Die Rückkehr der Skepsis

22. März 2009 von Stephan Schleim in Hirnforschung

Clare College, Cambridge, UKDie bildgebende Hirnforschung ist in den letzten Jahren weitgehend unkritisch aufgenommen worden. In jüngster Zeit ist aber ein Anstieg der skeptischen Berichte zu erkennen. So begegnete man auch auf einem internationalen Workshop an der University of Cambridge den Forschungsergebnissen mit nüchterner Zurückhaltung.

Die Veranstaltung mit dem Titel Brains in Dialogue wurde von Wissenschaftlern der International School for Advanced Studies der Universität Triest, Italien, organisiert und fand vom 17. bis 18. März am Clare College in Cambridge statt (Foto). Neben den Möglichkeiten und Grenzen der Hirnforschung waren ihre ethischen und rechtlichen Konsequenzen thematische Schwerpunkte. Außerdem waren Experten der Wissenschaftskommunikation aus verschiedenen europäischen Ländern präsent. Ihnen ging es um die Darstellung der Forschung in den Medien und der Einbeziehung der Öffentlichkeit. Passend wurde die Konferenz daher auch mit einem Wissenschaftscafé abgeschlossen, in dem drei Forscher der Öffentlichkeit zum Thema Gedankenlesen Rede und Antwort standen.

Auf der Konferenz zeigte sich schon früh ein auffälliger Unterschied zwischen Neurowissenschaftlern, die Grundlagenforschung betreiben, und klinischen Forschern. Erstere wie Jonathan Roiser vom Institute of Cognitive Neuroscience des University College London waren wesentlich kritischer und wiesen nicht nur auf grundlegende Probleme in den experimentellen oder statistischen Vorgehensweisen hin, sondern hoben auch neuere Funde hervor, welche die biologischen Grundlagen der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) hinterfragen. Jüngste Forschungsergebnisse deuten nämlich darauf hin, dass einerseits eine Durchblutungsreaktion, wie man sie mit der fMRT misst, auch ohne neuronale Aktivität auftreten kann; andererseits scheinen andere Nervenzellen, nämlich die Astrocyten, einen direkteren Einfluss auf die Durchblutung zu haben als die Neuronen. Damit sind herkömmliche Erklärungen über den Zusammenhang von Durchblutung und neuronaler Aktivität, wie sie über Jahre hinweg angenommen wurden, unter großen Druck geraten (siehe dazu auch meinen Beitrag "Hirnarbeit").

Der Tenor der anwesenden Psychiater unterschied sich davon wesentlich. So stellte Andreas Fallgatter, Professor für Psychiatrie an der Universität Würzburg, Ergebnisse seiner Forschung zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vor. Patienten mit ADHS würden sowohl im Kindheits- als auch im Erwachsenenalter eine Fehlfunktion in unterschiedlichen Hirnbereichen aufweisen, etwa dem medialen präfrontalen Kortex. Diese Ergebnisse beruhen aber nicht auf der fMRT, sondern wurden mithilfe der Elektroenzephalographie gewonnen. Auf die Frage, was solche Befunde für die Therapie bedeuten könnten, ging David Linden, Professor für Psychiatrie and der Bangor University in Wales, näher ein. Hierfür wies er auf Aktivierungen im auditorischen Kortex schizophrener Patienten hin, die während akustischer Halluzinationen mit der fMRT gemessen worden seien. Verschiedene Gruppen würden inzwischen die Möglichkeit untersuchen, mithilfe transkranieller Magnetstimulation diese Aktivierungsmuster zu beeinflussen und damit auch die Halluzinationen zu verringern. Die deutlichsten Beispiele für die klinische Umsetzung sind aber die Experimente zur Tiefenhirnstimulation bei Depressiven und Patienten mit anderen psychischen Erkrankungen. Elektroden, die operativ in bestimmte Hirnregionen implantiert werden, sollen krankhafte Aktivierung verhindern. Der Nachweis, dass diese Eingriffe zu einer langfristigen Besserung führen, steht aber noch aus.

Es ist eine Sache, die wissenschaftlichen Funde zu machen; eine ganz andere ist es, sie zu verstehen.

Ed Bullmore, Professor für Psychiatrie an der Cambridge University und Vizepräsident für experimentelle Medizin beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline, wies auf die Wichtigkeit verschiedener Untersuchungsansätze in der Hirnforschung hin. Indem er eine Theorie über Schizophrenie vorstellte, in der die Vernetzung unterschiedlicher Hirnregionen eine besondere Rolle spielte, ging sein Vortrag weit über die Lokalisierung von Hirnfunktion hinaus. Ihn faszinierte vor allem, dass das Gehirn, wenn man es als Netzwerk beschreibe, auffällige Ähnlichkeiten mit anderen Netzwerken aufweise, etwa dem Verkehrsnetz für Luftfahrt. Hier wie dort gebe es einige wenige zentrale Knotenpunkte (internationale Flughäfen), zwischen denen ein reger Austausch stattfinde; jeder dieser Knotenpunkte stehe darüber hinaus mit vielen lokalen Knoten (regionalen Flughäfen) in Verbindung.

Die Psychiaterin Belinda Lennox aus Cambridge forderte gar, jeder Patient mit einer psychischen Erkrankung solle an einer Untersuchung mit bildgebenden Verfahren teilnehmen. So ließen sich häufig organische Ursachen finden, die den Patienten zahlreiche ergebnislose Untersuchungen ersparen könnten. Ich halte den Sinn einer Hirnaufnahme „auf gut Glück“ jedoch für fraglich: Es gibt nämlich nicht die eine Untersuchung, sondern viele verschiedene Messsequenzen, die alle unterschiedliche Eigenschaften des zentralen Nervensystems hervorheben. Verschiedene Erkrankungen können sich auf ganz unterschiedliche Weise äußern und daher (wenn überhaupt) nur in ganz bestimmten Untersuchungen entdeckt werden. Andernfalls wären viele der Standardprozeduren der Neuroradiologie überflüssig. Die Forderung nach einer Hirnaufnahme für alle psychiatrischen Patienten kann also nur schwer begründet werden, denn für welche Prozedur sollte man sich entscheiden? Alle Messungen durchzuführen, würde eine Kostenexplosion bedeuten. Außerdem müssten Patienten dann auch mit Kontrastmitteln invasiv untersucht werden, die wiederum Nebenwirkungen haben können. Mir scheint die klinische Praxis, die durchgeführten Untersuchungen von der individuellen Symptomatik der Patienten abhängig zu machen, eine sinnvolle Alternative zu sein. Die Forderung nach einem Hirnscan für jeden Patienten würde ich daher so formulieren, dass es die Möglichkeit geben soll, bei jedem Patienten so eine Untersuchung durchzuführen, wenn sie klinisch sinnvoll ist.

Dass Skepsis in den Medien ausgedrückt werden kann, setzt eine Nachfrage der Öffentlichkeit voraus.

Wie lassen sich die unterschiedlichen Standpunkte von Grundlagen- und klinischer Hirnforschung miteinander Verbinden? Hier muss man sich verdeutlichen, dass es eine Sache ist, diese Funde zu machen und in die klinische Forschung übertragen zu wollen, aber eine ganz andere, sie zu verstehen. Insofern ist die Rückkehr der Skepsis also zu begrüßen, da sie letztlich auch dazu führen wird, die Forschungsergebnisse besser zu stützen – oder sie eben dort zu verwerfen, wo sie sich nicht stützen lassen. Daher ist der Dialog, wie er in Cambridge stattfindet und auch europaweit weiterhin stattfinden wird, sehr zu begrüßen. Vor allem, da es große Unterschiede in der ethischen Einschätzung der Forschung gibt: Für manche Wissenschaftler sind normative Anforderungen schlicht formale Hürden, die es in der Form von Anträgen bei lokalen Ethikkommissionen zu überwinden gilt; andere sehen in den Möglichkeiten der Hirnforschung jedoch ernsthafte soziale Probleme aufkommen. Das lässt die Frage offen, wie viel der (berechtigten) Skepsis sich in die Öffentlichkeit verbreiten wird – dass es diese Aspekte der Kommunikation in die Medien schaffen, setzt aber eine entsprechende Nachfrage der Konsumenten voraus.


3 Kommentare zu “Die Rückkehr der Skepsis”

  1. Steffen Rehm Antworten | Permalink

    Vorwärts!

    Zurück zum Ignorabimus?

    Über 137 Jahre hinweg konnte das „Ignoramus et ignorabimus“ („Wir verstehen es nicht und werden es nie verstehen“) des Physiologen Emil DuBois-Reymond nicht widerlegt werden, und das „Manifest der Hirnforschung“ aus dem Jahr 2004 bestätigte wieder das „Ignoramus“.

    Trotzdem wird ein besseres Verständnis für die menschlichen Geistestätigkeiten von vielen Wissenschaftlern in naher Zukunft erwartet.
    Tatsache ist: das Gehirn ist in den letzten 100 Jahren neben dem Herzen das bestuntersuchte Organ des menschlichen Körpers. Die Zahl der „Hirnforscher“ geht weltweit an die Hunderttausend, und wie in einem olympischen Wettlauf will jeder der erste sein, der die großen Rätselfragen lösen kann. Da wird natürlich auch geschummelt!
    Wenn jemand aber heute behauptet, mit irgendwelcher Technik „Gedanken lesen“ zu können, dann läßt sich diese Aussage sicher auf höchst unklare Vorstellungen von dem Phänomen „Gedanken“ und der Tätigkeit des „Lesens“zurückführen.

    Bei der unüberschaubaren Menge der Brain-Untersuchungen fehlt ein Forscher, der daraus ein in sich stimmiges Bild zusammenfügt, so wie es bei einem Puzzlebild gemacht wird.

    Wenn man so ein Puzzle aus einem Haufen unverständlicher Fragmente zu einem Bild zusammensetzen will, ähnlich wie ein Archäologe viele Bruchstücke zu einer Vase vereint, dann ist eine Vorstellung vom dem Ziel, dem ganzen Bild oder der Vase, eine große Erleichterung.

    Meine Zielvorstellung beim Gehirn- Puzzle geht von der Überzeugung aus, daß die Natur für sehr komplizierte Probleme meist sehr einfache
    (pfiffige) Lösungen gefunden hat und daß dies auch beim Gehirn der Fall ist.

    Damit kann das „Ignoramus“ zwar nicht völlig überwunden werden, aber die Grenzen vom Wissen zum Nichtwissen lassen sich immer noch ein wenig erweitern. Deshalb: Bei aller Skepsis bleibt ein Quentchen Hoffnung!

    S.R.

  2. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    Ignoramus vs. ignorabimus

    Danke, Herr Rehm, für diesen qualifizierten Beitrag.

    Ich möchte den Skeptiker nicht so verstanden wissen, als würde er das Ignorabimus behaupten. Du Bois-Reymond hatte dafür seine eigenen Gründe, die ich nicht ganz nachvollziehen kann.

    Ich finde es aber wichtig, sich des Ignoramus bewusst zu sein, wo man es eben noch nicht weiß; in vielen Berichten, Artikeln und Stellungnahmen war davon meines Erachtens in den letzten Jahren aber nichts zu sehen.

    Es ist sehr schwer, ein Argument für die prinzipielle Unerklärbarkeit des Bewusstseins zu entwickeln -- kennen Sie ein gutes?

  3. Steffen Rehm Antworten | Permalink

    @Schleim

    Lieber Stephan Schleim,
    Sie schreiben:
    „Es ist sehr schwer, ein Argument für die prinzipielle Unerklärbarkeit des Bewusstseins zu entwickeln -- kennen Sie ein gutes?“

    Nein, im Gegenteil, ich halte das Prinzip „Bewußtsein“ im Groben für erklärbar bzw. sehe die Möglichkeit eines mathematischen Modells,
    mit dem auch das Phänomen „Sprache“ verständlicher wird.
    Mein Versuch, das Puzzle zusammenzusetzen, finden Sie hier:
    http://de.wikibooks.org/wiki/Gehirn_und_Sprache

    S.R.

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