Sparen, oder; Wie wichtig ist Wissenschaft?

12. November 2010 von Gunnar Ries in Hammer

Nicht erst seit der letzten Finanzkrise ist es in aller Munde: Das Staatsdefizit. Das möchten die betreffenden Staaten natürlich gerne wieder senken, und es mangelt auch nicht an Vorschlägen. Waren während der Krise keine Beträge zu groß, um nicht im Handumdrehen (OK, ich bin hier polemisch) bereitgestellt zu werden, so wird eben jetzt geknausert. Im Gegensatz zu den Spendierhosen zeigt sich das aber vornehmlich bei "nichtsystemrelevanten" Ausgaben, und da finden sich neben dem großen Bereich der Sozialausgaben auch immer wieder die Wissenschaft und die Forschung. Florian Freistetter hat drüben auf Astrodicticum simplex das Beispiel Österreichs angeführt. Dort soll die gesamte außeruniversitäre Forschung gestrichen werden. Dieses würde dann dem österreichischen Staat die unglaubliche Summe von 28 Millionen Euro einbringen. Sicher, man kann immer über einzelne Forschungsprojekte streiten, und man sollte das auch offen tun. Ein derartiges Streichen mit der Kettensäge könnte sich jedoch schnell als Bumerang herausstellen. 

Dazu hat sich dann auf Astrodicticum simplex auch eine recht bizarre Diskussion abgespielt, die sich um die Behauptung 

Das Zeitalter der Wissenschaft ist zu Ende. Es ist Zeit, einmal einen Schlusstrich zu ziehen und ganz nüchtern zu überlegen, was uns die Wissenschaft wirklich gebracht hat.

gedreht hat. Lassen wir mal beiseite, dass es natürlich immer missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse gegeben hat, und es auch immer geben wird. Und dass auch Wissenschaftler nur Menschen sind, die verführbar sind und Fehler machen. Aber so pauschal, ausgerechnet in einem von Wissenschaftlern entwickeltem Medium, dem Internet, mit von Wissenschaftlern entwickelten Techniken, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Warum ziehen eigentlich Feinde der Wissenschaft nicht auch die Konsequenz aus ihrem Denken?

Meiner Ansicht nach sollte der Wissenschaftsapparat drastisch reduziert werden, weil ihre Protagonisten immer wieder vergessen, dass sie viele Versprechungen nicht
erfüllen konnten, und trotzdem Unmengen an Steuergeld vernichtet haben. 

und

Das Volk gibt das Geld für ganz konkrete Ziele und wenn diese nicht erreicht werden, muss man sich die Frage gefallen lassen, wofür man eigentlich bezahlt wurde.

 Abgesehen davon, dass eine Überprüfung durchaus passiert. Dieses "wir geben einfach nur noch für konkrete und wichtige Großprojekte Geld", ist zu kurz gedacht und gehört ebenso wie die These; "Forschung muss sich rechnen" eigentlich in das Museum falscher Vorstellungen. Warum das so ist, kann eigentlich niemand anderes besser erklären als Carl Sagan. Dabei zeigt sich, dass, hätte schon im 19. Jahrhundert dieses kurzfristige Denken geherrscht, könnten wir heute vermutlich unsere Gedanken nicht per Radio, Fernsehen oder Internet austauschen. Denn dann hätte James Clerk Maxwell sich vermutlich nicht so intensiv um den Elektromagnetismus gekümmert. Herausgekommen ist dabei ein Satz von Gleichungen (die Maxwellschen Gleichungen), welche die Grundlagen der Elektrizitätslehre und des Magnetismus bilden.


8 Kommentare zu “Sparen, oder; Wie wichtig ist Wissenschaft?”

  1. Mona Antworten | Permalink

    Ausgeschwitzt

    "Der in der Therme Loipersdorf auf der Regierungsklausur ausgeschwitzte Budgetentwurf" gibt bereits Anlass zu Lästereien, denn Flüssigkeitsmangel reduziert die Denkfähigkeit. Es ist wissenschaftlich :-))) bewiesen, dass Saunabesuche durch Flüssigkeitsverlust die Denkfähigkeit für mehrere Tage reduzieren!

    http://derstandard.at/...pf-ab-in-der-Wissenschaft

  2. Michael Khan Antworten | Permalink

    Für wissenschaftsferne Zeitgenossen ...

    ... erscheint es vielleicht folgerichtig, dass Wissenschaft und Forschung, sogar Grundlagenforschung, planbar sein müssen.

    Für diese Erbsenzähler ist es dann gleich "Vernichtung von Kapital", wenn nicht gleich Ziele erreicht werden und nicht gleich ein Produkt dabei herausspringt. Dass dabei - und eben wegen der Nicht-Planbarkeit andere Erkenntnisse herausspringen, die gar nicht erwartet wurden und deswegen auch nicht eingeplant waren, wird eben mal so ignoriert.

    Besonders dumm ist die gern vorgebrachte Aufzählung der negativen Konsequenzen von Wissenschaft und Technik. Wenn man etwas kann oder eine Technik beherrscht, dann kann man sie grundsätzlich zum Nutzen oder zum Schaden einsetzen. Manchmal beides gleichzeitig, es ist beliebig schwierig, da eine Grenze zu ziehen.

    Wenn ich mir vorstelle, wie viele Millionen Häuser abgebrannt und sicher Hunderte Millionen Menschen seit der Erfindung des Feuermachens verletzt oder getötet worden sind, könnte die Konsequenz eigentlich nur lauten - wenn man sich dieses Totschlagargument zu eigen machen will - dass der Mensch die Finger vom Feuer hätte lassen sollen.

  3. Michael Antworten | Permalink

    Und Carl Sagan hat soo recht. Sehr viel Grundlagenforschung hat zu Ergebnissen geführt, die aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken sind. Als Beispiel nenne ich mal den Laser. Das war bei seiner "Erfindung" eine komische Idee ohne Nutzen, heute ist er aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken.

  4. T. Antworten | Permalink

    vier Anmerkungen

    1. Gibt es Hinweise dafür, dass die beschriebenen Änderungsdrohungen später auch im universitären Bereich (Bsp. England) fortgesetzt werden sollen?

    2. Ich finde, auch in der Kritik der Kürzungsandrohungen wird nicht klar zwischen "Wissenschaft" und "Technik" begrifflich unterschieden. M.E. ist das aber der Kernpunkt der Thematik.

    3. Österreich ist ja eigentlich immer etwas spezielles, aber vielleicht passen die geschilderten Vorgänge doch in einen allgemeinen, auch außerösterreichisch bemerkbaren, Trend? (Etwas überspitzt in den Kommentaren dort formuliert)

    4. Wieso sollten Wirtschaft/Management und Wissenschaft für immer miteinander verkoppelt sein? Die letzten Jahrzehnte haben ja auch andere Entkopplungen gezeigt, die zuvor undenkbar erschienen, z.B. die durch die Globalisierungserfahrung der Wirtschaftseliten initiierte Entkopplung der Konzepte von "Marktwirtschaft" und "stabilen entwickelten Gesellschaft" oder die Entkopplung von "Marktwirtsch." und "Demokratie/pol. Freiheit", als die Eliten feststellten, dass sie in kriselnden Gesellschaften/"Schwellenländern" bzw. unter autoritären Regimen wider erwarten prima gedeihen kann.

  5. hochzwei Antworten | Permalink

    Wie wichtig ist Wissenschaft

    "das Zeitalter der Wissenschaft ist zu Ende"......wirklich eine sehr bizarre These der so genannten Feinde der Wissenschaft. Allerdings hätte es einen gewissen Charme, wenn man das Zeitalter der Wissenschaft um einige Jahrzehnte zurück setzen könnte. Dann könnten solche provokante Thesen nicht im Internet eingestellt werden.

  6. Osti Antworten | Permalink

    Wissenschaft und wirtschaftlicher Nutzen

    Leider ist es wirklich so, dass Wissenschaft und Wirtschaftlichkeit miteinander verflochten sind. Das gilt allerdings meiner Meinung nach nur für die Privatwirtschaft. Erstaunt es z. B. nicht, dass eine gewisse Kausalität zwischen der zunehmenden Lebenserwartung der Menschen und den zunehmenden Ausgaben für die Alzheimerforschung besteht? Ich könnte hier noch viele andere Beispiele nennen. Aber umgekehrt gibt es genügend Erfolge in der Wissenschaft, die nicht von einem zu erwartenden Nutzen abhängig gemacht worden sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Einstein bei der Entwicklung seiner Relativitätstheorie an einen wirtschaftlichen Nutzen gedacht hat.

  7. adenosine Antworten | Permalink

    Fragt sich eher, wieviel Wissenschaft durch den Steuerzahler finanziert werden muß? Das Verfahren, Ausbildung mit Forschung an den Unis zu verbinden scheint doch sinnvoll. Verbieten wird Wissenschaft doch kaum einer, es sei denn, denen fallen keine anderen Verbote mehr ein, oder die Theokraten kommen an die Macht. Im Rahmen von Industrie- und Wettbewerbspolitik werden wohl auch ein paar Tröpfchen des Subventionsstromes für die Wissenschaft abfallen.

  8. Verkehrszeichen Antworten | Permalink

    Nutzen

    Wissenschaft und Wirtschaft sind fast immer verbunden. Denn sehr oft ist die Basis der Forschung die Hoffnung auf einen späteren "Nutzen". Und wenn etwas von Nutzen ist, dann kann man meist auch damit handeln.

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