Women in Science: Schluss mit den Ausreden!


Wie man exzellente Wissenschaftlerinnen sichtbar macht.

Wie hieß es doch früher oft und auch heute immer noch viel zu häufig: „Wir haben leider keine passende Referentin für unser Podium gefunden“, oder: „In dieser Fachrichtung gibt es eben nur Männer“. Doch selbst wenn das in dem einen oder anderen Fall tatsächlich stimmt, so hat sich die Wissenschaftslandschaft doch erfreulicher gewandelt, als das öffentlich wahrgenommen wird.

Um diese Potentiale sichtbarer zu machen, wurde AcademiaNet gegründet, ein Internetportal mit Profilen ausgewählter Wissenschaftlerinnen. Aufgenommen werden die exzellenten Forscherinnen nur auf Vorschlag der großen Wissenschaftsorganisationen wie beispielsweise der Max-Planck-Gesellschaft oder des European Research Council ERC. Die Initiatorin von AcademiaNet, Dr. Ingrid Wünning Tschol, erzählt im Interview, dass das EuroScience Open Forum 2008 in Barcelona den konkreten Anlass zur Gründung dieses Portals gab – sie war mitverantwortlich dafür, dass es nur einen weiblichen Keynote-Speaker gab und wurde sehr kritisiert dafür: „Da wurde mir klar, dass wir eine Datenbank brauchen, in der die vielen herausragenden Wissenschaftlerinnen mit einem Mausklick zu finden sind.“

AcademiaNet als nützliches Instrument – seit 2010 in Betrieb hat sich das Portal mittlerweile internationalisiert, hält Berichterstattung rund um Forschung und Preise auf Deutsch und Englisch bereit und konnte letztes Jahr stolz verkünden, die zweite Nobelpreisträgerin in ihren Reihen zu haben: Neben Christiane Nüsslein-Volhard nun auch die Neurowissenschaftlerin May-Britt Moser.

May-Britt Moser bei der Verleihung des Nobelpreises 2014, Copyright: Gunnar K. Hansen, NTNU Comm. Div.

May-Britt Moser bei der Verleihung des Nobelpreises 2014, Copyright: Gunnar K. Hansen, NTNU Comm. Div.

Trotzdem bleibt gerade im journalistischen Bereich und in der interessierten Öffentlichkeit viel zu tun. Denn die Ansprechpartner für die Journalisten sind oft aufgrund bereits bestehender Kontakte und lange gepflegter Verbindungen noch überwiegend männliche Forscher. Und manchmal muss sich auch das Publikum bei öffentlichen Veranstaltungen an die eigene Nase fassen, denn wer erwartet bei einem Vortrag über Astrophysik schon eine junge Expertin? Wir sind es, wenn wir ehrlich sind, doch immer noch gewohnt, bärtige ältere Herren auf dem Podium zu sehen. Ist da nicht automatisch diese kleine bohrende Frage, wie es sein kann, dass so eine junge Frau die Expertin auf diesem Gebiet ist? Kann sie sein – wenn wir endlich das bekommen, was wir angeblich immer haben wollen: Die besten Köpfe. Egal woher, egal wie alt und, ja, egal welchen Geschlechts.

Nur weil die Entwicklung in diese Richtung noch so schleppend vorankommt, favorisieren immer mehr Menschen die Quote. Um Geduld kann man heute guten Gewissens keine Frau mehr bitten. Und auch manchem Mann aus der Wissenschaftspolitik geht es zu langsam voran, wie beispielsweise Prof. Theodor Rietschel, ehemaliger Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, der eine befristete Quote befürwortet: „In einem überschaubaren Zeitraum können Frauen – je nach Disziplin orientiert am Anteil potenzieller Kandidatinnen – über einen qualitätsgeleiteten Auswahlprozess in Führungspositionen aufsteigen. (…) Es geht nicht um Frauen-Subventionspolitik und ‚Quotenfrauen’, sondern um Geschlechterparität.“

Denn ein wichtiges Gegenargument früherer Jahre ist aufgrund signifikanter Zahlen entfallen: Dass es nicht genug passend ausgebildete Forscherinnen gäbe. Laut der Erhebung „Gender in Research and Innovation“, 2013 herausgegeben von der Europäischen Kommission, liegen die Absolventinnen-Zahlen signifikant höher als die der männlichen Mitstudenten. Bei den Promotionen liegen Männer und Frauen etwa gleichauf, und erst bei den Habilitationen und der Anzahl der Professuren klafft die Schere auffallend auseinander, um schließlich bei den Lehrstuhlinhabern (W3/C4) dramatisch zu divergieren. Das heißt, die Wissenschaft macht keine Ausnahme – es handelt sich wie in der freien Wirtschaft um ein Problem an der (Führungs-)Spitze.

Doch das eine sind die strukturellen Voraussetzungen, die verbessert werden mussten und müssen – das andere ist es, die Erfolge auch sichtbar zu machen und für eine entsprechende Öffentlichkeit zu sorgen. So gibt es in jüngster Zeit auch einige Initiativen in den Social Media, die genau das leisten: Frauen in der Wissenschaft von der Ausnahme zu einer neuen Seh- und Erfahrungsgewohnheit zu machen. So die „Women in Research“, ein Facebook-Account, der 2013 mit dem Ziel gegründet wurde eine neutrale Plattform zu schaffen, auf der sich alle Disziplinen und alle Karrierestufen wiederfinden können. Die federführende Initiatorin Ulrike Böhm, selbst Doktorandin in der Abteilung NanoBiophotonics von Nobelpreisträger Stefan Hell, freut sich besonders darüber, wenn direkter Austausch entsteht und sich eine Forscherin beispielsweise bei ihr bedankt, dass sie sich aufgrund der inspirierenden Anregungen auf der Seite nicht mehr so isoliert fühlt und neuen Mut geschöpft hat. Ein weiteres Beispiel im Netz sind die „Women in Maths“, die erklären: „Es gibt immer noch Vorurteile bezüglich Frauen in der Mathematik. Wir wollen die Stereotype, wie ein Mathematiker auszusehen und zu sein hat, in Frage stellen.“

Die Geschichte der jungen Mathematikerin Karen Strung, dort gepostet, sammelte innerhalb kürzester Zeit eine beträchtliche Zahl an Likes. Strung schildert, wie aus dem kleinen schüchternen Mädchen aus Toronto, das sie einmal war, eine Weltreisende in Sachen Wissenschaft wurde, und sie hat mit ihrem Auftreten und ihrer Wortwahl die Sympathien auf ihrer Seite. Ein echter Durchbruch für die Mathematikerinnen war natürlich die Verleihung der Fields Medal an die iranische Mathematikerin Maryam Mirzakhani. Sie ist sich sicher, dass wir in Zukunft noch viele weibliche Fields-Preisträgerinnen sehen werden.

Auch bei den Lindauer Nobelpreisträgertagungen tut sich etwas: Zwar werden auf der diesjährigen interdisziplinären Lindauer Nobelpreisträgertagung lediglich drei Laureatinnen neben 67 männlichen Kollegen zugegen sein, dafür ist der Anteil der weiblichen Nachwuchswissenschaftlerinnen mit 43% sogar überdurchschnittlich hoch (wenn man die drei Nobelpreisdisziplinen Chemie, Physik und Medizin zusammen betrachtet).

Last but not least: Ein Nobelpreis (oder eine Fields Medal) für eine Wissenschaftlerin sollte keine Sensation, sondern eine erfreuliche Gewohnheit sein! Erst wenn wir darüber keine besonderen Worte mehr verlieren müssen, wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

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