Fabiolas dritter Tag: Bilden – Inspirieren – Verbinden


Nachwuchsökonomin Fabiola Gerpott über ihren dritten Tag bei #LindauEcon14.

Donnerstag, 21.08.2014: Der dritte Meeting-Tag erwies den Leitmotiven der Lindauer Nobelpreistagungen alle Ehre: Bilden – Inspirieren – Verbinden (Educate – Inspire – Connect), dazu boten sich heute ausreichend Möglichkeiten! Sechs Lectures am Vormittag, dann eine 1,5-stündige Podiumsdiskussion und sechs parallele Diskussionsrunden am Nachmittag, gefolgt von einer abendlichen Lesung des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Im Anschluss gab es dann für uns Nachwuchswissenschaftler das obligatorische gemeinsame Abendbuffet: Ereignisreicher geht es kaum. Die Inhalte des Tages wiederzugeben würde ein eigenes Buch benötigen, deswegen beschränke ich mich auf ausgewählte persönliche Höhepunkte unter Rückgriff auf das Tagungsmotto.

Bilden

Die zahlreichen Programmpunkte ermöglichen ein beeindruckendes Spektrum der Aus- und Weiterbildung im ökonomischen Feld. Neben der Podiumsdiskussion über die Chancen von Big Data in der Ökonometrie (s. auch diesen Blogpost) waren für mich insbesondere die morgendlichen Lectures zum Thema Ungleichheit interessant. Der von vielen mit Spannung erwartete Nobelpreisträger Joseph Stiglitz betitelte seinen Vortrag mit dem provokativen Titel „Inequality, Wealth, and Growth: Why Capitalism is Failing“. Er betritt um 9.00 Uhr als erster Redner die Bühne und sofort wird es ruhig. Stiglitz beginnt mit dem kritischen Verweis auf die Tatsache, dass trotz hoher Wohlstandsanstiege und der Vermögens/Einkommens-Verhältnisse weder die Zinsen deutlich abgenommen noch die Löhne spürbar gestiegen sind. Trotz zunehmender Produktivität stagnieren in den USA die Gehälter. Diese Situation widerspricht klar den Voraussagen des neoklassischen Modells. Stiglitz hält das Publikum mit aufrüttelnden Thesen bei der Stange: Ungleichheit sei ein natürlicher Effekt des Kapitalismus und die Idee, dass Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, sei ein Mythos. Wer arm ist, bleibt dort mit großer Wahrscheinlichkeit auch arm. Die Vermögenszunahme führt er vor allem auf einen Anstieg des Wertes von Grundstücken/Land zurück. Im weiteren Verlauf des Vortrags macht der Wissenschaftler deutlich, dass allerdings nicht nur Marktkräfte für die zunehmende Ungleichverteilung von Wohlstand verantwortlich sind, sondern auch die Politik durch Fehlentscheidungen dazu beiträgt. Bildungsgerechtigkeit, Steuern, rechtliche Rahmenbedingungen – all diese Aspekte können je nach Ausgestaltung Ungleichheit verstärken oder reduzieren. Außerdem haben auch gesellschaftliche Veränderungen wie eine längere Lebenserwartung in Verbindung mit schlechteren sozialen Sicherungssystemen das Potenzial, die Einkommensverteilung negativ zu beeinflussen. Stiglitz widmet sich dann der zentralen Idee seines Vortrags: Kredite, nicht Bargeld, stellen die zentralen Treiber makroökonomischen Verhaltens dar. In Krisenzeiten steige zwar häufig die sich im Umlauf befindende Bargeldmenge, die Kreditvergabe stagniere allerdings. Vermögenssteigerungen erleben deswegen der Finanzsektor und diejenigen, die Kredite verteilen. Stiglitz fordert aufgrund des Versagens privater Märkte während der Finanzkrise eine direktere Rolle der Regierungen in der Kreditvergabe. Das von anderen Ökonomen zum Teil vorgebrachte Argument, eine Verringerung der Ungleichverteilung von Wohlstand könne zu niedrigerer Effizienz bzw. geringerem Wachstum führen, lässt Stiglitz nicht gelten: Für ihn ergänzen sich beide Bausteine – ein für mich sehr ermutigendes Plädoyer für die Reduktion von Ungleichheit.

Vortragsimpressionen des dritten Tages der Lindauer Nobelpreisträgeragungen (Fotos: F. Gerpott)

Vortragsimpressionen des dritten Tages der Lindauer Nobelpreisträgeragungen (Fotos: F. Gerpott)

Inspirieren

Die Veranstalter der Lindauer Tagungen haben sich zum Ziel gesetzt, die Teilnehmer durch möglichst viele Blickwinkel und Beiträge aus unterschiedlichsten Feldern zu inspirieren sowie zum Nachdenken anzuregen. Ein besonders schönes Beispiel für die Realisierung dieser Idee stellt der abendliche Vortrag des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa dar. Die Veranstaltung findet im Stadttheater von Lindau statt. Neben den Teilnehmern der Nobelpreisträgertagungen ist sie auch für 150 Bürger geöffnet – ein Angebot, dass im restlos besetzten Saal gut angenommen zu werden scheint. Der aus Peru stammende Schriftsteller hat im Jahr 2010 den Preis nicht nur für seine literarischen Leistungen sondern auch für seine gesellschaftspolitische Grundhaltung erhalten – eine Tatsache, die er in seiner Rede sehr wertschätzend hervorhebt. Er beschreibt sich selbst als Liberalen und spricht darüber, was Liberalismus für ihn bedeutet. Der 78-Jährige regt immer wieder zum Nachdenken an: Was sind die definierenden Bestandteile der Zugehörigkeit zu einer Bewegung oder politischen Richtung? Seiner Meinung nach ist eine definierte Menge geteilter Grundideen entscheidend. Wenn man in diesen übereinstimmt, ist man einer Denkrichtung zugehörig – auch wenn man in Bezug auf weitere Themen (im Liberalismus zum Beispiel die Trennung von Staat und Kirche) abweichende Meinungen als andere Mitgliedern der gleichen Richtung vertritt. Immer wieder sammelt er sich in ausdrucksstarken Sätzen über die Bedeutung von Toleranz, dem Respekt für andere, der Reduktion von Armut und Rassismus und dem Wert einer liberalen Welt. Seine Ansichten werden sicherlich nicht von jedem geteilt: Die USA zum Beispiel beschreibt er als offenste und am besten funktionierende Demokratie der Welt mit hoher Fähigkeit zur Selbstreflektion. Unabhängig davon, wie der Einzelne zu seinen politischen Sichtweisen steht, schafft es Llosa aber durchgehend das Publikum durch seine optimistische Art in seinen Bann zu ziehen:

„Niemals in der Geschichte hatten wir so viele Instrumente zur Verfügung, um die Katastrophen der Vergangenheit wie Armut, Krankheit oder Rassismus zu bekämpfen. Es hängt nur von uns ab, diese Instrumente zu verwenden!“

Er endet seine knapp 60-minütige Rede mit einem für mich nachhaltig inspirierenden Satz über das, was Freiheit ausmacht:

„Wir träumen von einer Welt voller Toleranz, Frieden, Vielfalt, Geschlechtergerechtigkeit, gegenseitiger Anerkennung – einer Welt, in der es kein anderes Hindernis als den eigenen Willen gibt. In diesem Zustand brauchen wir nicht mehr über Freiheit reden: Sie ist die Luft, die wir atmen und wie alle werden wahrhaftig frei sein.“

Verbinden

Neben den zahlreichen fachlichen Impulsen kommt auch der informelle Austausch zwischen den Nachwuchswissenschaftlern nicht zu kurz. Bei den Mahlzeiten und in den Kaffeepausen unterhalte ich mich mit den anderen Doktoranden über die Hoffnungen, Sorgen und geplanten Karrierewege innerhalb und außerhalb der Wissenschaft. Es ist beruhigend zu erleben, dass die Gedanken über Länder- und Fachgrenzen hinweg um dieselben Themen kreisen: Wie intensiv ist die Betreuung durch den Doktorvater / die Doktormutter im Optimalfall? Wie viele Konferenzen pro Jahr sollte man besuchen, um sowohl ausreichend vernetzt und auf dem aktuellen Forschungsstand zu sein aber gleichzeitig auch genug Zeit für die eigene Arbeit zu haben? Wie viel Jahre darf die Promotion dauern? Wie finanziere ich meine Forschung am besten? Diese und ähnliche Fragen werden von uns intensiv erörtert. Es ist kaum möglich, mit jedem der anwesenden Nachwuchswissenschaftler ausgiebig zu sprechen, doch wir tauschen eifrig Visitenkarten und Facebook-Kontakte aus. Mein Netzwerk wächst in diesen Tagen gewaltig und ich habe das Gefühl, nun in fast jedem Land der Welt einen Ansprechpartner zu haben.

Doch nicht nur untereinander wird eifrig diskutiert. Durch Zufall kann es auch passieren, dass plötzlich ein weltbekannter Forscher am eigenen Tisch sitzt und – ganz wissenschaftsfrei – über Essen (beliebtes Thema: Wie pelle ich die Weißwurst richtig), Trinken (Dauerbrenner: Das deutsche Bier, serviert in für ausländische Verhältnisse kaum zu bewältigenden Größen) oder Sport (Klettern mit 84 Jahren? Kein Problem für einen Nobelpreisträger!) plaudert. Diese Vorbilder so natürlich zu erleben ist für mich eine der schönsten Erfahrungen dieser Tagungen. Trotz vielzitierter Forschungsarbeiten und weitreichendem Bekanntheitsgrad teilen diese Wissenschaftler doch die gleichen Probleme und Freuden wie wir Doktoranden: Der Moment, in dem das entwickelte Modell die gewünschten Ergebnisse hervorbringt oder der eigene Aufsatz in einer renommierten Zeitschrift angenommen wird, ruft auch bei den Berühmtheiten des Faches noch ganz besondere Glücksgefühle hervor.

Quod erat demonstrandum!

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