Wilde Träume Teil II

5. März 2012 von Ludwig Trepl in Landschaftsbegriff

Nicht Naturgebiete werden, der jetzt übliche Praxis gemäß, als Inseln in der Zivilisationslandschaft erhalten, sondern es soll umgekehrt sein, die besiedelten Gebiete sind Inseln in der Wildnis. So sieht die Utopie von Jürgen Gerdes aus; in Teil I habe ich das näher ausgeführt.

Diese Wildnis-Vision soll weltweit durchgesetzt werden.

Um das zu legitimieren, müßte er nun zeigen – er tut das nicht, Martin Gorke, auf den er sich beruft, versucht es –, daß die Auffassung, das Eingreifen in „die Natur“ sei nur dann erlaubt, wenn die Not dazu zwingt, nicht eine weltanschauliche Positionen unter vielen möglichen ist; eine Variante des Konservativismus, die sich entwickelt hat innerhalb einer unter vielen Kulturen, der sogenannten westlichen. Er müßte zeigen, daß sie objektiv richtig ist, für alle Menschen gültig; niemand kommt, wenn er nur seiner Vernunft folgt, umhin, das zuzugestehen. Vielleicht gelingt das ja. Ich halte das nicht für von vornherein ausgeschlossen, wenn es auch auf dem heute unter Naturschützern und Umweltethikern üblichen naturalistischen Weg bestimmt ausgeschlossen ist. Doch darauf will ich hier nicht eingehen, sondern der Frage der Konsequenzen einer möglichen Kultur- oder Weltanschauungsrelativität der Gültigkeit von Gerdes’ Haltung in eine andere Richtung nachgehen:

Er verlangt „eine globale Charta, die jeder Nation auferlegt, sich möglichst schnell und so weit wie irgend möglich aus dem Raum, den wir nutzen, zurückzuziehen.“ Ott kritisiert das: Ein derartiges Projekt sei kaum demokratisch legitimiert zu realisieren. Daß es darauf ankommt, wird man freilich nicht anerkennen, wenn man eine solche weltanschauliche Position vertritt, wie sie hinter jener Vision steht: Wenn diese Position richtig ist, kann man schwerlich Rücksicht darauf nehmen, daß es irgendwo dafür keine Mehrheiten gibt. Ein Angehöriger unserer Kultur wird ja auch kaum zustimmen, daß man Ritualmorde oder Mädchenbeschneidung dulden müsse, wenn es in einem bestimmten Land Mehrheiten dafür gibt. Denn er wird die Werte, die er vertritt und die er hier verletzt sieht, nicht für kulturrelativ halten, sondern für allgemeingültig, und sie werden für ihn über dem Wert des Mehrheitsprinzips stehen.

Aber jene mit der Menschenwürde unvereinbaren Praktiken sind für die, die sie verteidigen, ja auch mit höchsten Werten verbunden. Was also hat zu geschehen, wenn in manchen Ländern nicht nur aus irgendwelchen Interessen heraus keine demokratischen Mehrheiten für Gerdes’ Wildnis-Vision zustande kommen, sondern man es vielleicht für göttlichen Auftrag hält, die Natur zu kultivieren, also zu pflegen, so wie es im klassischen Konservativismus der Fall war? Oder sie gar zu unterwerfen in der Art, wie es unter industriekapitalistischen Verhältnissen ohnehin geschieht? (Es gibt sicher liberalistische Versionen des US-amerikanischen Christentums, die das vertreten.) Selbst wenn es gelänge, Gerdes’ Position zu objektivieren in dem Sinne, daß sich eine moralische Pflicht allgemeingültig begründen läßt, die es erlaubt, sich über das, was in anderen Teilen der Welt für richtig gehalten wird, hinwegzusetzen: Bis dahin jedenfalls müssen wir sie als eine bestimmte weltanschauliche Position neben anderen nehmen, entstanden in einer bestimmten Kultur, neben der es andere gibt. Wildnis ist damit eine „Kulturaufgabe“ in dem Sinn, daß etwas, was für eine bestimmte Kultur einen Wert hat, erhalten werden soll.

Gegen „Wildnis als Kulturaufgabe“ verwahrt sich Gerdes in seinem Artikel mehrmals. Das scheint sogar sein Hauptanliegen zu sein. (Der Anlaß des Artikels war ein Kongreß mit dem Titel „Wildnis als Kulturaufgabe“.) Er schreibt z. B.: „Die Frage zu stellen, ob man sich Wildnis zur Kulturaufgabe machen solle, ist eine Verkennung der tatsächlichen Machtverhältnisse“, und es erscheint ihm „anmaßend“, die Wildnis „als Kulturaufgabe zu reklamieren“.

Ich hatte erst den Eindruck eines simplen, wenn auch merkwürdigen Mißverständnisses: Er schien mir zu glauben, „Wildnis als Kulturaufgabe“ sei so zu verstehen, daß die Wildnis kultiviert werden solle; „Kultur“ sei also etwa im Sinne von „Landbau“ gemeint. Das ist natürlich nicht der Fall. „Wildnis als Kulturaufgabe“ – ich weiß es, weil ich an der Vorbereitung des Kongresses beteiligt war – bedeutet etwa: Man soll das, was im Hinblick auf Wildnis zu geschehen hat, nicht primär als eine technische Aufgabe begreifen (mit der man Ökologen und Ingenieure beauftragen kann), sondern als eine Kulturaufgabe in dem Sinn, wie man die Erhaltung oder Restaurierung eines Schlosses, einer Kathedrale oder auch den Schutz eines heiligen Hains primär als Kulturaufgabe begreift und technische Aufgaben sich in diesen Rahmen einzuordnen haben. Weder das Warum läßt sich mit einem auf Technisches gerichteten Verstand beantworten noch das Wie. Das, so dachte ich, scheint aber Gerdes ebenfalls zu meinen: Wenn wir der Wildnis etwas erklären sollen, damit sie uns versteht (s. Teil I), dann scheint das doch in die Richtung „Wildnis als Kulturaufgabe“ zu  gehen; denn Wildnis wird hier gewiß nicht als physisches Ding verstanden, für das Ökologen und Ingenieure zuständig sind. Er widerspricht also den Kongreßveranstaltern, die wollen, daß man „Wildnis als Kulturaufgabe“ sehen soll, gar nicht, er versteht sie nur falsch.

Nun aber glaube ich zu verstehen, warum Wildnis für ihn auch dann nicht eine „Kulturaufgabe“ ist, wenn man „Kultur“ nicht nur als landwirtschaftliches Kultivieren begreift (und es ist ja schwer vorstellbar, daß dies die einzige Bedeutung ist, die „Kultur“ für ihn hat). Zwei Gründe scheint er mir für seine Vorbehalte zu haben: (1) Was man der Kultur zuordnet, hat den Makel des Kulturrelativen. Es hat keinen objektiven Wert, sondern immer nur einen Wert für die jeweilige wertzuschreibende Kultur. Einen solchen nur relativen Wert aber soll Wildnis nicht haben. Der Gedanke, daß es verschiedene Kulturen auf der Erde geben könnte, kommt in dem Artikel gar nicht vor. Nicht Kulturen gibt es, sondern (2) „die Kultur“, die „des Menschen“ (mit der er die industriekapitalistische Zivilisation identifiziert). Darum schreibt Gerdes auch immer, wie unter Naturschützern üblich, von „wir“, d. h. „dem“ Menschen, auch da, wo es gar nicht um „den“ Menschen gehen kann. Und gegen diese Menschheitskultur, gegen das, was als Ganzes gegen die Natur steht, möchte er die Wildnis verteidigen. ZU diesem Zweck meint er der Auffassung entgegentreten zu müssen, daß es die Wildnis nicht an sich gibt, daß sie ein „Konstrukt“ ist, ein Konstrukt „des Menschen“: „Natürlich kann der Mensch nur als Mensch über sie reden [...] Aber dennoch ist sie nicht seine Erfindung. Sie hat ihre eigene Realität.“

Da wird aber übersehen, daß sie nicht als Wildnis „ihre eigene Realität“ hat, auch wenn die Berge und Flüsse und Tiere und Pflanzen in einer Wildnis ihre eigene Realität haben. Physikalische Sachverhalte wie die Stärken und Frequenzen von Schallwellen haben „ihre eigene Realität“, aber das Musikstück ist eine „Erfindung“ des Komponisten und hat Realität nur für Menschen. Und zwar nicht für alle, für manche mag nur Geräusch sein, was für andere Musik ist. Und so kann es auch Gebiete mit Bergen und Flüssen und Tieren und Pflanzen geben, die nie von Menschen beeinflußt wurden und die „ihre eigene Realität“ haben und die auch objektiv und für alle Menschen gültig mit den Begriffen der Naturwissenschaften beschrieben werden können. Sie sind aber nicht für alle Menschen Wildnis.

Wildnis gibt es nicht zum einen als einen objektiven, naturwissenschaftlichen Sachverhalt und zum anderen für Menschen. Sondern es gibt sie nur, wenn es sie für Menschen gibt. Wildnis ist nicht ein vom Betrachter unabhängiger Gegenstand, sondern hat ihre Realität allein in der Relation. Und wenn manche Gebiete für manche Menschen Wildnis sind, so hat Wildnis doch nicht für alle von ihnen die gleiche Bedeutung. Ott weist, in einem etwas anderem Zusammenhang, darauf hin, daß Gerdes Natur und Wildnis gleichsetzt. Wildnis ist aber etwas anders als Natur. „Natur“ hat unter mehreren Bedeutungen auch die, daß es das mit diesem Begriff Bezeichnete auch gäbe, wenn es keine Menschen gäbe. Wildnis aber hat diese Bedeutung nicht – auch und gerade wenn zur primären Bedeutung von Wildnis gehört, daß sie da anzutreffen ist, wo keine Menschen sind. Sie ist dort nur Wildnis, insofern sie von Menschen als solche aufgefaßt wird (sonst ist sie „unberührte Natur“), und nicht alle Menschen fassen sie als Wildnis auf. Für manche ist sie der normale Lebensraum, für andere vielleicht Paradies und damit nicht Wildnis.

Hier liegt der gute Sinn von Gerdes’ Abneigung gegen die heute unter Naturschützern und Landschaftsplanern herrschende Vorstellung, Wildnis könne und solle ein Gegenstand des „Managements“ sein (was er irrtümlich mit „Wildnis als Kulturaufgabe“ gleichsetzt): Es sei „wenig hilfreich, Wildnis als eine weitere Managementaufgabe zu betrachten“. „Alle diese Ansätze gehen davon aus, Wildnis ließe sich durch vernünftiges Management in den Expansionsraum des Menschen und seine herrschende Weltaneignungsstrategie eingliedern, wenn man nur die richtigen Instrumente wählte.“ Seine Begründung ist aber ganz falsch, und zwar deshalb, weil Wildnis kategorial etwas anderes ist als die mit den Mitteln der Naturwissenschaft beschreibbare Natur in den Gebieten, von denen man sagt, dort sei Wildnis. Er schreibt: „Das Netzwerk des Lebens ist viel zu komplex, als dass wir, gleichsam planwirtschaftlich, beliebig den Raum bestimmen könnten, innerhalb dessen sich nichtmenschliche Kreaturen frei bewegen dürfen. Wir können nicht alles überwachen, steuern, designen [...].“

Das stimmt sicher, aber es wäre ein Argument gegen Allmachtsvorstellungen auf dem Gebiet des Schutzes von Arten und Ökosystemen, nicht gegen die Behauptung, Wildnis ließe sich durch geschicktes Management erhalten. Denn die Ebene, auf der sich das entscheidet, hat mit der Ebene, auf der das Argument angesiedelt ist, gar nichts zu tun. Auch wenn es gelingen sollte, trotz der Komplexität des Netzwerks die Natur in Schutzgebieten in allen Einzelheiten so zu erhalten, wie sie vor aller Einflußnahme von Menschen war, so muß doch dort keine Wildnis mehr sein. Allein das durch das Hinweisschild erzeugte Bewußtsein, daß diese „Wildnis“ von Gnaden einer Verwaltung existiert, kann reichen, um die Wildnis zu zerstören, während sie für die, die das nicht wissen, immer noch Wildnis ist. Denn Wildnis existiert in der Relation von Erlebendem und Erlebtem, eine Veränderung auf einer der beiden Seiten reicht, um die Relation zu zerstören. Und wenn man eine „Wildnis“ in allen Einzelheiten mit den Mitteln einer fortgeschrittenen Öko-Technik künstlich so herstellen könnte, daß sie naturwissenschaftlich auf keine Weise mehr zu unterscheiden wäre von einer „echten“ „Wildnis“: Wenn man es weiß, ist das eben keine Wildnis, sondern ein künstliches Gebilde.

Gerdes ist also zuzustimmen, wenn er vom „Wildnismanagement“ nichts hält: Es kann keinen Erfolg haben. Das liegt aber nicht an der nicht zu bewältigenden Komplexität der unberührten Natur, sondern daran, daß der Begriff Wildnismanagement einen inneren Widerspruch enthält. Seine eigene Vision, als ernstgemeinter politischer Plan genommen, ist davon aber nicht ausgenommen. Die riesigen Wildnisgebiete, in denen die Siedlungsräume nur Inseln sind, gibt es nur, weil ihr Schutz politisch gewollt ist und die Grenzen bewacht werden. Und was des Schutzes bedarf, ist ohnehin keine Wildnis; diese ist stärker als der Mensch, sonst ist sie keine. Wenn sich, wie auch immer, ein Tabu herstellte, ein unüberwindlicher und unerklärlicher Schrecken, der die Menschen von der Überschreitung der Grenze der Wildnisgebiete abhielte, auch wenn sie noch so gern hineinwollten, dann wäre dort Wildnis. Aber Gerdes will das nicht und er hofft nicht darauf, sondern er will staatliche Verbote. So läßt sich Wildnis nicht erhalten.

Auf das Tabu können wir aber nicht rechnen. Die Natur wird sich nicht wieder mit als wirklich geglaubten Dämonen bevölkern. Kann es dann gar keine Wildnis mehr geben? Doch, hier und da und immer mal wieder. Kurz nach der Wende bin ich verbotenerweise durch die Döberitzer Heide gelaufen, einen aufgelassenen Truppenübungsplatz bei Berlin. Das war eindeutig Wildnis. Da hat sich „die Natur“ zurückgeholt, was „der Mensch“ – aus bekannten politischen Gründen – nicht mehr in der Lage war zu halten, und gefährlich war es auch, weil noch ziemlich viel Munition herumlag. Jetzt befindet sich dort ein “Wildnispark“ der Sielmann-Stiftung. Es sieht noch weitgehend aus wie damals, abgesehen davon, daß durch die Vegetationssukzession das Gebiet dem natürlichen Zustand ähnlicher geworden ist und daß Wisente herumlaufen. Aber eine Wildnis ist es nicht mehr.

 

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