Ein Geysir in Deutschland – der Kaltwassergeysir in Andernach

5. Januar 2016 von Gunnar Ries in Geotourismus

Wenn man von Geysiren hört, dann schweifen die Gedanken meist in ferne Regionen. Island vielleicht, oder der Yellowstone Nationalpark in den USA. Oder Neuseeland. Aber auch hierzulande kann man auf Geysire treffen, wenn auch nicht auf die dampfgetriebene Variante. Aber dafür können wir mit dem weltweit wohl höchsten Kaltwassergeysir aufwarten. Und der bricht mit großer Regelmäßigkeit am Mittelrhein, nahe der Stadt Andernach aus. Kaltwassergeysir deshalb, weil er im Gegensatz zu den bekannteren Geysiren auf Island und im Yellowstone Nationalpark eben nicht durch verdampfendes Wasser angetrieben wird, sondern durch im (vergleichsweise) kalten Wasser gelöste Gase.

 

Geysir-Erlebniszentrum Andernach 2009

Das Geysir-Erlebniszentrum in Andernach. Foto: Holger Weinandt (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Aber beginnen wir doch einfach ganz von Vorne. Wenn man sich schon in die Nähe des Weltkulturerbes Mittelrheintal begibt, weiß man eigentlich vor Sehenswürdigkeiten nicht mehr, wie es weitergehen soll. Und natürlich gibt es nicht nur Kultur, sondern auch jede Menge Geologie zu bewundern, vor allem, wenn man den benachbarten Hunsrück und sie ebenso benachbarte Eifel hinzuzieht. Und es war eine Exkursion in die vulkanische Eifel, die mich schon Mitte der 1990´er Jahre mit dem Geysir bekannt machte. Oder eben gerade nicht bekannt machte, denn zu dem Zeitpunkt gab es ihn nicht. (wir hatten stattdessen den wesentlich kleineren Kaltwassergeysir in Wallenborn besucht)
Entstanden war er, als man 1903 auf der Namedyer Halbinsel nach Kohlensäure bohrte. Man hatte in der Nähe im Rhein Gasblasen aufsteigen gesehen und wollte die natürliche Kohlensäure für Mineralwasser nutzen. Die Bohrung war überaus erfolgreich, sozusagen. Sie zeigte ein Ausbruchsverhalten, das nicht nur als ein interessantes Naturschauspiel betrachtet wurde sondern auch wissenschaftliches Interesse weckte u d Gegenstand zweier Dissertationen wurde. Diese wurden mit 1911 bzw. 1913 erst verhältnismäßig spät durchgeführt, als der Kaltwasser-Geysir bereits Ermüdungsanzeichen zeigte. Dennoch sollten sich die damaligen Untersuchungen knapp 100 Jahre später als ein Glücksfall zeigen.

Geysir Andernach

Das Geysir-Becken, mit Basaltsäulen verkleidet. Die rötliche Farbe rührt von Eisen her, das im Wasser des Geysir gelöst war. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

Aber auch mit Alterungserscheinungen war der Namedyer Geysir bis in das Jahr 1957 eine Attraktion.
Als 1967 die Bundesstraße 9 ausgebaut wurde, verschloss man die Bohrung mit einem Schieber und der Geysir verschwand aus dem Gedächtnis der Menschen. Erst Ende der 1990´er Jahre erinnerte man sich wieder an die geologischen Besonderheiten der Gegend. Allerdings würde ein Wiederanfahren des Geysirs und eine touristische Nutzung als Geotop mit dem Status der Namedyer Halbinsel als Naturschutzgebiet nur schwer in Einklang zu bringen sein. Denn die Halbinsel beherbergt auch einen der letzten Auenwälder am Mittelrhein, mit sehr vielen seltenen Pflanzen und Tieren.
Als man 2001 in einiger Entfernung zur B 9 eine Bohrung niederbrachte, hatte man Erfolg. Der Geysir sprang bis in Höhen von 40 m. Über die nachfolgende Nutzung als Touristenattraktion mussten aber erst die Gerichte bemüht werden. Erst 2005 konnten sich der BUND und die Stadt Andernach in einem Kompromiss darüber einigen. Zu dem ausgehandelten Kompromiss gehört auch die Anbindung des Geysirs mit dem Schiff, damit der Zustrom der Touristen in das sensible Gebiet kontrolliert werden kann. Nachts wird der Geysir mit einem Sperrschieber „schlafen“ gelegt, tags+über darf er frei springen. Und bis heute zeigt er, soweit ich weiß, keine Ermüdungserscheinungen.

Aber bevor man sich dem Andernacher Kaltwassergeysir stellt, sollte man sich unbedingt das Besucherzentrum in Andernach anschauen, das lohnt sich wirklich. Schon alleine, um mehr über die Funktionsweise des Kaltwassergeysirs zu erfahren. Und die Information wird einem auch, so finde ich, sehr anschaulich vermittelt. Das fängt bereits damit an, dass man mit dem Fahrstuhl virtuell 4000 m in die Tiefe katapultiert wird, um der Magmenkammer etwas näher zu kommen. Während der „Fahrt“ sollte man die Schachtwände genau im Auge behalten. Mitunter kann man auch das „Fundstück“ vorbeirauschen sehen. Unten in der virtuellen Magmenkammer angekommen (die man als rotes Leuchten durch Risse im Fußboden angedeutet sieht), findet sich die Quelle des Kohlendioxids, das man ab jetzt auf seiner Reise zur Oberfläche begleitet. Und dieses Kohlendioxid ist die treibende Kraft hinter unserem Kaltwassergeysir. Man begegnet aber auch einem Modell eines Heißwassergeysirs als Gegensatz zu unserem hier sowie verschiedenen kleinen Experimenten zum Thema Dunkelheit und Temperatur.
Ähnlich wie das Kohlendioxid in der Erde zwängt sich der Besucher durch Engpässe nach oben, bis er auf den zweiten Akteur, das Wasser stößt. Erst zusammen ergeben diese beiden Stoffe die Voraussetzungen für unseren Kaltwassergeysir. Verschiedene Experimente erläutern den Zusammenhang zwischen der Löslichkeit von Kohlendioxid im Wasser und das Prinzip der Kolbenblasen. Hier kann sich jeder selber als „Geysirantrieb“ austoben. Überhaupt gibt es hier sehr viel zum selber erfahren, beobachten und selbermachen. Manches ist eine echte Herausforderung. An manchen der Versuche überboten sich Kinder und vor allem Väter gegenseitig. Geologie ist eben auch ein sportlicher Weg, etwas über die Natur zu erfahren.

Trotz aller auch sportlichen Herausforderungen, die hier warten, ist das Besucherzentrum ebenso wie auch der Geysir selber barrierfrei und sowohl das Besucherzentrum als auch der Geysir selber waren auch für Rollstuhlfahrer gut zugänglich. Das muss man auch mal ausdrücklich loben!

Nach der kurzen Fahrt auf den Rhein kommt man schließlich auf dem Platz vor dem Geysir an. Wenn man das Wasserbecken genau betrachtet, kann man schon deutlich die Aktivität erkennen. Aus dem Blubbern wird rasch eine kleine, schaumig-weiße Fontäne, die rasch auf eine Höhe von 15 bis 20 Metern anwächst. Nach kurzer zeit und bei Windstille kann die Fontäne gut 60 Meter Höhe erreichen. Bei Wind kann die Gischt für die Zuschauer eine ziemliche Dusche bedeuten. Da tut man gut, sich nicht in Windrichtung aufzustellen. Wobei die bei sommerlichen Temperaturen sicher gut erträglich ist. Vermutlich würde es sich hier nicht nur für Kinder lohnen, entsprechende Wechselklamotten mitzubringen.

Geysir Andernach

Im Wasser steigen vor dem Ausbruch bereits Gasblasen auf und verraten, was sich hier im Untergrund abspielt. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

  Nach einiger Zeit sinkt die Höhe der Wassersäule wieder auf 10 bis 15 ab, wobei der Geysir stark pulsiert. Man kann hier quasi die Wirkung der Kolbenblasen direkt beobachten. Wer kann, sollte auch mal versuchen, den Geschmack des Wassers zu testen. Das milchig-trübe Wasser mag auf den ersten Blick wenig reizvoll erscheinen. Und wirklich, der salzige Geschmack dürfte nicht jedem gefallen. Früher wurde das Wasser, dessen Trübung auf die gelösten Mineralstoffe zurückgeht, als Heilwasser genutzt. An ruhigen und kühlen Tagen kann man nach dem Ende des Ausbruchs über dem Becken die Luft flimmern sehen. Dies ist das Kohlendioxid, welches für die Aktivität des Geysirs verantwortlich ist. Wenn das Wasser aus dem Brunnen herausgedrückt wurde, hört man zudem ein leichtes rauschendes Fauchen, mit dem das Gas aus der Tiefe austritt. Die weithin sichtbare Wasserfontäne ist nur ein kleiner Teil des Systems, aus dem der Namedyer Kaltwassergeysir zusammengesetzt ist. Bevor man sich daran erfreuen kann, müssen bereits viele verborgene Prozesse in der Tiefe abgelaufen sein. Zum einen brauch man tiefes Grundwasser. Also Grundwasser welches in sehr großer Tiefe, bis in einige hundert Meter, vorkommt. Es ist meist vergleichsweise alt. Es kann Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte her sein, als es als Niederschlag in der Ferne gefallen ist. Das tiefe Grundwasser ist daher weitgehend unabhängig vom täglichen Niederschlag.

 

Der zweite Faktor, der dem Geysir sein Leben einhaucht, ist das Kohlendioxid. Dieses Gas ist uns ja mehr aus der Presse als „Klimakiller“ geläufig.

Aber wie kommt dieses Gas in das Innere der Erde? Entweder ist es als Teil des globalen Kohlenstoffkreislauf tief in die Erde gelangt, oder es stammt noch aus der Entstehungszeit der Erde. Und tritt zum ersten Mal seinen Weg in den globalen Kohlenstoffkreislauf an.

Die Nähe des Geysirs zur Vulkaneifel ist auch kein Zufall. Magma kann erhebliche Mengen an fluider Phase, also Gase oder Flüssigkeiten aufnehmen. Dazu zählt eben auch das Kohlendioxid. Wenn das Magma aber erstarrt, müssen die in ihm gelösten Gase und Flüssigkeiten sich einen anderen Ort suchen, da die entstehenden festen Gesteine keinen Platz mehr bieten. Spalten und Klüfte bieten hier einen hervorragenden Weg an die Erdoberfläche. Gasaustritte, Mofetten, sind aus vielen vulkanischen Landschaften bekannt und stellen auch eine der letzten vulkanischen Aktivitäten dar, nachdem die Vulkane selber schon lange erloschen sind. Bekannt sind zum Beispiel die Gasaustritte am Ostufer des Laacher Sees nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt von unserem Geysir.

Kaltwassergeysir Andernach

Der Andermacher Geysir in voller Pracht. Foto: Rainer Lippert (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Das Bohrloch des Geysirs ist 351,50 m tief und erbohrt mindestens vier Bereiche mit Quarzgängen, welche dem gasgesättigten Grundwasser als Wege durch das relativ undurchlässige Gestein dienen. An diesen Stellen ist das Brunnenrohr mit Filterrohren ausgestattet, so dass pro Sekunde rund 1,1 Liter gasgesättigten Grundwassers zutreten können. Da die Löslichkeit von Gas im Wasser druckabhängig ist, kann die Wassersäule bei vollständiger Füllung ihren maximalen Gasgehalt erreichen. Das bedeutet aber auch, dass die Löslichkeit des Gases im Wasser überschritten wird, sobald jetzt weiteres gasgesättigtes Grundwasser hinzutritt. Das Gas beginnt auszuperlen und die Gasblasen steigen auf. Da der Umgebungsdruck im Brunnenrohr beim Aufstieg absinkt, dehnen sich die Gasblasen dabei aus. Die aufsteigenden und sich ausdehnenden Gasblasen drücken das Wasser aus dem begrenzten Rohr nach oben, der Brunnen beginnt, überzulaufen. Dabei verringert sich der auflastende Druck der Wassersäule, wodurch weiteres Gas ausperlt. So schaukelt sich der Geysir langsam selber hoch. Nach und nach schließen sich immer mehr Gasbläschen zu immer größeren Blasen zusammen und bilden schließlich die großen Kolbenblasen, wenn die Blasendurchmesser nur noch durch den Brunnenquerschnitt begrenzt wird. Sie können sich dann nur noch in vertikaler Richtung ausdehnen und erreichen an der Oberfläche Längen von 10 – 20 Metern (was auch das Pulsieren des Geysirs erklärt). Wenn sie die Oberfläche erreichen, hat der Geysir seine volle Höhe erreicht.
Erst wenn der Nachschub an Wasser nachlässt, geht der Ausbruch seinem Ende entgegen. Schließlich ist der Brunnen fast vollständig leer und das Gas kann ungehindert aufsteigen, wobei es sich unter Umständen als leichtes Flimmern über dem Becken bemerkbar macht.

Nach dem Ausbruch kann sich das Brunnenrohr erneut mit gasgesättigtem Grundwasser füllen.

Wer den Kaltwassergeysir besuchen will, muss vorerst Geduld haben.  Bis zum 19. März 2016 ist der Geysir im Winterschlaf.

Die Webseite des Andernacher Kaltwassergeysirs


Ein Kommentar zu “Ein Geysir in Deutschland – der Kaltwassergeysir in Andernach”

  1. Beyer, Wulf und Kathrin Antworten | Permalink

    Wir sid in der Regel alle 2 jahre in der Gegend - Biebernheim in St. Goar. Da sucht man natür lich im Vorfeld nach Möglichkeiten, bestimmte Sehenswürdigkeiten in der Nähe zu beuchen (alles geht bekanntlich nicht!). Irgendwann 2014 war in der Apothekenrundschau (oder Ende 2013) ein Poster mit Sehenswürdigkeiten. Dabei unter Anderem neben dem Drachefels bei Königwinter auch eine Beschreibung obigen Geysirs bei Andernach enhalten. Dies bewog uns natürlich den Geysir einen Besuch abzustatten. Im Besucherzentrum werden tatsächlich ach Männer zu Kindern und meine Kinder, erwachsene Mädchen (35, 42, 50 Jahre) spielten ebenfalls eifrig mit. Mit der Winddrehung hatten wir, eigentlich meine Frau als Fotografin, ebenfalls zu tun - der Wind wehte urplötzlich in die Richtung diverser Fotografen - alles rannte. Allas in Allem ein sehr schöner Ausflug. Die geologischen Grundlagen waren uns schon vorher bekannt.
    mit einem Glück auf
    Wulf und Kathrin Beyer

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