Hilfe, wir machen uns verrückt! von Steve Ayan über den Psychokult

5. Februar 2013 von Michael Blume in Evolutionspsychologie

Vielleicht wird man das 20. Jahrhundert im Rückblick einmal auch das Jahrhundert der "Psychologisierung" nennen. Erst hatten fast alle Menschheitsprobleme angeblich mit Sex zu tun. Dann wurde es schick, "das System" für alles verantwortlich zu machen - treffend dargestellt im sozialistischen Studentenführer in Forrest Gump, der damit das Verprügeln seiner Freundin "entschuldigt". Schließlich wurde es schick, die eigenen Eltern ("die Alten") für allerlei Elend verantwortlich zu machen und damit die Abwertung und den Zerfall von Familienstrukturen zu beschleunigen. Und seit einigen Jahren - sind Sie selber dran. Ja, genau Sie! Weil Sie nicht erfolgreich genug sind, nicht belastbar genug, nicht unabhängig genug, nicht glücklich genug. Sie sind in ihrem Job zu wenig engagiert - oder allzu sehr engagiert. Ihre Beziehung ist zu problembeladen - oder zu alltäglich. Sie sind an die neue Zeit nicht anpassungsfähig genug - oder internetsüchtig. Was an Ihnen aber auch immer nicht stimmt, es gibt eine gute Nachricht: Es stehen Heerscharen von Therapeuten, Coaches, "Alternativheilern" und Pharmafirmen bereit, die gegen Ihr Leiden "das richtige Mittel" haben. Das kostet - aber, hey, Sie wollen sich doch nicht durch fehlende Investitionsbereitschaft schuldig machen? 

Wenn Sie das Unbehagen an der wachsenden Psychologierung des ganzen Lebens und der "Normierung" und "Optimierung" schon von Kindern teilen, ist das Buch "Hilfe, wir machen uns verrückt!" von Steve Ayan das Richtige für Sie. Und wenn Sie (noch) gar kein Problem erkennen können, erst Recht!


238 S., 21 cm., 380g., 17.99 €

Ayan macht auf die Folgen der sich ausweitenden "Psychoindustrie" aufmerksam, die mit immer neuen Diagnosen und Angeboten oft pseudowissenschaftlicher und esoterischer Art Milliarden umsetzt. Und sie bedienen eine wachsende Nachfrage: Wo früher Priester und Gemeinden zum Reden und Lebenspilgern verfügbar waren, bietet sich heute ein zunehmender "Psychokult" (bei S. Freud: "Redekur") als "Ersatzreligion" an, der vor allem eine Botschaft parat hat: Arbeite an Dir! Beobachte Dich! Dann kannst Du alles schaffen! Wenn nicht, machst Du Dich am eigenen Leben schuldig!

Ayan ärgert nicht nur, auf welch wackeliger bis nicht existenter "Wissenschaft" sich viele Therapie- und Coachingangebote anpreisen - sondern auch, dass so Unmengen von Ressourcen an (uns!?) überspannte Selbstoptimierer vergeudet werden, während wirklich psychisch Kranke und Hilfebedürftige teilweise Monate auf Therapieplätze warten müssen. Mehr noch: Zergrübeln sich Menschen allzu intensiv selbst und erhalten sie dazu noch mehr oder weniger begründbare "Diagnosen" (wie die beliebte "amerikanische Krankheit - Neurasthenie" am Anfang des 20. Jahrhunderts oder derzeit "Burnout"), dann kann ihr Wohlbefinden tatsächlich beeinträchtigt werden. Ayan:

Eine feste Grenze zwischen "normal" und "gestört" gab es noch nie; wo man sie zog, war schon immer davon abhängig, wie sehr man die Andersartigkeit von Menschen tolerierte. Heute ist ein wachsender Trend zu Pathologisierungen zu erkennen: Vor lauter Drang zur Selbstoptimierung erscheinen uns immer mehr Ticks als behandlungswürdige Störungen. Wer früher nur schüchtern war, leidet heute an sozialer Phobie. Jähzorn wird zur Impulskontrollstörung, Dünnhäutigkeit zur Hypersensibilität und der Hang, Erledigungen bis zum Sanktnimmerleinstag aufzuschieben, zur Prokrastination. Ein ungestümer Bewegungsdrang zeugt vom Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), bei Erwachsenen genauso wie bei Kindern. Wer beim Essen extrem wählerisch ist, leidet an Orthorexie, und wer gefühlsmäßig nicht "mitschwingt", ist alexithym.

Ja zur Psychologie - aber mit Augenmass und seriöser Wissenschaft

Ayan hat kein grundsätzliches "Aber" gegen die Psychologie; im Gegenteil. Haltbare Erkenntnisse begeistern ihn und als Redakteur bei Gehirn & Geist lebt er davon, (auch) aus dieser (Ayan) "weichen Wissenschaft" zu berichten. Auch in "Hilfe, wir machen uns verrückt!" gelingt es ihm, die Faszination und den Wert seriöser Wissenschaft zu vermitteln. Doch er zeigt, dass es zu wenig davon gibt - nicht zuletzt, weil sich fast nur mit Positivergebnissen und halbgaren Sensationsmeldungen viel Geld verdienen lässt.

Dieses Buch hat mich nicht nur deswegen angesprochen, weil es ein gefühltes Unbehagen zu thematisieren verstand. Es ist darüber hinaus eine brillante Zeitdiagnose und erinnert uns daran, dass die boomende Zahl der post-religiösen "Seelsorge"-Anbieter knallhart auf Kundensuche ist.


33 Kommentare zu “Hilfe, wir machen uns verrückt! von Steve Ayan über den Psychokult”

  1. Skeeve55 Antworten | Permalink

    Es mag sein, dass vieles unnötig "zergrübelt" wird. Dass sich unsere Psyche zum Millionenmarkt entwickelt hat, lässt sich wohl auch nicht bestreiten. Allerdings schätze ich es, dass jemand mit einer psychischen Erkrankung heute nicht mehr als Simulant oder Aussetziger gilt.
    Auch was die "Ersatzreligion" angeht, ist mir Psychokult lieber als so manche "richtige" Religion, schon allein was Gewaltpotential und Wissenschaftsblindheit angeht.
    Ich würde sagen, wir machen uns nicht verrückt, wir sind verrückt. Aber wir öffnen endlich die Augen dafür und beginnen zu begreifen und zu akzeptieren. Mit allen Stolpersteinen und Anlaufschwierigkeiten, die dazu gehören.

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Skeeve55

    Dass eine höhere, gesellschaftliche Akzeptanz für "echte", psychische Erkrankungen gewonnen werden konnte, halte auch ich (und hält auch der o.g. Buchautor) für einen Fortschritt. Doch zögere ich beim Satz: Allerdings schätze ich es, dass jemand mit einer psychischen Erkrankung heute nicht mehr als Simulant oder Aussetziger gilt.

    Mir fällt dagegen auf, dass heute schon Kinder in wachsender Zahl "therapiert" werden, nicht selten mit Medikamenten - für Verhalten, das früher noch als "normal" gegolten hätte. Eine "Diagnose" entlastet - scheinbar - alle Beteiligten, brandmarkt aber auch und eröffnet neue, lukrative "Kundenbeziehungen". Wann und wie lange ist all das noch eine Hilfe? Und wann gehen wir zu weit? Ich glaube, dass wir uns genau solche Fragen stellen müssen, um mit den Stolpersteinen und Anlaufschwierigkeiten unserer Zeit klar zu kommen. M.E. sollte es in diesem Bereich auch dringend mehr von Gewinninteressen unabhängige Forschung geben - auch da kann ich Steve Ayan nur Recht geben.

  3. Plor Antworten | Permalink

    Kann diese Psychokult-Kritik schon grundsätzlich nachvollziehen. Ich frage mich aber auch, was schlimmer ist: Die Tendenz jedes kleine Wehwehchen zu pathologisieren oder "die gute alte Zeit", in der handfeste Depressionen als Melancholie oder Schizophrenie als Exzentrik abgetan und nicht vernünftig behandelt wurden.

    Gerade weil die Grenzen zwischen gesund und krank so fließend sind, würde ich als oberstes Kriterium für die Therapienotwendigkeit immer ansetzen, ob jemand unter seinem Zustand leidet. Ich finde ich habe nicht das Recht, über jemanden die Nase zu rümpfen, weil er seine Faulheit o.ä. als so krankhaft ansieht, das sie behandelt werden sollte. Dann lieber einmal ein triviales Leid oder eine Bagatelle zu viel behandelt als eine wirkliche Krankheit mit "Stell dich nicht so an" abgefertigt.

    Achja... und natürlich immer noch besser zum Therapeuten als zum Schamanen, zu Scientology, zum Heilpraktiker oder zum Rückführer...

  4. Horst Antworten | Permalink

    Neurosen und Psychosen

    in multischizophrenen "Wahrheiten" des Geschäftssinns.

    "M.E. sollte es in diesem Bereich auch dringend mehr von Gewinninteressen unabhängige Forschung geben"

    Und wo soll das hinführen, bzw. welche "Hilfe" soll da beschworen werden???

    Wir leben in einer Gesellschaft die POPULÄR und stets nur opportunistisch-"individualbewußt" mit medialem Kommunikationsmüll durch Finger in den WACHSEND symptomatischen Wunden KONFUSIONIERT und vor allem verantwortungslos zu "braves" Bürgertum funktionalisiert ist - wenn jemand mit eindeutigen Antworten und spezifischen Forderungen den "Experten" und "Treuhändern" dieses Systems zu nahe tritt, dann setzt umgehend die gebildete Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche ein, denn die EINDEUTIGE Wahrheit will kaum einer hören, sehen, sprechen, und schuld sind doch immer nur die "anderen"!?

    Wieviele Bücher sollen noch geschrieben werden, bis ...???

  5. KRichard Antworten | Permalink

    Pfusch der Psychologie/Wissenschaft

    Ich weise bei SciLogs seit Jahren darauf hin, dass sich das Phänomen der sogeannten ´Nahtod-Erlebnisse´(NTES) schon 1975 (mit Erscheinen des Buches ´Leben nach dem Tod´) hätte erklären lassen; als Erinnerungsvorgang - wenn die Gehirn-/Gedächnisforschung (mit Psychologie) nicht in einem Ausmaße pfuschen würde, wie es in der Geschichte der Wissenschaft unvergleichlich ist.
    (Zum Erklären von NTEs reichen die drei gut erforschten Fachbegriffe aus der Psychologie: Schlüsselreiz, Unaufmerksamkeitsblindheit, zustandsabhängiges Erinnern.)

    Da das Gehirn unser wichtigster Körperteil ist, kann bei Psychologie von seriöser Wissenschaft nur sehr eingeschränkt gesprochen werden. Wichtige Ablauffunktionen des Gedächtnisses nicht zu beachten bzw. zu untersuchen ist einfach nur Pfusch.

  6. schrittmacherm Antworten | Permalink

    @ Skeeve55

    Das die Psychologie der Nachfolger der Theologie ist, scheint begriffen zu sein. Aber dass man hier nicht unbedingt sinnvoll unterscheiden kann, nicht.

    Psychologie hat eingebettet ins Gesamtsystem genausoviel Gewaltpotenzial, wie alles andere dieser Welt. Psychologie ist nur ein Angebot - eine Methode. Und nicht die letzte Instanz; wird aber begleitend immer angewendet.

    Mir ist von legalen Institutionen psychologisch wirksam schon der Tot anboten worden - was man dann auch recht gewalttätig nennen kann. Faktisch ist das "Reden" nur eine Ablenkung vom Weltbild und verhaltensweise des Individuums. Tut es das Wort nicht (mehr), so sind noch andere Methoden verfügbar. Letztinstanzlich eben Sicherheitsverwahrung auf unbestimmte Zeit - mit Unterstützung von legalen Drogen zur Ruhigstellung.
    Dazwischen sind aber noch andere Methoden unsichtbar in Anwendung. Als wichtigste sei hier die Steigerung der Empfinungsfähigkeit (Emphatie) zu nennen, die per Substanz erreicht wird. Aha!? Emphatie keine natürliche und angebohrene Begebenheit? Ganz richtig. Alles Kulturtechnik zur Zivilisation von Individuen.
    Das ganze ist aber eine Einbahnstrasse (angesichts der kurzen Lebenszeit des Menschen) - geht also nur in eine Richtung oder zerstört das Nervensystem unwiederherstellbar (bei Überdosierung).

    Endlich ist aber doch alles zum Besten aller. Man stelle sich mal vor, niemand hätte Emphatie. Faktisch aber ist es die moderne Methode der Unterdrückung des Individuums. Herrschaftsinstrument, weil es in Kombination mit der normalen Entwicklung reguliert werden kann - also ungleich angewendet werden kann.
    Viel Spaß noch beim bewussten Leben in dieser Welt.

  7. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Plor: Alternativheiler

    Ayans Passagen über den kommerziellen und gesellschaftlichen Erfolg der "Alternativheiler" fand ich sehr überzeugend. Neben Placebo-Effekten und dem Bedarf, die einmal getroffene Wahl auch zu rechtfertigen, spielt wohl vor allem auch das Zuhören eine Rolle: Der Eso-Markt bietet Zeit und Narrative gegen Bares. M.E. ist das schon eine Problemanzeige...

  8. Andreas Antworten | Permalink

    Staatsreligion?

    "Wenn ein Mensch nicht mehr an Gott glaubt, glaubt er nicht an nichts, er glaubt an alles Mögliche." - Detektiv Pater Brown in einem Roman von Gilbert Keith Chesterton

    Und im Radio dudelt ein gejammertes "Wovon sollen wir träumen [...] woran können wir glauben [...]" von Frida Gold. Nicht auf irgendwelchen kaputten alternative-Sendern, sondern in den Charts. Es scheint, dass unsere Gesellschaft, die größtenteils befreit ist von gravierenden existenziellen Nöten, verschiedenste Sorten von Wahn ausbildet: Den Jugendwahn, den Schönheitswahn, den Gesundheitswahn, den Perfektionismus-Wahn, den Leistungswahn, den Kontroll- und Sicherheitswahn und so weiter. Und: Wir glauben auch noch an diese. Wer da nicht mithalten kann oder will, wird nicht ausgesondert, aber muss natürlich dringend in eine Schublade gesteckt werden - denn vom Ettikettierungswahn sind wir ja ebenso befallen. Hier bietet sich die Psychologie ideal an - sowohl von Anbieter- als auch von Nachfragerseite. Denn sie hält viele zwar völlig schwammige, aber kompliziert klingende und damit ansprechend intellektuell wirkende Schubladenbegriffe bereit und dazu noch diverse Zaubermittelchen dagegen. Die, würden sie halten was sie versprechen, tatsächlich viele Luxusprobleme lösen würden. Tun sie aber nicht.

    Ich lese dieses Buch auch gerade und es spricht mir tief aus der Psyche. Grade weil es die Psychologie nicht pauschal verteufelt, sondern das Bild von ihr einfach mal grade rückt.

    Vielleicht sollten wir zu den Freudianern, Behavioristen und den ganzen anderen psychologischen Schulen noch die Wildeianisten einführen, denn Oscar Wilde hat mal gesagt: "Wenn wir uns eingestehn, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt."

    Das mag wenig wissenschaftlich sein, mutet mir aber immernoch besser an als eine Gesellschaft, in der die Psychologie die Staatsreligion ersetzt.

  9. Horst Antworten | Permalink

    @Andreas

    "Wenn wir uns eingestehn, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt."

    Diese zynische und multischizophrene Gesellschaft, in Unwahrheit und geistigem Stillstand auf Sündenbocksuche, braucht die Psychologie, als Regulator ihrer zweifelhaften Vernunft. Oder möchtest du diese Rationalität so weit betreiben, daß wir das "Recht des Stärkeren" in jedem Bereich unseres "Zusammenlebens" mit dem Intellekt vom Wissen eines ILLUSIONÄREN Gut und Böse ausleben, denn das wäre die ehrlichste Konsequenz, in einer Sinnhaftigkeit von zufälliger Einmaligkeit mit nun "freiheitlichem" Wettbewerb um ..., der eh kreislaufend zu dieser Eskalation kulminiert.

    Es wäre allerdings eine andere / wirklich-wahrhaftige Vernunft in EINDEUTIGER / zweifelsfreier Wahrheit gestaltbar, wo Glaube und Bewußtseinsbetäubung nicht konkurrieren / wetteifern müssen, sondern MIT SICHERHEIT gegenseitige Inspiration sind und ...!?

  10. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Andreas

    Vielen Dank - ich glaube, da ist einiges dran. Das Versprechen einer durch “Rationalität“ immer glücklicher werdenden Gesellschaft fährt offenkundig gegen die Wand: Ohne grosse Erzählungen “machen“ wir uns offensichtlich an immer mehr Stellen selbst “verrückt“, über die Generationen vor uns nur den Kopf geschüttelt hätten... Gruselig wird es, wenn wir zunehmend sogar anfangen, Freiheiten sogar schon unserer (wenigen) Kinder z.B. dem Optimierungswahn zu opfern.

  11. Stefan Antworten | Permalink

    Michael

    "Das Versprechen einer durch “Rationalität“ immer glücklicher werdenden Gesellschaft fährt offenkundig gegen die Wand"

    ... und man beginnt nach Alternativen zu suchen: http://www.zeit.de/...n/2013/01/Religion-Atheisten

    Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das Versprechen einer durch "Rationalität" immer glücklicher werdenden Gesellschaft überhaupt jemals von der Gesellschaft auf breiter Basis gehört wurde. Natürlich gehe ich dabei nur von meiner Beobachtung im Alltag, von meinem Eindruck aus. Mir scheint, dass auch hierzulande Menschen Glück eher in arationalen Aspekten zu finden hoffen, von der Liebe über Familie über erfüllt verbrachte Zeit bis zu Anerkennung im Beruf (aber dahin sollen uns dann die von Ayan genannten Helfer führen). Was meinst du dazu, Michael? Oder habe ich dich falsch verstanden?

  12. Andreas Antworten | Permalink

    @Horst

    Ich versteh nicht so wirklich, worauf Du hinaus willst. Ok, vielleicht hab ich mich auch etwas schwurbelig ausgedrückt. Aber es erscheint mir zu schwarzmalerisch, was Du schreibst. So schlecht ist die Welt im allgemeinen und unsere Gesellschaft im besonderen nun auch wieder nicht.Zudem kann eine Gesellschaft weder zynisch noch schizophren sein, das kann nur ein Individuum (wobei ich den Schizophreniebegriff, insbesondere den üblichen, also nach Bleuler - seine Vita kann man sich auch mal zur Vervollständigung des Bildes der aktuellen Psychologie/Psychiatrie zu Gemüte führn - rundweg ablehn).

    Vielleicht kann mans auch so ausdrücken (und das ist dann auch mal von mir): Von den vielen Gedankengebäuden, die es so gibt, ist die Psychologie mit Abstand das hässlichste. Aber man kann da auch einfach rausgehn... in die freie (menschliche) Natur. Da gehts vielleicht bisschen wilder zu. Und auch dreckiger... aber "Psychohygiene" hat für mich sowieso einen noch etwas übleren Beigeschmack als "Rassenhygiene". Und ich hab auch mit meinen dreckigen Gedanken kein Problem.

  13. Andreas Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Der Optimierungswahn bei Kindern ist die eine, sehr konkrete Sache, aber ich denke das Problem geht tiefer. Schaut man sich die Bedürfnispyramide von Maslow (in der erweiterten Fassung) an, steht nunmal an der Spitze, nach Erfüllung aller rationalen/realen Bedürfnisse, die Transzendenz. Klammern wir diesen, aus meiner Sicht doch recht fundamentalen Aspekt des Menschseins durch Überbetonung des Rationalen aus, gibt es im wesentlichen vier Optionen: Fatalismus, Lethargie, so eine Art existentialistischer Aktionismus (der auch nicht glücklich macht sondern eben eher in den Burn-Out führt) oder... die Suche auf eigene Faust. Und das ist ziemlich genau das, was ich auch in meinem Umfeld (Alter +/-30) beobacht.

    Soweit eigentlich noch nicht allzu problematisch, aber hinzu kommt noch, dass der überhöhte, erstrebenswerte, heilige Individualismus irgendwie gesellschaftszersetzend wirkt. In dem Sinn, dass sich ja - ganz rational betrachtet - gar kein Zusammengehörigkeitsgefühl mehr einstellen kann, wenn jeder nur noch mit Nabelschau, an sich arbeiten, sich selbst finden und all dem Psycho-Kram beschäftigt ist. Glaube braucht Gemeinschaft, das sagen so gut wie alle Religionen (bis auf der Lavey-Satanismus und ein paar fernöstliche Spielarten, soweit ich weiß). Und genau die fehlt, wenn es, ganz rational, intrinsisch und extrinsisch nur noch ums Ich geht - wie in der Psychologie.

    Zudem schafft diese Ich-Bezogenheit auch jede Form von Vorbild und von Erinnerung daran ab, wovon wir abstammen, wo wir herkommen. Das entwurzelt und kann massiv verwirrend sein bei der Frage, was eigentlich erstrebenswert ist (diese Phase hab ich auch schon durchgemacht).

    Man könnte daraus ein ziemlich düsteres Bild für die Zukunft ableiten. Aber ich glaub nicht, dass es soweit kommt, das Pendel schwingt hier ja auch immer wieder zurück. Es ist nur... der derzeitige durchlattemacchiatisierte Neo-Biedermeier geht mir gehörig auf den Keks. Aber zum Glück nicht nur mir, eigentlich eher so gut wie jedem, wenn man danach fragt.

    (Mein emotionales und in gewisser Hinsicht auch spirituelles Zuhause, wo ich mich wohl fühl, ist seit 15 Jahrn die Gothic-Szene und wird es wohl auch bleiben - und da ist sowieso alles anders. Insofern kann ich da mit etwas Distanz aber auch Gelassenheit von der Subkultur auf die Kultur schaun. Bin dann mal in einem entsprechenden Club...)

  14. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Stefan

    Doch, ich denke, da hast Du mich verstanden. Der sich verabsolutierende Rationalismus hat sich lebensweltlich nicht breiter etabliert bzw. bewährt. Aber auch überzeugende Alternativen (auch jenseits z.B. von Fundamentalismus) zeichnen sich noch nicht ab. Insofern machen die von Ayan vorgestellten Beobachtungen und Zweifel sowie die Resonanz darauf Mut, da sie Suchbewegungen anzeigen.

  15. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Andreas

    Für Deine Beobachtungen sprechen auch Befunde meines Forschungsschwerpunktes Religion und Demografie: Wo die verbindliche und verbindende Transzendenz schwindet, brechen immer auch die Geburtenraten ein. Unsere Gesellschaft löst sich demografisch gesehen mangels kinderreicher Familien auf.

  16. Andreas Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Ich hab auch prinzipiell kein Problem damit, wenn eine dysfunktionale Gesellschaft ausstirbt. Aber das ist hier ja garnicht so der Punkt. Das erschreckende ist eher, wie wenig die Psychologie zu leisten vermag im Verhältnis zu ihrer Integration ins Gesellschaftssystem. Es wirkt so... vermessen, überzogen, überschminkt und memisch überhöht, von allen Seiten.
    Die Psychologie soll bitte mein schwieriges (oder auch nur als schwierig empfundenes) Kind grade biegen, die Probleme die ich mit mir selber hab lösen, unbequeme Zeitgenossen auf Linie bringen (ich halt das Bild der chemischen Lobotomie für garnicht so weit her geholt...), für den Richter orakeln ob der Täter auch in der Zukunft gefährlich ist und oben drauf noch dafür sorgen, dass selbst vom Hedonismus schon gelangweilte Wohlstandsopfer von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins befreit werden. Allesamt Ansprüche, die die Psychologie (noch oder prinzipiell) nur sehr schlecht erfüllen kann. Wären psychotherapeutische Maßnahmen Medikamente - sie würden in den allermeisten Fällen mangels Wirkung nicht zugelassen.

    Das könnte man ja an sich noch als gesellschaftlich akzeptierten Firlefanz durchgehen lassen. Doch die Psychologie produziert vor allem eines: Opfer. Opfer seiner/ihrer selbst, Opfer einer pathologisierten Sprache, Opfer eines vordergründig flauschigen, aber darunterliegend bis zur Unmenschlichkeit rigiden und in alle Bereiche des Lebens eindringenden Systems. (Irgendwo unterwegs ist die Menschlichkeit in den theoretischen Grundlagen der Psychologie abhanden gekommen. Jedenfalls seh ich nur gestelzte, dahinkonstruierte Ethik ohne konkrete Werte. Sehen Sie das anders?) Das gemeine ist: Es kann mitunter ganz angenehm - und sogar auch nützlich - sein, die Opferrolle für sich anzunehmen. Die Probleme auf einen Krankheitsbegriff festzunageln. Letztlich ist es auch jedem Menschen zuzugestehn, mal Opfer zu sein. Aber es ist eine Falle, ein kuschelig gepolsterter Käfig. "Ich hab eine Bindungsstörung" bekomm ich häufig zu hören von Singles, denen die Partnersuche zu mühevoll erscheint. "Ich hab eine Depression" von Leuten, die einfach ihren A*** nicht hoch bekommen. Die Psychologie hält Ausreden für einfach alles parat. Und das ist, aus meiner Sicht, der Kern des gesamten Problems: Die Entgrenzung des Krankheitsbegriffs. Vergleichbar mit der Entgrenzung des Kunstbegriffs durch Beuys. Alles ist Kunst. Alles ist krank. Das eine künstlich kranke Gesellschaft sich nicht mehr genügend reproduziert, ist da nicht weiter verwunderlich. (Ich weiß, ich weiß, da steckt jetzt jedes Gedankenverbrechen vom naturalistischen Fehlschluss bis zum Kategorienfehler drin. Ich darf das, ich bin weder Wissenschaftler noch Politiker. Ätsch.)

    Mir käme es nicht in den Sinn zu behaupten, dass es Menschen in religiösen Systemen besser geht (was ja das Ziel des Ganzen zu sein scheint). Aber wenn wir schon der Psychologie den Anstrich rational bis utilitaristisch orientierter Wissenschaft geben, sollte sie auch Erfolge gegenüber der religiösen Kontrollgruppe vorweisen können - was sie nicht kann.

    Aber es scheint mir, dass Besserung in Sicht ist: Der Knoten platzt immer mehr. Jedenfalls kenn ich eine ganze Reihe von Leuten - und das sind noch nicht mal zwingend die klügsten, progressivsten - die über die Psychologie eher lächeln. Ich mach üblicherweise keine Annahmen über die Zukunft, aber ich bin relativ fest davon überzeugt, das sich vieles in der Psychologie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten als eine Art Irrweg der medizinischen Evolution erweisen wird. Wenn selbst eine große Elektronikkette "Verrückte willkommen" auf ihre Werbung schreiben kann, wirft das ein Schlaglicht darauf, wie ernst das Thema in der breite Masse genommen wird. Dann bin ich halt verrückt. So what. Ich bin dann mal bei... Die Psychologie führt sich ja auch mit einiger Vehemenz selbst ad absurdum, siegt sich zu Tode. Nach der Orthorexie (dem zwanghaften Wunsch, sich gut zu Ernähren) fehlt eigentlich nur noch eine Krankheitsentität für den zwanghaften Wunsch zu Atmen. Dann haben wirs geschafft, dann sind entgültig alle, die zur Randgruppe der Atmenden gehören, krank. ;)

    Mein Lösungsvorschlag sieht da ganz grob so aus: Weder irgend ein Geist-über-Materie-Konzept, mit oder ohne überempirische Akteure begründet, noch ein Materie-über-Geist-Konzept führen wirklich weiter. Das Ergebnis ist dann Schrödinger-artig - mal Welle und mal Teilchen, und in diesem Dualismus bleibt eine gewisse Unschärfe einfach bestehn. Damit kann man leben...

    Herr Blume, haben Sie Interesse daran, solche Gedanken noch weiter zu entwickeln? Dann würd ich mich mal bei Ihnen per Email melden.

  17. Andreas Antworten | Permalink

    Noch n kleines Bonmot:

    Den selben Vorgang, den Buddhisten als “Erleuchtung” bezeichnen und mit tiefem Respekt behandeln, bezeichnen Psychiater als “Parietallappenepilepsie” und behandeln ihn mit Neuroleptika.

  18. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Andreas

    Meine Zeit ist eng begrenzt und mir geht es ja um das Erforschen und Beschreiben, nicht das Finden und Verkünden höchster Wahrheiten. Dennoch freue ich mich über ein Mail via Kontaktformular Homepage, werde aber wegen einer Auslandsreise erst kommende Woche lesen & reagieren können.

  19. Horst Antworten | Permalink

    @Andreas

    "Opfer. Opfer ..."

    Ich denke hier stellst du etwas aber ganz verkehrt dar, denn die "säkularisierte" Religiösität ist es doch, die mit der heuchlerisch-verlogenen Darstellung des Schuldigers ihrer systemrational-intriganten "Philosophie" diese Opfer produziert (so bleibt der Profit daraus stets erhalten), während die Psychologie ihre 30%ige Erfolgs- / Leidensgeschichte zur Wiederherstellung der (zombiehaften) Funktionalität geradezu verzweifelt sucht zu erhalten (jedenfalls bei denen die noch illusionäre Ideale haben)!

    "... religiösen Kontrollgruppe vorweisen können - was sie nicht kann."

    Ich bin sicher, ein Teil dieser "Religiösen" wird darum HALLELUJA rufen.

  20. Joe Dramiga Antworten | Permalink

    Disease Mongering und Echte Kranke

    Eine Bekannte, die ich aus Kindertagen und meiner damaligen Nachbarschaft, in der wir gemeinsam aufgewachsen waren,kannte, lud mich per E-Mail zum Kaffee ein . Ich sagte zu, wusste dabei aber nicht. dass sie mittlerweils psychich krank war, zwei Psychiatrieaufenthalte hinter sich hatte und Erfahrungen mit gewissen Drogen gemacht hatte. Außedem vermutete ich damals hat sie eigenhändig ihre Medikamente abgesetzt. Als sie anfing Fremde in der Straßenbahn ohne Grund zu beschimpfen, konnte ich sie dazu bewegen zu ihrer Wohnung zu gehen. Dort erzählte sie mir dann einiges aus ihrer und unserer Vergangenheit. Es waren einige traurige Begebenheiten dabei und sie analysierte einige Geschehnisse im Rückblick. Keine ihrer Analysen enthielt irgendetwas "verrücktes", "durchgeknalltes" oder "wahnhaftes" an. Im Gegenteil ihre Fazite waren gleichermaßen pointiert wie berührend. Es ging um Bigotterie, Heimtücke, Neid, emotionale Erpressung, geplatzte Träume. Wenn man diese Frau im Radio gehört hätte, hätte niemand ahnen können, dass sie sich gerade in einer manisch depressiven Phase befand. Deshalb brachte ich sie gemeinsam mit einer Freundin, die ein Auto besaß, noch am gleichen Abend in die Psychatrie, weil ihre unkontrollierte Aggressivität (nicht gegen mich sondern gegen sich und ihre Gegenstände) im Lauf des Nachmittags immer mehr zunahm. Ich verbrachte sechs, nicht einfache, Stunden mit einer verletzten Löwin. Denn trotz ihres Zustands nahm ich ihre starke Persönlichkeit war. Wochen später dankte, sie mir am Telefon und sagte mir, dass ihr dieser gemeinsame Nachmittag mehr gebracht hätte als einige Sitzungen mit dem Psychiater.

  21. schrittmacherm Antworten | Permalink

    @ Michael Blume @Andreas
    08.02.2013, 22:42

    -> Die "verbindende Tranzendenz" ...? Sie meinen sicher, dasss sei die Religion und ihre Inhalte - und die daraus gelebte Gemeinsamkeit. Im Kontext also die ideologischen Visionen dabei, die "verbindend" wirken.

    Zu "verbindende Tranzendenz" fällt mir aber noch was anderes ein. Ich finde es immer nicht vorteilhaft, wenn ständig an Kernfaktoren vorbeiphilosophiert wird. Das ganze Gefasel klingt bei Kenntnis über relevante Bedingungen irgendwie nach Märchenstunde und Vertuschungsstrategie.

  22. Michael Blume Antworten | Permalink

    @schrittmacherm: verb. Transzendenz

    Mir gefällt an dem Begriff, dass er einerseits auf die sozial integrierende Funktion religiöser Traditionen verweist - wie auch immer man diese dann bewerten mag -, andererseits aber auch einen Aspekt, den ich in Ihrem Kommentar nicht finden konnte: Transzendenz weist auch immer auf Neues, Höheres, Größeres und vor allem Unverfügbares, das wir nicht in Gänze kennen (können) und das uns also auch an unsere Erkenntnisgrenzen erinnert.

    Umso länger ich wissenschaftlich arbeite, umso weniger überzeugend finde ich jene, die alles zu wissen und schnelle Urteile behaupten...

  23. Andreas Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Um das Finden und Verbreiten höherer Wahrheiten geht es mir ganz sicher nicht. Aber die Diskussion hier zeigt gut, dass dieses Feld nur sehr schwer sachlich zu diskutieren ist.

    Ich werd mir dennoch alle Mühe geben und schreib Ihnen die Tage.

  24. schrittmacherm Antworten | Permalink

    @ Blume

    "Umso länger ich wissenschaftlich arbeite, umso weniger überzeugend finde ich jene, die alles zu wissen und schnelle Urteile behaupten..."

    -> Ich hoffe doch, dass diese Aussage völlig off-topic ist... . Oder war sie ein indirekter Vorwurf an eine in meinen Aussagen gefundenes Wissen und Urteile?

    Ich hatte eigendlich hier nur eine in Aussicht gestellt, aber keine genannt? Aber sie erinnern sich sicher noch an eine mögliche, die ich einmal anderswo getätigt hatte. Die war aber nicht irgendwie aus Schnellschüssen entstanden.

    Meine Transzendenz hat man mir mit einem EEG weggebrannt. Das hat aber nicht nur den Verlust einer irgendwie wahrzunehmenden Transzendenz zur Folge, sondern auch andere mentalen Einbußen und Nachteile.

    ---
    Die integrierende Funktion von Transzendenz in Verbindung mit Religion ist mir nicht vollends bekannt, da ich eher atheistisch aufgewachsen bin - quasi Gottlos aus verweigerter/unbekannter Ideologie.
    Und auf "höheres" und "Unverfügbares" weisst normalerweise nichts hin. Endweder es ist existent und erreich/herstellbar, oder eben nichtexistent und also auch nicht transzendent vorhanden.

    "neues" ist nicht generell unerwünscht, muß dann aber auch beim Namen benannt werden - oder wenigstens die Funktion weitestmöglich herrausgeschält, damit man eine Einschätzung tätigen kann.

    Erkenntnisgrenzen mag es geben - und zwar leider reichlich. Aber ... das ist die Crux daran: dann ist dass Reduzieren auf das in Erkenntnis zu bringende meist eine kleingeistige Minderleistung und eine Verdrängung der Erkenntnis über seine Erkenntnisgrenze - was in eine Leugnung wahrscheinlichster Relevanzen mündet. Heutige Wissenschaften kompensieren hier häufig mit Statistik - vertuschen damit aber eben relevante Bedingungen.

  25. Michael Blume Antworten | Permalink

    @schrittmacherm

    Der Satz war überhaupt nicht speziell auf Sie gemünzt, sondern eine allgemeine Feststellung: Umso mehr wir "wissen", umso klarer werden uns auch die Grenzen unseres Wissens. Diese Grunderfahrung (!) hat auch ein der traditionellen Frömmigkeit Unverdächtiger formuliert, Richard Dawkins: ""Den Versuch der Religion, ein tieferes Verständnis des Lebens zu finden, habe ich immer respektiert. Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."

    Ich bleibe dabei: Wer nicht einmal diese Form der Transzendenz - geboren aus kognitiver Einsicht und aus emotionaler Erfahrung zugleich - kennt, dem oder der stehe ich mit vorsichtiger Skepsis gegenüber. Als Menschen neigen wir gerne dazu, uns zu überschätzen - aber Leute in der Wissenschaft sollten bereit sein, sich auch ihren je eigenen Grenzen zu stellen.

  26. schrittmacherm Antworten | Permalink

    Ach ja, herr Blume. Wir müssen uns natürlich alle in Demut üben. Es kann nämlich auch nachgeholfen werden.

  27. Horst Antworten | Permalink

    "Meine Transzendenz hat man mir mit einem EEG weggebrannt."

    Naja ..., dann empfehle ich dir eine "Kur" mit Psylocobin-Pilzen, oder ähnlichem, aber lieber in Begleitung eines Schamanen aus / in Südamerika, denn das ist nicht ohne - irgendwann, vielleicht auch sofort (aber besser nicht sofort!!!), wirst du das Stadium der Halluzinationen überwinden und eine ganz neue und extrem überraschende Transzendenz ...

    "Wer weiss denn, ob das Leben nicht Totsein ist und Totsein Leben?" Euripides ;-)

  28. Horst Antworten | Permalink

    @Blume - "umso klarer ..."

    Sie sollten sich mal mit dem Savant-Syndrom beschäftigen. Vielleicht merken sie dann auch, daß das nur ein Phänomen für die Wissenschaft ist?

    Wissenschaftler haben festgestellt, daß diese "Insel-Begabung" schwindet, je mehr der Betroffene in unserer "sozialen" Kommunikation geschult wird - mich, und wohl noch einige Ureinwohner Amerikas, wundert das aus spezieller Erfahrung absolut nicht.

  29. schrittmacherm Antworten | Permalink

    @ Horst

    Zitat:

    "Wissenschaftler haben festgestellt, daß diese "Insel-Begabung" schwindet, je mehr der Betroffene in unserer "sozialen" Kommunikation geschult wird."

    -> Soso, ... Intelligenz ist also auch hierbei nur ein Zuckerbrot, was einem auf den Weg gegeben wird, während man kaputt-therapiert wird. Abweichungen sind nicht erwünscht. Individuelle Intelligenz sowieso nicht - aber unausgesprochen. Alles (jede/r) soll gefälligst schön handlich und funktional konditioniert sein / werden (sobald es mit dem Zielobjekt irgendwelche inakzeptablen Schwierigkeiten gibt).

    Alan Turing hat man zum Beispiel auch irgendwann (wohl weil er dann nach dem Kriege unbequem wurde) in die Psychiatrie zur Therapie gezwungen. Danach hat man nicht mehr viel von ihm gehört (oder gar gar nichts mehr).
    Es ist sonderbar. Man schmückt sich mit Menschen, die offensichtlich "verrückt gewesen waren (haha, geworden sind, weil vorher man ja noch von ihnen profitieren konnte). Wie heuchlerisch.

    Das Schulen an der "sozialen Kommunikation" ist das "aushandeln" der Machtherarchie im Gesellschaftsgefüge. Die Zwangsintegrierung (andernorts auch "Verallgemeinerung" genannt ... hinsichtlich neuronaler Inhalte und Bewusstseine). Ich nenne es die Verstaatlichung des Individuums - die ohne zu fragen einfach durchgeführt wird. Das geht vollends unauffällig vonstatten - das Zielobjekt ist aber in engen Kontakt mit den staatlichen Institutionen/Einrichtungen und dem Gesundheitssystem. Erkennt man es selbst trotz der Unauffälligkeit, findet man niemanden, der einem hierbei zuhört/glaubt - es gibt dafür einfach kein Bewusstsein, also auch kein Glauben an solcherart Strategie.

    Dummerweise ist es so, dass man davon ausgeht, dass jede Generation ein stück intelligenter wird, als die vorherige. Hier aber funktioniert rein logisch etwas nicht. Denn wenn eine dummere Generation die nächste auf ihr Niveau konditioniert, geht die Rechnung nicht auf - freilich nur auf individueller Ebene korrekt. Statistisch lässt sich dass aber leicht vertuschen. Die vorrangegangene Generation muß erwartungsgemäß die jeweils nächste Generation also solange (neuronal) degenerieren, bis sie sich demütig anpasst (seinen Umgebungsverhältnissen unterwirft).

    Wenn also jemand erklärt, es ginge um Lebensqualität und Glück im Leben, dann kommt man unterm Strich schnell drauf, dass nur der "Dumme" wirklich die Möglichkeit zum Glücklichsein hat. Wovon man nicht Kenntnis hat, davon kann man sich nicht beeinflussen lassen. Ein Tost auf die naive Dummheit und das Blinde Vertrauen. Dafür kann man sorgen - und zwar ohne großen Aufwand und Schwierigkeiten. Andersrum (schlaumachen) ist das nicht so einfach.

    ---

    Nur ein Phänomen für die Wissenschaft? Und eine Belastung für die Angehörigen der Betroffenen, weil diese in ihrer Situation überfordert sind und sich mit dem Betroffenen als "andersartig" wahrnehmen.
    Hier ist ein widerlicher Leidensdruck im Raum, der eigendlich auch anders abgewendet werden könnte.

    ---

    Das mit den Drogen (Pilzen) ist mir bekannt. Drogengebrauch führt zur Deprivation, was besondere Folgen für das Bewusstsein hat und der Bildung von neuronalen Strukturen (also funktionalität und also auch Bewusstsein und dessen Inhalte). die Deprivation ergibt wünschenswerterweise eine gewisse Unabhängigkeit von seinem eigenen körper, was in der Folge (und weiteren Übung) zu besonderen Erfahrungen führen kann und wird. Solche Deprivation ist tendenziel gleich, wie meditativ konditionierte Zustände - nur eben (je nach Dosis) extremer/intensiver/vollendeter und daraus eben effektiver.

    Dabei fallen mir die Gerüchte der Deprivation als Foltermethode ein. Wird die nicht auch in Guantanamo angewendet? (hier wird nicht von Waterboarding gesprochen, sondern von Einzelhaft, lange Einsamkeit, Abschirmung von äußeren Reizen, Herrabsetzung von Reizempfindung der standartsinne, im Zweifel eben auch Drogentherapien). Was haben die da vor?
    Solche Art Deprivation habe ich in meinem Leben oft und lange an mir "erlitten" und habe dadurch aber eine besondere Bewusstseinsebene erreichen können. Irgendwie muß man ja was aus der Lage machen. Das Ergebnis war: Betrachtung der Welt aus generell anderer Perspektive. Und dabei kommen ganz besondere Erkenntnisse herraus. Und ... bei günstigen Bedingungen (im Sinne der Resultate) auch besondere Fähigkeiten.

    Ich plädiere schon lange dafür, dass man den derzeitigen "Krankheitsbegriff" ernsthaft überdenkt und zugunsten der heutigen "kranken" abändert. Ein "Leidensdruck" ist einfach zu schnell eingeredet.

  30. Andreas Antworten | Permalink

    Lesenswerter Blogger zum Thema

    Die Moral-Medikalisierung erzeugt die Illusion von Objektivität, Wissenschaftlichkeit und Hilfe im Interesse der Betroffenen. Dadurch entzieht sie bestimmte Formen sozialer Kontrolle dem öffentlichen Diskurs. Die Öffentlichkeit vermag unter diesen Bedingungen die politische Dimension dieser Kontrollmaßnahmen nicht mehr zu erkennen. Für eine demokratische Gesellschaft ist dies ein verheerender Befund.

    Die Medikalisierung sozialer Devianz führt dazu, dass die Moral des psychiatrischen Systems zum Maßstab "seelischer Normalität" gemacht wird. Die Psychiatrie entreißt dem Individuum die Definitionsmacht über die eigne Psyche und eignet sie sich an. Trotz vielfältiger Unterschiede hat die Psychiatrie somit die Psychiatrie in vielen laizistischen Gesellschaften das Erbe der Kirchen angetreten.

    Dies hätte nur dann den Anschein von Legitimität, wenn vorausgesetzt werden könnte, dass ein entsprechend qualifizierter Außenstehender besser zu beurteilen in der Lage wäre, wie es um eine Psyche bestellt ist als der Träger dieser Psyche selbst. Aus meiner Sicht ist diese Voraussetzung allerdings nicht gegeben. Außer dem Individuum selbst hat niemand Zugang zur eigenen Innenwelt.

    Aus:

    http://psyconcept.de/...es-psychiatrischen-sektors

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