Islam-Studie für Deutschland – BILD Dir Deine Meinung

2. März 2012 von Michael Blume in Netzkultur(en)

Wieder einmal gibt es Klärungsbedarf zwischen Wissenschaftlern und Journalisten. Die BILD-Zeitung hatte eine neue Studie zu jungen Muslimen im Auftrag des Bundesinnenministeriums diese Woche als "Schock-Studie" über "radikale Muslime" tituliert und verkündet: Junge Muslime verweigern Integration. Der verantwortliche Autor der Studie, Prof. Wolfgang Frindte von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, ist mit dieser Deutung jedoch gar nicht glücklich. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung online erklärte Frindte:

Manche Journalisten suchen sich bei komplexen Dingen das heraus, was spannend ist und in die Philosophie des Mediums passt. In unserem Team hat es nach der Veröffentlichung in einer Boulevardzeitung große Entrüstung gegeben, sogar Verzweiflung. Da wurde ein Detail der Studie auf eine Weise in die Öffentlichkeit getragen, dass sich die von uns befragten Muslime missbraucht fühlen könnten - das ist traurig. Und wir haben uns in den vergangenen drei Tagen ziemlich alleingelassen gefühlt. Aber es ist gut, dass die Studie jetzt zur Kenntnis genommen wird. Und inzwischen wird auch auf kompetente Weise darüber berichtet.

Nun, die neuen Medien erlauben es uns, der Sache nachzugehen. So ist die umfangreiche Studie, die in der Tat eine ganze Menge auch anderer, spannender Aspekte (z.B. Auswirkungen der Sarrazin-Debatte) erkundete, hier kostenlos und komplett als pdf abrufbar.

Wem die deutlich über 700 Seiten nun aber doch zuviel sind, für den steht hier auch eine Kurzfassung der Studie auf den Seiten des BMI zur Verfügung.

Und wem auch das noch zu lang ist, der findet auf der BMI-Page sogar eine Kurzfassung der Kurzfassung, die in der Tat so kurz ist, dass ich sie hier zitieren kann:

Die Studie kommt laut Bundesministerium des Inneren zu folgenden wesentlichen Ergebnissen:

  • Es gibt nicht eine muslimische Lebenswelt in Deutschland, sondern zahlreiche ambivalente. Ebenso sind die Beziehungen zwischen der deutschen, nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft und den in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslimen vielschichtig.
  • Die Untersuchung zeigte, dass sich alle in Deutschland lebenden Generationen von Muslimen mehrheitlich deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzieren. Allerdings erleben sie eine Pauschalverurteilung der Muslime als Terroristen und eine zu vorschnelle Verknüpfung des Islams mit dem Terrorismus.
  • Die Mehrzahl der befragten deutschen und nichtdeutschen Muslime ist bestrebt, sich zu integrieren. Demnach befürworten 78 Prozent der deutschen Muslime Integration mehr oder weniger während 22 Prozent eher eine zurückhaltende, die eigene Herkunftskultur betonende Haltung einnehmen. In der Gruppe der nichtdeutschen Muslime finden sich ca. 52 Prozent, die Integration mehr oder weniger befürworten, aber auch 48 Prozent mit starken Separationsneigungen.
  • Die Befragungen von Muslimen im Alter zwischen 14 und 32 Jahren ergaben jedoch auch, dass eine Subgruppe existiert, die als "streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz" bezeichnet werden kann. Diese Subgruppe umfasst bei den deutschen Muslime ca. 15 Prozent und in der Gruppe der nichtdeutschen Muslime ca. 24 Prozent.
  • Mögliche Ursachen für diese potenziellen Radikalisierungstendenzen liegen vor allem im Ausmaß der "traditionellen Religiosität", der "autoritären Einstellungen", der Orientierung an "Macht" und "Erfolg" sowie der Wahrnehmung bzw. dem Erleben von "gruppenbezogener Diskriminierung".

Das Heymat-Projekt am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin unter Leitung von Dr. Naika Fourutan hat ebenfalls bereits eine erste, kritisch-konstruktive und online-verfügbare Einschätzung der Islam-Studie vorgenommen. So merken sie unter anderem an, dass die Zahl der Befragten so klein war, dass sich Aussagen über "die" radikalen Muslime auf eine Zahl von 25 - in Worten: fünfundzwanzig - Interviews beziehen. Die Nicht-Repräsentativität räumen die Macher der Studie auch durchaus ein, man wird sie wohl explorativ nennen dürfen. Lesenswert ist auch der Vergleich von Zustimmungsquoten von demokratiefeindlichen, antisemitischen, rassistischen und gewaltaffinen Aussagen in der Gesamtgesellschaft auf den Seiten 8 und 9 der Heymat-Gegenüberstellung...

Sollte man also einfach so tun, als gebe es die Befunde der Studie und Radikalisierungsprozesse bei einer Minderheit von Muslimen gar nicht? Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, ist im tagesschau-Interview anderer Meinung...

Nicht die BILD-Zeitung, sondern die Studie selbst kommentierend, sagte er:

Die Studie stellt die Situation differenziert dar und bringt die Probleme auf den Punkt. Und sie zeigt, dass wir handeln müssen und gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze suchen sollten. Wir neigen ja dazu, Integrationsdefizite zu benennen und zu beklagen. Mit dem gleichen Engagement sollten wir endlich über Lösungsansätze debattieren und die richtigen politischen Schlussfolgerungen ziehen.

Und als Antwort auf die Frage, nach den Erwartungen an die "Politik als Reaktion auf die Studie" antwortete Mazyek:

Wir erwarten, dass die Politik das Warnsignal erkennt und mit uns gemeinsam gegensteuert. Der Kampf gegen Extremismus ist keine Frage von "ihr" und "wir". Wir werden das Problem nur gemeinsam lösen können.

Irgendein Medium hat doch mal mit dem Slogan geworben: Bild Dir Deine Meinung.

Nun, das Web macht es - leichter und schneller denn je - möglich.


21 Kommentare zu “Islam-Studie für Deutschland – BILD Dir Deine Meinung”

  1. Lars Fischer Antworten | Permalink

    Ich wüsste gerne

    ob sich die Ansichten der befragten Muslime von dem unterscheiden, was man in einer beliebigen vergleichbaren Stichprobe irgendeiner Bevölkerungsgruppe irgendwo auf der Welt erwarten würde. Denn nur das wäre wirklich aussagekräftig. Der von dir zitierte Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist ja schon ein Schritt in die Richtung.

    Aber so kann man weder ausschließen, dass es besonders problematische Trends gibt, noch dass die befragten Leute überdurchschnittlich bereit sind, sich hierzulande zu "integrieren" was immer man im Einzelfall darunter verstehen mag.

    Soweit ich mich erinnern kann, haben noch alle Studien gezeigt, dass es neben dem üblichen Bodensatz an Arschlöchern unter den Einwanderern eine erstaunlich große prinzipielle Zustimmung zu unserer Gesellschaftsordnung gibt. Dass Einwanderer demokratiefeindlicher als die deutsche Gesamtbevölkerung sind, scheint mir angesichts entsprechender durchaus besorgniserregender Umfragen zumindest sehr fraglich.

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Methodologisch zu engspurig, fragwürdig

    Die Frage ob jemand integriert ist versuchen nur Geisteswissenschaftler mit mündlichen und telefonischen Interviews zu beantworten. Weil Geisteswissenschaftler von Haus aus mit Begriffen und mit der Sprache arbeiten, vertrauen sie auf mündliche oder schriftliche Aussagen und trauen sich selber zu, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Sprachliche Äusserungen aber sind vieldeutig und wenn Schüler muslimischer Herkunft nach der Zerstörung der Twin-Towers jubelnd darüber in der Schule berichten (wie das einer meiner Söhne berichtet hat), so darf man nicht den Kurzschluss machen, die entsprechenden Familien seien extremistisch eingestellt. Was man aber sicher daraus entnehmen kann, ist ein problematisches Verhältnis dieser Familien zu ihrem Gastland und dass es - vielleicht ungesagte - Spannungen gibt.
    Wenn man aber messen will, wie gut jemand integriert ist,gibt es viel bessere Methoden. Beispielsweise über die Bestimmung des Beziehungsnetzes: Mit wem haben die untersuchten Personen Beziehungen, mit wem verbringen sie die Freizeit. Wie verkehren die Eltern mit den Lehrern (heute sind ja Elterngespräche an der Tagesordnung) oder mit anderen Personen, denen sie nicht ausweichen können(z.B. Beamten der diversen Behörden). Eine Auswertung des Handyverkehrs der untersuchten Personen würde wahrscheinlch aussagekräftiger sein als alle Interviewfragen zusammen.
    Ein noch besseres Bild ergäbe sich, wenn man als Vergleichsgruppe Migranten nicht-muslimischer Herkunft hätte, also z.B. Spanier oder Griechen in Deutschland.

    Wahrscheinlich braucht es für aufmerksame Zeitgenossen eine solche Studie gar nicht um sich ein Bild zu machen. Was man als gewöhnlicher Bürger allerdings kaum in Erfahrung bringen kann sind die Dinge, die im Dunklen ablaufen und die völlig abgeschlossene Untergruppen betreffen. Darum stürzt sich die BILD-Zeitung eben auf die Anzeichen der Radikalität. Doch gerade hier ist die Studie nicht repräsentativ, weil es zuwenige Teilnehmer gab. Die Neigung zum Terrorismus interessierte scheinbar viele, sogar der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland sagt ja: Der Kampf gegen Extremismus ist keine Frage von "ihr" und "wir". Man kann niemandem die Angst vor Terrorismus verdenken . Er kann viele in Angst und Schrecken versetzen auch wenn im Terrorismus nur immer eine kleine Minderheit verwurzelt ist. Ich erinnere mich noch an den Anschlag auf Theo van Gogh in den Niederlanden. Höchstens 5% der Muslime in den Niederlanden seien zu ähnlichen Taten bereit wie der Mörder von van Gogh hiess es da aus Polizeikreisen. Ein Journalist hat daraufhin ausgerechnet was für eine Zahl 5% umgerechnet in konkrete Menschen bedeutet. Ich weiss nicht mehr was das Resultat war: Es waren jedenfalls deutlich mehr als die Anzahl der ehemaligen Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe.

  3. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Lars & Martin Holzherr

    Früher hätte man unsere Zweifel an der Aussagekraft bzw. medialen Verkürzung der Studie auch haben können, aber wohl viel Zeit & Geld gebraucht, um sich selbst kundig zu machen. Hier sehe ich durch das Netz sehr erfreuliche Entwicklungen. Und wenn die breitere Auseinandersetzung mit so etwas dann zu weiteren Studien, ggf. mit anderen Fragen und Methoden führt, wäre das klasse!

    @Martin Holzherr

    Nur eine kleine Korrektur: Für Hunderttausende Muslime ist Deutschland kein Gastland mehr, sondern unsere gemeinsame Heimat, zunehmend auch der Geburtsort. Muslime sind keine Gäste mehr in Deutschland, sondern ein bleibender Teil Deutschlands.

  4. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Lösungsansätze

    Mit dem gleichen Engagement sollten wir endlich über Lösungsansätze debattieren und die richtigen politischen Schlussfolgerungen ziehen. (Mazyek)

    Egal, ob die Studie jetzt minderleistend war, wie einige behaupten, der Schreiber dieser Zeilen schließt sich dieser Sicht nicht an, oder deren reproduktive Wiedergabe schwach oder stark. Die Probleme gibt es natürlich, der Islam hat hier einige sehr zweifelhafte Konzepte - Kufr, Harbi, Dschihad, die Apostasie Betreffendes und den Wert oder Unwert bestimmter Gruppen - und es lohnt sich die 'richtigen politischen Schlussfolgerungen' zu ziehen und dem Treiben auch mal gelegentlich politisch entgegen zu halten.

    Was hier ja auch zumindest dem Anschein nach in gewissem Umfang geschieht, Kompliment für den Mut! - Wir erinnern uns, dass der Islam keine Aufklärung erfahren hat, dass die direkte Zurückführung auf Allahs Worte die Theologisierung schwierig bis unmöglich macht, damit auch die Anpassung an zeitgenössische fremde Umgebung, und die getragenen Werte denjenigen der Europäischen Aufklärung diametral zu sein scheinen.

    MFG
    Dr. Webbaer

  5. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Bevölkerungsgruppen

    @Lars Fischer

    Ich wüsste gerne... ob sich die Ansichten der befragten Muslime von dem unterscheiden, was man in einer beliebigen vergleichbaren Stichprobe irgendeiner Bevölkerungsgruppe irgendwo auf der Welt erwarten würde.

    Die Ansichten von Bevölkerungsgruppen unterscheiden sich regelmäßig, Ihr Interesse bezieht sich womöglich auf Sichtweisen und Aufstellungen unterschiedlicher Immigrantengruppen vergleichend mit denjenigen im Aufnahmeland?!

    Der Islam bildet hier insofern eine Spezifität, da er sehr feste Wertemengen transportiert, - ist ja eigentlich auch kein Geheimnis, haben Sie einmal das vorliegende Material diese besondere Problematik betreffend gescannt?

    MFG
    Dr. Webbaer

  6. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär: Essentialisierung

    Lars Fischer hat da m.E. schon einen Punkt: Gerade der empirische Vergleich von der Zustimmung von Menschen verschiedener (und keiner) Religion "mit vergleichbarer Bildung und in vergleichbarer sozialer Situation" zu Aussagen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit würde ja aufzeigen helfen, ob und wie sich diese verschiedenen Religionen und Weltanschauungen ausdrücken. Erste Ansätze dazu gibt es, aber noch ist die Datenlage zu unscharf und zu wenig vergleichbar.

    Und wenn jemand z.B. behaupten würde, der hohe Zuspruch zu rechtsextremistischen Parteien und auch Gewalt in den neuen Ländern sei eine notwendige Folge der dort verbreiteten Konfessionslosigkeit, würde ich dagegen zu bedenken geben, dass doch bitte auch die Umstellungen der Wiedervereinigung, die hohe Arbeitslosigkeit, der fehlende Alltagskontakt zu Migranten u.a. zu berücksichtigen wären. Dass fehlende religiöse Vergemeinschaftungen zum Zerfall zivilgesellschaftlicher und familiärer Strukturen beitragen können, würde ich durchaus für möglich halten - aber eben mit Sicherheit keine Monokausalität durchgehen lassen, sondern auch darauf hinweisen, dass gerade auch in den alten Bundesländern Konfessionslosigkeit häufig mit liberalen und linken Anschauungen korreliert.

    Die Zuschreibung von Problemen oder auch Vorzügen von Gruppen auf nur einen Faktor (z.B. Ethnie, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Haut- oder Augenfarbe etc.) nennt man in den Sozialwissenschaften "Essentialisierung", die zwar im Alltag und medial sehr eingängig und populär ist, aber in wissenschaftlichen Überprüfungen regelmäßig schwach bis völlig falsch abschneidet.

  7. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Essentialisierung

    In den Sozialwissenschaften gibt es so einiges [1], lieber Herr Blume, der Schreiber dieser Zeilen, der ja bekanntlich nie die Vereinfachung anstrebt, würde aber dennoch gerne die Unverkennbarkeit einer Korrelation [2] bezogen auf diese spezielle Problematik behaupten wollen.

    Dr. W geht in solchen Fällen auch gerne in medias res, aber dann wird's schnell "-phob", gell. Ja, so isses leider. Die konkrete Bestimmung politisch bedeutsamer Fragen erschließt sich dem rein soziologisch Bemühten oft erst im Ex Post.

    Kann man diese Problematik anders (außer "in medias res") bearbeiten? Liegt etwa gar keine Problematik vor oder nur bezogen auf die Behauptenden?

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich von bestimmten Bemühungen Ihre Person betreffend distanziert, der Sie stattdessen gerne als Freund einschätzt)

    [1] Wie stehen Sie zur so genannten Vorurteilsforschung und zu kulturrelativistischen Sichtweisen (denen die o.g. 'Essentialisierung'" * entsprungen sein könnte)?
    * kennt der Webbaer nicht, frisst er erstmal nicht
    [2] die es im pol. Diskurs näher zu bestimmen gilt

  8. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Nun, meine Position steht ziemlich mittig zwischen Essentialismus und Kulturrelativismus. Ich gehe gerade auch als Religionswissenschaftler WEDER davon aus, dass man das komplexe Verhalten von Menschen allein aus ihrer Religionszugehörigkeit, ihrer ethnischen Herkunft, Geschlecht o.ä. ableiten kann, NOCH, dass diese Faktoren überhaupt keine Rolle spielen. Vielmehr sehe ich es als Aufgabe von Wissenschaft, je konkret und fallweise auf die Wechselwirkung der Faktoren zu schauen, um reale Probleme lösen zu helfen. Die o.g. Studie leistet das in Ansätzen durchaus!

    Im Hinblick auf den Islam galt z.B. noch bis in die 70er Jahre der Vorwurf (!), Muslime wären schicksalsgläubig (Kismet), obrigkeitshörig und also zu echter Entwicklung und Revolution generell unfähig. Noch bei Karl Mai findet man dieses Narrativ dominant. Politische Gruppen und Terrororganisationen wie die Baath-Parteien, die frühe PLO usw. verstanden sich daher als erklärt säkular, die ersten Selbstmordattentate zogen den Protest der Geistlichen auf sich.

    Mit der Islamischen Revolution im Iran kippte diese Wahrnehmung (übrigens auch unter Muslimen selbst!) und es entstand das Narrativ von den notwendig umstürzlerischen Islamisten.

    Genau diese Islamisten - z.B. die ägyptischen Muslimbrüder - hielten sich dann aber lange zurück, als es zu den selbst für Experten überraschenden Aufständen des "arabischen Frühlings" kam.

    Regionale Unterschiede kommen hinzu: Muslime aus Bosnien oder Albanien haben z.B. zur Trennung von Religion und Staat regelmäßig eine völlig andere Einstellung als Muslime aus arabischen Ländern, aus Indien, Afrika etc. Und auch z.B. Christen aus England, Äthiopien, den USA und Russland haben dazu teilweise konträre Positionen.

    Spielen Religionen also eine Rolle, die je sozialwissenschaftlich und gesellschaftlich zu berücksichtigen wäre und nicht relativiert werden kann? Ganz sicher! Ist diese Rolle aber einfach, ausschließlich und unabhängig vom konkreten Kontext zu verstehen? Ganz sicher nicht.

  9. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Essentialialismus + Kulturrelativimus

    Nun, meine Position steht ziemlich mittig zwischen Essentialismus und Kulturrelativismus.

    Yo!, danke, hier fehlte Dr. W überraschenderweise noch etwas bei der Erfassung.

    MFG
    Dr. Webbaer

  10. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Türkin oder Muslimin

    Warum gibt es keine Studie "Lebenswelten junger Christen aus Südeuropa in Deutschland"?
    Weil die gemeinsame Religion für die Lebenswelten von Spaniern oder Griechen, die nach Deutschland migriert sind, kaum eine Rolle spielt. Oder anders gefragt: Was haben Türken, Leute aus dem Maghreb oder aus Somalia gemeinsam. Früher, das heisst vor 2 oder 3 Jahrzehnten hätte ich gesagt: wenig oder nichts. Vor so langer Zeit war ich in Istanbul mit ein paar Mitschülern in den Ferien. Auf der Galata-Brücke kamen uns eine junge Türkin und ihre Mutter (mit Kopfschleier) entgegen. Sie sprachen mit uns so gut es ging (sie sei mit Atatürk verwandt erfuhr ich da). Wir picknickten zusammen in der Nähe der Brücke und schliesslich wollte die Türkin ein Foto von ihr und mir, wie wir zusammen auf der Brücke standen. Das war es dann aber schon. Später gerieten wir an eine Gruppe von Biologiestudenten, die uns alle Pflanzenarten ihres Gartens in der Nähe ihrer Uni erklärten. Schliesslich löste sich eine der Biologistudentinnen aus der Gruppe und fragte mich, ob ich mit ihr (und ihren Kolleginnen) auf die Prinzeninseln mitkäme. Das wurde dann nichts, weil wir nur noch 3 Tage bleiben wollten und sie das für zu kurz hielt. Damals sah ich aus wie eine etwas sanftere Version eines jungen Türken und war auch jemand, der nicht selbst die Initiative ergriff, was diese Türkinnen erkannt hatten und darum selbst die Initiative ergriffen. Für mich waren diese jungen Türken damals einfach Istanbuler, heute sind es Moslems und ich bin ein Ungläubiger und falls die Biologiestudentin, die mit mir auf die Insel wollte, eine Christin war (auf den Inseln hat es ja Christen) war auch sie eine Ungläubige.

    Vor einigen - oder sind es schon viele - Jahren sprach man noch von Studien über türkische Migranten und der kritische Punkt damals war die Mitgliedschaft von türkschen Migranten bei politisch aktiven Gruppen wie den "Grauen Wölfen". Heute ist das völlig in den Hintergrund gerückt, weil sich das ganze Mindset geändert hat und die Phantasien, was extreme Gruppen - und diesmal eben islamistische Gruppen - anstellen könnten, sich an Ereignissen wie der Zerstörung der Twin-Towers messen.

    Wahrscheinlich haben viele Migranten negative Erlebnisse in Deutschland (oder auch anderswo), seien es nun Türken, Griechen oder Spanier. Ein Grieche in Deutschland, der sich gedemütigt fühlt, muss damit alleine zurechtkommen und wenn er es nicht mehr aushält verreist er oder es kommt zu einem Amoklauf. Ein Türke, Marokaner oder Somalier aber hat den Islam und seine islamischen Glaubensbrüder (ich glaube Brüder passt hier, Gender-Betrachtungen wären hier fehl am Platz) als Stütze. Er kann sich in diese Glaubensgemeinschaft zurückziehen, sich abschotten und sogar gemeinsam mit den anderen feindliche Gefühle ausbrüten.

    V.S. Naipaul schreibt in seinem Buch: Eine islamische Reise (Unter den Gläugiben), viele von der Moderne enttäuschte Menschen hätten ihm erzählt, irgendwann seien sie zur Überzeugung gekommen: Der Islam ist die Lösung

    Sollten hier in Europa einmal viele zur Überzeugung kommen: Der chritsliche Glauben ist die Lösung dann kann man sicher sein, dass es schlimm bestellt ist um Europa.

  11. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Martin Holzherr

    Tatsächlich weisen Italiener in Deutschland ganz ähnliche Bildungs-Verläufe wie Türken auf. Die Türken in den USA gelten dagegen als gebildete Aufsteiger, als Problem dort gelten Hispanics. Ja, für Migranten gewinnen Religionsgemeinschaften an Bedeutung - und zwar auch unter Christen zunächst als muttersprachliche Gemeinden. Der "Trick" von Islamophoben ist ja, Muslime nur auf ihre Religion zu reduzieren und sie dann als unintegrierbar auszugrenzen.

    Dabei zeigt auch die o.g. Studie, dass den meisten Muslimen die Integration wichtig ist und gelingt - sie verdienen damit auch unsere Anerkennung. Dann haben Extremisten aller Art verloren.

  12. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Ausgrenzung durch Gruppenzuordnung

    Muslime nur auf ihre Religion zu reduzieren

    ist ein konkreter Fall eines praktizierten Gruppendenkens. Es bedeutet, den Einzelnen nur noch als Vertreter einer Gruppe zu sehen. Ein friedliches Zusammenleben ist dann zwar noch möglich aber nur als labiler Zustand, der schnell in eine Zustand gegenseitigen Misstrauens umschlagen kann.
    Genau das passiert aber in Europa immer mehr. Man nimmt alle Migranten aus islamischen Ländern nur noch als Moslems wahr und ihre Unterschiedlichkeit spielt eine immer kleinere Rolle. Auch die Aufforderung, sich besser in den Islam einzufühlen und sich mit dieser Religion auseinanderzusetzen hilft nur beschränkt dabei das ausgrenzende Gruppendenken zu überwinden. Denn man kann beim Studium des Islams durchaus zum Schluss kommen, dass er mit unserer Lebenswelt inkompatibel ist.

  13. D. Schmidt Antworten | Permalink

    @ Ausgrenzung durch Gruppenzuordnung

    Wichtig ist, dass man beim „praktizierten Gruppendenken“ nicht nur sein Gegenüber auf eine einzige Gruppenzugehörigkeit reduziert, sondern sich selbst oft auch. Sie sprechen von „unserer Lebenswelt“, mit der der Islam möglicherweise inkompatibel sei. Nehmen Sie an, dass ich, in dem ich das lese, auch Mitglied „Ihrer“ Lebenswelt bin? Welche Gemeinsamkeiten nehmen Sie (einfach so) an? Sie sind offensichtlich nicht muslimischen Glaubens, ich auch nicht, aber reicht das, um von „unserer“ Lebenswelt zu sprechen?

  14. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Gesellschaft und religiöse Gemeinschafte

    @D.Schmidt: Unsere Lebenswelt gibt es tatsächlich nicht, dazu ist unsere Gesellschaft zu vielfältig. Und der Islam darf ruhig ganz anders sein als andere Religionen solange er einfach eine der vielen Religionsgemeinschaften ist, die es hier gibt. Da haben sie durchaus recht.

  15. Paul R. Woods Antworten | Permalink

    "Lebenswelten..."

    In der Studie fehlt meines Erachtens eine vierte Gruppe: "nichtdeutsche Nichtmuslime".
    Zu dieser Gruppe gehöre unter anderem auch ich. Allerdings bin ich mit 67 Jahren bereits der untersuchten Altersgruppe (14-32 Jahre)entwachsen, habe aber nach 51 Jahren in Deutschland weder die Absicht die deutsche Nationalität anzufragen, noch mich als völlig integriert zu betrachten.
    Und ich bin mir sicher, dass diese übersehene Gruppe nach den deutschen Nichtmuslimen vermutlich die zweitgrößte Gruppe stellt.
    Aber offensichtlich ist die Gruppe der Untersucher der Meinung, dass die Beschäftigung mit dem Islam in Deutschland und seine Auswirkungen wichtiger ist, als beispielsweise die Auswirkungen unterschwelligen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gegenüber Nichtmuslimen in Deutschland. Afrikaner christlichen Glaubens und hinduistische Inder werden in Deutschland häufiger Opfer von Gewalt als türkisch Muslime. Aber wen interessiert das schon?

  16. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Bevölkerungsgruppen

    Nichtdeutsche Nichtmoslems, die nicht in Deutschland leben, fallen dem Schreiber dieser Zeilen ebenfalls noch ein; auch die können, sofern sie an innerdeutschen Debatten teilnehmen, gefährlich sein.

    Womit man die Gruppenbasiertheit des im Artikel behandelten Vorhabens wie auch ähnlicher Vorhaben in Zweifel ziehen darf...

    ...gäbe es da nicht den Islam, der bekanntlich mit Werten kommt, die denjenigen der Europäischen Aufklärung direkt entgegengesetzt scheinen und zur Persistenz neigen. Demzufolge - so wird das zumindest hier verstanden - klopft man Trägergruppen ab und bekommt Ergebnisse, die nicht jedem gefallen.

    Tatsächlich sind derartige Untersuchungen, man klopft so ja nicht nur Islam und Träger ab, sondern bspw. auch Rechte und Linke oder Autonome und ökologisch Radikale, wichtig um die Akzeptanz von Grundgesetz und den Normen der Europäischen Aufklärung zu testen. Untersuchungen dieser Art sind ideologie- oder religionsbasiert, man hat nichts gegen bestimmte Gruppen, man schaut nur auf die Akzeptanz bestimmter Normen.

    Insofern würde Dr. Webbaer auch gerne bestimmte hier im Kommentarbereich vorgeführte Argumentationen als Muster und als Versuche, die gegen Untersuchung wie Kritik immunisierend wirken sollen, einstufen wollen.

    MFG
    Dr. Webbaer

  17. hilti Antworten | Permalink

    Vielleicht als Datenpunkt ganz interessant. Gestern hat mir ein Russlanddeutscher diesen
    Link mit einem Bericht über die Parallelgesellschaft der Russlanddeutschen in Cloppenburg geschickt.

  18. Michael Blume Antworten | Permalink

    @hilti

    Ein toller Fund, vielen Dank! Ich musste schon beinahe schmunzeln, als es in dem Bericht z.B. über russlanddeutsche Pfingstchristen hieß:

    "Diese Gruppe zu integrieren, das ist das größte Problem, weil die in ihrer Gemeinschaft und Ideologie, ja, so stur sind, dass sie sagen, nur das ist Fakt und mehr nicht und wer was anderes behauptet, mit dem rede ich einfach nicht."

    Und wie andere verbindlich-religiöse Traditionen auch sind diese Pfingstler (eine kleine Gruppe innerhalb der Aussiedler insgesamt) sehr kinderreich. Von wegen "nur Muslime..."

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