Natur des Glaubens http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens Evolutionsgeschichte der Religion(en) Sun, 07 Feb 2016 00:14:33 +0000 de-DE hourly 1 Die Gefahr durch Religion(en) – Not in God’s Name von Rabbiner Baron Jonathan Sackshttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-gefahr-religion-not-god/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-gefahr-religion-not-god http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-gefahr-religion-not-god/#comments Thu, 04 Feb 2016 10:26:05 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2586 ... weiter]]> Rabbiner Jonathan Sacks - bis 2013 Oberrabbiner in Großbritannien, von der Queen 2005 in den Ritter- und 2009 in den Baronstand erhoben - gilt als einer der bedeutendsten, lebenden Gelehrten des Vereinigten Königreichs. 2009 hatte ich einen seiner Vorträge bei "Theos" einmal ins Deutsche übersetzt (abrufbar hier). Umso überraschter war ich, bei einer Rezension seines neuen Buches "Not in God's Name" in der New York Times durch David Brooks plötzlich auf meinen Namen und Arbeiten zur Religionsdemografie zu treffen.

NYTBrooksSacksReviewAlso erstand ich mir dieses Werk, sobald wieder Zeit zum Lesen war: "Not in God's Name. Confronting Religious Violence" von Jonathan Sacks.

not-in-gods-name-rabbi-sacks

Auseinandersetzung mit dem Hass- und Gewaltpotential von Religion(en)

Sacks fragt, wie es gerade auch in Judentum, Christentum und Islam - sowie auch in diversen Ideologien im Gefolge der Aufklärung - trotz aller Lehren der Demut und Nächstenliebe immer wieder zu Ausbrüchen von entfesseltem Hass und Gewalt kommen konnte. Er nennt diesen Phänomen "altruistic evil - altruistisches Böses" - Untaten wie z.B. Selbsmordattentate, die im Namen des Guten bzw. Gottes verübt werden. Zur Beantwortung dieser Frage setzt er auf den Dialog von Naturwissenschaften & Theologie. So widmet sich die ganze, erste Sektion auf hohem Niveau den Befunden der Evolutionsforschung zu Kooperation(en) und Religion(en) und darin eben auch Befunden der Religionsdemografie. Charles Darwin und die Spieltheorie behandelt er dabei mit der gleichen Kenntnis und Zuneigung wie später zum Beispiel Ausführungen zum alle Menschen einschließenden Noahbund. In der zweiten Sektion folgt dabei eine atemberaubend dichte Lesung der "Geschwisterrivalitäten" im biblischen Buch Genesis - von Kain und Abel über Isaak und Ishmel, Jakob und Esau bis hin zu Leah und Rachel. Sacks aus den Tiefen der Schrift und rabbinischen Auslegungen schöpfende Interpretation zeigt auf, dass Menschen - gerade auch wenn sie "eng verwandt" wie die abrahamitischen Religionen seien - den Fehler begingen, Gottes Liebe für ein "begrenztes Gut" zu halten - und sich also gegenseitig Segen, Erwählung und schließlich Existenz bestreiten zu wollen. Philosophisch gesprochen handele es sich hier um die Spannung zwischen Liebe (die immer konkret, auf diese(n) Menschen bezogen sei) und Gerechtigkeit (die stets allgemein, auf die gesamte Menschheit bezogen sei). Das Nicht-Aushalten dieser Spannung führe - wie Sacks in der historisch-religionsvergleichenden dritten Sektion ausführt - zur Gefahr des pathologischen Dualismus: Religiöse (und auch säkulare!) Radikale würden das Böse zunehmend als eigenständige, Gott entgegengesetzte Macht wahrnehmen - und entsprechende Verschwörungstheorien auf Menschengruppen (wie Juden, US-Amerikaner, Muslime, Illuminaten o.ä.) projizieren. Bildlich gesprochen würden sie sich also vor dem Falschen niederwerfen - und in Gottes Namen die schlimmsten Untaten begehen. Daher sei es gerade auch die Aufgabe von Religionsgelehrten in Judentum, Christentum und Islam, dem Fundamentalismus, Hass und den Verschwörungstheorien in den eigenen Reihen mit Mut und Gelehrsamkeit entgegen zu treten. Religionen vermittelten den auch zivilsatorisch und demografisch unverzichtbaren "Willen zum Leben" (vgl. Anthropodizee!), aber sie bildeten auch die "größte Gefahr des 21. Jahrhunderts"! Entsprechend lobt Sacks Kräfte des Friedens in den Religionen - etwa jenen Muslim, der jüdische Gäste während der Pariser Anschläge auf einen Supermarkt rettete oder die Päpste seit dem II. Vatikanischen Konzil, die Jahrhunderte des Hasses aufgearbeitet hätten.

Fazit

Ich kenne kein anderes Buch, das so selbstbewusst und kundig Befunde der Evolutionsforschung und der Bibelauslegung nebeneinander gelegt hätte. Bemerkenswert ist auch, mit welcher Selbstverständlichkeit und Wertschätzung Sacks auch das Neue Testamt und den Koran zitiert. Der so oft beschworene "Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie" ist hier "Buch geworden", ebenso die so oft eingeforderte "Selbstkritik der Religionsgelehrten". Wer "Not in God's Name" gelesen hat, wird danach auch vermeintlich altbekannte, biblische Geschichten - und gerade auch das Buch Genesis (jüd. Bereschit) darin - mit anderen Augen sehen.

Auch für mich persönlich war "Not in God's Name" ein Glücksfall, denn für den 14. Februar 2016 wurde ich erstmals zu einer Kanzelrede im Rahmen eines Abendgottesdienstes (ab 18 Uhr) eingeladen - und zwar zum Thema "Gefahren und Chancen von Religion(en)" in den Berliner Dom! Das Buch von Sacks werde ich als Vorbereitung für diese Predigt verwenden. Vielleicht sehen wir uns?

Der Berliner Dom vor Sonnenuntergang, 10/2015

Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de. Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.
Der Berliner Dom vor Sonnenuntergang, 10/2015

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Virales Video: Wie ein Amish-Pferdegespann einen Milchlaster aus dem Schnee zoghttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/virales-video-wie-amish-pferdegespann/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=virales-video-wie-amish-pferdegespann http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/virales-video-wie-amish-pferdegespann/#comments Fri, 29 Jan 2016 13:30:04 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2577 ... weiter]]> Als Teil des beschleunigten Klimawandels im Anthropozän werden auch die USA von zunehmend extremeren Wetterereignissen heimgesucht: Beispielsweise von verheerenden Dürre in Kalifornien und massivem Schneefall in nördlicheren Bundesstaaten. Angesichts des letzten Blizzards "Jonas", der sogar Todesopfer forderte, erlebt derzeit ein Facebook-Video von Joel Appleman (Pennsylvania) aus dem Jahr 2011 neue Aufmerksamkeit: Die 41sekündige Aufnahme zeigt, wie ein Amish-Pferdegespann einen riesigen Milchtruck aus dem Schnee zurück auf die Straße wuchtet. (Liebhaber-Detail: In Sekunde 23 zeigt sich auch noch ein flüchtendes Nagetier.)

AmishPferdeMilchlaster

Nicht nur die in den USA - und in Deutschland! - wachsende Zahl der Preppers, die sich angstvoll auf kommende Katastrophen vorbereiten, sondern auch wissenschaftliche Evolutionäre wie Friedrich August von Hayek dürfen sich bei diesem Anblick also bestätigt fühlen: Religiöse und kulturelle Vielfalt mag oft anstrengend sein, könnte aber gerade in streßigen und gefährlichen Zeiten auch Überlebensvorteile mit sich bringen. Vielleicht ist es ja vorteilhaft, nicht alles Leben auf einen einzigen, technologischen Entwicklungspfad zu setzen. So kann man bedauern, dass unsere europäischen Vorfahren die Amish verfolgten und vertrieben, so dass sie - samt ihrer deutschen Sprache - nur in Nordamerika (USA und Kanada) überdauerten; dort aber aufgrund ihres Kinderreichtums inzwischen sehr schnell wachsen.

Blume, M. "Die Amish", sciebooks 2012. Erhältlich als eBook und Taschenbuch

Credit: sciebooks.de Blume, M. "Die Amish", sciebooks 2012. Erhältlich als eBook und Taschenbuch

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Der Baba Sheikh – Religiöses Oberhaupt der Yeziden und Reformerhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/der-baba-sheikh-religioeses-oberhaupt/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=der-baba-sheikh-religioeses-oberhaupt http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/der-baba-sheikh-religioeses-oberhaupt/#comments Wed, 27 Jan 2016 03:54:37 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2563 ... weiter]]> Nachdem ich auf untenstehendem Facebook-Bild markiert worden war, gingen bei mir verschiedene Fragen zum Baba Sheikh ein - und für Fragen rund um Religion(en) und Religiosität ist dieser Blog ja da!

Auch veröffentliche ich diesen Post bewusst am deutschen Holocaust-Gedenktag, denn derzeit sind die Jesiden von einem (weiteren) Völkermord in Syrien und im Irak bedroht. Als Gastarbeiter aus der Türkei sowie als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, leben derzeit zwischen ein- und zweihunderttausend Jesidinnen und Jesiden in der Bundesrepublik, weltweit gibt es etwa eine Million.

BlumeBabaSheikhAbuKashin2016
Bild mit dem Baba Sheikh, Stuttgart 2016. Foto: Abu Kashin

Der Baba Sheikh (deutsch auch manchmal Baba Schaich oder Scheich geschrieben) ist eine Amtsbezeichnung im Yezidentum (zunehmend auch als Ezidentum geschrieben). Er gilt als religiöses Oberhaupt dieser kurdischsprachigen Religionsgemeinschaft, wogegen der Mir ("Prinz") als weltliches Oberhaupt verstanden wird. Beide Ämter werden in einer Mischung aus Abstammungs- und Wahlprinzip bestimmt.

Das mündlich tradierte Yezidentum überlebte zahlreiche, blutige Verfolgungen vor dem Hintergrund des sachlich falschen, von muslimischen Fanatikern vorgebrachten Vorwurfes der "Teufelsanbetung" vor allem durch strenge Abschottung und (bisherigen) Kinderreichtum. Konversionen zum Yezidentum sind (bislang) nicht möglich und Ehen sollen (bislang) nur in der je eigenen Kaste (Scheich, Pir oder Muride) stattfinden. Wer sich mit Nichtyeziden ehelich verband, wurde traditionell ausgestoßen, auch so genannte "Ehrenmorde" kommen leider - gegen Beschlüsse des yezidischen Hohen Rates in Lalish - noch immer vor.

Hier eine yezidische Selbstdarstellung, die - mangels eigener Medien - auf die große Bedeutung gerade auch des Internets für die yezidischen Diskurse verweist:

Der Baba Sheikh als "Reformer"

Auf den ersten Blick mag der 82jährige wie ein Symbol reiner Tradition wirken - deren Pflege, vor allem in Ritualen, auch zu seinen Hauptaufgaben gehört. Doch tatsächlich wirkt der Geistliche als Reformer in seiner Gemeinde - beispielsweise, indem er jesidische Kinder und Frauen, die in Händen des so genannten "Islamischen Staates" (IS, Daesh) Gewalt erfahren haben, ausdrücklich segnet und betont: Nicht die Opfer haben ihre "Ehre verloren", sondern ausschließlich die Täter!

Beispielhaft schildert die Jesidin "Shirin", wie sie nach brutalen Vergewaltigungen durch IS-Schergen vom Baba Sheikh im Heiligen Tal in Lalish aufgenommen, gesegnet und gestärkt wurde. Während ihr Religion früher weniger bedeutet habe, unterstreicht sie in ihrem - heftigen - Erfahrungsbericht die neue Verbundenheit zu ihrer Religion: "Ich bleibe eine Tochter des Lichts". Auch Shirin konnte gerettet werden und lebt jetzt in Baden-Württemberg.

ShirinKizilhanCover

Erwähnenswert ist zudem auch, dass der Baba Sheikh die Yeziden weltweit zur Integration in die aufnehmenden Gesellschaften sowie zu Bildungsanstrengungen aufruft - auch dies eine Reform gegenüber früheren Lehren, die Abwanderungen unbedingt verhindern und auch deshalb das Erlangen höherer Bildung abgelehnt hatten.

Und (leider bislang nur) die BILD-Zeitung berichtete von der Ehe des tapferen Yeziden "Ali" mit seiner vom IS befreiten Verlobten "Viyan" in Deutschland, die durch die Gemeinde unterstützt und durch namhafte Ehrengäste besucht wurde - und damit den Reformkurs des Baba Sheikh (der selbstverständlich auch inneryezidische Kritiker hat) auch sichtbar unterstützte.

Das Yezidentum zwischen Traditionalismusfalle und Reformen

Tatsächlich geht es bei den derzeitigen Reformdebatten im Yezidentum um das Überleben der Religionsgemeinschaft. So führen die Eheregeln, die in den eigenen Dörfern noch mehr oder weniger pronatal funktioniert hatten, inzwischen zu einem massiven Einbruch der Geburtenraten: Für Angehörige der Pir-Kaste wird es zum Beispiel zunehmend schwer, überhaupt noch geeignete PartnerInnen zu finden. Und junge Jesidinnen und Jesiden, die Bildung erwerben, mit Nichtjesiden aufwachsen und die "westlichen" Werte selbstbestimmter Liebe zunehmend teilen, führen zunehmend häufiger "heimliche" Beziehungen, schieben Ehe und Kinder dabei zunehmend länger auf oder ziehen sich ganz aus der Gemeinschaft zurück. Ohne eine baldige Reform der Eheregeln wird das Yezidentum demografisch kaum überleben!

Große Ähnlichkeiten zum Alevitentum

Dass solche Reformen aber grundsätzlich denkbar sind, zeigt der Vergleich zum religionsgeschichtlich verwandten Alevitentum (früher meist: Alevismus). Auch hier hatten sich in den eigenen, von sunnitischen Extremisten bedrängten Siedlungen ein Kastensystem, ähnlich strenge Eheregeln und ein Konversionsverbot entwickelt. Doch in den vergangenen Jahrzehnten löste sich das Kastenrecht zunehmend auf - auch Geistliche werden zunehmend alleine nach Bildung und Eignung bestimmt - und wurde auch das Verbot von "Mischehen" verworfen. Inzwischen sind gemischte Paare mit ihren Kindern in vielen alevitischen Gemeinden selbstverständlich willkommen. Damit aber fiel auch das Konversionsverbot - Aufnahmen von Nichtaleviten in das Alevitentum finden inzwischen (wieder) statt.

Ob sich das Yezidentum gerade auch in demokratisch-freiheitlichen Gesellschaften wie in Deutschland vergleichbar reformieren wird, ist und bleibt natürlich eine Entscheidung, die die Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft selbst zu treffen haben. Aber als Religionswissenschaftler und Christ darf ich mich schon über Geistliche wie den Baba Sheikh freuen, die die gewachsenen Traditionen lebensfreundlich auslegen und damit Leid lindern sowie jungen Leuten Wege in die Zukunft eröffnen.

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Ohne mythische Geschichten keine Religionen, kein Recht, keine Staaten, keine Wirtschaft usw – Yuval Noah Harari zu den zwei Realitäten des Menschseinshttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/ohne-geschichten-religionen-recht-staaten/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=ohne-geschichten-religionen-recht-staaten http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/ohne-geschichten-religionen-recht-staaten/#comments Mon, 18 Jan 2016 18:49:55 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2555 ... weiter]]> Dass die Existenz von Gottheiten nicht objektiv nachweisbar ist, nehmen viele als vermeintlichen "Beweis" dafür, dass es sie "nicht gibt". Ich treffe aber immer wieder auf Verblüffung (und manchmal Ablehnung), wenn ich darauf hinweise, dass das Gleiche selbstverständlich auch für Menschenrechte oder überhaupt jede Rechtsordnung gilt: Weder "Presse-" noch "Meinungsfreiheit" haben eine physische Existenz, ebensowenig wie es "Daimler" oder "Schweden" an sich gibt - es handelt sich um Ideen ("legale Fiktionen"), die durch Erzählungen beglaubigt werden und das Verhalten von Millionen und Milliarden Menschen beeinflussen. Auch "die Vernunft", "die Liebe" oder "der Sinn des Lebens" und die Grundannahmen aller Weltanschauungen (Kapitalismus, Kommunismus, Nationalismen usw.) existieren nicht im materiellen, sondern nur (oder besser: erst!) im ideellen Sinn - und sind doch vielen von uns sehr wichtig.

Dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari ist es gelungen, diese lange bekannten Beobachtungen in eine packende Erzählung der menschlichen Evolutionsgeschichte für einen zehntausendfach besuchten Online-Kurs und ein Buch zusammen zu fassen. Mit großem Genuss lese ich gerade seinen internationalen Bestseller "Sapiens: A Brief History of Mankind", der unter dem Titel "Eine kurze Geschichte der Menschheit" auch auf Deutsch erschienen ist (den deutschen Titel habe ich gerade für meine Familie bestellt).

HarariBuecher

Nach Harari ist das menschliche Leben in zwei Realitäten (der objektiven und der fiktiven) der Schlüssel zum Verständnis des evolutionären Erfolges unserer Art! Als unsere Vorfahren innerhalb der letzten 100.000 Jahren in einer sog. "kognitiven Revolution" das gemeinsame Glauben lernten (zum Homo religiosus wurden!), konnten sie immer größere Kooperationen eingehen - womit nicht nur Religionsgemeinschaften gemeint sind, sondern nach der Agrarischen Revolution ebenso Staaten, Geldsysteme, Parteien und Wirtschaftsunternehmen, sogar Wissenschaften. Auch die Behauptung von "Priesterbetrug" wehrt er weitgehend ab - die meisten funktionierenden (und lebensnotwendigen!) Erzählsysteme seien von Menschen begründet und betrieben, die tatsächlich an sie glauben. Hier eine Zusammenfassung seines Argumentes in einem TED-Talk in London:

Sehr lesenswert sind zudem seine Ausführungen zur großen Rolle menschlicher Ängste: Harari weist darauf hin, dass unsere Vorfahren vor der kognitiven Revolution eher nur die Mitte der Nahrungspyramide besetzten - und heute noch "die Ängste des Dikators einer Bananrepublik" zeigten: Wir seien an der Macht, aber ständig in Furcht vor dem Absturz, was z.B. Kriege begünstige. Freunde des Trans- und Posthumanismus werden bei ihm zudem interessante Spekulationen zur menschlichen Zukunft finden.

Es bleibt mir nur noch einmal zu betonen, dass Harari gar nicht beansprucht, völlig Neues zu verkünden. Die Dreiteilung der Welt in physikalische Tatsachen, die Welt individueller Wahrnehmungen und die Welt der kulturell tradierten Ideen (und ihrer komplexen Wechselwirkungen) ist beispielsweise bereits bei Karl Popper (1902 - 1994) zu finden. Aber Harari schreibt und lehrt mit Leidenschaft interdisziplinär und scheint auch sehr erfolgreich darin zu sein, bei vielen das Nachdenken und weitere Debatten anzustoßen. Sein Buch kann ich daher - ob in Englisch oder Deutsch - nur von Herzen empfehlen! Das Wissen um die interdisziplinäre Evolutionsforschung und die Emergenz neuer Eigenschaften breitet sich erfreulicherweise weiter aus! Und so bleibt mir zu hoffen, in Zukunft auf weniger Verblüffung zu treffen, wenn ich darauf hinweise, dass nicht nur Religionen, sondern auch Staaten, Geld- und Wirtschaftssysteme auf verschiedene Arten des Glaubens angewiesen sind.

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Der Kommentar des Jahres 2015 – Martin Holzherr zu Öl, Terror und Rentierstaatstheoriehttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/der-kommentar-jahres2015-martin-holzherr/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=der-kommentar-jahres2015-martin-holzherr http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/der-kommentar-jahres2015-martin-holzherr/#comments Sat, 16 Jan 2016 09:55:02 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2550 ... weiter]]> Ja, Kommentarspalten von Blogs und Nachrichtenseiten werden leider zunehmend von (meist anonym agierenden) Hatern, Trollen, Cranks und Sockenpuppen missbraucht. Doch gerade auch mit einer strengen Moderation kann es weiterhin gelingen, konstruktive Diskussionen zu erleben. So versuche ich nicht nur, jeden der - inzwischen über 20.000 (!) - sachlichen Kommentare auf NdG aufmerksam zu lesen, sondern auch zu beantworten. Und ich freue mich immer wieder über Kommentare, die zeigen, dass Leserinnen und Leser mit den Wissensthemen "ringen", sie sich aneignen, auch anwenden und dabei durchaus "weiterkommen". Auf die völlige Übereinstimmung mit meiner Position kommt es mir dabei gar nicht an - vielmehr lerne ich selbst auch immer wieder neu dazu, bekomme Aha-Momente und weiterführende Gedanken geschenkt.

Entsprechend hatte ich bereits 2014 einen Kommentar des Jahres (von Joseph Kuhn) und möchte auch einen aus dem Jahr 2015 hervorheben: Martin Holzherr rang beim Blogpost "Öl und Terror - Wie das schwarze Gold repressive Regime und Gewalt fördert" im November 2015 mit der - m.E. überaus wichtigen - Rentierstaatstheorie.

Rentierstaatstheorie

Man kann an Holzherrs Kommentar richtig mitlesen, wie sich die Gedanken verfertigen, verknüpfen und in verschiedene - im Blogpost selbst gar nicht thematisierte - Bereiche ausgreifen. Sein vollständiger Kommentar hier:

Dem Modell des Rentierstaats wird von erstaunlich vielen Sympathie entgegengebracht. Dass der Staat seine Bürger mit Renten beglückt, seien es üppig gepolsterte Rentenguthaben in Norwegen gespeist vom dortigen Ölfond oder Gratisbenzin in Saudiarabien und anderen Ölstaaten, was kann daran schlecht sein? Schlecht daran ist die mit dem Geld und den Renten verbundene Macht. Der Spruch "Geld regiert die Welt" stimmt und hat schon immer gestimmt. Wer entscheiden kann was mit dem Geld, seien es Steuereinnahmen oder Rohstofferlöse, passiert, der hat letztlich die Macht. Wenn das Geld von allen Bürgern durch ihren eigenen Verdienst hereinkommt, dann haben diese Bürger auch ein implizites Recht darüber zu entscheiden was mit dem Geld geschieht. In demokratischen Staaten ist das so und in Staaten wie dem vorrevolutionären Frankreich war es zwar nicht so - dort wurde das Geld der Bürger vom König verprasst - aber auch nur bis zur Revolution. Die moderne Demokratie, die sich zuerst in England ausbildete und sich dann über ganz Europa verbreitete, begann in England mit der Magna Charta. Diese Magna Charta legte fest, dass der König nur Krieg führen und das dazu nötige Geld eintreiben konnte, wenn ihm das von den Adligen erlaubt wurde, denn letztlich kam das Geld von den Adligen (die es wiederum von ihren Untertanen hatten). Wer also das Geld hat, hat auch die ntürliche Legitimation darüber zu verfügen. Mit dem Geld hat er die Macht.
Bis heute erarbeiten in den meisten Staaten die Bürger des Staates das Vermögen des Staates. Doch es gibt eine Tendenz zur Verlagerung hin zum Staat, also mithin zu einer Form von Rentierstaat. Schon die Sozialdemokratie hatte zum Ziel Gelder von Wohlhabenden dem Staat zuzuführen, der das Geld dann unter die Bürger verteilt. In Zukunft wird der Staat als Quelle des Einkommens sogar an Bedeutung gewinnen. Die zunehmende Automatisierung und Roboterisierung wird vielen Menschen die Arbeit nehmen und der Staat wird dann wohl ein Grundeinkommen einrichten müssen. Das ist sicher gut und viel besser als wenn Automation zur Verarmung der nun Arbeitslosen führt. Doch ist auch die Gefahr damit verbunden, dass der Bürger machtlos wird, dass er zum reinen Empfänger von Transfervermögen wird und in der "Gnade" des Staates steht. Für eine Demokratie sind das keine guten Voraussetzungen.

Für mich als Wissenschaftsblogger unterstreichen solche Kommentare, dass doch einiges von dem Wissen, das angeboten wird, auch ankommt - und zwar nicht im Sinne einer passiven Kopie, sondern einer aktiven, interpretierenden Aneignung. Dies ist sehr ermutigend, zumal bekanntermaßen nur ein sehr kleiner Teil der Blognutzenden überhaupt kommentiert.

Vielen lieben Dank also an alle, die sich die Mühe machen, sachliche Kommentare beizusteuern - und Martin Holzherr einen herzlichen Glückwunsch zum "Kommentar des Jahres 2015" auf Natur des Glaubens!
:-)

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Religion und Ritual – Das Jahrbuch für Interdisziplinäre Anthropologie 03-2015 von Gerald Hartung und Matthias Herrgen (Hrsg)http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religion-ritual-das-jahrbuch-interdisziplinaere/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=religion-ritual-das-jahrbuch-interdisziplinaere http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religion-ritual-das-jahrbuch-interdisziplinaere/#comments Sat, 09 Jan 2016 16:45:16 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2547 ... weiter]]> Mit den jährlich erscheindenen Bänden zur "Interdisziplinären Anthropologie" haben Prof. Dr. Gerald Hartung und Matthias Herrgen inzwischen eine neue Forschungsmarke im deutschsprachigen Raum etabliert, die auch bereits ins Internationale auszustrahlen beginnt. So erinnere ich mich sehr gerne an die gelungene Tagung über die "Philosopical Anthropology of Religion" in Wuppertal 2014, bei der u.a. Prof. Matt Rosano von der Southeastern Louisiana University zur interdisziplinären Evolutionsforschung sprach. Hartung und Herrgen entschieden dann, diesen englischsprachigen Vortrag zum "Target Article" des Jahrbuches 03/2015 zu machen, auf den dann die Herausgeber ebenso wie Wolfgang Achtner, Christoph Antweiler, Ulrich Frey, Richard Sosis, ich und andere mehrseitig antworteten. Eine ausführliche "Reply" von Matt schließt diesen "gedruckten Dialog".

Weitere, durchweg lesenswerte Artikel thematisieren zum Beispiel den Rousseauismus (Christian Thies), die Ideengeschichte des "Homo creator" (Ralf Becker) und die wissenschaftlich-gesellschaftlichen Debatten um den Begriff der "menschlichen Natur" (Maria Kronfeldner). Forschungs- und AG-Berichte sowie Rezensionen teilweise mehrbändiger Werke runden das Jahrbuch ab.

Ist das eine "Menge Stoff"? Absolut - aber seriöses, wissenschaftliches und insbesondere interdisziplinäres Arbeiten bleibt eben nicht an der Oberfläche, sondern bohrt und forscht tiefer. Und vielleicht auch gerade aufgrund seines interdisziplinären Ansatzes sind die vorliegenden Jahrbücher dieser Reise nicht in unverständlichem Fachchinesisch gehalten, sondern zielen auf Verständlichkeit und empirische Überprüfbarkeit, aber eben auch kritische Reflexion. Es war mir eine Ehre, auch an diesem Jahrbuch mitgewirkt zu haben und ich hoffe sehr, dass es viele Leserinnen und Leser inner- und auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebes finden wird!

InterdiplAnthropologieJahrbuchReligion2015

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Was bedeutet eine Flucht über das Mittelmeer? Über das Meer von Wolfgang Bauer und Stanislav Kruparhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/was-flucht-mittelmeer-ueber-meer/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=was-flucht-mittelmeer-ueber-meer http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/was-flucht-mittelmeer-ueber-meer/#comments Fri, 01 Jan 2016 12:37:44 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2543 ... weiter]]> Vor wenigen Stunden hat das neue Jahr 2016 begonnen - und an der Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde deutlich, dass die Frage der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen auch die kommende Zeit prägen wird.

Aber was wissen wir überhaupt über die Flüchtlinge, die Hintergründe ihrer Flucht und ihre Geschichte?

In meinem letzten Artikel für "eigentümlich frei" hatte ich über die Situation, die Not und die viel genannten, aber noch wenig verstandenen Fluchtursachen der Flüchtlinge im Irak berichtet, zum kostenfreien Download hier:

"Terror im Nahen Osten. Öl als Rentenquelle und Fluchtursache"

Mit ihrem Buch "Über das Meer" haben Wolfgang Bauer und Stanislav Krupar nicht die "Fluchtursachen" im Blick, sondern die konkrete Flucht: Die beiden begleiteten - unter der Tarnidentität von Fliehenden aus dem Kaukasus - eine Gruppe syrischer Flüchtlinge, die von Ägypten aus Deutschland und Schweden erreichen wollten.

FluchtueberdasMeerBuch

Die Reportage ist dabei außerordentlich kompakt und engagiert geraten: Die beiden Journalisten empfinden mit den Menschen, stellen jedoch auch deren Schwäche, Ängste und - manchmal überzogenen - Hoffnungen dar. Sie berichten von kriminellen Schleppern und Schmugglern, korrupten Offiziellen (von Ägypten - bis Dänemark!) und der Verzweiflung derjenigen, denen das Geld ausgeht. Hier wird eindrucksvoll deutlich, warum vor allem junge Männer und eher Menschen mit Geld(reserven) die Überfahrt nach Europa wagen und warum sie auch nicht in Griechenland oder Italien bleiben, sondern sich ein neues Leben in Mittel- oder Nordeuropa aufbauen wollen. Es wird deutlich, warum "Grenzsicherung" alleine den Zustrom nicht aufhalten wird - und warum tatsächlich Engagement und Nächstenliebe gefragt sind, wenn auch wir selbst unsere Menschlichkeit nicht verlieren wollen.

Wer sich einen ungeschönten Eindruck vom Geschehen auf den Fluchtrouten und den Menschen, die es dennoch wagen, machen möchte, dem kann ich "Über das Meer" nur sehr ans Herz legen. Das Buch lässt sich zügig lesen, es ist packend und informativ geschrieben, auch die Schwarz-Weiß-Fotografien sind eindrucksvoll gelungen. Diese Reportage lässt die Leserin, den Leser mit neuen Einsichten, nachdenklich, vielleicht auch entschlossen, zurück. Ich bin froh, mit "Über das Meer" ins neue Jahr gestartet zu sein...

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Jahresrückblick 2015: Das heftigste Jahr meines Lebens – und vielleicht auch das sinnvollste…http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/jahresrueckblick-2015-das-heftigste-jahr-meines-lebens-und-vielleicht-auch-das-sinnvollste/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=jahresrueckblick-2015-das-heftigste-jahr-meines-lebens-und-vielleicht-auch-das-sinnvollste http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/jahresrueckblick-2015-das-heftigste-jahr-meines-lebens-und-vielleicht-auch-das-sinnvollste/#comments Wed, 30 Dec 2015 22:20:59 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2536 ... weiter]]> Es gibt sie also, diese Jahre, nach denen man die Welt für immer mit anderen Augen sieht... Und durch die man einfach durch muss, weil kaum Zeit zum Nachdenken bleibt, man einfach tut.

Der Beruf führte mich 2015 in den Irak.

Auf dem Flüchtlingsgipfel des Landes Baden-Württemberg in 2014 hatten alle Fraktionen des Landtags ihre Unterstützung für das Vorhaben signalisiert, bis zu 1.000 Frauen und Kinder aufzunehmen, die durch den so genannten "Islamischen Staat" traumatisierende Gewalt erfahren hatten, deren Familienstrukturen zerbrochen waren und denen vor Ort nicht mehr geholfen werden konnten. Und zum Jahresende 2014 fragten mich Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Staatssekretär Klaus-Peter Murawski, ob ich bereit wäre, die Leitung dieses Projektes zu übernehmen. Doch es gab einen "kleinen Haken": In der Geschichte der Bundesrepublik hatte noch nie ein Bundesland ein solches Sonderkontingent umgesetzt. Es gab also jede Menge Bedenken und Warnungen und mancher Zyniker (ebenso wie die Unterstützer quer durch die Parteienlandschaft) hätte sich über ein Scheitern dieses Vorhabens auch erkennbar gefreut. Aber, Hand aufs Herz - wenn Sie gefragt worden wären, ob Sie bereit wären, Frauen und Kinder aus schlimmsten Umständen und manchmal gar vor dem Tod zu retten, hätten Sie "Nein" sagen können? Ich auch nicht. Und nachdem die Gelegenheit bestand, über die Weihnachtsfeiertage mit meiner Frau darüber zu sprechen - die das Projekt dankenswerterweise aus ganzem Herzen und bis zuletzt unterstützte - sagte ich also "Ja".

Natürlich herrschte lange Geheimhaltung und so galt es beispielsweise, potentielle Teammitglieder auszusuchen und diskret anzusprechen. Wir lachen heute noch über die wundervoll skurrilen Situationen, in denen ich als "Mann in Grau" aus irgendwelchen Schatten trat und Expertinnen und Experten der verschiedensten Fähigkeiten so in etwa fragte: "Hast Du/Haben Sie in diesem Jahr schon etwas vor?". Fast alle sagten, nachdem ich sie eingeweiht hatte, zum Projekt "Ja" - und es hätten sich auch noch mehr Freiwillige gefunden. So bauten wir eine kleine, aber feine und sehr bunte Einsatzgruppe auf und wurden von Kollegen zu Freunden.

Die Geheimhaltung ließ sich - auch dank insgesamt verantwortungsbewusster Journalistinnen & Journalisten - lange aufrecht erhalten, erst ab dem Herbst mussten sich Prof. Jan Ilhan Kizilhan und ich persönlich identifizierbar den Medien stellen. Danach ging es dann freilich auch auf den "sozialen Medien" los, das lässt sich heute praktisch nicht mehr steuern...

FalahMustafaTweetBlume2015Ein Tweet des Außenministers von Kurdistan-Irak, Falah Mustafa.

Christoph Wagenseil von REMID habe ich zum Thema ein Interview als Religionswissenschaftler gegeben, würde es dabei jetzt aber auch gerne belassen: Das Projekt war eine Teamleistung, es waren intensive und manchmal furchtbare Erfahrungen und ich bin Regierung, Landtag und den aufnehmenden Kommunen unendlich dankbar dafür, dass wir gemeinsam Hunderte von Frauen und Kindern retten konnten und es alle wieder gesund nach Hause schafften.

ShingalKirche

Die zerstörte Kirche von Shingal... Foto: Michael Blume

Wissenschaftlich galt es 2015 selbstverständlich zurück zu stecken: Außer einem bereits zugesagten Blockseminar an der Universität zu Köln konnte ich 2015 nur noch wenig lehren und vortragen. Den Blog und auch Facebook bespielte ich so stabil wie möglich weiter und schaffte auch die eine oder andere Folge des neuen Audioblogs (der sich freilich auch technisch noch entwickeln müsste).

Ein größeres Buchprojekt bei einem renommierten Wissenschaftsverlag musste ich auf 2016/2017 verschieben und schaffte im Gegensatz zu den letzten Jahr auch nur ein neues sciebook: In "Öl- und Glaubenskriege" konnte ich den Zerfall der arabischen Geistes- und Staatenwelt mithilfe der Rentierstaatstheorie analysieren.

OelGlaubenskriegeCoverBurakEkin

Auch persönlich war es ein heftiges Jahr. Wie bereits eingangs geschrieben kann ich meiner Frau Zehra gar nicht genug für die wunderbare Unterstützung während dieser oft harten Zeit danken. Auch die Kinder machten immer großartig mit - beispielsweise fertigte mir die 12jährige Tochter zu jeder Irakreise ein kleines "Segenskärtle". Und doch hätte alles ganz furchtbar anders laufen können - bei einem Unfall am Stuttgarter Hauptbahnhof wäre beinahe mein jüngster Sohn gestorben, kam aber - danke, Schutzengel! - nur mit einer Schramme davon... Wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist, erfuhren wir also nicht nur im Ausland...

ZehraMichaelWinter2015

Danke, dass wir dieses Jahr gemeinsam geschafft haben, Zehra!

Zu den sehr positiven Erlebnissen des Jahres gehörte dagegen die grandios gefeierte Hochzeit meiner Schwester mit Ricardo (was uns nun zu einer deutsch-türkisch-italienischen Familie macht) und echte "Quality Time" mit Familie und Freunden. So hatten wir beispielsweise eine befreundete (muslimische) Familie zu Weihnachten zu uns eingeladen und mit einer eng verbundenen, schwäbischen Familie den Weltweihnachtszirkus besucht. Danke, dass Ihr da seid - und Verständnis hattet, wenn die Zeit mal sehr knapp oder ich sehr müde war...

Und wenn ich also auch wenig schreiben konnte, so genoss ich doch - vielleicht intensiver denn je - das Lesen. Während einer zweiwöchigen Urlaubs- und Internetpause im Sommer verschlang ich beispielsweise diesen Bücherstapel völlig unterschiedlicher Genres und zehre bis heute von den wunderbaren Geschichten, Informationen und Ideen!

BuecherstapelSommer2015

Aber zu einem Rückblick von 2015 gehört natürlich auch eine Hommage an Filme & Serien insgesamt - und an Star Wars im Besonderen! Schon im Frühjahr konnte ich mit meinem (mittleren) Sohn im Legoland X-Wings gegen Tie-Fighter antreten lassen - und in wenigen Tagen darf ich mit meiner Tochter zum zweiten Mal in Episode VII (ja, manchmal ist Vater-Sein richtig fein! :-) ).

Natürlich haben sich für das neue Jahr schon einige Pläne abgezeichnet - so möchte ich gerne wieder mehr religionswissenschaftlich lehren, vortragen und schreiben, das ehrenamtliche Engagement wieder etwas verstärken und zum Beispiel die Einladung zur Mitarbeit (u.a. als Gutachter) bei der neuen Open Access-Zeitschrift für kognitive Archäologie (Heidelberg) annehmen. Im REMID-Interview hatte ich gehofft,

im kommenden Jahr auch einfach wieder braver Beamter, Familienvater und Hochschuldozent sein zu dürfen.

Und mal schauen, was noch kommt...

Generell bleibt mir von 2015 ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für so vieles, was wir in Deutschland haben und für selbstverständlich halten. Auch, weil ich das Leid von Kriegsopfern und Flüchtlingen Hundertfach gesehen und gehört habe, bin ich gegenüber Hass und Intoleranz unduldsamer geworden - und habe mich beispielsweise als Autor vom zuletzt immer weiter nach rechts gedrifteten "eigentümlich frei"-Magazin getrennt. Wozu Hass, Fundamentalismus und Rassismus führen können, habe ich mit eigenen Augen gesehen...

So - irgendwie hat es jetzt sehr gut getan, sich das Auf und Ab dieses "heftigen Jahres" von der Seele zu bloggen. Allen, die bis hierher durchgehalten haben, danke ich für das Interesse! Ihnen und Euch allen wünsche ich ein frohes und gesegnetes Jahr 2016! Und: Möge die Macht mit Euch sein!

LegolandBlumes2015

Das Imperium wird nicht siegen... Eine schöne Papa-Sohn-Erinnerung vom Legoland 2015

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Das Gift des Terrors – Mein letzter Artikel bei eigentümlich freihttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/das-gift-terrors-mein-artikel/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=das-gift-terrors-mein-artikel http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/das-gift-terrors-mein-artikel/#comments Sun, 27 Dec 2015 13:11:34 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2523 ... weiter]]> Fragt mich jemand nach meiner Weltanschauung, so antworte ich: "Christlich-liberal". Die Ideen der Menschen- und Freiheitsrechte - auch historisch beginnend mit der Religionsfreiheit -, die Hochachtung vor Dialog und Meinungsaustausch, die Abschaffung der Sklaverei und die Zurückweisung von Rassismus, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Parlamentarismus und Gewaltenteilung (in Legislative, Judikative und Exekutive) halte ich für überaus kostbare Entdeckungen menschlicher Kultur(en), die wir weiterentwickeln, aber nicht mehr aufgeben sollten. Evolutionär gewachsene Traditionen (der Familien, Religionen u.v.m.) achte ich sehr, lehne es jedoch ab, sie mittels staatlicher Gesetze durchsetzen zu wollen. Gerade auch in den (leider von Rationalisten nicht verstandenen) Arbeiten von liberalen Denkern wie Adam Smith oder Friedrich August von Hayek treffe ich auf eine wichtige Aussage: Was lebensförderlich ist, wird sich - bei fairen Rahmenbedingungen - auch ohne Zwang behaupten. (Von Hayek formulierte auf diesem Denkweg übrigens eine These zum Zusammenhang von Religion(en) & Demografie, die sich empirisch bestätigte!)

Entsprechend verstehe ich den Liberalismus als eine grundsätzlich optimistische Weltanschauung: Das Ja zu Freiheiten ergibt sich auch aus der Überzeugung, dass sich im freien Spiel bessere Lösungen und neue Entdeckungen herausbilden werden, als sie jede zentralistische Planung "von oben" erzeugen kann. Ja zur Freiheit ist Ja zum (evolvierten und weiter vielfältig evolvierenden) Leben. Die ständige, beschwörende Angst vor dem "Untergang" (der sog. Deklinismus, derzeit zum Beispiel im zentralistischen Frankreich sehr stark) und der daraus folgende Hang zu Verschwörungstheorien und zum zunehmend undifferenzierten Hass gegen religiöse Minderheiten, Zuwanderer, selbstbewusste Frauen, Homosexuelle, Wissenschaftlerinnen und "das System" sind daher in meinen Augen zutiefst illiberal - und derzeit leider durch das gegenseitige Anstacheln religiöser Terroristen einerseits und dumpfer Nationalisten andererseits auch in Europa auf dem Vormarsch.

YodaFurchtWutHassLeidZDF

Zitat von Yoda: Wo er Recht hat, hat er Recht. Social-Media-Mem des ZDF.

Aufgrund meiner freiheitlichen Überzeugungen habe ich lange und gerne bei eigentümlich frei geschrieben. Dass in diesem Monatsmagazin auch immer wieder "bunte", zugespitzte und (auf den ersten, manchmal auch zweiten und dritten Blick) abseitige Stimmen zu Wort kamen, fand ich sogar gut - denn erst die Meinungsfreiheit erlaubt ja den Austausch und Wettstreit der Meinungen mit oft überraschenden Entdeckungen.

Doch erst langsam, in den vergangenen Monaten zunehmend schneller geriet auch das ef-Magazin (und nicht zuletzt sein Kommentarbereich) in den Sog der angstbesetzten Deklinismus-"Gegenkultur" zwischen Pegida, AfD, Fremden-, Islam- und Frauenfeindlichkeit samt Ergebenheitsadressen an erklärte Freiheitsgegner wie Akif Pirincci und Donald Trump. Lange habe ich aus- und standgehalten, mich von einigen ef-Kommentatoren u.a. als "Muslimfreund" und "von den USA bezahlt" beschimpfen lassen, weil ich es wichtig fand, dem Trend zur abgeschotteten, sich radikalisierenden Medienblase zu widerstehen. Es wäre ein tragischer Verlust, wenn das ef-Magazin im neurechten Mainstream mit seiner ganz eigenen "political (in)correctness" aufginge.

Doch leider scheint sich genau dieser Trend eher weiter zu beschleunigen. Was soll ich von einem Blogbereich halten, in dem ein "Christian Wolf" unwidersprochen, sogar bejubelt die immerhin frei gewählte Bundeskanzlerin rechtsextrem, antisemitisch, antiamerikanisch und sexistisch verhöhnen darf?

Wer sich von Merkel kommandieren lässt, braucht keinen amerikanischen Kaufman- oder Morgenthau-Plan mehr zur eigenen Vernichtung.

Die optische Massenvernichtungswaffe im Hochverrats-Hosenanzug ist die absolute Wunderwaffe für den deutschen Untergang.

Und statt Widerworte setzen (zahlende!) Kommentatoren wie "Ernst-August Feldmann" gleich noch welche drauf:

Merkel ist Feministin.
Von der Leyen ist Feministin.
Auch die Mohn ist Feministin.
Ebenso die Springer.
Und die Schwarzer sowieso.
Ich halte jede Wette, daß die Gibbs auch Feministin ist.

Ein Witz und ein Unglück, wieviel Macht diese Frauen haben.

Ist es da ein Wunder, daß der Schokokönig nur deshalb Präsident wurde und blieb, weil ihn mehrheitlich Frauen gewählt haben?
Daß es Homosexuelle in hohe politische Ämter schaffen?

Was, bitte, soll an diesem Hass, Rassismus und Sexismus noch freiheitlich oder liberal sein?

Passend dazu hat eigentümlich frei nun auch noch auf das Ausscheiden des Euro-Kritikers Frank Schäffler reagiert - indem es Thilo Sarrazin (SPD) zum regelmäßigen Kolumnisten erhob! Einen weniger freiheitlich-liberalen Publizisten hätte man in ganz Deutschland kaum auftreiben können... Wie sich Sarrazin dabei Wissenschaft sozialdarwinistisch zurechtschneidet, konnte ich dabei an seinem Umgang auch mit meinen eigenen Arbeiten sehr gut beobachten. Und "wie bestellt" zieht Sarrazin natürlich gleich in seiner ersten Kolumne gegen Angela Merkel, Flüchtlinge und Muslime vom Leder - in der gleichen Ausgabe, in der ich über die wirtschaftlichen Hintergründe des sog. "Islamischen Staates" und der Flüchtlingskrise geschrieben hatte.

Damit ist für mich das Maß nun voll. "Terror im Nahen Osten. Öl als Rentenquelle und Fluchtursache" war und ist mein letzter Beitrag für eigentümlich frei. Denn wer "im Namen der Freiheit" zunehmend doch nur Angst, Hass und Verschwörungstheorien verkauft, macht damit vielleicht ein gutes Geschäft, verscherbelt aber den Kerngehalt des Liberalismus. Meinen Namen und meine Texte gebe ich dafür nicht her - dafür sind mir die Traditionen der Freiheit zu kostbar!

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Religion evolviert – Das erste Rap-Video von Baba Brinkmanhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religion-das-rap-video-baba/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=religion-das-rap-video-baba http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religion-das-rap-video-baba/#comments Sat, 26 Dec 2015 05:18:12 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2511 Vor über einem Jahr berichtete ich erstmals über den "Rap Guide to Religion" des "Wissensrappers" Baba Brinkman. Inzwischen genieße ich die wissenschaftlich wie auch musikalisch herausragenden Stücke, die verschiedenste Aspekte der Evolutionsforschung zu Religiosität & Religionen umfassen.

Baba Brinkman's "Fertility Gods" auf dem Kindle

Baba Brinkman's "Fertility Gods" zu Religion & Demografie auf dem Kindle

Doch es wird noch besser - inzwischen ist auch das erste Video zum Rap-Album erschienen, genauer gesagt: Zum Eingangstitel "Religion evolves"!

ReligionEvolvesVideoBabaBrinkmanHier das Video zum Abspielen:

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