Natur des Glaubens http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens Evolutionsgeschichte der Religion(en) Sun, 24 May 2015 21:10:27 +0000 de-DE hourly 1 Die zwei putzigen Engel – und das ganze Bildhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-zwei-putzigen-engel-und-das-ganze-bild/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-zwei-putzigen-engel-und-das-ganze-bild http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/die-zwei-putzigen-engel-und-das-ganze-bild/#comments Sun, 24 May 2015 21:06:26 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2231 ... weiter]]> Während der Glauben an eine Gottheit - die zwar liebt, aber auch fordert - in Gesellschaften mit hoher existentieller Sicherheit eher schwindet ("Not lehrt beten"), erfreut sich der Glauben an Engel und insbesondere Schutzengel auch in Deutschland hoher, tendenziell sogar wachsender Beliebtheit!

Hier kommt einerseits die weiter zunehmende Bereitschaft zu individuellen Formen der Religiosität zum Tragen, wie ich sie zuletzt auch am Beispiel der Einhornglaubensbewegung schildern konnte. Interessant ist aber auch, wie sich alltags- und populärkulturelle Wahrnehmungs- und Wissensformen verändern.

So kennen sicher die meisten von Ihnen das folgende Motiv der zwei putzigen Engel z.B. auf Postkarten, Tassen oder auch Bildschirmschonern.

ZweiputzigeEngel

Wissen Sie jedoch auch, aus welchem Gemälde diese nachdenklichen Engel stammen?

 

Wenn nicht, sind Sie in bester Gesellschaft: Nur wenigen ist bisher bekannt, dass es sich bei den beiden Nachdenklichen um ein Detail von Raffaels „Sixtinischer Madonna“ von 1512 handelt – einem für sich bedeutenden Kunstwerk, das seit 1754 in Dresden zu bewundern ist. Zumindest in diesem Gemälde wurden die niedlichen Engel prominenter als Maria mit dem kleinen Jesus, zu deren Füssen die Geflügelten gemalt wurden!

MadonnaRaffaelDresden

Dieser buchstäbliche "Bildausschnitt", bei dem die eigentlich auch religiösen Zentralfiguren zugunsten zweier geflügelter "Nebendarsteller" ausgeblendet wurden, ist ein schöner und bedenkenswerter Beleg für die Verschiebungen von Seh-, Wissens- und auch Glaubensgewohnheiten in unserer eigenen Gesellschaft. Engel sind klar "am Kommen", zumal ihre technologischen Geschwister (UFOs & Aliens, nach C.G. Jung "Engel in Raumanzügen") derzeit eher an Popularität verlieren.

Dieser Blogpost enthielt Bild- und Textauszüge aus dem sciebook "Engelkunde", erhältlich als eBook und Taschenbuch.

Engelkunde, sciebooks.de 2013

Credit: sciebooks.de "Engelkunde"

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Warum Menschen an Einhörner glauben – Forschungsartikel zu einer neureligiösen Bewegunghttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/warum-menschen-einhoerner-forschungsartikel-bewegung/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=warum-menschen-einhoerner-forschungsartikel-bewegung http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/warum-menschen-einhoerner-forschungsartikel-bewegung/#comments Mon, 18 May 2015 19:11:23 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2224 ... weiter]]> Haben auch Religionswissenschaftler Vorurteile? Aber sicher - das wurde mir wieder einmal schmerzhaft klar, als ich vor einigen Jahren auf ein Interview stieß, in dem sich eine junge Frau als "inkarniertes Einhorn" bekannte.

Zwar hatte ich bereits über Engel- und UFO-Glauben geforscht (nicht zuletzt, um die Reichweite von Evolutionsforschung zu testen) - aber der ernsthafte Glauben an Einhörner, Elfen- und Feenwesen erschien mir zunächst spontan als doch einfach... lächerlich. Doch mit diesem emotionalen Vor-Urteil wollte ich mich nicht zufrieden geben. Denn im Gegensatz zu den Kolleginnen und Kollegen der Theologie(n) sind Religionswissenschaftler ausdrücklich dazu angehalten, verschiedene Glaubenstraditionen nicht vorzuwerten, sondern auch über die eigenen Schatten zu springen, um sie historisch und vergleichend zu erforschen und besser zu verstehen.

Einer der bedeutendsten Vertreter dieser "pragmatistischen" Position war der Religionspsychologe und Philosoph William James (1842 - 1910), zu dem die Potsdamer Philosophin Marie-Luise Rathers eine gut besuchte Tagung und einen neu erscheinenden Sammelband ("Warum Religion?") organisierte. Die Einladung dazu nahm ich zum Anlaß, den (Huf-)Spuren des Einhornglaubens mutig zu folgen. Die weiteren Beiträge des Sammelbandes werde ich einmal extra besprechen, hier finden Sie aber bereits Inhaltsverzeichnis und meinen Forschungsartikel zum Einhornglauben:

Blume, M. (2015): Die Wiederkehr der Einhörner. Eine pragmatistische Analyse einer neureligiösen Glaubensbewegung.
in: Rathers, M.-L. (Hrsg.): Wozu Religion? Überlegungen zur Funktion von Religion im Leben. Verlag Karl Alber 2015, S. 50 - 70

Und wenn man erst einmal zu forschen anfängt, wird es auch schnell interessant: Denn es begegnen einem Einhorn-Symbole eben nicht nur in Buchhandlungen und Esoterikläden, sondern auch in Innenstädten - und sie werden von fast allen von uns vorbewusst seit Jahrhunderten mit Güte, Leben und Heilkraft verbunden (sog. implizites Wissen).

EinhornApothekeWuppertal

Das Einhorn symbolisiert Güte, Leben und Heilkraft. Foto einer Apotheke in Wuppertal, Michael Blume

Und auch in der Populärkultur sind Einhörner tief verwurzelt - Buch und Film über "The last Unicorn / Das letzte Einhorn" sind geradezu vollgesogen mit religiösen Motiven und Metaphern rund um Gut und Böse, Glauben und Zynismus, Tod und Wiedergeburt ("I'm alive! Ich lebe!" - gegen alle Verfolgungen und scheinbare Siege des gehörnten Bösen).

So fand ich schließlich eine neureligiöse, alternative Glaubenswelt um verkündende "Schwestern" wie Melanie Missing und die (oben interviewte!) Julia Jannsen die via Internet, Lesereisen und auf "Einhorn-Sommercamps" nicht nur Vorträge und Produkte wie "Essenzen", sondern beispielsweise auch Meditationen anboten.

EinhornSommercamp2012

Aus dem Bildarchiv zur Forschung: Logo des Einhorn Sommer-Camps 2013 "in schöner Natur bei Kassel".
Unten: Teilnehmerinnen & (wenige) Teilnehmer einer "Heilreise in das Land der Einhörner-Meditation" mit Melanie Missing

EinhornMeditation2012Teilnehmerinnen

Die Suche nach den Wurzeln des Einhornglaubens führte dabei zurück bis in die vorchristliche Antike - und die frühchristlichen, griechischen und römischen Übersetzungen der Bibel! Im Buch Hiob aus dem hebräischen "Rem" als "Monoceros" bzw. "Unicornus" übersetzt, wurde das wohl ursprünglich aus dem indischen Nashorn geschöpfte Tier schon im frühen Christentum mit Jesus Christus selbst identifiziert. So schrieb Bischof Basileus im 4. Jahrhundert nach Christus: "Christus ist die Macht Gottes, darum ist er das Einhorn genannt."

Und so entwickelte sich in der gesamten Christenheit die Symbolwelt des unsterblichen, heilenden, stets vom Bösen bedrohten Einhorns sowohl in der kirchlich-religiösen Kunst wie auch in der "weltlicheren" Minne (Liebesliteratur). "Einhornreliquien" wie Narwalzähne wurden an vielen Fürstenhöfen verwahrt, bis schließlich das römisch-katholische Konzil von Trient 1563 im Zuge der Gegenreformation das sagenhafte Tier aus der kirchlichen Symbolwelt verbannte. Doch es überlebte in der populären, "weltlichen" Erzählwelt - bis hin schließlich zur heute allgegenwärtigen Fantasy. In gewisser Hinsicht bildet der religiöse Einhornglauben also eine Wiederentdeckung mittelalterlich-christlicher Traditionen.

Nach Deutschland kam der Einhorn-Glauben schließlich wieder über die esoterische Literatur aus den USA (v.a. Diana Cooper), wo er sich im Austausch mit esoterischen Engels- und UFO-Glaubensbewegungen entfaltet hatte: Während neureligiös orientierte Männer - etwa in der Unarius-Akademie, bei Scientology, den Raelianern oder dem vulkanisch-jüdischen Segensgruß - häufiger Science-Fiction-Elemente aufgriffen, fanden Frauen magische, spirituelle und religiöse Erfahrungen häufiger im Umfeld von Fantasy-Literatur. Einen zuletzt fördernden, vielleicht gar entscheidenden Schub ermöglichte dabei ausgerechnet das Internet, das die Vernetzung der "versprengten" Glaubenden ermöglicht.

Der Spott der meist männlichen Netizens, die sich etwa in der Spaßreligion vom "Rosafarbenen Unsichtbaren Einhorn" oder im "Angebot von Einhornfleisch (Unicorn meat)" äußern, wird dabei durchaus als Glaubensprüfung eingepreist. Auch das hat es in der Religionsgeschichte - nicht zuletzt im frühen Christentum - bereits gegeben - die allererste bekannte Bilddarstellung Jesu stammt aus einer Spottkarikatur und stellt ihn mit Eselskopf dar.

Schließlich lässt sich auch der Einhornglauben durchaus auf individuelle und soziale Funktionalität hin untersuchen - die er durchaus manchen post-materialistischen, auch von den Kirchen nicht erreichten Glaubenden bietet. In der Summe bleibt mir also nur, William James nachträglich Recht zu geben: Es lohnt sich, auch vermeintlich absurden Glaubensvorstellungen erst einmal wissenschaftlich nachzugehen, sie nach ihrer Religionsgeschichte und ihrem individuellen "Nutzwert" zu befragen. Auch der Einhornglauben lässt sich aus der Perspektive (evolutionärer) Religionswissenschaft gut erforschen, beschreiben und erklären.

Der Forschungsartikel zum kostenfreien Download:

Blume, M. (2015): Die Wiederkehr der Einhörner. Eine pragmatistische Analyse einer neureligiösen Glaubensbewegung.
in: Rathers, M.-L. (Hrsg.): Wozu Religion? Überlegungen zur Funktion von Religion im Leben. Verlag Karl Alber 2015, S. 50 - 70

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Steigt der Salafist ins türkische Taxi… Mein Lieblingswitz zu religiösem Fundamentalismushttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/steigt-salafist-taxi-mein-lieblingswitz/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=steigt-salafist-taxi-mein-lieblingswitz http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/steigt-salafist-taxi-mein-lieblingswitz/#comments Mon, 18 May 2015 11:04:50 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2212 ... weiter]]> Im Leben eines Wissenschaftlers geschehen die unwahrscheinlichsten Dinge - beispielsweise werden auch Schwaben für Experten in Sachen Humor gehalten! So soll ich nun also auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart am 04. Juni 2015 zum Thema "Lachen in Namen der Religionen. Humor in den abrahamitischen Religionen" sprechen. Und nachdem auch der Pegida-FDP-Dialog hier neulich für Freude gesorgt hatte, nutze ich doch einfach die Chance, einen neuen Humor-Schwerpunkt auf Natur des Glaubens zu eröffnen - in dem ich hin und wieder Schlaglichter auf Witze rund um Religion(en) werfen möchte.

Heute darf ich Ihnen dazu meinen (derzeitigen) Lieblingswitz vorstellen, der aus der Türkei stammt und m.E. sehr treffend die Herausforderung des Fundamentalismus auch (aber nicht nur) im Islam thematisiert:

 

Ein Salafist (= islamischer Fundamentalist) ruft in Istanbul ein Taxi. Er hat kaum auf der Rückbank Platz genommen, da raunzt er den türkischen Taxifahrer auch schon an: "Schalten Sie das Radio aus! Der Prophet hat auch keine Musik gehört!"

Daraufhin hält der Taxifahrer an und dreht sich zu seinem bärtigen Fahrgast um: "Wenn das so ist, dann steigen Sie doch sofort aus - und warten auf das nächste Kamel!"

 

Was mir an diesem ebenso kurzen wie präzisen Witz so gut gefällt, ist, dass er den Hauptwiderspruch fundamentalistischer Bewegungen wunderbar aufspießt: Religiöse Fundamentalisten behaupten, eine "Rückkehr zu den ursprünglichen Quellen" ihrer jeweiligen Religion - und sind doch rebellische Abkömmlinge der Moderne, die Neues und Altes willkürlich mischen. So verbieten beispielsweise islamisch-salafistische Bewegungen gerne das Tragen von Jeans oder die Benutzung von Zahnbürsten (denn Muhammad habe nur Miswak benutzt), nutzen aber - wie zum Beispiel der deutsche Salafist Pierre Vogel - eifrig das Internet (Facebook & Twitter), moderne Fahrzeuge und - wie der so genannte "Islamische Staat" - natürlich auch Waffen. Wer nach einer "Logik" dahinter sucht, wird meist nur auf eine "Logik der Macht" treffen: Erlaubt und verboten wird, was den Anführern jeweils nutzt. Entsprechend wurde auch die "islamische" Haltung zur Geburtenregelung im Iran mehrfach verändert - je nach Bedarf der Herrschenden. In meinem Audioblog hatte ich schon einmal das Beispiel demonstriert, in dem deutschsprachige Salafisten das Internet und (pseudo-)wissenschaftliche Argumentationen verwenden, um gegen die Evolutionsforschung zu Religiosität & Religionen Stimmung zu machen - und letztlich junge, unsichere Leute zu ködern.

Religionswissenschaftlich wichtig ist jedoch der Hinweis, dass Fundamentalismus nicht nur ein Problem des Islam ist: Er tritt in allen Religionen und Weltanschauungen auf, in denen sich Menschen durch Modernisierungsprozesse verunsichert fühlen und "Halt!" suchen. Tatsächlich geht der Begriff des Fundamentalismus sogar auf eine christlich-evangelikale Schriftenreihe "The Fundamentals - A Testimony to the Truth" zurück. Niemals waren und sind fundamentalistische Bewegungen dabei darüber einig geworden, was denn nun genau alles "die Wahrheit" sei - weswegen sie sich auch untereinander immer wieder hingebungsvoll befehden.

FundamentalsBuchserie

Der Begriff des Fundamentalismus geht auf eine christlich-evangelikale Schriftenreihe zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Bild: The Gospel Coalition

Der obige Witz hilft meines Erachtens, die Mechanismen des Fundamentalismus zu verstehen - und ermöglicht damit den Blick auf die tiefergehenden Probleme. Denn religiöser Fundamentalismus mag selbstwidersprüchlich sein - er führt jedoch als Begleiterscheinung der Moderne zu oft besonders engagierten und - im Durchschnitt - auch kinderreichen Gemeinschaften wie z.B. den Old Order Amish (christlich) oder verschiedenen Haredim (jüdisch). Nicht nur Michel Houellebecq fürchtet da inzwischen um den Fortbestand von Humanismus und Aufklärung. Es empfiehlt sich also, beim Lachen nicht stehen zu bleiben, sondern "Religiösen Fundamentalismus & Extremismus - Die gefährlichen Seiten des Glaubens" rechtzeitig ernst zu nehmen.

 ExtremismusFundamentalismussciebookBlume

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Wie die FDP Bayern #Pegida in einem Facebook-Dialog entlarvtehttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/wie-fdp-bayern-pegida-facebook/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=wie-fdp-bayern-pegida-facebook http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/wie-fdp-bayern-pegida-facebook/#comments Thu, 14 May 2015 09:50:16 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2204 ... weiter]]> Das Leben kann gemein sein - oder auch einfach überraschend komisch, je nach Perspektive.

Da schreibt man sich als Wissenschaftler die Finger über gefälschte Islamzahlen wund, rezensiert Doktorarbeiten über die Psychologie von Verschwörungstheorien, warnt in WDR-Talkshows vor rechtsextremen Trollen und veröffentlicht in libertären Magazinen Artikel über die Gefahren sich selbst verstärkender Medienblasen. Und dann kommt die FDP Bayern (!) (Twitter: @fdpbay) und enthüllt in einem einzigen Facebook-Dialog die ganze, ähm, Tiefe des Pegida-Wutbürgertums.

Mein persönlicher Lieblingssatz: "Was, auch die Kirchen? Grundgütiger..." :-)

FDPBayernPegida

Und die Krone wird dem Ganzen aufgesetzt durch Pegida-Kommentare auf der Facebook-Seite der FDP Bayern, auf der sich nun Pegidisten beklagen, so dürfte doch eine liberale Partei nicht mit "Kritik" umgehen... Erst einen demokratischen Politiker mit Goebbels vergleichen, dann Mimimi...

Ich hätte es nicht für möglich gehalten - doch so ertappte ich mich also bei einem Lob der bayerischen Freidemokraten...

BlumeNoPegidaFDPBayern

(Und wer heute noch unbedingt etwas Ernsteres zum Thema & Problem des Liberalismus lesen möchte, dem empfehle ich die aktuelle WELT-Kolumne von Thomas Straubhaar, bei der m.E. nur die Demografie fehlt.)

Zuletzt: Allen Mit-Christinnen & Christen eine gesegnete Himmelfahrt und allen Mit-Vätern einen schönen Vatertag! :-)

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Sebastian Bartoschek – Verschwörungstheorien – eine empirische Grundlagenarbeit (Rezension)http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/sebastian-bartoschek-verschwoerungstheorien-grundlagenarbeit-rezension/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=sebastian-bartoschek-verschwoerungstheorien-grundlagenarbeit-rezension http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/sebastian-bartoschek-verschwoerungstheorien-grundlagenarbeit-rezension/#comments Sat, 09 May 2015 16:15:49 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2194 ... weiter]]> Als ich Ende letzten Jahres ein kleines Wattpad-Projekt zu Verschwörungstheorien startete, stellte ich etwas frustriert fest, dass es empirische - datengestützte - Arbeiten dazu fast nur im englischsprachigen Raum gab. Auf Deutsch gab und gibt es dazu zwar jede Menge Texte und Gedanken sowie auch historische Untersuchungen, aber leider sehr wenige psychologische Studien. Die Ehre seiner Zunft rettete da der Psychologe Sebastian Bartoschek mit seiner Doktorarbeit zum Thema "Bekanntheit und Zustimmung zu Verschwörungstheorien - eine empirische Grundlagenarbeit". Also bestellte ich diese gleich vor - und wurde nicht enttäuscht.

BartoschekVerschwoerungstheorien

Bartoscheks Arbeitsmaterial sind 1. sein breites Wissen über populäre Verschwörungstheorien (VTn), nicht zuletzt aufgrund seines jahrelangen Engagements bei GWUP und anderen Skeptiker-Bünden, 2. die Kenntnis bestehender, psychologischer VT-Theorien von Graumann & Mosovici (1987) über Thomas Grüter (2006) bis zu Whitson & Galitsky (2008) - und schließlich vor allem 3. ein ausführlicher (und in Testversionen vorbereiteter) Fragebogen, mit dem Bartoschek die Kenntnis und Zustimmung zu VTn mit anderen Faktoren in Beziehung setzen konnte. Letztlich konnte der Psychologe für seine Arbeit auf über 1.500 Antworten zurückgreifen.

Hohe Fachlichkeit

Die Arbeit von Bartoschek erfüllt die deutschen Standards von Wissenschaftlichkeit - ist also sehr kompliziert verfasst und ohne Grundkenntnisse in Psychologie und Statistik kaum zu verstehen. Dafür zieht der Autor sein Programm aber auch gnadenlos durch und hat bis zum Ende kein Problem damit, Hypothesen für gescheitert zu erklären oder "Probleme" bei Fragenformulierungen oder Stichprobenauswahl einzuräumen.

In der Summe...

...kommt Bartoschek zu fünf Faktoren, die mit durchschnittlich (signifikant) erhöhtem Glauben an VTn einhergehen:

1. Politischer Extremismus

2. Religiosität

3. Jüngeres Alter

4. Formal geringere Bildung

5. Weibliches Geschlecht

In der Summe ergibt sich so eine deutliche Unterscheidungung zwischen (häufiger männlichen & religiös-weltanschaulich skeptischen) "Kennern" von VTn einerseits sowie von (häufiger weiblichen & auch religiös gläubigen) "Zustimmenden" zu VTn. Dies läßt ihn vermuten, dass Religiosität & Verschwörungsglaube gemeinsame, evolutionäre Ursachen - wie die Bedürfnisse nach Mustererkennung, Sinn- und Strukturstiftung - haben könnten (vgl. Grüter auf scilogs). Spannende Befunde ergeben sich auch daraus, dass Bartoschek die Zustimmung zu VTn nicht einfach mit Ja-Nein-Fragen abruft, sondern den Befragten die Möglichkeit von Wahrscheinlichkeiten gab. So konnte er im Vergleich zu "groberen" Umfragewerten aufzeigen, dass Befragte im Sinne "sozialer Erwünschtheit" dann stärker mit "Ja" antworteten, wenn die jeweilige VT gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

Hier auch ein Vortrag Bartoscheks vor den Rhein-Ruhr-Skeptikern (über deren Mailinglisten auch Fragebögen versandt wurden) zu seiner Forschungsarbeit:

(M)ein Lieblingszitat

(S. 193-194)

Schon allein unter dem Aspekt der realen Existenz von Verschwörungen erscheint eine Forderung nach der Überwindung des Glaubens an VT wenig sinnvoll. Bezieht man zudem mit ein, dass der VT-Glaube wohl letztlich evolutionären Ursprungs ist, erscheint eine Überwindung zudem wenig durchführbar.

Vielmehr erscheint ein gesundes, mittleres Maß an Skepsis und Misstrauen vernünftig, um sich vor realen Verschwörungen zu schützen. Doch sollte stets beachtet werden, dass eine Theorie nur solange Anspruch hat, ernst genommen zu werden, wie sie falsifizierbar bleibt.

Kritik: "Probleme mit der Stichprobe"

Den Hauptkritikpunkt an den Befunden seiner Arbeit benennt Bartoschek selbst - es sind "Probleme mit der Stichprobe". Obgleich die Zahl der Befragten recht groß ist, ergibt sich ein klar nicht-repräsentatives Bild der Beteiligten. So befinden sich nur wenig Menschen mit formal geringerer Bildung (3% Hauptschule, 9% Mittlere Reife, aber 82,3% (Fach-)Abitur), nur wenige Verheiratete und sage und schreibe 69,8% Kinderlose unter den Antwortenden, ebenso nur 7,4% CDU-Wählende. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass er einerseits den (dominant männlichen) Skeptiker-Kreis und andererseits an Psychologie & Populärkultur besonders interessierte Frauen erreicht hat und befragen konnte. Tatsächlich weisen seine gefundene Schwerpunkte interessante Überschneidungen zu den (2 von 5) Gruppen der "undifferientated sceptics" und "undifferentiated believers" einer neueren Studie aus Neuseeland auf - was ich (bei allen Einschränkungen im Hinblick auf allgemeine Repräsentativität) für durchaus spannend halte!

Bewertung

In der Gesamtbewertung komme ich zu dem Ergebnis, dass Bartoschek eine hervorragende, empirisch-wissenschaftliche Arbeit vorgelegt und damit auch fehlende Forschungen gerade auch im deutschsprachigen Raum aufgezeigt hat - ohne dabei Schwächen und noch offene Fragen zu leugnen. Wer etwa an der Repräsentivität seiner Stichprobe mäkeln möchte, kann das tun - muss sich dann jedoch auch die Frage gefallen lassen, warum es bislang kaum größere und schon gar nicht bessere empirische Studien zu diesem (auch z.B. politikwissenschaftlich) relevanten Feld gibt. Bartoschek hat einen ersten, wuchtigen Stein in den Fluß geworfen. Nun braucht es Andere, die mit gleichem Drang & Mut auf diesen steigen und den nächsten werfen. Dann - erst dann - wird es irgendwann möglich sein, dass Phänomen der Verschwörungstheorien auch psychologisch besser zu verstehen. Ich finde, dafür wäre es höchste Zeit und Bartoschek hat einen wichtigen Schritt dazu getan. Künftige Forschungen dazu im deutschsprachigen Raum sollten an ihm nicht vorbeigehen.

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Amish und Quäker – Lehrreiche Gemeinsamkeiten und Unterschiedehttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/amish-quaeker-lehrreiche-gemeinsamkeiten-unterschiede/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=amish-quaeker-lehrreiche-gemeinsamkeiten-unterschiede http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/amish-quaeker-lehrreiche-gemeinsamkeiten-unterschiede/#comments Sun, 03 May 2015 12:23:42 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2187 ... weiter]]> Während der langen Jahrhunderte der römisch-katholischen, später auch evangelischen Staatskirchlichkeit wurden in Europa religiöse Minderheiten meist verdrängt, manchmal gar vernichtet, so dass die Vielfalt auch des Christentums unterdrückt wurde und vielfach aus dem Blick geriet. Oft erlebe ich auch auf diesem Blog, dass Kommentierende aus Europa einfach von „der Kirche“ schreiben und gar nicht wahrnehmen, dass es neben der katholischen Kirche auch verschiedenste evangelische sowie anglikanische, orthodoxe und weitere Kirchen gibt. Gerade kleinere christliche Gemeinschaften werden auch schnell als „Sekte“ beschimpft – ein sprachlicher Trick, der zum Beispiel auch in der Türkei christliche und muslimische Gemeinschaften mit erheblichen Folgen ausgrenzt.

In Nord-, Mittel- und Südamerika gehörte dagegen die innerchristliche Vielfalt sehr viel stärker auch zum Alltag der Menschen – nicht zuletzt, weil viele aus Europa vertriebene Minderheiten dort Zuflucht und Religionsfreiheit vorfanden. So entstand eine sehr vielfältige und dynamische religiöse Landschaft, was nicht nur für die religionsbezogene Allgemeinbildung von Vorteil ist – sondern auch für die Wissenschaft(en). Denn wo sich Religiosität in einer Vielzahl verschiedener Formen ausprägt, wo dazu auch noch mehr rechtliche Gleichstellung und also fairer Wettbewerb bestehen, lassen sich natürlich aufblühende und absterbende Traditionen sowie die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und auch demografischen Potentiale von Religionsgemeinschaften besser vergleichend erforschen.

ReligionsdemografiePotentialeCredit: Grafik: Blume, M. (2014) "Religion und Demografie. Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt." sciebooks

Auch aus diesem Grund hatte ich in den letzten Jahren Reisen nicht zuletzt dafür genutzt, mehrere in den USA bestehende Religionsgemeinschaften vergleichend zu erforschen und zu beschreiben – so in den sciebooks zu den je christlichen Old Order Amish, Baptisten, Quäkern & Unitariern und Mormonen sowie den jüdischen Haredim, aber auch z.B. den zwischen Religion und Weltanschauung changierenden Freimaurern.

ShelfieMichaelBlume

Hier fand (s)ich nun ein recht nett gemachtes Video zu einigen Gemeinsamkeiten und auch Unterschieden zwischen Amish und Quäkern, das ich Ihnen nicht vorenthalten wollte. Denn ob Biologie oder Religionswissenschaft – erst aus der Vielzahl konkreter Fallbeobachtungen lassen sich Evolutionsprozesse tiefer verstehen

PS: Dies ist übrigens der 500te Blogpost auf "Natur des Glaubens"! :-)

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Licht und Schatten der digitalen Gesellschaft – WDR Westart-Debatte zur Netzpolitikhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/licht-schatten-gesellschaft-wdr-westart/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=licht-schatten-gesellschaft-wdr-westart http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/licht-schatten-gesellschaft-wdr-westart/#comments Sun, 26 Apr 2015 21:20:00 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2183 ... weiter]]> Vor Kurzem veröffentlichte der religionswissenschaftliche Blog der "Marginalien" eine kleine Blogumschau, für die ich gebeten wurde, den Inhalt meines Bloggens kurz zusammen zu fassen.

Ich schrieb also:

Wissenschaftsblogs wirken als sich verstärkendes Netzwerk – deswegen kann es gar nicht genug davon geben! Mein Blog „Natur des Glaubens“ hat den wissenschaftlichen Schwerpunkt auf der interdisziplinären Evolutionsforschung sowie der Medienreflektion. Normativ werbe ich für die Befassung mit Wissenschaften und trete für Dialogprozesse, Menschen- und Freiheitsrechte ein. Dabei ist NdG auch ein Stück Experiment und teilnehmende Beobachtung: Seit Kurzem habe ich ihn durch einen kleinen Podcast und Videos ergänzt und nutze ihn auch zunehmend für Lehrveranstaltungen. Kurz: Ich liebe die Dynamiken der Blogosphäre, würde mir aber noch viel mehr religionswissenschaftliche Kolleginnen und Kollegen dort wünschen. Wir entscheiden doch durch unser Tun oder Unterlassen mit, welche Inhalte sich im Netz finden!

Dies zu formulieren erinnerte mich auch daran, dass das Bloggen für mich nicht nur ein nettes Hobby gewesen war, sondern auch ein Weg, mich den Schatten einer existentiellen Krise zu stellen, die meine berufliche Existenz ganz an ihrem Anfang fast vernichtet hätte. Es war dies eine gute Vorbereitung auf die Debatte bei WDR WestArt zu "Gefangen im Netz? Wie frei ist der digitale Mensch?", zu der ich eben genau als "Blogger & Religionswissenschaftler" geladen war - auch um von den Erfahrungen zu berichten. Darüber hinaus genoss ich aber auch die Gelegenheit, mit Markus Beckedahl (den ich bereits von einem scilogs-Treffen kannte), der Regisseurin und Netzaktivistin Angela Richter, dem Ökonomen und Journalisten Hannes Grassegger sowie dem Arzt und Autor Bert te Wildt zu debattieren.

Hier also das Video zur Sendung (mit meinem Erfahrungsbericht ab Min 17:23):

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Gefangen im Netz? WDR-Debatte und Krimidinner für Kinderhttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/gefangen-netz-wdr-debatte-krimidinner/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=gefangen-netz-wdr-debatte-krimidinner http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/gefangen-netz-wdr-debatte-krimidinner/#comments Fri, 24 Apr 2015 15:41:05 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2178 ... weiter]]> Am Sonntag, dem 26.04.2015, nehme ich ab 11 Uhr an einer WDR-WestArt-Debatte zum Thema "Gefangen im Netz? Wie frei ist der digitale Mensch?" teil. Dabei soll es einerseits über die Erfahrungen mit einem übergriffigen Geheimdienst gehen, die ich hier auf dem Blog einmal geschildert hatte. Aber auch das Thema Cybermobbing war auf Natur des Glaubens schon Thema - nicht zuletzt, weil ich mir auch als Vater Gedanken darüber mache. Schließlich zahlen schon jetzt immer mehr Menschen auch einen furchtbaren "Preis" für die schöne, neue Welt der neuen Medien.

Als Nachtrag, hier ein Mitschnitt:

Dabei war & ist mir wichtig: Ich bin insgesamt begeistert von den Möglichkeiten neuer Technologien und halte gar nichts von der leider weit verbreiteten Technikfeindlichkeit. Allerdings sehe ich schon unsere Verantwortung als "Netizens", auch die Schattenseiten aller auch guten Entwicklungen in den Blick zu nehmen und ihnen wo möglich zu begegnen.

KinderBildBewegung

In welcher Welt werden sich unsere Kinder bewegen?
Ein Bild auf Leinwand meines mittleren Sohnes. Foto: Michael Blume

Als sich meine Tochter zu ihrem 12. Geburtstag ein "Krimidinner" wünschte, verwandelten meine Frau und ich unser Wohnzimmer in ein "Bistro Blume" mit Internetkaffee. Jede Teilnehmerin erhielt eine - ausgeloste - Rolle, die zur Befassung mit dem Thema Cybermobbing führte (den Krimidinner-üblichen Mordfall fand ich in dieser Altersklasse noch zu krass). Und tatsächlich machte der Abend nicht nur viel Freude (wenn wir auch als Köchin & Kellner ganz schön zu tun hatten...), sondern die Kinder diskutierten auch nach Auflösung des Falls über die Sache weiter.

Gerne stelle ich Ihnen hier das pdf des Krimidinners zur Verfügung - möchte aber ausdrücklich dafür werben, dass Sie es ggf. nur als Anregung für einen eigenen Entwurf nehmen. Denn die Kids finden heute im Netz einfach alles!

;-)

Und wer sich etwas tiefer mit den Vorzügen wie auch Gefahren der Netzkultur befassen mag, dem mag ich hier gerne - ebenfalls kostenfrei - die Artikel "Wir Wildbeuter im Web 2.0" und "Gefühlte Wahrheiten. Leben zwischen Realität und Medienblasen" zum Download anbieten.

BlumePapierschiff

Wohin treiben wir - und auf welchem Medium?
Hier hatte einmal eine Zuhörerin an der Uni Köln einen meiner Flyer diskret in etwas Kunstvolles verwandelt.
Foto: Michael Blume

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Religion und Wissenschaft als Lebensformen – Anthropologische Einsichten in Vernunft und Unvernunft (Salazar und Bestard, Berghahn)http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religion-wissenschaft-lebenformen-anthropologische-einsichten/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=religion-wissenschaft-lebenformen-anthropologische-einsichten http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/religion-wissenschaft-lebenformen-anthropologische-einsichten/#comments Sun, 19 Apr 2015 08:25:30 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2168 ... weiter]]> Jede(r) von uns hat unbewusst oder bewusst eine Meinung dazu, doch die philosophische wie auch empirisch-wissenschaftliche Forschung und Debatte zum Thema ist noch immer unterentwickelt: Gibt es nur eine höchste Form des Wissens (zum Beispiel empirische Erkenntnisse oder religiöse Offenbarungen) wie es erkenntnistheoretische Monisten behaupten? Oder stellen je empirische Wissenschaften, Kunst, Recht, Philosophie und Religion jeweils eigene Wissensformen dar, die sich gegenseitig beeinflussen, aber nicht ersetzen können, wie erkenntnistheoretische Pluralistinnen meinen?

Nun, ich bin ganz klar auf Seiten der erkenntnistheoretischen Pluralisten zu finden - wobei ich aber auch einräume, dass noch sehr viele Fragen zu beantworten sind. Umso mehr freut es mich, dass die spanischen Anthropologen Carles Salazar (Universität Lleida) und Joan Bestard (Universität Barcelona) nun einen Sammelband bei Berghahn herausgebracht haben, der das Thema interdisziplinär, international und interkulturell erschließt.

SalazarReligionScienceFormsofLife2015

In "Religion and Science as Forms of Life. Anthropological Insights into Reason and Unreason" eröffnet Robert McCauley die Debatte, indem er die kognitive "Natürlichkeit" von populärer Religiosität mit den zunehmend anspruchsvollen Herausforderungen professioneller Wissenschaft kontrastiert. Entsprechend drohe nicht Religion "auszusterben", vielmehr sollte mehr Aufmerksamkeit auf die Voraussetzungen und "Fragilität" wissenschaftlichen Fortschritts gelenkt werden.

Das zweite Kapitel stammt von mir und verweist darauf, dass Technologie und Wissenschaft einerseits sowie Religion andererseits (und als drittes Beispiel Kunst) völlig unterschiedliche Funktionen im Leben von Menschen erfüllen - und zwar, empirisch beobachtbar, jeweils erfolgreich und wechselseitig nicht-ersetzbar.

* Blume, M. (2015): Scientific versus Religious 'Knowledge' in Evolutionary Perspective.

Jesper Sorensen diskutiert im dritten Kapitel "Magic and Ritual in an Age of Science", dass gerade der Aufstieg neuer, dem Alltagsverstand unzugänglicher Technologien auch neue Formen des magischen Denkens und Glaubens begünstigt.

Timothy Jenkins beschreibt, wie die Wissenschaften selbst "moralische Gemeinschaften" hervorbringen, deren Angehörige sich bestimmten Werten und Normen verschreiben und Wahrheiten verkünden, die dann von den weiteren Öffentlichkeiten (z.B. über Romane, Filme und Kunstwerke) anverwandelt werden.

Simon Coleman hat erkundet, inwiefern britische Kreationisten Wissen organisieren und beanspruchen - und gefunden, dass nicht nur sie ihr Weltbild durch bewusstes Ignorieren widerstreitender Wissensbefunde stabilisieren.

Marit Melhuus stellt am vergleichenden Beispiel der norwegischen und britischen Debatten in Wissenschaft, Parlament, Kirchen und Öffentlichkeit dar, wie sich die Wahrnehmungen des "Embryo" geprägt und verändert haben. Statt eines unveränderlichen Fakts haben wir es hier auch mit einem Symbol zu tun, das - selbst bei vollem Einverständnis über das biologische So-Sein - aus unterschiedlichen Perspektiven völlig unterschiedlich wahrgenommen und bewertet wird.

Roger Sansi zeigt in seinem Kapitel über "Religion and Science in Brazil" auf, wie die frühen, positivistischen Fortschrittshoffnungen der jungen Nation, der christlich-katholische und zunehmend auch evangelisch-freikirchliche Glauben und die starke Präsenz afrikanischer Religions- und Ritualtraditionen in Brasilien eigene Formen der Selbst- und Weltwahrnehmung hervorgebracht haben, die nicht einfach dem europäisch-amerikanischen Kanon entsprechen.

Ebenso kann Maria Coma am Beispiel spanischsprachiger, charismatisch-katholischer Bewegungen aufzeigen, dass dort Medizin und Wissenschaften gerade nicht als Gegensatz zur Religion gedeutet werden, sondern vielmehr als Hilfsmittel Gottes, der z.B. Kranke zum "richtigen" (d.h. erfolgreichen) Arzt zu leiten vermag.

Joao de Pina-Cabral weist den Begriff des "Aberglaubens" zurück, da er Anderen (z.B. Angehörigen anderer Kulturen oder einheimischen Unterschichten) ein "primitives" Denken vorwerfe - während gleichzeitig die Kognitionspsychologie zeige, dass wir alle als Menschen zu magischem Denken neigten. Die Formen des jeweiligen "Aberglaubens" seien also kulturell unterschiedlich geformt, es gebe aber keine Basis dafür, dies nur Anderen zuzuschreiben bzw. vorzuwerfen.

Zustimmend dazu beschreibt Tom Inglis die Mischungen aus Religion, Magie und praktischer Vernunft in der Alltagskultur Irlands, zu der Wunder- und Elfenglauben ebenso gehören wie das Nebeneinander von Glaubensheilern und moderner Medizin. Befragte schilderten ihm, dass die so unterschiedlichen Überzeugungen "ihr Recht haben", je nach Situation und Zeit.

Heonik Kwon erkundet schließlich am Vergleich vietnamesischer und US-amerikanischer Trauerkultur(en), wie sich medizinisch-psychologische Wahrnehmungen (Trauma, Belastungsstörungen) und vor-sozialistischer Ahnen- bzw. Geisterglauben durchdrungen haben. Gerade "weil" die sozialistische Regierung Vietnams den Krieg nur als Siegesgeschichte erinnern lassen wollte, verbreiteten sich schließlich widerständige Formen des volksreligiösen Erinnerns, nach denen beispielsweise die Geister der Kriegsopfer die Traumata "ausagierten" und durch Besinnung, Gebete und Opfer zu besänftigen waren bzw. sind.

In der Summe ist so ein außerordentlich vielseitiger und anregender Band entstanden der, so hoffe ich, einiges zur Belebung der erkenntnistheoretischen Debatten und Forschungen beitragen wird.

Zum Thema-Genießen & Reflektieren: Ein Video der Evolutionsbiologen von der Universität Tübingen, in der 1. wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Labor zu 2. dem Erfolg nichtrationaler Erfahrungs- und Verhaltensweisen ("Liebe") präsentiert werden, indem 3. eine modern-sterile Laborumgebung durch einen "Auftritt" von Charles Darwin (aus dem Jenseits!?) sowie Sport, Musik und Dichtung "aufgepeppt" werden. Ist das "nur" Edutainment oder doch eigentlich schon Kunst?

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Gefühlte Wahrheiten. Das Internet zwischen säkularen Heilsversprechen und Apokalypse. Zur Religions- und Medienforschunghttp://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/gefuehlte-wahrheiten-das-internet-heilsversprechen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=gefuehlte-wahrheiten-das-internet-heilsversprechen http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/gefuehlte-wahrheiten-das-internet-heilsversprechen/#comments Sun, 12 Apr 2015 12:23:13 +0000 http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/?p=2155 ... weiter]]> Wer Religionen (besser) verstehen will, muss etwas von Medien verstehen: Man denke nur beispielhaft daran, wie die Verschriftung religiöser Überlieferungen zu "Heiligen Schriften" die "Weltreligionen" formte (vgl. auch die Linkesche These!) oder wie die Übersetzungen der Bibel die europäische Religions-, Sprach- und Geistesgeschichten umpflügten. Der Satz gilt aber auch umgekehrt: Wer die Auswirkungen neuer Medien verstehen will, sollte etwas von Religion(en) verstehen. So wurde auch das Internet von Anfang an als utopisch-säkulare Heilserzählung präsentiert und politische Cyber-Bewegungen wie "die Piraten" verhöhnten nicht zufällig die gewachsenen Religionen als "überholt" (bevor sie sich selbst zerlegten). Inzwischen gibt es entsprechend auch eigene Cyber-Dystopien wie David Eggers "The Circle", in dem "das Netz" zu einer totalitären, quasi-göttlichen Kontrollinstanz auswuchert.

Nachdem ich vor einigen Jahren schon verschiedentlich zum Thema "Religionswissenschaft & Netzkultur" gearbeitet und auf Basis eines Uni-Seminars auch das sciebook "Psyche & Fantasie des Menschen" veröffentlicht hatte, entfachte das dicke und schwere, aber überaus lohnenswerte Grundlagenwerk "Die mediale Religion. Probleme und Perspektiven der religionswissenschaftlichen und wissenssoziologischen Medienforschung" von Oliver Krüger meine Begeisterung für das Thema noch einmal neu.

DiemedialeReligionOliverKrueger

Aus der Befassung mit diesem Schnittpunkt von Religions- und Medienforschung sind bislang zwei kleinere Artikel und eine Audioblog-Folge entstanden, mit denen ich Teile der deutschen Netzöffentlichkeit zum Mitdenken und -forschen einladen wollte: Beim deutsch-islamischen Nachrichtenportal islamiq ging es um die Frage, ob und wie "böse Medien" seien. Und im deutsch-libertären Magazin eigentümlich frei habe ich gerade einen Artikel zur Frage veröffentlicht, ob das Internet Freiheiten eher fördert oder bedroht. Zum kostenlosen Download als pdf hier:

* Blume, M. (2015): Gefühlte Wahrheiten. Leben zwischen Realität und Medienblasen. eigentümlich frei April 2015, S. 29 - 31

Auch in der Audioblog-Folge über ein anti-evolutionäres Rekrutierungsvideo islamischer Fundamentalisten spielten die durch Krüger bei mir ausgelösten Reflektionen eine große Rolle.

An sich möchte ich an dem Thema gerne dranbleiben und habe mir schon weiteren, religions- und medienwissenschaftlichen "Lesestoff" eingekauft und bereitgelegt. Selbstverständlich interessiert mich aber auch Ihre Meinung - schließlich ermöglichen die neuen Medien eben auch den Dialog.

 

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