Den Krebs weg impfen


Angelika Riemer entwickelt einen therapeutischen Impfstoff gegen humane Papillomviren (HPV), die Gebärmutterhalskrebs und andere Krebsarten auslösen können.

Wie Angelika Riemer ans Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg kam, ist fast zu schön, um wahr zu sein: Alles begann mit einem Nobelpreis. Als Harald zur Hausen Ende 2008 den Medizinnobelpreis erhielt, sprang Manfred Lautenschläger nach eigener Aussage „vor Freude im Karree“. Spontan stiftete der Mitbegründer des Finanzdienstleisters MLP eine Million Euro für die Einrichtung einer Nachwuchsforschungsgruppe am DKFZ, wo zur Hausen heute noch forscht. Dieser kannte Angelika Riemer von einem Besuch in Harvard, wo die junge Ärztin und Molekularbiologin bereits zum Thema HPV arbeitete. Er fand, dass sie die perfekte Leiterin dieser neuen Arbeitsgruppe sei.

Dr. Angelika Riemer mit Prof. Harald zur Hausen, Medizinnobelpreis 2008, im Labor des DKFZ. Foto: DKFZ

Dr. Angelika Riemer mit Prof. Harald zur Hausen, Medizinnobelpreis 2008, im Labor des DKFZ. Foto: DKFZ

Zur Hausen hatte entdeckt, dass unter anderem Gebärmutterhalskrebs, der dritthäufigste Krebs bei Frauen, von HPV ausgelöst wird. Seine Entdeckung führte zur Entwicklung eines vorbeugenden Impfstoffs gegen die häufigsten HPV-Typen, der seit 2006 in der EU zugelassen ist und für Mädchen ab neun Jahren empfohlen wird. Aber bei einer bereits existierenden Krebserkrankung hilft dieser Impfstoff leider nicht. „Das HP-Virus ist sehr geschickt darin, sich in den Körperzellen zu verstecken“, erklärt die österreichische Forscherin Riemer. „Um es aufzustöbern, müssen wir typische Viruspeptide auf der Oberfläche der betroffenen Zellen finden, sogenannte Epitope.“

Diese Epitope unterscheiden sich jedoch nicht nur bei verschiedenen Viren – hier spielen auch die Gene der Patienten eine entscheidende Rolle. So genannte HLA-Moleküle des menschlichen Immunsystems (Human Leukocyte Antigen) „präsentieren“ die Epitope auf infizierten Zellen, wo sie von T-Zellen erkannt werden können – die entscheidende Voraussetzung für ihre Vernichtung durch die Immunabwehr. Leider gibt es tausende verschiedene menschliche HLA-Moleküle, und damit viele verschiedene Epitope, was die Entwicklung eines Impfstoffes erschwert. Riemer: „Unsere Forschungsfrage lautet: Wie können infizierte Zellen bei möglichst vielen verschiedenen Genotypen erkannt werden?“

Zum Glück gibt es „Supertypen“: Das sind Gruppen von HLA-Molekülen, welche die gleichen Epitope präsentieren. „Wenn wir die fünf häufigsten Supertypen zusammen nehmen, dann deckt man damit über 95 Prozent der Weltbevölkerung ab. Wir bestimmen jetzt die Epitope für die häufigsten Supertypen und hoffen, einen Impfstoff entwickeln zu können, den man jedem Betroffenen geben kann, ohne ihn vorher HLA-typisieren zu müssen“, erläutert Riemer.

Hans-Werner Hector stiftete Ende 2013 ein ultrasensitives Massenspektrometer im Wert von einer halben Million Euro. Er ist Vorstandsvorsitzender der Hector-Stiftung II und Mitbegründer des Konzerns SAP. Rechts neben Angelika Riemer: Dr. Christoph Rösli, ebenfalls Forschungsgruppenleiter am DKFZ. Foto: DKFZ

Hans-Werner Hector stiftete Ende 2013 ein ultrasensitives Massenspektrometer im Wert von einer halben Million Euro. Er ist Vorstandsvorsitzender der Hector-Stiftung II und Mitbegründer des Konzerns SAP AG. Rechts neben Angelika Riemer: Dr. Christoph Rösli, ebenfalls Forschungsgruppenleiter am DKFZ und Nutzer des neuen Spektrometers. Foto: DKFZ

Mittels Massenspektrometrie erstellt ihre Arbeitsgruppe anhand von Zelllinien eine „HPV Epitop-Map“ für diese wichtigsten Supertypen. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen Tumorzellen verwendet werden. Mit dieser wichtigen Grundlagenforschung konnte Dr. Riemer auch Prof. Michael Platten weiterhelfen, als dessen Arbeitsgruppe einen therapeutischen Impfstoff gegen bösartige Hirntumore zuerst im Labor entwickelt und dann erfolgreich am Tiermodell getestet hat.

Es ist kein Zufall, dass am DKFZ die Forschung in Arbeitsgruppen stattfindet. „In den Naturwissenschaften läuft nichts ohne Teamarbeit. Sie können sich nicht wie ein Geisteswissenschaftler monatelang an den Schreibtisch setzen und über einer Frage brüten, Sie arbeiten immer im Team“, meint Riemer. Für die Pflege des Teamgeistes unternimmt das Riemer-Lab zum Beispiel regelmäßige Ausflüge oder Grillabende.

Weltweit gibt es bislang einen einzigen zugelassen therapeutischen Impfstoff gegen Krebs: Provenge® wird bei fortgeschrittenem, austherapiertem Prostatakrebs eingesetzt, Studien belegen eine Lebenszeitverlängerung von ungefähr vier Monaten. Jetzt sind wir sehr gespannt, was die Forschungsanstrengungen im Riemer-Lab ergeben werden und wann ein therapeutischer HPV-Impfstoff auf den Markt kommt.

Die Forschungsgruppe von Dr. Angelika Riemer - kurz das "Riemer lab". Foto: DKFZ

Die Forschungsgruppe von Dr. Angelika Riemer – kurz das “Riemer lab”. Foto: DKFZ

Das Riemer-lab unternimmt eine Kanutour auf dem Neckar in der Nähe von Heidelberg. Foto: DKFZ

Das Riemer lab unternimmt eine Kanutour auf dem Neckar in der Nähe von Heidelberg. Foto: DKFZ

 

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