Der Baba Sheikh – Religiöses Oberhaupt der Yeziden und Reformer


Nachdem ich auf untenstehendem Facebook-Bild markiert worden war, gingen bei mir verschiedene Fragen zum Baba Sheikh ein - und für Fragen rund um Religion(en) und Religiosität ist dieser Blog ja da!

Auch veröffentliche ich diesen Post bewusst am deutschen Holocaust-Gedenktag, denn derzeit sind die Jesiden von einem (weiteren) Völkermord in Syrien und im Irak bedroht. Als Gastarbeiter aus der Türkei sowie als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, leben derzeit zwischen ein- und zweihunderttausend Jesidinnen und Jesiden in der Bundesrepublik, weltweit gibt es etwa eine Million.

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Bild mit dem Baba Sheikh, Stuttgart 2016. Foto: Abu Kashin

Der Baba Sheikh (deutsch auch manchmal Baba Schaich oder Scheich geschrieben) ist eine Amtsbezeichnung im Yezidentum (zunehmend auch als Ezidentum geschrieben). Er gilt als religiöses Oberhaupt dieser kurdischsprachigen Religionsgemeinschaft, wogegen der Mir ("Prinz") als weltliches Oberhaupt verstanden wird. Beide Ämter werden in einer Mischung aus Abstammungs- und Wahlprinzip bestimmt.

Das mündlich tradierte Yezidentum überlebte zahlreiche, blutige Verfolgungen vor dem Hintergrund des sachlich falschen, von muslimischen Fanatikern vorgebrachten Vorwurfes der "Teufelsanbetung" vor allem durch strenge Abschottung und (bisherigen) Kinderreichtum. Konversionen zum Yezidentum sind (bislang) nicht möglich und Ehen sollen (bislang) nur in der je eigenen Kaste (Scheich, Pir oder Muride) stattfinden. Wer sich mit Nichtyeziden ehelich verband, wurde traditionell ausgestoßen, auch so genannte "Ehrenmorde" kommen leider - gegen Beschlüsse des yezidischen Hohen Rates in Lalish - noch immer vor.

Hier eine yezidische Selbstdarstellung, die - mangels eigener Medien - auf die große Bedeutung gerade auch des Internets für die yezidischen Diskurse verweist:

Der Baba Sheikh als "Reformer"

Auf den ersten Blick mag der 82jährige wie ein Symbol reiner Tradition wirken - deren Pflege, vor allem in Ritualen, auch zu seinen Hauptaufgaben gehört. Doch tatsächlich wirkt der Geistliche als Reformer in seiner Gemeinde - beispielsweise, indem er jesidische Kinder und Frauen, die in Händen des so genannten "Islamischen Staates" (IS, Daesh) Gewalt erfahren haben, ausdrücklich segnet und betont: Nicht die Opfer haben ihre "Ehre verloren", sondern ausschließlich die Täter!

Beispielhaft schildert die Jesidin "Shirin", wie sie nach brutalen Vergewaltigungen durch IS-Schergen vom Baba Sheikh im Heiligen Tal in Lalish aufgenommen, gesegnet und gestärkt wurde. Während ihr Religion früher weniger bedeutet habe, unterstreicht sie in ihrem - heftigen - Erfahrungsbericht die neue Verbundenheit zu ihrer Religion: "Ich bleibe eine Tochter des Lichts". Auch Shirin konnte gerettet werden und lebt jetzt in Baden-Württemberg.

ShirinKizilhanCover

Erwähnenswert ist zudem auch, dass der Baba Sheikh die Yeziden weltweit zur Integration in die aufnehmenden Gesellschaften sowie zu Bildungsanstrengungen aufruft - auch dies eine Reform gegenüber früheren Lehren, die Abwanderungen unbedingt verhindern und auch deshalb das Erlangen höherer Bildung abgelehnt hatten.

Und (leider bislang nur) die BILD-Zeitung berichtete von der Ehe des tapferen Yeziden "Ali" mit seiner vom IS befreiten Verlobten "Viyan" in Deutschland, die durch die Gemeinde unterstützt und durch namhafte Ehrengäste besucht wurde - und damit den Reformkurs des Baba Sheikh (der selbstverständlich auch inneryezidische Kritiker hat) auch sichtbar unterstützte.

Das Yezidentum zwischen Traditionalismusfalle und Reformen

Tatsächlich geht es bei den derzeitigen Reformdebatten im Yezidentum um das Überleben der Religionsgemeinschaft. So führen die Eheregeln, die in den eigenen Dörfern noch mehr oder weniger pronatal funktioniert hatten, inzwischen zu einem massiven Einbruch der Geburtenraten: Für Angehörige der Pir-Kaste wird es zum Beispiel zunehmend schwer, überhaupt noch geeignete PartnerInnen zu finden. Und junge Jesidinnen und Jesiden, die Bildung erwerben, mit Nichtjesiden aufwachsen und die "westlichen" Werte selbstbestimmter Liebe zunehmend teilen, führen zunehmend häufiger "heimliche" Beziehungen, schieben Ehe und Kinder dabei zunehmend länger auf oder ziehen sich ganz aus der Gemeinschaft zurück. Ohne eine baldige Reform der Eheregeln wird das Yezidentum demografisch kaum überleben!

Große Ähnlichkeiten zum Alevitentum

Dass solche Reformen aber grundsätzlich denkbar sind, zeigt der Vergleich zum religionsgeschichtlich verwandten Alevitentum (früher meist: Alevismus). Auch hier hatten sich in den eigenen, von sunnitischen Extremisten bedrängten Siedlungen ein Kastensystem, ähnlich strenge Eheregeln und ein Konversionsverbot entwickelt. Doch in den vergangenen Jahrzehnten löste sich das Kastenrecht zunehmend auf - auch Geistliche werden zunehmend alleine nach Bildung und Eignung bestimmt - und wurde auch das Verbot von "Mischehen" verworfen. Inzwischen sind gemischte Paare mit ihren Kindern in vielen alevitischen Gemeinden selbstverständlich willkommen. Damit aber fiel auch das Konversionsverbot - Aufnahmen von Nichtaleviten in das Alevitentum finden inzwischen (wieder) statt.

Ob sich das Yezidentum gerade auch in demokratisch-freiheitlichen Gesellschaften wie in Deutschland vergleichbar reformieren wird, ist und bleibt natürlich eine Entscheidung, die die Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft selbst zu treffen haben. Aber als Religionswissenschaftler und Christ darf ich mich schon über Geistliche wie den Baba Sheikh freuen, die die gewachsenen Traditionen lebensfreundlich auslegen und damit Leid lindern sowie jungen Leuten Wege in die Zukunft eröffnen.


20 Kommentare zu “Der Baba Sheikh – Religiöses Oberhaupt der Yeziden und Reformer”

  1. Christoph Wagenseil Antworten | Permalink

    Lieber Michael,
    danke für den Artikel! Sag mal, zu der Zahlenangabe zu Yeziden in Deutschland, hast Du vielleicht eine Quellenangabe? Wir haben bei REMID noch lediglich 60.000 (Stand 2011).

    Herzliche Grüße

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      Lieber Christoph,

      vielen Dank für Dein Interesse!

      Und, nein, das sind leider noch alles Schätzwerte, wie sie auch im Hohen Rat der Yeziden in Lalish kursieren. Auch für die Zugehörigkeiten zum Yezidentum sind ja keine Mitgliedschaften in Gemeinden erforderlich und aufgrund früherer Verfolgungen bekennen sich auch nicht alle öffentlich.

      Nimmt man zu den geschätzten 60.000 in 2011 (die ich vor dem Hintergrund der Zuwanderung aus der Türkei für eher niedrig halte) jedoch die massive Zuwanderung der letzten Jahre v.a. aus Syrien und dem Irak (sowie den Geburtenüberschuss, junge Bezugsgruppe), dann käme man wohl ebenfalls über 100.000.

  2. Dennis G. Antworten | Permalink

    Sehr geehrter Herr Blume,

    vielen Dank für den Artikel. Vielleicht sind Sie nicht der richtige Adressat, aber ich versuche es dennoch:

    Halten Sie es für möglich, die Täter von Daesh wegen des Tatbestandes des Völkermordes vor einem Internationalen Strafgerichtshof zu stellen?

    Vielen Dank im Voraus und viele Grüße

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      Sehr geehrter Herr Dennis G.,

      das ist eine sehr gute Frage!

      Ich halte es für möglich und geboten, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die nach meiner persönlichen Auffassung die Merkmale eines Genozids erfüllen, auch juristisch zu verfolgen - idealerweise auch vor einem internationalen Gerichtshof.

      Mit freundlichen Grüßen

      Michael Blume

  3. Ferhun Kurt Antworten | Permalink

    Hallo zusammen,

    Das "Problem" Heiratsregel in der êzidischen Religion.
    Diese Strenge Regel, die besagt, dass Ehen nur unter Angehöriger der ezidischen Religionsangehörige möglich sind und das auch nur in jeweiligen Kaste, würde von Scheich Adi im 11. Jahrhundert zum Schutz dieser Religion eingeführt und wird seit dem strikt eingehalten.
    Warum?
    weil die Bedingungen unter der die Êzîden leben müssten ihnen keine andere Wahl gelassen haben. Das heißt ihre zahlenmäßig weit überlegenen muslimische Nachbarn nahmen von ihnen meist gewaltsam Mitglieder wehrend niemand den Islam verlassen dürfte und bis heute auch nicht darf. Man möge sich in Erinnerung rufen, dass die Welt bis vor wenige Jahre nicht so eng vernetzt war wie wir es heute kennen. Also, das heißt jeder Êzîde, der/ die mit einer Moslem eine Ehe eingegangen ist könnte und dürfte den Islam nicht mehr verlassen. Damit erklärt es sich auch warum früher niemand wieder in ihre alte Gemeinschaft zurückkehren könnte.
    Auch die Gebote der Êzîden bieten bis Dato Einschränkungen. Jeder Êzîde hat von Geburt an einen Scheich und einen Pîr aus jeweils eine bestimmte Kaste/ Gruppe. Nie,and darf seine Scheich und seinen Pîr wechseln. Man hat keine Auswahlmöglichkeiten sich selber für einen bestimmten Pîr bzw. Scheich zu entscheiden. Auch diese Geistlichen dürfen ihre Mitglieder nicht aussuchen bzw. ausstößen.
    Hier beginnt eine Schwierigkeit, die besonders hier in Diaspora eingreift. Wenn jemand zum Êzidentum konvertieren will, muss auch eine Pîr und einen Scheich haben. Da weder die Pîr's noch die Scheich's neue Mitglieder von außerhalb aufnehmen können/ dürfen geht es auch nicht.

    Ich hoffe mit diese kleine Erklärung eine wichtige Frage beantwortet zu haben.
    Weitere Informationenn zum Thema Êzîden finden Sie auch auf meine Internetseite:
    http://www.hed-u-sede-ezidiya.com/index2.html

    Liebe Grüße an alle
    Ferhun Kurt

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      Lieber @Ferhun Kurt,

      vielen herzlichen Dank! Und ich stimme Ihrer historischen Herleitung völlig zu: Diese Gebote haben in der Situation im heutigen Nordirak, umgeben von einer muslimischen Mehrheit, funktioniert - und wurden ja auch sehr ähnlich bei den Aleviten entfaltet.

      Doch in der neuen Situation einer Diaspora in freiheitlichen Gesellschaften wirken diese Regeln m.E. kontraproduktiv, bewirken insbesondere unter den jungen Generationen viel Leid und könnten zum Verschwinden des Ezidentums führen. Deswegen hoffe ich, dass ezidische Beratungen zu klugen Reformen, mehr Glück und dem Aufblühen der Gemeinden führen...

  4. Ferhun Kurt Antworten | Permalink

    Hallo Herr Blume,

    Eins müssen Sie mir glauben, genau diese Frage ist einer der Hauptthemen, die unter den Êzîden sehr intensiv diskutiert wird.
    Eins dürfen wir natürlich nicht aus den Augen verlieren. Nicht alle Êziden leben mittlerweile außerhalb der oben erwähnten Gefahrenbereich. Dort leben noch immer Hunderttausende Êzîden, die auch dort bleiben wollen.
    Auch, wenn es aus Rücksicht auf ihre aussichtslose Lage ist können und dürfen wir solche Reformen nicht zustimmen. Wir können auch nicht einen Reform nur für Êzîden in Europa fordern und alle anderen ausschließen.
    Eine Zweigeteilte Gesellschaft können die Êzîden unmöglich verkraften.
    Genau diese Thema ist auch vor einigen Jahren bei einer mehrtägigen wissenschaftliche Diskusionsforum in Celle über die Êzîden diskutiert worden. Auch dort stand genau diese Frage im Blickwinkel und niemand könnte eine befriegende Antwort darauf finden.
    Ein Reform muss von alle Êzîden akzeptiert und getragen werden, wenn das nicht gewährleistet ist, dann hat es auch keinen Aussicht auf Erfolg.

    Mit freundlichen Grüßen und vielen Dank

    Ferhun Kurt

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      Lieber Herr Kurt,

      ich bin da ein wenig optimistischer - nicht zuletzt aufgrund des Beispiels der Aleviten! Diese haben ja auch nicht ihre Siedlungen und heiligen Orte in der Türkei aufgegeben, sich aber dennoch erfolgreich (und vielleicht rechtzeitig) reformiert.

      Die Lösung lag in der Dezentralisierung: Einzelne Gemeinden in der Diaspora und einzelne Dedes und Anas schritten voran - z.B. durch die Akzeptanz von Kindern aus Mischehen in der Gemeinde - und erfolgreiche Beispiele breiteten sich schließlich aus. Entsprechend fand auch keine "Zweiteilung" statt, sondern eine dezentrale Entwicklung. Auch die Akzeptanz höherer Bildung hat m.W. unter Yeziden keinen allgemeinen Beschluss benötigt, sie setzte sich Schritt für Schritt durch.

      Vielleicht bin ich ja zu optimistisch, aber ich gebe die Hoffnung für das Yezidentum nicht so schnell auf! :-)

  5. Ferhat Yildiz Antworten | Permalink

    Ich glaube der Autor hat etwas Grundlegendes bei den Yeziden falsch verstanden. Die Ehrauffassung bei den Yeziden hat sich nach den Angriffen duch den IS auf yezidische Frauen nicht geändert, folgich gibt es auch nichts reformatorisches. Dass die yezidschen Frauen, die aus der IS-Sklaverei freigekommen sind, wieder von ihrer Gemeinschaft akzeptiert werden, ist vielmehr folgerichtig aus Sicht ihres bisherigen Wertegeflechtes. Denn die Vergewaltigungen dieser Frauen druch den IS waren ein Angriff auf das Yezidentum, was die Opfer nicht gewollt haben. Liebesbeziehungen und Heiraten von Yeziden mit Nicht-Yeziden dagegen sind bei Yeziden nicht gewollt. Daran hat sich bis jetzt nichts geändert, auch in den Ansichten des Babasheikh. Denn sowas machen Yeziden - im Gegensatz zu den Opfern der Sexsklaverei - aus freien Stücken, und das tolerieren die Yeziden nun mal nicht. Diese beiden oben genannten Fälle muss man unterscheiden, wenn man die Yeziden verstehen will. Der Selbsterhaltungsmechanismus der Yeziden verurteilt Yeziden wegen außerreligiösen Beziehungen, weil sie als Angriff auf den Selbsterhalt DURCH DEN YEZDÌDEN SELBST betrachtet wird; aber verurteilt nicht YEZIDININ, die Opfer von Angriffen auf ihrer religiösen Selbsterhalt durch Vergewaltigung werden.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Ferhat Yildiz

      Die von Ihnen vorgebrachte, "moderne" Auffassung teilen der Baba Sheikh und auch ich voll und ganz - und sie wurde auch in der Vergangenheit von vielen Yeziden vertreten.

      Allgemein ist sie aber leider (noch) nicht, wie ich auch selbst im Irak verschiedentlich erleben musste: Meist wurde den Betroffenen dabei weniger persönliche Schuld zugewiesen (wobei auch das vorkam), sondern eher ein bestimmtes Verständnis von "Reinheit" abgesprochen. Auch Shirin berichtet in ihrem o.g. Erfahrungsbericht von den Ausgrenzungserfahrungen vieler IS-Opfer - und dem engagierten Vorgehen des Baba Sheikh für deren religiöse und auch familiäre Akzeptanz. Lesenswert!

      Selbstverständlich kann man die religiöse Auffassung vertreten, dass der Baba Sheikh damit nur die "eigentliche" Lehre des Yezidentums wiederherstellt. Das ist ja auch die eigentliche Wortbedeutung von "Re-Form".

  6. Ferhat Yildiz Antworten | Permalink

    Ich hätte nicht gedacht, dass viele Yeziden heute die freigekommenen Yezidinnen als "unrein" betrachten. Weil etliche Aussagen von Yeziden das Gegenteil nahelegten. Dann waren diese wohl alles andere als repräsentativ. Aber auch heute noch hört man viele Yeziden (insb. Männer) sagen "Befreit unsere Frauen, das ist das wichtigste".

    Schein und Sein sind demnach hier diamentral entgegengesetzt. Ich habe die Yeziden aus der Ferne wohl falsch eingeschätzt.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Ferhat Yildiz

      Wie auch bei anderen Religionsgemeinschaften gibt es eben nicht "die Yeziden", sondern sehr unterschiedliche Ansichten. Und die Zahl derjenigen, die die Traditionen in dieser Frage reformieren, steigt schnell - zu ihnen gehört der Baba Sheikh.

      Es gibt sogar die These, dass sich mündlich tradierte, religiöse Traditionen wie das Aleviten- und das Yezidentum besonders schnell wandeln können. Gleichzeitig gibt es dabei aber natürlich auch die Gefahr, dass die eigene Identität und Gemeinschaft sich in Beliebigkeit auflösen könnte. Mit klugen Reformen tut sich keine religiöse Tradition leicht...

  7. Ronai Chaker Antworten | Permalink

    Es ist wichtig die Endogamieregel aus historischer Perspektive zu betrachten. Diese Regel zur Abwehr entstand, um zu Überleben. Wenn ich den derzeitigen demografischen Wandel betrachte und damit auch den Rückgang der Geburtenrate, hält diese Regel nicht mehr ein, was sie einst bewirken sollte. Also eine Reform ist damit unabdingbar.

    Auch aus biologischer Sicht ist dieses Model nicht mehr tragbar, denn die Gefahr auf behinderte Kinder ist nun mal da.

    Zudem ist es so, dass viele junge Menschen, die mich auch täglich kontaktieren, unzufrieden sind. Das Ziel einer Religion sollte Zufriedenheit sein. Sie fühlen sich in ihrer Freiheit beraubt und vor die Wahl gestellt. Eine Wahl zwischen Familie oder selbstbestimmtem Leben. In einigen Familien ist damit zu rechnen, dass die Töchter oder Söhne verfolgt werden und diese Regel zu Ehrenmorden und Gewalt führt, weil der Druck der Gesellschaft und das Ansehen damit gefährdet ist, wenn eines der Kinder sich für ein anderes Leben entscheidet. Diese Regel stellt einen Eigentumsanspruch an ihre Mitglieder. Das ist nicht mit dem Grundgesetz in diesem Land konform und als Jeside sollte man bereit sein die Menschrechte anzunehmen. Kinder dürfen nicht das Eigentum der Gesellschaft und Familie sein. Wer sich wehrt dem droht Gefahr oder ein Leben im Exil. Das können doch nicht die Grundsätze einer friedlichen Religion sein, wie es das Jesidentum in seinem Kern ist.
    Wir reißen Familien durch diese Regeln auseinander.

    Ferhun du bist ein sehr toller Mensch und ich liebe deine weltoffene Art, aber ihr müsst die Zukunft von uns jungen Menschen in die Hand nehmen und uns Türen öffnen. Die Jugendlichen sind konfrontiert mit dem Aufprall von Aufklärung und einer Regel, die mit dieser nicht kompatibel ist.

    Besonders die strengen Regeln der Partnerwahl erschweren die Integration in die deutsche Gesellschaft. Da von Anfang an klar ist, dass ein Yezide/ Yezidin niemals einen Deutschen heiraten darf, müssen die Yeziden gegenüber Deutschen Distanz bewahren, denn eine Liebe ist zu vermeiden.

    Lg Ronai Chaker

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      Vielen Dank für den sehr guten Kommentar, @Ronai Chaker. Sie sprechen mir aus dem Herzen.

      Auch ich beobachte, dass viele Regeln, die in den früheren Situationen das Überleben der jesidischen Traditionen sicherten, heute eher schaden. Die Verweigerung von Reformen führt dann nicht nur zu großem Leid, sondern droht die Religionsgemeinschaft an sich zu schmälern. So wird man mit Zwang die fallenden Geburtenraten der jungen Generationen nicht aufhalten können...

      Aber die notwendigen Änderungen werden, wenn überhaupt, nur aus der Gemeinschaft selbst kommen können. Daher sind Worte wie Ihre so wichtig.

  8. Yaramin.18@hotmail.de Antworten | Permalink

    Ganz ehrlich ich bin selber jesidin und möchte diese Regel nicht ändern lassen ich werde nur ein jesiden heiraten niemals einen andersgläubigen und ich bin lieber dafür das unsere Religion aussterben sollte wie das unreines Blut es verschmutzt viele denken nicht an unsere Frauen unsere Männer sind jetzt schon mit andersgläubigen zusammen was wird aus unseren Frauen wenn unsere uns nicht nehmen also hört auf zu diskutieren wir können nicht aussterben

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Yaramin

      In einem freien Land steht es Ihnen frei, sich den Ehepartner - auch nach religiösen Vorlieben - selbst auszusuchen. Die Rede von "reinem" und "unreinem" Blut bei Menschen lehne ich gleichwohl ab - alle Homo sapiens haben das wesentlich gleiche Blut - und Rassismus gibt es leider schon mehr als genug... :-/

  9. Das Yezidentum und die Neuen Medien: Ein Phänomen, an dem wir lernen können › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs Antworten | Permalink

    […] Die Auswirkungen sind natürlich vielfältig und ambivalent: Übers Netz reisen nicht nur Sachinformationen und wichtige Nachrichten, sondern auch Gerüchte und Manipulationen. Auch schwierige Themen wie zum Beispiel sogenannte "Ehrenmorde" werden online inneryezidisch und unter Einbeziehung nichtyezidischer Freundinnen und Freunde intensiv diskutiert - so äußerte sich zum Beispiel auch der Vater von Shilan (22 J.), die bei einer Hochzeit in Niedersachsen getötet wurde, in einem Schreiben auf Facebook. Auch Reformdebatten und Vergleiche von Yeziden- und Alevitentum finden zunehmend im Netz statt. […]

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