Gott im Kopf – Wozu?

28. März 2008 von Michael Blume in Evolutionspsychologie

Jesse Bering, Direktor des Institute of Cognition & Culture an der Universität Belfast, gehört zu den kreativsten und interessantesten Evolutionspsychologen, die in den Evolutionary Religious Studies zur Religiosität des Menschen forschen. Der entschiedene Atheist hat in einer Reihe faszinierender Experimente untersucht, ob schon Kinder "intuitive Theisten" sind - und dabei auch adaptive Vorteile des Glaubens an Gott bestätigt.

Den NewTimes vertraute Jesse seine ursprüngliche Motivation an, die Evolution religiöser Veranlagungen zu erforschen (die folgenden Zitate aus diesem Artikel). Nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich entschlossen, Gott zu stellen: "Wir haben Gott an der Kehle, und ich werde nicht aufhören, bis einer von uns tot ist." Nach jahrelanger Arbeit ist Jesse inzwischen überzeugt: der Gottesglauben ist "keine Idee, kulturelle Erfindung oder Opium für die Massen", sondern ein Produkt der Evolution. "Gott ist eine Art zu denken, die durch natürliche Selektion verewigt wurde."

Die Prinzessin-Alice-Experimente

Bering startete mit den Princess-Alice-Experimenten (alle folgenden Experimente aus dieser Veröffentlichungsliste). Es zeigte sich, dass Kinder die Bitte, eine Box in einem Raum (der per Video von den Experimentatoren und Müttern beobachtet wurde) nicht zu öffnen, dann häufiger erfüllten, wenn ihnen zuvor erzählt worden war, dass sie nicht ganz alleine seien, sondern eine nette, "unsichtbare Prinzessin Alice" anwesend wäre. Die erzählte Realität hatte Wirkmacht gewonnen. Und mit diesem ebenso einfachen wie genialen Experiment unterstrich Bering, dass der Glaube an übernatürliche Akteure schon bei Kindern zu Verhaltensänderungen und Regeltreue beitrage. Und konnte in einer Vergleichsstudie sogar darüber hinaus aufzeigen: Auch noch Studenten (!) schummelten in einem Computertest seltener, wenn ihnen davor beiläufig erzählt worden war, jemand habe kürzlich "einen Geist" im Testraum erblickt.

In einer zweiten Experimentreihe konnte Bering aufzeigen, dass heranwachsende Kinder mit zunehmendem Alter auch in der Lage waren, "Signale" von übernatürlichen Akteuren zu deuten. So wurden sie gebeten, sich für eine von zwei Boxen zu entscheiden, da in einer ein Ball versteckt sei. Wieder wurde ein Teil der Kinder über die Anwesenheit einer liebenswerten, unsichtbaren Prinzessin Alice informiert. Gingen nun "zufällig" Lichter an und aus oder fiel ein Bild auf den Boden, so wechselten ältere Kinder häufiger die gewählte Box: einige werteten auch im Abschlussgespräch die (zum Experiment gehörenden) Ereignisse als "Hinweise von Alice".

Die arme Maus Mr. Brown

Aber Bering und Kollegen waren noch nicht zufrieden - sie wollten wissen, ob diese Haltungen schon biologisch oder erst kulturell angelegt waren. Also boten sie Kindern verschiedenen Alters ein Puppenspiel, in dem eine kleine Puppenmaus auf dem Weg nach Hause von einem Stoffkrokodil verschlungen wurde. Sodann wurden die Probanden befragt, ob die Maus noch lebe, Hunger habe, nach Hause wolle etc. Das Ergebnis: Schon Kindergartenkinder wussten, dass die Maus tot war, ihr Gehirn nicht mehr tue (88 %) und sie keinen Hunger mehr habe - aber nur 24% glaubten, dass sie nicht mehr nach Hause wollte. Auch von den älteren Kindern glaubte noch eine knappe Mehrheit an den weiteren Nach-Hause-Willen der Maus, obwohl sie vom Erlöschen der biologischen Funktionen der Maus überzeugt waren. Die Kinder schrieben einer toten Person Emotionen und Absichten zu.

In einer Kontrollstudie in Spanien wiederholten Bering und Kollegen das Experiment mit Kindern aus einer konfessionslosen und katholischen Einrichtung - und auch hier zeigte sich, dass die katholisch erzogenen Kinder im Laufe ihrer Erziehung nicht etwa Jenseitsvorstellungen aufbauten, sondern nur langsamer abbauten als ihre konfessionslos erzogenen Altersgenossen.

In den Worten von Bering: "Das ist genau das Gegenteil das Musters, das jemand erwarten würde, wenn die Ursprünge des Glaubens ausschließlich auf kulturelle Indoktrination zurück gingen." Stattdessen zeige sich, dass schon in kindlichen Gehirnen Tendenzen zu Seelenvorstellungen und unsichtbaren Akteuren angelegt seien.

Evolutionsvorteil: Regeltreue Kooperation

Aufgrund der experimentellen Befunde hat der Evolutionspsychologe in "Hand of God, Punishment of Man: Punishment and Cognition in the Evolution of Religion" inzwischen seine Unterstützung der These veröffentlicht, dass der Glaube an übernatürliche und ggf. unsichtbare Akteure einen beobachtbaren Kooperationsvorteil mit sich brachte: Wo immer sich Menschen wechselseitig den Glauben an gemeinsame, übernatürliche Beobachter versicherten, schufen sie damit quasi transzendente Schiedsrichter, die per Lohn und (vor allem) Strafe regeltreues Verhalten und Kooperationstreue sicherstellten. Aus natürlichen Epiphänomen des frühmenschlichen Gehirns hätte sich daher der Glauben an übernatürliche und jenseitige Akteure exaptiert.

Bei der Biology-of-Belief-Tagung in Delmenhorst stellten wir fest, dass hier die evolutionspsychologischen und religionsdemografischen Beobachtungen tatsächlich zum gleichen Ergebnis kommen: religiös vergemeinschaftete Menschen heiraten eher und stabiler und ziehen gemeinsam mehr Kinder auf, was nicht die einzigen, aber biologisch besonders bedeutsamen "Kooperationsprozesse" sind. Und auch Thomas Bouchard sah Übereinstimmung mit seinen Befunden aus der Verhaltensgenetik. Ganz verschiedene, unabhängig voneinander enstandene Experimente und Datensätze verschiedenster Wissenschaften bekräftigen inzwischen, dass der Gottesglauben "ganz normal" wie andere Fähigkeiten auch in der Evolution des Menschen entstand.

Und - stirbt Gott?

Jesses Hoffnung, dass eine evolutionsbiologische Erklärung des Glaubens "Gott an die Kehle" gehen würde, hat sich freilich nicht erfüllt. Denn selbstverständlich sagen Hinweise und Nachweise zum biologischen Nutzen des Glaubens nichts über die Existenz des Geglaubten aus. Stattdessen zeigt sich immer wieder, dass die Befunde quer zu den Lagern stehen: religiösen Fundamentalisten und vielen Vertretern der Geisteswissenschaften ist die gesamte Evolutionstheorie von vornherein suspekt und vielen naturwissenschaftlich-evolutionsbiologisch argumentierenden Religionskritikern passt es umgekehrt gar nicht, dass im religiösen Wettbewerb bewährter Glauben, rein empirisch betrachtet, mit biologischem Erfolg verknüpft ist. Der Gottesglaube könnte nur ein adaptives Zufallsprodukt der Evolution sein. Oder aber die Evolution könnte ein Weg sein, auf dem Er sich entfaltet und offenbart. Evolutionäre Religionswissenschaft bleibt also spannend...


29 Kommentare zu “Gott im Kopf – Wozu?”

  1. Hakon Cramer Antworten | Permalink

    Princess-Alice-Experimenten

    „Die erzählte Realität hatte Wirkmacht gewonnen. Und mit diesem ebenso einfachen wie genialen Experiment unterstrich Bering, dass der Glaube an übernatürliche Akteure schon bei Kindern zu Verhaltensänderungen und Regeltreue beitrage.“

    Dass erzählte „Realität“ Wirkung hat, ist ja nichts neues. Schade nur, dass das Experiment ohne weitere Gegenproben durchgeführt wurde. Deshalb halte ich die Schlussfolgerung bezüglich Glauben für nicht quantifizierbar.
    Was wäre wohl passiert, wenn man neben die Box eine Foto gestellt hätte, wahlweise vom Experimentatoren oder der Mutter. Welche Wirkung hätte der Hinweis gehabt, das Foto passt auf?

    Zur Erfahrung eines jeden Kindes gehört es, dass Fehlverhalten von den Eltern immer wieder entdeckt wird, auch wenn dies zum Zeitpunkt des geschehenes gar nicht anwesend waren. Diese Erkenntnis dürfte weit mehr zum regeltreuen Verhalten beitragen, als der Glaube an übernatürliche Akteure, allerdings auch so etwas wie den glauben an „übernatürliche Kräfte“ der Eltern fördern, die sich ja in Verschiedenstem manifestieren.
    Erst mit zunehmender eigener Erfahrung wird es dem Kind möglich, besser zwischen Menschenmöglichem und Übernatürlichem zu unterscheiden und letzteres als unmöglich zu verwerfen.
    Es ist also wirklich die Frage, ob das beschriebenen Phänomen mit Religiosität zu tun hat, oder nur die normale Entwicklung eines Kindes darstellt.

    Da halte ich auch den Vergleich mit von konfessionslosen und katholischen Kindern in Spanien nur für begrenzt aussagefähig, da sicher alle Kinder in Spanien schon mal etwas vom Christkind und dessen positiven Aspekten gehört haben. (Ob es auch in Spanien Geschenke bringt?) Von der „Erkenntnis“, dass es übernatürliche Wesen gibt, die andern offensichtlich Vorteile bringen, bis zur allgemeinen Akzeptanz übernatürlicher Wesen ist es ja kein weiter Weg.

    Was die Geschichte mit der toten Maus betrifft, verweise ich auf die aktuelle Ausgabe von Gehirn und Geist. (Kind und Tod S.22)
    Hier werden auch sehr treffend die Stadien der kognitive Entwicklung nach Jean Piaget genannt, die allgemeiner gefasst sind als die, hier vorgetragene, religiöse Deutung.

    Weitere Gedanken zum Thema folgen vielleicht später.

  2. Ingo Bading Antworten | Permalink

    Alice und der Haushund

    Ja, das sehe ich ähnlich wie Herr Cramer:

    Man suggeriere beispielsweise einem Haushund, daß sein Herrchen/Frauchen ihn sieht (auch wenn das Herrchen nicht da ist, sagen wir durch eine Tonband-Aufnahme der Stimme oder ähnliches) - und er wird sich anders verhalten, als wenn er glaubt, sein Herrchen würde ihn nicht beobachten. - Hat also der Hund eine angeborene Neigung zum Glauben an "übernatürliche Akteure"?

    (Vom Tonband vorgespielte Lautäußerungen von Artgenossen spielen ja in vielen Verhaltensexperimenten eine Rolle.)

    Ich glaube eher, daß sozial lebende Tiere und Menschen vor allem eine große Neigung haben - und unerfahrene Jungtiere/Kinder noch mehr als Erwachsene -, überhaupt alles Erleben zunächst einmal in sozialen Zusammenhängen, die sie gewohnt sind, und die sie kennen, zu interpretieren.

    Daß dabei immer wieder auch Fehlschlüsse vorkommen, ist wohl beim "Lernen durch Versuch und Irrtum", wie es bei höherer Intelligenz die Regel und notwendig ist, fast zwangsläufig. Sie wird in der Natur der Sache liegen.

    (Übrigens könnte es sich dabei sowohl um ein jeweils individuell-biographisches Lernen durch Versuch und Irrtum handeln als auch um ein paralleles menschheitsgeschichtlich-religionsgeschichtlich-kulturelles Lernen durch Versuch und Irrtum.)

  3. Gerhard Petrausch Antworten | Permalink

    Glauben

    Meiner Meinung nach hat sich Religion
    aus dem beobachten der Natur und dem Hang zum Aberglauben entwickelt. Schon bei alten Höhlenzeichnungen wird gedeutet, daß die Frühmenschen Tiere malten, mit Speeren darauf warfen um daraus zu erkennen ob die Jagt gut verläuft. Wenn dabei etwas Unvorhergesehenes geschah wurde das als schlechtes Zeichen gewertet.
    Irgendeiner hat angefangen die Angst
    vor dem Versagen des Einzelnen für sich auszunutzen. So hat sich im Laufe der Zeit Schamanismus entwickelt.
    Dadurch, daß man durch "Angst machen"
    die Menschen leiten kann wurde die Sache durch geschickte Menschen zur
    Religion weiter entwickelt.
    Religionen leben von der Angst des Menschen vor dem Tod und was danach ist. Alle heutigen großen Religionen (Christen, Juden, Muslime) leben sehr gut davon. Beim Buddismus ist das
    anders.
    Bei allen Probanden aus den Studien,
    (so meine Meinung), ist eine gewisse Vorbildung in Religion durch Eltern, Kindergarten, Schulen und Freunde gegeben. denn auch die Kleinen reden
    ab drei über solche Sachen.

  4. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Herr Cramer: Erzählte Realität

    Da kann und möchte ich Ihnen gar nicht widersprechen. Für sich allein genommen geben experimentell-psychologische Befunde noch keine haltbare Religionstheorie her - sie können lediglich zum empirisch-evolutionstheoretischen Gesamtbild, wie es ja geschieht, einen (weiteren) Baustein beisteuern. Und, ja, es sollte noch sehr viel mehr Experimente in diesem Bereich geben - die von Ihnen vorgeschlagenen Settings z.B. mit Bildern der Eltern wären auch meines Erachtens sehr interessant!

    Nur den spanischen Vergleich würde ich nicht ganz so leicht abtun. Gerne wird ja (ohne jeden empirischen Beleg) behauptet, Kindern würde man beispiels-weise Jenseits- oder Seelenvorstellungen erst kulturell einimpfen. Die Befunde ergeben jedoch das glatte Gegenteil: jüngere Kinder vertreten diese stärker als ältere und religiös erzogene Kinder bauen sie durchschnittlich langsamer ab! Interessant ist auch, wie unterschiedlich Kategorien wahrgenommen werden, das Enden biologischer Vorgänge wird bspw. sehr viel früher wahrgenommen als das (mutmaßliche) Enden von Wünschen und Wollen.

    Mit Daten (S. 7,8) siehe hier:
    http://www.qub.ac.uk/.../Filetoupload,90230,en.pdf

    Also insgesamt: ja, alleine wird die Evolutionspsychology (selbst wenn sie noch sehr viel mehr Experimente beisteuert), das Phänomen Religion kaum entschlüsseln können. Aber gerade die auch experimentell beobachtbare Wirksamkeit sozial konstruierter, übernatürlicher Akteure und der Empfänglichkeit menschlicher Gehirne dafür sind natürlich sehr spannende Beiträge zum interdisziplinären Mosaik, das sich abzeichnet.

  5. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Ingo: Voranlagen auch bei Tieren

    Lieber Ingo,

    nun, wie ich ihn verstanden habe, würde Dir Jesse ausdrücklich beipflichten!

    Du schriebst:

    "Man suggeriere beispielsweise einem Haushund, daß sein Herrchen/Frauchen ihn sieht (auch wenn das Herrchen nicht da ist, sagen wir durch eine Tonband-Aufnahme der Stimme oder ähnliches) - und er wird sich anders verhalten, als wenn er glaubt, sein Herrchen würde ihn nicht beobachten. - Hat also der Hund eine angeborene Neigung zum Glauben an "übernatürliche Akteure"?"

    Und, ja, genau dort sieht auch Jesse den Ursprung des Ganzen - in der "Theorie of Mind", wenn Phänotypen also beginnen können, sich Gedanken über die Auswirkungen anderer Wahrnehmungen zu machen ("Wenn der mich dabei beobachtet, könnte das diese Auswirkungen haben...").

    "Ich glaube eher, daß sozial lebende Tiere und Menschen vor allem eine große Neigung haben - und unerfahrene Jungtiere/Kinder noch mehr als Erwachsene -, überhaupt alles Erleben zunächst einmal in sozialen Zusammenhängen, die sie gewohnt sind, und die sie kennen, zu interpretieren."

    Genau. Und dann kam beim Menschen auch noch die Sprache dazu - wenn Dich A also bei etwas beobachtet, konnte er dies B und C auch noch mitteilen - eine enorme Verstärkung! Dass sich hier auch bald sozial-erzählend konstruierte Beobachter etablieren werden, liegt doch eigentlich nahe, oder!?

    Und, übrigens: Auch Darwin würde Dir wohl Recht geben. In "Die Abstammung des Menschen" begründet er seine Vermutung eines veranlagten Animismus (der Zuschreibung eines "Wollens" auch in Sachen) mit dem Beispiel eines Hundes, der einen vom Wind bewegten Sonnenschirm anbellt. Viele "Zutaten" zur Religiosität (z.B. auch Trauer, spielerische Rituale, Theorie of Mind etc.) sind in der Tat auch bei anderen Säugetieren vorhanden!

  6. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Petrausch: Priesterbetrugshypothese

    Sehr geehrter Herr Petrausch,

    herzlichen Dank für Ihren Beitrag!

    Man nennt die von Ihnen vorgebrachte Hypothese die sog. "Priesterbetrugshypothese". Sie ist immer noch recht populär, aus evolutionsbiologischer Sicht gilt sie jedoch als eindeutig widerlegt.

    Denn wenn einige "Kluge" andere "Dumme" per Religion nur ausnützen würden, dann wäre Religiosität für die ausgenutzten Anhänger insgesamt maladaptiv (reproduktiv schädlich). Und bedenken Sie, dass wir beide in der Einschätzung eines großen elterlichen Einflusses übereinstimmen - Eltern würden demnach nicht nur sich selbst schaden, sondern auch ihren Kindern schadhaftes Verhalten vermitteln!

    Religionsbezogene Veranlagungen hätten demnach unter starkem Selektionsdruck stehen und (zugunsten der "Klugen") aussterben müssen. Schon das archäologische Bild widerspricht dem jedoch frontal: seit dem ersten Auftreten einfacher Bestattungen in der mittleren Altsteinzeit hat religiöses Verhalten an Komplexität enorm zugenommen, heute gibt es keine Menschengesellschaft "ohne" religiöses Verhalten.

    Und vor allem: Wie Sie an der Grafik oben sehen, pflanzen sich auch heute religiös vergemeinschaftete Menschen durchschnittlich sehr viel erfolgreicher fort als Konfessionslose. Dies ist weltweit und quer durch Bildungs- und Einkommensschichten so, wie eine schnell wachsende Flut von Daten einhellig bestätigt. Siehe hier eine kleine Zusammenstellung:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...047705/

    Also - rein biologisch gesehen "nützt" religiöse Vergemeinschaftung Glaubenden gerade auch heute nachweislich bei der Weitergabe ihrer Gene - nicht in jedem Fall, aber in der Summe.

  7. Ingo Bading Antworten | Permalink

    "Übernatürliche Akteure" und Angst

    Vielen Dank, Michael, für diese Klarstellungen.

    Dann nimmt man die Interpretation dieser experimentellen Ergebnisse doch mit etwas weniger "Ehrfurcht" entgegen.

    Vielleicht noch eine kurze gedankliche Weiterführung dieser Forschungen:

    Ist es nicht wahrscheinlich, daß besonders ängstliche Menschen/Tiere eher dazu neigen, "übernatürliche Akteure" in ihrer unmittelbaren Lebensumwelt anzunehmen, zu vermuten, vorauszusetzen, als solche, die weniger ängstlich sind?

    Auch das müßte sich doch experimentell überprüfen lassen. (- Vielleicht schon geschehen?)

    Und könnte man dann zu dem Ergebnis kommen, daß der Glaube an "übernatürliche Akteure" besonders in solchen Gesellschaften ausgeprägt ist, bzw. besonders solche Gesellschaftsformen unterstützt, in der Angst in sozialen, zwischenmenschlichen Beziehungen eine größere (überdurchschnittliche) Rolle spielt?

    Es gibt ja auch Verhaltenshormone/-gene, die Angstverhalten steuern und mittelfristig könnte/wird die Wissenschaft sicherlich fragen, ob bestimmte Formen von gelebter Religiosität mit dem Vorherrschen bestimmter Gentypen korreliert.

    Das wäre jedenfalls alles sehr spannend.

  8. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Ingo: Religiosität und Angst

    Ja, interessant wäre das auf jeden Fall.

    Nur würde ich vermuten, dass es auch da komplexere Ergebnisse zeigen würde. Denn die übernatürlichen Akteure sprechen ja nicht nur Ängste an, sondern auch Hoffnungen und (nicht zuletzt!) soziale Beziehungen. Die Ahnen, Götter, Gott werden gefürchtet, aber meist auch geliebt. Der Religiöse geht (auch) mit ihnen Beziehungen ein, sucht mitunter ihre Nähe.

    Und so räumt Benjamin Beit-Hallahmi in "Atheists - A psychological Profile" im Cambridge Compendium to Atheism nach Durchsicht Dutzender Studien mit dem Vorurteil auf, Atheisten litten generell an irgendeiner Störung. Allerdings gibt es signifikante Merkmale: sie sind überwiegend männlich - und zeigen weit überdurchschnittlich häufig "vermeidendes Beziehungsverhalten".

    Ich wette (und die demografischen Daten zeigen das ja auch): Angst vor Verbindlichkeit gerade auch in Beziehungen korreliert negativ mit Religiosität - wer mit dem eigenen Partner, den eigenen Eltern nichts anfangen kann, wird auch himmlische Partner und Eltern tendenziell kritischer sehen und vice versa.

    Ich hoffe, es kommt rüber: Es gibt hier noch so viel zu erforschen - und gefragt sind keine So-So-Geschichten mehr, sondern harte Daten, gewonnen in interdisziplinärer Forschung...

  9. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Ingo: Religion, Gesellschaft, Angst

    Eine Subfrage von Dir lässt sich aber bereits klar beantworten: Du fragtest, ob Religiosität "besonders solche Gesellschaftsformen unterstützt, in der Angst in sozialen, zwischenmenschlichen Beziehungen eine größere (überdurchschnittliche) Rolle spielt"

    Das ist eindeutig der Fall. Religiöse Vergemeinschaftung und Teilnahme an Ritualen zielt auf Vertrauen auch zwischen den Teilnehmern - und wird besonders in Gefahrensituationen bzw. gefährlichen Umwelt gesucht. Wo z.B. vertrauensvolle Kooperation lebensnotwendig sind, treffen wir regelmäßig auf schmerzhafte Initiationen und teure Rituale - akzeptiert wird nur, wer seine Verbindlichkeit unter Beweis stellt.

    Und umgekehrt: Säkularisierung setzt am stärksten in den Gesellschaften ein, die einen funktionierenden Sozialstaat entwickelt haben. Wo die existentielle Bedrohung abnimmt, entziehen sich insbesondere Männer bald den als beengend empfundenen Gemeinschaftsverpflichtungen. (Vgl. das empirisch reiche "Sacred and Secular", Inglehart & Norris 2004.)

  10. Lutz Antworten | Permalink

    kleiner Vierzehn Prozent
    Ich habe das hier mal zum richtigen Beitrag rübergeschaufelt. - Red.

  11. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Lutz

    Danke für den spannenden Beitrag. Ich vermute jedoch, er bezieht sich auf die Diskussion um das Inzest-Verbot in "Libertarian" von Edgar Dahl:

    http://www.wissenslogs.de/...m-die-volksgesundheit

    Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist anzumerken, dass auch Religionsgemeinschaften etwa des orthodoxen Judentums, denen über Jahrhunderte die Aufnahme von Konvertiten untersagt war und die also streng endogam heirateten, mit dem Problem akkumulierender Genverwandtschaft rangen und ringen. Daraus sind eigene Werke entstanden, die beispielsweise anonymisierte Gentests vor der Ehe anbieten, z.B. Dor Yeshorim.
    Siehe Wikipedia:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Dor_Yeshorim

    Dies ist natürlich insofern interessant, weil es aufzeigt, wie vielfältig sich auch traditionelle Religionsgemeinschaften unter Anwendung neuester Techniken auf reproduktive Herausforderungen einstellen können.

  12. Lutz Antworten | Permalink

    jetzt oder nie

    Hallo Michael,

    ja, da hab ich mich vertan und den Beitrag falsch platziert. Ich bitte um Entschuldigung.

    Zu Deinem Beitrag ist mir das Folgende eingefallen:

    Die Graphik zeigt große Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Hinduisten und Moslems haben die meisten Kinder, Zeugen Jehovas und Mitglieder der „Christkatholische Kirche“ die wenigsten. Ich könnte dafür eine plausible Erklärung anbieten. Im Hinduismus und Islam ist einerseits die Rolle der Frau durch Männerwünsche und -träume festgeschrieben, und andererseits sind diese Gemeinschaften zu rigide, um den Frauen eine faire Chance zur Selbstbestimmung oder Ausbruch zu geben. Auch in den Religionen am anderen Ende der Skala ist die Rolle der Frau durch Männerwünsche und -träume festgeschrieben, aber hier haben die Frauen die Möglichkeit die Gemeinschaft zu verlassen. Es bleiben nur die Frauen, die für sich keine Chance sehen, die Gemeinschaft zu verlassen, da sie sich schwach oder minderwertig fühlen, z.B. durch eine vergleichsweise geringe Gesundheit oder Intelligenz. Diese Frauen haben natürlich geringere Chancen sich zu reproduzieren.

    Wichtig wäre es also, nicht nur die momentane Religion der Frau zu kennen, sondern auch die Religion ihrer Eltern.

    Warum hat sich der Monotheismus gegenüber dem Polytheismus weitgehend durchgesetzt? Dieses Faktum ist umso erstaunlicher, weil zu Zeiten des ersten Aufeinandertreffens von Mono- und Polytheismus, die kulturell, technisch und militärisch höher stehenden Völker dem Polytheismus anhingen. Der Polytheismus hat auch weniger logische Konflikte zu bewältigen als der Monotheismus. Es ist ein leichtes mit theoretischen Mitteln zu beweisen, dass es kein allmächtiges Wesen geben kann (weil es unlösbare Aufgaben gibt). Es ist sogar experimentell bewiesen, dass es kein Wesen geben kann, das zugleich allmächtig und gut ist (Theodizee-Problem bei Tieren). All diese logischen Konflikte hat der Polytheismus nicht. Wie wollte man beweisen, dass es keine Götter geben kann, die mehr oder weniger egoistisch und mehr oder weniger mächtig sind?! Und trotzdem hat sich der Monotheismus durchgesetzt; komisch, oder?

    Auch hierfür hätte ich eine plausible Erklärung anzubieten. Der Glaube an den einen lieben Gott ist eine rudimentäre Erinnerung an die ersten Erfahrungen und logischen Schlussfolgerungen des Menschen als Fetus. Ein Fetus weiß natürlich nichts von seiner Mutter, aber er kann doch irgendwie erfahren und erfühlen, dass seine Umgebung belebt ist und dass da jemand ist, der auf ihn reagiert und der es gut mit ihm meint.

    mfg
    Lutz

  13. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Lutz

    Herzlichen Dank für den Beitrag, der sich schon eigenständig auf die Spuren der Evolutionstheorie der Religion(en) macht! Danke, das ist erfreulich!

    "Die Graphik zeigt große Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Hinduisten und Moslems haben die meisten Kinder, Zeugen Jehovas und Mitglieder der „Christkatholische Kirche“ die wenigsten."

    Stimmt! (-:

    "Ich könnte dafür eine plausible Erklärung anbieten. Im Hinduismus und Islam ist einerseits die Rolle der Frau durch Männerwünsche und -träume festgeschrieben, und andererseits sind diese Gemeinschaften zu rigide, um den Frauen eine faire Chance zur Selbstbestimmung oder Ausbruch zu geben. Auch in den Religionen am anderen Ende der Skala ist die Rolle der Frau durch Männerwünsche und -träume festgeschrieben, aber hier haben die Frauen die Möglichkeit die Gemeinschaft zu verlassen."

    Interessante These, aber wurde schon überprüft! (-:

    Zunächst: Auch die Demografie von Islam und Hinduismus entwickeln sich pfadähnlich wie die christliche Demografie - mit sozioökonomischer Entwicklung, Säkularisierung und Individualisierung sinkt die Geburtenrate dort ebenso. In vielen islamischen Ländern ist sie inzwischen auch bei oder unter der Bestandserhaltungsgrenze, z.B. Bosnien, Albanien, Türkei, Iran (!). In den USA werden inzwischen mehr Kinder geboren als in allen letztgenannten Ländern!

    Siehe dazu ein Vortragsskript
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...520939/

    und bzw. oder auch eine aktuelle Buchrezension französischer Demografen
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...817161/

    Die hohen Geburtenraten von Hindus und Muslimen in der Schweiz erweisen sich so als Nachwirkungen der agrarischen Prägungen der Zuwanderer, sie gleichen sich rapide an. Diese beiden Weltreligionen sind in sich ebenso vielfältig und zu Reformen fähig wie es Christen- und Judentum vor ihnen waren (denen Religionsfreiheit und Gleichberechtigung der Frau auch nicht immer ein zentrales Anliegen waren, gelinde gesagt.)

    "Es bleiben nur die Frauen, die für sich keine Chance sehen, die Gemeinschaft zu verlassen, da sie sich schwach oder minderwertig fühlen, z.B. durch eine vergleichsweise geringe Gesundheit oder Intelligenz. Diese Frauen haben natürlich geringere Chancen sich zu reproduzieren."

    Generell verlassen überwiegend Männer Kirchen und Religionsgemeinschaften - Frauen sind in allen etablierten Religionsgemeinschaften überrepräsentiert. Die (zweit-)höchste Frauenquote aller Schweizer Rel.gemeinschaften haben (nach dem Sonderfall Buddhismus - viele Buddhistinnen aus Thailand u.a. wurden als Ehefrauen von Schweizer Christen und Konfessionslosen ins Land geholt) - die Zeugen Jehovas. Die Gründe dafür werde ich in einem späteren Beitrag zur "Gretchenfrage" erläutern. Wer schon mal zu den evolutionsbiologischen Gründen spickeln mag:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...151868/

    Also, die Abwendung von Frauen ist es nicht. Es zeigt sich vielmehr, dass zwei Wege zu niedrigen Geburtenraten führen:

    1. Zuviel religiöse Unverbindlichkeit, der allzu "liebe Gott" steuert kaum mehr Verhalten.

    2. Traditionelle Familienpolitik ohne Aufbau von Kinderbetreuung, die die Familien entlasten.

    Die zweite "Strategie" betrifft die Zeugen Jehovas und die Neuapostolische Kirche - hier schaffen es auch willige, junge Leute kaum, in der sehr teuren Alleinverdienerehe mehr als zwei Kinder groß zu ziehen, zumal sie von ihren Kirchen dabei kaum unterstützt werden. Die Folge: Viele Kinderwünsche bleiben unrealisiert, andere junge Paare wandern zu Gemeinschaften mit familienpolitischer Toleranz und Kinder- und Jugendeinrichtungen ab.

    "Warum hat sich der Monotheismus gegenüber dem Polytheismus weitgehend durchgesetzt? Dieses Faktum ist umso erstaunlicher, weil zu Zeiten des ersten Aufeinandertreffens von Mono- und Polytheismus, die kulturell, technisch und militärisch höher stehenden Völker dem Polytheismus anhingen."

    Nur soviel: Dieses Rätsel konnten wir bereits lösen bzw. beschreiben und auch an Daten testen - auch dazu wird es einen späteren, eigenen Beitrag geben. Wenn ich alle 10-14 Tage einen schreibe, sind wir bis Jahresende durch! (-;

    "Auch hierfür hätte ich eine plausible Erklärung anzubieten. Der Glaube an den einen lieben Gott ist eine rudimentäre Erinnerung an die ersten Erfahrungen und logischen Schlussfolgerungen des Menschen als Fetus. Ein Fetus weiß natürlich nichts von seiner Mutter, aber er kann doch irgendwie erfahren und erfühlen, dass seine Umgebung belebt ist und dass da jemand ist, der auf ihn reagiert und der es gut mit ihm meint."

    Ja, das ozeanische Urgefühl etc. wird häufig als Basis mystischer Erfahrungen genannt. Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob z.B. die Nachfrage nach Muttergöttinnen (bzw. Maria im Christentum, Fatima im Islam etc.) damit zusammen hängt. Aber für den Siegeszug des Monotheismus gibt es bereits einen evolutiven Erklärungsansatz, der ohne psychologische Prägungen auskommt. Kommt noch extra, versprochen.

    Danke für das rege Interesse und Mitdenken! So etwas kann man sich als Wissenschaftler ja nur wünschen! (-:

  14. Michael Blume Antworten | Permalink

    Anmerkung: Naturtatsachen - Artefakte

    Der Zusammenhang von naturwissenschaftlichen Erklärungen und Existenzfragen wird auch in der "Guten Stube" von Carsten Koenneker in einem kleinen Dialog mit Prof. Prinz (MPI Leipzig) über Naturtatsachen und Artefakte gerade behandelt. Liebhaber der Erkenntnistheorie sollten reinschauen!

    http://www.wissenslogs.de/...3/deutsche-diskussion

  15. Lutz Antworten | Permalink

    Überraschung NAK

    Hi Michael,

    Du schreibst: „Die zweite "Strategie" betrifft die Zeugen Jehovas und die Neuapostolische Kirche - hier schaffen es auch willige, junge Leute kaum, in der sehr teuren Alleinverdienerehe mehr als zwei Kinder groß zu ziehen, zumal sie von ihren Kirchen dabei kaum unterstützt werden. Die Folge: Viele Kinderwünsche bleiben unrealisiert, andere junge Paare wandern zu Gemeinschaften mit familienpolitischer Toleranz und Kinder- und Jugendeinrichtungen ab.“ Das will ich koppeln mit der von Dir erläuterten Gretchenfrage.

    Ich habe zufällig einen Nachbarn, der in der Neuapostolischen Kirche eine Position bekleidet, ungefähr im Mittelfeld der Hierarchie. Als ich dem einmal entgegengehalten habe, die christlichen Kirchen würden zwar immer von Liebe reden, aber de facto wären sie die größten Liebesverhinderer, hat er mir eine erstaunliche Statistik vorgehalten: in keiner Religionsgemeinschaft gibt es so viele Scheidungen und Zweit- oder Dritthochzeiten wie in der NAK. Nach ihren eigenen Befragungen hätte Jugendliche der NAK eher Geschlechtsverkehr als andere Jugendliche, erwachsene Mitglieder hätte öfter GV als andere Erwachsene und das erwachsene Mitglied würde öfter fremdgehen als andere Erwachsene (daher die hohe Scheidungsrate). Frage: Kannst Du das bestätigen und wie passt das zu Deiner Gretchenfrage? Hinweis: An der Spitze der NAK steht ein promovierter Mathematiker, was mich auch angenehm überrascht hat. Und Verhütung wurde in der NAK nie verboten. Ich denke, wenn die Grundlage aller Religionen nicht so grottenverkehrt wäre, dann könnte ich fast neuapostolisch werden ;-)

    mfg
    Lutz

  16. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Lutz - NAK

    Die Neuapostolische Kirche (auch, aber nicht nur in Deutschland) durchläuft gerade eine sehr schwierige Phase - einige sprechen auch von einer Krise. Und diese ist begleitet von heftigen, inneren Diskussionen auch über die Fragen von (allzu hierarchischen?) Strukturen und Traditionen, des Verhältnisses zu den anderen Kirchen und den inneren Zustand.

    Das (resignative?) Bild auch von der Verfassung der Gemeinde(n), das Dir geboten wurde, würde ich so fatal nicht zeichnen. Aber die Daten zeigen doch, dass die NAK zu überaltern droht, weil zu wenige Kinder geboren werden und viele junge Leute die Kirche verlassen. In Berlin hat es jüngst für Aufsehen gesorgt, dass zwei NAK-Kirchen an Moscheevereine verkauft werden mussten:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...346647/

    Im Grundsatz finde ich es immer schade, wenn Religionsgemeinschaften unter ihren Möglichkeiten bleiben, Leben und Lebensentfaltung zu fördern und zu ermutigen. Ob die NAK durch innere Reformen wieder Boden unter die Füsse bekommt, weiter schrumpft oder gar zerbricht - Fragen des Umgangs mit Familien und jungen Leuten werden sicher zu den entscheidenden Themen gehören. Und vielleicht gelingt es den NAK-Oberen ja, Rat sowohl von der eigenen Basis wie auch von außen zu gewinnen.

  17. Lutz Antworten | Permalink

    praktische Theodizee

    Hallo Michael,

    mich interessiert das Folgende. Gesetzt den Fall einem frommen Menschen widerfährt ein Schicksalsschlag, z.B. Querschnittslähmung durch Krankheit nach langer Zeit vergeblicher Hoffnung. Wie groß sind die Wahrscheinlichkeiten, dass er
    a) zu einer anderen Religion wechselt,
    b) Atheist wird,
    c) versucht seine ursprüngliche Religion zu intensivieren,
    d) sich an seiner Religiosität gar nichts ändert.

    Gibt es dazu Untersuchungen? Ist das Reagieren eher abhängig von der Religion, oder von der Art des Schicksalsschlag oder wie alt der Mensch war, als ihn der Schicksalsschlag getroffen hat?

    mfg
    Lutz

  18. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Lutz: Krisenerfahrungen

    Auch in diese Richtung (Salutogenese, Coping) habe ich einen späteren Beitrag geplant. (Hatte mal eine außerordentlich eindrucksvolle Tagung mit Krankenhaus- und Polizeiseelsorgern dazu, in der wir die wissenschaftlichen Befunde und die Praxiserfahrungen abglichen - werde ich nie vergessen...) Aber soviel schon vorab: Krisenerfahrungen führen meistens zur Intensivierung religiöser Zuwendung, seltener zu Konversionen, sehr selten zur Abwendung von Religion.

    Der logischen Argumentation erscheint es geradezu paradox: Aber gerade dann, wenn Schlimmes geschehen ist - ein Erdbeben Tote gefordert hat, ein Kind erkrankt, ein Attentat geschah o.ä. - wenden sich die Menschen dem Religiösen zu. Nach dem Amoklauf von Erfurt strömten die erschütterten (zu zwei Dritteln konfessionslosen!) Menschen beispielsweise nicht in die Kneipen, Stadien oder Parteibüros, sondern in die Kirchen. Und dort wollten sie erst einmal keine Predigten hören, sondern im Stillen religiöses Verhalten vollziehen, v.a. Rituale begehen (Kerzen anzünden, Blumen legen, beten etc.).

    Im Volksmund sind diese Zusammenhänge gut bekannt: "Not lehrt beten", "In den Schützengräbern gibt es keine Atheisten" u.ä. lauten entsprechende Sprichworte. Und aus evolutionspsychologischer Perspektive macht das auch Sinn. Aber, wie gesagt: dazu später mal ein eigener Beitrag. (-;

  19. Hakon Cramer Antworten | Permalink

    Kinder und Tod

    „Gerne wird ja (ohne jeden empirischen Beleg) behauptet, Kindern würde man beispiels-weise Jenseits- oder Seelenvorstellungen erst kulturell einimpfen. Die Befunde ergeben jedoch das glatte Gegenteil: jüngere Kinder vertreten diese stärker als ältere und religiös erzogene Kinder bauen sie durchschnittlich langsamer ab! Interessant ist auch, wie unterschiedlich Kategorien wahrgenommen werden, das Enden biologischer Vorgänge wird bspw. sehr viel früher wahrgenommen als das (mutmaßliche) Enden von Wünschen und Wollen.“

    Ich denke man muß hier ganz klar unterscheiden, den Begriffe, wie Jenseits und Seele, sind für kleinere Kinder Bedeutungslos.
    Jenseits beginnt hinter dem Horizont, das kann in Paris, Afrika oder im Himmel sein. Man kann mit dem richtigen Verkehrsmittel hin fahren und auch wieder zurück.

    „Da Kinder bis zum zehnten oder elften Lebensjahr ein ganzheitliches Verständnis vom Menschen haben, können sie eine Trennung von Körper und Seele, wie sie in den Religionen dargestellt wird, nicht fassen.“ (S. 26 Gehirn und Geist 4-2008 Kinder und Tod)
    Für Kinder ist die Welt animistisch.
    In jedem Stein, jeder Pflanze, jedem Tier und jedem Menschen (auch dem Toten Körper), aber auch jedem Ort entwickelt Lebenskraft einen eigenen Willen, der natürlichen Regeln folgt.
    Steine und Tote bewegen sich nicht, aber sie haben einen eigenen Willen.

    Dieses Todeskonzept wir mit zunehmenden Alter schwächer, was ja auch die, von Ihnen genannten Zahlen belegen.
    Die Erkenntnis, das der Tod endgültig, unwiderruflich und universell ist, setzt im Alter von ca. neun Jahren ein und kann zu Ängsten führen, die eine Verdrängung des ganzen Themas mit sich bringt.

    Erst mit der Pubertät wendet sich der Blick wieder nach innen und auf existenzielle Fragen und eine neue Vorstellung vom Tod entsteht.
    Damit kann Religion auch erst zu diesem Zeitpunkt eine tiefere Bedeutung erlangen.
    Deshalb werden Jugendliche auch erst in diesem Alter als vollwertiges Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen.

  20. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Cramer: Kindheit und Tod

    Lieber Herr Cramer,

    für diesen wertvollen Beitrag möchte ich danken. Denn er reflektiert sehr schön, dass wir den Erkenntnisapparat und die Begriffe von Kinder natürlich stets mit denen von Erwachsenen reflektieren. Gleichzeitig wird m.E. sehr schön deutlich, dass hier religiöse Lehren tatsächlich auf naturwüchsigen Gehirnstrukturen aufbauen und von dort aus neues (insgesamt) adaptives Potential erschließen. Wir sind als Menschen nie ein weißes Blatt Papier, auf das Erziehende, Meme o.ä. schreiben könnten, was immer sie wollten.

    Arbeiten Sie im Bereich der Psychologie?

    Herzliche Grüße!

    Michael Blume

  21. Lutz Antworten | Permalink

    die andere Katastrophenart

    Hi Michael,

    Du schreibst: "Aber soviel schon vorab: Krisenerfahrungen führen meistens zur Intensivierung religiöser Zuwendung, seltener zu Konversionen, sehr selten zur Abwendung von Religion. ..."

    Und dann nennst Du Beispiele für Krisen, in denen ich eine Intensivierung der Religion auch vermutet hätte. Ich hatte aber nach der "anderen" Art von Katastrophe gefragt. Nicht kurz, heftig und unabwendbar, sondern langsam zermürbend und mit immer neuen enttäuschten Hoffnungen begleitet. Die Menschen, die sich in deutschen KZs das Überleben vorgenommen hatten, und haben dies nicht geschafft, die wendeten sich meines Wissens vor ihrem Tod von ihrer Religion ab.

    Heute erleben z.B. MS-Kranke diesen Katastrophentyp. Gibt es auch zu dieser Art von Krise oder Katastrophe Untersuchungen bzgl. der Auswirkung auf das religiöse Verhalten der direkt Betroffenen oder ihrer Angehörigen?

    mfg
    Lutz

  22. Michael Blume Antworten | Permalink

    Salutogenese

    Lieber Lutz,

    sinnigerweise forschte Aaron Antonovsky (übrigens selbst Atheist) in Israel genau an dem von Dir bezeichneten Beispiel: Wie kam es, dass einige Schoa-Überlebende das Geschehene psychisch und physisch besser verarbeiteten als andere? Und verbindliche religiöse Überzeugungen gehörten zu Antonovskys Überraschung und Ärger (wie er selbst schreibt) zu den stärksten Faktoren in positiver Richtung. Eine aktuelle Studie von Sosis zur Bewältigung von Terrorfurcht kommt zum gleichen Ergebnis.

    Dennoch warne ich hier vor zu weitreichenden Schlüssen. Katastrophen, Traumata und die Verluste geliebter Menschen sind individuell-biografische Ereignisse, die nicht in jedem Fall gleichartig wirken können. Der langsame Tod von Darwins Tochter Anne verschärfte beispielsweise dessen Glaubenszweifel und so, wie mancher Säkulare in den KZs zum Glauben fand, verlor mancher Religiöse den seinen.

    Empirisch sicher wird man also "nur" sagen können: Viele (nicht alle) Menschen greifen in Krisenerfahrungen auf religiöse Überzeugungen zurück, um ihre Welt wieder als sinnhaft, verstehbar und handhabbar zu erfahren. Und oft (nicht immer) gelingt dies auch.

    Mit herzlichen Grüßen

    Michael Blume

  23. Basty Antworten | Permalink

    Katastrophen

    Dazu geht mir die Story aus dem griechischen Altertum , die ich bei Drewermann las, nicht aus dem Sinn :
    In einem Tempel über einem für die Schifffahrt gefährlichen Riff zeigt der Priester stolz einem bekannten griechischen Atheisten die Votivtafeln der Geretteten. Die, erklärt er , seien doch wohl genügend Beweis dafür, dass es die Götter (und ihre rettende Kraft) gebe. Darauf der Atheist kühl: Die Untergegangenen können keine Votivtafeln anbringen.
    Dazu eine Doppel-Geschichte von zwei relativ benachbarten Kirchengemeinden an der südasiatischen Küste bei der Tsunami-Katastrophe 2004. In der einen habe der Pfarrer am schönen zweiten Weihnachtsfeiertag die schöne Idee gehabt: Wir verlegen unseren Gottesdienst auf den Hügel über dem Dorf, mit herrlicher Aussicht in Gottes freier Natur. Von der Flut wurden diese Leute nicht erfasst.
    In der anderen Gemeinde: Festes, starkes Gebäude, das der Flut standgehalten hätte - wenn, ja wenn der Pfarrer nicht unerwartet früh den Gottesdienst beschlossen hätte und die Leute mit dem Segen Gottes entlassen. Gerade als die Türen geöffnet wurden, kam die Flut.

    Was an der Doppel-Geschichte wirklich geschehen ist, weiß ich nicht. Aber sie eignet sich hervorragend als Denkübung; und insofern ist sie wahr: Es lässt sich leicht ausrechnen, dass man in der ersten Gemeinde man wohl noch über Generationen hinweg von Gottes wunderbarer Fügung spricht. Und in der andern? Da entsteht schon mangels Überlebender keine Gegenargumenation. Eher bei den wenigen Überlebenden ein beschämtes Schweigen. Welches Interpretationsmuster der Wirklichkeitsverarbeitung gewinnt dabei einen Vorsprung? Was wird weiter vererbt? Die Überlebenden können Danklieder singen - die Toten loben Gott nicht mehr (Psalm 115,17); *und* sie kritisieren ihn auch nicht.

    Das wäre wohl immer zu berücksichtigen bei Erinnerungen derer, die Katastrophen durchgestanden und überstanden haben. Ziemlich oft hat sich ein entsprechender Glaube als Kraft zum Durchhalten erwiesen. Das konnte man wohl besonders bei ideologisch oder religiös kohärenten Gruppen in den KZs beobachten. Und das soll man nicht verächtlich machen, bei keiner der Gruppen. Aber er darf darum nicht darauf beharren, sein Interpretationsmuster sei damit auch als richtig erwiesen. Vielleicht liegt der Wert des Glaubens doch mehr in der Durchhalte-Kraft gegen widrige Lebenswiderfahrnisse als in der Richtigkeit dessen, wie diese Lebenswiderfahrnisse interpretiert werden.

    Gute Nacht
    Basty

  24. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Basty: Coping

    Zitat "Vielleicht liegt der Wert des Glaubens doch mehr in der Durchhalte-Kraft gegen widrige Lebenswiderfahrnisse als in der Richtigkeit dessen, wie diese Lebenswiderfahrnisse interpretiert werden."

    Ja, in diese Richtung deuteten Antonovskys Befunde. Er untersuchte ja nicht, warum Menschen überlebt hatten, sondern wie Überlebende die traumatischen Erfahrungen verarbeitet hatten. Und dabei erwies sich ein verbindlicher Glaube als hilfreich.

    Man spricht dabei ja auch vom Coping und der Aspekt "Handhabbarkeit" ist auch leicht zu verstehen: Wer einer Situation hilflos ausgesetzt ist, kann etwa im rituellen Gebet das Gefühl bekommen, etwas Einfluss zu gewinnen, sich selbst stabilisieren und dann wieder agieren etc.

  25. Basty Antworten | Permalink

    Coping @Michael Bl.

    OK, das mit "Coping" ist, glaube ich, zu verstehen. Querverbindung zu Luhmann wäre vielleicht mal auszubauen. Weil es schon lange her ist, dass ich was von ihm gelesen habe, nur etwa so formuliert: Dinge auf den Nenner bringen, auch komplexe Zusammenhänge (u.U. durch Vereinfachung) durchschaubar und eben handhabbar machen. Würde in meine Definition von Religion als "Lebensbewältigungsstrategie" passen.

    Mein - mehr intellektuelles - Problem dabei wollte ich im letzten Posting nicht auf die (zynische) Spitze treiben; dennoch aber jetzt noch etwas verfolgen:
    Gelingendes Coping wird, wenn hinterher darüber erzählt wird, immer wieder auch zur Bestätigung der jeweiligen Ideologie, der Religion, der Weltanschauung. Ist ja gut. Aber: Misslingendes Coping kommt nicht ebenso, nicht gleichberechtigt, zur Sprache. Denn die, denen das Coping misslungen ist, sind entweder tot oder werden zu einem guten Teil beschämt schweigen. Wenn sie noch darüber nachdenken können, denken sie weniger, die Anweisungen zum Coping seien insgesamt falsch gewesen, sondern eher, sie selbst hätten etwas falsch gemacht.

    So gewinnt jede Ideologie, Religion ff, die sich durch Eigenberichte stärken kann - selbst wenn sie in der Hälfte aller Fälle total versagt hätte - dadurch einen ungleich höheren Vorsprung gegenüber dem, was ein neutraler Beobachter von außen sehen würde.
    Und da wäre es, sage ich jetzt als christlicher Theologe dazu, wenigstens für die Christen nötig, die Untergegangenen nicht zu vergessen und zu berücksichtigen, was es heißt, dass auch ihre Geschichte(n) durch die Sieger geschrieben wurde. Es würde dem, dass sie sich auf den Bauarbeiter aus Nazareth berufen, wohl angemessen sein.

    Macht's gut -
    Cope your life in a good way
    Basty

  26. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Basty: Antonovsky

    Lieber Basty,

    zu 95% stimme ich Ihrem Posting zu. Nur eines stimmt mit Bezug auf Antonovsky nicht: "Misslingendes Coping kommt nicht ebenso, nicht gleichberechtigt, zur Sprache."

    Antonovskys Grundgesamtheit waren (meist jüdische) KZ-Überlebende, die verschieden gut mit den Traumata zurecht kamen. Und er schreibt selbst (als Nichtglaubender) sehr offen, dass es ihn beunruhigte und ärgerte, dass innerhalb dieser Gruppe Überlebender religiös gefestigte Menschen offensichtlich besser damit zurecht kamen als nichtreligiöse. Und dieser Befund bestätigte sich dann auch in weiteren Studien mit Menschen verschiedensten Alters und verschiedenster Kultur, die bis heute durchgeführt werden. Also: hier geht es nicht um die Frage nach dem Überleben, sondern um die vergleichende Bearbeitung traumatischer Erfahrungen bzw. die Selbstkonstruktion von Gesundheit.

    Ein Bias in der Auswahl der Gruppe scheidet also als Erklärung seines Befundes aus. Aber es wird später auch mal einen eigenen Salutogenese-Beitrag geben, da können wir das ja nochmal vertiefen.

    Mit herzlichen Grüßen

    Michael Blume

  27. ralf haase Antworten | Permalink

    Natur des Glaubens

    Der Artikel beweist, dass es Menschheit ohne Glauben an Gott nie gegeben hat, nie geben wird. Der Grund liegt m. E. in dem Erkenntnis- und Erklärungsdrang der Menschen. So kann es doch kein Zufall sein, dass die Ergebnisse von Untersuchungen von Entscheidungsprozessen im Scanner bereits in der Litanei zur heiligsten Dreifaltigkeit beschrieben sind, natürlich mit Gott als Akteur.
    Dass gläubige Menschen familiär und sozial stabiler sind als andere, liegt an der Geborgenheit und selbsterfahrenen Gottesliebe, aus deren Unendlichkeit sie schöpfen und vergeben können.

  28. JayJay Antworten | Permalink

    Gott im Kopf

    Leider bin ich erst jetzt auf diesen Blog und diesen Artikel gestoßen, der mittlerweile fast vier Jahre alt ist. Dass ändert freilich überhaupt nichts daran, dass sich Jesse Bering mit seiner These, Religion sei eine evolutiv zu begründende Art zu denken, meiner Ansicht nach genau richtig liegt.
    Allerdings entsteht der Eindruck, als sei diese Sichtweise völlig neu und allein auf Berings Mist gewachsen. Dem ist nicht so: Auch wenn der von Hakon Cramer bereits erwähnte Jean Piaget seine Theorie der kognitiven Entwicklung weitaus allgemeiner formuliert hat, kann sie meiner Meinung gar nicht anders gelesen werden, als in der Bering'schen Art und Weise.
    Als Beispiel dafür, wie diese Erkenntnisse für eine Theorie der historischen Entwicklung des Denkens genutzt werden können, empfehle ich im Übrigen die Lektüre der Werke des deutschen Soziologen Günter Dux.

  29. Michael Blume Antworten | Permalink

    @JayJay

    Danke für die konstruktive Rückmeldung! Und, ja, wirklich "neu" ist der Gedanke nicht, sondern wurde schon von Charles Darwin selbst (immerhin studierter Theologe) ausgearbeitet. Aber erst in den letzten Jahren hat empirische und auch experimentelle Forschung zu diesen Fragen an Schwung gewonnen. Und da ist Jesse Bering "vorne mit" dabei, aber längst auch nicht mehr der einzige. Würde mich freuen, wenn Sie an dem Thema dran blieben!

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