Ehrlichkeit, Wissenschaft und so weiter – einige persönliche Gedanken zur Causa Guttenberg

24. Februar 2011 von Gunnar Ries in Hammer

altÜber den Skandal um die Plagiate in der Doktorarbeit unseres Verteidigungsministers wurde ja schon viel geschrieben. Mir fehlt leider ein wenig die Eloquenz, um mit großen Worten eine Bewertung vorzunehmen. Ich werde hier also nur meine ganz persönliche Sicht der Dinge ansprechen. Wie sich die Sache also aus meiner Sicht darstellt, und ich werde im Folgenden versuchen, das auch zu begründen. Man möge mir darum vielleicht auch verzeihen, wenn ich hier etwas emotionaler reagiere, als sonst bei den Scilogs allgemein und in diesem Blog speziell üblich. Und vielleicht wird es etwas wirrer, als gewohnt, denn ich bringe meine Gedanken zu dem Thema in etwa so zu Tastatur, wie sie mir gerade kommen.

Ich finde es nämlich schlicht unerträglich, wenn ich die Verteidiger unseres Verteidigungsministers dessen Fehlverhalten bagatellisieren höre. Als wenn es sich in Wirklichkeit nur um eine ansonsten unwichtige Lappalie handeln würde. Fangen wir mit Herrn zu Guttenberg selber an. Wie versuchte er sich zu Anfang, nachdem er erst die Vorwürfe noch „abstrus“ fand, zu entschuldigen?

„Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevoller Kleinstarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten.“[1]

Das mag sich auf den ersten Blick recht reumütig anhören. Aber schon auf den zweiten Blick wird man unschwer bemerken, dass hier den Meisten Doktoranden schlicht ins Gesicht geschlagen wurde. Hier soll nämlich allem Anschein nach suggeriert werden, dass dieser Doktorand es ganz besonders schwer hatte. Die allermeisten, die sich um eine Doktorarbeit bemühen, sehen sich allerdings durchaus ähnlichen, wenn nicht sogar schwerwiegenderen Problemen gegenüber. Wer Glück hat, ist im Besitz einer halben Stelle. „Halb“ bedeutet hier, halbe Bezahlung, aber volle Arbeit. Und manchmal dann in der Praxis, dass die Promotion doch bitte in der Freizeit stattzufinden habe. Wer weniger Glück hat, der muss nebenbei jobben. Ich zählte zu den letzteren. Unterm Strich plagen einen dann neben den wissenschaftlichen Problemen eben auch familiäre und vor allem (und ich schätze, da kann zu Guttenberg kaum mitreden) existentielle finanzielle Sorgen. Und dennoch ist es für die Meisten von uns kein Grund, irgendwo einfach abzuschreiben. Indem hier also als Entschuldigung quasi „Notwehr“ wegen besonders anstrengender Umstände angeführt wird, fühle wohl nicht nur ich mich etwas veräppelt. Nach dem Motto: „Der Ehrliche ist der Dumme“.

Ähnlich sehe ich die Bemerkungen von Frau Merkel und (ausgerechnet!) der Bildungsministerin Schavan. Klar, zu Guttenberg ist nicht als Wissenschaftler im Kabinett. Aber sein Fehlverhalten ist auch nicht nur wissenschaftlicher Natur. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es ein Totalschaden, aber sein Umgang mit der Affäre geht weit über das Feld der Wissenschaft hinaus und folgt dem klassischen Muster, erst abstreiten („abstruse Vorwürfe“), dann, wenn es gar nicht mehr anders geht, ein klein wenig zugeben(„…enthalte fraglos Fehler..“) und schließlich, als die Sache nicht mehr zu leugnen war, die Frontbegradigung. Abgesehen davon gibt es meiner Ansicht nach keine Ehrlichkeit ersten Grades und eine zweiten Grades, wie uns der Boulevard auch gerne erzählen will.

Ein Titel macht noch lange keinen guten Politiker. Was wirklich zählt, sind Ehrlichkeit und Charakterstärke. Deshalb, Herr zu Guttenberg: Beweisen Sie in dieser – für Sie peinlichen – Situation Rückgrat und bleiben Sie im Amt!“ Dr. Alexandra Thaler (39), Zahnärztin aus Nürnberg (Bayern)[2]

Das würde dann ja bedeuten, dass Täuschen in der Wissenschaft eben weniger wichtig ist als anderswo. Und das, wo gerade die Wissenschaft in besonderer Weise auf Vertrauen basiert. Vielleicht in den geisteswissenschaftlichen Fächern noch mehr als in den naturwissenschaftlichen. Wo man auch noch die Möglichkeit hat, fremde Ergebnisse im Experiment zu überprüfen. Es handelt sich in meinen Augen um nicht weniger als um eine Geringschätzung der Ehrlichkeit allgemein und der Wissenschaft. Ersteres mag weniger erstaunen, letzteres trifft aber gerade uns in unserer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Zivilisation bis ins Mark. Wir sollten hier einfach ein wenig sein. Zu schnell wird der Versuch, einen angeschlagenen Minister stützen zu wollen, mit einer Beschädigung der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft bezahlt. Und damit meine ich eben nicht nur, dass die Wissenschaftler einander nicht mehr vertrauen, sondern dass der Rest der Bevölkerung das Vertrauen verliert. Erste Kommentare deuten bereits darauf hin.

Wenn jede Doktorarbeit so akribisch geprüft werden würde wie die von Herrn zu Guttenberg, dann gäbe es in Deutschland sehr viel weniger Doktoranden. Der Minister leistet gute Arbeit, deshalb wünsche ich mir, dass er im Amt bleibt.“ Oskar Westermayr, (65), Zoohandels-Kaufmann aus Augsburg (Bayern)[2]

Derartige Vorwürfe empfinde ich verletzend. Es bedeutet doch nichts anderes als die schlichte Umkehrung der Unschuldsvermutung. Jeder Doktor ist wohl solange ein Schummler, bis seine Arbeit genauestens überprüft wurde. Dabei werden Doktorarbeiten überprüft. Normalerweise von mindestens zwei Gutachtern, bei summa cum laude (zumindest in Hamburg) zusätzlich von einem externen Gutachter. Es mischt sich hier also eine breite Wissenschaftsskepsis mit dem Wunsch, einen beliebten Minister halten zu wollen. Es ist weniger Herr zu Guttenberg, der mich erschreckt, denn eine Affäre aussitzen, das haben schon andere gemacht. Es ist die Förderung der Skepsis gegenüber der Wissenschaft, welche durch die ganze Sache und durch die Verteidigungsstrategie bewusst oder unbewusst in Kauf genommen wird. Der Preis erscheint mir etwas zu hoch für einen einfachen Minister, und sei er auch noch so beliebt. Ich fürchte, dass in einer Zeit, in der Wissenschaft und wissenschaftliches Denken (zumindest gefühlt) in der breiten Bevölkerung zunehmend unpopulärer werden, der Respekt vor geistiger Leistung sinkt. Wenn es uns nicht mehr gelingt, skeptisches Denken und die wissenschaftliche Methode auch gegenüber der Bevölkerung zu vertreten, und Verstöße auch von populärer Seite dagegen entsprechend als das zu ahnden, was sie sind, dann werden wir alle dadurch verlieren. Unehrlichkeit und Täuschungen sind also auch in der Wissenschaft keine Bagatelle, egal, was uns manche Politiker und andere erzählen wollen. Das Zitat dient nicht nur der Eitelkeit der betreffenden Autoren, es dient auch der Nachvollziehbarkeit. Eine Doktorarbeit belegt die Fähigkeit, selbständig wissenschaftlich zu arbeiten. Wer das nicht kann, oder sich aus anderen (beruflichen?) Gründen überfordert fühlt, der sollte lieber aufgeben. Das ist ehrlicher als sich durchzumogeln. Eine Bagatellisierung von Fehlverhalten wird der Sache nicht gerecht und verursacht weitere Schäden an Gütern, auf die wir letztlich alle angewiesen sind. Es fördert meiner Meinung nach nicht nur die Politik(er)verdrossenheit, sondern in diesem Fall eben auch eine Wissenschaftsverdrossenheit. Ein hoher Preis für die Eitelkeit eines einzelnen Menschen.


7 Kommentare zu “Ehrlichkeit, Wissenschaft und so weiter – einige persönliche Gedanken zur Causa Guttenberg”

  1. mathias Antworten | Permalink

    ---

    Man sollte dem Land langsam dem Rücken kehren.
    Was da an Farce abgelaufen ist, ist einfach nicht zu fassen. Sollen sie Ihren Minister behalten, und machen was sie wollen. Wenn Wissenschaft, und Wissenschaftsethos hier nichts zählen, dann brauchen sie auch nicht die Fürchte unserer Arbeit.
    Nicht nur, dass die Arbeitsbedienungen seid Schavan im Amt ist, kontinuierlich schlechter werden, scheint die Arroganz eines Minister wichtiger zu sein, als unsere Arbeit. Da kann man nur noch diese Konsequenz ziehen..
    Das Mass ist voll..

  2. Sebastian R. Antworten | Permalink

    Mathias, je länger ich über deinen Kommentar nachdenke, desto mehr muss ich dir zustimmen. Für manche Leute mag der Fall Guttenberg echt eine Lapalie sein. Man muss jedoch sehen, was das Ausmaß dieser Geschichte ist: Leute können nachgewiesenermaßen im großen Stil lügen und kommen damit durch und bringen zudem schlechtes Licht über ethische Werte, die eigentlich selbstverständlich sind. Hier werden nun diese Werte fallen gelassen und getreten. Wer damit leben kann, der hat wohl noch niemals etwas von Tugenden gehört.

    @Gunnar: Ein emotionaler Text, der dir sehr gut gelungen ist. Du hast mir da quasi von der Seele gesprochen und die Beleidigung der Wissenschaft gut herausgearbeitet. Insbesondere das dritte Zitat, welches du hier anführst, lässt mich in Kopfschütteln versinken. Nach dem Motto "es ist überall so, also ist es ok". Schlimmer geht´s nimmer.

  3. P. Antworten | Permalink

    Auch ich...

    ... begegne der ganzen Geschichte sehr emotional, was ich auch völlig in Ordnung finde.

    Ich persönlich kämpfe damit meine (nat.wiss.) Arbeit fertig zu schreiben, weil ich nicht besonders schöne Ergebnisse habe und mich schwer damit tue etwas abzugeben was nur Naja ist. Mein Äquivalent zu Guttenbergs Herangehensweise wäre jetzt, Ergebnisse schönen und fabrizieren. "Ach wie, das Experiment ging nicht so aus? Da habe ich wohl den Überblick verloren."

    Bei der Nonchalance mit der mit der Affäre umgegangen wird frage ich mich halt, warum ich mir die Mühe machen eine ehrliche Arbeit zu schreiben, oder überhaupt meine wissenschaftlichen Erkenntnisse mitzuteilen, wo sie anscheinend keiner haben will und genauso gut Scharlatanerie genommen wird.

  4. mathias Antworten | Permalink

    Sebastian, irgendwann ist das Mass nun mal voll.
    Das kann man drehen und wenden wie man will.
    In angebtracht der Tatsache, dass sich in den letzten Jahren unsere Arbeitsbedinungen massiv verschlechtert haben, und uns eigentlich nur noch der Spaß an der Forschung, an unseren Projekten davon abhält, dass man den Handtuch wirft, und dann gestern so einen Faustschlag ins Gesicht zu bekommen, ist dann zuviel.
    Vieleicht soll das ja grade die Bildungsrepublik sein, von der immer die Rede ist: Exportschlager Forscher...

  5. Peer Antworten | Permalink

    Das ist der eigentliche Skandal!

    Sie haben völlig recht. Diese Bagatellierung ist der eigentliche Skandal. Ich als Lehrer kann jetzt den Schülern erklären, dass die Politiker lügen, wenn sie meinen, schummeln wäre ja ein Kavaliersdelikt. Da hätte ich auch von der Opposition mehr erwartet, die diesen Aspekt ziemlich vergessen hat.

    Zwei "Argumemnte" kommen immer wieder: Einmal das Bibelzitat mit dem Stein und der Sünde und einmal der Verweis auf Lybien und "es gäbe doch wichtigeres". Das es in der Wissenschaft eben nichts wichtigeres muss man wohl noch vermiutteln

Einen Kommentar schreiben


8 + neun =