Lösen Rinder-Viren Darmkrebs aus?


Mal ganz ehrlich: Die entfernte theoretische Möglichkeit, durch den Verzehr von Rindfleisch an BSE zu erkranken, hat mich noch nie davon abgehalten, mit Appetit in einen dicken, saftigen Hamburger zu beißen.

Diese Haltung stammt jedoch aus einer Zeit, bevor ich die Hypothesen von Harald zur Hausen gehört hatte, wonach Rinder-Viren für den Großteil aller Darmkrebsfälle verantwortlich sein sollen.

Warum sollte man überhaupt auf Harald zur Hausen glauben? Zunächst einmal hat er 2008 den Medizin-Nobelpreis für seine Entdeckung erhalten, dass die viele Fälle von Gebärmutterhalskrebs von ein paar wenigen Strängen der Humanen Papillomviren (HPV) ausgelöst werden. Darüber hinaus ist HPV nicht die einzige Virenart, die Krebs auslösen kann: Infektionen mit bestimmten Hepatitis-Viren sind schon lange als Auslöser von Leberkrebs bekannt.

In seinem aktuellen Vortrag auf der 64. Nobelpreisträgertagung in Lindau hat Harald zur Hausen eine Menge Daten zusammengetragen, die zwar solche Zusammenhänge plausibel machen – aber ein Beweis ist nicht dabei. Das behauptet er auch gar nicht.

Trotzdem kann er nicht widerstehen, die Forscher, die „Krebs als genetische Entgleisung“ sehen, ein wenig zu ärgern – darunter wohl auch J. Michael Bishop, der am Vortag über das Thema „Forging a Genetic Paradigm for Cancer“ referierte.

„Die vorherrschende Theorie besagt, dass Krebs vor allem durch ein Ungleichgewicht zwischen Proto-Onkogenen und Tumorsuppressor-Genen ausgelöst wird“, erklärte zur Hausen dem Publikum, das hauptsächlich aus jungen Nachwuchsforschern bestand. „Die Tatsache, dass Virusinfektionen ebenfalls Krebs auslösen können, stört dieses schöne Bild natürlich gewaltig.“ Dabei räumt er selbst ein, dass Gene eine Rolle spielen, auch bei Gebärmutterhals- oder Leberkrebs. Doch wären diese Krebsfälle erst gar nicht entstanden, wenn es nicht zuvor eine Virusinfektion gegeben hätte.

 

Harald zur Hausen in Lindau 2014. Credit: Christian Flemming / Lindau Nobel Laureate Meetings

Harald zur Hausen in Lindau 2014. Credit: Christian Flemming / Lindau Nobel Laureate Meetings

Ein Virus als Auslöser für Darmkrebs?

Die Argumentationslinie des berühmten Forschers vom Heidelberger DKFZ besteht in erster Linie aus provozierenden Fragen, mit denen er die herkömmliche Denkweise über Krebs in Frage stellt: Natürlich wird er diesen Fragen mit wissenschaftlichen Methoden auf den Grund gehen, und diese Experimente werden seine kühnen Thesen entweder bestätigen – oder auch nicht.

Ein Beispiel: Die herkömmliche Argumentation lautet, dass der Zusammenhang zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch und einer höheren Darmkrebsrate vor allem durch so genannte heterocyclische Amine zustande kommt, die bei der Erhitzung des Fleischs entstehen und bekanntlich krebserregend sind. Doch Harald zur Hausen gibt zu bedenken: „Gebratener Fisch oder gegrilltes Hühnchen haben ebenso hohe Werte an heterocyclischen Aminen wie rotes Fleisch, wenn nicht sogar höhere.“ Weshalb sollten diese Verbindungen also in der einen Fleischsorte krebserregend sein, in der anderen nicht?

Als nächstes referierte zur Hausen, dass es in der Mongolei überraschend wenig Darmkrebsfälle gibt, obwohl das Land den höchsten Fleischkonsum pro Kopf weltweit hat. Möglicherweise liegt es daran, dass dort vor allem Lamm-, Pferde- Yak- und Dosenfleisch gegessen wird, aber kaum Fleisch von Hausrindern, wie wir sie kennen.

In Indien gibt es ebenfalls vergleichsweise wenig Darmkrebsfälle (dort leben viele Vegetarier), ebenso in einigen arabischen Ländern (wo viel Lammfleisch gegessen wird) sowie in Bolivien. Das Beispiel Bolivien ist ein bisschen kompliziert, weil die dortigen Schlachtrinder verschiedenen Rinderarten angehören oder Kreuzungen sind.

Laut zur Hausen deuten all diese Daten darauf hin, dass das Krebsrisiko, das mit dem Verzehr von rotem Fleisch einhergeht, direkt an das gemeine Hausrind gekoppelt ist (Bos primigenius taurus) – das allerdings die häufigste Rinderart weltweit ist. Seine Hypothese lautet: Ein noch nicht entdeckter Rinder-Virus kann durch den Verzehr von rohem oder schlecht durchgebratenem Rindfleisch auf den Menschen übertragen werden und dort Darmkrebs auslösen.

In seinem Labor am DKFZ hat zur Hausen bislang 18 Gensequenzen ermittelt, die auf den viralen Bösewicht hindeuten könnten. „Doch wegen der laufenden Ermittlungen möchte ich an dieser Stelle nichts über die Identität der verdächtigen Viren oder Isolate bekanntgeben“, so der Forscher. Zugegeben, der Zusammenhang zwischen Viren und Darmkrebs basiert nach wie vor auf Spekulationen. Aber zur Hausen ist noch nicht fertig. Zum Schluss seines Vortrags äußert er eine weitere provokative These: Brustkrebs sei einer der wenigen Krebsarten, von denen unter Immunsuppression WENIGER Fälle auftreten statt mehr.

Natürlich kann es hierfür viele verschiedene Gründe geben – aber eine mögliche Erklärung wäre, dass die Brustkrebsentstehung ebenfalls eine virale Komponente habe. Und tatsächlich: Wenn der Forscher die Brustkrebs- und Darmkrebsraten von Indien, der Mongolei und Bolivien vergleicht, dann folgen diese einem ähnlichen Muster. Aus seiner Sicht ist die beste Erklärung für den ähnlichen Verlauf dieser Kurven die Annahme, dass Brustkrebs ebenfalls teilweise durch Viren ausgelöst wird, die zwar nicht mit den Darmkrebs-Viren identisch sind, aber möglicherweise verwandt.

Oh je, das sind dann doch alles gute Gründe (ganz abgesehen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lebensmittelvergiftungen), zumindest halbgaren Hamburgern in Zukunft aus dem Weg zu gehen.


Dieser Artikel stammt von der Website Scientific American’s Oberservations, mit freundlicher Genehmigung von Christine Gorman.


Übersetzung: Susanne Dambeck

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