Eckart Voland zur Evolution der Religiosität

26. Mai 2011 von Michael Blume in Kleine Weisheiten

Wohl kaum ein deutschsprachiger Wissenschaftler hat sich in den vergangenen Jahren so um die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen verdient gemacht wie der Gießener Biophilosoph Eckart Voland. Einerseits erklärt nichtreligiös und Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, setzte er sich zugleich doch stets für die ergebnisoffene Erkundung auch des menschlichen Glaubens und des mit ihm verbundenen Reproduktionsvorteils ein. Mit Artikelreihen in Zeitungen und seinem hervorragenden "Die Natur des Menschen. Einführung in die Soziobiologie" (2007) präsentierte er auch für die Öffentlichkeit geeignete Einführungen in die evolutionäre Anthropologie, einschließlich von Studien zur Religiosität. Und gemeinsam mit Wulf Schievenhövel organisierte er die Biology-of-Religion-Conference am HWK Delmenhorst, aus dem das fachlich wegweisende "The Biological Evolution of Religious Mind and Behaviour" (2009) erwuchs. Als ich nun sah, dass er auch zum Band von Jochen Oehler (Hrsg.) "Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur" (2010) ein Kapitel zur "Evolution der Religiosität" beigesteuert hatte, war das einer der Gründe, den Sammelband in den Blick zu nehmen.

Soviel vorab: Der Oehler-Band ist großartig und einige Kapitel möchte ich in den kommenden Monaten vorzustellen versuchen. Vorab wollte ich aber das m.E. tatsächlich "weise", salomonisch von allen Seiten Weiterdenken fordernde Fazit von Eckart Voland - die abschließenden Sätze seines Kapitels - gerne benennen:

Der evolutionäre Blick auf Religion generiert neue Aspekte und auch neue Fronten im ewigen Streit zwischen Wissen und Glauben, Religion und Aufklärung. Atheisten müssen vielleicht ein bisschen mehr als bisher akzeptieren lernen, dass Glauben 'funktionieren' kann und Religion von eigen interessierten, intrinsisch motivierten Gehirnen nachgefragt wird. Religionskritik auf die historische Kopplung von Religion und Macht zu gründen, greift angesichts eines offensichtlich evolutionär prädisponierten Bedarfs an Religion zu kurz. Auf der anderen Seite müssen Religionsverwalter mit der möglicherweise kränkenden Einsicht fertig werden, dass Religion ein durch und durch irdisches Phänomen mit profanen Nutzenfunktionen innerhalb biologischer Zwecke ist. Für die gern gepflegte Idee einer essenzialistischen Sonderrolle der Religionen ist in der Darwin'schen Welt kein Platz.

Zitiert aus: Jochen Oehler (Hrsg.): Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur. Beiträge zu unserem heutigen Menschenbild. Springer 2010, S. 172 - 173


22 Kommentare zu “Eckart Voland zur Evolution der Religiosität”

  1. Tim Antworten | Permalink

    Langweiliges Fazit

    Hm ... Gibt es denn irgendeinen Atheisten, der bestreitet, daß Religion funktioniert? Ganz im Gegenteil: Alle Atheisten beklagen doch geradezu, daß Religion auch im 21. Jahrhundert noch so gut funktioniert. Wie andere (teilweise noch absurdere) Weltanschauungen und Drogen natürlich auch.

    Religionen erfüllen (auf sehr kritikwürdige Weise) ein Bedürfnis vieler Menschen. Das ist keinesfalls ein "neuer Aspekt" und öffnet ebensowenig "neue Fronten", sondern ist seit langem einer der Kernpunkte der Debatte.

  2. Sascha Bohnenkamp Antworten | Permalink

    genauso

    funktionieren auch Gruppendynamische Effekt auf psycholigischer Basis uvm.

    Die Frage für Atheisten ist nicht ob eine Religion "funktioniert", sondern ob sie der "Wahrheit" oder "Realität" entspricht bzw. ob sie mehr Schaden als Nutzen verursacht.

    Diese Frage wird u.a. durch die "Nebenwirkungen" des "Funktionierens" der Religionen provoziert.

    Die Theodizeefrage ist da erstmal ein Anfang, der Vergleich mit empirisch belegten wissenschaftlichen Erkenntnissen ein weiterer Schritt.

    Wenn "es funktioniert doch", dann müsste man noch ganz andere Sachen "akzeptieren" .. Heroin für alle? Wirklich? Klar "funktioniert" doch.

    "Macht Euch die Erde zum Untertan" kann man durchaus als einen der Gründe unserer Umweltproblem sehen. - hat aber bisher ganz gut funktioniert.

    "..und mehret euch" ... funktioniert doch so einfach ... 10 Milliarden Menschen werden schon kein Problem sein, oder?

  3. Sebastian Voß Antworten | Permalink

    @Bohnenkamp

    " "Macht Euch die Erde zum Untertan" kann man durchaus als einen der Gründe unserer Umweltproblem sehen. - hat aber bisher ganz gut funktioniert."

    Naja... hier würde ich eher eine Überschätzung des Einflusses vom Christentum sehen. Die Umweltprobleme treten doch vielmehr mit dem Anfang der industriellen Revolution auf, also mit dem technischen Fortschritt im Geiste der Aufklärung. Aber auch dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt würde ich nicht die (tatsächliche) Schuld in die Schuhe schieben (auch wenn dieser uns erst die Möglichkeit zu derartig großer Beeinflussung unserer Umwelt gab). Die Ursache für unsere heutigen Probleme liegt wohl eher in der Natur des Menschen, z.B. in der Unfähigkeit (der Mehrheit) in globalen und nachhaltigen Zusammenhängen zu denken. Aber auch das wird noch zu kurz gegriffen sein. Du hast ja auch geschrieben, dass das nur einer der Gründe sei. Und das mag tatsächlich da reingespielt haben. Aber nicht in einem so großen Umfang, das man eine solche Aussage nicht sofort relativieren müsste. :-)

  4. Sascha Bohnenkamp Antworten | Permalink

    @Voß

    "Naja... hier würde ich eher eine Überschätzung des Einflusses vom Christentum sehen. Die Umweltprobleme treten doch vielmehr mit dem Anfang der industriellen Revolution auf, ..."
    jain, sicher war das von mir überspitzt formuliert ... ein "funktioniert" kann nicht das einzige oder wichtigste Kriterium sein.

    Desweiteren ist das nicht richtig mit den Umweltproblemen, schon viel früher haben sich die Menschen zum Teil ihre Umwelt zerstört und ggf. ist dann sogar die eigene Kultur daran eingegangen.

    Auf Inseln im Pazifik wurde z.B. der Baumbestand derart reduziert, dass recht kurzfristig kein Ackerbau wg. Erosion mehr möglich war. Auch haben die Steinzeitmenschen hier in Europa schon bestimmte Hirscharten ausgerottet .. und bei den Indiandern gab es ähnliches auch.
    Es gibt auch Fälle wo Ackerland versalzen und damit unbrauchbar wurde usw.

    Umweltprobleme produziert der Mensch schon immer, so wie er in großen Mengen auftritt.

    Und die Bibel z.B. gibt da keinen Anlass o. Gebot zur Besserung - eher im Gegenteil.

    Jetzt nicht mit "..und bewahret sie" kommen, DAS bezog sich auf das Paradies.

  5. Sebastian Voß Antworten | Permalink

    @Bohnenkamp

    Es ging ja um die Umweltprobleme heute, wenn ich das richtig verstanden hatte ;)
    Aber es stimmt natürlich, dass die schon immer aufgetreten sind... und ich würde sagen, dass das meine Aussage bestätigt, dass diese Probleme nicht durch das Christentum zustande kommen, sondern irgendwie in der zerstörerischen Natur des Menschen liegen.
    Ich kenne mich in der Bibel gar nicht genug aus, um mit Zitaten aus der Bibel kontern zu können - aber ich glaube kaum, dass irgendein aufgeklärter Christ heutzutage den Satz "machet sie Euch untertan" wörtlich versteht. Soweit ich weiß, ist die offizielle Auslegung der katholischen Kirche, zumindest heute, auch eher der Umwelt zugetan als sie weiter zerstören zu wollen. ;)

  6. Andreas Cricetus Antworten | Permalink

    Evolution

    Michael, ich würde Eckart nicht nur loben, sondern auch mal lesen.

    In dem Buch „The Biological Evoluition of Religious Mind and Behavior“ gibt er in seinem Artikel „Evaluating the Evolutonary Status of Religiosity and Religiousness“ (S.9) gleich im ersten Satz eine Definition des Begriffes Adaption. Dies ist für Biologen Standardwissen.

    Wenn Du den Begriff Adaption verstanden hast, dann weißt Du auch, was Du für Deine Suche nach den biologischen Ursprüngen der Religiosität machen musst. Eckart gibt Dir hiermit ganz vorsichtig und diplomatisch etwas zu verstehen „No human society appears to be without ...“

    Außerdem klär irgendwann einmal, im eigenen Interesse Deiner Arbeit, die Begriffe:
    das Glauben, der Glauben, Spiritualität, Religiosität und Religion (Neuerdings auch Imaginalität).

    Dann siehst Du sehr schnell, wo die Grenzen zwischen Biologie und Kultur verlaufen. Zum Verstehen der „Evolution“ der „Religiosität“ scheint mir das ganz wichtig. Es kann nämlich nicht die Religiosität sein, die evolviert.

  7. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Tim & Sascha: Funktionieren

    Eckart Voland verwendet den Begriff der Funktion selbstverständlich nicht in einem verkürzten, sondern im evolutionären Sinn. Da geht es bei "Funktion" darum, zu beschreiben, dass und wie ein Merkmal über Generationen hinweg die evolutionäre Fitness erhöht: Den Überlebens- und Reproduktionserfolg. Religiosität und Religionen können das. Die von Euch angeführten Drogen dagegen vermögen das nicht, dauerhaft (evolutionär) funktionale nicht-religiöse Weltanschauungen sind bislang ebenfalls unbekannt.

  8. Steffen Rehm Antworten | Permalink

    Sinn

    Pardon, ich bin noch bei meiner Definition von Religionen, und die ist zur Zeit:
    Religionen sind erfolgreiche (Überlebens- und Reproduktionserfolg) kollektive Wahnsysteme.
    Ja, die Wahnsysteme funktionieren großartig, siehe Weihnachten 1942 in Stalingrad und all die schmucken Holzkreuze dort, oder siehe DDR, wo 40 Jahre ein religionsfeindliches Wahnsystem regierte, das Volk der Dichter und Denker voller Richter und Henker, mit kollektiven Wahnsystemen, mit oder ohne Gott.

    Das muß so sein, weil von den Menschen im evolutionären Verlauf der Natur ein Sinn-System entwickelt wurde. Im Sprachgebrauch meint „besinnungslos“ das gleiche wie „bewußtlos“. Deshalb möchte ich „Sinn“ hier einmal als Quintessenz des Bewußtseins vorstellen.
    Zum Beispiel bei der Spurensuche machten die frühen Menschen Gebrauch von sinnstiftenden Gedächtnisspuren, sie orientierten sich an dem Sinn der Spuren, der sich aus der Verbindung von Wahrnehmung und Gedächtnis ergab. Die Kripo macht heute nichts Anderes.

    Als sinnsuchende Wesen möchten die Menschen überall in der Natur und Kultur Sinn finden, aber Sinnfindung kann nicht überall gelingen, und an den Stellen findet Wahnbildung statt, als Ersatz nach dem Motto: „Lieber Schwachsinn als gar kein Sinn“. „Lieber einen Gott als garkeine Erklärung für Blitz und Donner.“

    Die evolutionäre Entwicklung ist mit Hilfe der Wissenschaft auf dem Weg vom Unsinn hin zum Sinn, den die Forscher vom Mikrokosmos bis in die schwarzen Löcher entdecken. Für religiöse Wahnsysteme bleibt da immer weniger Raum,
    nur noch auf dem Land und in bayrischen Kleinstädten, aber gegen Null in Berlin.

  9. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Sebastian & Sascha sowie S.Rehm

    Sebastian & Sascha, in Eurer kurzen, aber interessanten Diskussion ist mir ein recht häufig zu beobachtendes Phänomen aufgefallen: Entweder nur Schlechtes oder Gutes dem Wirken von Religionen zuschreiben zu wollen.

    M.E. ist das schlicht nicht möglich. Selbstverständlich kann man Religionen z.B. eine Mitverantwortung an Bevölkerungsexplosionen zuschreiben - dann aber ebenso z.B. an kultureller und wissenschaftlicher Entwicklung. Nur je die Aspekte heraus zu picken, die in die je eigene Weltanschauung passen, erscheint mir wissenschaftlich wenig überzeugend zu sein. Ich darf an die entsprechenden Diskussionen zum Wissenschaftler-Buch von Eckart Roloff erinnern:
    http://www.chronologs.de/...chte-von-eckart-roloff

    @Steffen Rehm

    Gerne hätte ich geantwortet, aber Sie haben hier (irrtümlich? ;-) ) die Einsichten von E. Voland ignoriert bzw. das Thema verfehlt. Die Diskussion um die Definition von Religion findet hier weiter statt:
    http://www.chronologs.de/...efinition-von-religion

  10. Balanus Antworten | Permalink

    @Physiker

    » Nein, eben nicht. Denn diese Einschätzung ist reine Ansichtssache und damit absolut unwissenschaftlich. Sie haben sich damit nämlich selbst zum Mass aller Dinge erklärt. «

    Ich halte in diesem Falle die Sicht aus der Perspektive des Menschen für nahe liegend und auch zulässig. Schließlich geht es um den Gebrauch einer Metapher für Dinge aus der menschlichen Lebenswirklichkeit.

    » Denn Quantensprünge bezeichnen nicht nur Zustandsänderungen zwischen zwei benachbarten Niveaus. «

    Nicht nur, aber das ist doch wohl der häufigste Fall. Vor allem im Normaltemperaturbereich bei rund 300 K (der für unsere Existenz so wichtig ist). Außerdem meint die Rede vom Quantensprung doch eben genau jene physikalische Phänomene, wo keine Zwischenzustände beschreibbar sind. Weil das die Radikalität der Veränderung unterstreicht.

    » Ein Quantensprung ist eben nicht das Kleinste, was es gibt. Das ist ein populärwissenschaftlicher Irrglaube.«

    Ja doch, klar, er ist nicht das Allerkleinste, was es gibt, schließlich gibt es ja noch… ja was eigentlich?

    Die physikalischen Ereignisse und Zustandsänderungen, die in einem bestimmten Bezugssystem (z.B. Mensch) qualitativ und quantitativ noch kleiner sind als ein Quantensprung, können Sie doch an einer Hand abzählen, oder?

    Ich denke nicht, dass es an der mangelnden Kenntnis der Quantenphysik liegt, wenn die Metapher vom Quantensprung bei manchen nicht funktionieren will.

  11. Sebastian Voß Antworten | Permalink

    @Michael

    Du hast Recht, dass man sich natürlich immer am liebsten auf die Aspekte stürzt, die die eigene Ansicht bestätigen, und andere Aspekte gerne mal vernachlässigt. Das wird wahrscheinlich jedem von uns hier immer wieder passieren.
    Allerdings möchte ich uns auch kurz verteidigen: Zunächst einmal haben wir über den Einfluss des Christentums auf die heutigen Umweltprobleme, insbesondere durch den Spruch "Machet euch die Erde untertan", diskutiert. Es ging also nicht direkt um die Bevölkerungsexplosion.
    Außerdem haben wir beide unsere Aussagen jeweils relativiert:

    Sascha: "[...] kann man durchaus als einen der Gründe unserer Umweltproblem sehen" - Betonung auf "einen der" ;-)

    Ich: "Aber auch das wird noch zu kurz gegriffen sein. Du hast ja auch geschrieben, dass das nur einer der Gründe sei. Und das mag tatsächlich da reingespielt haben. Aber nicht in einem so großen Umfang, das man eine solche Aussage nicht sofort relativieren müsste."

    Soo einseitig waren wir also gar nicht ;-)

  12. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Sebastian: Stimmt! :-)

    Du hast Recht, da war ich vielleicht zu streng. Zumal man wirklich zugeben muss, dass hier inzwischen von einigen Diskutanten ein argumentatives Niveau erreicht worden ist, das sonst bei Religion-Wissenschaft-Debatten im Internet selten zur Geltung kommt. Ausreißer (auch in diesem Kommentarfaden ;-) ) wird es aber wohl immer geben.

    Zu Religion & Überbevölkerung gab es übrigens sogar schon einmal vor ziemlich genau zwei Jahren (*Schock*) einen eigenen Blogpost:
    http://www.chronologs.de/...vorteil-durch-religion

    Herzlichen Dank fürs hochwertige Kommentieren & viele Grüße!

  13. Balanus Antworten | Permalink

    @ Michael Blume

    Danke für den Hinweis und das Willkommen. Da hab’ ich wohl nicht aufgepasst. Oder wir wurden gerade Zeuge eines Quantensprungs vom Sprachblog zum NdG-Blog.

    Bitte löschen Sie diesen Kommentar, der im Gegensatz zu meinen früheren Anmerkungen hier auf NdG nun wirklich fehl am Platze ist.

    Aber Sie sehen, ich lese noch immer mit… :-)

  14. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Balanus

    Finden Sie nicht, dass wir diesen Kommentarsprung als eine wunderbare Illustration für einen Quantensprung in die Debatte einbringen könnten!? Ich find's klasse! ;-)

  15. Sascha Bohnenkamp Antworten | Permalink

    evulotionäre Funktion ...

    Wenn "die" Religionen, oder sagen wir mal die mosaischen, ihren evulotionären Vorteil u.a. aus dem reproduktionserfolg ziehen ...

    Wie geht dann z.B. das Christentum mit der Überbevölkerung um? Weiterhin jedem zu sagen ..
    "Nicht verhüten sondern reproduzieren!"
    wird nicht mehr lange "funktionieren" .. die heilige Schrift sieht diesen Fall nicht vor.

    Oder ist die kommende Katastrophe dann die "Strafe Gottes" dafür?

  16. Sebastian Voß Antworten | Permalink

    Evolutionäre Funktion (2)

    Was mir dazu gerade einfällt: Es wird ja immer gesagt, dass jede evolutionäre Funktion/jedes Merkmal sich nur dann umsetzt (Erfolg hat), wenn sie sich in einen Reproduktionsvorteil ummünzt.
    Wie passt diese Aussage aber in unsere Situation, dass unser (also der menschliche) Reproduktionserfolg so groß ist, dass er schon wieder schädlich ist?

  17. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Sascha & Sebastian

    Nun, zunächst ist fest zu halten, dass evolutionäre Funktionalität stets auf die Vergangenheit hin gemessen wurde und wird - ob wir Menschen uns beispielsweise mithilfe unserer Intelligenz zu anderen Planeten emporschwingen oder mittels selbst entwickelter Waffentechnik selbst aus dem Lebenslauf nehmen, kann heute niemand sicher sagen. Wir können nur erforschen, wie und wozu (z.B.) Intelligenz entstand und daraus ggf. einige Empfehlungen auf unsere Zukunft ableiten.

    Mit Religiosität und Religionen verhält es sich ebenso. Ja, jene religiösen Traditionen werden immer wieder einen Wettbewerbsvorteil haben, die kinderreich(er) sind. Aber nein, das bedeutet nicht, dass man nichts machen kann: Religiöse Traditionen wissen für gewöhnlich durchaus, dass sie diesen Erfolg über Generationen hinweg benötigen und haben daher Einrichtungen wie z.B. Hospize, Armenspeisungen, aber auch z.B. Eheverbote bei mangelnden Auskommen (z.B. im Irland des 19. Jahrhunderts) entfaltet, um tätig zu werden.

    Wer sich also um Überbevölkerung sorgt, tut gut daran, Werke z.B. für Bildung (auch für Mädchen), Frieden und fairen Handel zu unterstützen, die es sowohl in säkularen wie religiösen Varianten für fast alle Weltregionen gibt. Dann sinken die Geburtenraten auch dort insgesamt, ohne dass der relative Reproduktionsvorteil der Religiösen dabei verschwindet (vgl. Mitteleuropa). Bei jedem Merkmal des Menschen kommt es immer "nur" darauf an, was wir auch selbst daraus machen. Nur schimpfen und selber nichtstun gilt nicht! :-)

  18. Sebastian Voß Antworten | Permalink

    @Michael

    Ja, das stimmt, "die wirkungsvollste Waffe" gegen die Überbevölkerung sind Bildung, Emanzipation und unsere Dienstleistungsgesellschaft. Der Einfluss der Religion ist zwar empirisch nachweisbar, aber häufig nicht einmal groß genug, um die "Bestandserhaltungsrate" (wie auch immer man das nennt, also 2 Kinder pro Frau/Paar) zu erreichen.

    Meine Frage bezog sich allerdings eher auf einen Knoten in meinem Kopf oder vielleicht ist diese Aussage auch zu einfach formuliert:
    Es wird ja immer gesagt, dass jede evolutionäre Funktion/jedes Merkmal sich nur dann umsetzt (Erfolg hat), wenn sie sich in einen Reproduktionsvorteil ummünzt.
    Wie passt diese Aussage aber in unsere Situation, dass unser (also der menschliche) Reproduktionserfolg so groß ist, dass er schon wieder schädlich ist?

  19. Sascha Bohnenkamp Antworten | Permalink

    @Voß

    Ich denke es geht bei einem Evulotionsvorteil NICHT um einen Reproduktionserfolg, sondern um die Arterhaltung.
    Das KANN durch eine hohe Reproduktion funktionieren - MUSS aber nicht.
    Es ist ja nicht so, dass alle schon lange existierenden Tierarten sich wie blöde vermehren würden - es gibt auch Tiere, die nur wenige Nachkomen haben und trotzdem schon sehr lange auf der Erde sind.
    Das mit dem "Reproduktionserfolg" ist eine starke Vereinfachung ... denke ich.

    Und mit der Arterhaltung sieht das bei dem Menschen momentan nicht so toll aus .. für die Krönnung der Schöpfung hält sich unsere Spezies vermutlich nicht sehr lange.

  20. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Sascha & Sebastian

    Ooo-kay, ich nehme die Fragen gerne als Anregung, mal einen eigenen Beitrag zum Thema "evolutionäre Fitness" zu bloggen. Ist ja auch eine spannende Frage...

  21. Sebastian Voß Antworten | Permalink

    @Bohnenkamp

    Naja, um die Arterhaltung kann es eigentlich nicht gehen, weil ein Evolutionsvorteil allzu oft dazu führt, dass neue Arten entstehen.
    Es geht eigentlich schon um den Reproduktionsvorteil. Da sind auch die sogenannten "K-Strategen" kein Gegenargument: Diese Tiere haben zwar wenige Nachkommen, aber in diese investieren sie so viel Zeit, dass sie trotzdem (im idealisierten, stabilen Fall) eine Reproduktionsrate von 2 Nachkommen pro Paar erreichen. Andererseits gibt es die "R-Strategen", die sehr viele Nachkommen zeugen, diese dann aber sich selbst überlassen, sodass sehr viele sterben und am Ende (wiederum im idealisierten, stabilen Fall) zwei Nachkommen pro Paar überbleiben.
    Beim Reproduktionsvorteil geht es also nicht um die reine Zahl der Nachkommen, sondern um die Zahl der Nachkommen, die auch tatsächlich geschlechtsreif wird und wieder für die nachkommende Generation sorgt.
    In unserem Fall scheint der Reproduktionsvorteil aber inzwischen so groß zu sein, dass er zum Nachteil wird...

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