Das Yezidentum und die Neuen Medien: Ein Phänomen, an dem wir lernen können


Hach, Erinnerungen: Vor recht genau 13 Jahren reichte ich meine Magisterarbeit über die Identitätsbildung neuer Muslime bei der Universität Tübingen ein. Schon damals faszinierte mich die Wirkung des Internets auf das auch religionsbezogene Selbstverständnis von Menschen und so hatte ich für die Arbeit per eMail "30 Online-Interviews" erhoben - was damals noch ziemlich "innovativ" war.

Hätte ich heute noch einmal die Chance, zu Religion & (neuen) Medien zu forschen, so würde ich auf das Phänomen des Yezidentums hinweisen, denn hier vollzieht sich derzeit etwas religionsgeschichtlich Einzigartiges!

1. Das Yezidentum verstand sich traditionell als mündlich tradierte Religion, dessen Lehren über religiöse Kasten (Scheichs und Pirs) an die Basis (Muriden) weitergegeben wurde. Doch binnen weniger Jahrzehnte gewinnt die Schriftlichkeit enorm an Bedeutung: Dabei lernen Yezidinnen und Yeziden als Schriftsprachen meist gar nicht ihre Muttersprache Kurmandschi, sondern Arabisch (Irak & Syrien), Türkisch (Türkei) und in den Einwanderungsländern schließlich Englisch, Französisch, Georgisch oder - besonders häufig - Deutsch. Das erste akademisch-theologische Institut für das Yezidentum wurde gerade in Georgien eröffnet.

2. Im Gegensatz zu den meisten anderen, größeren Religionsgemeinschaften hatten die Yeziden bislang kaum Gelegenheiten, etwa eigene Zeitungen, Radio- oder gar Fernsehsender zu etablieren. Vielmehr traten sie aus der Diskriminierung und Verfolgung durch muslimisch-nationalistische Mehrheiten direkt in die Medienwelt des Internets ein und nutzen dort insbesondere Facebook und YouTube auch zur Binnenkommunikation. Nahezu die gesamte, yezidische Medienkommunikation organisiert sich online - und zwar unmittelbar und global!

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Ezidipress.com wurde als Online-Nachrichtenportal und Facebookseite zum derzeit dominierenden, deutsch-yezidischen Nachrichtenmedium. Screenshot (Facebook auf Smartphone): Michael Blume

Die Auswirkungen sind natürlich vielfältig und ambivalent: Übers Netz reisen nicht nur Sachinformationen und wichtige Nachrichten, sondern auch Gerüchte und Manipulationen. Auch schwierige Themen wie zum Beispiel sogenannte "Ehrenmorde" werden online inneryezidisch und unter Einbeziehung nichtyezidischer Freundinnen und Freunde intensiv diskutiert - so äußerte sich zum Beispiel auch der Vater von Shilan (22 J.), die bei einer Hochzeit in Niedersachsen getötet wurde, in einem Schreiben auf Facebook. Auch Reformdebatten und Vergleiche von Yeziden- und Alevitentum finden zunehmend im Netz statt.

Über die vielen Gefahren und Schattenseiten des Netzes kann man sich aufregen (und ich sehe z.B. Radikalisierungstendenzen auch unter religiösen und ethnischen Minderheiten durchaus mit Sorge) - aber auch die Möglichkeiten des Netzes auch für den Dialog nutzen. So ermutige ich inzwischen yezidische Aktivistinnen und Aktivisten ausdrücklich, über gemeinsame Termine etwa auf Arabisch, Kurdisch, Englisch oder Deutsch auch auf Facebook zu berichten - das nutzt ihnen, informiert die Gemeinschaft(en) und ermöglicht neue Formen des Dialoges.

MirzaDinnayiFacebookBlume0316 Facebook-Eintrag des deutsch-yezidischen Aktivisten Mirza Dinnayi von der Luftbrücke Irak e.V. über ein Gespräch zum Sonderkontingent.

Screenshot vom Smartphone: Michael Blume

Aufgefallen ist mir dabei auch die große Schnelligkeit der Medienflüße: Als ich vor einem Jahr, im März 2015, mit yezidischen Flüchtlingen aus Kurdistan-Irak sprach, war das deutsche Konzept von "Kindergärten" noch fremd und unbekannt: Viele Mütter hatten große Bedenken, ihre Kinder vor der Einschulung in eine fremde Umgebung ohne Verwandte zu geben. Für teilweise sehr gut organisierte Kommunen war diese Zögerlichkeit manchmal eine Enttäuschung.

Doch sehr schnell sprachen sich "online" die Entlastung für die Mütter wie auch die Sprach- und Bildungserfolge von Kindergartenkindern herum: Yezidische Flüchtlinge, die Anfang 2016 Deutschland erreichten, fragten bereits häufiger aktiv nach Kindergartenplätzen für ihre Kinder. Innerhalb nur eines Jahres hatte sich die Wahrnehmung deutscher Bildungseinrichtungen bei Menschen verändert, die selbst noch gar nie deutschen Boden betreten hatten!

Und selbstverständlich kommt es auch zu komplexen Interaktionen zwischen verschiedenen Medien, verkörpert beispielsweise in der Arbeit der deutsch-yezidischen Fernsehjournalistin Düzen Tekkal, deren Beiträge wiederum auf YouTube zu finden sind.

Fazit: Die neuen Medien gestalten nicht nur politische Prozesse (wie etwa US-Präsidentschaftswahlen) massiv um, sondern auch religiöse und interreligiöse Prozesse - etwa bei der Herausbildung neuer (zum Beispiel amerikanisch-islamischer, deutsch-yezidischer usw.) Identitäten. Einige wichtige Fortschritte gibt es bereits beim Verständnis der Rolle der neuen Medien für Radikalisierungs- und Rekrutierungsprozesse. Doch es wäre nicht nur im Sinne von Grundlagenforschung interdisziplinär außerordentlich interessant, sondern im Sinne der gemeinsamen Zukunft auch praktisch sehr hilfreich, wenn es auch darüber hinaus dazu mehr religions- und medienwissenschaftliche Arbeiten und Debatten a la Prof. Oliver Krüger gäbe. Denn "es" geschieht - gerade auch jetzt!


5 Kommentare zu “Das Yezidentum und die Neuen Medien: Ein Phänomen, an dem wir lernen können”

  1. Erhan Yezidi Antworten | Permalink

    Sehr interessant!
    Nach 1945 war Deutschland "judenleer" und das deutsche Volk "homogenisiert". Die Judenemanzipation im 19. Jahrhundert hatte steigenen rassischen Antisemitismus zur Folge. Die Deutschen konnten mit dem Phänomen der jüdischen Religionsethnie nicht umgehen, Juden wollte sich einfach nicht vollständig assimilieren und ihre Andersartigkeit wurde als für das deutsche Volk "zersetzend" angesehen. Mit den Jesiden kommt wieder eine Religionsethnie nach Deutschland, die assimilationresistent erscheint. Bleibt zu hoffen, dass das Grundgesetz den historisch bedingten Neigungen nach Homogenisierung einen Riegel vorschiebt und die Geschichte nicht wiederholt.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Erhan Yezidi

      Oh ja, Nationalismus richtet sich stets gegen Minderheiten und strebt eine "Homogenisierung" hin zu nur noch einer dominanten Identität und Hierarchie an. So verzeichnete das 19. Jahrhundert neben dem anwachsenden Antisemitismus ja auch z.B. den Ultramontanstreit und Kulturkampf zwischen Nationalisten und der römisch-katholischen Kirche. Damit eine Gesellschaft ethnische und religiöse Vielfalt erträgt, braucht es gute Begegnungen von Kind auf, ein Umfeld des Friedens, auch wirtschaftliche Sicherheit, Bildung und starke, demokratische Institutionen. Als "Belohnung" winken vielfältige, menschliche Beziehungen, Wissen und interkulturelle Kompetenzen sowie gesellschaftlich stärkere kulturelle und wirtschaftliche Dynamiken.

      Selbstverständlich können auch Yezidinnen und Yeziden selbst sehr viel zum Gelingen dieses Zusammenlebens beitragen. Dazu gehört, dass sie sich selbst zunehmend als Teil der deutschen Gesellschaft begreifen und einbringen - was ja auch immer mehr von ihnen mit Erfolg tun. Der Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen sowie mit den Wissenschaften ist von großem Wert - in Georgien wurde ja just die erste, akademische Institution des Yezidentums eröffnet. Und schließlich können yezidische Gemeinschaften unter freiheitlicheren Bedingungen ebenso wie Alevitinnen und Aleviten zuvor Reformprozesse anstoßen, auch um die Zukunft der eigenen Traditionen zu sichern: http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/der-baba-sheikh-religioeses-oberhaupt/

      Ich stimme Ihnen also zu, dass es nicht immer einfach und vor allem nicht immer konfliktfrei verlaufen wird - dass wir auch weiterhin aus der Geschichte lernen sollten -, bin aber dennoch optimistisch, dass es gelingen wird. Schon jetzt ist festzuhalten: Auch das Yezidentum gehört zu Deutschland! :-)

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