Natur des Glaubens http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens Evolutionsgeschichte der Religion(en) Wed, 27 Apr 2016 20:01:29 +0000 de-DE hourly 1 War Barack Obama ein gescheiterter Messias? Anmerkungen zu einem Problem säkular-politischer Kulturhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/war-barack-obama-messias-anmerkungen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=war-barack-obama-messias-anmerkungen http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/war-barack-obama-messias-anmerkungen/#comments Wed, 27 Apr 2016 19:51:42 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2766 ... weiter]]> Wohl zum letzten Mal besuchte Barack Obama als US-Präsident die Bundesrepublik Deutschland. Dabei hielt er in Hannover auch eine Art "Abschiedsrede", die neben Danksagungen an Angela Merkel vor allem den Wert und die Bedeutung der Europäischen Union im Angesicht neo-nationalistischer Strömungen unterstrich. (Und die Hoffnung, einmal als Nicht-mehr-Präsident das Oktoberfest besuchen zu dürfen.) Es ist eine durchaus bemerkenswerte Rede und ich hatte auch kurz mit dem Gedanken gespielt, sie (wie eine frühere) zu übersetzen. Ich kann sie nur empfehlen.

Doch ein Kommentar des SPIEGEL-(Mit)Erben und SPIEGEL-Online-Kolumnisten Jakob Augstein erinnerte mich an die zivilreligiöse Einsetzungsfeier in Washington 2009 und das breite und wichtige Thema Zivilreligion - den religiösen Überbau aus Mythen, Symbolen und Ritualen, den alle aktiven politische Körperschaften entwickeln (müssen). Augstein schrieb:

Barack Obama war in Deutschland. Abschiedstournee eines Mannes, der einmal der Messias war.

"Die Deutschen" hätten - so Augstein - Obama zunächst als "Messias" geglaubt und gefeiert. Und sich selbst einbeziehend urteilt er:

Aber der Messias ist am glaubwürdigsten, solange man auf ihn wartet. Sobald er sich zeigt, beginnt die Entzauberung. Und die Entzauberung des Barack Obama war gewaltig. Dieser Präsident war eine Enttäuschung.

Barack_Obama_family_portrait_2011_Pete_SouzaEin Politiker oder ein Messias? Offizielles Familienporträt der Familie Obama. Foto: Pete Souza (gemeinfrei)

Der Messias-Titel in "Politik" und "Religion", in Welt- und Endzeit

Nun ist der Messias-Titel tatsächlich außerordentlich interessant und bezeichnet in der hebräischen Bibel als "Moschiach" den auch religiös - etwa durch Propheten - "gesalbten" König. Auch ein nichtjüdischer, aber dem Judentum freundlich gesinnter König wie der Perser Kyros kann in der Bibel noch mit diesem Begriff ausgezeichnet werden.

Später verschiebt sich der Messias-Begriff jedoch aus der Weltzeit in die Endzeit - der Messias wird zu einer Heilsfigur, die den Anbruch der gerechten Gottesherrschaft verheißt. So zählt auch Jesus - wie viele andere - zu denen, die von Jüdinnen und Juden für den Messias gehalten werden, wobei der Titel als "Christos" ins Griechische übersetzt wird.

Zumal Jesus jedoch gekreuzigt wird - laut biblischem Bericht verspottet als "König der Juden"! - und den Christinnen und Christen als auferstanden und bis zur endzeitlichen Wiederkehr entrückt gilt, wird der Messias-Titel noch über- und endzeitlicher.

Die Kreuzigung Jesu nach Vouet, 1622. Man beachte die lateinische Abkürzung INRI für "Jesus von Nazareth, König der Juden" an der Spitze. Quelle: NdG 2011

Auch im Koran wird Jesus unter Anderem als al-masih geehrt, in einigen Traditionen entwickeln sich darüber hinaus Hoffnungen auf eine muslimische Erlöserfigur, den "Mahdi".

Die Re-Säkularisierung des Messias in den säkularen Weltanschauungen des Sozialismus und Nationalismus

Mit dem Aufstieg diesseitiger ("weltlicher") Weltanschauungen wie dem Sozialismus und Nationalismus wird auch die Hoffnung auf Erlösung buchstäblich "säkularisiert" - also ins saeculum, ins Jahrhundert, die diesseitige Weltzeit, zurückgeholt. Links- und Rechtsideologen wollen sich nicht mehr auf einen religiösen Messias hin "vertrösten" lassen, sondern die Erlösung hier und jetzt, notfalls mit Zwang und Gewalt, erleben. Selbst in der beschaulichen Schweiz warnt Jeanne Hersch vor diesem Überschwang:

Die seit einigen Jahren modisch gewordene Forderung nach dem "vollen Glück, jetzt gleich", nach einem unmittelbaren irdischen Paradies ("le bonheur, tout de suite!", riefen die Studenten auf den Pariser Strassen im Mai 1968), ist nicht nur menschlich gesehen eine Phantasterei oder Schwärmerei, die jeder Wirklichkeit den Rücken kehrt, sondern sie schließt die Möglichkeit eines Sinnes aus.

Aus: Hersch, J. (2010): Erlebte Zeit. Verlag Neue Zürcher Zeitung, S. 46

Denn tatsächlich sind politische Messias-Hoffnungen - wie Augstein auch erkennt und beschreibt - zum Scheitern verurteilt. Mit den Mitteln menschlicher Politik lässt sich wohl eine Hölle, aber kein Himmel auf Erden schaffen. Daher sind gerade auch linksgerichtete Parteien (wie die SPD) meisterhaft darin, das eigene Spitzenpersonal schlechtzumachen - vor allem dann, wenn es in Regierungsämter gelangt ist. (Nicht zufällig sind Linkspopulisten wie Oskar Lafontaine und Gregor Gysi durch Rücktritte diesem Schicksal zuvorgekommen, haben sich damit ihre "Reinheit" als Hoffnungsträger bewahrt.)

In dieser Perspektive "musste" Obama also erst der Messias sein, der dann unvermeidlich "enttäuscht". Denn Krisen und Konflikte mit dem Kongress, Kompromisse und auch die unvermeidlichen Fehler sind in politisch-säkularen Erlösungslehren nicht vorgesehen.

Wohl denen, die Messias-Ämter auf den religiös-endzeitlichen Bereich zu beschränken vermögen und also zwischen den "letzten" (transzendenten) und "vorletzten" (politischen) Fragen zu unterscheiden vermögen, wie es der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau (SPD, 1931 - 2006) formulierte. Dies ermöglicht die Chance, Politikerinnen und Politiker realistisch und kritisch-konstruktiv zu würdigen. Wer diese Unterscheidung nicht vermag und sich mehr oder weniger bewusst immer wieder auf die Suche nach "politischen Messiassen" macht, wird wieder und wieder zwischen Euphorie und Enttäuschung pendeln.

Das Barack Obama als Augsteins Messias gescheitert ist, muss ihn nicht bekümmern. Nur ein früher Rücktritt oder Tod hätte den US-Präsidenten vor diesem "Urteil" bewahren können...

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Stolz auf osmanisch-türkische Eroberungen, empört über westlichen Imperialismus. Ein rationales oder narratives Phänomen?http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/stolz-eroberungen-imperialismus-ein-phaenomen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=stolz-eroberungen-imperialismus-ein-phaenomen http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/stolz-eroberungen-imperialismus-ein-phaenomen/#comments Sat, 23 Apr 2016 09:36:47 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2751 ... weiter]]> Zu meinem sciebook über "Öl- und Glaubenskriege" erreichen mich immer wieder sehr interessierte und erfreuliche Reaktionen - und zwar sowohl von christlichen und konfessionsfreien wie auch von muslimisch-sunnitischen, alevitischen und yezidischen Leserinnen und Lesern. Manche fügen auch eigene Beobachtungen oder Fragen hinzu, so dass sich mitunter vertiefende Dialoge ergeben. Dabei fällt mir jedoch ein Phänomen ins Auge, dass ich hiermit vorstellen möchte: Unterschiede in der Deutung osmanischer und westlicher Eroberungen.

OelGlaubenskriegeTaschenbuch

Das sciebook über die "Öl- und Glaubenskriege" löst vielerlei Reaktionen über Religions- und Herkunftsgrenzen hinweg aus. Foto: Michael Blume

Die meisten der deutschsprachigen Leserinnen und Leser lehnen Eroberungskriege generell ab - egal, zu welcher Zeit und ob sie nun von Deutschen, Franzosen, US-Amerikanern, Osmanen oder Russen durchgeführt wurden. Diese Einschätzung ist - bei Unterschieden in Details - durchaus auch herkunfts- und religionsübergreifend und wird beispielsweise auch von muslimischen Deutschkurden, alevitischen oder yezidischen Deutschtürken geteilt. Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden jedoch Deutschtürken sunnitisch-muslimischen Glaubens: Hier treffe ich häufig auf Aussagen, nach denen man "stolz" auf die osmanischen Eroberungen etwa von Konstantinopel und des Balkans sei - aber zugleich besonders empört über die zeitlich früheren Kreuzzüge und den westlichen Imperialismus ab dem 18. Jahrhundert. Die osmanischen Eroberungskriege seien also moralisch gerechtfertigt gewesen, die davor liegenden Kreuzzüge und die folgenden westlichen Kriegszüge aber nicht.

Einen viel diskutierten Erklärungsansatz dazu veröffentlichte nun der - seinerseits deutschtürkische - WELT-Korrespondent Deniz Yücel in "Erdogan - Der Kalif, der aus der Volksneurose kam". Demnach habe der zunächst langsame, dann rasante Verfall des Osmanischen Reiches und schließlich die Zerschlagung im Vertrag von Sevres von 1920 ein ähnlich kollektives Trauma hervorgebracht wie der Genozid an Juden, Sinti und Roma sowie die Niederlage Deutschlands in beiden Weltkriegen: Seitdem würde das ganze Weltgeschehen in beiden Völkern je aus diesen Perspektiven heraus interpretiert. Während sich Deutsche aufgrund der (zunächst unter Zwang!) aufgearbeiteten Verbrechen und Fehler als historisch "schuldig" betrachteten, habe sich in der türkisch-islamischen Öffentlichkeit die Deutung durchgesetzt, dass die "Schmach" nicht durch eigene Verfehlungen, sondern durch innere und äußere Verschwörungen herbeigeführt worden wäre. Diese gälte es also fortan zu unterdrücken, möglicherweise gar zu "vergelten".

Kann man das wirklich so sehen?

In einem einfachen Versuch habe ich in einer Facebook-Gruppe folgende Frage eingestellt, die bewusst auf jeden Verweis auf das Osmanische Reich oder die NS-Zeit verzichtete:

Mal eine Verständnisfrage in die Runde: Immer wieder treffe ich bei Freunden & Bekannten v.a. türkischer Herkunft auf "Stolz", Konstantinopel erobert und bis Wien vorgerückt zu sein. Gleichzeitig wird aber wortreich der darauf folgende Kolonialismus und Imperialismus westlicher Mächte beklagt. Je einzeln kann ich das nachvollziehen, aber nicht die Kombination. Müsste man denn nicht beides beklagen oder beides akzeptieren?

BlumeOsmanischeEroberungen

Wie erwartet gab es für diese Frage wenig Zuspruch, aber viel Empörung. Im Wesentlichen nehme ich zwei Argumente wahr, die in verschiedenen Varianten vorgebracht werden:

1. Die Osmanischen Eroberungen seien zeitgebunden zu akzeptieren, die westlichen Imperialismen widersprächen dagegen den selbst propagierten, "moderneren" Werten.

So schreibt beispielsweise ein Kommentator wenige Minuten nach Einstellen der Frage:

Kolonialismus ist von der Historie ein anderer Begriff als Eroberungskriege im Mittelalter und im 14 und 15 . Jahrhundert! Außerdem haben sie was schönes daraus gemacht nicht zerstört! wie eure Kreuzzügler den Irak und die schöne Stadt Bagdad zerstört haben!

Freilich weist der Hinweis auf die Kreuzzüge (11. - 13. Jahrhundert) schon darauf hin, dass "christliche" Eroberungskriege auch dann negativ gewertet wurden, wenn sie "im Mittelalter" stattfanden. Ein weiterer Kommentator rechtfertigt die osmanischen Eroberungen sogar als direkte Reaktion darauf:

Das war die Antwort auf eure Menschen verachtende zahlreiche Kreuzzüge von Christen! Im nahen Osten wurden die Menschen abgeschlachtet! Sie lassen sich nicht abschlachten! Im Gegensatz christlichen Eroberern haben die Osmanen den Völkern ihre Sprach- und Religionsfreiheit gegeben! In Spanien wurden die Völker vor die Wahl gestellt entweder Katholiken zu sein oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden! Viele darunter juden haben Schutz im osmanischen reich gefunden! Bevor man solche Fragen stellt sollte man besser recherchieren!

Dies leitet direkt zur zweiten Argumentationsform über...

2. Demnach seien die osmanischen Eroberungen "moralischer" gewesen als die "westlichen".

So fragt ein deutschtürkischer Kommentator konsterniert:

Haben wir Istanbul kolonisiert?

Dass die Stadt als Byzanz und Konstantinopel zuvor griechisch, römisch und christlich geprägt war, scheint hier schon völlig ausgeblendet zu sein - Istanbul war schon immer - Istanbul.

Ein weiterer Kommentator erläuterte:

Der Unterschied zwischen Osmanen und Kolonialsierung des Westen war , Osmanen haben immer versucht mit fremden menschen und kulturen zu leben ... Der Westen dagegen hat stets versucht Rohstoffe auszubeuten ....

Und er fügte hinzu:

deswegen michael wie gesagt , wir bessergesagt ich red mal jetzt von mir aus :-) sind stolz auf die eroberung es kommt immer darauf an WIE hat man es erobert ,klar gabs kriege ,weil einige parteien dagegen waren , aber wie bereits erwähnt kommt es darauf an WIE .....

Eine zum Islam konvertierte Deutsche stimmte dem zu:

Ich lebe in Sarajevo. Die Osmanen haben nicht zwangs-islamisiert, denn sonst wäre Serbien heute nicht orthodox - und die Bosnier mehrheitlich islamisch. Sie nahmen einzig einmal den Osmanen übel. sie an die kuk gegeben zu haben, denn sie wollten im Osmanischen Reich bleiben..Die Osmanen beuteten nicht aus - wie dies in der Kolonisierung getan wurde.

Meine Nachfrage nach den Massakern etwa an Kurden, Armeniern oder Yeziden wurde als "Ablenkung" gewertet.

1870 berliner kongress ... hat man den osmanen gedrängt und das obwohl die armenier damals schon aufstände veranstaltet haben mit russische unterstütztung.... schließlich waren die balkankriege dank russland und österreich entfacht weil diese beiden länder viele balkan länder mit alten waffen aufgerüstet haben ....nicht ohne grund bekam österreich später bosnien und serbien hatten auch nicht ohne grund damals einen besonderen verhältnis zum zarenreich gehabt .... du solltest schon bei eine zeit bleiben ... entweder konstantiopel und wiener zeit oder kurden armenier usw ....

Auch die Praxis der sog. "Knabenlese", in der die Söhne unterworfener Völker ihren Familien entrissen und als Janitscharen-Soldaten zwangskonvertiert und -rekrutiert wurden, wird wiederum mit Hinweis auf "christliche" Untaten relativiert - diesmal wieder mit Verweis auf die Kreuzzüge!

ich wußte das du das sagst ... aber das war mittelalter mit heute natürlich nicht zu vergleichen ... z.b war glaub ich der erste kreuzzug ein kinderkreuzzug ....

Vielleicht sei der Osmanische Staat nicht immer perfekt gewesen, aber doch "moralischer" als die Untaten des Westens:

ok Michael nur ein vergleich Kreuzzug moslems juden christen in jerusalem abgeschlachtet ....Spanien juden vertrieben verbrannt usw , Azteken ,Mayas ausgerottet .... und und und und Osmanen : ihre unterworfenen völker nicht getötet weil sie christen sind nicht vertrieben weil sie juden oder christen sind , juden aufgenommen aleviten kurden usw .... und wegen diese knabenlese sollen wir osmanen jetzt verteufeln ? frag doch gleich nach dem perfekten leben oder perfekten staat .....

Ein anderer Kommentator fasste im Hinblick auf die osmanischen Eroberungen zusammen:

Ich meine das was du ansprichst ist auch ein Eroberungskrieg gewesen! Insgesamt aber waren aggressive Christen mit der nächsten liebe alles was ihnen auf den Weg gelaufen ist vernichtet! Wenn man eine Bilanz ziehen würde würde ich sagen die meisten waren Christen mit mehreren Nationen! Im Prinzip Christen insbesondere Katholiken viel mehr Unheil auf dieser Erde verursacht als die Osmanen! Du redest nur von Osmanen, ich rede von deutschen Engländer Amerikaner Spanier, und und und... Da kann man mit Sicherheit mehr zählen! Ich schau aber hauptsächlich auf die Gegenwart! Diese zeigt mir dass dass das Christentum viel aggressiver ist als andere Religionen! IS ist die Antwort auf diese Aggressivität! Da musst du besser beobachten! Mich interessieren Osmanen vor 600-700 Jahren nicht mehr! Ich habe die Gegenwart vor meinen Augen! Zerstörte muslimische Länder, Millionen Toten durch diese Kreuzzügler angezettelt wurden und immer noch im 21. Jahrhundert existierende Foltergefängnisse sowie Gefängnisse ohne jegliche Rechtssprechung!

Vorläufiges Fazit

In der Summe komme ich zu dem Ergebnis, dass hier tatsächlich von deutsch-türkischer Seite Geschichtsdeutungen vertreten wurden, nach denen die Osmanen bzw. Muslime grundsätzlich "moralischer" gehandelt hätten als die "christlichen" Mächte. Einen spezifischen Verweis auf Sevres oder auch die deutsche NS-Zeit konnte ich nicht feststellen - vielmehr wurden die Übergriffe entlang religiöser Grenzen (Kreuzzüge, Verfolgungen von Juden, Azteken, US-amerikanische Golfkriege, Guantanamo etc.) beschrieben. Der Niedergang des - im Selbstbild moralischeren, freiheitlicheren und toleranteren - Osmanischen Reiches erscheint so als niederträchtige Aggression des weniger moralischen Westens.

Auffällig war dabei, dass die je "eigenen" Verbrechen durchaus bekannt waren, aber an die jeweiligen Zeitumstände verwiesen wurden (war im Mittelalter so, Massaker waren Notwehr gegen armenische und kurdische Aufstände, Knabenlese zu vernachlässigen etc.). In der Schuldzuweisung an "den Westen" gingen die Zeitverweise dagegen wild durcheinander - immer wieder wurden beispielsweise die Kreuzzüge aus dem 11. bis 13. Jahrhundert angeführt, um etwa die osmanische Knabenlese (14. bis 18. Jahrhundert) zu rechtfertigen oder auch noch die aktuellen Ölkriege zu deuten ("IS ist die Antwort auf diese Aggressivität!... Millionen Tote durch diese Kreuzzügler... noch im 21. Jahrhundert").

Interessant erscheint mir dabei außerdem, dass einige deutschtürkische Diskutanten einerseits eine durchgängig höhere Moral für die "eigenen" Taten beanspruchen und sogar als Quelle des Stolzes bezeichnen. Andererseits wird sehr klar erkannt und angesprochen, dass doch Vertreter des Westens beispielsweise im Irak "ihren" Anspruch auf eine höhere Moral etwa im Namen des Christentums oder der Menschenrechte nicht eingelöst hätten.

Ermutigend ist vielleicht, dass die Fakten der Geschichte wesentlich geteilt wurden - es kam zum Beispiel nicht (mehr?) vor, dass jemand die Massaker an Armeniern oder Kurden oder die osmanische Knabenlese einfach als inexistent geleugnet hätte (wie es ja z.B. auf deutsch-nationalistischer Seite im Hinblick etwa auf den Holocaust durchaus noch geschieht). Massive Unterschiede zeigen sich jedoch in der Deutung - man möchte fast sagen: emotionalen Aufladung - der Geschehnisse: Die Doppelmoral wird fast ausschließlich "dem Westen" attestiert, während der eigene, türkisch-muslimische Nationalismus als "moralischer" präsentiert wird.

ich persönlich fand auch das goldene käfig nicht gut bei den osmanen .... aber sagte jemand irgendwas von perfekt ? nein , es geht nur um den unterschied ....

Entsprechend dürfen zum Beispiel die Massenmorde an Armenieren durchaus als "Massaker" thematisiert werden, keineswegs aber als Genozid bzw. Völkermord. Dies würde den eigenen, moralischen Überlegenheitsanspruch allzu massiv in Frage stellen. Tatsächlich wird schon die Frage nach der Vergleichbarkeit osmanischer und westlicher Eroberungskriege noch oft als unzulässig erachtet.

man erwähnt nur halbe sachen in deutschenland .... und wer das shcon tut sollte am besten dann gar nichts sagen .... wenn dann mit offenen karten spielen , mein jetzt nicht dich damit michael ich mein schon deutsche parteien damit

Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts scheinen nationalistische und konfessionalistische Geschichtsdeutungen noch immer nicht nur weiter präsent, sondern auch vital zu sein und fortgeschrieben zu werden. Darüber sollte m.E. aktiv nachgedacht und gesprochen werden.

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Freude am Wissen, Sorgen um Medien – Der #scilogs16http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/freude-wissen-sorgen-medien-der/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=freude-wissen-sorgen-medien-der http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/freude-wissen-sorgen-medien-der/#comments Tue, 19 Apr 2016 19:15:25 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2744 ... weiter]]> Kalte Regentropfen rauschen gegen die Fenster und die Kinder suchen Zeit und Nähe. Soll ich nun wirklich gen Wiesloch zum #scilogs16-Bloggertreffen aufbrechen? Es ist wieder mal Zehra, die mir den richtigen Schubs gibt: "Geh da wieder hin, das tut Dir gut!"

Im Regionalexpress sitze ich einer Frau im Niqab gegenüber und stelle wieder fest, dass ich mich an die Vollverschleierung des Gesichts nicht gewöhnen kann und will. Doch dann steigt eine Horde besoffen-gröhlender Fussballfans hinzu, die meine Musikkenntnisse um das "Lied" mit dem Refrain "Ich will A..lverkehr mit dem Zugchauffeur!" erweitern. Mir wird bewusst, wieviel Toleranz einem eine vielfältige Gesellschaft abverlangt...

Schnaufend hält der Zug im Bahnhof Wiesloch, dessen stahlgrauer Beton sich kaum von den sich erleichternden Regenwolken abhebt. Gemeinsam mit einer Bloggerin und einem Blogger mache ich die Entdeckung, dass die Ringstraße keine Haltestelle, sondern tatsächlich eine Ringstraße bezeichnet. Drei Doktortitel vs. ein Busfahrplan, das Ergebnis lautet auf Klatschnass.

Und dann... passiert es einfach...

...sie sind wieder da, bekannte und neue Nerds und Nerdinen, die sich ebenso für ihre jeweilige Wissenschaft und das Bloggen begeistern, in der Mitte das Orga-Team von Spektrum der Wissenschaft. Praktisch sofort entzünden sich Gespräche und um die Herzen wird es warm. Manche nennen es "Arbeit" oder neudeutsch "Workshop" - doch ich verliere mal gleich eine Wette und lege mir entsprechend brav ein Instagram-Profil (blume_religionswissenschaft) zu...

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Tarek Besold vom scilog Analogia führt einem Workshop die Wunderwelt neuer Anwendungen vor. Foto: Richard Zinken

Schon nach kurzer Zeit spüre ich, dass Zehra Recht hatte: Es macht nicht nur Freude, sondern tut enorm gut. Dabei ist auch der #scilogs16 nicht nur ein Treffen guter Laune, sondern auch für tiefere Diskussionen in kleineren und größeren Kreisen. Uns alle beschäftigt zum Beispiel der Umstand, dass vielerorts zwar Online-Medien aufblühen, wie zum Beispiel spektrum.de, das seine Reichweite vervielfachen konnte. Andererseits tragen sich bislang aber noch nicht einmal "Marktführer" wie SPIEGEL ONLINE wirtschaftlich nachhaltig, so dass neben Bezahlschranken auch Clubmodelle diskutiert werden. Wird anstelle der verebbenden, klassischen Medien also tatsächlich Besseres treten - oder droht ein Verflachen des Netzes, das bisher seine Hauptmeldungen ja aus klassischen Medienquellen bezieht? Werden wir Bloggenden Teil der Lösung sein? Meine Schilderungen über die rein digitale Medienwelt der Yeziden (mit Vor- und Nachteilen) trifft auf vielfaches Interesse.

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Markus Pössel "kommentiert" die aktuelle Situation fast aller klassischen wie auch neuen Medienanbieter in Deutschland. Foto: Richard Zinken

Zu den erfreulichen Entwicklungen gehört die wachsende Zahl der Bloggerinnen - das Medium gilt längst nicht mehr als Spielwiese einsamer Technikfreaks, sondern rückt in die Vielfalt der Gesellschaft (okay, vielleicht mit Ausnahme besoffener Fussballfans, worüber ich sehr froh bin). Und so geht nach hervorragenden Laudationes der diesjährige scilogs-Preis erstmals an eine Wissenschaftsbloggerin - an Tanja Gabriele Baudson von "Hochbegabung". Ich freue mich, gratuliere - und komme mir mit dem scilogs-Preis 2009 und dem nahenden 40. Geburtstag wie ein Veteran vor!

;-)

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Auch auf Platz 2 beim #scilogs16 eine Siegerin: @_Adora_Belle_ Foto: Richard Zinken

Nach einer erfreulich-vergnügten Rückfahrt mit Jürgen vom Scheidt (wir waren beide glücklich, müde und rücksichtsvoll) im sonntäglichen Regionalexpress kann ich Zehra und die Kinder wieder in die Arme schließen. Wir treffen uns mit Freunden, essen, lachen. "Papa, Du siehst fröhlich aus!", bemerkt meine "große" Tochter mit der Weltklugheit von 13 Jahren. Zehra und ich schmunzeln einander mit dem wortlosen Wortschatz zweier Ehejahrzehnte zu. "Vielen Dank, Schatz!", sage ich zu ihr. Und: "Du hattest Recht."

#scilogs16 #Eswargroßartig

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Religiosität in Hirn- und Evolutionsforschung beim ZIT Münsterhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religiositaet-hirn-evolutionsforschung-zit-muenster/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=religiositaet-hirn-evolutionsforschung-zit-muenster http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religiositaet-hirn-evolutionsforschung-zit-muenster/#comments Fri, 15 Apr 2016 20:59:02 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2738 ... weiter]]> Das Zentrum für islamische Theologie in Münster (ZIT) gehört mit den Professoren Mouhanad Khorchide und Milad Karimi zu den hörbarsten Stimmen einer innerislamischen Erneuerung, die sich gegen Hass, Extremismus und fehlende Bildung stemmt. Zuletzt ist z.B. das Debattenbuch von Prof. Khorchide und Hamed Abdel-Samad: "Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren".

Vor drei Jahren war ich schon mal zu einem Vortrag zum Thema "Zeit, Evolution und Glaube" eingeladen worden - und habe mich nun über eine weitere Einladung zu einem Workshop am 13. Mai zur Hirn- und Evolutionsforschung zur Religiosität gefreut. Richtig baff war ich aber über die Gestaltung des Plakats durch Alexander Schmidt, M.A., das ich hiermit gerne einstelle.

ZITMuensterPlakatBlumeReligionHirnEvolution0516

Freue mich auf einen sicher spannenden Tag mit Münsteraner Studierenden und Doktoranden zur Evolution von Religion!

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Funktionen und Gefahren von Vorurteilen. Zum berühmten Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg – oder von Friedrich IIhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/funktionen-gefahren-vorurteilen-zum-aphorismus/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=funktionen-gefahren-vorurteilen-zum-aphorismus http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/funktionen-gefahren-vorurteilen-zum-aphorismus/#comments Tue, 12 Apr 2016 05:39:13 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2732 ... weiter]]> Wenn ein Aphorismus - ein "geistreicher Sinnspruch" - auch noch nach Jahrhunderten frisch und wahr wirkt, so ist dies gerade auch aus evolutionärer Perspektive interessant. Der Pfarrerssohn und Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1799) gilt geradezu als Begründer der deutschen Aphoristik - und eine der ihm zugeschriebenen Aussagen über Vorurteile erlebt gerade als Online-Mem neue Popularität.

So habe Lichtenberg angeblich gesagt oder geschrieben:

Gesetzt den Fall, wir würden eines Morgens aufwachen und feststellen, dass plötzlich alle Menschen die gleiche Hautfarbe und den gleichen Glauben haben, wir hätten garantiert bis Mittag neue Vorurteile.

LichtenbergVorurteileAphorismus18JhtFacebook-Mem von der Facebook-Zitate-Seite Wemeze.

Witzigerweise könnte es sich ausgerechnet bei diesem medial weit verbreiteten Aphorismus selbst um ein Vorurteil bzw. gar eine virale Fälschung handeln - zumindest habe ich für dieses Zitat bislang bei Lichtenberg keinerlei eindeutige Quelle finden können. Stattdessen finden wir Entsprechendes bei seinem Zeitgenossen Friedrich II. (1712 - 1786). In der "Kritik der Abhandlung 'Über die Vorurteile'" schreibt der Preußenkönig rationalistisch Argumentierenden ins Stammbuch:

Ich möchte beinahe versichern, daß in einem Staat, wo alle Vorurteile ausgerottet wären, keine dreißig Jahre vergehen würden, ohne daß man neue aufkommen sähe; worauf die Irrtümer sich mit Geschwindigkeit ausbreiten und das Ganze wieder überschwemmen würden. Wer sich an die Phantasie der Menschen wendet, wird allemal den besiegen, der auf ihren Verstand einwirken will.

Doch warum haben wir Vorurteile, wenn sie doch auch schaden können?

Die Evolutionspsychologie kennt bisher zwei Haupt-Thesen für die menschliche Neigung, auch immer neue Vorurteile hervorzubringen.

So gelten Vorurteile 1. als heuristische Abkürzungen - das heißt, sie erlauben eine schnelle Einordnung von Informationen durch "Vorsortieren", statt jeden Fall erst umfassend neu zu bewerten. Gelegentliche Irrtümer und Fehler seien dafür ein gerechter Preis. Lichtenberg selbst schreibt dazu in Kapitel 2 seiner "Sudelbücher":

Die Vorurteile sind so zu reden die Kunsttriebe der Menschen, sie tun dadurch vieles, das ihnen zu schwer werden würde bis zum Entschluß durchzudenken, ohne alle Mühe.

Die zweite, möglicherweise zum ersten ergänzende Hypothese verweist darauf, dass Vorurteile 2. der Festigung von Gruppenzugehörigkeiten dienen. Die Zugehörigkeit zu eher überschaubaren Gruppen war für unsere Vorfahren über Hunderttausende von Generationen hinweg unverzichtbar für Überleben und erfolgreiche Fortpflanzung - entsprechend "hart" verhandeln und bewachen schon Kinder ihre jeweiligen Gruppengrenzen (samt dem Ausschließen und Mobben). Indem "wir" uns über "die" erheben, versichern wir uns gegenseitig unserer Treue. Leicht kann das Ganze dann in sog. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit umkippen, die sich interessanterweise fast immer gegen mehrere Menschengruppen richtet (denn es geht ja eigentlich um die Festigung der "eigenen"). Lichtenberg war mutig und keck genug, auch gegen diesen Zug zu sticheln...

Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?

Und so schließe ich also - als Piefke, Kartoffel, Gutmensch und Religiot - mit einem bemerkenswerten Video zum Thema "Vorurteile" aus Wien, Österreich:

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Newsblog April 2016 mit Veranstaltungskalenderhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/newsblog-april-2016-mit-veranstaltungskalender/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=newsblog-april-2016-mit-veranstaltungskalender http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/newsblog-april-2016-mit-veranstaltungskalender/#comments Fri, 08 Apr 2016 19:23:25 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2721 ... weiter]]> "Herr Blume, haben Sie irgendwo einen Veranstaltungskalender?" - "Michael, wann hast Du mal wieder einen Vortrag in der Nähe?" - "Sorry, der Algorithmus auf Facebook hat Dich irgendwie rausgeblendet." Seit Längerem grübele ich schon über die Frage, wie ich einerseits Interessierten Rückblicke und Veranstaltungshinweise zukommen lassen kann, ohne andererseits Leute zuzuspammen. Mich ärgert es selbst ja auch, wenn Benachrichtigungen oder Newsletter-Mails über Ganz-weit-weg-Termine den ohnehin übergroßen Informationsstrom verstopfen. Wir haben doch alle (hoffentlich) auch noch ein Offline-Leben! Andererseits kann ich gerade deswegen von Interessierten kaum erwarten, dass sie z.B. regelmäßig auf meiner Homepage oder der Amazon-Autorenpage vorbeischauen. Was also tun?

MichaelBlumePeanutkleinOn- und Offline präsent & ansprechbar sein, ohne zu spammen - geht das? Nachbearbeitetes Porträtbild via Peanutizeme: Michael Blume

Einen überzeugenden Lösungsvorschlag verdanke ich nun meiner Frau Zehra: Sie regte einen monatlichen Newsblogpost auf diesem scilog mit einem Rück- und Ausblick samt Terminliste (öffentliche Termine über 2 Monate) an. Diesen werde ich nun also je in der ersten Woche eines Monats einstellen und via Facebook und Twitter auch anbieten - dann kann nachschauen, wer mag, die "Belästigung" und der Extra-Zeitaufwand halten sich aber sonst in Grenzen.

Also, los! :-)

Rückblick (Religionswissenschaft) auf März 2016

Der vergangene Monat stand ganz im Zeichen meines neuen sciebooks zum "Verschwörungsglauben", das als eBook unmittelbar nachgefragt wurde - und für dessen kommende Taschenbuchversion bereits Vorbestellungen (u.a. eines Uniseminars) eingingen. Laut Verlag sollte das sciebook dann auch bis Mitte April vorliegen.

Verschwoerungsglaubensciebooksklein

Direkt verwenden konnte ich die Ausarbeitungen dazu, als ich kurzfristig als Ersatz für einen Professor den Vortrag "Kritik der Kultur der Kritik" in der Tagung "Kritik - Widerspruch - Blasphemie. Anfragen an Christentum und Islam" in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart übernahm. Laut den Veranstaltern soll auch dieser Akademievortrag (wie z.B. jener über Säkularisierung) auf YouTube online gestellt werden - selbstverständlich würde ich ihn dann hier auch ein- und zur Diskussion stellen.

KritikKulturKritikStartfolieBlumeEröffnungsfolie des Akademievortrags vom 5.3.2016

Medial erschien u.a. ein Deutschlandfunk-Feature zur "Gretchenfrage" der durchschnittlich erhöhten Religiosität von Frauen - eines dieser Themen, die in der Tabuzone zwischen Natur- und Geisteswissenschaften leider seit Jahren feststeckt.

ReligioeseFrauenFacebookSchlagzeileDer zum Feature grundlegende Artikel zur unterschätzten Rolle von Frauen in der Evolution (auch) von Religiosität von 2010 (!) findet sich hier. Manchmal ist einfach viel Geduld gefragt...

Andere Studien stoßen dagegen schnell in die FOCUS-Schlagzeilen - beispielsweise eine, die behauptete, es gäbe grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen Atheisten und Psychopathen. Nach entsprechenden Anfragen dazu habe ich darauf mit einem aufklärenden Blogpost reagiert, der rege nachgefragt, aber bislang kein einziges mal kommentiert wurde. Was natürlich auch okay ist.

AtheistenPsychopathenFOCUS2016

Besonders gefreut habe ich mich schließlich auch über die Zitierung in einer sehr gelungenen Ausgabe von "Welt und Umwelt der Bibel" zum Thema Naturwissenschaft & Schöpfung. In der hier online kostenfrei einsehbaren Einführung "Begeisterung für das Staunen" zitierte Helga Kaiser aus meinem Vortrag beim Zentrum für islamische Theologie der Universität Münster. Passender- und witzigerweise werde ich genau dort am 13. Mai wieder einen Studientag für Doktoranden zum Thema anbieten können - es ist wirklich schön zu erleben, wie sich in Deutschland die Theologien der verschiedenen Religionen und die Religionswissenschaft zunehmend vernetzen und befruchten!

Veranstaltungskalender April & Mai 2016 (Öffentliche Termine)

Gleich am kommenden Montag, dem 11.04.2015, trage ich ab 19.30 Uhr im Heinrich-Pesch-Haus Ludwigshafen zum Thema meiner Darwin-Biografie "Evolution und Gottesfrage" vor.

Am Donnerstag, dem 14.04.2016, spreche ich dann ab ca. 20 Uhr beim Arbeitskreis Asyl Stuttgart im Gemeindehaus der evangelischen Friedenskirche, Schubartstr. 14, über Eindrücke & Erfahrungen aus dem Sonderkontingent Nordirak.

Am Dienstag, 03.05.2016, nehme ich ab 18 Uhr im Hospitalhof Stuttgart an einer Podiumsdiskussion des Fritz-Erler-Forums der Ebert-Stiftung zum Thema "Islamischer Extremismus und Islamfeindlichkeit" teil.

Am 07.05.2016 geht es dann zum Symposium "Beyond Belief" der Studierenden der Religionswissenschaft im deutschsprachigen Raum nach Erfurt - diese Einladung hat mich als begeisterten Lehrenden sehr gefreut!

Und am 20.05.2016 geht es dann in die Hauptstadt von Österreich, an die Universität Wien zur 10. Frühjahrstagung für forensische Psychatrie. Dort möchte ich ab 10.30 Uhr zum Thema "Gewaltideologien in den Weltreligionen" sprechen, es ist jedoch ggf. eine Anmeldung erforderlich.

Zum Schluss: Bitte um Rückmeldungen ("Feedback") zum weiteren Online-Weg

So, das war also nun der erste Newsblogpost. Hat er Ihnen zugesagt oder steht zu wenig, zu viel oder das Falsche drinnen?

Vor der Idee dieses Newsblogs hatte ich schon mal die Terminliste auf der Amazon-Autorenseite aktualisiert. Meinen Sie, das macht Sinn oder ist das Zeitverschwendung?

KuenftigeVeranstaltungenMichaelBlume0416Der Veranstaltungskalender auf der Amazon-Autorenseite - feine Sache oder eher nutzlos? Screenshot: Michael Blume

Zuletzt möchte ich Sie über aktuelle Überlegungen informieren, den Audioblog zukünftig nicht mehr über Hipcast zu podcasten, sondern nur noch über meinen YouTube-Kanal. Ich möchte damit einfach etwas Zeit und Geld sparen, diese lieber in Inhalte investieren. Wenn Sie keinen massiven Einspruch erheben sollten, so würde ich den Hipcast also zum Sommer hin kündigen.

Den Audioblog gäbe es dann zukünftig nur noch über YouTube, natürlich auch eingebunden in Natur des Glaubens.

Wenn Sie wirklich bis hierher gelesen haben, dann liegt es an mir, Ihnen herzlich für Ihr Interesse zu danken! Online-Kommunikation über (Religions-)Wissenschaft ist immer noch ziemliches "Neuland" - und wie man es einigermaßen "richtig" macht, gilt es schon angesichts ständig neuer Möglichkeiten immer wieder gemeinsam heraus zu finden...

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http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/newsblog-april-2016-mit-veranstaltungskalender/feed/ 0 chronologs
Religionsforschung und Schlagzeilen – Soziale Kognition zwischen geizigen Religiösen, psychopathischen Atheisten und religiös geborenen Frauenhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religionsforschung-schlagzeilen-soziale-kognition-religioesen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=religionsforschung-schlagzeilen-soziale-kognition-religioesen http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religionsforschung-schlagzeilen-soziale-kognition-religioesen/#comments Sat, 02 Apr 2016 05:04:12 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2707 ... weiter]]> In den letzten Jahren hat die Evolutions- und Kognitionsforschung zur Religiosität einen enormen Aufschwung erlebt - entsprechend erscheinen inzwischen nahezu wöchentlich neue, auch bemerkenswerte Studien. Im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit greifen Medien - und manchmal auch die Forschenden selbst - gerne auf "Zuspitzungen" zurück. Binnen Stunden erreichen mich diese dann immer wieder via Twitter und Facebook, verbunden mit der Frage, was "davon zu halten" wäre. Macht "Religion Kinder geizig" wie Telepolis im November - unter dem Jubel von Religionskritikern - titelte? Oder ist nun bewiesen, "Was Atheisten mit Psychopathen gemeinsam haben", wie FOCUS Online am 25.03. textete, gefolgt von einer Beschwerde beim Deutschen Presserat durch die Humanistische Alternative Bodensee (HABO)?

AtheistenPsychopathenFOCUS2016Digitale Hinweise auf die neuesten "Zuspitzungen". Screenshot vom Facebook-Profil...

Sobald es die Zeit erlaubt, schaue ich mir die verlinkten Presseartikel und Studien dann natürlich auch gerne an - wobei sich regelmäßig herausstellt, dass die eigentlichen Ergebnisse sehr viel feiner, vorläufiger und auch interessanter sind als die um Aufmerksamkeit heischenden Schlagzeilen. Aber so ist nun mal das mediale Leben - und immerhin können wir mittels Wissenschaftsblogs ja auch diejenigen informieren, die gerne "etwas tiefer" schauen und sich nicht nur je nach Vorurteil freuen oder aufregen wollen. Also - was ist hier los? Sind Religiöse nun generell "geiziger", Atheisten grundsätzlich "psychopathologischer" und Frauen irgendwie religiöser?

Die klare Antwort darauf ist: Nein, so einfach sind die Zusammenhänge selbstverständlich nicht. Vielmehr stehen alle genannten Schlagzeilen im Kontext spezieller Fragestellungen der Evolutions- und Kognitionsforschungen zur Religiosität (dem Glauben an höhere Wesenheiten), bestehen doch kaum noch begründete Zweifel daran, dass sich auch religiöse und spirituelle Fähigkeiten in der Evolutionsgeschichte des Menschen herausgebildet haben (vgl. "Homo religiosus"). Entsprechend gibt es eine große Vielzahl von interdisziplinären Forschungen dazu. Dabei hat sich bereits ein zunehmend fester Konsens herausgebildet: Religiosität baut auf den "sozialen Kognitionen" (Wahrnehmungen) des menschlichen Gehirns auf.

Sie kann also gut beschrieben werden als Nebenprodukt-Bündel "normaler" kognitiver Fähigkeiten aus dem ("sozialen") Umgang mit anderen Lebewesen, die dann eigene, adaptive Formen und Funktionen übernommen hat (also eine so genannte Exaptation bildet). Konkret fördern gemeinsame, religiöse Überzeugungen empirisch beobachtbar Zusammenhalt und (potentiell) auch den Kinderreichtum in religiösen Gemeinschaften - allerdings nicht selten auch auf Kosten einer scharfen, intoleranten Abgrenzung zu Anders- und Nichtglaubenden. Hier bei Interesse eine kurze, filmische Einführung in das Forschungsfeld durch Quarks & Co.:

So weit, so klar. Nur ist es gerade in den Wissenschaften selbstverständlich immer so, dass hinter jeder Antwort gleich wieder neue Fragen auftauchen. Und so wird zunehmend intensiv diskutiert und erforscht, was genau "soziale Kognition" denn eigentlich sei (hier ein deutschsprachiger Sammelband dazu). Ganz offensichtlich ist sie "multidimensional" und gerade im Hinlick auf die Religion(en) lässt sich also fragen: Geht es vor allem um die Wahrnehmung von Wesenhaftigkeit und dessen Motiven (HAD & TOM, zusammen die sog. "Mentalisierung")? Oder geht es darüber hinaus um das Mitfühlen ("Empathy", "Moral Concern")? Und erklärt die durchschnittlich etwas stärkere Ausprägung von sozialen Kognitionen bei Frauen auch deren durchschnittlich etwas stärkere Ausprägung von Religiosität?

SozialeKognitionFolieEin Schaubild zu den aktuellen Stichworten und Studien rund um Religiosität und ihre Grundlagen, die sozialen Kognitionen. Erstellt: Michael Blume

Die oben zitierten Studien stehen im Kontext dieser Forschungsdiskussion. So schrieben die Macher der Geizige-Kinder-Studie sogar selbst, dass "die stärkere In-Group-Kooperation von religiösen Menschen bekannt und belegt" (known fact) sei - und legten dann ihre Studienfragen gezielt so an (Kooperation mit Nichtverwandten der gleichen ethnischen, aber nicht religiösen Gruppe), dass religiöse Kinder "geiziger" abschneiden würden. Entsprechend stellte sich das gewünschte Ergebnis empirisch ein - und zu ein paar schnellen Schlagzeilen vor allem in religionskritischen Medien reichte es auch. Wir alle lieben es, unsere Vorurteile bestätigt zu finden... (Auch diese kognitive Präferenz hat einen Namen - Confirmation Bias, deutsch: Bestätigungsfehler.)

Dabei hätten sich die Studienergebnisse bei genauerer Betrachtung auch viel weitreichender lesen lassen: Soziale Kognitionen sind eben nicht einfach "altruistisch" oder gar "gut", sondern kontextabhängig. Sie konstruieren "Nahbereiche" - Familie, Verwandte, Freunde, Glaubens- und Stammesgeschwister usw. -, mit denen wir mitfühlen und "Fernbereiche", die uns kälter lassen. Der Tod eines nahen Verwandten (z.B. eines Vaters) trifft uns beispielsweise emotional intensiver als der Tod von sehr vielen Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel. In den sozialen Medien um Terror und Trauer sowie die inzwischen so genannte "Trauerkritik" werden diese Effekte daher auch überaus deutlich: Es macht für unsere jeweiligen sozialen Kognitionen eben erhebliche Unterschiede, wo und gegen wen sich Terrorattentate richten.

JesuisTerrorTrauerSchmerzliche Erkenntnisse zu unseren sozialen Kognitionen: Wir Menschen fühlen uns je nach Ort und Gruppenzugehörigkeiten der Terroropfer unterschiedlich betroffen. Schaubild zur "Trauerkritik".

Ist das menschlich? Ja, unsere sozialen Kognitionen - lange evolviert in kleinen Gruppen - funktionieren nun einmal so. Ist das gerecht? Nein, und genau aus "diesem" Grund wird die Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, auch regelmäßig mit verbundenen Augen dargestellt: Sie soll die Beschuldigten eben "nicht" mit der sozialen Kognition, sondern unparteiisch-analytisch betrachten. Ebenso handelt ein Politiker, der Verwandte und Freunde regelwidrig bevorzugt, eben nicht "gut", sondern korrupt. Deswegen greift jede Gleichsetzung von sozialer Kognition = gut entschieden zu kurz!

Die Macher der Atheisten-Psychopathie-Studie forderten dagegen mit ihrer Studie die bislang dominierende Lesart - etwa nach Ara Norenzayan und Jesse Bering - heraus, wonach Religiosität vor allem ein Produkt der Mentalisierung sei - der Wahrnehmung von Wesenhaftigkeit nicht nur in anderen Menschen, sondern auch in Tieren, Wolken, Felsen, Sternen und schließlich dem gesamten Universum. Ein starkes Argument für diese Verbindung und auch eine genetisch-hormonelle Komponente dabei spielten Befunde zum Autismus, der mit einer Störung der Mentalisierung verbunden sei - und massiv häufiger bei Männern auftritt und mit religiösem Nichtglauben einhergeht.

Die Forschergruppe um Anthony Ian Jack (University of Cleveland, Ohio) bezweifelte diese Annahme nun und vertrat dagegen die These, dass nicht nur die Mentalisierung, sondern erst die folgende Empathie mit den Anderen (der von ihnen so genannte "Moral Concern") zum Glauben an "Gott oder einem universellen Geist" führe. Als "Paradebeispiel" dient ihnen dabei der Psychopath: Dieser sei oft ganz hervorragend zur Mentalisierung in der Lage, nutze diese auch gerne zur Manipulation, empfinde aber keinerlei Mitgefühl und eben "Moral Concern" für die jeweils Anderen. In acht Sub-Studien an US-amerikanischen Probanden finden sie diese These bestätigt, aus der sich dann also die vereinfachten Klischeebilder vom super-analytischen, auch mentalisierenden, aber eben nicht mitfühlenden Atheismus-Psychopathen einerseits und der weniger intelligenten, aber dafür stärker mitfühlenden, meist weiblichen "Religiös-Spirituellen" andererseits ergeben.

Was ist davon zu halten? Wenig überraschend ist die "zugespitzte" Aussage ebenso fragwürdig wie bei der "Geizige-Kinder-Studie". Denn die Atheismus-Psychopathie-Forschergruppe legt für "Religion und Spiritualität" - die in der Forschung eigentlich längst unterschieden werden - einen bestimmten Maßstab an, der sich auf den wenig spezifischen Glauben an "Gott oder einen universellen Geist" sowie die "Liebe zu allen Menschen" richtet. Als Probanden nehmen sie US-Amerikanerinnen und Amerikaner, die sie vorwiegend über das Online-Tool des Amazon Mechanical Turk rekrutiert haben. Kurz gesagt "messen" sie eine sehr spezifische Glaubensform von überwiegend christlich sozialisierten WEIRDs (White, Educated, Industrialiced, Rich, Democratic). Ahnen- oder Engelglaube, Polytheismus, oder auch den etwa "fundamentalistischen" Glauben an eine strenge, die Sünder und Ungläubigen verdammende Gottheit haben sie von vornherein gar nicht im Blick. Stattdessen konzentrieren sie sich - bewusst oder unbewusst - auf eine extrem spirituell-mitfühlende Variante von Religion, die sie dann als "den Glauben" identifizieren, dem dann wiederum ein extrem analytisch-gefühlloser Atheist gegenübersteht...

Ihre Studie ist damit nicht wertlos, sondern bestätigt durchaus, dass verschiedene Gottesbilder eben auch mit verschiedenen, sozialen Kognitionen prozessiert werden. Wahnsinnig überraschend ist dies freilich nicht - muss Wissenschaft ja auch nicht immer sein -, es erlaubt aber vor allem keine generalisierenden Aussagen über "die Religiösen" oder "die Atheisten".

Sind Frauen zum Glauben geboren?

Und so komme ich schließlich auch zur letzten Schlagzeile von Helene Pawlitzki vom Deutschlandfunk, die mit Bezug auch auf Forschungsarbeiten von mir wiederum einen Titel zuspitzte: "Frauen - geboren um zu beten?"

Wie Sie sich sicher vorstellen können (Mentalisierung + Empathie!), habe ich auch bei dieser Schlagzeile erst einmal heftig geschluckt und Schlimmes befürchtet - doch wies dann immerhin das Fragezeichen schon mal die richtige Richtung und der Inhalt schließlich auch...

ReligioeseFrauenFacebookSchlagzeileDenn selbstverständlich sind nicht "die Frauen" religiöser, sondern Frauen weisen eben im Durchschnitt eine höhere soziale Kognition auf - was, siehe oben, sehr wahrscheinlich wie Autismus auch (nicht: nur!) genetisch-hormonelle Ursachen hat. Dies legt aber meines Erachtens nach Frauen ebensowenig auf eine religiöse Rolle fest, wie umgekehrt die durchschnittlich erhöhte Körpergröße Männer darauf festlegen würde, fortan nur körperliche Arbeiten auszuführen. Vielmehr gilt es die große Vielfalt unserer Art und die einzigartigen Begabungen jeder Person wertzuschätzen. Vor allem aber erlauben die Forschungen - auch unter Berücksichtigung der archäologischen und primatologisch-vergleichenden Befunde - einen Blick auf die lange unterschätzte Bedeutung von Frauen in der Evolution des Menschen insgesamt und insbesondere unserer kognitiven und schließlich auch religiösen Fähigkeiten. Dies wäre dann endlich auch im Sinne von Antoinette Brown-Blackwell (1825 - 1921) und heutiger, hervorragender Evolutionsforscherinnen wie z.B. Sarah Blaffer Hrdy. Aber ich verstehe schon, dass es dazu noch des Abbaus vieler, teilweise historisch gewachsener Ängste und Bedenken zwischen Natur- und GeisteswissenschaftlerInnen bedarf - einer Generationenaufgabe...

MariaJesusNazarethReligion ist immer kulturell konkret. Eine thailändische Darstellung von Maria und Jesus (Mutter & Sohn) an der Verkündigungskirche in Nazareth. Foto: Michael Blume, 2013

Denn auch hierbei gilt: Religion ist immer kulturell konkret und also nicht gleich Religion. So besuchen nach vorherrschender, christlicher Lehre sowohl Frauen wie Männer die wöchentlichen Ritualgottesdienste. In den traditionellen Strömungen zum Beispiel von Judentum und Islam ist dies dagegen nur den Männern vorgeschrieben, wogegen die Frauen ihre - auch religiösen - Pflichten in ihren Familien erfüllten. Legt man also hier unreflektiert das "christliche" Religionsverständnis an (etwa durch einen Index mit privaten und öffentlichen Gebeten), käme man zu dem überraschenden Ergebnis, dass jüdische und muslimische Frauen "weniger religiös" wären - was selbstverständlich Quatsch ist, aber dennoch gerne geschrieben wird. Auch hier versteht also nur, wer auch ein wenig Tiefe wagt.

Generell lässt sich also festhalten: Religion ist immer und in jedem Augenblick sowohl ein biologisches (Religiosität), kulturelles (religiöse Tradition) wie subjektives (religiöse Erfahrung) Phänomen - wer das menschliche Glauben wissenschaftlich ernsthaft erforschen und verstehen will, kann keine dieser drei Perspektiven ignorieren oder verabsolutieren. Schon durch geringe Verschiebungen der Begrifflichkeiten und Fragen lassen sich mitunter große Unterschiede erzielen - und sogar im Vorhinein absehen wie bei der Geizige-Kinder-Studie. Und so werden auch weiterhin Jahr für Jahr Dutzende, vielleicht Hunderte von empirischen Studien ganz unterschiedlicher Qualität erscheinen, die einerseits immer kleinteiligere Fragen erkunden - und andererseits bewusst oder unbewusst auch immer wieder für "zugespitzte" Schlagzeilen herhalten werden.

Mir bleibt nur zu hoffen, dass es neben den je religiös-fundamentalistischen und religionskritischen Scharfmachern dann auch weiterhin Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geben wird, die sich diese Studien dann auch kundig und in Ruhe anschauen und seriös darüber informieren und schreiben, gerne auch bloggen. Denn dann können sich auch diejenigen eine fundierte Meinung bilden, die "hinter" die populären Vorurteile und Schlagworte schauen wollen.

Hoffen wird ja noch erlaubt sein...

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http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religionsforschung-schlagzeilen-soziale-kognition-religioesen/feed/ 1 chronologs
Interreligiöse (christlich-islamische) Ehe in Theorie und Praxis – Zehra, Michael, erzählt doch mal!http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/interreligioese-ehe-theorie-praxis-zehra/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=interreligioese-ehe-theorie-praxis-zehra http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/interreligioese-ehe-theorie-praxis-zehra/#comments Sat, 26 Mar 2016 10:28:29 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2689 ... weiter]]> Religionswissenschaftler können religiös sein, müssen aber nicht. Viele sind es ausdrücklich nicht - mein Doktorvater Prof. Günter Kehrer ist beispielsweise ein bekannter Religionskritiker. Für die wissenschaftliche Arbeit ist diese Vielfalt jedoch eher reizvoll: Denn wie andere empirische Wissenschaften auch gehen wir nicht von Glaubensannahmen aus, sondern von Sachverhalten, die unabhängig von Religion oder Weltanschauung überprüft werden können (zum Beispiel die durchschnittlich höhere Kinderzahl von Religiösen). Daher fühle auch ich mich am wohlsten und sichersten, wenn ich einfach sachlich informierend von den vielfältigen Befunden der Religionswissenschaft und von den Themen meiner Bücher berichten kann (denn wie wohl jeder Autor freue ich mich über jede Leserin und jeden Leser).

Doch immer wieder kommt es natürlich vor, dass Menschen auch darüber hinaus wissen wollen, wie ich es "eigentlich selbst" hielte mit dem Glauben und Beten. "Sind Sie eigentlich selbst religiös, Herr Blume?" - "Stimmt es, dass Sie mit einer Muslimin verheiratet sind?" - "Kann das funktionieren, so mit zwei Religionen?" - "Sind Ihre Kinder getauft?" - "Was sagt denn Ihre Frau zu Ostern?" - "Haben Sie beide denn keine Angst davor, dass einer von Ihnen in die Hölle käme?"

Denn, klar: Für die meisten Menschen ist "Religion" eben gerade nichts Abstraktes ("Objektives"), sondern etwas sehr Persönliches ("Subjektives"). Auch haben viele - etwa junge Paare oder religiöse Amtsträger - auch wirklich ein Bedürfnis zu erfahren, was sich bewährt hat und was nicht. Also haben meine Frau und ich uns schließlich entschieden, auf ehrlich gemeinte und angemessene Fragen auch ehrlich und höflich zu antworten.

Zwar lassen wir nur in Ausnahmefällen Journalisten in unser Privatleben. Als aber neulich Vanessa Fetchenhauer-Köneke, eine liebe Freundin und ehrenamtliche Redakteurin bei "Wegweiser", der Mitgliederzeitschrift der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Klettenberg, um einen kurzen, "persönlichen Erfahrungsbericht" aus unserer Ehe für die Ausgabe "Glauben im Dialog" bat, sagten wir nach interner Beratung schließlich zu. Gerade auch angesichts von Terrorismus, Extremismus und Rassismus wollen wir deutlich machen, dass Liebe auch über Unterschiede hinweg möglich ist und stärker sein kann als Angst und Hass. Wir sehen uns dabei nicht als "Vorzeigepaar", sondern einfach als eines von längst Abertausenden Ehepaaren im freiheitlichen Deutschland.

Hier ist der kurze Beitrag also zum kostenfreien Download (pdf) verfügbar:

Blume, M. (2016): Interreligiöse Ehe. Ein persönlicher Erfahrungsbericht. In: Wegweiser April 2016, S. 8 - 9, Köln

MichaelZehraHochzeitJung gefreit, (bisher) nie bereut. Ein Hochzeitsfoto von 1997. Michael Blume (Damals Obergefreiter bei der Bundeswehr)

Welche Tips geben wir anfragenden, interreligiösen Paaren?

1. Eine interreligiöse Ehe kann gelingen. Religionsgemeinschaften, die ernsthafte Liebesbeziehungen nicht akzeptieren, sind Eure Mitgliedschaft nicht wert. So heißt es zum Beispiel in der Bibel (NT), 1. Korinther 13:13:

Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Natürlich sind oft gar nicht die Religionsgemeinschaften, sondern traditionelle Familien das Problem - nicht selten mit einer Mischung aus religiösen und rassistischen Vorurteilen. Doch wer sich solchen "Familienvorschriften" unterwirft, kann unter Umständen ein ganzes Leben unter fehlender oder falschen Beziehungen leiden. Natürlich kann auch eine interreligiöse Ehe scheitern - aber dann war sie immerhin der ernsthafte Versuch zweier selbstbestimmter Menschen.

2. Umgekehrt ist es aber wichtig, religionsbezogene Themen schon vor der Eheschließung zu besprechen und zu vereinbaren, solange "der Himmel noch voller Geigen hängt".

Denn auch wenn Religion in der Jugend und im Überschwang der neuen Liebe vielleicht zunächst kaum eine Rolle spielt, können natürlich in jedem Leben Krisen auftreten und auch Kinder dazukommen. Wenn das Paar dann keine Grundregeln vereinbart hat, kann es zu spät sein und möglicherweise Konflikte eskalieren. Klassische, idealerweise am Anfang zu klärende Grundfragen sind:

a) Kann in der Ehe jede(r) die eigene, religiöse Identität leben oder muss sich die eine oder der andere unterordnen, gar konvertieren?

(Für uns war völlig klar, dass wir beide unseren Glauben behalten und pflegen, statt eine Konversion zu heucheln. Ein freiwilliger Übertritt wäre okay gewesen, hat sich für uns aber nicht ergeben. Mitunter kann eine beispielsweise durch eine Familie erzwungene, religiöse Unterordnung auch ein gefährliches Ungleichgewicht in der Ehe insgesamt anlegen.So ist es für uns klar, dass es in unserem Haushalt mit Rücksicht auf Zehra kein Schweinefleisch gibt. Dafür ist Alkohol - in Maßen - erlaubt. Usw.)

b) Wie werden die Kinder religiös erzogen? Werden sie von Geburt an auf eine Religion festgelegt oder dürfen sie ab der Jugend selbst entscheiden?

(Wir haben uns entschieden, für unsere Kinder jeweils eine Segnungsfeier mit Familien und Freunden zu organisieren, bei der sie jeweils christlich und islamisch gesegnet werden. Die Jungenbeschneidung wurde auch bei Jesus vollzogen, war also für mich als Christ kein Problem; allerdings in den ersten Lebenswochen, ärztlich und ohne Fest. Umgekehrt konnten die Kinder an der Grundschule den evangelischen Religionsunterricht besuchen. Wir erziehen sie in beiden Religionen, beten mit ihnen einzeln und gemeinsam (z.B. bei Tisch), begehen die Feste und besuchen Gotteshäuser. Ab dem Alter von 12 Jahren dürfen sie dann selbst entscheiden, ob und welcher Kirche oder Religionsgemeinschaft sie sich anschließen wollen. Wir beglückwünschen sie gemeinsam, wenn sie für sich einen passenden Glauben und Sinn im Leben finden.)

c) Durch Heirat werden ja nicht nur Einzelmenschen, sondern auch Familien, Freundeskreise und Gemeinden verbunden. Wie gehen wir mit möglichen Druck und Einflussversuchen durch Gemeinden oder Familien um?

(Für uns war klar, dass wir unsere Eltern jeweils lieben und ehren wollten - aber dass dies nicht bedeuten dürfte, sich gegeneinander aufbringen zu lassen. Im Zweifel hatte jede(r) von uns die gemeinsame Position auch gegenüber der eigenen Familie, dem Freundeskreis oder der Gemeinde zu vertreten. Auch dank der Liebe und Toleranz unserer Familien hat das auch sehr gut geklappt; wir leben inzwischen sogar in einem Mehrgenerationenhaus.)

3. Eine interreligiöse Ehe bedeutet mehr Herausforderungen und Anstrengungen, aber durchaus auch Chancen. Sich schon früh in der Beziehung über Identitäten, religiöse Prägungen und Zukunftsthemen auszutauschen, ist in Zeiten frischer Liebe ganz und gar nicht "lästig", sondern sinnvoll und kann klären helfen, "wie ernst die Sache ist". Und wer gelernt hat, sich auch über tiefe Gefühle, Begriffe, Symbole und Rituale auszutauschen, wird oft auch dialogfähiger in anderen Lebensbereichen.

So umschreibt z.B, die Bibel den auch körperlichen Vollzug der Liebe zwischen Adam und Eva als "Erkennen" (1. Mose 4,1), weil es eben idealerweise um eine ganzheitliche Begegnung geht. Fast jede(r) kann irgendwie "über Sex reden", aber echter, zwischenmenschlicher Dialog bedeutet weit mehr.

Das Eintauchen in die je andere Traditions- und Glaubenswelt der Ehepartner ist zudem auch für viele Verwandte und Freunde sehr interessant. Sehr viele Nichtchristen würden zum Beispiel sehr gerne einmal "richtig" Weihnachten feiern, viele Nichtmuslime Gast bei einem Iftar am Ramadan sein, viele Nichtjuden einmal Pessach begehen usw. Durch entsprechende Einladungen und Besuche können interreligiöse Paare auch Brücken für andere bauen und damit nicht nur Freude und Wissen verbreiten, sondern auch Verständnis und Frieden. Neugier ist etwas Schönes und auf bunten Festen wird oft besonders viel gefragt und gelacht!

MichaelZehra2016Valentinstag 2016: 19 Jahre nach der Hochzeit gemeinsam auf dem gemeinsamen Weg zum Berliner Dom. Foto: Michael Blume

Welche Tips geben wir anfragenden, religiösen Amtsträgern?

1. In einer freiheitlichen und urbanen (städtischen) Gesellschaft lassen sich interreligiöse Liebesbeziehungen nicht verhindern. Nur sehr strenge Abschottungen in eigenen Siedlungen und Vierteln wie zum Beispiel bei den Old Oder Amish oder den streng orthodoxen Juden vermögen sie weitgehend zu vermeiden. Mit dem Auszug aus ihren Dörfern war dies dagegen auch früher streng endogamen (nur untereinander heiratenden) Gemeinschaften wie den Aleviten und Yeziden nicht mehr möglich. Hier schlägt dagegen die "Traditionalismusfalle" auch demografisch zu: Wer jungen Leuten aufkund überholter Traditionen ehrliche Liebesbeziehungen weiterhin verbieten will, verursacht damit Leid und Scham, zwingt sie zu "inoffiziellen" Beziehungen und letztlich zum Aufschieben oder gar Aufgeben der Familiengründung - und zum stillen Rückzug aus der religiösen Gemeinschaft.

2. Sehr viel menschenfreundlicher, glaubwürdiger und auf Dauer auch erfolgreicher ist es also, interreligiöse Paare und ihre Kinder in der Gemeinde willkommen zu heißen, sie zu begleiten und einzubeziehen. In vielen Fällen wird dies dazu beitragen, dass die Bindungen zur Religionsgemeinschaft lebendig bleiben oder gar erneuert werden, oft auch über die Generationen hinaus.

3. In jeder freiheitlichen Gesellschaft nimmt durch Migration, Konversionen und den größeren Kinderreichtum religiöser Familien die religiöse Vielfalt unweigerlich zu. Interreligiöse Paare können lebensnahe Brücken zwischen den Gemeinschaften und Kulturen bauen, damit Abgrenzungen und Vorurteilen entgegenwirken und Gemeinsamkeiten bekräftigen. Sie können also nicht nur als "Problem", sondern durchaus auch als Potential betrachtet werden.

Letztlich sind Ehepaare - völlig unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit - idealerweise auch Liebespaare und dann auch häufig liebevolle Eltern. Wer es wirklich gut mit ihnen und mit unserer Gesellschaft insgesamt meint, der gestaltet auch religiöse Traditionen so, dass sie die Liebe nicht ersticken, sondern fördern.

So, das war nun also ein sehr persönlich-subjektiver Blogpost. Allen, die es feiern, ein frohes Oster- oder Purimfest oder auch einfach ein schönes und erholsames Wochenende!

Ich gebe zurück zur Homepage, zur Autorenseite und zur Evolutionsforschung rund um Religion(en)...

MichaelBlumeAutorenseiteAmazon

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http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/interreligioese-ehe-theorie-praxis-zehra/feed/ 9 chronologs
Netzkultur nach Paris und Brüssel: Trauerkritik, Terrorangst, Antisemitismus und das Gift der Menschenfeindlichkeithttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/netzkultur-paris-bruessel-trauerkritik-terrorangst/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=netzkultur-paris-bruessel-trauerkritik-terrorangst http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/netzkultur-paris-bruessel-trauerkritik-terrorangst/#comments Wed, 23 Mar 2016 21:47:19 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2676 ... weiter]]> Es war wohl mal wieder Zeit für einen neuen Verschwörungsvorwurf in meiner persönlichen Sammlung: Nachdem ich vor vielen Jahren mal als vermeintlich "heimlicher Muslim" ausgespäht, dann von Rechtsextremen als "Islamfreund" angeklagt und bei Antitheisten als "evangelikaler Religiot" ausgezeichnet worden war, darf ich mich nun auch über das Prädikat des "christlichen Zionisten" freuen. Vielen Dank!

Hintergrund war eine Facebook-Debatte zur "Trauerkritik", wie sie inzwischen nach jedem Terroranschlag in Europa seit Paris im Januar 2015 erhoben wird - entsprechend hat sich bemerkenswerterweise eine jeweils französische Schreibweise der Mitleidsbekundungen durchgesetzt. Der Vorwurf der "Trauerkritiker" lautet, dass viele angesichts europäischer Opfer "jetzt plötzlich" Betroffenheit zeigten, für die Toten der Anschläge etwa in Ankara oder Istanbul aber keine Empathie gezeigt hätten. Dagegen wird dann wiederum vorgebracht, dass dies doch wohl menschlich sei und beispielsweise Deutsch-Türken doch auch kaum Trauer um die Toten von Boston, Bagdad, Beirut oder Yola (Nigeria) demonstriert hätten. Unter dem Stichwort des "Empathy Gap" wird dieser Sachverhalt schon seit einiger Zeit und auch international diskutiert.

JesuisTerrorTrauerMit welchem Leid identifizieren wir uns mehr oder weniger? Hashtag-Sammlung rund zur Netz-Trauerkritik.

Nun hatte ich mir also erlaubt, in diesen Debatten darauf hinzuweisen, dass ich auch emotional unterschiedliche Betroffenheiten je nach regionaler und kultureller Nähe (also klassischer Gruppenzuschreibung) durchaus nachvollziehen könne, es mir aber schon reichen würde, wenn sich niemand mehr über zivile Opfer von Terrorattentaten freuen würde - zum Beispiel auch in Israel. Der Terrorismus könne nur niedergerungen werden, wenn jede Unterscheidung in "gerechtfertigten" oder "ungerechtfertigten" Terror unterlassen und stattdessen Angriffe auf Zivilisten in jeder Form verurteilt würden. Und damit hatte ich dann wohl einen Nerv getroffen - mit den Opfern zum Beispiel der Messerangriffe von Tel Aviv wollte sich mancher eben keinesfalls identifizieren, im Gegenteil...

MohamedUAntisemitismus0316Ein Gute-Morgen-Screenshot von meinem Smartphone, eine neue Beschimpfung in meiner Sammlung...

Trocken-wissenschaftlich gesehen haben wir es hier mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Verschwörungsmythen zu tun, die sich immer wieder gegen Juden (Antisemitismus), aber ebenso auch gegen Araber, US-Amerikaner oder Russen, Türken, Kurden, Christen, Sunniten, Schiiten, Alawiten, Bahai, Ahmaddiya, Yeziden, Roma und Sinti, Kommunisten, Freimaurer, Homosexuelle, Atheisten, Geflüchtete und andere Gruppen richten (können). So ermordete der norwegische Terrorist Anders Breivik junge Demokratinnen und Demokraten - und begründete seine Verbrechen mit dem Hass auf Muslime! Straßeninterviews im heutigen Istanbul (2016) haben wiederum auch massive anti-atheistische Einstellungen bis hin zu Gewaltfantasien aufgezeigt.

Sind Antisemitismus und Anti-Atheismus nur Probleme "des Islam"? Selbstverständlich nicht. So habe ich erst neulich ein Buchkapitel im "Verlockungen zur Unfreiheit" (2015) über die "Protokolle der Weisen" von Zion geschrieben, die Ende des 19. Jahrhunderts im Umfeld des russisch-zaristischen Geheimdienstes gefälscht wurden und in den 1930er Jahren von arabischen Christen übersetzt wurden. Die "Protokolle" sind eindeutig nicht islamisch, doch werden sie heute von sehr vielen Musliminnen und Muslimen "geglaubt" und teilweise auch von politischen und religiösen Bewegungen sowie Regimen aktiv propagiert! So "vergiften" antijüdische Verschwörungsmythen große Teile der islamischen Welt, wie sie zuvor auch christliche und nationalistisch-säkulare Bewegungen in Europa vergiftet haben.

Gegen Radikalisierung und Terrorismus kann jede(r) etwas tun!

So kann ich die gefühlte Hilflosigkeit vieler Musliminnen und Muslime in Deutschland durchaus verstehen, wenn von ihnen verlangt wird, sich von gewaltbereiten Salafisten "zu distanzieren" oder "ihnen entgegenzutreten". Welche nichtmuslimischen Deutschen wollen sich immer wieder von sächsischen Neonazis distanzieren oder diese zur Demokratie bekehren?

Doch es gibt meines Erachtens keine Entschuldigungen - für niemanden von uns - dafür, Verschwörungsglauben und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit - wie zum Beispiel Antisemitismus, Islamophobie, Aggressionen gegen Homosexuelle, Nichtglaubende, selbstbewusste Frauen o.ä. - nicht im eigenen Umfeld entgegen zu wirken. So wird auch die Integration der Geflüchteten aus arabischen Ländern nur gelingen, wenn der von dort mitgebrachte Antisemitismus, Antiyezidismus, Antiatheismus usw. früh und entschieden bekämpft wird. Der Respekt vor den Menschenrechten Anders- und auch Nichtglaubender muss in jeder Generation neu errungen werden! Eine vielfältige Gesellschaft kann nur dann Frieden und Freiheit bewahren, wenn sie dem Hass gegen Menschen(gruppen) keinen Raum gibt. Denn es ist dieser - sich gegenseitig aufschaukelnde - Hass, aus dem Extremisten und schließlich Terroristen aller Art ihre Anhängerschaften rekrutieren. Dieser Hass ist gefräßig und beschränkt sich - wie Forschungen zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gezeigt haben - nie auf nur eine Gruppe. Ob auch Mohamed U. das eines Tages verstehen oder sich weiter radikalisieren wird?

DemokratiegegenHass

Und wer dazu Religionsvergleichendes (als eBook oder Taschenbuch) lesen möchte:

ExtremismusFundamentalismussciebookBlume

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Das Yezidentum und die Neuen Medien: Ein Phänomen, an dem wir lernen könnenhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/das-yezidentum-neuen-medien-ein/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=das-yezidentum-neuen-medien-ein http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/das-yezidentum-neuen-medien-ein/#comments Sat, 19 Mar 2016 15:52:39 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2664 ... weiter]]> Hach, Erinnerungen: Vor recht genau 13 Jahren reichte ich meine Magisterarbeit über die Identitätsbildung neuer Muslime bei der Universität Tübingen ein. Schon damals faszinierte mich die Wirkung des Internets auf das auch religionsbezogene Selbstverständnis von Menschen und so hatte ich für die Arbeit per eMail "30 Online-Interviews" erhoben - was damals noch ziemlich "innovativ" war.

Hätte ich heute noch einmal die Chance, zu Religion & (neuen) Medien zu forschen, so würde ich auf das Phänomen des Yezidentums hinweisen, denn hier vollzieht sich derzeit etwas religionsgeschichtlich Einzigartiges!

1. Das Yezidentum verstand sich traditionell als mündlich tradierte Religion, dessen Lehren über religiöse Kasten (Scheichs und Pirs) an die Basis (Muriden) weitergegeben wurde. Doch binnen weniger Jahrzehnte gewinnt die Schriftlichkeit enorm an Bedeutung: Dabei lernen Yezidinnen und Yeziden als Schriftsprachen meist gar nicht ihre Muttersprache Kurmandschi, sondern Arabisch (Irak & Syrien), Türkisch (Türkei) und in den Einwanderungsländern schließlich Englisch, Französisch, Georgisch oder - besonders häufig - Deutsch. Das erste akademisch-theologische Institut für das Yezidentum wurde gerade in Georgien eröffnet.

2. Im Gegensatz zu den meisten anderen, größeren Religionsgemeinschaften hatten die Yeziden bislang kaum Gelegenheiten, etwa eigene Zeitungen, Radio- oder gar Fernsehsender zu etablieren. Vielmehr traten sie aus der Diskriminierung und Verfolgung durch muslimisch-nationalistische Mehrheiten direkt in die Medienwelt des Internets ein und nutzen dort insbesondere Facebook und YouTube auch zur Binnenkommunikation. Nahezu die gesamte, yezidische Medienkommunikation organisiert sich online - und zwar unmittelbar und global!

EzidiPressFacebookKerryGenozid0316

Ezidipress.com wurde als Online-Nachrichtenportal und Facebookseite zum derzeit dominierenden, deutsch-yezidischen Nachrichtenmedium. Screenshot (Facebook auf Smartphone): Michael Blume

Die Auswirkungen sind natürlich vielfältig und ambivalent: Übers Netz reisen nicht nur Sachinformationen und wichtige Nachrichten, sondern auch Gerüchte und Manipulationen. Auch schwierige Themen wie zum Beispiel sogenannte "Ehrenmorde" werden online inneryezidisch und unter Einbeziehung nichtyezidischer Freundinnen und Freunde intensiv diskutiert - so äußerte sich zum Beispiel auch der Vater von Shilan (22 J.), die bei einer Hochzeit in Niedersachsen getötet wurde, in einem Schreiben auf Facebook. Auch Reformdebatten und Vergleiche von Yeziden- und Alevitentum finden zunehmend im Netz statt.

Über die vielen Gefahren und Schattenseiten des Netzes kann man sich aufregen (und ich sehe z.B. Radikalisierungstendenzen auch unter religiösen und ethnischen Minderheiten durchaus mit Sorge) - aber auch die Möglichkeiten des Netzes auch für den Dialog nutzen. So ermutige ich inzwischen yezidische Aktivistinnen und Aktivisten ausdrücklich, über gemeinsame Termine etwa auf Arabisch, Kurdisch, Englisch oder Deutsch auch auf Facebook zu berichten - das nutzt ihnen, informiert die Gemeinschaft(en) und ermöglicht neue Formen des Dialoges.

MirzaDinnayiFacebookBlume0316 Facebook-Eintrag des deutsch-yezidischen Aktivisten Mirza Dinnayi von der Luftbrücke Irak e.V. über ein Gespräch zum Sonderkontingent.

Screenshot vom Smartphone: Michael Blume

Aufgefallen ist mir dabei auch die große Schnelligkeit der Medienflüße: Als ich vor einem Jahr, im März 2015, mit yezidischen Flüchtlingen aus Kurdistan-Irak sprach, war das deutsche Konzept von "Kindergärten" noch fremd und unbekannt: Viele Mütter hatten große Bedenken, ihre Kinder vor der Einschulung in eine fremde Umgebung ohne Verwandte zu geben. Für teilweise sehr gut organisierte Kommunen war diese Zögerlichkeit manchmal eine Enttäuschung.

Doch sehr schnell sprachen sich "online" die Entlastung für die Mütter wie auch die Sprach- und Bildungserfolge von Kindergartenkindern herum: Yezidische Flüchtlinge, die Anfang 2016 Deutschland erreichten, fragten bereits häufiger aktiv nach Kindergartenplätzen für ihre Kinder. Innerhalb nur eines Jahres hatte sich die Wahrnehmung deutscher Bildungseinrichtungen bei Menschen verändert, die selbst noch gar nie deutschen Boden betreten hatten!

Und selbstverständlich kommt es auch zu komplexen Interaktionen zwischen verschiedenen Medien, verkörpert beispielsweise in der Arbeit der deutsch-yezidischen Fernsehjournalistin Düzen Tekkal, deren Beiträge wiederum auf YouTube zu finden sind.

Fazit: Die neuen Medien gestalten nicht nur politische Prozesse (wie etwa US-Präsidentschaftswahlen) massiv um, sondern auch religiöse und interreligiöse Prozesse - etwa bei der Herausbildung neuer (zum Beispiel amerikanisch-islamischer, deutsch-yezidischer usw.) Identitäten. Einige wichtige Fortschritte gibt es bereits beim Verständnis der Rolle der neuen Medien für Radikalisierungs- und Rekrutierungsprozesse. Doch es wäre nicht nur im Sinne von Grundlagenforschung interdisziplinär außerordentlich interessant, sondern im Sinne der gemeinsamen Zukunft auch praktisch sehr hilfreich, wenn es auch darüber hinaus dazu mehr religions- und medienwissenschaftliche Arbeiten und Debatten a la Prof. Oliver Krüger gäbe. Denn "es" geschieht - gerade auch jetzt!

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