Dankesrede zum Preis “Vermittlungen” zum 60. Jubiläum der Evangelischen Akademie Villigst

2. Oktober 2010 von Michael Blume in Allgemein

Zur Meldung: Preis der evangelischen Akademie Villigst geht an Dr. Michael Blume

Meldung & Foto: EKvW

 

Sehr geehrter Herr Vorsitzender Graumann,

sehr geehrte Frau Krekel,

sehr geehrter Minister Schneider,

sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter von Kirchen und Wissenschaft,

lieber Peter Markus,

sehr geehrte Damen und Herren,

heute haben Sie alle - und besonders der Laudator Prof. Dr. Christian Link - an mir die Höchstrafe für schwäbische Protestanten vollzogen: Das Lob. Denn der sonst so reiche, kulturelle Schatz meiner Heimat bietet leider kaum Verhaltenstips für speziell diesen Fall, denn bei uns gilt: "Ned gschompfe isch globt genug!"

Michael Blume

Hinzu kommt, dass ich angesichts des heutigen 60. Jahresjubiläums der Evangelischen Akademie der Kirche Westfalen eigentlich selbst allen Grund habe, Ihnen zu danken! So komme ich gerade von einem Symposium der katholischen Akademie Aachen zum Thema "Evolution & Offenbarung", an dem Theologen, Philosophen, Biologen und Religionswissenschaftler über Tage hinweg debattieren und das sich morgen der Öffentlichkeit öffnen wird.

Wie sonst nur noch die Universitäten hatten die evangelischen und katholischen Akademien in Deutschland in meinem Leben eine prägende Bedeutung. Auf unzähligen, interreligiösen Tagungen lernte ich bei Ihnen faszinierende Christen, Muslimen, Juden, Anders- und Nichtglaubende und Vertreterinnen und Vertreter verschiedenster Wissenschaften - und damit den Dialog kennen. So weiß wohl jeder von uns noch, wo er oder sie war, als uns die Nachricht von den Terroranschlägen des 11. September 2001 erreichte. Nun, ich war an diesem Tag als junger Vorsitzender einer Christlich-Islamischen Gesellschaft in der Evangelischen Akademie Bad Boll, wo wir gerade eine Tagung vorbereiteten, mit dem Titel: "Christen und Muslime - Gemeinsam Gewalt verhindern". Bis dahin hatten wir fast verzweifelt um Aufmerksamkeit gerungen, hatten vor Gefahren des brodelnden Extremismus gewarnt und uns von vielen klugen Menschen erklären lassen, für einen interreligiösen Dialog gebe es doch gar keinen Bedarf - bald bete doch sowieso niemand mehr und Identitätsprobleme löse man halt mit Sozialhilfe. Binnen Tagen mussten wir uns nun von den teilweise gleichen Leuten anhören, es sei für den Dialog viel zu spät, jetzt sei überhaupt kein Frieden mehr möglich, sonder nur noch "die" oder "wir". Davor nannte man jene von uns, die auf Basis von Respekt und Menschenrechten Brücken zwischen den Menschen aus den Religionen bauten, aufgeregt - danach waren wir angeblich blauäugig und naiv...

So verdanke ich den Akademien eine frühe Erfahrung: Aktiver "Vermittler" zu sein bedeutet keineswegs, jedermanns Liebling zu sein. Wer wirklich Brücken bauen will, muss sich den schwierigen Themen stellen und sich dafür oft gerade von jenen verhöhnen und ausgrenzen lassen, die selbst zu feige sind, über die Grenzen der eigenen Weltanschauung und Gemeinschaft hinaus zu sehen. Aber doch angeblich ganz genau wissen, wie "die anderen" so sind. Ich erinnere mich noch gut an den "Tip" eines Theologen, doch besser nur Themen zu beackern, die irgendwie "alle gut" fänden, er nannte Sterbehilfe als Beispiel - das sei besser für die Karriere. Für meine Ohren klang das wenig glaubwürdig und ich fragte mich, ob wir mit einer solchen Haltung auch den Fragen von Leben und Tod tatsächlich gerecht werden würden. In und um die Akademien aber traf ich Menschen, die bewusst auch kontroverse Themen gewählt hatten, die Grenzen sprengen wollten, weil für sie das Ringen um Wahrheit, Wissenschaft und Glauben etwas mit Aufgaben, mit Wagnis, mit Lebenssinn, mit Zukunft zu tun hatte. Erlauben Sie mir, beispielhaft wenige Namen zu nennen: Dr. habil. Wolfgang Achtner (Gießen), Prof. Elisabeth Gräb-Schmidt, Prof. Nico Michiels und Prof. Nicholas Conard (alle Tübingen), Wolfgang Wagner (Bad Boll), Dr. Hubert Meisinger (Arnoldshain), Dr. Christina aus der Au (Basel), Dr. Hansjörg Schmid und Dr. Heinz-Hermann Peitz (Hohenheim) und hier in Villigst Dr. Peter Markus und Dipl.-Psych. Thomas Graumann.

Insofern war der christlich-islamische Dialog im Rückblick auch eine gute Vorbereitung auf die Arbeit zwischen Natur- und Kulturwissenschaften. Die Vorbehalte und Mißverständnisse bis in die Begriffe hinein, der wechselseitige Dünkel und das Mißtrauen gegenüber Grenzgängern sind ja zwischen den Disziplinen recht ähnlich ausgeprägt wie zwischen den Religionen. Wahrscheinlich war es spätestens in dem Moment um mich geschehen, als ein Professor - diesmal der Religionswissenschaft - mich warnte, ich würde mit dem Doktorthema "Religion & Hirnforschung" und der naturwissenschaftlichen Erforschung von Religion doch nie einen Lehrstuhl erhalten und solle lieber so ein Thema wählen, dass "alle gut" fänden. Mit seiner Warnung hatte er ja womöglich Recht, deswegen werde ich mich auch nie beklagen - aber die Freude an der Forschung, an lebendigen Debatten und am Austausch mit interessanten Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Disziplinen, sowie das Interesse von Öffentlichkeit, Leserinnen, Lesern und Studierenden war und ist mehr als ein Ausgleich dafür. Die Auszeichnung heute von Ihnen ist die schönste Belohnung für das damalige "Dennoch", das ich mir denken kann!

Persönliche Danksagungen

Lassen Sie mich bitte zunächst einigen jener Menschen danken, ohne die ich heute hier nicht stehen würde.

Mein erster Dank gilt meiner Frau Zehra, die mir über Jahre hinweg vertraute und mein Studium mitfinanzierte - nachdem ich die damals "sichere" Anstellung nach der Banklehre für die Faszination der Religionswissenschaft ohne festes Berufsbild aufgegeben hatte. Und die mir auch in den Jahren danach immer den Rücken freihielt, damit ich neben Beruf und Familie wissenschaftlich weiterarbeiten konnte. Umso mehr hat es mich geschmerzt, dass wir in der neuesten Welle von Islamfeindlichkeit der letzten Wochen auf "scherzhafte" Fragen antworten mussten, ob es denn "in der jetzigen Situation" nicht dem Ruf schade, mit einer Muslimin verheiratet zu sein und ob unsere Kinder wohl "das Moslem-Gen" geerbt hätten.

Der heutige Tag ist deshalb eine gute Gelegenheit zu sagen: Ja, viele, allzuviele quer durch alle Kulturen heulen wieder mit im aktuellen Klima von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Aber ich glaube, ein Vermittler sollte auch wissen, welche Werte nicht zur Verhandlung stehen. Von meinen Eltern, die sehr viel existentielleren Druck, Bespitzelung und Haft durch das DDR-Regime überstanden, habe ich eine wertvolle Lektion gelernt: Wenn es einen Preis kostet, ein Leben in Freiheit, Würde und Liebe zu leben, dann sollten wir bereit sein, ihn zu zahlen. Zumal Christen mit den Anhängern aller Weltreligionen eine gemeinsame Erkenntnis verbindet: Niemand hat uns je versprochen, dass es immer leicht sein würde! Deswegen möchte ich Dir, Zehra, heute von hier aus sagen, dass ich ohne Dich nicht hier stände und glücklich über genau das Leben mitsamt seinen Herausforderungen bin, das wir seit nun 14 Jahren gemeinsam führen!

Mein besonderer Dank gilt auch Rüdiger Vaas, der für mich mehr ist als der Mitautor von "Gott, Gene und Gehirn". Es war Rüdiger, der als Biologe und Philosoph vor wenigen Jahren meine Forschungen entdeckte und erstmals in einer Wissenschaftszeitschrift vorstellte. Er setzte den Dialog fort, ging auf den Hirzel-Verlag zu und schuf den Rahmen unseres Buches. Für mich war und ist er Diskussionspartner, Mentor, Freund und, ja, Vorbild - ich halte ihn für einen der besten Wissenschaftsautoren in deutscher Sprache.

Gott, Gene und Gehirn (GGG) von Rüdiger Vaas & Michael Blume

Und schließlich möchte ich meinem Arbeitgeber danken - dem Staatsministerium Baden-Württemberg und hier besonders der Chefin unserer Stabsstelle, Frau Staatsrätin Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn, die selbst aus der Wissenschaft kommt und Wissenschaft auch bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach Kräften fördert. Das ist nicht selbstverständlich - und doch vielleicht der richtige Weg, damit auch in Zeiten der enormen Beschleunigung der immer wichtigere Draht zwischen Politik und Wissenschaft nicht reißt. In diesen Dank einschließen möchte ich den Kirchenbeauftragten Staatssekretär Hubert Wicker, die Kolleginnen und Kollegen sowie die Mitglieder der Landesregierung, für die und mit denen ich in den letzten Jahren arbeiten durfte.

Zwar wollte ich seit dem Studium eigentlich immer "nur" Wissenschaftler und Autor werden. Aber mein Respekt vor den aktiven Demokraten unseres Landes in den Parteien, Ministerien, Parlamenten und Regierungen ist in den vergangenen Jahren weiter gewachsen, weil ich immer wieder auch Menschen erleben durfte und darf, die in einem immer schwierigeren und sich beschleunigenden Umfeld täglich darum ringen, das Richtige zu tun. Dass sich Politiker nicht für Wissenschaft interessierten und sich nur mit Ja-Sagern umgeben würden ist ein Vorurteil, das ebenso dumm und falsch ist wie jedes andere - und dass ich für Baden-Württemberg aus eigenem Erleben ausschließen kann. Bitte verzeihen Sie, dass meine Gedanken gerade auch in Stuttgart sind - und dass ich sehr hoffe, dass sich die Situation beruhigt, dass demokratisch gesetztes Recht respektiert wird und keine Menschen zu Schaden kommen. 

Die Post-Sarrazin-Debatte

Bis zu Thilo Sarrazin's erfolgreich kalkuliertem Tabubruch "Deutschland schafft sich ab" hätte ich nicht geglaubt, dass meine beiden "Vermittlungs-Bereiche" - der Dialog der Religionen einerseits und die naturwissenschaftliche Erforschung von Religion andererseits - je miteinander verknüpft werden würden. Aber der langjährige Finanzsenator wurde mit dem vielleicht ältesten Trick des Populismus zum Millionär: Man prangere reale Probleme an - diesmal das Fehlen von deutschsprachigen Kindern und mangelnde Aufstiegsorientierung in Teilen der Gesellschaft - und biete gesellschaftliche Minderheiten als vermeintlich schuldige Sündenböcke an: Diesmal Muslime und generell arme Menschen.

Mit Freude sehe ich jedoch, dass viele Menschen die Hypothesen und das Buch Sarrazins aber durchaus als Chance begreifen, offen zu diskutieren und selbst weiter zu denken. Deswegen möchte ich einige wenige, inhaltliche Punkte gerne aufgreifen. 

So ist Thilo Sarrazin am Ende seines Buches so ehrlich, einzuräumen: Es haben gar nicht "die (nichtmuslimischen) Deutschen" zu wenig und "die Muslime" zu viele Kinder. Vielmehr besteht der Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Kinderreichtum quer durch alle Weltreligionen: Praktizierende Christen, Muslime, Juden, Hindus usw. haben auch bei gleicher Einkommens- und Bildungssituation deutlich mehr Kinder als säkulare Christen, Muslime, Juden, Hindus etc. Wir kennen heute Dutzende religiöser Gemeinschaften, die über Generationen hinweg Kinderreichtum erhalten haben - aber bislang keine einzige (!) nichtreligiöse Population, Bewegung oder Gemeinschaft, die auch nur ein Jahrhundert die Bestandserhaltungsgrenze von zwei Kindern pro Elternpaar hätte halten können! 

Der Beifall für Thilo Sarrazin etwa durch Necla Kelek oder Henryk Broder ist daher so überraschend nicht - denn nicht nur in der Europäischen Union, auch in der Türkei, in Israel, den USA fehlt es den säkularen Milieus inzwischen an Gemeinschaften, Familien und Kindern, kehren die tot gesagten Religionen in neuen, manchmal auch extremen Formen zurück. Die Sorge vor dieser Entwicklung verstehe ich nicht nur - ich teile sie teilweise auch. Wie damals im christlich-islamischen Dialog möchte ich auch heute dazu aufrufen, dass wir uns endlich der Wirklichkeit stellen, statt Scheindebatten zu führen! Hinter unseren jeweiligen Ressentiments und Verschwörungstheorien gegen betende Muslime, entschiedene Christen oder fromme Juden schlummern die eigentlichen Ängste vor einer erschütterten Fortschrittserzählung der säkularen Moderne und den tiefen Fragen, die wir uns selbst kaum zu stellen wagen und also lieber aggressiv auf andere werfen: Jene nach den Werten, die wir mit unseren religiösen Traditionen über Bord geworfen haben, die wir womöglich hätten erneuern sollen und ohne die wir als moderne Gesellschaften offenkundig nicht demografisch, nicht kulturell und auch nicht wirtschaftlich bestehen können.

Die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Barbara Traub, brachte es am Dienstag in Stuttgart auf den Punkt: Wer den Kinderreichtum, den Bildungserfolg und IQ vieler Juden auch in Deutschland verstehen möchte, sollte gerade nicht die Genetik bemühen - sondern sich einen Überblick über die religiöse Wertschätzung von Kindern, Ehe und Familie und vor allem die intensiven, oft ganztägigen Betreuungs- und Bildungsangebote in den jüdischen Gemeinden verschaffen. Auch hier gilt: Die Welt wird dann viel interessanter und auch theologisch und wissenschaftlich lehrreicher, wenn wir Klischees hinter uns lassen!

Für uns Kirchenmitglieder bis hinauf zu unseren Professoren und Bischöfen heißt das: Es liegt auch an uns, ob wir dem Aus- und Absterben unserer christlichen Traditionen - einschließlich unserer Akademien - weiter hilflos zuschauen, oder ob wir endlich bereit sind, auch von anderen inner- und außerhalb unserer Traditionen zu lernen und unsere eigenen Prioritäten zu hinterfragen - wie es Jesus seinen Jüngern seit je abverlangte. Kinderreiche Gemeinschaften ziehen weitere Sinnsuchende an, ergrauende Gemeinden aber werden weiter verlassen und auch durch Missionskampagnen kaum mehr lebendig. Flüchten wir uns also weiter in eine angeblich heile Vergangenheit, die so heil nie war, und lassen damit die jungen Menschen und Familien heute im Stich? Oder finden wir endlich den Mut, wieder zur Zukunft umzukehren - und nicht länger so zu tun, als ob dies "der Staat" oder "die Wirtschaft" stellvertretend für uns erledigen könnten?
 

 

Nein, es ist meines Erachtens noch kein echter Mut, Ängste zu schüren, auf ärmere Menschen und Minderheiten loszugehen und sich dafür fürstlich bezahlen zu lassen. Echter Mut beginnt erst, wo wir uns den eigenen Ängsten stellen, uns auch selbst hinterfragen - und, wo nötig, ändern.

Und es ist möglich: Die Religionskritikerin Susan Blackmore hat solchen Mut vor wenigen Wochen gezeigt, als sie angesichts der religionsdemografischen Daten Richard Dawkins' und ihre langjährig vertretene "Religion-als-Virus"-Hypothese öffentlich verwarf. Sind auch wir in der Lage, so über unser eigenes Ego hinweg zu lernen?

Antoinette Brown Blackwell und die Intelligenz der Frauen

Und damit komme ich zum Schluss - einem Appell für die Wiederentdeckung einer besonderen Christin und Wissenschaftlerin. Denn wenn mich an der Sarrazin-Debatte eines geärgert hat, dann die weitgehende Ignoranz der Wissenschaftsgeschichte! Ich bin dankbar, dass Menschen mit Rückgrat wie Volker Kauder auf den Widerspruch zwischen eugenischen Fantasien und dem christlichen Menschenbild hingewiesen haben. Es sei daran erinnert, dass Jesus selbst auch die "geistig Armen" selig sprach und ihre Würde anerkannte.

Doch noch viel zu selten ist gesagt und geschrieben worden, dass die These von der niedrigeren Intelligenz bestimmter Menschengruppen alles andere als neu ist! So formulierte schon Charles Darwin in seiner "Abstammung des Menschen": "Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau." Und bis vor wenigen Jahren vertraten Wissenschaftler noch ernsthaft die These, dass Frauen "von Natur aus" dümmer als Männer wären und beriefen sich neben IQ-Vergleichen a la Sarrazin auch auf das durchschnittlich geringere Schädelvolumen!

Erfreulicherweise gab und gibt es aber genug Menschen, die sich durch diese Thesen nicht irre machen ließen. Und siehe da: Wo immer Mädchen endlich doch die gleiche Ernährung, Förderung und Ermutigung erhielten wie ihre Brüder, verschwand der IQ-Unterschied. Heute finden sich kaum noch ernsthafte Biologen oder Intelligenzforscher, die noch die These von der angeboren höheren Intelligenz "des Mannes" vertreten würden! Genau dies galt aber über Jahrzehnte als "Stand der Wissenschaft", damit wurde frauen- und damit menschenfeindliche Stimmung gemacht! Dass Sarrazin & Co. nur wenige Jahre später den gleichen Trick und die gleichen Argumente wieder gegen Menschengruppen in Stellung bringen können und damit Beifall finden, deutet meines Erachtens auf den dringenden Bedarf an mehr (natur-)wissenschaftlichem und wissenschaftshistorischem Wissen in unserer Gesellschaft hin.

Antoinette Brown Blackwell sah die Gefahr solcher Lesarten der Evolution schon vor mehr als einem Jahrhundert - und sie stand dagegen auf. Sie war eine Zeitgenossin Darwins und eine studierte Theologin wie er - tatsächlich sogar eine der ersten Frauen, denen es gelang, Theologie zu studieren. Mehr noch: Sie wurde die erste, weibliche Pastorin der Vereinigten Staaten, engagierte sich als christliche Frauenrechtlerin für das Wahlrecht und als Wissenschaftsautorin für die Evolutionstheorie, führte eine glückliche Ehe, schenkte sechs Kindern das Leben und hielt bis an ihr Lebensende Vorträge zu Glauben, Politik und Wissenschaft. Als Darwin seine männer- und gewaltzentrierte Lesart der Evolutionsgeschichte präsentierte, erkannte sie die Gefahr sofort: Gerade als frauenverachtende Interpretationen der Bibel endlich überwunden wurden, wurde hier eine neue Diskriminierung der Frau mit Berufung auf die Wissenschaft ausgerufen! Lesen oder gar höhere Bildung, Unabhängigkeit und Selbständigkeit, so hieß es nun, widersprächen "der Natur" der Frau.

So antwortete Antoinette Brown Blackwell mit "The Sexes throughout Nature" direkt auf Charles Darwin und vertrat die Auffassung, dass Frau und Mann verschieden, aber als gleichwertige Partner evolviert seien. Nicht Gruppenkriege und die Führung des überlegenen Mannes, sondern der gemeinsame Aufzug von Kindern und die freie Partnerwahl hätten die Evolution des Menschen bestimmt. Damit nahm Brown Blackwell heutige Befunde beispielsweise von Sarah Blaffer Hrdy ("Mütter und Andere") vorweg: Unsere Vorfahren konnten nur deswegen überhaupt eine längere Kindheit und Jugend und ein länger ausreifendes Gehirn evolvieren, weil sie lernten, einander zu vertrauen und Kinder in wachsenden Gemeinschaften groß zu ziehen. Machen wir uns bewusst: Keine Schimpansin könnte ihr Kind in eine Schule oder auch nur einen Kindergeburtstag geben - unter lauter Nichtverwandten drohte der schnelle Tod! Nicht vor allem Klauen und Waffen haben uns zu Menschen gemacht - um zur intelligenten Art zu werden, mußten wir erst zur gemeinschaftsfähigen Art werden! Religiosität ist seit langem - und weltweit beobachtbar weiterhin in unserer Zeit - Teil dieser evolutionären Entwicklung.
Woher weiß Thilo Sarrazin, dass es in der Evolution vor allem auf IQ ankomme? Warum nicht beispielsweise auf Empathie, Kreativität, die Fähigkeiten zu Glaube, Liebe, Hoffnung? Gerade aus der Perspektive von reflektierter Evolutionsforschung sind Fantasien "eugenischer" Auswahl der Menschen durch die Politik mehr als fragwürdig!

Antoinette Brown Blackwell wurde weitgehend vergessen, weil sie eine Frau war und weil ihre Überlegungen nicht in den lange männerdominierten, sozialdarwinistischen und zwischen Religiösen und Religionskritikern polarisierten Wissenschaftsbetrieb passten. Ihr möchte ich daher diesen Preis widmen und an Sie appellieren, dass wir sie und ihr Werk dem Vergessen entreißen. Wenn ich einen einzigen Wunsch an die Evangelischen Akademien frei hätte, so würde ich mir wünschen, dass wir Antoinette Brown Blackwell endlich die Anerkennung zukommen lassen, die sie schon lange verdient hätte! Es wird Zeit, die Natur - und auch unsere Natur - neu zu entdecken, neu zu lesen! Und wer hier wirklich an einen waltenden, am Ende gütigen Schöpfer glaubt - warum sollte der oder die Befunde der Evolutionsforschung fürchten?

Überlassen wir also wertvolle Erkenntnisse von Naturwissenschaften nicht dem Mißbrauch durch Menschenverachtung und Sozialdarwinismus! Überlassen wir die Potentiale unserer Religionen nicht länger Extremisten und Verschwörungstheoretikern! Und überlassen wir unsere freiheitliche Gesellschaft und unsere Kirchen nicht länger dem demografischen Verfall! Wenn wir den Mut haben, zu lernen und umzukehren, hat unsere Zukunft erst begonnen! 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Michael Blume, 01.10.2010


53 Kommentare zu “Dankesrede zum Preis “Vermittlungen” zum 60. Jubiläum der Evangelischen Akademie Villigst”

  1. Balanus Antworten | Permalink

    Herzlichen Glückwunsch

    Den Beginn Ihrer Dankesrede finde ich sehr schön ("Höchstrafe für schwäbische Protestanten"—toll!), und auch Ihren besonderen Dank an Rüdiger Vaas. Zu den anderen Dingen in der zweiten Hälfte Ihrer Rede habe ich eine etwas andere Sicht, aber das wissen Sie ja :-). Bin gespannt, was vom Aachener Symposium zu hören sein wird.

    Beste Grüße
    Balanus

  2. KRichard Antworten | Permalink

    Glückwunsch

    Meine Herzlichen Glückwünsche an Sie (und Ihre Frau) für die Verleihung des Preises. Möge er Ihnen Motivation und Türöffner für die Zukunft sein.

  3. N. Hagthorpe Antworten | Permalink

    Gratulation

    Herzlichen Glückwunsch!
    Manche Akademien sind wirklich ein versteckter Schatz und ich sehe, dass auch diese wohl zu ihnen gehört. Ich freue mich deswegen auch sehr auf einen Bericht von dem Symposium.

  4. Gerhard Mentzel Antworten | Permalink

    Herzliche Glückwünsche

    ... zum Preis und auch Ihrer Dankesrede.

    Und was Thilo Sarrazin betrifft, so scheint er jenseits der vielfältigen Missgriffe und Missverständnisse ein Thema aufgegriffen zu haben, das auch bei Ihnen immer wieder zu finden ist, jedoch weitgehend unbeachtet bleibt.

    Eine Gesellschaft, deren Intelligenz keine Kinder mehr hervorbringt, warum soll die sich noch um ihre Zukunft Sorgen machen?

    Auch wenn ich denke, dass weder durch eine bewusstlose Religiösität, noch staatliche Lenkung bzw. Finanzzuwendungen für bestimmte Bevölkerungsschichten aufgeklärte Menschen einem bereits von der Biologie gegebenen kreativen (schöpferischen) Sinn und Zweck nachkommen. (Der bei Kulturwesen sicherlich über die körperliche Fortpflanzung hinausgeht.)

    Ich bin sicher, die Evolutionswissenschaft und die Neurotheologie bzw. das Aufzeigen von Wirkungsweisen des menschlichen Gehirnkastens haben uns noch viel zu sagen, warum sich aufgeklärte Menschen hierzu eine schöpferische Bestimmung bewusst machen müssen, die an altbekannt Bilder anknüpft.

    Ihrer weiteren Arbeit daher viel Erfolg.

    Gerhard Mentzel

  5. Gerhard Mentzel Antworten | Permalink

    @malthus,

    der Mensch ist mehr als Biologie. Wenn es der Zukunftsoptimierung der Weltkultur was bringt, dann ist können weniger Kinder sicher im schöpferisch vernünftigen Sinne sein.

  6. Thomas Malthus Antworten | Permalink

    @Mentzel

    "Es scheint, dass die Natur, welche die Organe unseres Körpers so weise zu unserem Glück eingerichtet hat, uns auch den Hochmut gegeben hat, um uns den Schmerz der Erkenntnis unserer Unvollkommenheit zu ersparen." - François de La Rochefoucauld

  7. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Balanus

    Vielen Dank für den Glückwunsch! Und, nein, das ist gar nicht schlimm - ich mache mir gar keine Illusionen, dass ich alle Menschen von der Evolutionsforschung insgesamt oder allen Aspekten überzeugen müsste. Es wird wohl immer weltanschauliche bzw. persönliche Vorbehalte dagegen geben, das hält meine Kolleginnen und Kollegen und mich schon nicht auf. Also: Keine Sorge & beste Grüße!

  8. Michael Blume Antworten | Permalink

    @KRichard

    Vielen Dank! Ja, der Preis hat schon sehr motivierend gewirkt - vor allem, weil sich inzwischen auch z.B. ältere Theologen der Evolutionsforschung zu öffnen beginnen. Und umgekehrt Biologinnen und Biologen das interessierte Gespräch mit den Religionen suchen. Für viele auf allen Seiten ist es noch schwer, die alten Grenzziehungen hinter sich zu lassen, aber das Interesse und die Bewegung nehmen zu - und das macht Mut!

  9. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Gerhard Mentzel & "Malthus"

    Ihr kleiner Dialog scheint mir auf ein ganz wichtiges Thema aufmerksam zu machen: Wir Menschen können uns dazu positionieren, wie wir zur Demografie stehen. Wollen wir generell weniger Menschen? Ist es egal, wenn die einheimische Bevölkerung und deren Kultur implodiert? Was könnten wir zu einer ausgewogeneren Bevölkerungsentwicklung in anderen Weltregionen beitragen (z.B. über die Förderung von Bildung oder Migration)? Es ist in der Tat schade, dass die Diskussion darüber noch kaum angefangen hat, obwohl die Demografie unsere Gesellschaft (etwa im Verhältnis der Generationen, der Stabilität der Sozialsysteme etc.) bereits umkrempelt...

  10. Kunar Antworten | Permalink

    Moden des Wissenschaftsglaubens

    Erst einmal herzlichen Glückwunsch von mir.

    Besonders interessant finde ich, wie die Positionen der Leute zu interreligiösem Dialog sich verändert haben. Es ist sehr wichtig, auf solche schlagartigen Schwenks hinzuweisen, um den Irrglauben zu durchbrechen, das sei doch allgemein klar oder abgehakt, da gäbe es nichts mehr zu diskutieren oder zu hinterfragen. Man muss diesen Zeitgeist identifizieren, um zu erkennen, wie leicht man bei "objektiver" Wissenschaft solchen Modeströmungen erliegt. Dazu passt auch der von mehreren Seiten gegebene Hinweis, man solle sich mit etwas beschäftigen, was beliebt ( = populär) ist.

    Nach meiner Erfahrung gibt es drei Disziplinen, bei denen besonders darauf beharrt wird, dass man die Wahrheit erkannt habe, die jedoch wie kaum etwas anderes Modeströmungen unterliegen: Ernährung, Pädagogik und Informatik.

  11. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Kunar

    Lieber @Kunar,

    vielen Dank für die Glückwünsche - und die interessanten Gedanken, die ich mir habe erstmal durch den Kopf gehen lassen. Und ich glaube, da ist etwas dran: Umso schwächer die empirische Basis von Wissenschaftsbereichen ist, umso leichter sind diese durch weltanschauliche Vorgaben und "Moden" manipulierbar.

    Die Evolutionsforschung könnte da mittelfristig ein Gegenmittel sein, da sie der Beliebigkeit von Theorieansätzen eine Grenze setzt und Wege zur empirischen Bearbeitung der Einzelthemen aufzeigt. Für die frühkindliche Pädagogik hat dies Renz-Polster bereits eindrucksvoll aufgezeigt:
    http://www.chronologs.de/...ch-evolutionsforschung

    Allerdings bestehen noch enorme Forschungs- und noch größere Wahrnehmungslücken - beispielsweise, wie in der Rede genannt, zur Rolle der Frauen. Es wird wohl sehr lange dauern, bis das bereits erarbeitete Wissen zur Öffentlichkeit durchsickert - wenn dies überhaupt gelingt. Aber aufgeben gilt wohl nicht...

  12. H.Aichele Antworten | Permalink

    Späte Gratulation, mehrfache Gratulation

    Mit Lob will ich mich nicht weiter der "Höchststrafe" schuldig machen - I han doch net gschompfa ;-)
    Also, späte Gratulation. Und mehrfache: nicht nur zu dieser Auszeichnung, sondern auch dass Du gerade dort und genau auf diese Weise Deine Frau und Rüdiger Vaas mit ins Licht der Würdigung mitgenommen hast. Auch da konnte etwas ins Schwingen kommen, nicht viel anders als gewisse Saiten im Zusammenhang mit "Heimat und Identität".
    Und dann noch, ganz wichtig, die Gratulation zu dem schönen Satz: "aber aufgeben gilt wohl nicht... - gerade weil es da noch unerforschtes Gelände gibt und im erforschten noch auszuleuchtende Ecken. Und wenn man dabei manchmal gegen eine Wand rennt... oder um die Ecke denken oder auch gegebenenfalls zurückrudern muss. Und doch - die drei schwäbischen N: No net nachlau - aufgeben gilt wohl nicht.

    Ich bin mal wieder da und
    ich wünsch Dir was -
    Hermann

  13. Mona Antworten | Permalink

    Herzlichen Glückwunsch @Michael Blume

    Ja, da darf man ja schon wieder gratulieren ;-)

  14. Peter Mersch Antworten | Permalink

    Herzlichen Glückwunsch

    für die Verleihung des Preises. Ich finde auch Ihre Dankesrede sehr schön, jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem Sie auf Thilo Sarrazin zu sprechen kommen.

    Zunächst einmal: Die Startauflage von Sarrazins Buch war 25.000. Von kalkuliertem Millionen-Seller kann da wohl keine Rede sein. Er scheint aber einen Nerv getroffen zu haben.

    Zu Ihren weiteren Ausführungen:

    "... und biete gesellschaftliche Minderheiten als vermeintlich schuldige Sündenböcke an: Diesmal Muslime und generell arme Menschen."

    Tut er das? Dann müssen Sie ein anderes Buch gelesen haben.

    "Vielmehr besteht der Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Kinderreichtum quer durch alle Weltreligionen: Praktizierende Christen, Muslime, Juden, Hindus usw. haben auch bei gleicher Einkommens- und Bildungssituation deutlich mehr Kinder als säkulare Christen, Muslime, Juden, Hindus etc."

    Ich darf daran erinnern, dass auch in der BRD bis beinahe 1970 noch ausreichend viele Kinder geboren wurden, dass die Fertilitätsrate dann aber binnen 5 Jahren von über 2 auf unter 1,4 einbrach. Die Ursache: Pille, Gleichberechtigung (weibl. Berufstätigkeit), Rentenversicherung.

    Dass diese Gründe für Religionen, die die Pille nicht zulassen und eine echte Gleichberechtigung der Frauen überhaupt nicht kennen, nicht gelten, dürfte auf der Hand liegen. Auch in säkularen Gesellschaften ohne Pille und Gleichberechtigung würden ausreichend viele Kinder geboren werden.

    "Hinter unseren jeweiligen Ressentiments und Verschwörungstheorien gegen betende Muslime, entschiedene Christen oder fromme Juden schlummern die eigentlichen Ängste vor einer erschütterten Fortschrittserzählung der säkularen Moderne und den tiefen Fragen, die wir uns selbst kaum zu stellen wagen und also lieber aggressiv auf andere werfen: Jene nach den Werten, die wir mit unseren religiösen Traditionen über Bord geworfen haben, die wir womöglich hätten erneuern sollen und ohne die wir als moderne Gesellschaften offenkundig nicht demografisch, nicht kulturell und auch nicht wirtschaftlich bestehen können."

    Nein, man müsste nur einfach mal den Leuten zuhören, die in der Sache Neues zu berichten haben. Wenn man die Gleichberechtigung der Frauen einführt und es jeder Frau erlaubt, beliebig viel Geld in einem Beruf zu verdienen, dann wird das langjährige Aufziehen mehrerer Kinder zum Job, der entsprechend bezahlt werden muss, sonst wird die Arbeit nicht mehr erledigt. Brauchen Sie noch Beweise für diese These? Sie ist empirisch wohl die bestbestätigste Hypothese weltweit überhaupt. Lediglich zutiefst verwurzelte Denktabus hindern daran, dass sie ernst genommen wird.

    "Wer den Kinderreichtum, den Bildungserfolg und IQ vieler Juden auch in Deutschland verstehen möchte, sollte gerade nicht die Genetik bemühen - sondern sich einen Überblick über die religiöse Wertschätzung von Kindern, Ehe und Familie und vor allem die intensiven, oft ganztägigen Betreuungs- und Bildungsangebote in den jüdischen Gemeinden verschaffen."

    Setzt aber in aller Regel patriarchalische Verhältnisse voraus, d.h. Verhältnisse, die im Widerspruch zum Selbstverständnis unserer säkularen Gesellschaft stehen. Entsprechend argumentiert Sarrazin an allen entscheidenden Stellen kulturell. Sarrazins wohl bekanntester Satz, den Schirrmacher eine Ungeheuerlichkeit nannte, ist wohl der: »Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche natürliche Zuchtwahl im Sinne von ›survival of the fittest‹, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.«

    Darin heißt es explizit: "... eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion". Von genetischen Ursachen ist dabei nicht die Rede, höchstens von genetischen Auswirkungen. Der Satz ist großartig. Ich hätte ihn schöner formulieren können.

    "Für uns Kirchenmitglieder bis hinauf zu unseren Professoren und Bischöfen heißt das: Es liegt auch an uns, ob wir dem Aus- und Absterben unserer christlichen Traditionen - einschließlich unserer Akademien - weiter hilflos zuschauen, oder ob wir endlich bereit sind, auch von anderen inner- und außerhalb unserer Traditionen zu lernen und unsere eigenen Prioritäten zu hinterfragen - wie es Jesus seinen Jüngern seit je abverlangte."

    Ja genau, und eben dieses Hinterfragen haben Herman, Sarrazin und auch meine Wenigkeit versucht zu tun. Leider wird so etwas in unserer Gesellschaft nicht geschätzt. Stattdessen muss man sich dann den ganzen Tag unsinnige Polemiken anhören. Sarrazin schreibt nichts anderes als: Auf diese Weise schaffen wir uns ab. Herman meinte: Wir Deutschen sterben aus. Herman hat - wie Sie - massiv an die Vorteilhaftigkeit und Funktionen der Religionen erinnert, Sarrazin versucht es auf andere (säkulare) Weise, und ich auf noch andere Weise (allerdings gleichfalls säkular).

    "Nein, es ist meines Erachtens noch kein echter Mut, Ängste zu schüren, auf ärmere Menschen und Minderheiten loszugehen und sich dafür fürstlich bezahlen zu lassen. Echter Mut beginnt erst, wo wir uns den eigenen Ängsten stellen, uns auch selbst hinterfragen - und, wo nötig, ändern."

    Das ist eine unerträgliche Polemik. Mein bereits 2007 erschienenes Buch "Hurra, wir werden Unterschicht!" hat - schon vom Titel her - erkennbar den gleichen Inhalt wie das Buch Sarrazins. Ist mir damit ein Millionen-Seller gelungen? Nein, ich musste alles selbst finanzieren und mir zum Dank dann auch noch Polemiken anhören (auch von den Wissenschaften, siehe z. B.: http://knol.google.com/...n-demand/6u2bxygsjec7/82). Es ist dem Mut von Personen wie Sarrazin oder Herman, die dabei die eigene Ächtung in Kauf genommen haben, zu verdanken, dass es überhaupt noch eine Diskussion über diese Themen gibt. Nun trampeln Sie bitte nicht gleich wieder alles tot, wenn sich da etwas regt.

    "Ich bin dankbar, dass Menschen mit Rückgrat wie Volker Kauder auf den Widerspruch zwischen eugenischen Fantasien und dem christlichen Menschenbild hingewiesen haben."

    Das Fortpflanzungssystem des Christentums ist ganz klar eugenisch. Unter anderem deshalb war es so erfolgreich. Sonst hätte es auch keine Gen-Kultur-Evolution geben können.

    "Und siehe da: Wo immer Mädchen endlich doch die gleiche Ernährung, Förderung und Ermutigung erhielten wie ihre Brüder, verschwand der IQ-Unterschied. Heute finden sich kaum noch ernsthafte Biologen oder Intelligenzforscher, die noch die These von der angeboren höheren Intelligenz 'des Mannes' vertreten würden!"

    Dann kennen Sie einfach nicht den Stand der Intelligenzforschung: Männer sind zwar nicht im Mittel intelligenter als Frauen, aber ihre Intelligenz ist (wohl aufgrund nur eines X-Chromosoms) breiter gestreut als bei Frauen: Ab IQ 155 kommt auf 5,5 Männer nur noch eine Frau. Bei sehr niedrigen IQs sieht es genauso aus. Solche Aussagen konnten sogar in einem großangelegten Geschwistertest verifiziert werden: Unter den 2% "Klügsten" und "Dümmsten" befanden sich jeweils doppelt so viele Männer wie Frauen. Die Ergebnisse werden bei allen umfangreichen Tests eindrucksvoll bestätigt: Beispielsweise beantworteten beim Studentpisa-Test des Spiegels nur 26 von 600.000 Teilnehmern alle Fragen richtig: Sie alle waren männlich. Neben de Beauvoirs Begriff vom anderen Geschlecht hat sich deshalb längst der Begriff des "extremen Geschlechts" etabliert: http://www.tagesspiegel.de/...chlecht/1203126.html

    "Als Darwin seine männer- und gewaltzentrierte Lesart der Evolutionsgeschichte präsentierte, erkannte sie die Gefahr sofort: Gerade als frauenverachtende Interpretationen der Bibel endlich überwunden wurden, wurde hier eine neue Diskriminierung der Frau mit Berufung auf die Wissenschaft ausgerufen!"

    Ist Darwin nicht der Entdecker der sexuellen Selektion (der sog. Damenwahl)? Frauenverachtung bei Darwin? Nanu!

    "Woher weiß Thilo Sarrazin, dass es in der Evolution vor allem auf IQ ankomme? Warum nicht beispielsweise auf Empathie, Kreativität, die Fähigkeiten zu Glaube, Liebe, Hoffnung? Gerade aus der Perspektive von Evolutionsforschung sind Fantasien 'eugenischer' Auswahl der Menschen durch die Politik mehr als fragwürdig!"

    Tut er das denn? Es ist allgemein bekannt, dass zwischen Empathie, Kreativität, Intelligenz, Bildung, Einsichtsfähigkeit, Toleranz, Aufgeklärtheit enge Korrelationen bestehen. Sie sind doch gerade ein Vertreter der sog. Gen-Kultur-Evolution. Wie soll die sich denn Ihrer Meinung nach ereignen können, wenn die Menschen, die in einer Kultur den höchsten sozialen Erfolg erzielen, die wenigsten Nachkommen hinterlassen?

    Und wieso soll eine gezielte Dysgenik - man überlässt das Gebären und Aufziehen von Kindern in geradezu menschenverachtender Weise überwiegend jenen, die in der sie umgebenden Kultur scheitern, auf dass ihre Kinder in Armut und Bildungsferne aufwachsen und ihnen schon frühzeitig die Milchzähne wegfaulen - nun in irgendeiner Weise besonders human sein? Ich halte so etwas - anders als die Thesen Sarrazins - für ein schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit und für zutiefst inhuman.

    Überall in der Natur gilt das Primat der Reproduktion. In der christlichen Seefahrt hieß es gar: "Frauen und Kinder zuerst". Männer waren sich dessen immer bewusst: Sie sind letztlich ersetzbar.

    Was wir jedoch seit der sog. Gleichberechtigung der Geschlechter erleben ist eine radikale Entwertung der Nachwuchsarbeit und von Kindern generell, deshalb gibt es sie auch kaum noch und wenn doch, dann in der Armut und Bildungsferne. Es ist ein Skandal, dass sich in unserem Land die Zahl der Kinder, die Sozialhilfe beziehen, seit 1965 alle 10 Jahre verdoppelt, obwohl heute nur noch halb so viele Kinder wie 1965 geboren werden.

    Anstatt Personen wie Sarrazin anzuprangern, sollten Sie sich lieber den gesellschaftlichen Gruppierungen zuwenden, die von solchen Verhältnissen profitieren, und die bei jeglicher Kritik daran - bestorganisierten Sekten gleich - zum Mittel der römischen Inquisition greifen. Wie bei Sarrazin, Herman, ...

  15. Peter Mersch Antworten | Permalink

    Kleine Fehlerkorrektur

    In einem Satz meines Postings fehlt ein "nicht".

    Es hätte heißen müssen:

    Der Satz ist großartig. Ich hätte ihn nicht (!) schöner formulieren können.

  16. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Mona, Hermann

    Vielen Dank für die Ermutigung! Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass Eure konstruktive Begleitung (auch) hier im Blog ihren eigenen Effekt hat. Danke auch dafür!

  17. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Peter Mersch

    Danke für die Gratulation und den engagierten Kommentar.

    Wir haben halt wieder das Problem, dass Sie eine ganze Reihe von Begriffen für sich (um-)definiert haben, was den Diskurs nicht erleichtert. Am Besten wird es sein, hin und wieder Einzelbegriffe zu diskutieren. Darf ich z.B. fragen, wie Sie eigentlich unter "Eugenik" definieren?

    Zu Thilo Sarrazin haben Sie sich schon selbst geantwortet: Eine ganze Reihe von Autoren (Miegel, Birg, Sie etc.) haben schon seit langem auf die demografische Implosion unserer Gesellschaft hingewiesen. Sarrazin wird nicht deshalb bejubelt (man denke an das NPD-Plakat: Sarrazin hat Recht), sondern weil er eugenische und islamfeindliche "Zutaten" beigegeben hat. Dennoch begrüße ich es, dass nun eine klärende Debatte daraus entstanden ist.

    Zur Intelligenzforschung zwischen den Geschlechtern: Eine unterschiedliche Glockenverteilung ist etwas völlig anderes als ein unterschiedliches Niveau. Fakt ist, dass eine über Jahrzehnte erhobene Behauptung (Frauen seien dümmer) heute so nicht mehr haltbar ist, dafür neue Hypothesen im Raum stehen - die ebenfalls vorläufiger Natur sind. Es war und ist Wahnsinn, auf so schwacher Datenbasis "eugenische" Politiken zu fordern!

    Und zu Darwin: Haben Sie seine "Abstammung des Menschen" denn nicht gelesen? Darwin schließt die Damenwahl mit Bezug auf Menschenfrauen ausdrücklich aus, hier hätte der Mann aufgrund seiner Überlegenheit die Führungsrolle übernommen, allenfalls seien noch Rest-Einflüsse der Frauen denkbar. Hier kann man von den Theologien lernen: Es lohnt, immer mal wieder zu den Originalquellen zurück zu kehren! :-)

  18. Peter Mersch Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    "Wir haben halt wieder das Problem, dass Sie eine ganze Reihe von Begriffen für sich (um-)definiert haben, was den Diskurs nicht erleichtert. Am Besten wird es sein, hin und wieder Einzelbegriffe zu diskutieren. Darf ich z.B. fragen, wie Sie eigentlich unter 'Eugenik' definieren?"

    Das liegt daran, dass viele offizielle Verwendungen der Begriffe politische Kampfbegriffe und somit unbrauchbar sind. Ich habe in meinem Artikel "Sarrazin und das 'biologistische' Menschenbild' im Kapitel "3. Ist Eugenik verwerflich" (http://knol.google.com/...he/6u2bxygsjec7/122#3(2E)_Ist_Eugenik_verwerflich(3F)) die Begriffe zu definieren versucht und dabei auch auf die vorherrschende babylonische Sprachverwirrung hingewiesen. Allein schon gemäß Wikipedia ist Eugenik ein Programm, Dysgenik jedoch ein evolutionärer Effekt, gleichzeitig jedoch angeblich ein Gegenbegriff von Eugenik. So etwas ist in einer sachlichen Diskussion unbrauchbar. Wie unsauber die Begriffe verwendet werden, erkennt man auch an Sätzen der Wikipedia: "Eugeniker vertraten bis dahin die Ansicht, Kriege hätten eine eugenische Wirkung, da sie die Schwächsten einer Population töteten." Hier wird von eugenischen Wirkungen gesprochen, also nicht von einem Programm, sondern von evolutionären Effekten im Sinne der Evolutionstheorie.

    Die allergrößte Sprachverwirrung ist dabei aber aufgrund der begrifflichen Schwäche des Darwinismus entstanden, auf die ich seit geraumer Zeit hinweise. Anders als die Systemische Evolutionstheorie kennt der Darwinismus keinen Unterschied zwischen Wildnis und Zivilisation. Er hat überhaupt keine Sprache dafür. Infolgedessen evolvieren Populationen angeblich aufgrund eines Kampfes ums Dasein - jeder gegen jeden -, indem sich die gewissermaßen Stärksten durchsetzen. So und nicht anders kann man die Darwinsche Evolutionstheorie noch heute bei Ernst Mayr "Das ist Evolution" nachlesen. Die Systemische Evolutionstheorie behauptet demgegenüber, dass die Akzeptanz von Eigentum (von Persönlichkeitsrechten) den Unterschied zwischen Wildnis und Zivilisation ausmacht (Das Recht des Besitzenden statt das Recht des Stärkeren). Aufgekommen ist diese Akzeptanz im Rahmen der sexuellen Selektion: Die Männchen unterwarfen dabei nicht länger die Weibchen bzw. vergewaltigten sie, sondern sie akzeptierten, dass deren Bauch denen gehört.

    Wenn nun also eine Eugenik der Vergangenheit Krüppel sterilisieren ließ, dann war das eine Zwangsmaßnahme (Dominanz, Recht des Stärkeren), die Ergebnis der Begriffsschwäche des Darwinismus war, d.h. der Tatsache, dass dieser nicht Wildnis von Zivilisation unterscheiden kann.

    Sarrazin möchte dagegen lediglich die sozialen Anreize anders setzen. Im Streitgespräch mit Schirrmacher in der FAZ vom 01.10. antwortet er deshalb auf die Frage, wer Kinder bekommen 'soll': "Über den Kinderwunsch entscheiden einzig die Eltern. Wer sonst?" Sarrazin bewegt sich mit seinen Argumenten ganz in der Zivilisation, im Recht des Besitzenden bzw. der Gefallen-wollen-Kommunikation. Er will die Anreize (die Selektionsbedingungen) verändern, wodurch sich ggf. der invididuelle Kinderwunsch ändert. Ein Vorschlag von ihm in dieser HInsicht ist: Jungen Akademikerinnen das Kindergeld gebündelt in Höhe von 50.000 Euro auszuzahlen, um sie hierdurch für ein Kind zu ködern.

    In den Politik und Medien hieß es daraufhin: Eugenik. Es wurde - z. B. von Gabriel - eine Nähe zur Eugenik der Nazis hergestellt. Nun, wer schmeißt hier unsauber mit Begriffen um sich? Wie kann man die Zwangsmaßnahmen der Nazis (Dominanz, Recht des Stärkeren) mit modernen freiwilligen Anreizsystemen in Verbindung bringen?

    Bettina Röhl wies denn auch im Spiegel darauf hin, dass das, was Sarrazin vorschlägt, im Grunde bereits geltendes Recht sei, da man ja auch das Elterngeld auf einmal auszahlen könne, und da würde sich dann herausstellen, dass gutverdienende Eltern deutlich mehr Elterngeld erhielten (22.000 Euro) als H4-Empfängerinnen.

    "Sarrazin wird nicht deshalb bejubelt (man denke an das NPD-Plakat: Sarrazin hat Recht), ..."

    Die NPD tritt auch gegen den Klimawandel ein, u.a. weil der die deutsche Küste bedrohen würde. Sollte man deshalb Prognosen zum Klimawandel für falsch halten?

    "... sondern weil er eugenische und islamfeindliche 'Zutaten' beigegeben hat."

    Die ich weder in seinem Buch noch seinen Interviews sichten konnte. Der Effekt war doch eher der, dass eine sektenhaft auftretende Elite bei der Anwendung der römischen Inquisition von Eugenik sprach, weshalb sich dann prompt die NPD jubelnd zu Wort meldete. Anschließend hieß es dann: "Seht, selbst die NPD gehört zu seinen Freunden." Das gleiche Prinzip hatte man schon bei Eva Herman zur Anwendung kommen lassen, mit den gleichen bekannten Effekten, obwohl auch diese Dame überhaupt nichts mit den Nazis bzw. der NPD am Hut hatte.

    "Zur Intelligenzforschung zwischen den Geschlechtern: Eine unterschiedliche Glockenverteilung ist etwas völlig anderes als ein unterschiedliches Niveau."

    Sie hätte aber massive soziale Auswirkungen. Beispielsweise würde sie eine Quotenregelung sofort verfassungswidrig machen.

    "Fakt ist, dass eine über Jahrzehnte erhobene Behauptung (Frauen seien dümmer) heute so nicht mehr haltbar ist, dafür neue Hypothesen im Raum stehen - die ebenfalls vorläufiger Natur sind."

    Vorläufiger Natur? Dahinter stehen umfangreiche Untersuchungen, die weltweit immer zum gleichen Ergebnis gekommen sind. Und für die es eine sehr plausible biologische Begründung gibt.

    "Es war und ist Wahnsinn, auf so schwacher Datenbasis 'eugenische' Politiken zu fordern!"

    Der eigentliche Wahnsinn ist doch die dysgenische Politik, die seit Jahrzehnten gefordert wird. Ich fasse sie einmal kurz in den Worten bekannter Frauenrechtlerinnen zusammen: "Eine gebildete Frau ist viel zu schade für die dumme Familientätigkeit. Sie kann ihre Kompetenzen viel besser bei einer Erwerbstätigkeit in der Wirtschaft zur Geltung bringen. Da ist ihre Arbeit viel wichtiger als im Rahmen des dummen Aufziehens dummer Kinder."

    Seitdem wachsen anteilsmäßig immer mehr Kinder in Armut und Bildungsferne auf.

    Simone de Beauvoir meinte in einem Interview gar, man dürfe Frauen kein Erziehungsgehalt geben, weil dann zu viele Frauen zu Hause bei ihren Kindern bleiben möchten. Man dürfe Frauen solche Alternativen erst gar nicht anbieten.

    Das nenne ich Zwang, der Zwang zu einer staatlich verordneten Dysgenik, die das Aufziehen von Kindern für gut ausgebildete Frauen restlos unattraktiv gemacht hat. Für Männer natürlich ebenso.

    "Darwin schließt die Damenwahl mit Bezug auf Menschenfrauen ausdrücklich aus, hier hätte der Mann aufgrund seiner Überlegenheit die Führungsrolle übernommen, allenfalls seien noch Rest-Einflüsse der Frauen denkbar. Hier kann man von den Theologien lernen: Es lohnt, immer mal wieder zu den Originalquellen zurück zu kehren! :-)"

    Darwin war von der Ausbildung her Theologe. Die Bibel äußert sich noch viel drastischer, als er das tat. Er war ein Mensch seiner Zeit. Dass Darwin dies selbst anders sah, erkennen Sie an seiner Reaktion auf den Tod seiner Lieblingstochter Annie: Danach nannte er sich einen Agnostiker.

  19. Peter Mersch Antworten | Permalink

    Humane Dysgenik

    Einen gutes Beispiel für die Wertschätzung von Familienarbeit (im Vergleich zu normaler Erwerbsarbeit) liefert der ZEIT-Artikel von Susanne Mayer: "Im Land der Muttis" http://www.zeit.de/2006/29/Titel-Hausfrauen-29

    Bezeichnender Untertitel: "Die deutsche Hausfrau gilt als Stütze der Nation. Dabei kostet es uns ein Vermögen, wenn bestens ausgebildete Frauen zu Hause bleiben."

    Die angeblichen eugenischen Auffassungen eines Thilo Sarrazins sollen verwerflich sein, solche aber human?

    Also wenn Sie noch immer auf der Suche sein sollten, warum in säkularen Gemeinschaften weniger Kinder geboren werden als in religiösen: Hier werden sie fündig.

  20. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Peter Mersch

    Das mit den Vorwürfen von "babylonischer Sprachverwirrung" und "Kampfbegriffen" an die etablierte Evolutionsforschung ist so eine Sache - mir geht es, ehrlich gesagt, bei der Diskussion mit Ihnen so.

    Sicher fühlen sich Ihre Ausführungen für Sie selbst sehr schlüssig an. Aber wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen über ein Thema diskutiere, ist es eigentlich Standard, strittige Begriffe erst einmal in respektvollem Dialog definieren zu können.

    Ob aber bei "Adaption" oder jetzt bei "Eugenik" - wenn ich Sie nach einer Definition der von Ihnen verwendeten Begriffe frage, folgen lange Ausführungen von "Wildnis" bis "Familienpolitik" und Links, aber eben keine klaren Definitionen. Damit sind, so leid es mir tut, Ihre Ausführungen aber weder überprüf- noch sinnvoll diskutierbar. Welche Ihrer vielen, sicher oft interessanten Gedanken und Hypothesen also haltbar sein könnte, lässt sich so nicht ermitteln.

    Gerne biete ich an, einmal das Thema "Eugenik" in einem eigenen Beitrag zu behandeln, der ja in Ihren Überlegungen eine Schlüsselrolle zu spielen scheint. Die Voraussetzung dafür wäre einfach, dass Sie einmal in ein, zwei klaren Sätzen Ihren Begriff von "Eugenik" definieren.

  21. Peter Mersch Antworten | Permalink

    @Michael Blume: Eugenisch

    Für mich beziehen sich die Begriffe eugenisch/dysgenisch auf die generationenübergreifende Entwicklung von Populationen in Relation zum Lebensraum.

    Eine Entwicklung ist eugenisch, wenn sich die genetischen Kompetenzen der Population in Relation zum Lebensraum erhöhen/verbessern (die Population also insgesamt fitter wird). Erniedrigen/verschlechtern sich die Kompetenzen, dann handelt es sich um eine dysgenische Entwicklung.

    Beispiel: In einem Lebensraum wird aus Gründen der Not Milch als Grundnahrungsmittel eingeführt. Ein Teil der Bevölkerung verträgt sie gut und bleibt damit sehr gesund und kräftig, ein anderer leidet unter chronischen Durchfällen und ist kaum arbeitsfähig (Laktoseintoleranz).

    Wenn der Sozialstaat nun die Laktoseintoleranten so gut es geht mitversorgt, diese aber weniger Nachkommen als die Gesunden hinterlassen, dann ist die Entwicklung eugenisch. Nach einigen Generationen würde man feststellen, dass Laktoseintoleranz in der Bevölkerung rückläufig ist. Die Kompetenzen der Bevölkerung in Relation zum Lebensraum nehmen also sukzessive zu.

    Man könnte sich auch umgekehrt organisieren (etwa wie die BRD aktuell): Die Gesunden erledigen die Arbeit, verdienen viel Geld, machen damit teure Urlaubsreisen, überlassen aber den Intoleranten in ihren H4-Silos die Nachwuchsarbeit, da die gesunden Frauen durch Kinder am Geldverdienen gehindert würden. Gute Kompetenzen gegenüber dem Lebensraum wären also reproduktionshindernd. Diese Entwicklung wäre folglich dysgenisch. Es käme zu einem Rückgang der Lebensraumkompetenzen, der sich darin ausdrückte, dass von Generation zu Generation anteilsmäßig immer mehr Menschen laktoseintolerant wären.

    Man könnte sich auch vorstellen, dass eine kleine Pille auf dem Markt käme, die die Laktoseintoleranten schlagartig symptomfrei machen würde. Sie wären bei einer Pille pro Tag genauso gesund wie die Gesunden. Dann wäre es egal, wer Kinder in die Welt setzt, weil Laktoseintoleranz kein nachteiliges Merkmal mehr wäre. Es käm bei einer Zunahme der Laktoseintoleranz innerhalb der Bevölkerung zu keiner Verminderung der Lebensraumkompetenzen (siehe auch: Brille bei Sehschwierigkeiten).

    Es mag ja sein, dass ich viele Begriffe eigenwillig definiere. Das liegt aber primär an den Begriffsschwächen des Darwinismus. In meinem Knol-Artikel Systemische Evolutionstheorie wird jedenfalls viel mehr Arbeit in saubere Begriffsdefinitionen gesteckt, als dies in diesem Genre gemeinhin üblich ist.

    Sie haben mit der evolutionären Religionsforschung leider ein kleines Problem: Es gibt aktuell keine Evolutionstheorie, die das Gebiet unterstützt. Dennett setzt immerhin auf die Memetik. Er könnte also sagen: Wir haben es hierbei um ein Phänomen der kulturellen Evolution zu tun und dafür ist die Memetik zuständig.

    Die Memetik genügt jedoch nicht wissenschaftlichen Ansprüchen. Anders gesagt: Sie ist ziemlicher Blödsinn.

    Darwin können Sie aber definitiv nicht verwenden, denn der endet spätestens bei den Affen. Eine Übertragung auf menschliche Gesellschaften gilt nämlich als Sozialdarwinismus. Und das zu Recht. Denn wenn Sie sich die Wikipedia-Seite Evolution durchlesen (http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution), erkennen Sie sofort: Das gilt für moderne menschliche Gesellschaften alles nicht. Das gilt nur für die wilde Natur.

    Also kommen Sie in die Schwierigkeit, erklären zu müssen, wieso denn eigentlich Religiösität via Erhöhung der Nachkommenzahlen einen evolutionären Vorteil darstellt. Das mag ja alles sein, nur leider haben wir dafür keine Evolutionstheorie, da der Darwinismus vor den Toren der Menschheit endet.

    Man könnte nämlich sonst auch sagen: Bildung ist ein evolutionärer Nachteil, da Bildung zu einer Reduzierung der Nachkommenzahlen führt. Für hohes Einkommen gilt im Grunde das Gleiche.

    Ich wage deshalb mal eine Prognose: Ohne dass man sich ernsthaft mit der Systemischen Evolutionstheorie beschäftigt, wird man keine plausiblen Modelle für die Evolution der Religionen entwickeln können. Es braucht dazu eine Evolutionstheorie, die sich auch auf sozioökonomische Evolutionen anwenden lässt. Wie gesagt: Außer Memetik ist da sonst nichts. Und die sog. Gen-Kultur-Koevolution ist im Grunde ein reiner Fake. Das ist nur ein Name (Begriffsdefinition???) und sonst nichts.

  22. Peter Mersch Antworten | Permalink

    Ergänzung

    Natürlich können Sie auch von eugenischen/dysgenischen Fortpflanzungsstrategien oder Paarungssystemen sprechen. Ein Paarungssystem wäre dann als eugenisch zu bezeichnen, wenn es für eine eugenische Entwicklung sorgt (d.h. für Evolution). Es wäre dysgenisch, wenn es für eine dysgenische Entwicklung (d.h. für De-Evolution) sorgt.

    Sarrazin behauptet, die Reproduktionsorganisation unseres Landes sei dysgenisch. Sie habe eine dysgenische Entwicklung zur Folge: »Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche natürliche Zuchtwahl im Sinne von ›survival of the fittest‹, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.«

    Seine Kernaussage ist: dies wird 'vom Menschen selbst gesteuert'. Man könnte also mit anderen Maßnahmen gegensteuern, sodass die Entwicklung wieder eugenischer wird. Dafür kommen für ihn jedoch nur Anreiz-Systeme (Gefallen-wollen, Recht des Besitzenden) infrage.

    Dass die von mir verwendeten Definitionen für eugenisch/dysgenisch keine Eigenerfindungen sind, können Sie einerseits Sarrazins Buch entnehmen (er verwendet dysgenisch immer in meinem Sinne), andererseits auch an vielen anderen Sätzen auf Wikipedia:

    "Eugeniker vertraten bis dahin die Ansicht, Kriege hätten eine eugenische Wirkung, da sie die Schwächsten einer Population töteten."

    "Lynns Ansicht zufolge vermindern 'dysgenische Prozesse' die Intelligenz westlicher Nationen, speziell der USA, ..."

    Diese Sätze können Sie eigentlich nur im Sinne obiger Definitionen verstehen.

  23. Mona Antworten | Permalink

    Haushaltsführende und andere dishwasher

    @Peter Mersch

    Warum wird in Bezug auf Frauen immer nur in Extremem gedacht? Es gibt in Deutschland ja nicht nur gut verdienende Akademikerinnen oder "bildungsferne" Transferempfängerinnen. Die meisten Frauen leben doch irgendwo dazwischen, bloß die scheinen, zumindest wenn man die politischen Debatten sieht, überhaupt nicht zu existieren, dabei sind sie die Mehrheit.

    Am Geburtenrückgang wird m. E auch ein flächendeckendes Netz von Kinderbetreuungsangeboten nichts ändern können, da viele Betreuungsangebote zu teuer sind und den ganzen Teilzeitverdienst von Frau "Normalo" auffressen. Momentan werden noch viele Kinder in Deutschland von der Oma betreut, wenn die Mutter arbeitet. Damit wird es aber in Kürze auch vorbei sein, da es ja politisch gewollt ist, dass die Frauen arbeiten gehen. Zu diesem Zweck hat man auch die Hinterbliebenenrente zum Nachteil der "Haushaltsführenden" umgebaut. Es gibt neuerdings auch eine sog. kleine Witwenrente, die nur mehr für zwei Jahre gezahlt wird, wenn der/die Hinterbliebene noch keine 45 Jahre alt ist.

    Da Michael Blume hier schon einmal die unterschiedlichen Begrifflichkeiten angesprochen hat: Die in Ihrem Link angesprochene Hausfrau gibt es seit 2008 nicht mehr. Die ständigen diskriminierenden Angriffe waren anscheinend selbst dem Deutschen Hausfrauenbund zu viel und deshalb benannte er sich um und heißt seitdem „DHB- Netzwerk Haushalt, Berufsverband der Haushaltsführenden“.
    http://community.zeit.de/...3%B6st-die-hausfrau-ab

    Wie Frau von der Layen, so ist auch Herrn Sarazzin der Meinung, dass man mit Bildungsgutscheinen etc. den Kindern der Armen helfen könne. Von den Eltern wird pauschal angenommen, dass man ihnen kein Geld anvertrauen könne, da sie eh alles für Alkohol und Zigaretten ausgeben. Was für eine arrogante Haltung! Immerhin studieren 24% der Kinder von Nichtakademiker-Eltern in Deutschland.
    Es gibt ein Blog von studierenden Arbeiterkindern, welches sich aktuell ebenfalls mit Sarazzins Aussagen beschäftigt:
    http://dishwasher.blogsport.de/...d-bildungsferne/

    Wenn man annimmt, dass sowohl Vererbung als auch Umwelteinflüsse bei der Intelligenzentwicklung eine Rolle spielen, so wäre es doch wohl besser alle Kinder zu fördern, anstatt mit dem Gießkannenprinzip Bildungsgutscheine zu verteilen. Vor allem weiß man ja nicht einmal wie gut die Musikschulen oder die Sportvereine sind, die davon profitieren. In Deutschland kann doch jeder eine Musikschule oder einen Sportverein aufmachen, unabhängig von der Qualifikation. M.E. wäre es besser, die Schulen in dieser Richtung zu stärken, denn wenn alle Kinder davon profitieren gibt es weniger Ausgrenzung und Stigmatisierung.

    Sie schreiben: "Dass die von mir verwendeten Definitionen für eugenisch/dysgenisch keine Eigenerfindungen sind, können Sie einerseits Sarrazins Buch entnehmen ...".
    Der von Ihnen verwendete Begriff "Eugenik" ist für mich hochbelastet, da er zu sehr an Rassenhygiene und Nationalsozialismus erinnert. Siehe auch:
    http://www.taz.de/...rtikel/1/sarrazins-vordenker/

  24. Peter Mersch Antworten | Permalink

    @Mona

    "Warum wird in Bezug auf Frauen immer nur in Extremem gedacht? Es gibt in Deutschland ja nicht nur gut verdienende Akademikerinnen oder 'bildungsferne' Transferempfängerinnen."

    Es wird nicht in Extremen gedacht, sehr wohl aber manchmal in Extremen argumentiert, um die Sache zu verdeutlichen. Es geht um den gesamten berufstätigen Mittelstand, zu dem die Arzthelferin genauso wie der Facharbeiter zählt. Sie alle stehen vor dem Problem, mit ihrem Beruf ihre Kinder finanzieren zu müssen, die sie gleichzeitig an einer freien Berufstätigkeit hindern.

    "Am Geburtenrückgang wird m. E auch ein flächendeckendes Netz von Kinderbetreuungsangeboten nichts ändern können, da viele Betreuungsangebote zu teuer sind und den ganzen Teilzeitverdienst von Frau 'Normalo' auffressen."

    Auch kostenlose flächendeckende Betreuungsangebote würden daran kaum etwas ändern. Der Geburtenrückgang ist nach offizieller Lesart der Demografen und Soziologen in erster Linie auf das "Verschwinden" der Mehrkindfamilie zurückzuführen. Es wird immer Menschen geben, die gar kein oder nur ein Kind haben. Im Ausgleich müsste es dann Familien mit drei oder mehr Kindern geben, und zwar in der gleichen Schicht. Drei oder mehr Kinder heißt aber bei den allermeisten Berufen und selbst bei optimaler Betreuungsinfrastruktur praktisch immer: Unterbrechung der Berufstätigkeit für eine längere Zeit, und zwar weit länger, als es das Elterngeld vorsieht. In der Folge müssen 3 oder mehr Kinder mit einem Gehalt finanziert werden. Auch sind ja dann wieder patriarchalische Verhältnisse da: Die Frau wäre vollständig vom Verdienst des Mannes abhängig und er stünde unter der Last, seine Familie über viele Jahre ernähren zu müssen. Dazu sind Menschen aus rationalen (nicht religiösen) Überlegungen heraus heute kaum noch bereit. Deshalb entstehen solche Familien heute fast nur noch dort, wo es entweder einen sehr starken religiösen Hintergrund gibt, oder in der Armut, d.h. in der Sozialhilfe.

    "... und deshalb benannte er sich um und heißt seitdem 'DHB- Netzwerk Haushalt, Berufsverband der Haushaltsführenden'..."

    Was wohl hauptsächlich aus Gründen der Geschlechtsneutralität, d.h. der politischen Korrektheit geschah. Aus den gleichen Gründen gibt es ja auch keine Studenten mehr, sondern nur noch Studierende.
    http://community.zeit.de/...3%B6st-die-hausfrau-ab

    "Von den Eltern wird pauschal angenommen, dass man ihnen kein Geld anvertrauen könne, da sie eh alles für Alkohol und Zigaretten ausgeben. Was für eine arrogante Haltung!"

    Nein, genau das nehmen solche Personen nicht an. Stattdessen ist ihre Annahme, dass ein nennenswerter Anteil solcher Eltern dies tun würde. Und sie nehmen an, dass mehr Geld für Kinder in manchen Kreisen Kinder zu einem Geschäftsfeld machen könnte: Mehr Kinder = mehr Geld für die Eltern. Auch der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hat mehrfach darauf hingewiesen, dass es das Problem gibt. Der Staat würde also mit mehr Geld zu unethischem Verhalten einladen. Während Berufstätige ihre Kinder im Grunde selbst finanzieren müssen und ihr Verdienst durch mehr Kinder deutlich geschmälert würde (da sie dann weniger arbeiten gehen können), erhielten Berufslose durch mehr Kinder immer mehr Geld. Es wäre dann z. B. möglich, in der Sozialhilfe 10 Kinder in die Welt zu setzen und dort großzuziehen. Also genau das empfinde ich als unsozial und unethisch.

    "Immerhin studieren 24% der Kinder von Nichtakademiker-Eltern in Deutschland."

    Das mag ja alles sein. Es geht aber um ganz andere soziale Probleme, die nicht zu leugnen sind. Wenn wir Anreizsysteme schaffen, die dazu führen, dass sich bildungsferne und arme Menschen gerne für weitere Kinder entscheiden (da die Anreize für sie günstig sind), während die Berufstätigen, die die Steuern zahlen, damit die anderen Kinder vom Staat ernährt werden können, auf Kinder verzichten, da die Anreize für sie ungünstig sind, dann machen wir die Gesellschaft kaputt. Darauf weist Sarrazin richtigerweise hin. Wir müssen dafür sorgen, dass sich alle Schichten eine gleiche Chance erhalten, sich reproduzieren zu können. Aktuell werden Berufstätige (und hier insbesondere AkademikerInnen) in der Frage massiv benachteiligt.

    "Es gibt ein Blog von studierenden Arbeiterkindern, welches sich aktuell ebenfalls mit Sarazzins Aussagen beschäftigt: ..."

    Dieser Blog dient nur der Agitation.

    "Wenn man annimmt, dass sowohl Vererbung als auch Umwelteinflüsse bei der Intelligenzentwicklung eine Rolle spielen, so wäre es doch wohl besser alle Kinder zu fördern, anstatt mit dem Gießkannenprinzip Bildungsgutscheine zu verteilen."

    Die Behauptung der Sozialbehörden und der Politik ist doch gerade, dass zusätzliches Geld bei vielen Kindern überhaupt nicht ankommen würde, jedenfalls würde es nicht für Bildung ausgegeben.

    "M.E. wäre es besser, die Schulen in dieser Richtung zu stärken, denn wenn alle Kinder davon profitieren gibt es weniger Ausgrenzung und Stigmatisierung."

    Was heißt das denn? Kein zusätzliches Geld für die Kinder von H4-Empfängern, auch keine Bildungsgutscheine, stattdessen zusätzliche Investitionen in die Schulen? Ist es das, was Sie fordern?

    "Der von Ihnen verwendete Begriff 'Eugenik' ist für mich hochbelastet, da er zu sehr an Rassenhygiene und Nationalsozialismus erinnert. Siehe auch:
    http://www.taz.de/...tikel/1/sarrazins-vordenker\"

    Ach ja, noch ein solcher Artikel von Leuten, die das Denken durch Tabu-Begriffe ersetzen möchten, frei nach dem Motto: "Da denkt jemand über dysgenische Entwicklungen nach, möchte das ändern, also ist er Eugeniker, das waren die Nazis doch auch, folglich ist er ein Nazi." Wissen Sie, so etwas ist mir zu blöd.

    Frank Schirrmacher sah in der FAZ sogar den Darwinismus durch die Geschichte hoch belastet (http://www.faz.net/...B~ATpl~Ecommon~Sspezial.html):

    "Man muss daran erinnern, dass der Darwinismus in großen Teilen die Rückübertragung ökonomischer Theorien in die Welt der Natur war. Es waren die Wirtschaftskräfte, die ihm die Metaphern für seine Gedanken lieferten, nicht die Natur. Das erklärt, wieso der Ökonom Sarrazin Darwins Schriften liest, als seien sie ein Bericht der Bundesbank. Würde es ihm um Erkenntnis gehen, hätte Sarrazin zumindest in einem Kapitel seines Buches den Irrweg und die Widersprüche einer Theorie schildern müssen, die er jetzt aus der Gruft der Geschichte zurückholt."

    Der hat also dem Herrn Blume gleich die ganze Geschäftsgrundlage seines wissenschaftlichen Tuns zu entziehen versucht, nur weil es da mal einen Sozialdarwinismus gab.

    Es ist sonderbar, dass niemand in der ganzen Debatte darauf hingewiesen hat, dass die umkehrte Annahme, die auch Gabriel so vehement vertreten hat, nämlich dass die genetischen Unterschiede zwischen Menschen keine Rolle spielen und dass man aus jedem Menschen durch Erziehungsmaßnahmen alles machen könne, die Grundlage der Säuberungsmaßnahmen der Roten Khmer waren.

  25. Rüdiger Vaas Antworten | Permalink

    Dein Preis

    Lieber Michael, auch an dieser Stelle noch einmal Gratulation zu Deinem Preis! Und danke für Dein Geldangebot, das ich natürlich nicht annehme.

    Verwundert hat es mich, dass Du die Preisverleiher nicht überzeugen konntest, Dir den Preis für Deine "Neurotheologie" und/oder Deine Internet-Artikel/Blogs zu geben! Denn es ist ziemlich peinlich und grotesk für alle Seiten, einen Preis zu verleihen - bzw. entgegen zu nehmen sowie darüber zu schreiben und zu lesen - für ein Buch, das Du ja zu zwei Dritteln gar nicht selbst verfasst hast. Zumal die offizielle Pressemitteilung der Evangelischen Kirche von Westfalen suggeriert, dass Du Alleinautor bist, weil der Ko-Autor nicht einmal erwähnt wird.

    Alles Gute!

  26. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Peter Mersch

    Danke für Ihre Definition von "Eugenik", die ich zwar nicht teile, aber nachvollziehen kann. Sie heben damit den sonst gängigen Unterschied zwischen dem Evolutionsprozess und staatlich-politischer Planungsversuchen desselben auf - was m.E. genau den (und meinen) Kritikpunkt ausmacht.

    Auch finde ich einige Implikationen schwierig: Denn nach dieser Logik der Fitnessmaximierung wären ja z.B. Bildung oder Säkularisierung "dysgenisch", da sie den Reproduktionserfolg ihrer Träger potentiell beeinträchtigen... Aber gerade wenn Begriffe auch politische Implikationen haben, wären doch m.E. mehr als individuelle Fitnessmaximierung zu diskutieren, beispielsweise die Probleme von Armut, Leid und Überbevölkerung. Einen Mix aus naturwissenschaftlichem und politischem Jargon finde ich da problematisch.

    Etwas gewundert habe ich mich über Ihre Ausführungen, dass die Evolution der Religiosität und Religionen nicht im Rahmen der Evolutionsforschung erkundet werden kann. Dabei findet genau dies seit Jahren statt und wir sind längst Dutzende Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Disziplinen, die genau das tun.

    Die ersten, entsprechenden Hypothesen dazu stammten übrigens von Charles Darwin selbst - ebenfalls aus "Abstammung des Menschen", dessen sorgfältige Lektüre im Original ich allen Studierenden empfehle, der oder die sich ernsthaft zu Evolutionstheorie äußern möchte:
    http://www.scilogs.eu/...eligiosity-and-religion-s

  27. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Rüdiger Vaas

    Vielen Dank für Deine Glückwünsche!

    Und, ja, ich war zwar verschiedentlich zu Vorträgen und Diskussionen über meine Forschungen in der Akademie Villigst und wußte, dass ich für meine "Arbeiten zwischen Religion und Naturwissenschaft" ausgezeichnet werde, die (m.E. sehr schöne) Laudatio und PM für die Auszeichnung hat man mir aber vorher nicht "zur Genehmigung" vorgelegt... Ob das denn üblich wäre? Dazu fehlen mir die Erfahrungen mit Auszeichnungen... ;-)

    "Schuldig" bekenne ich mich aber insofern, dass ich in Villigst und bei vielen anderen Ansätzen immer wieder aktiv auf "Gott, Gene und Gehirn" hingewiesen habe, das ja die Themen aus meiner Dissertation "Neurotheologie" und meine Forschungen zur Religionsdemografie nicht nur aufnimmt, sondern erweitert. Ich finde unser Gemeinschaftswerk gelungen, weil es ja gerade die verschiedenen Perspektiven aufgreift, ohne sie je zu verabsolutieren. Damit erlaubt es einen Einblick weit über meine Spezialgebiete hinaus. Daher bewerbe ich es aktiv und bin von der Qualität überzeugt.

    Und dass ich bei der Preisrede Deine unverzichtbare Rolle nicht nur für unser Buch, sondern auch für die gesamte Wissenschaftsvermittlung hervorgehoben habe, halte ich für selbstverständlich! Ebenso hätte ich auch gerne das Preisgeld geteilt. Denn: "Für mich war und ist er (Rüdiger) Diskussionspartner, Mentor, Freund und, ja, Vorbild - ich halte ihn für einen der besten Wissenschaftsautoren in deutscher Sprache." - das würde ich jederzeit wiederholen! :-)

    Beste Grüße!

  28. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Mona

    Einfach ein Wort der Zustimmung von mir: Wenn es um Evolutionsforschung, aber auch um Demografie und Familienpolitik geht, werden diese Diskussionen in Wissenschaft und Öffentlichkeit noch immer allzu oft von (manchmal auch kinderlosen) Männern dominiert - womit eine entscheidende Perspektive wegfällt.

    Deswegen mein Einsatz für das Gedenken an Antoinette Brown Blackwell oder auch Sarah Hrdy et al. Es wird Zeit, dass sich statt machohafter Großtheorien vergangener Jahrzehnte endlich das Gespräch zwischen Disziplinen und Geschlechtern, der Respekt vor den Praxiserfahrungen von Eltern und die Forschung auf Augenhöhe durchsetzen. Denn jede(r) von uns lebt zeit- und schichtgebunden, hat also bestimmte Stärken und blinde Flecken. Man sollte auch als Forscher m.E. so ehrlich sein, das einzugestehen.

  29. Balanus Antworten | Permalink

    Rüdiger Vaas /@Michael Blume

    Ich kann Rüdiger Vaas' "Verwunderung" sehr gut nachvollziehen.

    Lieber Michael, dann haben Sie also beim Verfassen der Dankesrede gar nicht gewusst, wofür genau Sie den Preis bekommen sollten? Meine Güte, das ist bzw. war ja dann eine ganz schöne Herausforderung… ;-)

  30. Peter Mersch Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    "Danke für Ihre Definition von 'Eugenik', die ich zwar nicht teile, aber nachvollziehen kann. Sie heben damit den sonst gängigen Unterschied zwischen dem Evolutionsprozess und staatlich-politischer Planungsversuchen desselben auf - was m.E. genau den (und meinen) Kritikpunkt ausmacht."

    Es ist eine der wesentlichsten unmittelbaren Folgerungen aus der Systemischen Evolutionstheorie, dass es in modernen menschlichen Sozialstaaten im Grunde keine natürliche Selektion mehr gibt, sondern nur noch eine soziale. Siehe z. B. http://knol.google.com/...stheorie/1gkbevzlim11a/1 und darin dann der Abschnitt "8.2 Soziale Selektion". Es war einer der entscheidenden Denkfehler des Sozialdarwinismus, anzunehmen, die Weiterentwicklung menschlicher Gesellschaften erfolge gemäß dem Prinzip der natürlichen Selektion. Sozialstaaten (auch die von Bienen) evolvieren jedoch so, wie sie sich organisieren. Wenn Bienensozialstaaten die Rollentrennung zwischen Arbeiterinnen und Königinnen (aus "Gerechtigkeitsgründen") aufgeben würden, würden sie ganz anders evolvieren, als sie es jetzt tun. Wenn in unserer Gesellschaft jedem Kind ein Kindergeld von 500 Euro zustehen würde, würde die Verteilung der Eltern in der Population eine ganz andere sein, als wenn es nur ein einkommensabhängiges Elterngeld gäbe. Sarrazin hat den Punkt bemerkenswert klar herausgearbeitet, indem er von einer "menschengemachten" Selektion spricht. In der Natur kommen die Selektionsfaktoren maßgeblich aus der Natur. Man ist diesen mehr oder weniger ungeschützt ausgesetzt. In menschlichen Sozialstaaten sind die Selektionsfaktoren jedoch menschengemacht. Sie müssen gewissermaßen demokratisch verhandelt werden. Ich habe das eigentlich jetzt schon so oft erwähnt, dass ich ein wenig verwundert bin, dies immer wieder tun zu müssen.

    "Auch finde ich einige Implikationen schwierig: Denn nach dieser Logik der Fitnessmaximierung wären ja z.B. Bildung oder Säkularisierung 'dysgenisch', da sie den Reproduktionserfolg ihrer Träger potentiell beeinträchtigen... "

    Sie sind es nicht grundsätzlich, sondern nur unter den aktuellen Rahmenbedingungen. Wir haben ein Familienmodell, welches aus dem Patriarchat stammt, und auf das haben wir die Gleichberechtigung der Geschlechter losgelassen. Ich behaupte: Das kann nicht funktionieren, da es dann zu dysgenischen Entwicklungen kommt (siehe: http://knol.google.com/...echtigten/6u2bxygsjec7/2).

    Bildung veranlasst Frauen, ihre Selbstverwirklichung primär in einer Erwerbsarbeit zu suchen, da sie darüber ein eigenes Einkommen erzielen können. Oftmals wählen sie dann jedoch unbewusst doch wieder Berufe, die etwas mit Kindern zu tun haben. Gebildete Frauen werden z. B. gerne Grundschullehrerin.

    Würde man den Beruf der Familienmanagerin einführen, wie von mir vorgeschlagen, würden gebildete Frauen den Bewerbungsstellen die Türen einrennen. Das hatte schon Simone de Beauvoir orakelt. Dann würden auch wieder viele Kinder in bildungsnahen Umgebungen geboren werden. Bildung hat also nicht per se dysgenische Wirkungen, sondern nur in einer gleichberechtigten Welt bei Beibehalt patriarchalischer Familienstrukturen. Auch darüber habe ich lange Artikel und dicke Bücher geschrieben. Die Argumentation ist systemisch und nicht politisch.

    "Aber gerade wenn Begriffe auch politische Implikationen haben, wären doch m.E. mehr als individuelle Fitnessmaximierung zu diskutieren, beispielsweise die Probleme von Armut, Leid und Überbevölkerung."

    Was ich ja geradezu im Übermaß tue. Gerade mein Buch "Hurra, wir werden Unterschicht!" beschäftigt sich mit fast nichts anderem als mit Armut, Leid, Überbevölkerung. Siehe auch mein Artikel "Bevölkerungsplanung" dazu: http://knol.google.com/...gsplanung/6u2bxygsjec7/8

    "Einen Mix aus naturwissenschaftlichem und politischem Jargon finde ich da problematisch."

    Aktuell sehe ich eigentlich immer nur bei Ihnen eine Verwendung politischer Begriffe. Ich argumentiere systemisch, d.h. auf Basis von Kommunikationsstrukturen, Opportunitätskosten etc.

    "Etwas gewundert habe ich mich über Ihre Ausführungen, dass die Evolution der Religiosität und Religionen nicht im Rahmen der Evolutionsforschung erkundet werden kann. Dabei findet genau dies seit Jahren statt und wir sind längst Dutzende Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Disziplinen, die genau das tun."

    Ja und genau das ist problematisch, weil Ihnen dafür eine theoretische Grundlage fehlt. Das Darwinsche Evolutionsprinzip hat Ernst Mayr noch 2005 in seinem Buch "Das ist Evolution" wie folgt zusammengefasst (S. 149):

    "Jede Spezies bringt weitaus mehr Nachkommen hervor, als von einer Generation zur nächsten überleben können. Alle Individuen einer Population unterscheiden sich genetisch voneinander. Sie sind den Widrigkeiten der Umwelt ausgesetzt, und fast alle gehen zu Grunde oder pflanzen sich zumindest nicht fort. Nur wenige - im Durchschnitt zwei Individuen je Elternpaar - überleben und bringen ihrerseits Nachkommen hervor. Diese Überlebenden sind aber keine Zufallsstichprobe aus der Population: Dass sie weiterleben können, haben sie zum Teil bestimmten Eigenschaften zu verdanken, die das Überleben begünstigen."

    Auf dieser Grundlage wird aktuell Religionsforschung betrieben, eine andere gibt es nicht. Und ich denke, dass dies nicht gut gehen kann, weil man zwangsläufig dabei im Sozialdarwinismus enden wird.

    FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher mahnte deshalb anlässlich Sarrazins Buch auch schon an:

    "Man muss daran erinnern, dass der Darwinismus in großen Teilen die Rückübertragung ökonomischer Theorien in die Welt der Natur war. Es waren die Wirtschaftskräfte, die ihm die Metaphern für seine Gedanken lieferten, nicht die Natur. Das erklärt, wieso der Ökonom Sarrazin Darwins Schriften liest, als seien sie ein Bericht der Bundesbank. Würde es ihm um Erkenntnis gehen, hätte Sarrazin zumindest in einem Kapitel seines Buches den Irrweg und die Widersprüche einer Theorie schildern müssen, die er jetzt aus der Gruft der Geschichte zurückholt."

    Genau dieses Problem haben Sie auch: Sie müssten darlegen, auf welchen Teilen des Darwinismus Sie Religionsforschung betreiben. Welche Teile der Evolutionstheorie für sie gültig sind und welche nicht. Dennett hat es sich in dem Punkt leichter gemacht, indem er auf die Memetik setzt. Alle anderen müssen m. E. erklären, was für sie das Fundament ihrer Überlegungen ist. Gemäß welcher Evolutionstheorie die erzielten Forschungsergebnisse also etwas über evolutionäre Vorteile und damit evolutionäre Wirkungen aussagen. Ich bin der festen Überzeugung: Das geht nur mit einer veränderten Evolutionstheorie, wie sie z. B. die Systemische Evolutionstheorie ist.

    "Die ersten, entsprechenden Hypothesen dazu stammten übrigens von Charles Darwin selbst - ebenfalls aus 'Abstammung des Menschen', ..."

    Ja, umso schlimmer.

  31. Hussein Hamdan Antworten | Permalink

    Weiter so!

    Lieber Michael,

    auch von mir (wenn auch etwas verspätet) herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis und mach bitte weiter so! ;-)

    Alles Gute,
    Hussein

  32. Ingo Bading Antworten | Permalink

    Und von wem erhält Mersch einen Preis?

    Lieber Michael,

    Deine Argumentation verstehe ich nicht (ach ja: Gratulation, schön, daß es eine christliche Lobby gibt, die solche Preise verteilt ...). Du sagst, daß es hinsichtlich des Judentums besser wäre, über Umweltfaktoren zu sprechen als über Genetik. WARUM? Du WEISST doch, daß der IQ zu mindestens 50 % genetisch ist. Also SAG es bitte auch. Alles andere ist unwissenschaftliche Irreführung.

    Bei mindestens 50 % Genetik muß die Genetik eben immer auch zu mindestens 50 % berücksichtigt und mitdiskutiert werden.

    Und deshalb verstehe ich auch nicht, warum Du Dich ständig gegen Peter Mersch aussprichst und seine Verwendung des Begriffes Eugenik.

    Daß menschengemachte Evolution etwas anderes ist als die natürliche - lohnt es sich, darüber zu streiten? Dir klingt nur das WORT Eugenik, so will mir scheinen, zu anrüchig. Und Du "distanzierst" Dich deshalb, willst deshalb Mersch in der Sache nicht recht geben, obwohl es völlig folgerichtig wäre.

    Wenn das wirklich so ist, wäre es schade. Denn dann sollten wir uns Schwaben suchen, die Dich ausschimpfen.

    Dann wäre mir lieber, Peter Mersch würde einen solchen Preis erhalten. Wo ist übrigens eine Lobby für ihn? Warum hat er keinen Blog auf einem - - - "renommierten" Blogportal?

    Du bist nicht derjenige, der solche Fragen beantworten kann - aber anhören muß man sie sich schon.

  33. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Ingo Bading

    Danke für Deine Gratulation, aus der leider wieder mal eine sehr pauschale Herablassung gegenüber Christen spricht. Deine Sache. (Ich begrüße es z.B. ausdrücklich, dass auch humanistische Institutionen Wissenschaftspreise vergeben. Das ist doch gut und richtig so!)

    In Sachen "jüdische Intelligenz": In meiner Rede hatte ich ja gerade darauf hingewiesen, dass die vorläufigen Befunde der IQ-Forschung über Jahrzehnte hinweg für Männer und gegen Frauen ausgelegt wurden - bevor sich anhand der Praxis (!) doch die Erkenntnis durchsetzte, dass Mädchen bei gleichen Rahmenbedingungen und gleicher Förderung auch gleiche IQ-Werte erreichen. Wir dürfen heute dankbar sein, dass sich sehr viele Leute nicht von den (immer vorläufigen!) Befunden beirren ließen, wonach Frauen angeblich "dümmer" wären, sondern an das Potential auch von Mädchen glaubten.

    Entsprechend finde ich es verheerend, wenn heute die gleichen "Argumentationen" wieder zur positiven oder negativen Diskriminierung von Menschengruppen wie Juden, Muslimen, armen oder reichen Menschen etc. eingesetzt werden. Und ich kann Frau Traub nur Recht geben: Wer vom Judentum lernen möchte, der suche kein "Juden-Gen", sondern besuche eine Gemeinde. Über die jahrhundertealte Wertschätzung und Förderung von Kindern lässt sich dort tatsächlich viel lernen!

    Denn selbstverständlich bestehen genetische Merkmalsunterschiede zwischen Menschen - aber es ist absolut fahrlässig, individuelle Unterschiede wiederum auf ganze Menschengruppen (mit unterschiedlichen Voraussetzungen) zu übertragen. Und dabei auch noch die o.g. Katastrophen der Eugenik und der IQ-Forschung einfach zu verschweigen.

    Was Peter Mersch angeht, so stand und stehe ich Verbesserungsvorschlägen zur Evolutionsforschung immer offen gegenüber und habe vielleicht gerade deswegen auch bei ihm falsche Erwartungen geweckt. Denn eines geht hier gar nicht: Die Arbeit von Tausenden Kolleginnen und Kollegen völlig pauschal in den Wind zu schlagen, sie (und damit auch mich) pauschal als "Darwinisten" und "Sozialdarwinisten" zu bezeichnen und dann auch noch zu erwarten, dass ich mich zeitintensiv und anerkennend mit einer privaten Großtheorie ohne empirischen Unterbau befasse.

    Selbst wenn einer fünfmal Professor des Fachbereiches wäre (was Peter Mersch nicht ist), würde man von ihm erwarten, andere Arbeiten ebenso zu respektieren, wie dies für die eigene erwartet wird. Zwischen wissenschaftlicher Beschreibung und normativer Bewertung zu unterscheiden. Und Begriffe und Hypothesen sorgsam und Schritt für Schritt zu prüfen und zu erweitern, statt mal eben die Akzeptanz von eigenwilligen Großtheorien und Begriffsapparaten voraus zu setzen...

    Es gibt im Web schon genug Bereiche, in denen Leute verkünden, mal eben Einstein und die gesamte Physik widerlegt oder UFOs gesichtet zu haben. Entsprechende Post geht bei mir immer wieder ein. Aber damit das klar ist: Mein Blog und meine Zeit stehen für so etwas nicht zur Verfügung. Und für eugenische und rassistische Phantasien schon gar nicht...

  34. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Hussein Hamdan

    Vielen Dank für Deine lieben Worte! Und auch Dir (weiterhin) viel Erfolg (auch) in der Wissenschaft! :-)

  35. Michael Blume Antworten | Permalink

    PM aktualisiert

    Lieber Rüdiger, lieber Balanus,

    ich bin auf die Betreiber der Website zugegangen und habe sie gebeten, die PM so zu präzisieren, wie es ja auch in der Laudatio geschah und ich es auch bei meiner Dankesrede getan habe. Diesem Wunsch wurde gerne entsprochen:
    http://www.evangelisch-in-westfalen.de/...ger.html

    Nochmal vielen Dank für die Glückwünsche und Anregungen!

  36. N. Hagthorpe Antworten | Permalink

    @Ingo Bading und Bitte an Michael Blume

    Seit wann denn kann man von der genetisch mitbedingten Variation der IQ-Unterschiede in einer Population darauf schließen, zu wieviel Prozent "der IQ erblich" ist? Vieleicht habe ich etwas verpasst, aber soweit ich weiß, ist dieser Schluss schlicht unmöglich. Und seit wann lassen sich damit eugenische Argumente stricken, wenn unter anderem bekannt ist, dass die Korrelation des IQ zwischen Eltern und Kindern nur moderat (die Umweltfaktoren eingerechnet) ist und mit jeder neuen Generation gegen Mittelwert tendiert? Damit auch eine große Bitte an Michael Blume, sich wenn möglich auch diesen Themas in einem Beitrag anzunehmen, denn ich fürchte, dass es hier zu viele Missverständnisse gibt.

  37. Peter Mersch Antworten | Permalink

    @Michael Blume Säkularisierung/Bildung

    "Auch finde ich einige Implikationen schwierig: Denn nach dieser Logik der Fitnessmaximierung wären ja z.B. Bildung oder Säkularisierung 'dysgenisch', da sie den Reproduktionserfolg ihrer Träger potentiell beeinträchtigen... "

    Ich hatte es in einem früheren Beitrag anhand der Laktoseintoleranz zu erklären versucht: In einer Gesellschaft, in der Milch als Grundnahrungsmittel eingeführt wird, kann Laktoseintoleranz nur dann von Generation zu Generation zurückgehen, wenn Menschen mit Laktoseintoleranz durchschnittlich weniger Nachkommen hinterlassen. Das nennt man Gen-Kultur-Koevolution: Kultureller Erfolg harmoniert mit reproduktivem Erfolg.

    Evolution findet gemäß Darwin dadurch statt, dass Individuen, die sich in der aktuellen Umgebung mit dem Lebensraum leichter tun (besser an diesen angepasst sind), durchschnittlich mehr Nachkommen hinterlassen.

    In unserer Gesellschaft ist es seit vielen Jahren genau umgekehrt: Sozialer Erfolg (= gute soziale Anpassung) korreliert negativ mit Reproduktionserfolg.

    Wer meint, dies sei in einer sozial durchlässigen Gesellschaft egal, der zweifelt die Darwinsche Evolutionstheorie in Gänze an. Ich finde, derjenige sollte dann auch so ehrlich sein und wieder die Schöpfungsgeschichte vertreten.

    Es ist dabei übrigens ganz egal, ob es um Intelligenz, Bildung, Laktosetoleranz, Glutenverträglichkeit oder was auch immer geht: Wenn teilweise genetisch-bedingte Merkmale, die sozialen Erfolg begünstigen, zu niedrigeren Fortpflanzungsraten führen (da sozialer Erfolg mit reproduktivem Erfolg aus organisatorischen Gründen kollidiert), wird es zu "dysgenischen" Entwicklungen kommen. Konkret heißt das: Es kommt zu einer zunehmenden Verarmung, da sich die Nachkommen immer schwerer tun werden, aus dem Lebensraum Ressourcen zu gewinnen.

  38. Mona Antworten | Permalink

    Frauen-bashing

    "Und von wem erhält Mersch einen Preis?"

    Von mir bekommt er für folgende Aussage eine Zitrone verliehen: "Bei der Einführung der Gleichberechtigung der Geschlechter wäre es jedenfalls besser gewesen, man hätte vorher einmal darüber nachgedacht, welche möglichen reproduktiven (und damit evolutionären) Folgerungen das haben könnte. Dann hätte man vielleicht heute nicht so viele arme, kranke und bildungsferne Kinder."

  39. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Peter Mersch

    Nun, eigentlich sind meine Anfragen in mir widersprüchlich scheinenden Aspekten Ihrer letzten Antwort schon enthalten.

    Sie wollen also zwischen natürlicher und "menschengemachter" Evolution unterscheiden, verwenden aber für die Ergebnisse beider Prozesse das gleiche Wortpaar - eugenisch bzw. dysgenisch. Deswegen fangen Sie auch so gerne bei Bienenstaaten an und landen bei Familienpolitik - da sehe ich, verzeihen Sie meine Offenheit, bei Ihnen also gerade keine Unterscheidung, die doch angebracht wäre. Und es ist gerade DIESE Vermischung von naturwissenschaftlichen und politischen Argumentationsebenen, durch die sich der Sozialdarwinismus legitimierte und die bei vielen begreiflicherweise Unbehagen auslöst. Und vor der auch Schirrmacher den Herrn Sarrazin warnt! Der Begriff von Eugenik wurde von Menschen geprägt, die die Evolution des Menschen politisch steuern wollten - wofür auch Sie z.B. mit konkreten Ratschlägen zur Familienpolitik plädieren. Dabei müssten Sie doch entlang Ihrer eigenen Argumentation anerkennen: Wenn die Evolution des Menschen nicht nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten abläuft wie die "natürliche", sind Übertragungen von A nach B sehr fragwürdig und haben sich auch historisch als fatal erwiesen.

    Die Evolutionsforschung kann die Evolutionsgeschichte von Natur und Mensch nur stückweise besser erhellen und also wie jede Wissenschaft den demokratischen Diskurs anreichern, aber nicht ersetzen. Ernsthafte Evolutionsforscher versuchen daher nicht (mehr), die menschliche Gesellschaft z.B. nach dem Muster von Bienenstaaten zu organisieren und unterscheiden zwischen wissenschaftlichen und politischen Diskursen...

    Und dass Sie den heutigen Wissenschaftlern pauschal "Darwinismus" unterstellen und sich dann beklagen, dass Ihr Ansatz zu wenig Beachtung fände...

    Also, ich würde mich gerade nicht als "Darwinist" verstehen, sondern verweise (wie auch Schirrmacher) auf die Zeit- und Schichtgebundenheit auch von Darwins These. Explizit spreche ich mich z.B. für die Wiederentdeckung von Antoinette Brown Blackwell aus, die Darwin genau in diesem Kontext widersprach. Und die Ihnen doch zusagen sollte, wenn Sie patriarchalische Argumentationsmuster hinterfragen wirklich hinterfragen wollten!? Übrigens: auch kein Kollege und keine Kollegin, die ich kenne, würden z.B. bestreiten, dass Darwin noch nichts von Genen wusste und seine Werke viele zutreffende, aber auch viele zwischenzeitlich widerlegte Hypothesen enthalten. Aber sie alle würden dafür plädieren, seine Werke erst zu lesen, bevor man allzu pauschale Urteile über sie fällt. Denn der Clou an reflektierter Wissenschaft ist doch, anzuerkennen, dass jede(r) von uns zeit- und schichtgebunden lebt und also nur beschränkte Perspektiven und vorläufige Erkenntnisse hat. Werden nicht nachfolgende Generationen uns mit Recht entsprechende Vorhaltungen machen können, die Sie heute Darwin machen? Wie können Sie sicher sein, dass Ihre persönliche Perspektive, Begriffs- und Theoriebildung weniger vorläufig und fehlerhaft ist als es seine war?

  40. Peter Mersch Antworten | Permalink

    Zivilisation und Wildnis

    Die Darwinsche Evolutionstheorie erklärt die biologische Evolution in einer wilden Natur. Ernst Mayr beschrieb den Grundgedanken in kurzen Worten so:

    "Jede Spezies bringt weitaus mehr Nachkommen hervor, als von einer Generation zur nächsten überleben können. Alle Individuen einer Population unterscheiden sich genetisch voneinander. Sie sind den Widrigkeiten der Umwelt ausgesetzt, und fast alle gehen zu Grunde oder pflanzen sich zumindest nicht fort. Nur wenige - im Durchschnitt zwei Individuen je Elternpaar - überleben und bringen ihrerseits Nachkommen hervor. Diese Überlebenden sind aber keine Zufallsstichprobe aus der Population: Dass sie weiterleben können, haben sie zum Teil bestimmten Eigenschaften zu verdanken, die das Überleben begünstigen."

    Ganz offenkundig hat das nichts mit menschlichen Zivilisationen zu tun. Die Darwinsche Evolutionstheorie kann nicht einmal erklären, was Zivilisation ist.

    Ich verwende häufig das folgende Beispiel zur Unterschiedung:

    Eine Frau hat den ganzen Tag über Beeren in einem Wald gesammelt und befindet sich nun mit einem großen Korb auf dem Heimweg. Wenn ihr in der Wildnis ein Bär begegnet, wird dieser möglicherweise versuchen, ihr den Korb abzunehmen. Sie muss sogar um ihr Leben fürchten. Auf ihre Interessen und "Rechte" nimmt der Bär keine Rücksicht. Eigentumsrechte besitzt sie für ihn nicht.
    Aus genau diesem Grund dürfen in Zivilisationen keine gefährlichen Tiere herumlaufen. Aber die Frau könnte z. B. auch zwei äußert hungrigen Männern begegnen. In einer Zivilisation können diese zwar versuchen, die Frau davon zu überzeugen, ihr die Beeren auszuhändigen (z. B. gegen einen Geldbetrag). Aber sie dürfen ihr die Beeren nicht einfach abnehmen.

    Der Unterschied besteht in der Akzeptanz von Eigentum (an Leben, Gesundheit, körperlicher Unversehrtheit, Dingen, die man bei sich trägt).

    In der Wildnis erfolgt die Ressourcenverteilung (bei knappen Ressourcen) ausschließlich aus der Sicht derer, die an der Ressource interessiert sind (Recht des Stärkeren, Fressen und gefressen Werden, Dominanz), in der Zivilisation aus der Sicht derer, die die Ressource besitzen (Recht des Besitzenden, Gefallen-wollen).

    Letzteres führt zu einem veränderten Verhalten bei den Ressourceninteressenten. Sie müssen ihre Triebe beherrschen können (solange, bis sich die Ressourceninhaber entschieden haben), sie müssen versuchen, zu gefallen - und sich ggf. dabei gegenseitig übertreffen.

    Darwin entdeckte mit der sexuellen Selektion keine neue Form der Selektion, sondern das Aufkommen des Rechts des Besitzenden in der Natur (aus Sicht der Weibchen: "Mein Bauch gehört mir, und ich entscheide, wer ihn bekommt, d.h. wer mir gefällt").

    In menschlichen Zivilisationen existiert - von wenigen geregelten Ausnahmen abgesehen - praktisch überall nur noch das Recht des Besitzenden: Wir machen eine Ausbildung und bewerben uns für einen Job (wir wollen dem Unternehmen - dem Inhaber der Ressource Arbeitsplatz - gefallen). Politiker halten schöne Reden, um zu gefallen und gewählt zu werden. Wissenschaftler präsentieren ihre Resultate in klugen Worten, um von anderen Wissenschaftlern aktzepiert zu werden, auf den Märkten übertreffen sich die Anbieter, damit wir ihre Waren kaufen, Frauen und Männer versuchen attraktiv zu sein, um sich gegenseitig zu gefallen, öffentliche Personen überbieten sich in politischer Korrektheit ...

    Sozialdarwinisten und Eugeniker meinten, man könne die in dieser Hinsicht sprachlose Darwinsche Theorie auf alle möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen anwenden. Es sei also ganz normal, wenn Seefahrer vor irgendeiner Küste landen und alle Eingeborenen versklaven und das Land zu ihrem Eigentum erklären. Das wäre Ausdruck der Überlegenheit der eigenen Kultur im Sinne eines Rechts des Stärkeren. Eugeniker meinten, man könne Krüppel sterilisieren und mit ihnen Experimente machen.

    In all diesen Fällen haben sie sich außerhalb der Grundprinzipien von Zivilisationen begeben. Sie haben das Prinzip der Dominanz (Recht des Stärkeren) angewendet. Das war ihr eigentlicher Fehler. Ihr Fehler war es nicht, mit ihren Schiffen vor einer fremden Küste aufzutauchen. Sie hätten die Eingeborenen ja auch fragen können, ob sie einen Teil der Insel für sich nutzen könnten, z. B. gegen einen ganzen Haufen Perlenkettchen für ihre Frauen. Dann hätte man sich zivilisiert verhalten.

    Nur kann man leider über solche Feinheiten nicht öffentlich reden, weil der Darwinismus keine Sprache dafür hat. Und abweichende Begriffe werden nicht verstanden oder bestenfalls als "kreativ" bezeichnet, da der Darwinismus gemäß offizieller Lesart (siehe das neue Buch von Dawkins) "bewiesen" ist. Kritik und Weiterentwicklung sind nicht erwünscht, da der Darwinismus mit dem Kreationismus und dem Intelligent Design alle Hände voll zu tun hat, und man sich denen gegenüber keine Blöße geben will. Dabei wäre es längst überfällig, den martialischen Teil des Darwinismus in den Griff zu bekommen. Andernfalls sind nämlich keine evolutionären Untersuchungen zu menschlichen sozialen Phänomenen möglich. Und andernfalls werden z. B. zu einem Buch wie dem von Sarrazin törichte Diskussionen geführt. So fragt etwa Schirrmacher in einem Streitgespräch mit Sarrazin in der FAZ, wer denn Kinder in unserer Gesellschaft bekommen 'soll' und Sarrazin antwortet - ganz Zivilist - über den Kinderwunsch entscheiden allein die Eltern, wer sonst?

    Würde es in unserer Gesellschaft ein Minimum an geistiger Durchlässigkeit geben, könnten solche unnötigen Missverständnisse (der eine denkt bei Eugenik an das Recht des Stärkeren, der andere ist ganz dem Recht des Besitzenden verhaftet) restlos vermieden werden.

    Ich bin jedenfalls mal gespannt, wann der Unterschied zwischen dem Recht des Stärkeren und des Besitzenden, den ich sogar meiner 5-jährigen Tochter locker erläutern konnte, endlich die Bühne des Darwinismus betreten darf.

  41. Peter Mersch Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    "Sie wollen also zwischen natürlicher und 'menschengemachter' Evolution unterscheiden, verwenden aber für die Ergebnisse beider Prozesse das gleiche Wortpaar - eugenisch bzw. dysgenisch."

    Selbstverständlich. Das eine Wort steht für "erhöht die Lebensraumkompetenzen", das andere für das Gegenteil. Sehen Sie darin irgendeinen Hinweis auf Natur, Mensch, Politik???

    "Deswegen fangen Sie auch so gerne bei Bienenstaaten an und landen bei Familienpolitik - da sehe ich, verzeihen Sie meine Offenheit, bei Ihnen also gerade keine Unterscheidung, die doch angebracht wäre."

    Nein, wenn es in beiden Fällen um das gleiche systemische Problem geht: "Wie können Sozialstaaten mit arbeitenden Weibchen weiterhin evolvieren?" nicht. Biologen behandeln schließlich auch Augen von Menschen und Fischen unter den gleichen Gesichtspunkten, wenn es um das Problem des Sehens geht. Man muss halt wissen, worüber man gerade redet.

    "Und es ist gerade DIESE Vermischung von naturwissenschaftlichen und politischen Argumentationsebenen, durch die sich der Sozialdarwinismus legitimierte und die bei vielen begreiflicherweise Unbehagen auslöst. Und vor der auch Schirrmacher den Herrn Sarrazin warnt!"

    Diese Vermischung wird doch von Ihnen vorgenommen. Sie wenden eine biologis(tis)che Theorie (Darwinsche Evolutionstheorie) auf soziale menschliche Phänomene (Religiösität) an. Ich wüsste nicht, wie das gehen soll.

    "Der Begriff von Eugenik wurde von Menschen geprägt, die die Evolution des Menschen politisch steuern wollten - wofür auch Sie z.B. mit konkreten Ratschlägen zur Familienpolitik plädieren."

    Nur leider vergisst man dabei immer wieder, dass sie das vor dem Hintergrund der Darwinschen Evolutionstheorie taten, die exakt den Inhalt hat, wie es Ernst Mayr formuliert hat. Diese biologische Theorie kennt - anders als die Systemische Evolutionstheorie - keinen Unterschied zwischen Zivilisation und Wildnis. Folglich meinten diese Leute, es sei durchaus natürlich, wenn man Krüppel zwangssterilisiere. Ich weise doch die ganze Zeit darauf hin, dass es sich bei der Eugenik an sich (für eugenische Entwicklungen zu sorgen) nicht grundsätzlich um ein Verbrechen handelt, sondern nur, wenn man dies auf der Grundlage der biologistischen Darwinschen Evolutionstheorie tut. Atomare Kernprozesse können Sie einerseits dafür verwenden, einen Herzschrittmacher anzutreiben, andererseits aber auch für Hiroshima. Ich finde schon, dass man dies unterscheiden können sollte, und nicht das eine nur deshalb verteufeln sollte, weil das andere ganz schlimm war.

    "Dabei müssten Sie doch entlang Ihrer eigenen Argumentation anerkennen: Wenn die Evolution des Menschen nicht nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten abläuft wie die 'natürliche', sind Übertragungen von A nach B sehr fragwürdig und haben sich auch historisch als fatal erwiesen."

    Ganz richtig, wenn die Übertragung auf der Grundlage der biologistischen Darwinschen Evolutionstheorie erfolgt. Analysen zeigen ganz klar: Eine solche Übertragung ist nicht möglich.

    "Die Evolutionsforschung kann die Evolutionsgeschichte von Natur und Mensch nur stückweise besser erhellen und also wie jede Wissenschaft den demokratischen Diskurs anreichern, aber nicht ersetzen."

    Wer spricht denn vom Ersetzen? Ob man ein Elterngeld und flächenddeckend Krippen einführt oder lieber das Kindergeld drastisch erhöht, wird üblicherweise auf demokratische Weise entschieden. Nur sollte man irgendwie wissen, warum man das eine oder das andere befürwortet. Bei der Einführung der Gleichberechtigung der Geschlechter wäre es jedenfalls besser gewesen, man hätte vorher einmal darüber nachgedacht, welche möglichen reproduktiven (und damit evolutionären) Folgerungen das haben könnte. Dann hätte man vielleicht heute nicht so viele arme, kranke und bildungsferne Kinder.

    Wir haben im demokratischen Prozess doch das grundlegende Problem, dass dabei immer nur an die aktuelle Generation gedacht wird. Wenn eine Maßnahme zwar großartig für die aktuelle Generation ist, sie aber zu einer massiven Verletzung der Generationengerechtigkeit führen dürfte, dann sollte man aus eben diesen evolutiven Gründen von ihr abhalten. Genau das geschieht bislang aber viel zu selten. Erklären Sie mal einer Gleichheitsfeministin, dass die von ihr durchgekämpften Maßnahmen gut für berufsorientierte Frauen, aber schlecht für die nicht wahlberechtigten Kinder waren. Die versteht das ja nicht einmal in Ansätzen. Evolutionstheorie? Nie gehört.

    "Ernsthafte Evolutionsforscher versuchen daher nicht (mehr), die menschliche Gesellschaft z.B. nach dem Muster von Bienenstaaten zu organisieren und unterscheiden zwischen wissenschaftlichen und politischen Diskursen..."

    Ernsthafte Evolutionsforscher vermeiden es tunlichst, Phänomene menschlicher Gesellschaften mittels der Darwinschen Evolutionstheorie erklären zu wollen. Das ist aber im Rahmen des Darwin-Jahrs munter passiert und die evolutionäre Religionsforschung begeht im Grunde den gleichen Fehler. Mein Reden ist die ganze Zeit: Wer Phänomene menschlicher Gesellschaften evolutionstheoretisch untersuchen möchte, benötigt zunächst einmal eine andere Evolutionstheorie als die Darwinsche. Aus irgendeinem - mir nicht mehr nachvollziehbaren - Grund, weigert man sich jedoch ständig, dies wahrzunehmen. Bis es dann zu Unfällen wie im Rahmen der Sarrazin-Debatte kommt, wo man sofort feststellt: Selbst die Begriffe sind nicht klar.

    "Und dass Sie den heutigen Wissenschaftlern pauschal 'Darwinismus' unterstellen und sich dann beklagen, dass Ihr Ansatz zu wenig Beachtung fände..."

    Darwinismus ist lediglich ein anderes Wort für Darwinsche Evolutionstheorie. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Darwinismus

    Wenn Schirrmacher den Darwinismus angreift, dann wendet er sich direkt gegen die Darwinsche Theorie, die erst letztes Jahr als eine der größten Errungenschaften der Menschheit gefeiert wurde. Wo war er da?

    "Also, ich würde mich gerade nicht als 'Darwinist' verstehen, sondern verweise (wie auch Schirrmacher) auf die Zeit- und Schichtgebundenheit auch von Darwins These."

    Sie bestreiten also die Bedeutung der natürlichen Selektion für die biologische Evolution, oder wie darf ich Sie verstehen?

    "Explizit spreche ich mich z.B. für die Wiederentdeckung von Antoinette Brown Blackwell aus, die Darwin genau in diesem Kontext widersprach. Und die Ihnen doch zusagen sollte, wenn Sie patriarchalische Argumentationsmuster hinterfragen wirklich hinterfragen wollten!?"

    Nun ja, kommt darauf an. Gleichheitsfeministinnen behaupten häufig, sie hinterfragten patriarchalische Argumentationsmuster. Ich möchte das bezweifeln. Das Familienmanager-Konzept ist jedenfalls ein matriarchalisches Konzept, d.h. letztlich ein differenzfeministisches. Damit steht es im krassen Widerspruch zum antibiologistischen Feminismus einer Alice Schwarzer und dem Genderkonzept der Soziologie.

    "Übrigens: auch kein Kollege und keine Kollegin, die ich kenne, würden z.B. bestreiten, dass Darwin noch nichts von Genen wusste und seine Werke viele zutreffende, aber auch viele zwischenzeitlich widerlegte Hypothesen enthalten. Aber sie alle würden dafür plädieren, seine Werke erst zu lesen, bevor man allzu pauschale Urteile über sie fällt. Denn der Clou an reflektierter Wissenschaft ist doch, anzuerkennen, dass jede(r) von uns zeit- und schichtgebunden lebt und also nur beschränkte Perspektiven und vorläufige Erkenntnisse hat."

    Ja natürlich. Darwins Leistung ist überragend. Ich glaube auch kaum, dass jemand in der Physik die Bedeutung Newtons infrage stellen würde, nur weil einige seiner Resultate seit Einstein nicht mehr die volle Gültigkeit besitzen. Man sollte sich aber endlich einmal ernsthaft dem Problem stellen: Darwin lässt sich nicht auf menschliche Gesellschaften übertragen. Und für soziokulturelle Evolutionen ist seine Theorie generell nicht zu gebrauchen, seit Einführung der modernen "genetischen" Synthetischen Evolutionstheorie sogar noch weniger als früher.

    Es fängt doch schon mit dem Malthus-Problem an. Darwins Theorie basiert voll und ganz auf Malthus. Darwin ging davon aus, dass sich alle Individuen so oft reproduzieren werden, wie es ihnen möglich ist. Für die moderne Demografie (Malthus ist der Urvater der Demografen) ist Malthus jedoch Schnee von Gestern. Sie erklärt das Geburtenverhalten des modernen Menschen ganz anders. Wie will man eine Evolutionstheorie auf die Evolution der Religiösität und das auch noch mit demografischen Argumenten anwenden, wenn sich die Evolutionstheorie im eklatanten Widerspruch zur tatsächlich zuständigen Wissenschaftsdisziplin - der modernen Demografie - befindet?

    Darwin kam die Idee zu seinem Prinzip der natürlichen Selektion nach der Lektüre des Hauptwerks von Malthus. Mir kamen zentrale Ideen zur Systemischen Evolutionstheorie aufgrund meiner langjährigen Beschäftigung mit den modernen demografischen Theorien. Das ist ein ganz normaler Prozess, der in jeder Wissenschaft stattfinden muss. Nur das hartnäckige Ignorieren von Ergebnissen, die in den eigentlich dafür zuständigen Disziplinen gewonnen wurden, führt doch zu den von mir genannten Problemen.

    "Wie können Sie sicher sein, dass Ihre persönliche Perspektive, Begriffs- und Theoriebildung weniger vorläufig und fehlerhaft ist als es seine war?"

    Überhaupt nicht. Sie wird irgendwann durch eine dann zutreffendere Theorie ersetzt werden.

  42. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Peter Mersch

    Leider kommen wir nicht weiter. Sie erwarten ernsthaft, dass man Ihre persönliche "Systemische Evolutionstheorie" mit weitreichenden Schlussfolgerungen Ernst nimmt, finden es umgekehrt aber völlig normal, die seit Jahren ernsthaft betriebenen Forschungen von Tausenden von Kolleginnen und Kollegen mal eben abzuwerten - die z.B. sehr wohl zwischen natürlichen Anlagen und kulturellen Ausprägungen, Musikalität und Musik(en), Religiosität und Religion(en) etc. unterscheiden. Umgekehrt käme aber keiner von uns auf den Gedanken einen "Bienenstaat" mit einem demokratischen Rechts- und Sozialstaat von Menschen gleich zu setzen, und daraus "eugenische" Politikempfehlungen abzuleiten, wie Sie es gerade wieder getan haben.

    Das Grundproblem erkennen Sie dabei in einem Augenblick selbst:
    Aus irgendeinem - mir nicht mehr nachvollziehbaren - Grund, weigert man sich jedoch ständig, dies wahrzunehmen.

    Nun, dazu kann ich nur schreiben: Wenn einem Hunderte Autos entgegen kommen, sollte man sich schon mal fragen, ob man vielleicht selbst der Geisterfahrer ist. Es gibt schon mehr als genug Leute, die von sich behaupten, mit ihrer ganz privaten Großtheorie Einstein, Darwin etc. insgesamt "widerlegt" zu haben und sich aufrichtig wundern, warum dies so wenige bemerken. Wissenschaft beweist sich zu 99,9% an der Kleinarbeit an einzelnen Aspekten, aus dem ständigen Überprüfen und Fortentwickeln von Hypothesen und Beobachtungen. Genau darin hat sich auch Darwin über Jahrzehnte bewährt, bevor er seine Evolutionstheorie konzipierte. Dass Sie heutige Evolutionsforscher pauschal als "Darwinisten" abtun, ohne Darwins Originalwerke gründlich gelesen zu haben und ohne den Fortschritt seitdem anzuerkennen, finde ich unangemessen und ärgerlich.

    Bitte haben Sie Verständnis, dass ich meine Zeit für Diskussionen mit Leuten aufsparen möchte, die für andere Arbeiten mindestens den gleichen Respekt aufbringen, den sie für die eigenen fordern. Wenn Ihnen ein solch kollegialer Umgang nicht möglich sein sollte, bitte ich Sie, Ihre eugenischen und sonstigen Welterklärungstheorien nicht mehr auf meinem Blog zu verbreiten.

  43. Michael Blume Antworten | Permalink

    @N. Haghtorpe

    Danke für Ihre Frage. Und ja, auch @Ralph Würfel hatte mich ja um ein paar klärende Worte zur Sarrazinschen "Eugenik" gebeten. Ich denke, in der Dankesrede habe ich das eingelöst. Nun habe ich noch einen letzten Blogpost dazu geschrieben und hoffe, danach wieder zu den wissenschaftlichen Hauptthemen dieses Blogs zurückkehren zu können...
    http://www.chronologs.de/...-eugenik-unm-glich-ist

  44. Peter Mersch Antworten | Permalink

    @N. Hagthorpe

    "Seit wann denn kann man von der genetisch mitbedingten Variation der IQ-Unterschiede in einer Population darauf schließen, zu wieviel Prozent 'der IQ erblich' ist? Vieleicht habe ich etwas verpasst, aber soweit ich weiß, ist dieser Schluss schlicht unmöglich."

    Es geht um den genetischen Anteil bei IQ-Unterschieden zwischen Menschen, nicht um den genetischen Anteil beim absoluten IQ-Wert. Und da ist der hohe genetische Anteil (50% und höher) heute unstrittig (in einigen Büchern können Sie die ausgeklügelten Verfahren zur Berechnung des Wertes nachlesen). So steht es auch in den Standardlehrbüchern. Können Sie aber auch alles in meinen Artikeln und sonstigen Arbeiten nachlesen.

    Ist aus evolutionstheoretischer Perspektive eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit, weil sich das Merkmal Intelligenz sonst nicht hätte ausbilden können.

    Man sollte in der Debatte zwischen Sein und Sollen unterscheiden. Das schrieb aber bereits Richard Dawkins in "Was ist Ihre gefährlichste Idee?":

    "Das Gespenst Hitlers hat einige Wissenschaftler sogar 'Sollen' mit 'Sein' verwechseln und leugnen lassen, dass die gezielte Züchtung menschlicher Eigenschaften möglich wäre. Doch wenn man Kühe für hohen Milchertrag, Pferde für Schnelligkeit bei Rennen und Hunde für umsichtiges Hüten züchten kann, warum eigentlich sollte es dann unmöglich sein, Menschen für mathematische, musikalische oder sportliche Leistungen zu züchten? Solche Einwände wie der, dass es keine 'eindimensionalen' Fähigkeiten gibt, gelten genauso für Kühe, Pferde und Hunde und haben in der Praxis nie jemanden aufgehalten.

    Ich frage mich, ob wir etwa 60 Jahre nach Hitlers Tod nicht wenigstens einmal darüber nachdenken dürfen, worin der moralische Unterschied liegt zwischen dem Heranzüchten von Musikalität und dem auf Kinder ausgeübten Zwang, Musikunterricht zu nehmen. Oder wieso es annehmbar ist, Sprinter und Hochspringer zu trainieren, aber nicht sie zu züchten. Ich kann mir einige gute Antworten vorstellen, die mich am Ende überzeugen würden. Doch ist die Zeit nicht reif, unsere Furcht allein schon vor der Frage zu überwinden?"

  45. Peter Mersch Antworten | Permalink

    @Ingo Bading

    "Warum hat er keinen Blog auf einem - - - 'renommierten' Blogportal?"

    *g*
    Hatte ich mir tatsächlich mal überlegt, dann aber nicht weiter verfolgt. Ich schreibe lieber Artikel. Wäre nicht der mangelhafte Google-Support und die ungewisse Zukunft von Knol, wäre ich mit der Google-Wissensplattform eigentlich sehr zufrieden, was maßgeblich an dem sehr hohen Niveau der dortigen Community liegt. Wo findet man schon so etwas?
    http://knol.google.com/...ritische/xk923bc3gp4/111

    Der Verfasser dieses Gutachtens ist Clarke-Medaillengewinner (http://en.wikipedia.org/wiki/Klaus_Rohde) und nach ihm sind zahlreiche biologische Arten und Unterfamilien benannt. 3 Jahre lang war er Direktor der HIRS:
    http://en.wikipedia.org/...eron_Island_(Queensland)#Heron_Island_Research_Station

    Beim Thema Meeresparasitologie hat er praktisch alle Standardwerke selbst verfasst oder herausgegeben. Wenn ich mal eine schwierige biologische Frage habe, dann muss ich heute nur noch fragen ...

    Ich werde die Systemische Evolutionstheorie vermutlich Anfang nächsten Jahres ins Englische übersetzen und dann bei den mir empfohlenen Fachzeitschriften einreichen. Es gibt sie jetzt seit über 2 Jahren. Aufgrund von Anmerkungen, Kommentaren, Emails, Rezensionen wurde sie mehrfach leicht angepasst und verbessert. In ihrer Grundstruktur ist sie jedoch stets unverändert geblieben. Ein ernsthafter Einwand ist bis heute nicht geäußert worden.

    Man wird sehen.

  46. Ulrich Antworten | Permalink

    Georgien

    Erstmal möchte ich Ihnen auch zu Ihrem Preis gratulieren.
    Zweitens möchte ich Sie auf etwas aufmerksam machen, was Sie sicher auch interessieren wird. Heute habe ich in einer Sendung (auslandsjournal extra auf 3sat) einen Beitrag über Georgien gesehen. Georgien hat eine relativ geringe Geburtenrate, so wie fast alle ehemaligen Sowjetrepubliken (vor allem die christlichen). Zudem gibt es eine hohe Abwanderung. Ein Patriarch kam nun auf die Idee, die Geburtenrate dadurch zu steigern, indem er das dritte Kind persönlich tauft und eine Patenschaft übernimmt.
    Hmm, und tatsächlich, es hat wirklich funktioniert. Die Geburtenrate ist um 20% gestiegen. Schon faszinierend. Bei uns wird herumgedoktert und geredet und geredet und es scheint nichts zu wirken. Das ist irgendwie schon interessant.

  47. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Ulrich: Wow, vielen Dank!

    Das ist in der Tat ein interessanter (Be-)Fund! Und er zeigt m.E. auch sehr schön auf: Evolutionsgeschichte ist immer Geschichte - das heißt, immer konkret und einmalig. So wäre es z.B. großartig, wenn es zu der demografischen Entwicklung in Georgien sowie dem konkreten Einfluss des Patriarchen-Vorstoßes sowohl empirische Daten wie auch (mindestens) eine Fallstudie gebe! Mich würde zum Beispiel sehr interessieren, ob und wie stark der Effekt mit der religiösen Praxis korreliert, ob er auf Kirchenmitglieder, Gebildete, Wohlhabende ggf. stärker oder schwächer wirkt, wie sich andere religiöse Gemeinschaften (nun) positionieren usw. Das wäre alles schon außerordentlich spannend... Und es zeigt, dass die Evolutionsforschung nie an ein Ende kommen wird - nicht einmal, wenn es "nur" um ein Merkmal - hier Religiosität - geht.

    Nochmals Danke für den aufmerksamen Hinweis!

  48. Patrick Duksa Antworten | Permalink

    Herzlichen Glückwunsch!

    Es freut mich sehr zu sehen wie harte und engagierte Arbeit belohnt wird. Viel Glück in der Liebe und viel Erfolg bei der Arbeit wünsche ich Ihnen.

    Beten ist nicht bitten. Es ist ein Sehnen der Seele. Es ist das tägliche Eingeständnis der eigenen Schwachheit. Mahatma Gandhi

    Liebe Grüße

  49. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Tim

    Vielen herzlichen Dank für die liebe Gratulation - und das sehr schöne Gandhi-Zitat darin.

    Es ist mir eine große Ehre, mit dem Forschen und Publizieren (auch) anderen ein wenig Erkenntnis und Freude bereiten zu dürfen. Ihr Interesse und Lob ist ein schöner Ansporn dazu, vielen Dank dafür!

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