Nicht von Gestern, sondern von Vorgestern – Wünschelruten im NDR

8. März 2011 von Gunnar Ries in Hammer

 

Es war mal wieder eine der Sternstunden des Qualitätsjournalismus, der sich am 23. Februar um 16:10 Uhr im Programm des NDR „Mein Nachmittag“ abspielte. Ein Rutengänger durfte über seine Zunft sprechen. Und nicht irgendein dahergelaufener, nein, er wurde als „Ausbilder“ angekündigt. Und alt, ja, sehr alt sei seine Kunst. . Schon unsere Großeltern und Urgroßeltern vertrauten auf diese Technik. Gibt es doch schon seit gut 8000 Jahren Rutengänger. Also wirklich altes Wissen, möchte man meinen, tausendfach erprobt. Leider sei es in den letzten Jahren etwas verloren gegangen, würde aber zurzeit wieder aufleben. Ja, klar. Mit der freundlichen Unterstützung des Öffentlich Rechtlichen Fernsehens, das ohne kritisches Hinterfragen eine dankbar angenommene Plattform abgibt. Immerhin, in einem Punkt hat der vorgestellte Rutengänger Müller recht. Die Rute misst nichts, gar nichts. Der Körper ist es. Aber er irrt, denn auch der misst nichts. Es handelt sich hier schlicht um den so genannten Carpenter Effekt. Das Bedeutet, dass das Sehen sowie – in schwächerem Maße – das Denken an eine bestimmte Bewegung die Tendenz zur Ausführung ebendieser Bewegung auslöst.

Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind es keine wie auch immer gearteten Magnetfelder, die hier per Wünschelrute gemessen werden. Denn sonst könnten man ja beispielsweise mit Hilfe von genauen Magnetometern wie den Protonen-Präzessions-Magnetometern die Ergebnisse der Rutengänger bestätigen. Das ist aber meinem Wissen nach noch nie passiert. Mich persönlich würde ein Testlauf da sicher mal interessieren. Einen magnetischen Gegenstand suchen, Magnetometer gegen Wünschelrute. Hier wird meiner unbescheidenen Meinung nach „Magnetfeld“ in einem verschwurbelten Sinn und nicht im normalen, physikalischen Sinn verwendet. Eine Wort-Nebelkerze, die den unbedarften Zuhöret beeindrucken soll und ihm eine messbare Präzision und einen Hintergrund vorgaukelt, die nicht gegeben sind.

Der Dauerbrenner sind natürlich die bekannten „Wasseradern“. Man sollte meinen, es hätte sich unter den gebildeteren Zeitgenossen herumgesprochen, dass Grundwasser in der Regel flächenhaft fließt, und eben nicht analog zum Oberflächenwasser in unterirdischen Flüssen, den so genannten "Wasseradern" (OK, Pedanten werden jetzt einwenden, dass es hier ziemlich klare Ausnahmen gibt, in denen Wasser in unterirdischen Flüssen fließt. In Karstgebieten beispielsweise. Ich würde da aber gerne mal einen Wünschelrutengänger auf die Suche schicken. Und ich gehe jede Wette, seine Trefferquote dürfte sich nicht groß vom Zufall unterscheiden. Aber der alte Mythos ist erstaunlich zählebig. Daher sollte es im norddeutschen Lockersediment niemanden verwundern, wenn ein Rutengänger tatsächlich Wasser findet. Denn es ist egal, wo er gegraben hätte, es wäre immer Grundwasser da gewesen. Ich finde, es hat immer etwas rührend naives, den Rutengänger einen vermeintlichen unterirdischen Fluss abstecken zu sehen. Ja sicher, dort würde man Wasser finden. Welch eine Überraschung! Aber auch einen halben Meter links oder rechts der Markierung. Oder auch zwei oder drei Meter. Und da es diese ominösen „Wasseradern“ nicht gibt, können auch die Folgen, die Herr Müller hier so schön ausmalt: „Personen, die in so einer (mit Erdstrahlen, Wasseradern, Magnetlinien oder Elektrosmog belasteten) Situation liegen, sind nach 18 Jahren entweder schwerstkrank oder gestorben.“

Stich eines Wünschelrutengängers aus dem 18. Jahrhundert. Wikimedia

In dieser Situation wirkt die unkritische Distanz der Moderatoren schlicht nur noch peinlich. Während also Menschen hier Angst gemacht wird, in dem ihnen mit schweren und schwersten körperlichen Schäden ja fast gedroht wird, denen natürlich nur ein Rutengänger Abhilfe schaffen kann, kommt keine kritische Frage. Hier darf also jemand im öffentlich rechtlichen Fernsehen ganz massiv einen bedarf bei den Menschen wecken, den er und seine Branche dann befriedigen. Etwas, das man wohl umgangssprachlich durchaus als „Reklame“ bezeichnen darf. Hier wirkt die spätere Bemerkung, man dürfe ja keine Werbung machen, einfach rührend naiv. Ich frage mich, warum Journalisten immer wieder Scharlatanen (und die Wünschelrutengängerei zähle ich dazu) so ungeniert nicht nur auf den Leim gehen, sondern ihnen auch noch eine unkritische Plattform bieten, auf der sie ihre seltsame Weltsicht verbreiten können. Ist es wirklich so schwer, sich über ein Thema wie Rutengänger oder andere umstrittene Themen vorher kurz zu informieren? Ich will hier nicht weiter auf den Unsinn eingehen, der meist mit „Elektrosmog“ umschrieben wird. Hier ist ja ein Geo-Blog, also bleiben wir bei den Wasseradern. Wer einen Rutengänger in seinem Garten nach Wasser suchen lässt, hätte billiger einfach eine Münze werfen können, denn die Trefferquote eines Rutengängers liegt nicht über dem Zufall. Ich finde es schade, dass ein öffentlich rechtlicher Sender hier Sendezeit für wohl nicht nur in meinen Augen pseudowissenschaftlichen Blödsinn opferte, anstatt fachlich über Grundwasser und damit im Zusammenhang stehende Phänomene zu berichten. Hatten doch schon 1950 die geologischen Landesämter festgestellt:

Die Geologie fast aller Kulturstaaten, besonders in Deutschland, hat sich seit langen Jahren, um nichts unversucht zu lassen, mit zahlreichen exakten Prüfungen der Wünschelrute (des Pendels und Apparaten nach Art der Wünschelrute) beschäftigt. Sie hat keine Gelegenheit unterlassen, Angaben von Wünschelrutengängern mit den tatsächlichen Verhältnissen des Untergrundes zu vergleichen. Das klare Ergebnis ist, daß ein Zusammenhang zwischen Wünschelruten-(Pendel-)Ausschlag und Untergrund nicht erwiesen, ja noch nicht einmal wahrscheinlich gemacht worden ist.

Die Direktoren der genannten geologischen Landesämter müssen daher nachdrücklichst darauf aufmerksam machen, daß die Wünschelrute zum Aufsuchen von Bodenschätzen jeglicher Art, einschließlich Wasser, völlig unbrauchbar ist. Vor allem muß bei allen Arbeiten, die ganz oder teilweise durch öffentliche Mittel finanziert werden, aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnis die Verwendung der Wünschelrute entschieden abgelehnt werden.

Da ist man fast versucht, David Harnasch zuzustimmen, der hier einen Verriss der NDR-Sendung abgegeben hat.

Dank an Horst Welke, ohne den diese Sternstunde des öffentlich rechtlichen Qualitätsjournalismus komplett an mir vorbei gegangen wäre.


9 Kommentare zu “Nicht von Gestern, sondern von Vorgestern – Wünschelruten im NDR”

  1. bruno jennrich Antworten | Permalink

    aufklärung 2.0

    es ist wirklich erschreckend, wie die segnungen der aufklärung durch journalisten via tv ins grundwasser gespült werden....

    es wird zeit für die aufklärung 2.0!

  2. KRichard Antworten | Permalink

    TV-Information

    derartige Berichte im TV sollen in erster Linie informieren, was es so gibt. Ob das berichtete Thema bzw. der Inhalt aber sinnvoll ist, oder nicht, ist daher teilweise unwichtig.
    Daher kann man nicht unbedingt eine wissenschaftlich korrekte Information erwarten.

  3. Lichtecho Antworten | Permalink

    @KRichard

    "Informieren was es so gibt" nennt man auch Reklame und die muss als solche gekennzeichnet werden. Wenn die beiden "Journalisten" (Fernseh-Fuzzies wäre wohl die adäquatere Berufsbezeichnung) völlig kritiklos den guten Mann seine Dienstleistung präsentieren lassen, dann ist das jedenfalls keine Berichterstattung. Der Skandal an der Sache ist, dass eine Zwangsgebühr für gequirlte Scheiße erhoben wird.

  4. Gunnar Antworten | Permalink

    @ Thilo

    Mir ist es persönlich egal, was sich in deinem Blog abgespielt hat. Kommentare, die aber allem Anschein nach nur einem persönlichem Angriff dienen, werden von mir kommentarlos gelöscht. Wenn du was zur Sache zu sagen hast, dann tue es. Ansonsten lass es bleiben.

  5. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Morphogenetische Felder

    Ich kann mir nicht helfen, aber immer wenn ich eine schöne Frau sehe, dann zuckt bei mir die Wünschelrute.

    Das liegt vermutlich an den morphogenetischen Feldern.

    So weit ich weiss, sind die Gene ja tatsächlich irgendwie an der Morphologie der Lebensformen beteiligt.

  6. beduw Antworten | Permalink

    Aber ...

    ich habe mir den Luxus gegönnt, mein Einfamilienhaus von einem Rutengänger überprüfen zu lassen. Und da ich ein sehr skeptischer und realistischer Mensch bin, habe ich mir zwei unterschiedliche Routengänger bestellt. Einer von beiden war ein Rutengänger-Meister. Das phänomenale war, dass beide Rutengänger nahezu exakt übereinstimmende Messungen bezüglich der ErdStrahlen vorgenommen haben. Nun frage ich sämtliche Skeptiker: wie kann das sein? Die beiden Personen kannten sich nicht und wussten nichts von dem durchgeführten Termin des anderen. einen solchen Zufall kann es nicht geben. Insofern ist für mich sicher: die Messungen der Rutengänger haben Hand und Fuß und können jederzeit nachvollzogen werden!

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