Natur des Glaubens http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens Evolutionsgeschichte der Religion(en) Sat, 28 May 2016 13:37:04 +0000 de-DE hourly 1 Rezension zu Gideon Böss: Deutschland, deine Götter!http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/rezension-gideon-boess-deutschland-goetter/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=rezension-gideon-boess-deutschland-goetter http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/rezension-gideon-boess-deutschland-goetter/#comments Sat, 28 May 2016 13:20:05 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2845 ... weiter]]> Hier haben wir also einen Autor, der gar nicht erst versucht, sympathisch rüberzukommen. Schon die Widmung zeigt die eingeübte Art des Skeptikers, der der Welt und sich selbst gerne demonstriert, wie weit er über den Dingen (und Menschen) stehe: „Für Christine. Warum auch nicht.“

Und gleich der erste Satz offenbart auch den Grund des böss-schen Nichtglaubens: „Kann Gott mich nicht leiden?“ Klar, dass ein solcher Gott eigentlich undenkbar, zumindest unglaubwürdig sein muss! Was bildet der/die/das sich eigentlich ein!

Und so geht es los auf insgesamt 26 Stationen durch die – zunehmend! – bunte Religionslandschaft Deutschlands, von den Wiccas über diverse große und kleine Kirchen bis zu Raelianern, Juden, Pastafarianern und vielen mehr. Vor jeder Reise hat sich Böss gut vorbereitet und seinen Gesprächspartnern die Fragen zurechtgelegt, mit denen er seine Gegenüber zerlegen wird. Die religiösen Traditionen haben keine Chance: Sind sie gegen Homosexualität, so lieben sie nicht wirklich. Akzeptieren sie Homosexuelle, dann missachten sie die Bibel. Verkünden sie ein Gericht und Jenseits, dann wird es humanistisch in Frage gestellt. Räumen die Gelehrten aber Zweifel ein, dann ist es auch nicht Recht. „Keine Ahnung vom Leben nach dem Tod habe ich ja selbst genug, dass muss ich dann nicht auch noch gemeinschaftlich zelebrieren.“ (S. 42)

Garniert werden diese Vorführungen gerne auch mit kleinen Seitenhieben auf Körper, Kleidung oder Ritualdetails des jeweiligen Bodenpersonals. Und während die Pressesprecherin von Scientology (Station 7) selbstverständlich „Frau Weber“ heißt, nennt Böss die DITIB-Moscheeführerin (Station 9) einfach „Ayse“ und mitten im Text auch mal plötzlich „Fatma“ (S. 149). Bei einem Journalisten, der laut Vorstellung öfter mal bei FOCUS, Cicero und Welt schreibt, gehört ein bisschen lässig gepflegte Herablassung gegenüber Musliminnen wohl inzwischen zum guten Ton. Immerhin: Das Judentum (Station 15) lernen wir dann schon wieder, klar, respektvollst über „Herrn Pannbacker“, „Frau Pressler“ und „Frau Knobloch“ kennen. Und Pater Hagencord vom Vatikan erhält verdientes Lob unter Bloggern.

GideonBoessDeutschlandDeineGoetter

Womöglich erwarten Sie nach diesen einleitenden Beobachtungen nun von mir die Vollendung eines Verrisses. Doch damit kann ich nicht dienen. Denn unbestreitbar ist: Böss schreibt richtig, richtig gut – gerade auch, weil er gar nicht versucht, sich zu verstellen. Ihm macht das Beobachten und Schreiben Freude und nicht selten gelingen ihm Sätze, die bleiben. Auch baut er Ergebnisse seiner Recherchen so kundig in seine Miniaturen sein, dass Unterhaltung und Information wunderbar lesbar verschmelzen. Auch lockert sich das Programm mit jeder weiteren Station, bricht Böss zunehmend aus den Vorführ-Schablonen aus, die er sich am Anfang auferlegt hat. Und siehe da: Irgendwann blättern sich die Seiten fast von alleine um, freut man sich auf die nächste Geschichte und Entdeckung.

Und auch mit Böss geschieht etwas. Schon bei der „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“ (Station 10) findet er sich plötzlich in der Rolle desjenigen wieder, der die Möglichkeit und das Recht zu Glauben auch verteidigt. Aus dem – auch hier bekannten – Bruder Spaghettus wird der „unnachgiebige Kalif Spaghetti, der keine Abweichung von der reinen gottlosen Lehre duldet.“, samt Gedanken zur Satire, die die Böhmermann-Kontroverse (zu dessen Ungunsten) erstaunlich vorwegnehmen.

Und Stück für Stück sieht Böss, was für ein Geschenk es ist, dass es auch in Deutschland Vielfalt und Sinnsuche gibt, dass nicht alle Menschen zu einer formlosen Masse aus Konsumenten verschmelzen. Er bemerkt die innere Freude vieler Glaubender, die wilde Kreativität und die Unterschiede beim Umgang mit Zweifeln, das gesellschaftliche Engagement, das Potential zum Kinderreichtum (bei den Mormonen, Station 26). Das Verblühen kleiner Kirchen nimmt er fast mit Bedauern zur Kenntnis (Johannische Kirche, Station 24), das Entstehen neuer Religionen fasziniert ihn (Osho, Station 25). Eine verwegene Ahnung wird sichtbar: Dass Leben freud- und sinnvoll sein kann, das – bei aller Skepsis und Kritik – doch nicht nur ums eigene Ego kreist, das Transzendenz wagt.

Nein, Böss wird nicht zum Gläubigen. Doch er reift und nimmt seine Leser dabei mit. Das Buch ist nicht nur ein gut geschriebener Katalog und Reiseführer, es ist auch ein kleiner Entwicklungsroman und ein unaufdringliches Plädoyer für die Freiheit zur Vielfalt.

Und irgendwann, zwischendurch, da geschah es: Da bedauerte ich, dass sich das Buch dem Ende zuneigte. Die Mandäer waren doch drinnen, warum nicht auch die Jesiden? Die Freimaurer? Engel- und Einhornglaubende? Ein paar Stationen noch, Gideon Böss!

Und ich merket, dass ich ihn inzwischen richtig gerne gewonnen hatte, den sich so überlegen gebenden, dabei so ehrlich suchenden Autor Böss.

Ach.

Warum auch nicht.

#Leseempfehlung!

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/rezension-gideon-boess-deutschland-goetter/feed/ 0 chronologs
Martin Luther zur Anthropodizee in Vom ehelichen Leben (1522)http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/martin-luther-anthropodizee-vom-leben/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=martin-luther-anthropodizee-vom-leben http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/martin-luther-anthropodizee-vom-leben/#comments Thu, 19 May 2016 22:35:23 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2840 ... weiter]]> Fürwahr, wir leben in seltsamen Zeiten. Heute im Zug zu einem Psychatrie-Kongress in Wien hielt ich die gesammelten Werke Dr. Martin Luthers (1483 - 1546) in der Hand - von seiner Bibelübersetzung über seine Briefe und Traktate, eine Biografie u.v.m. Für kaum einen Euro hatte ich sie mir aufs Kindle geladen, sie wogen kein Gramm. Und da es die österreichische Bahn von Salzburg bis Wien auf über 90 Minuten Verspätung brachte, stöberte ich in Luthers Schriften (eigentlich auf der Suche nach seinen vielfachen Bekenntnissen zum Verschwörungsglauben) - und stieß auf eine Überraschung!

Luther hatte bereits wesentliche Befunde zur Anthropodizee vorweg genommen! Dabei geht es um die philosophische Frage, ob es angesichts des Leids, das ein Kind selbst erfahren und anderen (wie den Eltern) zufügen wird, überhaupt vertretbar sei, weiteres Leben zu schenken.

Luther selbst war ja erst zölibatärer Mönch gewesen, später begründeten er und seine Ehefrau Katharina von Bora (1499 - 1552) das Ideal der evangelischen Pfarrfamilie, das - wie zuvor und daneben nur die Rabbinerfamilien - Religiosität, Kinderreichtum und Bildung verband, mit enormen demografischen und kulturgeschichtlichen Auswirkungen.

FamilieLuther1875„Familie Luther“ nach Gustav Spangenberg um 1875

Daher war es auch wenig überraschend, dass Luther in seinem Traktat "Vom ehelichen Leben" (1522) das erste biblische Gebot hochhielt:

Denn es ist nicht ein freies Ermessen oder Ratschluss, sondern ein notwendig, natürlich Ding, dass alles, was ein Mann ist, ein Weib haben muss, und was ein Weib ist, muss einen Mann haben. Denn dies Wort, da Gott spricht: »Seid fruchtbar und mehret euch«, ist nicht ein Gebot, sondern mehr als ein Gebot, nämlich ein göttlich Werk, das zu verhindern oder zu unterlassen nicht bei uns steht, sondern es ist ebenso notwendig, wie dass ich ein Mannsbild sei und notwendiger als Essen und Trinken, Reinigung des Leibes, Schlafen und Wachen. Es ist eine (dem Menschen) eingepflanzte Natur und Art ebenso wohl wie die Gliedmaßen, die dazu gehören.

Das klingt zunächst geradezu klassisch "biologistisch", fast so wie später noch Thomas Robert Malthus (1766 - 1834), der von einem biologischen Fortpflanzungstrieb ausging (Malthusianismus) und damit den Sozialdarwinismus vorbereitete: Es werde immer Überbevölkerung geben, Hunger, Kriege (und später "Eugenik") seien also unvermeidbar.

Doch empirisch beobachtbar weisen nur religiöse Gemeinschaften durchschnittlich größere Familien mit Geburtenraten von über 2,1 Kindern pro Frau (der sog. Bestandserhaltungsgrenze) für mehr als ein Jahrhundert auf. Nichtreligiöse Weltanschauungen waren und sind nicht in der Lage, die Anthropodizee-Frage lebensbejahend zu beantworten, so dass - empirisch überprüfbar - gilt: Wer den Himmel leerräumt, schafft die Menschen (demografisch verebbend) ab...

ReligionsdemografiePotentialeCredit: Grafik: Blume, M. (2014) "Religion und Demografie. Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt." sciebooks

Was ich nun nicht erwartet hatte, war, dass Luther genau diesen Befund schon vorweggenommen und verkündet hatte, dass die "kluge Hure, die natürliche Vernunft" alleine nicht in der Lage wäre, die Frage nach Nachkommen positiv zu beantworten!

Nun siehe zu, wenn die kluge Hure, die natürliche Vernunft (welcher die Heiden gefolgt sind, wo sie am klügsten sein wollten), das eheliche Leben ansieht, so rümpft sie die Nase und spricht: Ach, sollt ich das Kind wiegen, die Windeln waschen, Betten machen, Gestank riechen, die Nächte durchwachen, auf sein Schreien achten, seinen Grind und Blattern heilen, danach die Frau pflegen, sie ernähren, mich abmühen, hier sorgen, da sorgen, hier tun, da tun, das leiden und dies leiden, und was denn der Ehestand mehr Unlust und Mühe lernt? Ei, sollt ich so gefangen sein? O du elender, armer Mann, hast du eine Frau genommen, pfui, pfui des Jammers und der Unlust! Es ist besser, frei bleiben und ohne Sorge ein ruhiges Leben geführt.

Dieser Luther - mal steht er mit einem Bein im Mittelalter und posaunt übelste Verschwörungsmythen gegen Hexen, Juden und natürlich den Papst heraus. Und dann wieder liest er sich verblüffend "modern" und sogar theologisch-empirisch vorausschauend...

Wenn es die Zeit erlaubt, so werde ich wohl noch öfter in seinen Schriften schmökern...

Zum Thema Religion & Demografie hier ein Online-Interview und untenstehend auch ein Buch:

ReligionundDemografie2014

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/martin-luther-anthropodizee-vom-leben/feed/ 16 chronologs
Die Islamisierung fällt aus – Anmerkungen zur globalen Religionsdemografie und -soziologiehttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-islamisierung-faellt-aus-anmerkungen-zur-religionsdemografie-und-soziologie/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-islamisierung-faellt-aus-anmerkungen-zur-religionsdemografie-und-soziologie http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-islamisierung-faellt-aus-anmerkungen-zur-religionsdemografie-und-soziologie/#comments Tue, 17 May 2016 17:57:40 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2830 ... weiter]]> Die These von der angeblich unaufhaltsamen #Islamisierung gehört zur Standarderzählung sowohl islamistischer wie auch rechtspopulistischer Scharfmacher. Doch sie steht empirisch "auf tönernen Füßen" - und ist schlichtweg falsch.

Darüber habe ich gerade einen Artikel für das diesseits-Magazin veröffentlicht, dessen Hauptargumente ich auch hier kurz vor- und zur Diskussion stellen möchte.

diesseits0516BlumePostIslamisierungTweetZum Islamisierungs-Artikel beim humanistischen diesseits-Magazin. Tweet: @diesseits_de

Schauen wir uns also etwas genauer an, was mit den #Islamisierungs-Thesen nicht stimmt:

1. Der bloße Zahlenvergleich verschleiert die Säkularisierungsprozesse bei nichtchristlichen Religionen

Bei allem Respekt vor den ersten endlich vorliegenden, religionsdemografischen Auswertungen etwa des Pew-Instituts: Kirchensoziologisch korrekt werden als "Christen" regelmäßig jene erfasst, die a) getauft wurden und b) nicht aus ihrer Kirche ausgetreten sind. Säkularisierungsprozesse - etwa der Verzicht auf die Taufe oder die Austritte aus Kirchen, etwa zur Einsparung der Beiträge - werden entsprechend einigermaßen erfasst.

Die meisten nichtchristlichen Weltreligionen - etwa der Hinduismus, das Judentum oder auch der Islam - erkennen jedoch die Religionszugehörigkeit traditionell schon qua Geburt an und verlangen auch keine formale Mitgliedschaft. Keine Jüdin, kein Hindu und auch kein Muslim muss sich etwa einem Verband anschließen - und dafür zahlen - um als Mitglied der Religion zu gelten und gezählt zu werden. Mehr noch: Abgesehen von einem aktiven Übertritt zu einer anderen Religion gibt es gar keinen "formalen Austritt"! Die Folge: Säkularisierungsprozesse werden bislang bei nichtchristlichen Religionen statistisch verdeckt, entsprechende Agnostiker und Atheisten bleiben "unsichtbar" und werden als "Anhänger" analog zu getauften und zahlenden Kirchenmitgliedern gezählt. Entsprechend ist beispielsweise nur ein Bruchteil der Muslime in Deutschland bislang überhaupt verbandlich organisiert, die meisten sehen dafür keinen Grund. Auch die wenigen, vorliegenden Untersuchungen etwa in Deutschland zeigen deutliche Säkularisierungsprozesse auch unter Musliminnen und Muslimen an.

GebetshaeufigkeitMuslimeSunnitenSchiitenDIK2009Schon 2009 - also noch vor der aktuellen Krise - gaben erhebliche Anteile selbst derjenigen, die sich noch als "Muslime" bezeichneten an, "nie" zu beten.

2. Gerade auch - aber nicht nur - im islamischen Kulturkreis dominiert noch der "stille Rückzug" statt dem offenen Bruch

Gerade weil kaum eine Möglichkeit, aber auch keine Notwendigkeit besteht, aus der Herkunftsreligion "auszutreten", halten sich viele Muslime, Jüdinnen, Hindus etc. auch mit Rücksicht auf die weitere Familie einfach zurück und praktizieren einen "stillen Rückzug". Dabei wird das religiöse Engagement einschließlich der Einhaltung der Gebote stillschweigend reduziert und auf Nachfrage allenfalls betont, man sei "nicht so religiös" bzw. "eher kulturmuslimisch / kulturjüdisch". Interessanterweise beginnt sich dies gerade auch durch das Internet langsam zu ändern, durch das beispielsweise Muslime ihren Austritt erklären (Twitter-Hashtag: #exmuslimbecause). Auch hier auf NdG äußerte sich mit Cem Erkisi erstmals ein Deutscher türkischer Herkunft zu seiner inzwischen atheistischen Identität.

CemErkisiNdGFB0516 3. In großen Teilen der islamischen Welt brechen die Geburtenraten massiv ein

Nein, es haben nicht "die Muslime" mehr Kinder als "die Christen" oder "die Juden" - sondern im Durchschnitt haben religiös Liberale und Nichtreligiöse weniger Kinder als ihre religiös praktizierenden Nachbarn. Entsprechend sinkt die weltweite Geburtenrate von "Muslimen" weltweit ebenso wie zuvor jene von Christen und Juden auch. Mehr noch: Religionsgemeinschaften, die durch aktive Bildungs- und Betreuungsarbeit Kinderreichtum ermöglichten und förderten, konnten sich in den vergangenen Jahrhunderten in Ländern mit Religionsfreiheit (wie den Amerikas) entfalten. Entsprechende Ansätze in der islamischen Welt wie die Ahmaddiya (Pakistan) und die Hizmet (Türkei) erlitten und erleiden dagegen staatliche Verfolgungen als vermeintliche "Sekten". Damit beschleunigt sich der Weg islamisch geprägter Gesellschaften in die demografische Traditionalismusfalle. Erste Beobachter wie David Goldman aka "Spengler" sagen daher sogar schon das demografische "Sterben" des Islam insgesamt voraus.

ReligionDemografieHomoreligiosusCredit: Gehirn & Geist 04/2009, "Homo religiosus"

4. Islamistische Radikalisierung als Krisensymptom

Sowohl extremistische Terrorgruppen im Namen des Islam wie auch rechtspopulistisch-islamfeindliche Bewegungen haben ein großes Interesse daran, die Minderheiten der gewaltbereiten Radikalen als Speerspitze "des Islam" zu zeichnen. Und die Gefahren dieser Radikalisierung sind auch nicht zu unterschätzen - ich habe dazu geschrieben und werde auch Freitag (20.5.2016) bei der 10. Frühjahrstagung für forensische Psychatrie in Wien genau dazu sprechen. Nur: Die Radikalen beherrschen zwar noch die Bildschirme, ihnen laufen aber buchstäblich die Muslime weg. So strömen gerade nicht Hunderttausende Muslime in das IS-"Kalifat" (wie es deren Ideologie erwarten lassen würde), sondern Abertausende riskieren Leib und Leben, um von dort zu entkommen.

FlyerWienerTagungForensischePsychologie0516Auf diesem Kongress in Wien spreche ich Freitag. Ausschnitt vom Tagungsflyer.

Fazit

Die noch immer populären Thesen von einer angeblich unaufhaltsamen "Islamisierung" entsprechen nicht den Daten und dienen letztlich ungerechtfertigt der Stimmungsmache sowohl von Islamisten wie von Rechtspopulisten. Dabei sind weniger Hysterie und mehr Bildung, Integration, Dialog sowie die Überwindung des Ölverbrauchs die besten Mittel, den Extremisten und autoritären Regimen aller Seiten das Handwerk zu legen. Auch für Familien, Kirchen und humanistische Verbände darf sich gerne mehr engagieren, wer wirklich etwas für die christlich-humanistische Zukunft "des Abendlandes" tun möchte. Muslime, denen etwas an ihrer Religion liegt, könnten zudem gerade auch reformorientierte Gemeinschaften durch Spenden oder Beitritte unterstützen. Gegenseitige Fremden- und Minderheitenfeindlichkeit stärken dagegen nur die Radikalen, die doch überwunden werden sollen.

ReligionundDemografie2014

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-islamisierung-faellt-aus-anmerkungen-zur-religionsdemografie-und-soziologie/feed/ 52 chronologs
Deutsch, atheistisch, türkeistämmig – Web-Interview mit Cem Erkisihttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/deutsch-web-interview-cem-erkisi/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=deutsch-web-interview-cem-erkisi http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/deutsch-web-interview-cem-erkisi/#comments Sat, 14 May 2016 19:26:36 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2820 ... weiter]]> Schon vor einem halben Jahr bloggte ich über die Glaubenskrise (auch) unter vielen Muslimen und zur aktuellen Ausgabe des diesseits-Magazins habe ich einen Artikel über die Krise der islamischen Traditionen und der "Islamisierungsthesen" beigesteuert: Denn so viel über die Radikalisierungen kleinerer Gruppen berichtet wird, so wenig wird bislang über die wachsende Distanz und Kritik vieler Menschen zur Religion in der "islamischen Welt" selbst berichtet. Tatsächlich gab es schon früher wie "im Westen" auch Säkularisierungsbewegungen - nun hinterfragen, wie in Europa nach dem 30jährigen Krieg, auch immer breitere Schichten immer lauter den Glauben.

Dazu interviewe ich heute einen Facebook-Diskussionspartner: Cem Diyar Erkisi, gebürtigen Duisburger, Wahlberliner & Pädagoge.

CemErkisiWebInterviewMein heutiger Web-Interviewpartner: Cem Diyar Erkisi. Foto: Selbst

Frage 1: Lieber Cem, in einer Mail an mich hast Du einmal geschrieben, in Diskussionen würdest Du „die türkische Herkunft nicht los“, also immer wieder darauf festgelegt. Wie würdest Du Deine eigene Identität beschreiben?

Ich habe es mir immer schwer gemacht mit der Identifikation mit einer Gruppe. Andere würden sicherlich mir eine Identitätskrise attestieren. Das Bild von mir, wie ich als Stift nach meinem ersten Türkeiurlaub in Düsseldorf am Flughafen aus dem Flugzeug ausstieg und den deutschen Boden küsste, umschreibt ein Moment meiner Identitätsfindung. Es dürfte im weiteren Verlauf meines Lebens dem Umstand geschuldet sein, dass in unserer Zeit niemand mehr bei genauerem Hinsehen eine klare, einheitliche und vor allem eingeengte Identität vorweisen kann, dass ich selbst mit meiner Identität zu kämpfen hatte und verschiedene Faktoren in diese einfließen. Ich identifiziere mich vor allem mit mir selbst und mit dem, was mich ausmacht. Manches habe ich mir ausgesucht. Manches habe ich so vorgefunden. Manches verändert sich. Ich habe das Gefühl, meine Identität ist ein lebenslanger Prozess. Dennoch möchte ich auf die entscheidendsten Faktoren hinweisen, die da sind deutsch, atheistisch, türkeistämmig.

Frage 2: In anonymen Befragungsdaten wie auch in persönlichen Gesprächen wird mir immer wieder deutlich, dass viele Muslime, Aleviten und auch Yeziden Glaubenskrisen durchlaufen, sich einige längst auch von ihrem jeweiligen Glauben losgesagt haben. Allerdings machen sie das nicht öffentlich, aus Rücksicht vor der Familie oder aus Angst vor Fundamentalisten. Du hast dagegen sogar angeboten, Dich unter Klarnamen interviewen zu lassen – warum?

Ich brauche zum Glück keine Angst vor meiner Familie zu haben. Sie haben mich im Gegenteil so erzogen, dass ich selbst entscheiden kann, was ich wie auslebe. Obwohl sicherlich die ein oder andere Freudenträne in den Augen meiner Eltern zu sehen wäre, wenn ich mich dann doch offensiv zum Alevitentum bekennen würde.

 

Vor Fundamentalisten habe ich keine Angst. In Deutschland nicht. In muslimisch geprägten Ländern könnte das anders aussehen. Letztens meinte meine Schwester zu mir, ich solle aus Rücksicht auf unsere Verwandten in der Türkei aufpassen mit Äußerungen, die die Verwandtschaft dort in Bedrängnis bringen könnten. Ich empfehle mich für diesen Fall als alleinigen Sünder. Niemand sollte in Sippenhaft genommen werden wegen eines Verwandten, der seine Meinung vertritt.

 

Schließlich finde ich es enorm wichtig, Gesicht zu zeigen gegen die strukturelle Diskriminierung von Nicht-Muslimen. Man macht sich so immer angreifbar, das ist mir klar. Die Apostasie ist gerade im gegenwärtigen Islam ein großes Problem und der Versuch der Einschüchterung von Menschen wie mir gelingt sehr gut durch die medial aufbereitete Drohung dessen, was passiert, wenn man vom Glauben abfällt. Und wenn es keine unmittelbare Gewalt ist, dann wird man eben als rechter Spinner und Rassist bezeichnet, wenn man sich allzu sehr gegen den Islam und seine unsympathische Seite auflehnt.

Frage 3: In Deutschland formierten sich die ersten freireligiösen und freidenkerischen Verbände, aus denen die heutigen Humanisten entstanden, im 19. Jahrhundert. Inzwischen hat sich auch in der Türkei ein atheistischer Verband gebildet, der jedoch massiven Drohungen standhalten muss. Saudi-Arabien inhaftierte und folterte den Blogger Raif Badawi und in Bangladesch wurden atheistische Blogger zuletzt sogar ermordet. Siehst Du einen weltweiten Schub an Religionskritik?

Religionskritik wird wahrnehmbarer. Menschen können natürlich mit der besseren Vernetzung auf sich aufmerksam machen. Die Grauzonen werden immer sichtbarer und die formale Einteilung der jeweiligen Länder in zu dieser und jener Religion zugehörig reichen nicht mehr aus. Die Gesellschaften waren vielschichtig. Jetzt können Individuen besser auf sich aufmerksam machen und die Pluralität der Einzelnen wird sichtbarer. Dennoch bleibt ein Phänomen bestehen, das der formalen Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft. Menschen erhoffen sich immer noch Vorteile, Möglichkeiten und Zugänge durch die Mitgliedschaft und Organisierung in konfessionellen Gemeinden. Auch wenn sie nur zu Feiertagen sich bei den wirklichen Gläubigen blicken lassen. Und heute kann ich durchaus nachvollziehen, was es einem bringt, sich einer spirituellen Gemeinschaft zu öffnen. Der Gemeinschaftssinn in den Gemeinden ist kein bloßes Narrativ, sondern gelebte Realität. Das ist so lange in Ordnung, bis die Gemeinden flexibel bleiben und ihren Mitgliedern erlauben, ehemalige Mitglieder zu werden, also auszutreten.

Frage 4: Nun gibt es in Deutschland ja wie erwähnt nichtreligiöse Weltanschauungsgemeinschaften seit langem, viele sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und erhalten staatliche Zuschüsse, betreiben Einrichtungen und Schulen. Dennoch haben sich bislang kaum ein Promille der Konfessionslosen in solchen Verbänden organisiert und auch die Geburtenraten bleiben weit unter der Bestandserhaltungsgrenze. Was ist Deine Prognose für die Zukunft des Atheismus?

Atheisten haben es nicht nötig, sich explizit als Atheisten zu organisieren. Das macht sie ja so sympathisch. Atheismus muss man nicht vererben. Wir können die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so legen, dass Atheismus attraktiv wird und Hand in Hand laufen kann mit laizistischer spiritueller Auslebung und säkularen Staatsgebilden. Das ist gewährt durch das Grundgesetz. Das gilt es zu verteidigen.Wenn die Phalanx von vererbter Religionszugehörigkeit durchschnitten wird, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.

Vielen Dank für das Web-Interview, Cem! Ich bin mir sicher, dass es auf einiges Interesse stoßen, vielleicht manche Wissenslücke und auch andere - ob religiös oder nicht - zu mehr Offenheit ermutigen wird.

Auch z.B. der populäre, ägyptische Fernsehmoderator Omer Adib übte vor einigen Wochen überaus offene Kritik an gewaltförmigen Auslegungen des Islam. Die Aussagen stießen auf große Resonanz und Adib ist weiterhin gesund und auf Sendung.

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/deutsch-web-interview-cem-erkisi/feed/ 4 chronologs
The Man from Earth – Science-Fiction & Religionhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/the-man-earth-science-fiction/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=the-man-earth-science-fiction http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/the-man-earth-science-fiction/#comments Thu, 12 May 2016 23:05:44 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2814 ... weiter]]> Es gibt immer noch Leute, die behaupten, dass das Wesen von Science-Fiction in der Schilderung von fantastischen Technologien bestünde. Eine andere Lesart, der ich zuneige, sieht es jedoch genau andersherum: Mittels Science-Fiction erzählen wir („modernen“) Menschen religiöse, spirituelle und magische Mythen, deren übernatürliche Elemente wir als Technologien sowie bewusst eingestandene Spekulationen verstecken. So können wir uns „gefahrlos“ in mythischen Welten bewegen, ohne unseren Anspruch auf ein „modernes“ Weltbild aufzugeben.

The_Man_from_Earth_PlakatFilmplakat von Anchor Bay Entertainment

Ein außerordentliches Paradebeispiel für dieses mythologische Wesen der Science-Fiction bildet der Film „The Man from Earth“.

Durch den Einsatz nur eines nicht näher erklärten, „biotechnologischen Wunders“ (der Nicht-Alterung eines Mannes) wird hierbei im Dialog mit wissenschaftlich aktiven Menschen eine fantastische SF-Geschichte erzählt – und zwar beschränkt auf eine Blockhütte in den USA. Die 2007 erstmals ausgestrahlte Low-Budget-Produktion kostete nur rund 200.000 USD und erreichte vor allem über das junge Medium des Internets dennoch eine bis heute aktive Fangemeinde (!).

Die Grundidee zum „Man from Earth“ erschuf der SF-Autor Drexel Jerome Lewis Bixby (1923 – 1998), der unter zahlreichen Namen Pulp-Stories (schnelle, meist wenig komplexe Kurzgeschichten für günstige Pulp-„Groschen“-Magazine) verfasste. Er schrieb später auch Drehbücher für vier Star-Trek-Folgen, darunter für „Requiem for Methuselah“ (1969), in dem die Besatzung der Enterprise auf einem entfernten Planeten einem Menschen begegnet, der seit Jahrtausenden nicht sterben kann und unter anderem als Methusalem, Salomon und Lazarus aus der Bibel, als Merlin, Leonardo da Vinci usw. in der menschlichen Geschichte auftrat.

Parallel zu dieser Geschichte entstanden auch die ersten Entwürfe zu „Man from Earth“, an denen Jerome Bixby drei Jahrzehnte bis zu seinem Tod arbeitete. Sein Sohn Emerson Bixby zählte zu den Produzenten.

Ohne die Geschichte nun völlig zu spoilern, sei doch verraten, dass Bixby hier eine „alternative Geschichte“ im Stile der 60er bis 80er Jahre entwickelt; das Christentum wird dem Buddhismus ein- und untergeordnet, „die Kirche“ erscheint als Unfall der Geschichte  (die Kunsthistorikerin & gläubige Christin Edith kommt entsprechend schlecht weg), die steinzeitliche Sozialordnung der Menschheit wird noch als „patriarchal“ vorgestellt und es wird – aus heutiger Sicht ebenfalls historisch falsch – geglaubt, die Zeitgenossen des Christoph Columbus hätten die Erde für flach gehalten. Während jedoch im „Methuselah“ die Liebesgeschichte tragisch endet, eröffnet sie im „Man“ doch immerhin einen immerhin zeitlichen Schimmer der Hoffnung.

Wenn Sie Interesse und Freude an einem zugleich minimalistischen und mythologischen Science-Fiction-„Kult“(!)film sowie einem frühen Beispiel der Faszination „alternativer Geschichtsdeutungen“ haben, dann ist „The Man from Earth“ für Sie. Viel Freude!

Zur Faszination des Weltraums und der Frage, ob „wir alleine“ sind und wie sich UFO-Religionen (mit Außerirdischen als Engeln bzw. Dämonen in Raumanzügen) gebildet haben, ist auch ein sciebook (nur als eBook) erschienen:

„Sind wir allein im All? Das sciebook zu UFOs, Aliens & SETI"

SindwirAlleinimAllsciebook

 

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/the-man-earth-science-fiction/feed/ 12 chronologs
Die Zukunft der Religionswissenschaft – Erfahrungsbericht vom 23. Symposium der Studierenden der Religionswissenschaft im deutschsprachigen Raumhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-zukunft-religionswissenschaft-erfahrungsbericht-symposium/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-zukunft-religionswissenschaft-erfahrungsbericht-symposium http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-zukunft-religionswissenschaft-erfahrungsbericht-symposium/#comments Mon, 09 May 2016 18:46:39 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2797 ... weiter]]> Kein Zug kommt oder geht, "Notarzteinsatz am Gleis", schon über eine Stunde Verspätung. Und in Erfurt warten die Studierenden der Religionswissenschaft auf einem Symposium, das sie - mitsamt der Finanzierung - komplett selbst organisiert haben! Ich hatte mich daher über die Einladung zu einem Vortrag zum Sonderkontingent Nordirak und einer Podiumsdiskussion mit Ulf Plessentin vom CERES Bochum so gefreut, dass ich sofort - und in diesem Fall auch gerne honorarfrei - zugesagt und eine Kinderbetreuung organisiert hatte. Und jetzt das! Gähnende Leere am Bahnsteig, blecherne, emotionslose Botschaften aus den Lautsprechern, die doch letztlich nur sagten: Zum Vortrag wird es nicht mehr reichen und selbst zum Podium wird es immer knapper. In diesem Moment hätte ich Schwierigkeiten gehabt, das selbstgewählte Motto "Religionswissenschaft aus Freude" aus vollem Herzen zu unterschreiben...

StuttgartHbfVerwaist0516

Wann fährt hier noch irgendwas? Vollsperrung am Stuttgarter (Kopf-)Hauptbahnhof am 7.5.2016. Foto: Michael Blume

Endlich, die Züge fahren wieder ein! Und irgendwann sogar wieder hinaus. 100 Minuten Verspätung! Zerknirscht rufe ich das "Tagungstelefon" an und habe prompt eine optimistische Studentin, Lena Koch, am Handy. "Ach, wir wollen Sie aber hören! Dann verschieben wir Ihren Vortrag doch einfach auf morgen früh, wir organisieren Raum und Technik! Sie brauchen nur Ihre Rückfahrt etwas verschieben. Einverstanden?"

Von wegen Verzweiflung! Die seit Sokrates klassische Klage über "die Nachkommenden" wurde mir soeben - wenige Wochen vor dem 40. Geburtstag - eindrucksvoll empirisch widerlegt. Und aus dem Programmheft erfahre ich, dass Frau Koch am Freitag zum "Codex Hammurapi und kasuistischem Recht im Pentateuch" vorgetragen hat. Das ist Power. Und erst der Anfang...

Am Bahnhof wartet schon ein weiterer Organisator-Student, Michael Utzel, Symposiumsvortrag: "Die 'Deutschen Gottesworte' von Ludwig Müller als Beispiel der politischen Transformation von Bibeltexten". Während ich ihm durch das historisch-schöne Erfurt folge, hat er ein paar Anmerkungen und Fragen zum sciebook "Religion und Demografie" - und ich denke nur: Wow...

Der steinwaldene Erfurter Domberg ist für eine Podiumsdiskussion schon eine richtig gute Wahl und widersteht auch der überraschend starken Sommerhitze. Lisa Grellert und Pascal Hoppe (Vortrag: "Das Kalifat im Wandel der Zeit") halten bereits die Tagungstaschen mit vielfältigem Inhalt samt Tagungsheft bereit - und dem Motto der Erfurter Religionswissenschaft, das auch die Podiumsdiskussion bestimmen wird: "Nein, wir werden keine Priester."

RelWissSymposiumErfurt2016

Podiumsdiskussion: "Zur Verantwortung der Religionswissenschaft"

Denn "das" ist ja zugleich Chance wie auch Problem der empirisch orientierten Religionswissenschaft: Es gibt keine konfessionelle Bindung und entsprechend kein klares Berufsbild etwa als Seelsorgerin oder konfessioneller Religionslehrer. Jede(r) von uns hat deshalb schon während des Studiums vielfach die Frage zu beantworten: "Und was machst Du dann damit?" Und Ulf Plessentin weckt da auch keine Illusionen: "Nur 5 bis 10 Prozent eines Jahrgangs haben eine Chance auf eine Stelle im universitären Bereich."

Genau das treibt die Studierenden um - und zwar genau jene, die für Religionswissenschaft brennen. Sollen sie sich auf den jahrelangen Passionsweg von befristeten Kettenverträgen auf meist geteilten Stellen einlassen? Wo es von Anfang an darauf ankommt, möglichst vielen Lebenszeitbeamten zu gefallen, geschickte Seilschaften zu knüpfen und möglichst nirgendwo anzuecken? Um dann vielleicht irgendwann doch hinauszufallen oder "sozialdarwinistisch" lange genug zu überleben, um eine der wenigen Lebenszeitstellen zu erlangen?

Die Studierenden wissen sehr genau, dass sie erst ab dem Moment freier atmen und auch freier forschen können, ab dem sie nicht mehr existentiell abhängig sind. Und viele würden ihre erworbenen Kenntnisse auch sehr gerne in ein Nicht-Priester-Berufsleben - etwa in Politik, Medien, Bildungseinrichtungen, Unternehmen - einbringen, dabei für unser Fach werben. Doch das wird noch kaum gefördert und vor allem nicht anerkannt. "Wer nicht mehr an der Universität arbeitet, gilt vielen Profs nicht mehr als echter Religionswissenschaftler. Wenn Du von der Uni gehst, bist Du weg.", so ein Einwand eines dynamischen Jungunternehmers, der es erlebt hat und jetzt anderswo Erfolge feiert. Trotz seines Studiums, an dem er immer noch hängt.

Ja, klar lässt sich dieses kontrollbewusste Denken vieler Lehrstuhlinhaber leicht nachvollziehen, die ja selbst durch die harten Touren gegangen sind und oft gezeichnet wurden. Schon die selbstorganisierten Symposien der Studierenden werden mit einer Mischung aus Distanz und Argwohn belauert. Dieses Jahr, so erfahre ich, gab es zwar Mittel der Bundesregierung, aber bislang noch keinerlei Zuschuss der Deutschen Vereinigung der Religionswissenschaft (DVRW) - was mich als brav zahlendes Mitglied bekümmert. Ob das ein bewusster Beschluss oder vielleicht nur ein Kommunikationsproblem war?

Zur Frage des Moderators Maximilian Gutberlet, ob denn die Religionswissenschaft überhaupt eine "gesellschaftliche Verantwortung" wahrzunehmen habe, erlaube ich mir zu antworten: Die Steuerzahlenden werden sicher nicht ewig religionswissenschaftliche Institute finanzieren, wenn sich diese nicht umgekehrt in den "öffentlichen Dienst" stellen und allzuviele zerbrochene Biografien, Arbeitslosigkeit und die Entwertung der eigenen Abschlüsse produzieren. Zu Zeiten geburtenstarker Jahrgänge war die massenhafte Verleihung vergleichsweise günstiger geistes- und kulturwissenschaftlicher Diplome eine bildungspolitische Option. Doch kinderarme Gesellschaften können sich nicht mehr so viele gescheiterte Studienbiografien leisten. Nicht nur Japan zieht bereits zunehmende Konsequenzen und lenkt Ressourcen und Studierende zunehmend in Richtung MINT. Auch rechtspopulistische Parteien - wie sie gerade weltweit erstarken - machen aus ihrer Verachtung für steuerfinanzierte Intellektuelle längst keinen Hehl mehr und würden entsprechende Studiengänge gerne einstampfen.

Auch all das muss, so ein berechtigter Einwand, heutige Lehrstuhlinhaber nicht mehr bekümmern. Diese verlören bis an ihr Lebensende nichts, selbst wenn - wie zuletzt im Ländle - mangels Masse schließlich ganze Institute abgewickelt werden müssten. Sie hätten dann allenfalls weniger Studierende und Lehrveranstaltungen zu betreuen. Einige Professorinnen und Professoren sähen die Probleme durchaus; doch es gebe bislang außer Mitleid mit den Studierenden kaum Anreize oder gar Belohnungen für die notwendigen Anstrengungen. Und noch blühe die Religionswissenschaft insgesamt ja - auch wegen der Hoffnungen in deutschsprachigen Ministerien und Universitäten, dass sie Wesentliches zum Umgang mit der zunehmenden, religiösen Vielfalt, den Herausforderungen religiösen Fundamentalismus usw. vermitteln könnten. Es ist, so erfahre ich, auch genau das, was viele Studierende gerne in die Gesellschaft hinein beitragen wollten!

Ob nicht Blogs und Videos ein hervorragender Weg sein könnten, Religionswissenschaft in die steuerzahlende Öffentlichkeit zu vermitteln, frage ich. Warum denn das Symposium nicht wenigstens ein Best-Off der mühsam vorbereiteten Vorträge auf YouTube stelle?

"Das haben wir uns überlegt, aber es ist zu gefährlich. Es könnte im Vortrag ein Fehler zu finden sein, der jemanden verärgert." - "Oder noch schlimmer: Es könnte KEIN Fehler darin sein und der Vortrag allzu viele Klicks ziehen. Dann wäre der Ärger noch größer."

Religionswissenschaft 2.0 - Chance oder Karrierekiller?

Nun erfahre ich den eigentlichen Hintergrund der Einladung. Viel mehr Studierende und Absolventen würden ebenfalls gerne sichtbare Homepages mit ihren Veröffentlichungen anlegen, lehren und vortragen, gedruckte und digitale Bücher veröffentlichen, per Text und Videos bloggen, Social Media-Netze spannen und auch Medien für Anfragen zu ihren Spezialgebieten zur Verfügung stehen. Sie würden auch gerne "Religionswissenschaft aus Freude" betreiben und ihr erworbenes Wissen in den öffentlichen Diskurs einspeisen - auch wenn ihnen klar ist, dass eine durchaus kritische, interdisziplinäre Öffentlichkeit auf sie wartet. Manche würden auch auf religionswissenschaftlichen Listen wie Yggdrasill mitdiskutieren - wenn sie nicht auch dafür Abstrafungen zu befürchten hätte. Die Frage einer Studentin: Ob ich denn empfehlen könnte, all dies zu tun, wenn ich selbst noch von der immer wieder befristeten Gnade von Ordinarien und zukünftigen Berufungskomittees abhängig wäre?

Nein, räume ich ein - das könnte ich tatsächlich noch nicht empfehlen. Religionswissenschaft ist ein faszinierendes, geniales Fach, das Interesse nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Kolleginnen und Kollegen anderer Disziplinen, der Medien und Verlage ist enorm groß und es gibt auch wunderbare Professorinnen und Professoren, die Sie unterstützen würden. Doch wenn Sie zu früh öffentlich allzu sichtbar würden, wird dies im jetzigen System auch immer Leute verärgern, die Ihre Universitätslaufbahn beenden können: Sei es, weil Ihnen Fehler unterliefen - oder weil Sie zu erfolgreich, zu sichtbar wären.

Deswegen können Ulf Plessentin und ich den Studierenden zunächst nur empfehlen, sozusagen übungsweise ungefährlichere Gemeinschaftsblogs zu betreiben, Gastbeiträge beim engagierten REMID-Blog einzureichen oder in zukunftsweisenden Videoprojekten wie KurrT (Kurze religionswissenschaftlich relevante Theorien) unsere Würdenträger selbst ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Erst, wenn Absolventen beruflich auf eigenen Beinen stünden, könnten sie dann auch selbst mehr wagen. Dies könnte der richtige Weg sein, um auch langsam einen Bewußtseins- und Generationenwandel in unserem Fach hin zur digitalen Welt und der Akzeptanz nicht-universitär beschäftigter Religionwissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler einzuleiten.

Also: Dank & Lob an alle schon bisher Bloggenden und beispielhaft an die KurrT-Machenden, Erlaubenden und Ermutigenden der Universität Bremen!

Fazit: In der Zukunft gibt es Hoffnung!

An diesem Abend gab es ein Grillfest - und ich habe selten so viel versammelte Begeisterung für Religionswissenschaft erlebt. Und weil die Budgets knapp waren, hatten die Studierenden auch für den Sonntagmorgen ein gemeinsames Frühstück organisiert. Dass auch trotz früher Morgenstunde und dreier "langer Abende" wieder alle Vortragsräume gut gefüllt waren, machte meinen positiven Eindruck perfekt. Zum abgeschlossenen Sonderkontingent in Kurdistan-Irak, zu Daesh, dem kurdischen Yeziden- und Christentum sowie auch zu organisatorischen und ethischen Fragen gab es hellwaches Interesse und kluge Fragen. Fast war ich schon dankbar für die notwendig gewordene Verschiebung, ohne die ich vieles dieses eindrucksvoll organisierten Symposiums gar nicht miterlebt hätte. Aus dem Orga-Team möchte ich daher auch noch Thilo Krumeich (Vortrag: "Muslime in Polen") und Stephan Läsche (Vortrag: "Der Ukrainekonflikt - Eine rein weltliche Angelegenheit?") danken. Ihr Sechs - und alle Unterstützenden - habt das wirklich großartig gemacht und der oft so stummen Studierendenschaft einen Ort und ein Wort gegeben! Eine hohe Meßlatte für München 2017, die die meistergewöhnten Bayern aber sicher anstacheln wird!

BuffetRWSymposiumErfurt

Mit Liebe gemacht: Das Frühstücksbuffet des Erfurter Studierendensymposiums. Foto: Michael Blume

Als ich im Zug zurückfuhr, war ich glücklich und optimistisch. Viele Studierende sahen sehr realistisch die Strukturen und Probleme - und waren doch bereits auf dem langen Weg, etwas zu verändern. Eines Tages würde es sie geben: Die wertschätzende Zusammenarbeit von ReligionswissenschaftlerInnen in den Universitäten und im außeruniversitären Beruf, die Alumni-Netzwerke voll engagierter Brückenbauer, auch dadurch die berufsorientierenden Seminarangebote und eine lebendige, religionswissenschaftliche Online-Szene im täglichen Dialog mit Öffentlichkeit, Medien und Politik. Auf viel mehr Lehrstühlen hätte sich dann längst herumgesprochen, dass Freiheit und Vielfalt auch religionswissenschaftliche Unternehmungen zum Blühen bringt, dass öffentliche Erfolge von Studierten und Promovierten auch auf die Professorenschaft zurückstrahlen und dass von einem breiten, gesellschaftlichen Dialog zu Fragen der Religionswissenschaft auch der Absatz der eigenen Bücher und Fachartikel sowie das Ansehen der Institute profitiert. Die DVRW würde die selbstorganisierten Symposien von Studierenden aktiv fördern und die Besten der Ordinarien deren Einladungen zu Vorträgen, Grillabenden und Frühstücksbuffets auch als Erinnerung an das eigene Werden begrüßen. Nur die Rechtspopulisten würden sich über lebendige und erfolgreiche Interdisziplinarität wohl ärgern...

Gerne hätte ich das gleich am Sonntag gebloggt, doch das Internet im Zug funktionierte (natürlich) mal wieder nicht. Die Verspätung war dafür deutlich kürzer. Ich ärgerte mich nicht, sondern nahm es als Metapher: Alles, was sich bewegt, braucht hin und wieder Erneuerung. Aber es gibt auch immer wieder engagierte, junge Leute, die dazu fähig sind.

Ihnen allen einen guten Start in die Woche!

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-zukunft-religionswissenschaft-erfahrungsbericht-symposium/feed/ 10 chronologs
Newsblog Mai 2016 mit Veranstaltungskalender und Osman-Normal-Muslimhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/newsblog-mai2016-veranstaltungskalender-osman-normal/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=newsblog-mai2016-veranstaltungskalender-osman-normal http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/newsblog-mai2016-veranstaltungskalender-osman-normal/#comments Thu, 05 May 2016 08:12:01 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2784 ... weiter]]> Erst einmal allen, die es begehen, ein gesegnetes Christi Himmelfahrt! Gerne hätte ich heute - am Vatertag - keine Zeit zum Bloggen gefunden, doch leider hat uns mein Vater Falko allzu früh verlassen.

Immerhin eröffnet mir dies die Möglichkeit, einmal meinen Lieblingsspruch des genial-verrückten Erich Fried (1921 - 1988) zu posten, in dem meines Erachtens ganz verschiedene Facetten des menschlichen Lebens, Liebens und auch Denkens aufscheinen: Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bist du die Welt.

FuerdieWeltErichFriedMein Lieblings-Kalenderspruch. Foto: Michael Blume

Rückblick - Wie es zum "Osman-Normal-Muslim" kam...

Die Veranstaltungen der vergangenen Wochen hatten wieder sehr viel Freude gemacht - einiges hoffe ich noch für den Blog fruchtbar machen zu können. Auf einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung in Stuttgart zu islamistischem Extremismus und Islamfeindlichkeit prägte ich jedoch spontan einen Ausdruck, der von den anderen Diskutanten aufgegriffen und bereits lustig off- und online gegangen ist. Als ich von der großen Mehrheit der nicht-extremistischen Muslime in Deutschland sprach, wandelte ich den Ausdruck Otto-Normal-Bürger in Gedanken an meinen Schwiegervater zu Osman-Normal-Muslim. Ich dachte, ich blogge das mal, falls dieses Wort die kulturelle Evolution übersteht. Alles Gute zum Vatertag, Baba!

DejanPercEbertForum0516Die all-male-Podiumsdiskussion der Ebert-Stiftung in Stuttgart am 3.5.2016, auf der (s)ich spontan den Begriff "Osman-Normal-Muslim" prägte. Foto: Dejan Perc

Weniger fröhlich: Ich habe meinen Hipcast-Account für den Audioblog geschlossen und werde diesen in Zukunft "nur noch" über Natur des Glaubens und meinen YouTube-Kanal bespielen. Denn zeitlich schaffe ich eine Folge pro Monat einfach nicht - und mit weniger Frequenz stehen Einsatz und Kosten nicht mehr im Verhältnis zur Hipcast-Reichweite.

Veranstaltungskalender Mai 2016

Am Samstag, 07.05.2016 geht es dann zum Symposium "Beyond Belief" der Studierenden der Religionswissenschaft im deutschsprachigen Raum an die Universität Erfurt. Dort spreche ich um 15 Uhr im LG4 / D03 über die Erfahrungen als Religionswissenschaftler bei der Leitung des Sonderkontingentes für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak. Um 17 Uhr geht es dann zu einer Podiumsdiskussion zur "Verantwortung der Religionswissenschaft" in den Erfurter Dom.

PodiumErfurt0516

Am 13.05.2016 freue ich mich auf einen eintägigen Workshop zur religionsbezogenen Evolutions- und Hirnforschung beim Zentrum für islamische Theologie an der Universität Münster. Eine Anmeldung ist erforderlich, die dazugehörige Mailadresse auf dem Plakat (Klick -> Link zur Vollansicht).

ZITMuensterPlakatBlumeReligionHirnEvolution0516

Und am 20.05.2016 geht es dann in die Hauptstadt von Österreich, an die Universität Wien zur 10. Frühjahrstagung für forensische Psychatrie. Dort möchte ich ab 10.30 Uhr zum Thema "Gewaltideologien in den Weltreligionen" sprechen, es ist jedoch ggf. eine Anmeldung erforderlich.

Am 2. Juni 2016 spreche ich ab 19 Uhr auf Einladung der Europa-Union im Großen Sitzungsaal des Rathauses Winnenden zum Thema: "Europa und der Islam. Welche Zukunft haben die Religionen bei uns?".

Vorausblickend darf ich jedoch schon einmal auf eine Tagung zum Thema "Evolution und Bildung" vom 01.-03. Juli 2016 an der Universität Gießen hinweisen - die Anmeldemöglichkeit findet sich auf folgendem Flyer, einen Link reiche ich dann wenn verfügbar auch gerne im Kommentarbereich nach.

EvolutionundBildungGiessen0716

Und wer sich auch musikalisch auf seine Vorfahren besinnen, auf die Evolution & Fitness oder einfach den Sommer einstimmen möchte, hier cooles Edutainment mit "Überlieben"!

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/newsblog-mai2016-veranstaltungskalender-osman-normal/feed/ 0 chronologs
1979 – 2019. Bricht der staatliche Islamismus an der Ölschwemme zusammen?http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/1979-2019-bricht-der-staatliche-islamismus-an-der-oelschwemme-zusammen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=1979-2019-bricht-der-staatliche-islamismus-an-der-oelschwemme-zusammen http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/1979-2019-bricht-der-staatliche-islamismus-an-der-oelschwemme-zusammen/#comments Mon, 02 May 2016 17:32:05 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2771 ... weiter]]> Morgen Abend (am 3.5.2016) bin ich auf Einladung des Fritz-Erler-Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung Podiumsgast einer Diskussion zu ihren "Handlungsempfehlungen zur Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und Islamfeindlichkeit" (Klick zum pdf-Download) in Stuttgart.

FESHandlungsempfehlungenIslamismusIslamfeindlichkeit

Die FES-Handlungsempfehlungen. Die Fingerabdrücke bitte ich zu entschuldigen, ich lese v.a. in Bus und Bahn... Foto: Michael Blume

Insgesamt finde ich die Handlungsempfehlungen überwiegend überzeugend - jedoch mit einer starken Einschränkung: Sie betrachten nur das Inland und nicht die Förderung des Islamismus z.B durch Saudi-Arabien und die Förderung von Nationalismus und Islamfeindlichkeit z.B. durch Russland. Hier stehen uns aber, so meine Einschätzung, größere Umwälzungen in der "Weltinnenpolitik" noch bevor...

Rentierstaaten - im 20. Jahrhundert v.a. durch Öl und Gas - bringen Diktaturen mit meist "religiösem Anstrich" hervor

In "Öl- und Glaubenskriege. Wie das schwarze Gold Politik, Wirtschaft und Religionen vergiftet" hatte ich vorgestellt, wie die Kontrolle über milliardenschwere Rohstoffquellen regelmäßig dazu führt, dass sich keine lebendige, freie Zivilgesellschaft entwickelt, sondern autoritäre Systeme, in denen die herrschende Gruppe mit Zuckerbrot (Geld) und Peitsche (Sicherheitsapparate ohne rechtsstaatliche Kontrolle) Untertanen heranzieht und Oppositionelle ermordet oder vertreibt. Religiöse Fundamentalismen - wie der arabische Wahhabismus - haben sich dabei als perfektes Mittel erwiesen, um das jeweilige Regime vermeintlich zu legitimieren. Ob Saudi-Arabien, Iran, Russland oder Nigeria - im 20. Jahrhundert hat sich die politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie bereits als außerordentlich erklärungskräftig erwiesen!

So ist es kein Zufall, dass der Aufstieg des "staatlichen Islamismus" mit der Ölpreisexplosion ab den 1970er Jahren einstellte. Sein Durchbruch erfolgte im Jahr 1979 als im Iran die "Islamische Revolution" den vom Westen zur Ölausbeute wiedereingesetzten Schah vertrieb. Im gleichen Jahr - 1979 - besetzten islamistische Fanatiker die Hauptmoschee von Mekka und führten die Dekadenz und Schwäche der Königsfamilie von Saudi-Arabien - die französische Spezialeinheiten zur Hilfe rufen musste - aller Welt vor Augen. (Übrigens ist Saudi-Arabien der derzeit einzige Staat der Welt, der den Namen seiner "Besitzerfamilie" im Namen trägt). Sowohl der Iran wie auch Saudi-Arabien setzten danach auf eine massive Finanzierung islamistischer Extremisten im In- und Ausland, die sich nun unter anderem in Syrien, im Irak und im Jemen auch gegenseitig bekriegen.

Im erwähnten sciebook stellte ich nun die zwei bekanntesten Ölpreisszenarien vor: Laut dem - lange die Diskussion beherrschenden - Peak Oil-Szenario ("Öl-Förderspitze") wäre der Ertrag der Ölfelder unweigerlich gesunken, gefolgt von massiv steigenden Preisen, massiver Geld- und Machtgewinne der Ölstaaten bei gleichzeitiger Krise der freiheitlichen Marktwirtschaften. Sogar Planspiele über eine direkte, militärische Eroberung von Ölfeldern durch westliche Truppen soll es gegeben haben!

Doch stattdessen wurden immer neue Ölfelder und vor allem Ölfördertechniken (wie z.B. das Fracking und der Abbau von Ölsanden) erschlossen, gleichzeitig entwickelten sich Energiespartechnologien (wie z.B. verbesserte Motoren und die Wärmedämmung von Häusern). In den vergangenen Jahren stürzten die Ölpreise daher immer weiter ab. Entsprechend mehren sich die Stimmen, die das Carbon Bubble-Szenario (die "Kohlenstoffblase") verwirklicht sehen, nach der die Ölförderländer immer verzweifelter ihr Öl verkaufen müssten, bevor es nahezu all seinen Wert zu verlieren drohe.

Ich hoffe inzwischen, dass sich der Carbon Bubble verwirklichen lässt und kann jeden und jede nur dazu aufrufen, möglichst viel Öl zu sparen und neue, nichtfossile Energieträger nach Kräften zu fördern. Denn dies ist nicht nur besser für die Umwelt - Stichwort: Klimawandel -, sondern entzieht den islamistischen Kriegs- und Terrorregimen ebenso wie den Regimen von Russland, Venezuela, Angola usw. das Geld, auf dem ihre wankenden Diktaturen (noch) gründen. Entsprechend begrüße ich - selbst seit über einem Jahrzehnt auf ein eigenes Öl-Auto verzichtend - die auch staatliche Förderung von E-Autos; umso schneller wir auch im Verkehr von den Verbrennungsmotoren wegkommen, umso besser!

Wenn es gelingt, den Ölverbrauch und den Ölpreis auch mittelfristig weiter niedrig zu halten, dann geraten die Öl-Rentierstaaten weltweit in große Schwierigkeiten. Sie müssen dann entweder marktwirtschaftliche Reformen zulassen, also mehr Freiheitsrechte auch für Frauen, Rechtsstaatlichkeit, Eigeninitiative, Bildung und ein von Parlamenten kontrolliertes Budget- und Steuerrecht fördern; oder sie werden in blutigen Kriegen zerfallen, in denen sich verfeindete Gruppen um die letzten Öleinnahmen balgen wie Verdurstende in der lybischen Wüste. Viel länger als 2019 - dem 40. Jahrestag der islamistischen Gewaltausbrüche - dürften die bereits wankenden Ölstaaten für die Wahl zwischen dem einen oder anderen Weg kaum mehr haben, die saudi-arabischen Finanzreserven schmelzen längst überaus schnell...

Rentierstaatstheorie

Gehe ich also davon aus, dass der gewaltbereite Islamismus insgesamt in den nächsten Jahren verschwinden wird? Leider nein. Zwar hat angesichts der eskalierenden Terrorgewalt und sunnitisch-schiitischen Konfessionskriege eine massive Glaubenskrise auch unter Muslimen längst eingesetzt, doch sowohl islamistische wie auch politisch-radikale Bewegungen schützen ihre Ideologien durch massiven Verschwörungsglauben vor Widerlegungen. Ohne den weiteren Zustrom von Ölgeld werden sie sich in Netzwerken organisierter Kriminalität noch länger erhalten, denken wir nur an die niedergeschlagenen Korruptionsermittlungen in der Türkei oder die aktuelle Verhaftung von Drogen-Geldwäschern mit (möglichen) Verbindungen zur libanesischen Hisbollah. Der gewaltbereite Islamismus ist besiegbar; doch dazu braucht es eine kluge und aktive Verschränkung von Energie-, Sicherheits- und Integrationspolitik. Jetzt Muslime pauschal auszugrenzen wäre das Dümmste, was wir tun könnten - und würde nur den nationalistischen und fundamentalitischen Extremisten in die Hände spielen. Für eine kluge, auch wissenschaftlich informierte Politik möchte ich also auch morgen Abend eintreten...

Und ich möchte zudem, wie schon bei verschiedenen Veranstaltungen zuvor, auch an das Schicksal eines Bürgerrechtlers erinnern, der stellvertretend für die Angst der wankenden Ölregime steht: Raif Badawi. #FreeRaif!

Erhältlich als Taschenbuch und als eBook (per Klick). Eine Direktbestellung eines Taschenbuchs mit Signierung durch den Autor ist möglich unter info@sciebooks.de

OelGlaubenskriegeTaschenbuch

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/1979-2019-bricht-der-staatliche-islamismus-an-der-oelschwemme-zusammen/feed/ 16 chronologs
War Barack Obama ein gescheiterter Messias? Anmerkungen zu einem Problem säkular-politischer Kulturhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/war-barack-obama-messias-anmerkungen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=war-barack-obama-messias-anmerkungen http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/war-barack-obama-messias-anmerkungen/#comments Wed, 27 Apr 2016 19:51:42 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2766 ... weiter]]> Wohl zum letzten Mal besuchte Barack Obama als US-Präsident die Bundesrepublik Deutschland. Dabei hielt er in Hannover auch eine Art "Abschiedsrede", die neben Danksagungen an Angela Merkel vor allem den Wert und die Bedeutung der Europäischen Union im Angesicht neo-nationalistischer Strömungen unterstrich. (Und die Hoffnung, einmal als Nicht-mehr-Präsident das Oktoberfest besuchen zu dürfen.) Es ist eine durchaus bemerkenswerte Rede und ich hatte auch kurz mit dem Gedanken gespielt, sie (wie eine frühere) zu übersetzen. Ich kann sie nur empfehlen.

Doch ein Kommentar des SPIEGEL-(Mit)Erben und SPIEGEL-Online-Kolumnisten Jakob Augstein erinnerte mich an die zivilreligiöse Einsetzungsfeier in Washington 2009 und das breite und wichtige Thema Zivilreligion - den religiösen Überbau aus Mythen, Symbolen und Ritualen, den alle aktiven politische Körperschaften entwickeln (müssen). Augstein schrieb:

Barack Obama war in Deutschland. Abschiedstournee eines Mannes, der einmal der Messias war.

"Die Deutschen" hätten - so Augstein - Obama zunächst als "Messias" geglaubt und gefeiert. Und sich selbst einbeziehend urteilt er:

Aber der Messias ist am glaubwürdigsten, solange man auf ihn wartet. Sobald er sich zeigt, beginnt die Entzauberung. Und die Entzauberung des Barack Obama war gewaltig. Dieser Präsident war eine Enttäuschung.

Barack_Obama_family_portrait_2011_Pete_SouzaEin Politiker oder ein Messias? Offizielles Familienporträt der Familie Obama. Foto: Pete Souza (gemeinfrei)

Der Messias-Titel in "Politik" und "Religion", in Welt- und Endzeit

Nun ist der Messias-Titel tatsächlich außerordentlich interessant und bezeichnet in der hebräischen Bibel als "Moschiach" den auch religiös - etwa durch Propheten - "gesalbten" König. Auch ein nichtjüdischer, aber dem Judentum freundlich gesinnter König wie der Perser Kyros kann in der Bibel noch mit diesem Begriff ausgezeichnet werden.

Später verschiebt sich der Messias-Begriff jedoch aus der Weltzeit in die Endzeit - der Messias wird zu einer Heilsfigur, die den Anbruch der gerechten Gottesherrschaft verheißt. So zählt auch Jesus - wie viele andere - zu denen, die von Jüdinnen und Juden für den Messias gehalten werden, wobei der Titel als "Christos" ins Griechische übersetzt wird.

Zumal Jesus jedoch gekreuzigt wird - laut biblischem Bericht verspottet als "König der Juden"! - und den Christinnen und Christen als auferstanden und bis zur endzeitlichen Wiederkehr entrückt gilt, wird der Messias-Titel noch über- und endzeitlicher.

Die Kreuzigung Jesu nach Vouet, 1622. Man beachte die lateinische Abkürzung INRI für "Jesus von Nazareth, König der Juden" an der Spitze. Quelle: NdG 2011

Auch im Koran wird Jesus unter Anderem als al-masih geehrt, in einigen Traditionen entwickeln sich darüber hinaus Hoffnungen auf eine muslimische Erlöserfigur, den "Mahdi".

Die Re-Säkularisierung des Messias in den säkularen Weltanschauungen des Sozialismus und Nationalismus

Mit dem Aufstieg diesseitiger ("weltlicher") Weltanschauungen wie dem Sozialismus und Nationalismus wird auch die Hoffnung auf Erlösung buchstäblich "säkularisiert" - also ins saeculum, ins Jahrhundert, die diesseitige Weltzeit, zurückgeholt. Links- und Rechtsideologen wollen sich nicht mehr auf einen religiösen Messias hin "vertrösten" lassen, sondern die Erlösung hier und jetzt, notfalls mit Zwang und Gewalt, erleben. Selbst in der beschaulichen Schweiz warnt Jeanne Hersch vor diesem Überschwang:

Die seit einigen Jahren modisch gewordene Forderung nach dem "vollen Glück, jetzt gleich", nach einem unmittelbaren irdischen Paradies ("le bonheur, tout de suite!", riefen die Studenten auf den Pariser Strassen im Mai 1968), ist nicht nur menschlich gesehen eine Phantasterei oder Schwärmerei, die jeder Wirklichkeit den Rücken kehrt, sondern sie schließt die Möglichkeit eines Sinnes aus.

Aus: Hersch, J. (2010): Erlebte Zeit. Verlag Neue Zürcher Zeitung, S. 46

Denn tatsächlich sind politische Messias-Hoffnungen - wie Augstein auch erkennt und beschreibt - zum Scheitern verurteilt. Mit den Mitteln menschlicher Politik lässt sich wohl eine Hölle, aber kein Himmel auf Erden schaffen. Daher sind gerade auch linksgerichtete Parteien (wie die SPD) meisterhaft darin, das eigene Spitzenpersonal schlechtzumachen - vor allem dann, wenn es in Regierungsämter gelangt ist. (Nicht zufällig sind Linkspopulisten wie Oskar Lafontaine und Gregor Gysi durch Rücktritte diesem Schicksal zuvorgekommen, haben sich damit ihre "Reinheit" als Hoffnungsträger bewahrt.)

In dieser Perspektive "musste" Obama also erst der Messias sein, der dann unvermeidlich "enttäuscht". Denn Krisen und Konflikte mit dem Kongress, Kompromisse und auch die unvermeidlichen Fehler sind in politisch-säkularen Erlösungslehren nicht vorgesehen.

Wohl denen, die Messias-Ämter auf den religiös-endzeitlichen Bereich zu beschränken vermögen und also zwischen den "letzten" (transzendenten) und "vorletzten" (politischen) Fragen zu unterscheiden vermögen, wie es der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau (SPD, 1931 - 2006) formulierte. Dies ermöglicht die Chance, Politikerinnen und Politiker realistisch und kritisch-konstruktiv zu würdigen. Wer diese Unterscheidung nicht vermag und sich mehr oder weniger bewusst immer wieder auf die Suche nach "politischen Messiassen" macht, wird wieder und wieder zwischen Euphorie und Enttäuschung pendeln.

Das Barack Obama als Augsteins Messias gescheitert ist, muss ihn nicht bekümmern. Nur ein früher Rücktritt oder Tod hätte den US-Präsidenten vor diesem "Urteil" bewahren können...

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/war-barack-obama-messias-anmerkungen/feed/ 11 chronologs
Stolz auf osmanisch-türkische Eroberungen, empört über westlichen Imperialismus. Ein rationales oder narratives Phänomen?http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/stolz-eroberungen-imperialismus-ein-phaenomen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=stolz-eroberungen-imperialismus-ein-phaenomen http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/stolz-eroberungen-imperialismus-ein-phaenomen/#comments Sat, 23 Apr 2016 09:36:47 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2751 ... weiter]]> Zu meinem sciebook über "Öl- und Glaubenskriege" erreichen mich immer wieder sehr interessierte und erfreuliche Reaktionen - und zwar sowohl von christlichen und konfessionsfreien wie auch von muslimisch-sunnitischen, alevitischen und yezidischen Leserinnen und Lesern. Manche fügen auch eigene Beobachtungen oder Fragen hinzu, so dass sich mitunter vertiefende Dialoge ergeben. Dabei fällt mir jedoch ein Phänomen ins Auge, dass ich hiermit vorstellen möchte: Unterschiede in der Deutung osmanischer und westlicher Eroberungen.

OelGlaubenskriegeTaschenbuch

Das sciebook über die "Öl- und Glaubenskriege" löst vielerlei Reaktionen über Religions- und Herkunftsgrenzen hinweg aus. Foto: Michael Blume

Die meisten der deutschsprachigen Leserinnen und Leser lehnen Eroberungskriege generell ab - egal, zu welcher Zeit und ob sie nun von Deutschen, Franzosen, US-Amerikanern, Osmanen oder Russen durchgeführt wurden. Diese Einschätzung ist - bei Unterschieden in Details - durchaus auch herkunfts- und religionsübergreifend und wird beispielsweise auch von muslimischen Deutschkurden, alevitischen oder yezidischen Deutschtürken geteilt. Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden jedoch Deutschtürken sunnitisch-muslimischen Glaubens: Hier treffe ich häufig auf Aussagen, nach denen man "stolz" auf die osmanischen Eroberungen etwa von Konstantinopel und des Balkans sei - aber zugleich besonders empört über die zeitlich früheren Kreuzzüge und den westlichen Imperialismus ab dem 18. Jahrhundert. Die osmanischen Eroberungskriege seien also moralisch gerechtfertigt gewesen, die davor liegenden Kreuzzüge und die folgenden westlichen Kriegszüge aber nicht.

Einen viel diskutierten Erklärungsansatz dazu veröffentlichte nun der - seinerseits deutschtürkische - WELT-Korrespondent Deniz Yücel in "Erdogan - Der Kalif, der aus der Volksneurose kam". Demnach habe der zunächst langsame, dann rasante Verfall des Osmanischen Reiches und schließlich die Zerschlagung im Vertrag von Sevres von 1920 ein ähnlich kollektives Trauma hervorgebracht wie der Genozid an Juden, Sinti und Roma sowie die Niederlage Deutschlands in beiden Weltkriegen: Seitdem würde das ganze Weltgeschehen in beiden Völkern je aus diesen Perspektiven heraus interpretiert. Während sich Deutsche aufgrund der (zunächst unter Zwang!) aufgearbeiteten Verbrechen und Fehler als historisch "schuldig" betrachteten, habe sich in der türkisch-islamischen Öffentlichkeit die Deutung durchgesetzt, dass die "Schmach" nicht durch eigene Verfehlungen, sondern durch innere und äußere Verschwörungen herbeigeführt worden wäre. Diese gälte es also fortan zu unterdrücken, möglicherweise gar zu "vergelten".

Kann man das wirklich so sehen?

In einem einfachen Versuch habe ich in einer Facebook-Gruppe folgende Frage eingestellt, die bewusst auf jeden Verweis auf das Osmanische Reich oder die NS-Zeit verzichtete:

Mal eine Verständnisfrage in die Runde: Immer wieder treffe ich bei Freunden & Bekannten v.a. türkischer Herkunft auf "Stolz", Konstantinopel erobert und bis Wien vorgerückt zu sein. Gleichzeitig wird aber wortreich der darauf folgende Kolonialismus und Imperialismus westlicher Mächte beklagt. Je einzeln kann ich das nachvollziehen, aber nicht die Kombination. Müsste man denn nicht beides beklagen oder beides akzeptieren?

BlumeOsmanischeEroberungen

Wie erwartet gab es für diese Frage wenig Zuspruch, aber viel Empörung. Im Wesentlichen nehme ich zwei Argumente wahr, die in verschiedenen Varianten vorgebracht werden:

1. Die Osmanischen Eroberungen seien zeitgebunden zu akzeptieren, die westlichen Imperialismen widersprächen dagegen den selbst propagierten, "moderneren" Werten.

So schreibt beispielsweise ein Kommentator wenige Minuten nach Einstellen der Frage:

Kolonialismus ist von der Historie ein anderer Begriff als Eroberungskriege im Mittelalter und im 14 und 15 . Jahrhundert! Außerdem haben sie was schönes daraus gemacht nicht zerstört! wie eure Kreuzzügler den Irak und die schöne Stadt Bagdad zerstört haben!

Freilich weist der Hinweis auf die Kreuzzüge (11. - 13. Jahrhundert) schon darauf hin, dass "christliche" Eroberungskriege auch dann negativ gewertet wurden, wenn sie "im Mittelalter" stattfanden. Ein weiterer Kommentator rechtfertigt die osmanischen Eroberungen sogar als direkte Reaktion darauf:

Das war die Antwort auf eure Menschen verachtende zahlreiche Kreuzzüge von Christen! Im nahen Osten wurden die Menschen abgeschlachtet! Sie lassen sich nicht abschlachten! Im Gegensatz christlichen Eroberern haben die Osmanen den Völkern ihre Sprach- und Religionsfreiheit gegeben! In Spanien wurden die Völker vor die Wahl gestellt entweder Katholiken zu sein oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden! Viele darunter juden haben Schutz im osmanischen reich gefunden! Bevor man solche Fragen stellt sollte man besser recherchieren!

Dies leitet direkt zur zweiten Argumentationsform über...

2. Demnach seien die osmanischen Eroberungen "moralischer" gewesen als die "westlichen".

So fragt ein deutschtürkischer Kommentator konsterniert:

Haben wir Istanbul kolonisiert?

Dass die Stadt als Byzanz und Konstantinopel zuvor griechisch, römisch und christlich geprägt war, scheint hier schon völlig ausgeblendet zu sein - Istanbul war schon immer - Istanbul.

Ein weiterer Kommentator erläuterte:

Der Unterschied zwischen Osmanen und Kolonialsierung des Westen war , Osmanen haben immer versucht mit fremden menschen und kulturen zu leben ... Der Westen dagegen hat stets versucht Rohstoffe auszubeuten ....

Und er fügte hinzu:

deswegen michael wie gesagt , wir bessergesagt ich red mal jetzt von mir aus :-) sind stolz auf die eroberung es kommt immer darauf an WIE hat man es erobert ,klar gabs kriege ,weil einige parteien dagegen waren , aber wie bereits erwähnt kommt es darauf an WIE .....

Eine zum Islam konvertierte Deutsche stimmte dem zu:

Ich lebe in Sarajevo. Die Osmanen haben nicht zwangs-islamisiert, denn sonst wäre Serbien heute nicht orthodox - und die Bosnier mehrheitlich islamisch. Sie nahmen einzig einmal den Osmanen übel. sie an die kuk gegeben zu haben, denn sie wollten im Osmanischen Reich bleiben..Die Osmanen beuteten nicht aus - wie dies in der Kolonisierung getan wurde.

Meine Nachfrage nach den Massakern etwa an Kurden, Armeniern oder Yeziden wurde als "Ablenkung" gewertet.

1870 berliner kongress ... hat man den osmanen gedrängt und das obwohl die armenier damals schon aufstände veranstaltet haben mit russische unterstütztung.... schließlich waren die balkankriege dank russland und österreich entfacht weil diese beiden länder viele balkan länder mit alten waffen aufgerüstet haben ....nicht ohne grund bekam österreich später bosnien und serbien hatten auch nicht ohne grund damals einen besonderen verhältnis zum zarenreich gehabt .... du solltest schon bei eine zeit bleiben ... entweder konstantiopel und wiener zeit oder kurden armenier usw ....

Auch die Praxis der sog. "Knabenlese", in der die Söhne unterworfener Völker ihren Familien entrissen und als Janitscharen-Soldaten zwangskonvertiert und -rekrutiert wurden, wird wiederum mit Hinweis auf "christliche" Untaten relativiert - diesmal wieder mit Verweis auf die Kreuzzüge!

ich wußte das du das sagst ... aber das war mittelalter mit heute natürlich nicht zu vergleichen ... z.b war glaub ich der erste kreuzzug ein kinderkreuzzug ....

Vielleicht sei der Osmanische Staat nicht immer perfekt gewesen, aber doch "moralischer" als die Untaten des Westens:

ok Michael nur ein vergleich Kreuzzug moslems juden christen in jerusalem abgeschlachtet ....Spanien juden vertrieben verbrannt usw , Azteken ,Mayas ausgerottet .... und und und und Osmanen : ihre unterworfenen völker nicht getötet weil sie christen sind nicht vertrieben weil sie juden oder christen sind , juden aufgenommen aleviten kurden usw .... und wegen diese knabenlese sollen wir osmanen jetzt verteufeln ? frag doch gleich nach dem perfekten leben oder perfekten staat .....

Ein anderer Kommentator fasste im Hinblick auf die osmanischen Eroberungen zusammen:

Ich meine das was du ansprichst ist auch ein Eroberungskrieg gewesen! Insgesamt aber waren aggressive Christen mit der nächsten liebe alles was ihnen auf den Weg gelaufen ist vernichtet! Wenn man eine Bilanz ziehen würde würde ich sagen die meisten waren Christen mit mehreren Nationen! Im Prinzip Christen insbesondere Katholiken viel mehr Unheil auf dieser Erde verursacht als die Osmanen! Du redest nur von Osmanen, ich rede von deutschen Engländer Amerikaner Spanier, und und und... Da kann man mit Sicherheit mehr zählen! Ich schau aber hauptsächlich auf die Gegenwart! Diese zeigt mir dass dass das Christentum viel aggressiver ist als andere Religionen! IS ist die Antwort auf diese Aggressivität! Da musst du besser beobachten! Mich interessieren Osmanen vor 600-700 Jahren nicht mehr! Ich habe die Gegenwart vor meinen Augen! Zerstörte muslimische Länder, Millionen Toten durch diese Kreuzzügler angezettelt wurden und immer noch im 21. Jahrhundert existierende Foltergefängnisse sowie Gefängnisse ohne jegliche Rechtssprechung!

Vorläufiges Fazit

In der Summe komme ich zu dem Ergebnis, dass hier tatsächlich von deutsch-türkischer Seite Geschichtsdeutungen vertreten wurden, nach denen die Osmanen bzw. Muslime grundsätzlich "moralischer" gehandelt hätten als die "christlichen" Mächte. Einen spezifischen Verweis auf Sevres oder auch die deutsche NS-Zeit konnte ich nicht feststellen - vielmehr wurden die Übergriffe entlang religiöser Grenzen (Kreuzzüge, Verfolgungen von Juden, Azteken, US-amerikanische Golfkriege, Guantanamo etc.) beschrieben. Der Niedergang des - im Selbstbild moralischeren, freiheitlicheren und toleranteren - Osmanischen Reiches erscheint so als niederträchtige Aggression des weniger moralischen Westens.

Auffällig war dabei, dass die je "eigenen" Verbrechen durchaus bekannt waren, aber an die jeweiligen Zeitumstände verwiesen wurden (war im Mittelalter so, Massaker waren Notwehr gegen armenische und kurdische Aufstände, Knabenlese zu vernachlässigen etc.). In der Schuldzuweisung an "den Westen" gingen die Zeitverweise dagegen wild durcheinander - immer wieder wurden beispielsweise die Kreuzzüge aus dem 11. bis 13. Jahrhundert angeführt, um etwa die osmanische Knabenlese (14. bis 18. Jahrhundert) zu rechtfertigen oder auch noch die aktuellen Ölkriege zu deuten ("IS ist die Antwort auf diese Aggressivität!... Millionen Tote durch diese Kreuzzügler... noch im 21. Jahrhundert").

Interessant erscheint mir dabei außerdem, dass einige deutschtürkische Diskutanten einerseits eine durchgängig höhere Moral für die "eigenen" Taten beanspruchen und sogar als Quelle des Stolzes bezeichnen. Andererseits wird sehr klar erkannt und angesprochen, dass doch Vertreter des Westens beispielsweise im Irak "ihren" Anspruch auf eine höhere Moral etwa im Namen des Christentums oder der Menschenrechte nicht eingelöst hätten.

Ermutigend ist vielleicht, dass die Fakten der Geschichte wesentlich geteilt wurden - es kam zum Beispiel nicht (mehr?) vor, dass jemand die Massaker an Armeniern oder Kurden oder die osmanische Knabenlese einfach als inexistent geleugnet hätte (wie es ja z.B. auf deutsch-nationalistischer Seite im Hinblick etwa auf den Holocaust durchaus noch geschieht). Massive Unterschiede zeigen sich jedoch in der Deutung - man möchte fast sagen: emotionalen Aufladung - der Geschehnisse: Die Doppelmoral wird fast ausschließlich "dem Westen" attestiert, während der eigene, türkisch-muslimische Nationalismus als "moralischer" präsentiert wird.

ich persönlich fand auch das goldene käfig nicht gut bei den osmanen .... aber sagte jemand irgendwas von perfekt ? nein , es geht nur um den unterschied ....

Entsprechend dürfen zum Beispiel die Massenmorde an Armenieren durchaus als "Massaker" thematisiert werden, keineswegs aber als Genozid bzw. Völkermord. Dies würde den eigenen, moralischen Überlegenheitsanspruch allzu massiv in Frage stellen. Tatsächlich wird schon die Frage nach der Vergleichbarkeit osmanischer und westlicher Eroberungskriege noch oft als unzulässig erachtet.

man erwähnt nur halbe sachen in deutschenland .... und wer das shcon tut sollte am besten dann gar nichts sagen .... wenn dann mit offenen karten spielen , mein jetzt nicht dich damit michael ich mein schon deutsche parteien damit

Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts scheinen nationalistische und konfessionalistische Geschichtsdeutungen noch immer nicht nur weiter präsent, sondern auch vital zu sein und fortgeschrieben zu werden. Darüber sollte m.E. aktiv nachgedacht und gesprochen werden.

]]>
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/stolz-eroberungen-imperialismus-ein-phaenomen/feed/ 93 chronologs