Tag 4 bei Fabiola: Vielfalt statt Einfalt


Auch für den gestrigen Tag bei #LindauEcon14 liefert Fabiola Gerpott wieder einen ausführlichen Bericht.

Freitag, 22.08.2014: Mein Wecker klingelt heute zur Abwechslung noch eine halbe Stunde früher als die letzten beiden Tage – um 6.00 Uhr ist die Nacht beendet und ich mache mich auf den Weg zum „Science Breakfast “ im Forum am See auf der Insel Lindau. Dieses Veranstaltungsformat beginnt mit einem leckeren Frühstücksbuffet: Bei Kaffee, bayrischen Brezeln und Bircher Müsli wird der gestrige Tag reflektiert und Erwartungen an die bevorstehende Diskussionsrunde ausgetauscht. Nach dieser kurzen Aufwärm- (oder besser Aufwach-) Phase geht es dann auch schnell hoch her: Robert D. Austin (Professor für Kreativitäts- und Innovationsmanagement, Kopenhagen Business School), Joseph E. Stiglitz (Nobelpreisträger des Jahres 2001, Professor an der Universität Columbia), Anka Wittenberg (Chief Diversity & Inclusion Officer, SAP AG) und Hyun Hak Kim (Nachwuchswissenschaftler der Bank of Korea) erörtern unter der Leitung von Vlasta Dusil (HR Direktor SAP AG) die Frage „Innovation from the Edge – Wie können wir möglicherweise das ‚Innovator’s Dilemma‘ durch die Kraft der Diversität lösen?“. Diversität bezieht sich dabei sowohl auf sichtbare Attribute wie Geschlecht, Nation oder Alter als auch auf unsichtbare Merkmale wie verschiedene Einstellungen oder Werte. Noch weiter gefasst wird Diversität beispielsweise bei der SAP AG, die inzwischen gezielt Autisten einstellt, oder der dänischen Firma Specialisterne Denmark , welche seit 2004 „Sozialfälle mit Autismus-Diagnose“ zu hochbezahlten Technologiespezialisten entwickelt.

Das „Dilemma der Innovation“ besteht nach Clayton Christensen , dem Schöpfer dieser Begrifflichkeit, darin, dass genau die Mechanismen, die Unternehmen erfolgreich machen, auf lange Sicht zu deren Scheitern führen können. Die Teilnehmer der morgendlichen Diskussionsrunde sind sich einig, dass eine diverse Belegschaft in Unternehmen dazu beitragen kann, traditionelle Denkweisen kritisch zu hinterfragen und etablierte Mechanismen zu durchbrechen. Stiglitz scheut jedoch wie so häufig keine Kritik und zweifelt die bisherigen Belege dieser Zusammenhangsannahme an: Auch wenn er daran glaube, dass höhere Diversität Unternehmen effektiver machen könne, gäbe es bis jetzt kaum prüfbare Hypothesen zu dieser Vermutung. Außerdem habe Diversität nicht per se einen positiven Effekt sondern müsse gemanagt werden. Stiglitz betont, dass es nicht ausreiche, „andersartige“ Mitarbeiter einzustellen und dann auf eine Erhöhung der Innovationsfähigkeit zu hoffen: Eine wertschätzende Diversitätskultur sollte aktiv gefördert werden.

Desweiteren müssen Innovationen nach Auffassung des Nobelpreisträgers nicht zwingend förderliche Folgen haben. Wie sich im Finanzsektor gezeigt habe, können Menschen dort sehr innovativ sein – mit fraglichen Nebeneffekten: „Anderen Menschen Geld zu stehlen ohne dass sie es bemerken, ist eine brillante Innovation mit positiven Konsequenzen für den privaten Nutzen des Einzelnen, nicht aber für die Gesellschaft als Ganze.“ Das Prinzip des „Survival of the fittest“, das Überleben des am besten angepassten Individuums, ist für Stiglitz kein Weg, um eine Gesellschaft zu führen. Deswegen seien regulatorische Grenzen beispielsweise zum Schutz geistigen Eigentums notwendig (vgl. auch Stiglitz Buch „Schaffung einer lernenden Gesellschaft “).

Professor Austin argumentiert unter Rückgriff auf eine ganz andere Sichtweise für die Vorteile von Diversität: Die Evolutionstheorie zeige, dass die Rekombination und Schaffung von Varianz entscheidend für das Überleben der Arten sei. Durch diverse Mitarbeitergruppen werde die Varianz von Denkmustern in Unternehmen erhöht und damit steige die Wahrscheinlichkeit, dass eine erfolgreiche Idee entsteht. Allerdings müssen Unternehmen akzeptieren, dass (1) ein Großteil der durch Varianz hervor gerufenen Ansätze nicht funktioniert und (2) durch Varianz auch Unruhe gestiftet wird. Die meisten Organisationen verwenden allerdings nach wie vor traditionelle Rekrutierungsprozesse und fühlen sich durch Diversität eher gestört als positiv inspiriert – dabei wäre eine Varianzerhöhung oftmals die Lösung für mangelnde Innovationsfähigkeit. Als Wirtschaftspsychologin bleibt mir insbesondere ein Satz im Gedächtnis, der lachenden Beifall im Publikum hervorruft: „If you always employed economists, hire a psychologist – scary hmm?“ (Wenn Sie immer Ökonomen beschäftigt haben, beschäftigen Sie einen Psychologen – beängstigend oder?).

Das Fazit der morgendlichen Diskussionsrunde: Es bleibt noch einiges zu tun, bis Unternehmen Diversität tatsächlich als Quelle der nachhaltigen Leistungsfähigkeit anerkennen, managen und fördern. „We should aim to allow the uniqueness of everyone“ – wir sollten anstreben, die Einzigartigkeit jedes Individuums zu erlauben, dieser Appel von Anka Wittenberg fast die zu adressierenden Herausforderungen sehr treffend zusammen.

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Tag 4: Ein vielfältiges Programm (Fotos: F. Gerpott)

Die Zeit für das Science Breakfast vergeht wie im Flug und wir beeilen uns, innerhalb kürzester Zeit vom Forum am See zur Inselhalle zu gelangen. Dort finden bis 13.00 Uhr die nächsten sechs Lectures  statt, zum Teil ebenfalls zum Thema Innovation (Edward C. Prescott : Innovation in der neoklassischen Wachstumstheorie), aber auch zu ganz anderen Aspekten wie beispielsweise im Vortrag von Robert C. Merton über die Messung der Zusammenhänge des Finanzsystems und ihre Implikationen für die systemische Risikomessung und das Risikomanagement. Die Vorträge sind brillant und der Kopf ist nach einem solchen Vormittag schier überfüllt mit neuen Ideen zu sein, wie ein aus England stammender Nachwuchsökonom kommentiert: „Ich habe nicht erwartet, dass die Tage so voll sind. Es ist unglaublich toll, aber ich bin auch froh, dass wir in den Kaffeepausen auch mal abschalten und über andere Themen sprechen können.“

Genau diese Möglichkeit zum Abschalten nutze ich in der zweistündigen Mittagspause. Nach einem schnellen Essen – ich stehe in der richtigen Schlange  – mache ich mich auf den Weg zum Stadtmuseum. Die Teilnehmer der Lindauer Tagungen dürfen dem Ausstellungsgebäude dank einer Kooperation jederzeit einen kostenlosen Besuch abstatten: Eine Möglichkeit, die viele Nachwuchswissenschaftler nutzen. Zurzeit gibt es dort eine Sonderausstellung des französischen Malers Henri Matisse, welcher als Erfinder einer ungewöhnlichen Scherenschnitttechnik gilt. Die Räume sind voller Menschen, ich bin erstaunt welch hoher Beliebtheit sich diese (wirklich sehenswerte) Ausstellung erfreut. Die ausgewählten Werke sollen das Streben des Malers nach der Einfachheit der Form wiedergeben – ein Ziel, welches mich an die Worte Einsteins erinnern: So einfach wie möglich, aber nicht einfacher! Ich frage mich, ob sich Matisse wohl jemals mit dem Nobelpreisträger befasst hat, aber dann muss ich auch schon weiter: Die nachmittägliche Podiumsdiskussion steht an.

Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig in das Stadttheater zur Veranstaltung über „Strategisches Verhalten, Anreize und Mechanismus-Design“. Nach abwechslungsreichen 1,5 Stunden gibt es erneut die Qual der Wahl: Jeder Nachwuchswissenschaftler darf sich für eine der sechs Diskussionsrunden mit den Nobelpreisträgern der morgendlichen Lectures entscheiden. Ab 20.00 Uhr endet der Tag dann, wie er um 7.00 Uhr begonnen hat: Mit Brezeln beim Bayrischen Abend in der Inselhalle. Ein wahrhaft vielfältiger Tag!

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