Reale Gefahren auf dem simulierten Mars

16. Februar 2016 von Christiane Heinicke in Allgemein, sMars

Heute* Morgen bebte unser Habitat. Die Wände knarrten, der Boden meines Zimmers zuckte ungleichmäßig hin und her, und irgendwoher aus der Tiefe rumpelte und grollte es. Es war nicht das erste Erdbeben, das seit Beginn unserer Simulation hier stattfand, aber es war das erste, das ich bemerkte und sofort als solches identifizieren konnte. Es hatte Stärke 4.1.

Wir sind zwar auf dem simulierten Mars, aber der befindet sich auf der realen Erde. Und die bringt ganz reale Gefahren mit sich, besonders wenn man sich als Wohnort einen aktiven Vulkan in der Mitte des tropischen Pazifiks aussucht.

Unser Habitat ist von Lavaflüssen verschiedenen Alters umgeben.

Unser Habitat ist von Lavaflüssen verschiedenen Alters umgeben.

Wir waren noch gar nicht in unser Habitat eingezogen, da warnten die Lokalnachrichten vor Hurrikan Ignacio. Anfangs noch als relativ schwach und unbedenklich eingestuft – wenn man bei einem Hurrikan überhaupt von „schwach“ reden kann – gewann er zunehmend an Stärke. Unmittelbar nach unserem Einzug erstellten wir daher einen Notfallplan. Wir hatten zwei Möglichkeiten: Bleiben oder das Habitat vorsorglich komplett evakuieren. Bleiben bedeutete im Extremfall einen Notaufenthalt über mehrere Tage in unserem Lagercontainer, der tief im Untergrund verankert ist. Wir entschieden uns für diese Option, konnten aber zum Glück im Habitat bleiben: Ignacio drehte gerade noch rechtzeitig bei und wir bekamen nur die Ausläufer des Sturms ab.

Knapp drei Wochen später bebte in Chile die Erde. So stark, dass von der umliegenden Küste mehr als eine Million Menschen evakuiert und Tsunamiwarnungen ausgegeben wurden. Wir selbst brauchten uns auf 2500m Höhe natürlich keine Sorgen um unser Wohl machen. Aber ein wichtiger Teil unseres Mission Support Teams lebt an der Küste von Hawaii und war damit potenziell gefährdet. Etwa vierzehn Stunden nach dem Erdbeben kam der Tsunami tatsächlich, richtete aber mit 1m Höhe keinen Schaden an.

Auf dem Mars stellten Hurrikan und Tsunami für eine Crew natürlich keine Gefahr dar. Beide brauchen Wasser für ihre Entstehung und Ausbreitung. Erdbeben dagegen können sowohl für uns auf dem simulierten Mars als auch für eine Crew auf dem echten Mars gefährlich werden. Für uns, da vor allem das Innere unseres Habitats alles andere als erdbebenfest ist, da haben Erdbeben schon wesentlich stabilere Konstruktionen dem Erdboden gleich gemacht. Für uns sind die Anweisungen klar: Wenn die Erde so stark schwankt, dass Gegenstände umfallen, verlassen wir das Habitat sofort, und zwar ohne Raumanzug. Für eine Crew auf dem echten Mars ist das keine Option.

Lava, die aus einem Skylight in der Nähe übergeschwappt ist.

Lava, die aus einem Skylight in der Nähe übergeschwappt ist und älteres Lavagestein umflossen hat.

Gibt es Beben auf dem Mars? Die Frage ist weitgehend ungeklärt, deshalb arbeitet die NASA an InSight. Die Mission, die vor Kurzem wegen technischer Probleme verschoben wurde, soll gerade eventuelle seismische Aktivitäten auf dem Mars aufspüren. Denn es gibt Hinweise, das der Olympus Mons, der größte Vulkan des Sonnensystems, erst vor Kurzem ausgebrochen ist und Lava mit solcher Wucht ausgespien hat, dass sie es als Meteoriten bis zu uns auf die Erde geschafft hat.

Sollte Olympus Mons tatsächlich aktiv sein, müssten auch Marsbeben stattfinden. Tatsächlich gibt es einige Felsbrocken, die wahrscheinlich durch Beben in Bewegung versetzt wurden, Hänge herabrollten und dabei Spuren hinterließen. Allerdings weiß man auch hier nicht genau, wann das passiert ist. Nur dass es „vor einer geologisch kurzen Zeit“ gewesen sein muss, also durchaus vor einigen Millionen Jahren.

Aber auch andere Gefahren lauern in der Tiefe...

Aber auch andere Gefahren lauern in der Tiefe...

Um die Frage nach heutiger seismischer Aktivität abschließend zu klären, müssen wir uns wohl gedulden, bis die InSight-Mission das erste Beben auf dem Mars aufgezeichnet hat. Bis dahin sollte man zur Sicherheit planen, Marshabitate bebenfest zu bauen – eines, das die Crew im Falle eines Marsbebens nicht verlassen muss.

Daheim auf dem Hawaii-Mars zeigen die Erdbeben natürlich auch die Aktivität des Vulkans an, auf dem wir leben: Im letzten Jahr ist die Anzahl der Erdbeben in geringer Tiefe angestiegen. Das und ein Anschwellen des Untergrundes, das auf ein Füllen der Magmakammer hindeuten kann, führte dazu, dass der Mauna Loa seit September auf der zweiten Warnstufe von vier steht. Es kann natürlich sein, dass der Vulkan sich in ein paar Monaten oder Jahren wieder beruhigt, ohne dass es zu einem Ausbruch kommt. Genauso gut können die Erdbeben aber auch auf einen bevorstehenden Ausbruch hindeuten. Noch ist es zu früh, das genauer vorherzusagen. Uns bleibt daher nur, abzuwarten und zu hoffen, dass auch die spürbaren Erdbeben des nächsten halben Jahres so glimpflich verlaufen wie das heutige.

Realistisch betrachtet, sind unser größtes Risiko nicht die aktuellen Vulkanaktivitäten, sondern die vergangenen, die brüchige und scharfkantige Lava hinterlassen haben. Nach Küchenunfällen, natürlich.

Realistisch betrachtet, sind unser größtes Risiko nicht die aktuellen Vulkanaktivitäten, sondern die vergangenen, welche brüchige und scharfkantige Lava hinterlassen haben. Nach Küchenunfällen, natürlich.

*Zwischen Schreiben und Veröffentlichen des Posts lagen ein paar Tage. Die Beschreibung des Erdbebens bezieht sich auf den 12. Februar 2016. Die Quelle lag einige Dutzend Kilometer entfernt vom Habitat, am Südostrand der Insel.

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Ein Kommentar zu “Reale Gefahren auf dem simulierten Mars”

  1. Ilse Antworten | Permalink

    Liebe, I hope you are doing well. Miss you so much please write me something about how are you doing. We love you and We are waiting for you.
    GruBe schwester.

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