Wilde Träume Teil I

20. Februar 2012 von Ludwig Trepl in Landschaftsbegriff

Öko-Utopien hat man sich in den letzten Jahrzehnten etliche ausgedacht. Jürgen Gerdes hat in Gaia eine weitere publiziert[1]. Der Kern ist etwa dies: Nicht Naturgebiete werden, wie es jetzt übliche Praxis ist, als Inseln in der Zivilisationslandschaft erhalten, sondern es soll umgekehrt sein, die besiedelten Gebiete sind die Inseln: „An die stark verdichteten, in die Höhe wachsenden Zentren der Metropolregionen schmiegen sich Siedlungsringe, deren Naturnähe nach außen hin in abgestuften Intensitäten zunimmt [...] Aber es wird eine harte Grenze geben zum Niemandsland, das ganz und gar der Wildnis gehören soll. Der Zutritt dahin wird streng reglementiert sein und, wenn überhaupt, nur der Beobachtung dienen dürfen [...] In diesen Reichen wird niemand wohnen, dort sind wir Gast. Dort sollen wir lernen, Zurückhaltung und Bescheidenheit zu üben, und ein Gefühl bekommen für eine Welt ohne unmittelbaren menschlichen Einfluss.“

Konrad Ott[2] hat eine Kritik geschrieben.[3] Die Vision sei politikfern, die Konsequenzen seien totalitär, die holistische Umweltethik, in der sie gründet, sei unhaltbar.

Ich halte Otts Kritik überwiegend für berechtigt, teils allerdings für wenig angemessen. Letzteres deshalb: Wenn die Grundstruktur irgendeiner Weltanschauung, von liberal bis sozialistisch, in allen Konsequenzen ausgewalzt wird, wird es immer totalitär; deshalb sollte man das nicht tun. Es ist nicht eine Eigenheit gerade von Gerdes’ Weltanschauung, zu solchen Konsequenzen zu führen. Er formuliert sie zudem als Vision, und Visionen haben nun einmal den Charakter, nicht alle Konsequenzen zu ziehen, vielmehr alle Schatten verschwinden zu lassen. Dennoch müssen sie, anders als Helmut Schmidt meinte, nichts Schlechtes sein. Es kommt darauf an, wozu man sie benutzt.

Angesichts der Visionen von Gerdes geht es mir so: Mir kommt in den Sinn, daß ich mir auch gerne Utopien ausmale. Es sind im allgemeinen Inselutopien wie bei den Bürgern zu Rousseaus und Bougainvilles Zeiten. Meine Insel sieht, mit einigen kleinen, aber wichtigen Unterschieden, der utopischen Welt von Gerdes recht ähnlich. Die Insel darf nicht zu klein sein. Sie muß Platz haben für eine pulsierende Großstadt, aber auch für ein Gebiet mit ursprünglicher Natur. Es muß mindestens so groß sein, daß es eine überlebensfähige Bärenpopulation tragen kann; Bären mag ich nun mal. Dieses Naturgebiet bleibt ganz sich selbst überlassen. Menschen kommen, wie bei Gerdes, kaum hinein. Dazu braucht es aber – erster Unterschied – keine Verbote: Es gibt einfach keine Wege durch das Gestrüpp, und die paar, die es trotzdem schaffen einzudringen, die dulde ich. Ich selbst muß da nicht hin. Mir reicht der Gedanke, daß es dort Bären gibt, ich muß ihnen nicht begegnen. Ich bin wie die Romantiker und finde es bedauerlich, daß in der entzauberten Welt Drachen nicht mehr leibhaftig herumlaufen. Aber ich möchte ihnen nicht begegnen. Auch das unterscheidet mich von Gerdes. Er ist kein Romantiker, sondern Politiker; er formuliert seine Vision, damit sie Wirklichkeit wird.

Seine Auffassung scheint mir zudem nicht so recht durch die historischen Kenntnisse gedeckt und auch etwas widersprüchlich. Er glaubt, daß wir „zur Wildnis kein Erfahrungsverhältnis mehr“ haben und daß – das scheint er mir wenigstens zu meinen – eben in dieser „alltäglichen Entfremdung“ die Ursache dafür liegt, daß „wir“ heute so übel mit der Wildnis umspringen. Nach allem, was wir wissen, stand es aber mit der Wildniserfahrung früher auch nicht besser. Denn diese Erfahrung mied, wer nur konnte, und wer sie doch machen mußte, floh, wenn er konnte, oder er versuchte, die Wildnis zu beseitigen. Das „Erfahrungsverhältnis“ aber möchte Gerdes, der es doch für so überaus wichtig hält, den Leuten gar nicht gönnen. Nur „diejenigen, die heute leidenschaftlich für mehr Wildnis eintreten, werden ihr und dem Leben in ihr nahe sein dürfen“. Für die anderen ist das allerdings gar keine Einschränkung, denn sie leben gern in den Megastädten und vermissen die Wildnis überhaupt nicht.

Hier muß man wohl Ott zustimmen, der Gerdes’ Vision für politikfern hält. Denn wie soll die gewaltige politische Kraft zustande kommen, die nötig ist, um die Siedlungsstruktur der Erde derart radikal umzuwälzen, wenn kaum einer daran interessiert ist, daß es Wildnis gibt? Und läßt es sich denn ethisch vertreten, eine derartige Anstrengung zu unternehmen für die paar Wildnisenthusiasten? (Gerdes hat dieses Problem nicht, denn er meint offenbar, sich nicht vor den Menschen, sondern vor der Natur ethisch rechtfertigen zu müssen.) Von den Liebhabern der Wildnis im allgemeinen – das sind sicher gar nicht so wenige – muß man ja noch diejenigen abziehen, die dort anderes tun wollen als nur beobachten. Die Liebhaber des Großstadtlebens müssen immerhin nichts aufgeben, aber es gibt ja noch andere: „Es ist nicht schlimm, Siedlungen aufzugeben und die aufgegebenen Landstriche unkontrolliert der Natur zu überlassen“, heißt es. Doch wiegt das Freizeitvergnügen der Wildnisenthusiasten das Leid der Menschen auf, die in ihren aussterbenden Dörfern leben müssen?

Diesen anderen nicht unwichtigen Unterschied zwischen meinen Träumen und denen von Gerdes gibt nämlich auch noch: Er hält nichts von den Versuchen, die Reste der Dorfkultur zu erhalten. Sie sei ohnehin verloren, und in seiner Vision kommt die Kulturlandschaft, die ja immer ländlich-bäuerlich ist, nicht vor.

Daß sie verloren ist, damit hat er sicher recht, aber das ist ja kein Grund, sie in der Vision nicht vorkommen zu lassen. Auf meiner Insel muß auch für sie Platz sein. Ich verspüre, wie Ott, keine Lust, „aufgrund der Phantasmagorien einiger Wildnisenthusiast(inn)en auf Gärten zu verzichten“, und ich sehe auch nicht ein, wieso ich Felder und Wiesen und Hecken nicht mögen soll; diese Landschaft hat man zudem auch nie als durch „Technik und Kontrollwille geprägt“ (Gerdes) gesehen, sondern sie wurde stets mit der Idee des behutsamen Pflegens in Verbindung gebracht; Pflege ist definitionsgemäß eine Art der Behandlung, die den Bedürfnissen des Gepflegten gerecht wird. Wie auch immer: Ich jedenfalls wandere in einer solchen Landschaft nun einmal lieber als in einer Wildnis (für die reicht mir die Vorstellung), und auch wenn Gerdes wohl recht hat, daß sie mitsamt der Dorfkultur nicht oder allenfalls als eine Art Freilichtmuseum durch die Landschaftsplanung zu erhalten ist: Ich träume mir nicht nur die Windkraftanlagen und die Hochspannungsmasten, sondern auch die Planer weg, denen sich die Reste der Waldweidelandschaften verdanken, die keine Waldweidelandschaften mehr sind, sobald einem bewußt wird, daß sie sich den Planern verdanken und nicht dem „naturwüchsigen“ bäuerlichen Leben. In meinen Träumen muß ich also auf die vorindustrielle Kulturlandschaft nicht verzichten. Ich weiß allerdings, daß dieser Traum die Neigung hat, Träume von feudalen oder vorfeudalen gesellschaftlichen Verhältnissen nach sich zu ziehen, die ich eigentlich nicht möchte (so wie Gerdes’ „Segregationsmodell“ die Neigung hat, bürokratisch-totalitäre Ideen nach sich zu ziehen; Ott weist sicher zu Recht darauf hin). Auch darum bleibe ich lieber Romantiker: Die noch nicht entzauberte Welt halte ich für unwiederbringlich verloren (anders als die Romantiker sage ich zwar nicht nur, aber doch auch: Gott sei Dank). Ich kultiviere sie lediglich, ähnlich wie die Romantiker im Kunstwerk, in – nicht künstlerischen, sondern ziemlich kitschigen – Träumen.

Gerdes ist offenbar nicht bereit, es dabei zu belassen. Für ihn sind Visionen Mittel, um eben diese Visionen Realität werden zu lassen. Das scheint mir daher zu kommen: Er hat keine Distanz zu seinen Visionen und zur dahinterstehenden Weltsicht. Er ist, in Luhmanns Begriffen, „Beobachter erster Ordnung“. Er sieht die Welt und meint, wie er die Welt sieht, so ist sie. Er beobachtet nicht sich selbst beim Beobachten und erkennt darum nicht, daß das, was er sieht, nur die Welt ist, wie er sie sieht. Das trägt dazu bei, daß seine Sicht vom Verhältnis des Menscher zur Natur den Charakter eines religiösen Glaubens im strikten Sinn hat. Der Glaube an metaphysische Gegenstände, z. B. Gott oder „die Natur“, hat, anders als der an empirische Gegenstände, die Eigenheit, nicht widerlegbar zu sein. Es ist uns, wie Gerdes in Anschluß an Martin Gorke[4] argumentiert, moralisch geboten, in der Natur nichts zu unternehmen, was nicht unvermeidlich ist. „Es reicht nicht, Wildnis als neue Aufgabe zu definieren und sie zum Objekt unserer Debatten zu abstrahieren, sondern es gilt, ihr als lebendiges Gegenüber zu erklären, warum wir in sie eingreifen müssen. Und das sollten sehr wichtige Gründe sein, die keine vernünftigen Alternativen zulassen. Wir sind es, die sich zu rechtfertigen haben.“ – Die Wildnis wird es nicht verstehen, auch wenn wir es ihr noch so vernünftig erklären. Die Natur (wenn er hier „Wildnis“ schreibt, hat er wohl „Natur“ in einer der vielen Bedeutungen des Wortes im Sinn), der man etwas erklären kann, „gibt“ es nicht, sie ist kein empirischer Gegenstand, sondern ein metaphysischer.

Dennoch, daß wir uns zu rechtfertigen haben, ist schon richtig, denn wer sollte das sonst können, und wer sollte sonst dazu verpflichtet sein können außer einem Wesen, das Vernunft hat? Als Rechtfertigungsgründe kommen aber in der Denkweise, die Gerdes repräsentiert, nur unsere Bedürfnisse als Naturwesen in Betracht. Als Bedürfnisse eines Naturwesens haben sie natürlich nicht von vornherein mehr Anspruch auf Befriedigung als die aller anderen Naturwesen, und es müssen deshalb schon Überlebensbedürfnisse sein, wenn man sie gelten lassen soll. So wie wir den Tieren zugestehen, daß sie andere töten, um zu überleben, so müssen die uns das auch zugestehen. – Das so zu sehen, d. h. den Menschen als eine biologische Spezies unter vielen zu betrachten, ist bei den Anhängern einer holistischen Umweltethik, die ja unter den leidenschaftlichen Naturschützern so zahlreich sind, Gemeingut. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, die der Natur keinen Eigenwert zuschreiben, der verbietet, in sie einzugreifen. Die holistischen Naturschützer glauben, ihre Gegner würden das aus der Tatsache folgern, daß der Mensch allen anderen Arten aufgrund einer bestimmten Natureigenschaft, die er hat, überlegen ist: seiner höheren Intelligenz. Wäre das so, dann hätten sie Recht. Aus dieser Naturtatsache würde in der Tat ebensowenig wie aus jeder anderen ein moralischer Anspruch folgen. Aber die unendliche Überlegenheit des Menschen über alle Natur, aus der ein solcher Anspruch folgt, begründet sich nicht aus der Natur des Menschen. Die Instanz, vor der sich der Mensch rechtfertigen muß, ist nicht die Natur, auch wenn es moralisch nicht gleichgültig ist, wie er mit ihr verfährt. Die Instanz ist, sozusagen, seine eigene moralische Bestimmung. Das vermag man in dem naturalistischen Naturschützer-Diskurs nicht zu sehen, weil es nichts Natürliches ist, und kann darum auch nicht verstehen, wie sich die Menschen das Recht herausnehmen können, derart viel Raum für sich zu beanspruchen, wo sie doch auch nur eine biologische Spezies unter vielen sind.

Auf der Ebene politisch-weltanschaulicher Typisierungen ist Gerdes’ Utopie, trotz ihres weltumwälzenden Charakters, eine Variante des Konservativismus, und zwar eine untypische. Dessen typische Variante in der Frage des richtigen Verhältnisses des Menschen zur Natur (vor allem Eisel 1980, S. 286 ff. und Kirchhoff haben sie anhand der Geschichtsphilosophie von Herder herausgearbeitet[5]) sieht anders aus und hat, in ihrer klassischen Form, für Wildnis wenig übrig: Der göttliche Auftrag – säkularisiert: das uns objektiv Gebotene – lautet nicht, daß „die menschliche Interferenz mit Natur auf ein Minimum reduziert“ werden muß (so formuliert Ott die Auffassung von Gerdes). Vielmehr ist das, was in der Natur nur der Möglichkeit nach vorhanden ist, zu realisieren oder genauer: Das in der Natur in ihrer uns vorgegebenen lokal-regionalen Besonderheit schlummernde Potential ist zu wecken, die Natur ist so zu der in ihr angelegten Vollkommenheit zu entwickeln. Das heißt, die Natur ist zur Kulturlandschaft als organischer Einheit von Land und Leuten (W. H. Riehl) zu entwickeln. Man sieht: Auch wenn man wie Gerdes von der Überzeugung ausgeht, daß die Natur nicht als Material zu betrachten ist, mit dem der Mensch verfahren kann, wie es für ihn nützlich ist, so gibt doch sehr verschiedene jeweils für richtig gehaltene Wege. Es gibt nicht nur den Weg des Rückzugs und der Einschränkung, der für Gerdes offenbar auf der Hand liegt.

(Fortsetzung folgt)

 

Blogartikel mit Bezug zum Thema: (1)


 

[1] Gerdes, Jürgen 2010: Betreten verboten! Wildnis und die Zivilisation von morgen. Gaia 19/1: 13-19.

[2] http://www.botanik.uni-greifswald.de/konrad_ott.html

[3] Ott, Konrad 2010: Verwilderte Visionen. Gaia 19/2: 97-100.

[4] http://www.botanik.uni-greifswald.de/martin_gorke.html

[5] Eisel, Ulrich (1980): Die Entwicklung der Anthropogeographie von einer „Raumwissenschaft“ zur Gesellschaftswissenschaft. Urbs et Regio, Kasseler Schriften zur Geographie und Planung, Bd. 17, Univ. Kassel.

Kirchhoff, Thomas (2005): Kultur als individuelles Mensch-Natur-Verhältnis. Herders Theorie kultureller Eigenart und Vielfalt, in: Michael Weingarten (Hg.), Strukturierung von Raum und Landschaft. Konzepte in Ökologie und der Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse, Münster, S. 63-106.


19 Kommentare zu “Wilde Träume Teil I”

  1. Marc B. Antworten | Permalink

    Kann es sein, dass weder der Verfasser noch der zitierte Rezensent die IUCN-Kategorien für Schutzgebiete kennt?

    Das Konzept von Gerdes ist erkennbar an die Schutzgebietsklassen angelehnt, deren strengste eben die Strict Nature Reserve in zwei Ausformungen darstellt. Natürlich gibt es in Deutschland keine großflächigen Gebiete, aus denen Menschen ohne Forschungsauftrag weitgehend ausgeschlossen sind, aber eines haben wir doch, die Insel Vilm.

    In anderen Staaten mit dünnerer Besiedelung sind derartige Gebete aber völlig normal: Die USA haben aktuell 757 Wilderness Areas von jeweils mindestens 20 Quadratkilometer Fläche.

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    10% für den Menschen, der Rest Natur

    ürgen Gerdes Vision ist überhaupt nicht neu und es ist nicht einmal eine verwegene hirnspinnige Idee sondern eine absolute Notwendigkeit, dass die Menschheit schliesslich auf der Erde leben wie Astronauten auf dem Mond. Alles andere, also die immer stärkere Infiltration aller auch der letzten wilden Lebensräume ist sogar für den Menschen gefährlich.

    Davon kann man sich überzeugen, wenn man z.B. den Artikel Geowissenschaften müssen noch interdisziplinärer arbeiten liest oder den zweiten Artikel von Reinhord Leinfelder Das Anthropozän - Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört

    Schon Cesare Marchetti hat in seinem 1978 erschienen Aritkel 10^12: A check on the carrying capacity of earth darauf hingewiesen, dass eine Menschheit in der Überzahl nur dann auf der Erde überleben kann, wenn sie sich in ihre Megastädte zurückzieht. Als Zusammenfassung seiner Erkenntnisse schreibt C.Marchetti:

    The impact of man's presence, and the consequent disruptions are kept to a minimum, essentially via a withdrawal of man from land resources. His coupling with earth biosphere will be practically nil.
    It seems that the problems of growth are basically of cultural character. The Judeo-Christian axiom that the earth is given to man to be dominated, very material to western aggressive and destructive attitudes, may progressively be substituted by the Buddhistic axiom that the earth is given to man to be contemplated. Thanks to an elightened use of technology.

    Das hat er in den späten 1970er-Jahren geschrieben. Es ist immer noch und immer mehr gültig.

  3. Susanne Grube Antworten | Permalink

    Schutz- und Schmutzlandschaften

    Wir sind gerade mit behördlicher Beteiligung dabei, unsere Landschaft in zwei Kategorien zu zwängen: In die Schutz- und die Schmutzlandschaften. So werden zunehmend Kompensationserfordernisse in bestehende Schutzgebiete verlagert. Kleine Restinseln schutzwürdiger Bereich werden aufgewertet, teilweise mit erheblichen Mitteln, obwohl sich der "gute" Zustand mit ein wenig mehr Zeit vielleicht sogar von alleine einstellen würde. Die Natur kann das, wenn man sie lässt und die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet. Vermutlich wird man zukünftig dann für das Besichtigen dieser Relikte unserer einstigen Landschaft, diese hergerichteten Schatzkästchen, Eintritt zahlen müssen wie beim Betreten eines botanischen Gartens oder Zoos. Alles, was außerhalb dieser Schutzgebiete liegt, wird zur Schmutzlandschaft, in der bis in den letzten Winkel keine Natur mehr sein kann/darf. Das ist keine Vision, sondern findet allerorten statt und schreitet weiter fort.

    Was für eine wunderbare Utopie von Jürgen Gerdes, dieses Prinzip umzukehren! Wenn man sich in der Mitte träfe, wäre schon viel gewonnen...

  4. Schorsch Antworten | Permalink

    Die Negativwildnis

    Im Architekturstudium oder auch schon vorher in der Schule im Kunstunterricht, haben wir eine Methode kennen gelernt, die es erlaubt, einen anderen Blick auf eine Form zu bekommen: man modelliert das Negativ. Hatte man vorher z. B. eine Landschaft mit einem Turm, so hatte man dann eine mit einem Loch. Genau so kommt mir Gerdes Vision vor. Sie ist halt das räumliche Negativ dessen, was man bisher unter Wildnisgebieten diskutierte und nicht viel mehr. Für einen Architekturstudenten scheint mir die Leistung angemessen, aber ob das für einen gestandenen Umweltethiker reicht? Ich habe seinen Artikel nicht gelesen und habe auch keine Zugang und keine Zeit dazu, aber ich bezweifele natürlich, dass sich da etwas Neues ergibt.
    Irgendwas neues gibt es aber wohl doch, sonst hätten wir das damals im Architekturstudium ja nicht gemacht. Vielleicht besteht es darin, dass die ganze Verkehrsproblematik gelöst wird: Man kann dann ja nicht mehr mit dem Auto von Stadt zu Stadt fahren; und mit dem Zug auch nicht mehr; nur Fliegen wäre noch möglich. Aber will man das heutzutage als Umweltethiker? Ach ja, das war ja ein Traum und da fliegen die Flugzeuge mit Sonnenstrahlen. Andererseits dürfte das Ganze auf den ultimativen Biotopverbund hinauslaufen und das wäre doch einfach toll.
    Aber die eine Frage will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen: (auf die Gefahr hin, hier ungewollt Otts in Trepls Augen unangebrachte Kritik am „Totalitären“ zu wiederholen; jedoch bin ich der Ansicht, dass es in dieser Diskussion nicht nur um Visionen geht, weil es offenbar kaum einer nur so versteht). Wer sind denn die, die entscheiden, wo die Grenzen sind und wer beobachten darf. Und inwiefern unterscheiden sich die von denen, die damals (frei nach George Orwell) "gleicher als die Gleichen" waren? Weiß das jemand? Geht das politisch irgendwie korrekt?
    @ Marc B.: Haben Sie verstanden, um was es Ludwig Trepl geht? Ich muss gestehen, ich nur zum Teil. Aber falls sie es verstanden haben, würde mich (1) interessieren, weshalb Sie vermuten, dass er nichts von den "Kategorien für Schutzgebiete" wüsste und (2) warum Sie der Ansicht sind, dass diese überhaupt relevant wären?
    @ Martin Holzherr: Wenn Sie die Idee von Gerdes wirklich für "notwendig" halten, frage ich mich, ob sie mit der ihrem Denken zugrunde liegenden Ideologie nicht ein paar Jahrzehnte zu spät dran sind. Nochmal: Ich frage mich, wer hier entscheidet (s.o.). Der klassische Naturschützer (und dazu zählen Sie und Gerdes offensichtlich) teilt die Menschheit in zwei Klassen ein - gute (dazu zählen Sie sich selbst und die dürfen dann auch mal die Wildnis beobachten oder ausnahmsweise sogar betreten) und schlechte (das sind die, die die Wildnis nicht mal beobachten dürfen, weil ja schließlich jemand für deren "Zerstörung" verantwortlich gemacht werden muss). Darf man das? Natürlich! Aber wie rechtfertigen Sie das, außer mit: „da hat der Gerdes recht“?
    Und ja, die "Infiltration" in Wildnisgebiete ist (wohl irgendwie definitionsgemäß) für den Menschen gefährlich.
    Und damit komme ich zu meiner letzten Anmerkung @ Ludwig Trepl:
    Wenn man die Wildnis nie erlebt hat, wie kann man dann wissen, was sie für den Menschen bedeutet? Also konkret: Wenn man nie einem Drachen begegnet ist, kann man dann wissen, was die Begegnung einem Menschen bedeutet? Ich möchte auch keinem Drachen begegnen, aber ich könnte mir vorstellen, dass einen die Begegnung für’s Leben prägt und dass man dann möglicherweise auch anders über Drachen und dergleichen nachdenkt. Oder geht das aus erkenntnistheoretischen Gründen nicht?
    Und @ Frau Grube: Sie finden das wirklich wunderbar? Oder war das ironisch gemeint?

  5. Kenneth Anders Antworten | Permalink

    Wildnis als Diskursthema

    Wenn den Wildnis-Autoren etwas geglückt ist, dann die Etablierung des Themas im Diskurs und die Verdrängung anderer Themen. Das ist ein sehr großer Erfolg. Aber stellt dieser Erfolg nicht auch aus Sicht der Autoren einen Phyrrussieg dar? Zum Beispiel hat man sich die ostdeutschen Bundesländer nach der Wende gern als neue Wildnisse ausgemalt, weil ja dort die Leute wegzogen: Rückkehr des Wolfes, Rückzug des Menschen. In der Zwischenzeit ist das das Land neu aufgeteilt und nach Betriebszielen segregiert worden. Ja, es wurden auch ein paar Prozessschutzgebiete eingerichtet, aber worüber reden wir eigentlich, während die Eigenart der Landschaften bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen wird?
    Beiträge zu Fragen der Landnutzung erlangen im Diskurs nicht annähernd die Anschlussfähigkeit wie jene zur Wildnis. Der Anspruch, überhaupt noch gestaltend in die Landnutzung einzugreifen, wird gern als weltfremd abgetan – bei Visionen eines Natur- und Niemandslandes aber fühlen wir uns wohl. Ich persönlich habe nichts gegen neue Wildnisse, aber ich bedaure doch, dass sie als Thema im Diskurs viele Teilnehmer mit Blindheit schlagen. Ich würde also Wildnis immer nur im Zusammenhang mit Landnutzung diskutieren, als Teil von Landschaft und nicht als vor der Landschaft gerettete Fläche. Oder im Zweifelsfall ins Kino gehen, ich kann "Avatar" empfehlen, das ist sehr lehrreich, zumal man verfolgen kann, wie unerbittlich gesellschaftliche Aneignungsprozesse ablaufen. Wer sie verhindern will (statt sie zu gestalten) muss feudalistische Strukturen in der Landschaft einrichten, da ist den umweltethischen Argumenten unbedingt Recht zu geben. Leider sind wir im Moment auf dem besten Wege dahin.

  6. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Wildnisinseln genügen nicht

    Die Kommentatoren Sorsch und Kenneth Anders haben zu stark den momentanen Weltzustand im Blick und zuwenig den allgemeinen Trend.

    Momentan ist das dichtbevölkerte Europa von Kulturlandschaften dominiert, in anderen Kontinenten gibt es noch grössere wilde Landstriche (z.B. das Amazonasgebiet). Leider sind diese Grossgebiete mit verbleibender Wildnis vor allem Gebiete wo nur wenige und zudem auch noch arme Menschen leben. Mit zunehmenden Wohlstand überall auf der Erde droht das letzte Stück Wildnis zu verschwinden und die ganze Erdoberfläche wird zu einem Flickenteppich von Kulturlandschaft und von Gebieten, die wegen Übernutzung oder falscher Bewirtschaftung verödet sind (also vom Menschen zu Brachen umgestaltete Gebiete).

    Diese Umgestaltung der Erdoberfläche, die letztlich nichts auslässt, hat grosse Konsequenzen:
    1) Sie verändert die Erde nachhaltig und vernichtet viele Pflanzen, Tiere (sicherlich die Grosssäuger) und Urlandschaften für immer (nachhaltiger im Sinne von definitiver geht es kaum)
    2) Sie verändert auch physikalische Eigenschaften des Erdsystems wie die Albedo, die die Ausbildung von Klimata und die Wärmebilanz der Erde (mit-)bestimmen
    3) Sie greift in Naturgleichgewichte ein, deren Funktionsweise wir zum Teil gar nicht kennen und hat Konsequenzen von denen wir noch gar nichts wissen

    Bis jetzt war der Mensch nur ein Bewohner des Planeten neben anderen. Schon bald hat dieser Bewohner die ganze Erde in einen Vorgarten umgewandelt.

    In meinen Augen ist das nicht nur ein grosser Verlust, es beinhaltet auch ein grosses Risiko für die Menschheit als Ganzes.

    Wenn die Menschheit als Ganzes auf der sicheren Seite bleiben will, dann beschränkt er seinen Raum- und Landbedarf und lässt grosse Teile im Urzustand. Die ganze Erde als Garten Eden, das ist ein Wunschbild, das schon in der Bibel angelegt wurde und das heute sogar viele "Grüne" teilen, die alles Biobewirtschaften wollen und selbst das was noch übrigbleibt (die Brachen) einem Zweck zuführen wollen: der Erzeugung von Treibstoff für ihre putzigen Biofahrzeuge.

    Es könnte ein böses Erwachen für die ganze Menschheit geben, wenn sich die Erde weigert ein grosser Garten für den Menschen zu werden.

  7. Simon Antworten | Permalink

    Rückfragen

    Ein paar Rückfragen an Kommentatoren erscheinen mir doch notwendig:
    @ Marc B.: Vermutlich lohnt ein Blick auf die von der UNESCO vergebene Schutzgebietskategorie "Biosphärenreservat" - speziell auf die Idee von Pflege- und Entwicklungszone. Hier gibt es einen Schutzauftrag, in dem die Kulturlandschaft vorgesehen ist. Unabhängig davon kann man aber natürlich doch nicht von dem, was bisher politisch an Schutzgebieten ausgehandelt worden ist, ableiten, was wünschenswert wäre? Gerdes dies unterstellend, würde man sein Talent in Bezug auf Visionen jedenfalls noch weiter schmälern.
    @ Martin Holzherr: Ich erlaube mir anzumerken, dass Sie hier sehr Vieles durcheinanderbringen. Ich kann Ihre Ausführungen nicht anders verstehen, als dass z. B. eine Kulturlandschaft mit Raubbau gleichzusetzen und ein Drama für viele Arten sei und eine Brache keine Wildnis sei.
    Ersteres ist selbstverständlich Unsinn, nicht nur in Bezug auf die Möglichkeit von Nachhaltigkeit, sondern z. B. auch in Bezug auf Artenvielfalt: Vergleichen Sie mal als einfaches Gedankenexperiment den ursprünglichen mitteleuropäischen Buchenwald mit der vielfältigen Kulturlandschaft, die es hier vor 100 Jahren noch gab. Das mit den Großsäugern finde ich natürlich auch schade, aber in Mitteleuropa kann man hier das Rad nicht mal eben zurückdrehen. Was allerdings die Großsäuger und z. B. auch die Flussauen zerstört hat, war nicht bäuerliche Kultivierung, sondern Industrialisierung und Infrastruktur.
    Brache kann für Arten fatal sein - aber für Arten der Kulturlandschaft. Durch Sukzession allerdings wird sich über kurz oder lang wieder eine ähnliche Vegetation und Fauna ansiedeln, wie sie "ursprünglich" da war - sofern die Arten, die es "damals" gab, nicht ausgestorben sind. Bezüglich der Nachhaltigkeit sind Brachen natürlich - zumindest lokal betrachtet - immer gut. (Umfassend global betrachtet kommt es darauf an, wo sie sind.) Von der Wahrnehmung her sind Brachen übrigens auch wild - solange man sie als solches erkennt, zwar eher "verwildert", aber nichtsdestotroz ist in ihnen ungehinderte Entwicklung von "Natur" sichtbar.
    Andere Passagen in Ihrem Kommentar sind in sich so widersprüchlich, dass man leider nichts Eindeutiges herauslesen kann: "Leider sind diese Grossgebiete mit verbleibender Wildnis vor allem Gebiete wo nur wenige und zudem auch noch arme Menschen leben. Mit zunehmenden Wohlstand überall auf der Erde droht das letzte Stück Wildnis zu verschwinden" - merken Sie vielleicht beim zweiten mal lesen, dass es nicht aufgeht, es schade zu finden, dass diese Gebiete dünn besiedelt sind und zugleich zu wollen, dass sie Wildnis bleiben? Hier knirscht es sehr... und das ist nicht der einzige Fall.
    Und schließlich noch: Die Erde kann sich selbstverständlich nicht "weigern", ein Garten zu werden, aber natürlich sei es Ihnen gestattet, unvorhergesehene Folgen von Raubbau etc. zu personifizieren. Allerdings: Zwar freut sich wohl jeder, von dem ich hier bisher eine Anmerkung gelesen habe, wie auch Herr Trepl, wenn z. B. die bisher nicht verwüsteten Reste tropischen Regenwaldes erhalten bleiben. Auch gibt es - wie wir wohl alle wissen - die Probleme wie Artenschwund und klimatische Veränderungen durch Raubbau, wie er aktuell in den Tropen und Subtropen fast überall stattfindet. Wenn Sie aber, wie es mir offensichtlich erscheint, nicht bei einer Vision bleiben wollen, sondern über konkrete politische Ziele für die nahe Zukunft sprechen wollen, machen Sie es sich in vielfacher Hinsicht viel zu leicht. In aller Kürze: Wovon sollen die Menschen in den Stadtinseln sich ernähren? Ist es nicht sinnvoller, die Flächen für die Nahrungsmittelproduktion als möglichst artenreiche und nachhaltige Kulturlandschaft zu gestalten als z. B. ebenfalls in inselartigen Bereichen (die ganz schön groß sein müssten) ausschließlich Nahrungsmittel zu produzieren? Und schließlich: Wer läuft in der Wildnis herum und passt auf, dass niemand dort einen Garten anlegt?

  8. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Simon: Bewusste Missverständnisse ihrer

    ..seits.

    Was mir vorschwebt als menschliche Zukunft wurde - wie schon in meinem Text erwähnt - bereits von Cesare Marchetti in seinem 1978 erschienen Aritkel 10^12: A check on the carrying capacity of earth zu Ende gedacht. Dieser Artikel von Marchetti ist eine Antwort auf den Club-of-Rome-Bericht Limits to Growth und kommt zum Schluss, dass ein weiteres Wachstum der Menschheit sowohl in ihrer Populationsgrösse als auch im Grad der Technisierung und Industrialisierung nicht notwendigerweise zur Katastrophe führen muss wie in Limits to Growth vorausgesagt, sondern dass die Menschheit einfach aufhören muss, die Natur als Rohstoffquelle und Abfallkübel zu benutzen und sich alles Notwendige auf kleinstem Raum selber beschaffen muss - und das vor allem durch Rezyklierung und durch eine Weiterentwicklung unserer Technik, die immerhin schon den Ertrag pro Fläche im Vergleich zu den Anfägen der Landwirtschaft um den Faktor 100 erhöht hat. Mit noch mehr Technik können wir unser Leben schon bald in Städten, die noch von einem Gürtel von Versorgunsgebieten umgeben sind, verbringen.

    Dabei kommt uns der bereits vorhandene Trend zu immer mehr Verstädterung zugute. Wir müssen ihn nur noch besser organisieren und die Stadtgebiete zu unseren eigentlichen Lebensräumen machen. Zu Menscheninseln. Solche Menscheninseln könnte es sogar sehr nahe zu ursprünglicher Wildnis geben.

    Wenn ich schreibe "Leider sind diese Grossgebiete mit verbleibender Wildnis vor allem Gebiete wo nur wenige und zudem auch noch arme Menschen leben. Mit zunehmenden Wohlstand überall auf der Erde droht das letzte Stück Wildnis zu verschwinden" so ist das vor dem eben dargelegten Hintergrund kein Widerspruch. Wo heute nur wenige und arme Menschen leben können nämlich schon in einigen Jahrzehnten viele Menschen leben und diese vielen und zunehmend reichen machen sich die Erde untertan und zerstören die ursprüngliche Lebenswelt - wenn sie sich nach dem üblichen Entwicklungsmuster vorgehen.

    Um sich in meine Denkwelt einzufühlen empfehle ich ihnen die Lektüre von Limits to Growth, also dem Buch, das Marchetti dazu veranlasst hat seinen Gegenentwurf zu schreiben.
    sie schreiben ironisch:

    Die Erde kann sich selbstverständlich nicht "weigern", ein Garten zu werden, aber natürlich sei es Ihnen gestattet, unvorhergesehene Folgen von Raubbau etc. zu personifizieren.

    Doch ich behaupte: Die Erde kann sich weigern ein von Menschen geplanter Garten zu werden, indem sich eben nicht alles so entwickelt wie wir es uns wünschen. Änderungen der Lebensumwelt im planetarischen Massstab, wie sie jetzt stattfinden, haben Konsequenzen, die wir noch gar nicht voraussehen können. Fragen sie einmal einen Physiker dazu.

    Als Schluss schreiben sie:
    Und schließlich: Wer läuft in der Wildnis herum und passt auf, dass niemand dort einen Garten anlegt?

    Das kann heute niemand verhindern, genau so wie niemand eine Nation davon abhalten kann, ihre sämtlichen Öl-, Gas- und Kohlevorräte zu verfeuern.

    Und natürlich wird genau das passieren. Selbst wenn Europa seine Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen reduziert, andere Nationen machen das nicht und sie profitieren sogar von unserer Zurückhaltung, denn dann steigen die Weltmarktpreise für Öl, Gas und Kohle weniger stark.

    Doch am Schluss wird die Gesamtheit aller Nationen (die UNO oder ein Analogon) das Gesamtinteresse der Menschheit durchsetzen müssen, denn diejenigen die die Erde schonen wollen und sich selber die Zukunft offen halten wollen dürfen nicht von denen übertrumpft werden, die nur an sich denken.

  9. Dr. Michael Lohmann Antworten | Permalink

    Wildnis um Städte

    Ich bin seit Jahrzehnten ein Anhänger der Idee grüner, möglichst wilder Ringe um Städte. Man könnte aber auch daran denken, in diesen Grüngürteil Möglichkeiten zu schaffen wo Städter Gärten betreuen können. Viel Wildnis (auch mit Beobachtungsmöglichkeiten) und dazwischen immer wieder Betätigungsmöglichkeiten für die Menschen: Wiesen zum Drachensteigen- lassen, auch Sportplätze etc. Naherholung (ohne großen Verkehr) im besten Sinne.

  10. Simon Antworten | Permalink

    @ Martin Holzherr

    Schriften wie die "Grenzen des Wachstums" waren selbstverständlich wichtige Aufrüttler der Umweltbewegung in den 70er Jahren. Dass durch sie bewusst gemacht wurde, dass es eng wird auf unserem Planeten, heißt aber nicht, dass man die Lösungsvorschläge von damals, inspiriert von interessanter, aber doch sehr abgehobener Science-Fiction und durchmischt mit dem Glauben an nahezu unbegrenzte Möglichkeiten durch technische Neuerungen wie Recycling etc. "eins zu eins" übernehmen kann, wenn es wirklich an irgendwie erreichbare politische Ziele gehen soll. Diesen Technikoptimismus scheinen Sie zu teilen: "Mit noch mehr Technik können wir unser Leben schon bald in Städten, die noch von einem Gürtel von Versorgunsgebieten umgeben sind, verbringen." Tatsächlich lebt bereits der Großteil der Menschheit in Städten, die von Gürteln aus Versorgungsgebieten umgeben sind. Es scheint nicht so einfach zu sein, diese Gürtel kleiner zu machen. Es sei denn, Sie finden, nachdem schon so viele Prediger daran gescheitert sind, doch noch den Schlüssel zur Einsicht der Vielen, dass wir so viel wie möglich Energie und Rohstoffe sparen sollten. Das Problem ist Ihnen allerdings auch in den Sinn gekommen - nicht umsonst schreiben Sie, jemand wird "das Gesamtinteresse der Menschheit durchsetzen müssen." Dass das nun wieder totalitär klingt, können Sie nicht leugnen.
    Dazu kommt: In so einer Stadt will ich jedenfalls nicht leben, mir würde die Natur fehlen. Ihnen nicht?
    Neben der totalitären Konsequenz verweigern Sie sich mit Ihrer Forderung, es wirklich so zu machen mit den "Stadtinseln" und nur "Wildnis" als schützenswerte Natur gelten zu lassen, übrigens auch den wirklich entscheidenden Diskussionen darüber, wie es weitergehen soll. Das nämlich sind Diskussionen, in denen es darum geht, wie wir mit der Natur, um sie auch etwas zu personifizieren koexistieren können. Und zwar nicht nur stofflich, sondern auch räumlich und ästhetisch. Zäune um Natur ziehen zu wollen ist, mit Verlaub, einfach.

  11. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @Kennth Anders: Wildnis als Diskursthema

    „Der Anspruch, überhaupt noch gestaltend in die Landnutzung einzugreifen, wird gern als weltfremd abgetan – bei Visionen eines Natur- und Niemandslandes aber fühlen wir uns wohl.“

    Das ist sicher richtig. Aber woher kommt es? Hat das jemand untersucht? Das würde mich interessieren. Es geht ja nun schon seit über 20 Jahren so. Sicher hat es etwas mit der Konjunktur des Neoliberalismus zu tun. Gestalten und planen darf man da ja nicht wollen, jedenfalls die Gesellschaft as Ganze darf das nicht. Die Wildnis dagegen ist die Welt des Kampfs aller gegen alle, in der das Starke siegt, das ist die Natur so, wie dieser Ideologie zufolge die Gesellschaft zu sein hat.

    Nun ist aber der Naturschutz im Kern eine konservative Angelegenheit und die Naturschützer waren Konservative und sind es wenigsten als Naturschützer im allgemeinen immer noch; vielleicht geht es nicht anders. Ich vermute, der – im Verhältnis dazu – eher zufällige – Umstand, daß die Mehrheit der heutigen Naturschützer mit linken sozialen Bewegungen verbunden ist bzw. aus ihnen stammt, bringt sie in beträchtliche Konflikte:

    Als Naturschützer sind sie etwas, was sie auf keinen Fall sein wollen. Darum distanzieren sie sich vom traditionellen, klassischen, konservativen Naturschutz – dem Naturschutz, dem es in erster Linie um die Kulturlandschaft ging. Und sie erfinden den dynamisch-modernen Wildnisschutz, ökologisch-reduktionistisch „Prozeßschutz“ genannt. Daß sie damit – unter anderem wegen der damit verbundenen Planungs- und Gestaltungsfeindlichkeit – ins Fahrwasser der neoliberalen Ideologie geraten, kann ihnen aber auch nicht recht sein. Und darum federt man den Wildnisenthusiasmus dadurch ab, daß man – auch Jürgen Gerdes ist ein Beispiel dafür – in Wirklichkeit weniger Wildnis meint als Naturparadies: genau die idyllische, harmonische Natur, in der alles ineinandergreift zum Wohle des Ganzen, wo die Harmonie herrscht, die der klassisch-konservative Natur- und Heimatschutz in der Kulturlandschaft sah.

    In dieser Weise, glaub ich, verwirrt und verknotet sich das typische Naturschützer-Denken (meines will ich davon nicht ausnehmen). Heraus kommt, daß man Wildnis liebt statt Kulturlandschaft und dabei Wildnis sowohl meint als auch nicht meint.

  12. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Simon: sustainable cities

    Sie haben recht: 100% Rezyklierung, Leben nur noch oder vor allem in Städten hat utopischen Charakter und ist mit heutiger Technik noch gar nicht realisierbar.

    Andererseits ist es langfristig eine Notwendigkeit, wenn sie 9 Milliarden Menschen im Wohlstand der heutigen US-Amerikaner leben lassen wollen, denn sonst gehen ihnen schon in wenigen Jahrzehnten die Rohstoffe aus und alle verbleibenden Wildnisse wie das Amazonasgebiet werden verschwinden.

    Wir müssen die nötigen Techniken, die uns ein nachhaltiges Leben auf beschränktem Raum erlauben, also auf alle Fälle entwickeln. Das ist nicht etwa die Idee von einigen Utopisten, diesen Ansatz finden sie im Internet unter dem Begriff Sustainable City und es gibt auch schon viele reale Städte, die sich dieser Idee angeschlossen haben. Zur nachhaltigen Stadt gehört auch das Vertical Farming oder eine andere Form der stadtnahen intensiven Agrikultur. Damit nimmt die Abhängigkeit vom umgebenden Land oder von Lebensmittel-Importen aus allen Ecken der Welt ab.

    Die Urbanisierung nimmt übrigens von alleine zu. Schon jetzt leben mehr als 50% der Menschen in stadtnahen Räumen und der Trend geht ungebrochen weiter. Nur schon darum müssen zukünftige Städte nachhaltiger sein als heutige. Ein Vorteil schon der heutigen Stadt ist, dass bei gleichem Lebensstandard der Stadtbewohner nur halb so viel Energie benötigt wie ein Landbewohner. Auch die Mobilität ist in der Stadt mit weniger CO2-Emissionen und Energieaufendung verbunden, weil der ÖV deutlich weniger Energe benötigt und meist elektrifiziert ist.

    Wenn (Zitat)es darum geht, wie wir mit der Natur, um sie auch etwas zu personifizieren koexistieren können, umgehen, dann sehe ich das bereits aus der Warte dieser vorher beschriebenen Zukunft. In dieser (nahen) Zukunft werden so oder so die meisten Menschen in den Städten leben und die Städte werden gezwungermassen nachhaltiger werden müssen mit deutlich mehr Rezyklierung und weniger Abhängigkeit vom Umland.

    Ein grosser Teil des Umlandes, also der Erdoberfläche, kann dann wieder in einen naturnahen Zustand zurückversetzt werden, wobei eben Wildnis, das heisst Natur ohne den Einfluss des Menschen die wohl beste Form ist. Die Welt als grossen Garten zu betrachten, die vom Menschen bestellt werden muss, ist für mich eine falsche Sicht und ist auch ein zu starker Eingriff. Der Mensch sollte weiterhin ein Geschöpf unter anderen auf der Erde sein und nicht jeden Winkel gesalten wollen. Die ganze Erde umzugestalten ist meiner Ansicht nach auch ein Risiko, denn wir wissen noch gar nicht, auf was wir achten müssen, damit wir die Biosphäre und die Erde als Ganzes nicht aus der Balance bringen.

  13. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @Martin Holzherr

    „Die Welt als grossen Garten zu betrachten, die vom Menschen bestellt werden muss, ist für mich eine falsche Sicht ...“

    Ich will es ja auch nicht, ich mag es, wenn es noch Wildnis gibt. Aber warum soll es denn eine „falsche“ Sicht sein, „die Welt als großen Garten zu betrachten“? (Gemeint ist nicht Garten, sondern so etwas wie Kulturlandschaft.) Immerhin kam man erst vor etwa 200 Jahren auf den Gedanken, daß man auch Wildnis wollen kann und sogar sollte. Die Bedürfnisse – nicht die physischen – eines Teils der Menschen der westlichen Kultur hatten sich offenbar verändert.

    Mit solchen Bedürfnissen aber argumentieren Sie gar nicht, sondern ökologisch: „Die ganze Erde umzugestalten ist meiner Ansicht nach auch ein Risiko, denn wir wissen noch gar nicht, auf was wir achten müssen, damit wir die Biosphäre und die Erde als Ganzes nicht aus der Balance bringen.“ Ich kenne kein ökologisches Argument, was für eine solche Befürchtung spräche. Haben Sie denn wenigstens einen Hinweis darauf, daß da irgend etwas Schlimmes geschehen könnte? Welches ökologische Risiko soll denn darin liegen, einen Wald in etwas umzuwandeln, das, ökologisch gesehen, ein lichter Wald oder eine Art Savanne ist? Das stellt sich doch der, für den „Kulturlandschaft“ die Utopie ist, etwa vor. Von Raubbau, wie man ihn etwa mit der Umwandlung der nordamerikanischen Prärien in Getreidefelder und Viehweiden oder der Versalzung Mesopotamiens in Verbindung bringt, ist ja hier gar nicht die Rede.

    Ich habe mich jetzt auf das abstrakte, weltfremde Utopienschmieden eingelassen; daraus dürfen Sie nicht schließen, daß ich davon etwas halte, ich wollte nur ein Argument entkräften.

  14. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Ludwig Trepl: Wo ist die Utopie?

    Wenn sie schreiben

    Immerhin kam man erst vor etwa 200 Jahren auf den Gedanken, daß man auch Wildnis wollen kann und sogar sollte.

    so meinen sie mit man den typischen Abendländer/Europäer.
    Wenn sie jetzt - mit unserem globaleren Blick - immer noch so etwas schreiben, nehmen sie implizit an, dass das was in Europa als Kulturlandschaft geschaffen wurde nun ein Standard für die ganze Erde ist, wobei sie wohl noch standortgemässe Kulturlandschaften "erlauben".

    Vor 200 Jahren war das was sie heute Utopie nennen - nämlich, dass ein Grossteil der Erde nicht vom Menschen gestaltet ist - das Normale und das was sie heute als Normal betrachten, nämlich die Gestaltung der gesamten Erdoberfläche durch Menschenhand eine Utopie.

    Die Umgestaltung der gesamten Erdoberfläche hat durchaus ihre Gefahren, auch wenn sie die nicht erkennen wollen. Sie ändern damit möglicherweise die globale Albedo, also den Anteil des Sonnenlichts, der von der Erde reflektiert wird. Sie ändern die Verdunstung und beeinflussen damit die Niederschläge, das Mikroklima und womöglich sogar das lokale Klima.

  15. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @Schorsch

    Zu Ihrer Frage "Wenn man die Wildnis nie erlebt hat, wie kann man dann wissen, was sie für den Menschen bedeutet?" will ich demnächst einen Artikel in diesem Blog schreiben.

  16. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ Martin Holzherr

    „Immerhin kam man erst vor etwa 200 Jahren auf den Gedanken, daß man auch Wildnis wollen kann und sogar sollte“, so zitieren Sie mich und schreiben dann:
    „so meinen sie mit man den typischen Abendländer/Europäer.“

    Ja, natürlich den Abendländer/Europäer, und sofern man den Bildungsbürger als dafür (typisch ansieht, den typischen Abendländer/Europäer. Vermutlich stimmt mein Satz aber auch, wenn man mit "man" die Menschheit meint. Mir ist nicht bekannt, daß man irgendwo außerhalb des europäischen Kulturkreises die Wildnis liebt. – Der Rest des Absatzes ist mir unverständlich. Was wollen Sie mir damit sagen? Mit dem zweiten Absatz geht es mir ebenso.

    Zu ihren naturwissenschaftlichen Argumenten: Natürlich verändert sich die globale Albedo – aber so stark, daß es für irgend etwas relevant ist? Es geht ja nicht darum (nicht mir, ich bin weder Politiker noch Visionär, sondern den Leuten, deren Ideal nicht Wildnis mit Mega-Städten darin, sondern Kulturlandschaft ist), alles Festland in eine Wüste, sondern Wald in aufgelichteten Wald oder eine Art Waldsteppe umzuwandeln, eben „Kulturlandschaft“. Das ist vor allem im (Anschluß an das) Neolithikum und dann noch einmal im 19. Jahrhundert in einem Maße geschehen, dem nicht mehr viel hinzugefügt werden kann, eben weil es auf dem größten Teil der Erde schon stattgefunden hat. Ich kenne keine Anhaltspunkte für die Behauptung, daß das irgendwelche nennenswerten Veränderungen der Albedo mit negativen Folgen hatte. Gleiches gilt für die Niederschläge. Nennen Sie mir welche, wenn Sie welche wissen. Die schwerwiegendsten negativen Folgen – für die Landwirtschaft, nicht für den Naturschutz – lagen sicher in der Erosion (etwa im Mittelmeergebiet oder in den chinesischen Lößregionen). Aber das ist für die Frage der Vision „Kulturlandschaft statt Wildnis“ ohne Bedeutung, denn diese Folgen sind mit der Umwandlung von Wald in Kulturland nicht notwendig verbunden. Was bleibt, ist „das Mikroklima und [nicht womöglich, sondern sicher, L.T.] das lokale Klima“. Diese Änderungen sind unvermeidlich groß. Aber wofür sind sie nachteilig?

  17. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Ludwig Trepl: Ökosysteme erhalten

    Die Idee Wildnis zu erhalten wird ja teilweise mit Nationalparks umgesetzt. Damit will man möglichst wenig vom Menschen beeinflusste Ökosysteme erhalten.
    Dass es Wildnis-Trails gibt, zeigt ja, dass Wildnis nicht per se menschenfeindlich und ungeliebt sein muss.
    Zudem gibt es labile Ökosysteme, wo es nicht möglich ist, (Zitat)Wald in aufgelichteten Wald oder eine Art Waldsteppe umzuwandeln, eben „Kulturlandschaft“ ohne das Ökosystem zu zerstören. Dazu scheint der Regenwald im Amazonasgebiet zu gehören. Lichtet man diesen Wald, so ändert man das Mikroklima und setzt den Boden einem Erosionsprozess aus, dem schliesslich der Urwald/Wald zum Opfer fällt. Solche Eingriffe würden den Amazonasregenwald wohl in eine Steppe/Savanne umwandeln.

    Mit dem Verlust an Wildnis ist zudem meist auch ein Verlust an Arten verbunden, was ich als negativ betrachte, denn für mich muss es nicht überall menschengemachte Landschaft geben und der Erhalt von Arten hat für mich Vorrang. Im Gegenteil halte ich es für erstrebenswert, möglichst grosse und zusammenhängende Gebiete in ihrem Naturzustand zu belassen. Auch darum, weil viele Grosssäuger darauf angewiesen sind. Ihre Bemerkung in einem früheren Beitrag, vom Landschaftsstandpunkt her bräuchte es die meisten Arten (beispielwsise Insekten) gar nicht, es würden beispielsweise ein paar Bienenarten zur Bestäubung genügen, befremdet mich.

    Dass ich mit meinen Vorstellungen nicht ganz allein bin, zeigt sich in Bemühungen mehrer Länder. In den USA gibt es Wilderness Area's, die als vom Menschen unbeeinflusste Gebiete von mindestens 20 km^2 Grösse definiert sind.
    In Neuseeland definiert man Wildnis als unbewohntes Gebiet, für das man „mindestens zwei Tagesmärsche zur Durchquerung benötigt.“ ( 150.000 – 500.00ha).

    Nun noch zum zweiten Abschnitt meines vorhergehenden Kommentars, den sie nicht verstanden haben.
    Dort antworte ich auf einen Satz von ihnen Ich habe mich jetzt auf das abstrakte, weltfremde Utopienschmieden eingelassen; und meinen damit offensichtlich, dass der Erhalt grosser Wildnisgebiete eine Utopie sei und schreiben später, erst vor 200 Jahren sei man überhaupt auf die Idee gekommen Wildnis sei erhaltenswert.
    Im von ihnen nicht verstanden Absatz mache ich sie darauf aufmerksam, dass vor 200 Jahren noch grosse Teile der Erde Wildnisse waren und die Idee alles in Landschaft zu verwandeln dazumal noch die Utopie war und nicht das umgekehrte.

    Meine Vorstellung von einer zukünftigen nachhaltigen Zukunft der Menschheit geht davon aus, dass der Mensch aus vielerlei Gründen zwischen von ihm kontrollierten Gebieten und anderen (eben wilden) Gebieten unterscheiden muss und dass diese anderen Gebiete überhaupt möglichst wenig beeinflusst werden sollten. Einige der Gründe für diese Trennung von Mensch und Natur sind:
    - Die hohe Zahl an Menschen lässt es nicht zu, dass diese ihre Abfälle und Prozesszwischenprodukte in der Natur entsorgen. Das gilt sogar - wie wir inzwischen wissen - für geruchlose und unsichtbare Abfälle wie Kohlendioxid (CO2)
    - Rohstoffe sind endlich und eine nachhaltige Lösung muss Kreisläufe schliessen (Cradle-to-Cradle).
    - Die Meere werden schon in wenigen Jahrzehnten ausgefischt sein und es gibt nur eine überzeugende Lösung für das Überfischungsproblem: Verzicht auf Fischfang ausser den aus Fischzuchten womit wir dann bei der Situation wären wo alle Nahrung entweder aus dem Stall, vom Feld oder von der Fischfarm kommt. Tendenziell wird die "Fleischproduktion mit Tieren" wohl irgendwann durch die Fleischrpoduktion in Bioreaktoren (Labor) ersetzt und die Nahrungsproduktion wird möglicherweise gar nicht mehr so grosse Flächen wie heute benötigen.

    Fazit: Die Vielzahl an Menschen, die zudem immer mehr produzierte Waren "verstoffwechseln" macht es nötig, Gebiete vom Menschen freizuhalten, wenn überhaupt noch etwas von der Natur übrigbleiben soll. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass 70 Mal so viele Waren hergestellt werden müssten, wenn alle Menschen so leben würden wie die bessere Hälfte der US-Bürger.

  18. Theoman Antworten | Permalink

    Realität der Güllewirtschaft

    @ Susanne Grube

    Ihren Unmut über die Einteilung der Landschaft in Schutz- und Schmutzgebiete stimme ich zwar weitgehend zu, es ist
    aber anmerken, dass diese Erkenntnis mindestens 20 Jahre alt ist und nicht verhindert hat, dass - derzeit noch angeheizt durch Biogasanlagen - ganz Nordwestdeutschland in eine Güllelandschaft verwandelt wurde.

    Ich kann z. B. im Sommer von Dorsten nördlich von Essen ca. 30 km in Richtung Westen fast ununterbrochen durch einen Maistunnel fahren und erst in Holland wieder die erste Wiese sehen.

    Die Diskussion über ' Wildnisse' finde ich deshalb naiv-
    philosophisch-elitär. Dass es an Stadträndern noch 'wildnisähnliche' Brachen und eine höhere Artenvielfalt gibt, ist seit Jahrzehnten bekannt und sicherlich kein Erfolg oder Ergebnis der Wildnisphilosophie.

    Wir brauchen in Deutschland keine Diskussionen über Wildnisse, sondern Politiker, die den Wahn der Einteilung in Schutz-, Kompensations- und Güllegebiete stoppen.

    Dieses Problem ist aufgrund der mächtigen Landwirschaftslobby aber so gut wie unlösbar. Und un- oder schwerlösbare Probleme werden bekanntlich von der Politik und Gesellschaft ignoriert.

  19. Schorsch Antworten | Permalink

    @Theoman

    Ich stimme Ihnen zu, ich glaube auch, dass es kein Ergebnis oder Erfolg der Wildnisphilosophie ist, dass es an den Stadträndern artenreiche Brachen gibt. Ich frage mich aber auch, ob Philosophen das überhaupt im Sinn hatten, denn die sind (in den meisten Fällen leider) keine Politiker (mehr). Philosophen denken zu viel und tun zu wenig und Politiker tun zu viel und denken zu wenig – damit haben sie recht.

    Nichtsdestotrotz halte ich die Diskussion über „Wildnis“ keineswegs für „naiv-philosophisch-elitär“. Ich halte es vielmehr für naiv (und sehr gefährlich) Philosophie (auch wenn sie sich mit dem seltsam weltfremdem Begriff der Wildnis befasst) vorschnell als „elitär“ abzutun. Ich halte es zudem für problematisch die Tat des Politikers prinzipiell für wichtiger zu halten als die Diskussion (der Philosophen). Hier scheint mit etwas kurzgeschlossen zu werden, was besser differenziert werden sollte, sonst ist das Grauen meist nicht weit.

    Mich würde interessieren, was für Sie "das Problem" mit der Landwirtschaftslobby ist und wie Sie es angehen würden bzw., warum es ihnen unlösbar erscheint? Und: Warum genau hat das Philosophieren über Wildnis keinen Sinn? (Bisher hat sich mir das nicht erschlossen.) Würden sie bezweifeln, dass es global gesehen (also nicht nur in Nordwestdeutschland) so etwas wie Wildnis gibt? Und meinen Sie nicht, dass es sich lohnen würde, darüber nachzudenken und zu diskutieren, welche Argumente es für oder gegen die Erhaltung dieser Gebiete gibt? Wäre es ihnen egal, wenn es diese Gebiete nicht mehr gäbe?

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