Natur gut ist und was man der Natur gegenüber darf und soll. Das aber sind kulturell bedingte – und von Kultur zu Kultur durchaus verschiedene – Vorstellungen.

Zu diesen Vorstellungen gehören die üblichen, oben angedeuteten, die man von Wildnis hat (Natur als Gegenwelt). Wenn M. Holzherr schreibt, die Naturschützer meinen „nicht etwa, dass sie in diesem Gebiet eine bestimmte kulturell definierte und bedingte Form der Wildnis erhalten wollen“, so will er damit entweder das Gegenteil behaupten, nämlich daß die Naturschützer die unbeeinflußbare Natur nicht wegen dieser Vorstellungen erhalten wollen, oder aber er will sagen, daß sie sie nicht wegen dieser Vorstellung wollen sollen. Wahrscheinlich meint er hauptsächlich letzteres. Die Naturschützer sollen die unbeeinflußte Natur nicht wegen bestimmter kulturell bedingter Vorstellungen zu erhalten versuchen bzw. in den geschützten Gebieten nicht eine bestimmte Form von Wildnis, die kulturell bedingt ist (etwa: Wildnis, die sich als Gegenwelt zur jeweiligen Kultur besonders eignet) zu erhalten versuchen. Sondern sie sollen so etwas wie die Natur an sich erhalten wollen, so wie sie physisch ist, und dies einfach deshalb, weil sie Natur ist, nicht wegen bestimmter Wünsche, die die Menschen an sie haben, und vor allem die Vorstellungen einer bestimmten – unserer – Kultur, haben keine Rolle zu spielen. Es hat z. B. nicht relevant zu sein, was die Bewohner der Wildnis, die wilden Tiere, in dieser Kultur symbolisieren. Ein Wolf ist ein Wolf, egal, ob er nun kulturell bedingt als reißendes Raubtier gilt oder als harmloses, scheues, schützenswertes Wesen.

Letzteres ist zwar auch richtig, nur geht es darum beim Schutz von Wildnis nicht (sondern, jedenfalls unter anderem, beim Artenschutz). Und wenn man nicht Wildnis schützen will, sondern von Menschen unbeeinflußte Gebiete ist ihrem physischen Bestand, dann wäre doch zu fragen, warum man gerade das will und ob dahinter nicht auch eine bestimmte kulturell bedingte und nur aus den Besonderheiten bestimmter Kulturen heraus verständliche Haltung steckt. Auch wenn es explizit nur um Physisches geht – die Dinge der Natur oder „die Natur“ werden nicht oder nicht nur als physische geschätzt (d. h. wegen physischer Wirkungen, wie sie insbesondere die Ökologie beschreibt[4]), sondern weil ihnen Bedeutungen anderer Art zugeschrieben werden, und für diese kulturellen Bedeutungen kann wichtig sein, daß die Natur als physische, d. h. als das, was sie „wirklich“ ist, gilt.

Ich will zeigen, daß hinter den so vehement vorgetragenen Bekenntnissen, es ginge nicht um kulturbedingte Vorlieben (und damit doch letzten Endes wieder um „den Menschen“, mehr noch: bloß um bestimmte Gruppen von Menschen und deren zeit- und ortsbedingte Vorlieben), sondern um „die Natur selbst“, eine Auffassung von Natur und Naturschutz steckt, die religiöser Art ist (darum die Überschrift dieses Artikels). Nicht gerade unerwartet behauptet man, wie es so viele Religionen tun, kulturunabhängig zu sein, vielmehr allgemeingültige und ewige Wahrheiten auszusprechen. Das trifft gewiß auf viele dieser Glaubensaussagen zu, doch bezweifle ich, daß es auch auf die der neuen Natur(schützer)-Religion zutrifft.

 

Daß es sich bei jener Auffassung um eine religiöse handelt, bestätigt M. Holzherr selbst: „Diese Welt“ – d. h. die vom Menschen nicht oder kaum beeinflußte Natur, „aus der der Mensch hervorgegangen“ ist –, hat ihr eigenes Existenzrecht“. (Wohlgemerkt: Von „der Natur“ wird das gesagt, nicht etwa von einzelnen Lebewesen.)

Denn wie muß man die Natur denken, damit man ihr derartiges zuschreiben kann? Man muß der Natur Subjekteigenschaften andichten. „Die Natur“, also das allumfassende Ganze, dem wir entstammen, irgendwie auch noch angehören oder dies wenigstens sollen, muß etwas wollen; man muß ihr irgendeine Art von Interesse zuschreiben können, und das ist nur für etwas Subjektartiges möglich. Zumindest muß die Natur ein Interesse daran haben, zu existieren, sonst gäbe es keinen Sinn, ihr ein Recht auf Existenz zuzusprechen. Wie das aber möglich sein soll, kann keiner sagen. Was „will“ denn die Natur? Will sie tatsächlich so sein, wie sie vor den Menschen war? Oder will sie an dieser Stelle vielleicht lieber eine Wiese sein und nicht ein Wald? Dazu bräuchte es aber Menschen, die sie mähen. Ein Wiesenbrüter hat dazu sicher eine ganz andere Meinung als ein Baumbrüter. Doch um die geht es gar nicht, sondern um die Natur. – Das sollte eigentlich genügen, um die Sinnlosigkeit der ganzen Diskussion um das „eigene Existenzrecht“ „der Natur“ erkennbar zu machen. Es handelt sich um ein religiöses Bekenntnis, das mit manchen anderen religiösen Bekenntnissen die Unverständlichkeit und Sinnlosigkeit gemeinsam hat, aber dem Bekennenden offenbar ein gutes Gefühl gibt – nicht zuletzt das Gefühl, zu den Guten zu gehören. Wer aus beispielsweise ökonomischen Überlegungen zu den gleichen Folgerungen im Hinblick auf den Naturschutz kommt wie einer, der vom „eigenen Existenzrecht“ „der Natur“ ausgeht, wird – das kennt jeder, der mit Naturschützern verkehrt – von den Rechtgläubigen als nicht so richtig dazugehörig angesehen; er handelt aus niederen Beweggründen.

Warum nenne ich dieses Bekenntnis zum „eigenen Existenzrecht“ „der Natur“ religiös? Man glaubt an ein übernatürliches Wesen, eben an etwas, das man „die Natur“ nennt das und etwas Allumfassendes ist und etwas, das alles hervorgebracht hat, sogar das, was selbst gar nicht Natur ist oder sich das wenigstens einbildet („aus der der Mensch hervorgegangen“ ist) – und der Interessen hat; denn das ist ja eine Voraussetzung dafür, daß die Natur ein Existenzrecht, genauer das Recht, vom Menschen unbeeinflußt zu existieren, haben kann.

Nun läßt sich die Auffassung, daß man die Natur (das Wort verstanden etwa im aristotelischen Sinn: alles, was seine Existenz und seine Form nicht dem Menschen verdankt) nicht verändern darf, zumindest nicht ohne Not, auch anders begründen (als religiöse Auffassung; eine nicht-religiöse Begründung zumindest des Verbots derjenigen Veränderungen, die man Zerstörungen nennt, ist auch möglich[5]). Auch das findet man unter Naturschützern, wenn auch seltener. Man ist hier insofern weniger naiv, als man weiß, daß die eigene Haltung religiös ist, während diejenigen, die vom „eigenen Existenzrecht“ der Natur, von ihrem „Eigenwert“, von „intrinsischem Wert“ usw. reden, das in der Regel empört von sich weisen würden.

Diese bewußt religiöse Begründung geht so: Man denkt sich einen persönlichen Gott. Dieser Gott hat die Natur erschaffen. Er hat sie in der Besonderheit geschaffen, wie sie nun vor und um uns liegt, und er hätte das nicht getan, wenn er sie nicht genau so, in dieser Besonderheit, gewollt hätte. Seinem Willen zu folgen heißt darum, sie so zu erhalten, wie er sie erschaffen hat. Das nennt man „Bewahrung der Schöpfung“.

Zwischen den beiden Auffassungen besteht ein wichtiger Unterschied im Hinblick auf ihre Begründbarkeit. Die letztgenannte, explizit religiöse Auffassung ist wissenschaftlich möglich. Zwar läßt sich, wie man in nach-rationalistischen Zeiten wissen kann, nicht beweisen, daß es einen oder diesen Gott gibt, aber auch nicht widerlegen. Man kann es darum annehmen, und dann ist der Rest ohne Widerspruch denkbar. Das heißt nicht, daß dieser Rest ohne Schwierigkeiten wäre. Man muß insbesondere dann ja fragen, was denn die Aufgabe des Menschen sei, der ja auch, und zwar als freies Wesen, gottgewollt ist und von dem sich kaum behaupten läßt, er habe nicht den Auftrag, etwas aus sich zu machen. Und da wirkt die Antwort, er habe die Natur so sein zu lassen, wie er sie vorgefunden hat, wenig überzeugend. Deshalb wurde denn auch von diesem religiösen Ausgangspunkt aus diese Antwort relativ selten gegeben, man sah die Aufgabe vielmehr meist in der Kultivierung der Natur, der äußeren wie der inneren[6]. Auch in den Teilen des Naturschutzes, in denen man von diesem Ausgangspunkt aus dachte, war das so, damit im typischen Naturschutz zu seiner Entstehungszeit im späten 19. Jahrhundert. Darum hatte er im wesentlichen die Bewahrung der Kulturlandschaft und nicht unberührte Natur zum Ziel.

Die typische heutige Natur-Religion, wie sie in M. Holzherrs Formulierung steckt, ist demgegenüber ein seltsames Mischgebilde, das in heillose Widersprüche verstrickt ist. Warum, und wo kommt sie her? Wichtig ist festzuhalten, daß es sich nicht um die bekannte romantische Naturreligiosität handelt – auch wenn es die unter Naturschützern natürlich auch gibt. Für die Romantiker gab es die Natur an sich im Grunde nicht. Wenn sie von Natur sprachen, war immer etwas gemeint, das den künstlerischen Blick zur Voraussetzung hat, etwas, das eigentlich als Lebendiges erst entsteht, wenn es von diesem belebenden Blick getroffen wird – einem Blick, den freilich nur der haben kann, der sich der allumfassenden Natur, wie sie ohne ihn ist, schauend hingibt, sie nicht zu distanzieren und zu beherrschen versucht.[7] Die typische heutige Natur-Religion, für die die Natur nicht Schöpfung eines Gottes ist, der jenseits der Natur steht, sondern selbst Ursprung und Schöpfer von allem, ist jüngeren Datums als die Romantik, auch wenn es teilweise ähnliche Gedanken schon lange gibt, schon seit der Antike. Diese Religion verdankt sich der Lebensphilosophie.

Vor dieser war – ob nun in Form von Religionen oder in Form der idealistischen Philosophie – der „Geist“ das Höchste. Er hatte die Welt hervorgebracht, er hatte das Leben erschaffen, und nach ihm sollte alles Leben streben, in ihm sich vollenden. Nun aber wurde „das Leben“ zum obersten Prinzip.[8] Die ganze Natur wurde nach dem Prinzip des Lebens gedacht: ein einziges Über-Lebewesen, das etwas will, das als die große Mutter uns hervorgebracht hat und das von uns fordert, dies zu tun und jenes zu lassen, das wir lieben und fürchten sollen, das von uns bedroht werden kann und das ein Eigenrecht hat. Und der Geist ist vom Leben hervorgebracht und nur noch dazu da, dem Leben zu dienen. Das, was vorher das Göttliche war, wird nun in das verlagert, was vorher nur Hervorbringung dieses Göttlichen war und für sich nichts wert: die Natur. Sie muß man verehren und respektieren und man muß ihr dienen, muß ihr zu Willen sein. Nur: was will sie denn?

Das sieht man ihr an, so glaubte man, wenn man sie mit den Augen des Lebenswissenschaftlers, des Biologen betrachtet: Die Natur, die lebende Natur, will leben. Das bedeutet, sie will wachsen, sich vermehren, will anderes Leben überwältigen, sie ist Wille zur Macht. Dieser Wille ist maßlos. Denn der „Geist“, vor dem er sich vorher zu rechtfertigen hatte und der ihm sein Maß setzte, ist ja nun zum ausführenden Organ des Lebens, also dieses Willens verkümmert. Aber dieser Wille, als höchstes Prinzip genommen, will so gar nicht zu der in eben diesem Denken nicht weniger notwendigen Vorstellung der uns gebärenden, bergenden und versorgenden Natur als Über-Organismus passen. Es hilft eben nichts: Wenn man die das Handeln beurteilende Instanz, die wertsetzende Instanz, Gott also (später sagte man dazu Vernunft oder Geist), mit dem, was für sich keinen Wert hat, sondern eben „nur Natur“ ist, in eins zusammenfallen läßt, dann gerät man in heillose Widersprüche.

 

[1] Ausführlich dazu siehe die Einleitung in „Vieldeutige Natur – Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene“ (Hrsg. Th. Kirchhoff und L. Trepl) 

[2] Siehe z. B. Schwarzer, M. (2007): Wald und Hochgebirge als Idealtypen von Wildnis. Eine kulturhistorische und phänomenologische Untersuchung vor dem Hintergrund der Wildnisdebatte in Naturschutz und Landschaftsplanung,

und

Praxenthaler, Judith (1996): Wildnis. Vom Ort des Schreckens zum Ort der Sehnsucht nach Vergöttlichung. Die Idee der Wildnis vor dem Hintergrund der Veränderungen des Naturverständnisses in der Neuzeit.

[3] In Kommentaren zu dem Artikel von Jürgen Gerdes hier im Landschaft-und-Ökologie-Blog habe ich dazu Beispiele gebracht.

[4] M. Holzherr bringt, wie unter Naturschützern üblich, auch Begründungen für seine Auffassung von der Notwendigkeit des Schutzes großer Gebiete vor jeder Beeinflussung durch Menschen, die dem Anspruch nach ökologisch sind. Sie ist nicht haltbar, und es würde ihr auch kaum ein Ökologie zustimmen. Man könnte zeigen, daß auch die vermeintlich naturwissenschaftliche Begründung einen religiösen Hintergrund hat.

[5] Einige Andeutungen dazu habe ich in dem Blogbeitrag „Kant und der Tierschutz“ gemacht.

[6] Siehe “Wilde Träume

[7] Siehe Kapitel Romantik in meinem Buch „Die Idee der Landschaft“ (2012) 

[8] Siehe dazu z. B. Herbert Schnädelbach (1983): Philosophie in Deutschland 1831-1933, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

 

 

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Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

26 Kommentare

  1. Bestätigen

    … Sie so nicht die Aussagen Herrn Trepls?:

    Um die letzten Reste von Urwald auf der Erde zu erhalten braucht es mehr als nur lokale Entscheidungen. Es braucht Entscheidungen, die überall auf der Welt Einfluss haben. Andernfalls geht alles seinen Lauf, weil lokale, kurzfristige Interessen über langfristige obsiegen.

    Also bspw. was Ihre und die Bindung anderer an den ‘Urwald’ betrifft?

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. @Martin Holzherr: Argumente

    Die heute vorhandenen 10’000 bis 40’000 Atomwaffen könnten bei gleichzeitiger Detonation zu einem nuklearen Winter führen, der mit grosser Wahrscheinlichkeit die gesamte Menscheit und die meisten höheren Tiere vernichten würde. Mit der Begrenzung auf insgesamt einige hundert Nuklearwaffen wäre diese Gefahr gebannt.

    Das würde ja zu überlebenden Menschen führen. Läge hierin nicht ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz?

  3. @Dr. Webbaer Ausführungen

    Sie schreiben: “Bitte so nett sein und bestmöglich und punktgenau widersprechen”

    Ich widerspreche Herrn Trepl im von ihnen angeführten Zitat nicht in der Sache, sondern nur was die Rolle von Entscheidungen auf globaler Ebene angeht. Herr Trepl ist bis jetzt mit seiner Vision der menschengestalteten Landschaften immer von allgemein angenommen Wünschen der Menschen ausgegangen und er meint mit Es “kommt immer anders” wahrscheinlich auch, dass sich diese allgmein angenommenen Wünsche über lokale Entscheidungen durchsetzen werden – auch gegen Vorstellungen wie die Welt insgesamt aussehen oder erhalten bleiben sollte. Das hätte dann z.B. längerfristig zur Folge, dass der Amazonas-Urwald verschwinden würde, weil Brasilien auf ähnliche Weise umgestaltet werden würde wie das in Europa geschah.

    Ein Beispiel:
    Um die letzten Reste von Urwald auf der Erde zu erhalten braucht es mehr als nur lokale Entscheidungen. Es braucht Entscheidungen, die überall auf der Welt Einfluss haben. Andernfalls geht alles seinen Lauf, weil lokale, kurzfristige Interessen über langfristige obsiegen.

  4. @Ano Nym: Seltsame Vorschläge

    Sie schreiben: “Um die Kurve zu kriegen, möchte ich noch ergänzen, dass es bei der Debatte um die Iranische Atomrüstung weder darum geht, ob der Iran sich von Israels Atomwaffen abschrecken lässt oder darum, wie man erreicht, dass ‚der Mensch‘ nur sich, aber nicht auch noch den Rest der Biosphäre vom Planeten fegt. “

    Beim Vorschlag die weltweit verfügbare Anzahl von Atomwaffen zu begrenzen geht es nicht darum (Zitat) ” wie man erreicht, dass ‚der Mensch‘ nur sich, aber nicht auch noch den Rest der Biosphäre vom Planeten fegt.”, sondern schlicht darum, wie man die Wirkung eines globalen Atomkriegs so begrenzt,dass einige Menschen einen Atomkrieg überstehen. Die heute vorhandenen 10’000 bis 40’000 Atomwaffen könnten bei gleichzeitiger Detonation zu einem nuklearen Winter führen, der mit grosser Wahrscheinlichkeit die gesamte Menscheit und die meisten höheren Tiere vernichten würde. Mit der Begrenzung auf insgesamt einige hundert Nuklearwaffen wäre diese Gefahr gebannt.

    Zur iranischen Atombombe: Sie schreiben (Zitat)“Aus Sicht des Westens geht es in jener Debatte schlicht darum, wie man begründet, dass man dem Iran die schlagensten Argumente für die Durchsetzung seiner Interessen gerade nicht zugesteht.”

    Wenn sie damit meinen, dass Macht mehr zählt als Argumente, dann haben sie recht. Die ersten Atomstaaten USA und USSR/Ruslland wollen sicher die Verbreitung von Atomwaffen auch aus machtpolitischen Gründen verhindern Allerdings ist die Weiterverbreitung von Atomwaffen auch aus Sicht der gesamten Menscheit nicht wünschenswert.

    Gegen die Atomrüstung des Iran spricht allerdings einiges: Nicht nur der Westen, auch Irans arabische Nachbarn (Iran ist selbst ja kein arabischer Staat) haben vor einem atomar aufgerüsteten Iran Angst und die Entscheidung Saudi-Arabiens, einige Atomreaktoren zu bauen hat wahrscheinlich nicht rein energetische Gründe sondern ist auch eine Reaktion auf den wahrgenommenene Versuch Irans an Atomwaffen zu kommen. Dann kommt noch die Rhetorik einiger iranischer Politiker dazu: von der angedrohten Vernichtung Israls bis zum Sperren der Strasse von Hormuz.
    Ob es gerecht oder ungerecht ist, Iran von Atomwaffen abzuhalten, spielt da keine grosse Rolle mehr.

  5. Ausführungen

    @Holzi

    Wir sind wirklich in einer neuen Ära angekommen: der Ära des globalen Dorfes. Wenn es trotz Vereinbarungen (Zitat)”immer anders kommen” würde, könnte es passieren, dass es schon bald die Menschheit nicht mehr gibt. Es “kommt immer anders”” könnte dann niemand mehr sagen – weder mit stiller Befriedigung noch mit Bedauern.

    Bitte so nett sein und bestmöglich und punktgenau widersprechen, Sie werden ja gerne gelesen, aber so ist nicht klar, was das soll.

    Herr Trepl hat nachvollziehbar vorgetragen und dieser Leser wüsste schon gerne woran Sie sich genau reiben.

    MFG
    Dr. Webbaer

  6. @Ludwig Trepl: Es kommt immer anders!

    Aussagen mit dem Wort “Menschheit” oder stellvertreted dem Wort “Wir” kommen recht häufig vor und müssen hinterfragt werden weil es ja ein handelndes Subjekt “Menschheit” nicht gibt wie sie richtig schreiben in “Die ist kein Subjekt, das Entscheidungen treffen kann;”

    Zum Glück (wenn es auch ungerecht sein mag) entscheiden oft ein paar wenige mächtige Länder über Dinge, die die ganze Menscheit betreffen und nur diese mächtigen Länder müssen eine bestimmte Maxime befolgen oder eine Vereinbarung einhalten um ein Ziel zu erreichen, das alle betrifft. Wäre das nicht so, würde folgendes immer eintreffen: (Zitat)“Es kommt doch immer anders” und das wäre katastrophal, denn in diesem Fall wären folgende Ziele nie erreichbar:
    – Schutz der Wale vor Ausrottung (Walfangnationen müssen mitmachen)
    – Begrenzung der Treibhausgasemissionen (China,USA,Indien,Europa als Vertragspartner genügen)
    – Nichtproliferation von Atomwaffen (Kann von den Grossmächten durchgesetzt werden)
    – Elimination der Pocken, Masern, Malaria (Diese Krankheiten können von der WHO eliminiert (Pocken wurden schon eliminiert) werden, wenn alle Länder mitmachen

    Die Aktivitäten von 7 Milliarden Menschen und von Millionen von Firmen haben schnell einmal globale Auswirkungen, betreffen also alle Menschen. Um schlimmes zu vermeiden braucht es auch global wirksame Anstrengungen. Doch oft genügen Vereinbarungen zwischen Grossmächten oder zwischen Parteien in Schlüsselpositionen.
    Geklappt hat ein globales Vorgehen bereits beim völkerrechtlich verbindlichen Protokoll über “Stoffe, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen” (dem sogenannten Montreal-Protokoll).

    Wir sind wirklich in einer neuen Ära angekommen: der Ära des globalen Dorfes. Wenn es trotz Vereinbarungen (Zitat)“immer anders kommen” würde, könnte es passieren, dass es schon bald die Menschheit nicht mehr gibt. Es “kommt immer anders”” könnte dann niemand mehr sagen – weder mit stiller Befriedigung noch mit Bedauern.

  7. @ Martin Holzherr wilderness and sing…

    Das stimmt ja alles (Wenn man einmal von dem Satz absieht „Letzlich ist es unsere Entscheidung in welcher Zukunft wir leben werden.“ „Wir“ ist die Menschheit. Die ist kein Subjekt, das Entscheidungen treffen kann; und selbst wenn sie es könnte, wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der die Menschheit als Ganze ihre Zukunft planen könnte wie ein einzelner Mensch: Es kommt doch immer anders.)
    Doch auch wenn es stimmt, so gilt nach wie vor: Daraus ergibt sich kein Argument dafür, daß man Gebiete mit unberührter Natur erhalten soll.

    Aber schließen Sie jetzt bloß nicht wieder daraus, daß ich gegen die Erhaltung von Gebieten mit unberührter Natur wäre!

  8. @ Martin Holzherr (weiter oben)

    1. Die barocke Stiftskirche in St. Gallen hat auch für mich weniger Wert als der Amazonasregenwald. Aber wenn der Regenwald gegen die Kunst der Fuge (alle Noten und Aufnahmen könnten vernichtet werden und niemand kann sie auswendig) stünde, dann käme ich doch ins Grübeln.

    2. Ich könnte auch sagen: Für mich haben die Arten und haben bestimmte Wildnisgebiete (und Kulturlandschaften) einen Eigenwert in folgendem Sinn: Sie sollten nicht deshalb erhalten werden, weil sie einen ökonomischen Wert haben oder weil sie für uns (was die allermeisten Arten und Wildnisgebiete nicht haben) irgendeine ökologische Funktion erfüllen, und auch nicht, weil ich ein Vergnügen daran hatte; sie sollten nämlich auch erhalten bleiben, wenn auch nicht mehr lebe. Aber: Dieser „Eigenwert“ ist ein Kulturwert – so wie für einen Angehörigen einer bestimmten Religion ein bestimmtes heiliges Tier einen Eigenwert hat, d. h. einen Wert, der sich nicht aus einem Nutzen ergibt. Und es ist ein Wert für mich. Die Ethiker reden manchmal von „inhärentem Wert“; für mich sind sie nicht durch etwas zu ersetzen, was die gleiche Funktion erfüllt.
    Worauf Sie hinauswollen, scheint mir, daß dieser Eigenwert im Falle der Arten und der unberührten Gebiete von allgemeiner Geltung ist, daß es ein objektiver Wert ist. Etwas kann in einer bestimmten Kultur als Kulturwert formuliert worden sein, aber doch mit allgemeinem Anspruch (die monotheistischen Religionen tun das immerzu: nicht für uns dieser Feiertag heilig, sondern er ist objektiv heilig, und die Angehörigen anderer Religionen, die das bestreiten, sind im Irrtum).
    Die entscheidende Frage ist, ob dieser allgemeine Anspruch, der mit einem bestimmten Kulturwert (im Sinne von: in einer bestimmten Kultur formulierter Wert) verbunden ist, zu Recht besteht. Wir sind sicher beide der Meinung, daß das in unserer Kultur formulierte Verbot des Ehrenmordes zu Recht Anspruch darauf erhebt, ein allgemeines Gesetz zu werden, und das läßt sich vernünftig begründen. Das müßten Sie im Falle der Arten und der Naturgebiete auch hinbekommen. Aber ich kann nicht sehen, wie das gelingen könnte. Wenn nicht, müssen Sie beim „für mich“ bleiben und müssen das „für mich ist es anders“ der anderen (de allermeisten anderen, weltweit gesehen) respektieren; andernfalls wären die im Recht, die meinen, man dürfe Angehörige anderer Religionen verfolgen, weil sie das Feiertagsgebot nicht halten.

    Im Übrigen: in dem Kommentar, auf den ich mich im Artikel beziehe, haben Sie nicht vom Eigenwert, sondern vom Eigenrecht der Natur gesprochen. Nur das habe ich als religiös bezeichnet. Beim Eigenwert ist es komplizierter.

    3. „Heute kann die Menschheit im Extremfall die ganze Erde in eine Betonwüste verwandeln“. Richtig, sogar in eine völlig leblose Wüste. Aber das ist kein Argument dafür, daß man Gebiete mit unberührter Natur erhalten soll.

  9. wilderness and singularity

    Das natürliche Erbe der Menschheit wird umso wichtiger je mehr wir in eine neue Epoche aufbrechen, in der der Mensch seine Umwelt gänzlich umgestalten kann und zwar nicht nur lokal sondern mit globalen Auswirkungen. Disruptive Technologie wird eine neue Ära, beginnend mit der technologischen Singularität, anbrechen lassen, in der dem Menschen das Zepter durch eine von ihm selbst geschaffene Superintelligenz aus der Hand gerissen wird. Diese von den Singularisten und Transhumanisten vertretene These mag abstrus sein, doch sie hat einen wahren Kern: Schon jetzt ist eine neue Epoche angebrochen, in der der Mensch plötzlich übermächtige Werkzeuge in der Hand hält. So könnte er sich auf immer vielfältigere Weise selbst auslöschen, sei es durch einen Atomkrieg oder durch selbst geschaffene Krankheitserreger. Der Phantasie sind immer weniger Grenzen gesetzt.

    Das sind aber nur Extremszenarien und es gibt viel realere Entwicklungen, die uns aufzeigen, dass der Mensch seine Umwelt auf globaler Skala radikal verändern kann und es auch schon tut. Die Gefahr eines Ausfischens der Meere wäre vor 50 Jahren noch Thema einer Science Fiction Story gewesen, heute ist diese Gefahr real. Auch der Klimawandel zeigt uns auf, dass der Mensch einen globalen Einfluss erhalten hat, der bis zu globalen geochemischen Veränderungen reicht. Deshalb wurde der Term Anthropozän für unser Zeitalter gewählt um damit auszudrücken, dass wir von der Umwelt zur Unswelt fortschreiten.

    Wir übernehmen also gezwungermassen Verantwortung für das Schicksal unserer gesamten Umwelt, die jetzt die Unswelt ist. Der alte Modus sich nur nach den aktuellen Bedürfnissen zu richten und von der Natur das übrigzulassen, was uns nicht stört, muss in diesem Kontext hinterfragt werden, denn viele Änderungen, die wir vornehmen sind definitiv und irreversibel. Von aussen betrachtet sind wir jetzt mitten in einem Massenextinktionsereignis, von denen es in einem Zeitraum von 500 Millionen Jahren weniger als 10 gab. Über das heutige liest man: “Die gegenwärtige Aussterbewelle wird durch den Menschen verursacht und begann vor ca. 8.000 Jahren im Holozän. Sie hält bis zum heutigen Tag an und beschleunigt sich dabei. … Eine richtige Aussterbeflut brachte jedoch das Zeitalter der Entdeckungen ab ca. 1500, als Europäer andere Kontinente besiedelten, vermeintliche Schädlinge ausrotteten und Neozoen einschleppten (Ratten, Füchse, Schweine), denen die einheimische Fauna nur schwer gewachsen war.”

    Offensichtlich gibt es auch ein Leben für uns mitten im Sterben, das wir verursachen. Das vom Menschen verursachte Massensterben, verursacht vor allem durch den Habitatverlust für viele Lebewesen, muss den Menschen nicht unbedingt selbst gefährden – wobei wir uns in diesem Punkt aber nicht einmal so sicher sein können. Letzlich ist es unsere Entscheidung in welcher Zukunft wir leben werden. Irreversible Änderungen in der Umwelt können für den Menschen gut sein, wenn er beispielsweise Krankheiten wie die Polio oder die Malaria eliminiert. Die meisten irreversiblen Änderungen, die wir jetzt aber verursachen, sind gar nicht gewollt, sondern sie ergeben sich durch Unachtsamkeit und kurzfristiges Denken. Davon – vom kurzfristigen Denken – müssen wir wegkommen.

  10. @Martin Holzherr: Seltsame Vorschläge

    Trotzdem wird durch den zitierten Bericht meine These sehr stark gestützt, dass die Abschreckung durch Atomwaffen auch versagen kann, liest man doch:
    “Im Februar hatte Forghani in einem in den regimetreuen Medien veröffentlichten Traktat die Zerstörung Israels und einen vorbeugenden Militärschlag gegen den jüdischen Staat gefordert.”

    Hier empfiehlt also ein iranischer Berater Khameineis die Zerstörung eines Atomstaates, denn kaum jemand wird bezweifeln, dass Israel Atomwaffen besitzt.

    Die Aussage, dass Isreal Atomwaffen besitzt ist nicht erweislich wahr. Mir ist kein einziger isreaelischer Atomwaffentest bekannt und auch von einem Institut der ‚nuklearen Teilhabe‘ in Bezug auf Isreal habe ich noch nichts gehört. Dass diese „Politik der atomaren Zweideutigkeit“ weniger beeindruckt, als eine, die dem Gegner die Anzahl und die Zielkoordinaten seiner Sprengköpfe mitteilt, überrascht mich jedenfalls nicht.

    Um die Kurve zu kriegen, möchte ich noch ergänzen, dass es bei der Debatte um die Iranische Atomrüstung weder darum geht, ob der Iran sich von Israels Atomwaffen abschrecken lässt oder darum, wie man erreicht, dass ‚der Mensch‘ nur sich, aber nicht auch noch den Rest der Biosphäre vom Planeten fegt. Aus Sicht des Westens geht es in jener Debatte schlicht darum, wie man begründet, dass man dem Iran die schlagensten Argumente für die Durchsetzung seiner Interessen gerade nicht zugesteht. Einen Software-Angriff auf eine ihrer Urananreicherungsanlagen hätten sich die USA jedenfalls nicht gefallen lassen (Stichworte „Stuxnet“ und „Hackerangriff wird Kriegsgrund“)

  11. @Ano Nym: Abschreckung wirkt, aberGenug?

    Die jüngste Initiative Obamas für eine nukleare Abrüstung aber auch die Bemühungen die Proliferation einzuschränken stellen nicht in Frage, dass die Abschreckungstheorie tatsächlich Wirkung entfaltet – Israel hat vielleicht tatsächlich davon profitiert – sondern sie gehen davon aus, dass ein Restrisiko für den Einsatz von Atomwaffen weiterhin besteht. Zudem wird dieses Restrisiko eher grösser wenn es mehr Atommächte gibt und diese auch noch ganz unterschiedliche Motivationen und Einstellungen zu Atomwaffen haben. Gänzlich unkalkulierbar wird das Ganze, wenn auch noch Terrorgruppen mitmischen.

    Technologien mit extremem Schadenspotential haben das Restrisiko gemeinsam. Schon bei AKW’s wird dieses von vielen als zu hoch eingeschätzt. Ein Nuklearkrieg mit katastrophalen globalen Auswirkungen mag extrem unwahrscheinlich sein, doch auch ein kleines Restrisiko ist kaum akzeptierbar. Schon etwas besser wäre die Situation wenn die Anzahl der weltweit verfügbaren Nuklearwaffen so ausgelegt wäre, dass eine jahrelange globale Abkühlung – ein nuklearer Winter – als Folge eines nuklearen Krieges nicht mehr möglich wäre.

    Betreffend Forghani – dem Berater Khameinis – habe ich mich auf den folgenden und ähnliche Artikel Forghani: “Islamische Welt braucht Atombombe” bezogen.
    Tatsächlich wird von Forghani nicht erwogen, der Iran könnte Atomwaffen einsetzen, das war eine Fehlinterpretation von mir.
    Trotzdem wird durch den zitierten Bericht meine These sehr stark gestützt, dass die Abschreckung durch Atomwaffen auch versagen kann, liest man doch:
    “Im Februar hatte Forghani in einem in den regimetreuen Medien veröffentlichten Traktat die Zerstörung Israels und einen vorbeugenden Militärschlag gegen den jüdischen Staat gefordert.”

    Hier empfiehlt also ein iranischer Berater Khameineis die Zerstörung eines Atomstaates, denn kaum jemand wird bezweifeln, dass Israel Atomwaffen besitzt. Damit riskiert dieser Berater einen möglicherweise atomaren Gegenschlag, denn Israel besitzt die Atomwaffen ja genau deshalb, weil es mit ihrem Einsatz einer vollständigen Zerstörung entgehen will.

    Dies unterstützt meine These, dass die Abschreckung durchaus versagen kann.
    Und was versagen kann, versagt erfahrungsgemäss auch irgendwann.

  12. @Martin Holzherr: Weiter im Text

    Schön, dass Sie meinen Eindruck, der mich nach dem Lesen Ihres ersten Kommentars beschlich, bestätigen konnten. Wir wissen also jetzt, dass der Iraner – entgegen dem von der hiesigen Presse verbreiteten Bild – ebenfalls gerne zum Ethiker wird, so ähnlich also wie der Papst oder der Bundespräsident.

    Ich zitiere Sie:

    Heute wäre es beispielsweise ein leichtes einen weltweiten Atomkrieg auszulösen und damit möglicherweise die Menscheit zu vernichten. Es gilt aber als unethisch dies zu tun“

    Wenn es nun sowohl im Westen als auch beim iranischen Führer gleichermaßen als unethisch gilt, einen weltweiten Atomkrieg auszulösen, wo worin besteht nun Ihrer Meinung nach dann das Problem mit einer zukünftigen atomaren Bewaffnung Irans?

    Ist es vielleicht so, dass Sie der Wirkmacht dieser Ethik gar nicht trauen?

    Besteht das Problem etwa darin, dass lokale atomare Kriege nicht als unethisch gelten (Hiroshima, Nagasaki 1945) oder dass es “auch” im Iran nicht ausgeschlossen ist, dass dort mal einer wie Harry S. Truman die Entscheidungen treffen könnte?

    So jedenfalls relativieren Sie selbst die behauptete Wirkmacht der Ethik indem Sie behaupten:

    Allerdings wurde – ebenfalls religiös motiviert – von iranischer Seite (von Forghani) auch begründet warum es Atomwaffen brauche und warum es diese eventuell auch einsetzen werden.

    Das “Allerdings” relativiert das diesem Satz vorausgegangene Bekenntnis Khameneis, der Iran wolle nur die Atomenergie nutzen, aber keine Atomwaffen besitzen. Sie zitieren nun:

    Und weiter: “Der Besitz einer Atombombe ist unser Recht.

    Das ist eine zutreffende Aussage.

    Israel wäre schon vor 30 Jahren komplett zerstört worden”, es habe aber überlebt, weil es Atomwaffen besitze.

    Was ist das denn anderes als die Bestätigung der “AbschreckungsTHEORIE”?

    Mit keinem Wort begründet Forghani explizit – entgegen Ihrer Behauptung –, warum die iranische Seite die Atomwaffen „eventuell auch einsetzen“ werde. (Das folgt nur implizit aus dem Besitz).

  13. @M.C. Meinardus: Nicht Begriffe, Inhalte

    @M.C. Meinardus: Nicht Begriffe, Inhalte

    Es geht nicht um die richtigen Begriffe für Wildnis+Natur, sondern um die Zukunft der Erde und ihrer Bewohner.
    Sie scheinen ähnlich wie Ludwig Trepl die begriffliche Seite zu betonen: Wie L. Trepl ja zeigt sind „Natur“ (und „Wildnis“) nicht widerspruchsfreie Begriffe.”

    Sie wollen den Anschein erwecken, die Begriffe und Programme im Bereich Umwelt, Natur, Biodiversität, geschützte Zonen und Wildnis müssten zuerst noch erarbeitet und die empfohlenen und getroffenen Massnahmen demokratisch legitimiert werden. Doch das ist schon längst passiert.

    Wie unzählige Institutionen in Europa (auch Deutschland), sogar Bundesämter wie das Bundesamt für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit auf ihren Websites und in den von ihnen veröffentlichten Papieren sichbar machen, sind Themen wie Artenschutz, Biodiversität und auch Begriffe wie der “Eigenwert der Natur dort schon lange und stetig präsent. In ihrer Begrifflichkeit und in ihrem Denken teilen diese über ganz Europa verstreuten Institutionen viele ihrer Ziele und den gedanklichen Apparat. Und alle europäischen Einrichtungen sind wiederum über das United Nations Environment Programme und seine (unzähligen) Papiere begrifflich vernetzt.

    Das möchte ich hier mit einigen Zitaten belegen.
    Eigenwert der Natur erwähnt bei BMU
    Auf der BMU-Naturschutzseite liest man: “Trotz vielfacher nationaler und internationaler Gegenmaßnahmen schwindet die Biologische Vielfalt weltweit in dramatischem Ausmaß. Das ist nicht nur aufgrund des Eigenwertes der Natur Besorgnis erregend. Die Biodiversität ist auch Grundlage unserer Existenz.”

    Degradation der Umwelt als Zukunftsbürde, Eigenwert der Biodiversität
    Im UNEP-GEO4-Bericht liest man: “Continued environmental degradation in all regions is unfairly shifting burdens onto future generations, and contradicts the principle of intergenerational equity”
    und im Verzeichnis der relevanten Terme liest man
    “Intrinsic value: The value of someone or something in and for itself, irrespective of its utility for people.” und weiter liest man:
    It has been argued that a “global ethic” is required to address the problems of the 21st century (Singer 2002). The intrinsic value of species has also been recognized (IUCN and others 1991)” und an anderer Stelle:
    “In addition to the values of biodiversity for the supply of particular ecosystem services, biodiversity also has intrinsic value, independent from its functions and other benefits to people”

    Biodiversität als Erbe einer langen Enwicklung
    Im UNEP-GEO4-Bericht liest man:
    “Biodiversity has evolved over the last 3.8 billion years or so of the planet’s
    approximately 5 billion-year history. Although five major extinction events have
    been recorded over this period, the large number and variety of genes, species and
    ecosystems in existence today are the ones with which human societies have developed,
    and on which people depend.”

    Wildnis als vom Menschen kaum berührte Gebiete in UNEP
    Auf der UNEP-Seite Protected areas and wilderness werden arktisnahe Gebiete in Europa/Russland und Nordamerika als Wilderness areas in the arctic folgendermassen beschrieben (und zum Schutz empfohlen)
    “Wilderness areas in the Arctic, representing vast expanses of tundra and taiga that sees very little human disturbance and stress have been determined by an analysis prepared by the UN Environment Programme World Conservation Monitoring Centre in 2001. Overlaid with protected areas, this graphic highlights the areas that are currently not under International protection, and thus should be made a priority for conservation.”
    .Verankerung des Eigenwerts der Natur in der Bevölkerung
    Im Zeit-Artikel Wie man in Deutschland die Natur erlebt liest man:
    Alters- und weltanschauungsübergreifend meinen 91 Prozent der Bundesbürger, die „landschaftliche Schönheit und Eigenart unserer Heimat“ solle erhalten und behütet werden. 89 Prozent meinen, das Lebensrecht von Pflanzen und Tieren sei zu achten; dieser „Eigenwert“ der Natur ist jüngst im neuen Bundesnaturschutzgesetz erstmals verankert worden. und tatsächlich liest man in einem Kommentar zum neuen Bundesnaturgesetz
    “Natur erhält erstmals einen Eigenwert zugewiesen, d.h. sie wird jetzt auch um ihrer selbst wegen geschützt;”

    Fazit:
    – Der Eigenwert der Natur, die Biodiversität und der Artenschutz sind schon jahrelang etablierte Begriffe und haben sogar Niederschlag gefunden im Bundesnaturgesetz
    Wilderness ist im UNEP-Umfeld klar definiert als areas which are hardly touched by mankind
    – Noch bestehende Wildnisse (z.B: artkisnahe) werden von der UNEP als schützenswert ausgewiesen, es wird aber im UNEP-Umfeld wenig auf Wildnisentwicklung (segregativer Prozesschutz) eingegangen.

  14. nur am Rande notiert

    Wenn also Ali Khameine’i im August 2005 eine Fatwa erlassen hat (und den IAEA davon notifiziert hat), welche besagt, dass Herstellung und Gebrauch atomarer Waffen verboten sei, dann hat das grosse Bedeutung.

    Diese Fatwa gibt es nicht (wohl aber Taqiyya), und die Bärtigen müssen keineswegs inkompetent sein.

  15. Ano Nym @sogar

    Sie haben natürlich recht, dass der eingeklammerte Satzteil
    (sogar der iranische Ayatollah Ali Khameinei hält einen Atomkrieg für unethisch) im Satz

    Es gilt aber als unethisch dies zu tun (sogar der iranische Ayatollah Ali Khameinei hält einen Atomkrieg für unethisch).

    unpassend ist und durch (auch der iranische …) ersetzt werden müsse.

    Mit sogar wollte ich wohl andeuten, dass sogar Leute, denen man in der hiesigen Presse noch am ehesten das vom Zaunbrechen eines Atomkrieges zutraut, einen solchen prinzipiell ablehnen.

  16. @Martin Holzherr: Nachschlag

    Meine Kritik an Ihrer Ausführung

    „(sogar der iranische Ayatollah Ali Khameinei hält einen Atomkrieg für unethisch)“

    mache ich nicht am Ayatollah oder dessen Aussage fest, sondern an der Partikel „sogar“. Ich habe ein Problem mit der Form Ihres Arguments. Sie machen einen Anti-Experten zum Zeugen für das, für das Sie Stellung beziehen. Um zu illustrieren, was ich meine:

    Stellen Sie sich eine Debatte um die Einführung einer Reichensteuer vor. Ein Befürworter bringt nun folgendes Statement: ‚Sogar Klaus Zumwinkel hält die Reichensteuer
    für erforderlich.‘ (Verurteilter Steuerhinterzieher wird zum Zeugen für eine neue Steuer gemacht).

    Oder eine Debatte um die Einführung eines generellen Tempolimits auf Straßen, auf denen heute nur die Richtgeschwindigkeit 130 gilt. Ein Befürworter argumentiert nun: ‚Sogar Michael Schumacher befürwortet ein generelles Tempolimit’. (Schnellfahrer wird zum Zeugen für ein Tempolimit gemacht).

    Verstehen Sie, was ich meine?

    Es kann natürlich sein, dass ich Sie einfach nur missverstanden habe und dass Sie tatsächlich dort “auch” meinen, wo Sie “sogar” schrieben.

  17. @Ano Nym:EntscheiderNichtImmerKompetent

    Der iranische Ayatollah Ali Khameinei mag inkompetent sein – sowohl als Atomexperte als auch als Ethiker und moralische Autorität – er entscheidet aber als Supreme Leader of Iran und als “highest ranking political and religious authority” in welche Richtung sich der Iran bewegt und zwar gerade in Bezug auf ethische und Rechtsfragen. Zudem ist er der Oberkommandierende der Armee und kann über Krieg und Frieden befinden.
    Wenn also Ali Khameine’i im August 2005 eine Fatwa erlassen hat (und den IAEA davon notifiziert hat), welche besagt, dass Herstellung und Gebrauch atomarer Waffen verboten sei, dann hat das grosse Bedeutung. Nach meiner Einschätzung wird der Iran atomare Waffen erst herstellen , wenn es von Ali Khameine’i abgesegnet wurde – was allerdings nicht bedeutet, dass der Iran sich nicht schon mal darauf vorbereitet.

    Iran ist nur ein möglicher zukünftiger Atomstaat. Doch bei ihm zeigt sich, dass Entscheidungen über die Herstellung und Gründe für die Verwendung von Atomwaffen nicht unbedingt nach dem vom Westen favorisierten Modell der Abschreckung und der ganzen dazugehörigen Abschreckungstheorie ablaufen müssen.
    Andere zukünftige Atommächte können wieder andere Motivationen haben als sie beim Iran durchscheinen. Mit mehr Atommächten wird deshalb die Welt wohl nicht – wie sich das einige Abschreckungstheoretiker ausgemalt haben – sicherer .

    Henry Kissinger, Bill Perry, George Shultz and Sam Nunn (frühere Staatsmänner aus der Kalten-Krieg-Ära) haben sich deshalb in einem Wall Street Journal-Artikel besorgt über neu entstehende Nuklearmächte gezeigt und gefordert, dass die Welt nuklear abrüstet: “Only by a concerted effort to free the world of nuclear weapons could the terrifying trend be reversed”

  18. Naturideologie und Demokratie

    Eine interessante Frage wäre auch ob die m.E. sehr treffend beschriebene neue „Natur-Religion“ einer langfristig (besseren) Lebensqualität unserer Spezies wirklich dient… oder in der Praxis eher Opposition hervorruft?
    Wie L. Trepl ja zeigt sind „Natur“ (und „Wildnis“) nicht widerspruchsfreie Begriffe. Das zeigen ja auch wie gezeigt schon die „Gegensatzpaare“ Mensch-Natur, Technik-Natur, Gott-Natur, Zivilisation-Wildnis usw.
    Der Komplexität der Phänomene werden diese Begriffe somit nicht gerecht und verleiten offenbar gerade ja zu einem Natur-“Fundamentalismus”.
    Um Menschen bzw. Betroffene von bestimmten Verhaltensweisen abzubringen oder auch von Maßnahmen zur „Erhaltung“ von „Wildnis“ (pardon für das abgefälschte Eigentor)zu überzeugen sind wissenschaftlich untermauerte Zuknftsprojektionen, langfristige (!)ökonomische und auch ästhetische Argumente dienlicher. Der geduldige und transparente Dialog mit/zwischen den Betroffenen/Akteuren unter Teilnahme kompetenter Fachleute entspricht zudem auch dem demokratischen Selbstverständnis.

  19. @Martin Holzherr: Nachgefasst

    Meine Frage, warum in Ihrem Satz

    „(sogar der iranische Ayatollah Ali Khameinei hält einen Atomkrieg für unethisch)“

    eine erwiesenermaßen inkompetente Person bei Ihnen als Autorität durchgeht, haben Sie nicht beantwortet.

  20. Weltkulturerbe versus Naturerbe

    Ein Weltkulturerbe wie die
    barocke Stiftskirche St.Gallen (UNESCO-Weltkulturerbe seit 1983) hat für mich weniger Wert als z.B. die Erhaltung einer Vogelart wie des Rotkehlchens oder die Erhaltung des Amazona-Urwalds. Denn es geht um ganz andere Zeiträume. Unsere barocken Kirchen sind im Vergleich zu vielen Arten und natürlichen Lebensräumen in allerjüngster Vergangeheit enstanden. Zudem wären sie zur Not rekonstruierbar, was bei natürliche Lebensräume viel schwieriger oder gar unmöglich ist.

    Interessanterweise verleiht die UNESCO den Titel Welterbe (Zitat)“an Stätten, die sich aufgrund ihrer Einzigartigkeit und ihrer Authentizität dafür qualifizieren und die von den Staaten für diesen Titel vorgeschlagen werden” nicht nur an Kulturstätten sondern auch an Stätten, die als Weltnaturerbe gesehen werden. Dies wird von den Kriterien 7 bis 10 abgedeckt:

    7. Die Güter weisen überragende Naturerscheinungen oder Gebiete von außergewöhnlicher Naturschönheit und ästhetischer Bedeutung auf.
    8. Die Güter stellen außergewöhnliche Beispiele der Hauptstufen der Erdgeschichte dar, darunter der Entwicklung des Lebens, wesentlicher im Gang befindlicher geologischer Prozesse bei der Entwicklung von Landschaftsformen oder wesentlicher geomorphologischer oder physiogeografischer Merkmale.
    9. Die Güter stellen außergewöhnliche Beispiele bedeutender in Gang befindlicher ökologischer und biologischer Prozesse in der Evolution und Entwicklung von Land-, Süßwasser-, Küsten- und Meeres-Ökosystemen sowie Pflanzen- und Tiergemeinschaften dar.
    10. Die Güter enthalten die für die In-situ-Erhaltung der biologischen Vielfalt auf der Erde bedeutendsten und typischsten Lebensräume, einschließlich solcher, die bedrohte Arten enthalten, welche aus wissenschaftlichen Gründen oder ihrer Erhaltung wegen von außergewöhnlichem universellem Wert sind.”

    Das ist gut. Es stellt sich aber hier wieder das Problem des Zeitmasstabes. Naturerben existieren typsicherweise schon Jahrhunderte oder Jahrtausende und es genügen einige Jahrzehnte in denen die Regeln des Welterbes nicht wirken um die als Welterbe erklärten Gebiete zu zerstören. Zudem genügen ein paar geschützte Flecken – zu denen man vielleicht auch noch die Zoos zählt – nicht um die Natur zu erhalten. Dies gelingt nur, wenn grosse Gebiete ausgeschieden oder gar in mehreren Ländern liegende miteinander verbundene Gebiete erhalten werden.

  21. Irreversibler Verlust

    Naturerhaltung und Biodiversität werden zwar immer damit begründet, dass sie für den Menschen wichtig seien, doch für mich haben sie auch einen Eigenwert.
    Wenn wie erwartet die Artenvielfalt bis 2030 um 30 % abnimmt – nur als Indikator – so ist das ein irreversibler Verlust. Mit der Auslöschung der Menschheit durch einen Atomkrieg wollte ich lediglich verdeutlichen, was ein irreversibler Prozess bedeutet und dass damit etwas ganz neues ins Spiel kommt. Früher konnte kein noch so schlimmer Krieg die menschliche Spezies gefährden. Heute aber kann das ein einziger Krieg. Früher konnten die Menschen zwar ihre unmittelbare Umgebung, ihren Lebensraum, schwer beeintächtigen es blieb aber immer noch viel unberührte Natur. Heute kann die Menschheit im Extremfall die ganze Erde in eine Betonwüste verwandeln – und das vielleicht sogar überleben. Aber mit dem totalen Verlust der ererbten natürlichen Umwelt verliert er mehr als nur ein paar Milliarden Dollar
    . Zumal ein paar Milliarden Dollar sowieso nichts mehr sind als bedrucktes Papier – wie viele jetzt praktisch erfahren dürfen.

  22. @ Martin Holzherr

    Die Argumente, die Sie hier bringen, haben allesamt mit meinem Artikel überhaupt nichts zu tun. Ich habe dieses Thema – das der behaupteten „Zerstörung der Erde“ dann, wenn nicht Teile der Erdoberfläche unberührt bleiben – ausgeklammert, und das habe ich auch extra hingeschrieben. Ich will trotzdem auf diesen Kommentar antworten:

    Der „Grundsatz – die Erde nicht aufs Spiel zu setzen (z.B. durch einen Atomkrieg) – muss aber für alle Zeiten gültig bleiben und darf nicht eine nur kulturell bedingte momentane Einstellung sein.“

    Da bin ich völlig mit Ihnen und dem Ayatollah Khameinei einig. Mehr noch, es müssen sogar solche Kleinigkeiten wie das Verbot der Folter und der Zwangsehe, auch wenn sie wie alle Verbote aus kulturell bedingten Einstellungen heraus entstanden sind, für alle Zeiten gültig bleiben – nicht, wie Sie schreiben, weil man „nur dann sein Ziel erreicht“, sondern weil wir einsehen können, daß dieses Verbote richtig sind, egal ob das für irgendwelche Ziele Vor- oder Nachteile bringt.

    Darum geht es aber gar nicht, sondern eben um Ihre Behauptung, daß dann, wenn nicht Teile der Erdoberfläche unberührt bleiben, die „Zerstörung der Erde“ – damit meinen Sie sicher, daß dann wegen Ressourcenknappheit oder ungünstiger Umweltfaktoren keine oder nur noch wenige Menschen auf ihr leben können, nicht die Pulverisierung des Planeten oder so etwas – folgen würde. Das ist eine ökologische Behauptung und muß ökologisch begründet werden. Eine solche Begründung gibt es aber nicht. Durchstöbern sie mal die ökologische Literatur, sie werden keine finden.

  23. nachvollziehbar

    Das, was vorher das Göttliche war, wird nun in das verlagert, was vorher nur Hervorbringung dieses Göttlichen war und für sich nichts wert: die Natur. Sie muß man verehren und respektieren und man muß ihr dienen, muß ihr zu Willen sein. Nur: was will sie denn?

    Durchgehend sehr nachvollziehbar, danke für diese Betrachtung & Einordnung.

    MFG
    Dr. Webbaer

  24. AbschreckungsTHEORIE:ManStirbtNurEinmal

    Nuklearkrieg und Zerstörung der Natur bedeuten, dass nicht nur Menschen, sondern sogar – neu – die Menschheit oder die Natur “sterben” können.

    Hier nun einige Überlegungen zur Abschreckungstheorie als erste Antwort auf den Kommentar von Ano Nym @Holzherr: Zerlegungsversuch

    Im Zusammenhang mit Nuklearwaffen spricht man von der AbschreckungsTHEORIE und meint damit eine Annahme über die möglichen Parteien eines Atomkrieges und die Motivation, die sie von einem Erstschlag mit Nuklearwaffen abhält. Schon von Beginn weg stand das Problem im Raum, dass es Parteien geben könnte, die sich nicht abschrecken liessen, zum Beispiel weil eine nuklear bewaffnete Seite rationalem Abwägen nicht zugänglich sei. Und natürlich wurde in diesem Zusammenhang religiös/weltanschauliche Motivationen erwogen und es wurde auch explizit der Iran erwähnt als mögliche irrational operierende nuklear bewaffnete Seite.
    Im Artikel Rational, irrational oder nichtrational? liest man zu diesem Problem:
    (Zitat)“der Nachweis, dass die Herrscher von Staaten wie Iran und Nordkorea oder auch Terroristen nicht irrational handeln, dient ihnen als Beweis der These, dass sie rational handelten und aus einer veränderten Faktenlage dieselben Schlüsse zögen wie externe Beobachter. Führende Soziologen, darunter Talcott Parsons, weisen seit langem darauf hin, dass es bei Entscheidungen und Handlungen eine dritte Kategorie gibt, die als “nichtrational” zu bezeichnen ist. Das mag zunächst als eine typisch akademische Haarspalterei erscheinen. In diesem Fall jedoch verweist die Unterscheidung auf eine wichtige Kategorie menschlichen Verhaltens, in der die Menschen ihr Tun und Lassen an tief verwurzelten Überzeugungen ausrichten, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen, etwa dem Glauben, Gott verlange von ihnen, dass sie in bestimmter Weise handelten. “

    Dann geht der Artikel auf einige Fälle von “fast eingesetzten Atomwaffen” ein und stellt fest, dass die Tatsache, dass sie dann doch nicht eingesetzt wurden für einige für das Funktionieren der Abschreckung spreche während andere erwähnen ” Dass etwas noch nie geschehen ist, bietet keine Gewähr dafür, dass es auch in Zukunft nicht geschehen wird.”

    Nach der inneren Logik der Abschreckungstheorie ist eine Proliferation von Atomwaffen ungefährlich, denn die gegenseitige Abschreckung hält die Staaten vom Einsatz ab und mehr Staaten mit Atomwaffen erhöhen sogar die Abschreckung. Doch von Beginn Weg wurde auch daran gezweifelt, dass man sich auf die Abschreckung verlassen kann, weswegen relativ früh Nichtproliferationsüberlegungen angestellt wurden.

    Der Iran selbst argumentiert übrigens interessanterweise nicht mit der Abschreckungstheorie um zu begründen, dass er Atomwaffen nicht einsetzen würde sondern damit – als theokratischer Staat passend -, dass es unislamisch sei, Atomwaffen einzusetzen. Laut Wikipedia ist Irans Position (vertreten durch Ali Chanene’i) folgende: Im August 2005 hat Irans oberster geistlicher Führer Ajatollah Chamene’i eine Fatwa erlassen (und der IAEA notifiziert), welche Herstellung und Gebrauch atomarer Waffen verbietet.[42] Zum Atomstreit nahm Chamene’i im Januar 2006 nochmals öffentlich Stellung: „wir wollen keine Atomwaffen, der Westen weiß das. Der Besitz von Nuklearwaffen widerspreche den politischen und ökonomischen Interessen des Landes und sei gegen die islamische Lehre.“[43] Gleichzeitig betonte er, der Iran wollte das Nuklearprogramm ausbauen.

    Allerdings wurde – ebenfalls religiös motiviert – von iranischer Seite (von Forghani) auch begründet warum es Atomwaffen brauche und warum es diese eventuell auch einsetzen werden.
    “Gemäß der Fatwa von (Irans Revolutionsführer) Imam Khomeini haben alle islamischen Länder islamisches Blut”, schrieb Forghani laut “Global Geopolitics”. “Deshalb sollte die islamische Welt aufstehen und rufen, dass eine Atombombe unser Recht ist, und die Träume Amerikas und Israels beenden.” Und weiter: “Der Besitz einer Atombombe ist unser Recht. Israel wäre schon vor 30 Jahren komplett zerstört worden”, es habe aber überlebt, weil es Atomwaffen besitze.
    Im Februar hatte Forghani in einem in den regimetreuen Medien veröffentlichten Traktat die Zerstörung Israels und einen vorbeugenden Militärschlag gegen den jüdischen Staat gefordert.

    Fazit: Man spricht nicht umsonst von der AbschreckungsTHEORIE. Dumm nur, dass ein Versagen dieser Theorie im Extremfall das Ende der Menschheit bedeuten könnte. Das ist etwas völlig neues: Als Individuen galt schon immer, dass man nur einmal lebt und dass falsches Handeln zum vorzeitigen Tod führen kann. Doch jetzt gilt das eventuell auch für die ganze Menschheit.

  25. @Holzherr: Zerlegungsversuch

    „Heute wäre es beispielsweise ein leichtes einen weltweiten Atomkrieg auszulösen und damit möglicherweise die Menscheit zu vernichten. Es gilt aber als unethisch dies zu tun“

    Und deshalb findet er nicht statt? Weil es „unethisch“ wäre, ihn zu führen? Ist es nicht vielmehr so, dass er deshalb nicht stattfindet, weil er gegen einen ebenfalls hinreichend atomar bewaffneten Gegner nicht gewinnbar und dieser Umstand den Beteiligten bekannt ist? Schon mal vom Begriff der ‚Abschreckung‘ gehört?

    „(sogar der iranische Ayatollah Ali Khameinei hält einen Atomkrieg für unethisch)“

    Wäre hier der Papst angeführt worden, wäre die Parenthese nicht mit der Partikel „sogar” sondern mit „auch“ eingeleitet worden, denn der Papst gilt in westlichen Ländern – gefolgt vom Dalai Lama – als Ethiker allerersten Ranges. Dann wäre der normale – obschon an sich fragwürdige – Lauf der Dinge gewesen, dass man sich Bestätigung abholt, indem man die Autorität zitiert.

    Durch die Partikel „sogar“ wird aber vorweg klargestellt, dass der, um dessen Meinung es sodann gehen wird, im Hinblick auf die Sache (Ethik) als das gerade Gegenteil von Autorität gelten soll.

    Wieso aber – das frage ich Sie! – geht eine erwiesenermaßen inkompetente Person nun bei Ihnen plötzlich als Autorität durch?

  26. SichDenTeppich unter denFüssen wegziehen

    Die Idee des Naturschutzes hat einen ethischen Aspekt.
    Durchaus zu vergleichen mit anderen Bereichen. Heute wäre es beispielsweise ein leichtes einen weltweiten Atomkrieg auszulösen und damit möglicherweise die Menscheit zu vernichten. Es gilt aber als unethisch dies zu tun (sogar der iranische Ayatollah Ali Khameinei hält einen Atomkrieg für unethisch).
    Dieser Grundsatz – die Erde nicht aufs Spiel zu setzen (z.B. durch einen Atomkrieg) – muss aber für alle Zeiten gültig bleiben und darf nicht eine nur kulturell bedingte momentane Einstellung sein. Nur so erreicht man sein Ziel.

    Grundsätze wie der, die Natur mindestens teilweise zu erhalten oder die Erde nicht zu zerstören, waren früher nicht nötig, weil beides gar nicht möglich war – selbst wenn man es gewollt hätte.

    Unser aller Denken – sogar das von Wissenschaftlern – gegenüber der Erde und der Natur ist immer noch stark von früheren Annahmen geprägt, die zu einer Zeit gemacht wurden als der Mensch noch nicht so übermächtig war wie heute. Nicht selten äussern selbst Wissenschaftler Vermutungen über zukünftige Evolutionsschritte oder über das Schicksal des Menschen als Art. Das macht alles keinen Sinn mehr, wenn der Mensch nichts übrig lässt, was sich selber weiterentwickeln könnte. Hier ein Zitat von Thomas Grüter aus dem Blogbeitrag Was kommt nach den Menschen? (Zitat)“Zu den unangenehmen Erkenntnissen der Biologie gehört eben die Einordnung des Menschen als normale biologische Art, die irgendwann ausstirbt – wenn sie nicht nur eines Schattens Traum ist. Die Lebensdauer einer Säugetierart liegt eben nur bei ca. 1 Million Jahre. Also dürfte die Art Homo Sapiens noch vielleicht 800.000 Jahre vor sich haben, wenn wir uns nicht schon sehr viel früher den Teppich unter den Füßen wegziehen.”

    Wenn nur noch ein paar vom Menschen auserwählte oder zufällig überlebende Tiere und Pflanzen übrigbleiben und der Planet von uns radikal weiter gesäubert wird wie es jetzt passiert hat obige Aussage nur noch eine historische Bedeutung obwohl es wahr bleibt, dass wir eine biologische Art sind und zu den Säugetieren gehören. Wenn wir hier auf der Erde abräumen und die Natur vernichten, die uns hervorgebracht hat, dann entziehen wir uns möglicherweise die eigenen Lebensgrundlagen. Wir ziehen den Teppich unter unseren Füssen weg.

    Ihre Naturauffassung Herr Trepl entspricht mehr dem Weltbild eines Architekten, der die Welt für den Menschen gestaltet. Dass ist eine durchaus erlaubte und sinvvolle Haltung gegenüber der Natur, solange man nicht die ganze Erde durchgestalten will.