Kennen Sie das Amish Paradise?

18. Januar 2013 von Michael Blume in USA

Als ich vor nun doch schon einigen Jahren begann, auf den Spuren des studierten Theologen Charles Darwin die Evolution von Religion zu erforschen, waren die Amish für mich eine wichtige, zu erforschende Tradition: Ihre durchschnittlich und Generationen übergreifene hohe Kinderzahl (evolutionsbiologisch: ihr Reproduktionserfolg bzw. ihre hohe evolutionäre Fitness) war ganz offensichtlich auf ihr religiöses Leben zurück zu führen. Nach einigen Artikeln schrieb ich schließlich auch ein sciebook, um über die "Plain People" zu informieren.

Weird Al Yankovic machts mit Humor!

Einen ganz anderen Weg, über den Lebensweg der "Plain People" zu "informieren", beschritt jedoch der US-Komiker Weird Al Yankovic. Herzlichen Dank an meinen früheren Studenten (und dann erfolgreichen Absolventen) Klaus Lohmann für den wundervollen Hinweis, den ich Ihnen, liebe Bloglesende, nicht vorenthalten möchte. Viel Freude beim Musikgenuss und Schmunzeln!


10 Kommentare zu “Kennen Sie das Amish Paradise?”

  1. Herr Senf Antworten | Permalink

    Unklarheit oder Wortspielerei

    War Darwin studierter Theologe oder hat er Theologie studiert? "Studierter Theologe" hört sich nach Vereinnahmung an.

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    @H. Senf: Beides

    Eine gute Frage! M.E. stimmt aber beides. Darwin hat seine späteren Forschungen ausdrücklich nicht als Theologie verstanden. Zugleich aber haben seine Texte über Religion, Erkenntnistheorie, Theodizee etc. eine so hohe Qualität, dass sie teilweise heute noch beeindrucken. Ich bin schon sehr gespannt, wie gerade auch heutige Theologinnen und Theologen auf das Buch und Darwins Aussagen darin reagieren...

  3. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Spritkopf: Klar

    Ja, am "auch nicht alles Gold" ist natürlich (und zwar buchstäblich: natürlich!) etwas dran. Wobei man fairerweise sagen muss, dass die Amish von sich selber auch gar keine Perfektion behaupten. Weird Al Yankovic tut es auch nicht und in meinem sciebook haben die Schattenseiten sogar ein eigenes Kapitel.

    Wissenschaftlich faszinierend ist gleichwohl, dass ausgerechnet Gruppen mit religiösen Weltanschauungen wie Amish, Hutterer, Haredim, Mormonen etc. erfolgreich “evolutionäre Nischen“ erschließen (“finden“, wie Sie schreiben), wogegen dies bislang keiner nichtreligiösen Gruppe je vergleichbar gelang. Was das z.B. für die Erkenntnistheorie heisst, ist noch gar nicht diskutiert. Insofern stellen die Amish und andere “uns“ erstmal “nur“ fruchtbar in Frage.

  4. Spritkopf Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Mich erschreckt, dass die Amish in so starkem Maße eine "genetische Monokultur" aufweisen, dass sie gleich mit mehreren Erbkrankheiten zu kämpfen haben. Als Erfolgsmodell würde ich das nicht gerade bezeichnen. Und die Methode, ihre Mitglieder zu halten, indem sie sie von der Wissensgesellschaft isolieren und sie damit außerhalb der Amish-Gemeinschaft quasi nicht überlebensfähig machen, ist schon im evolutionären Sinne sehr fragwürdig. Damit handelt es sich nämlich um eine echte Nische, die, wenn sich die Rahmenbedingungen weiterhin in Richtung "Wissen als überlebensnotwendige Resource" entwickeln, den Lebensstil der Amish vor allergrößte Schwierigkeiten stellen könnte.

    Wissenschaftlich faszinierend ist gleichwohl, dass ausgerechnet Gruppen mit religiösen Weltanschauungen wie Amish, Hutterer, Haredim, Mormonen etc. erfolgreich “evolutionäre Nischen“ erschließen (“finden“, wie Sie schreiben), wogegen dies bislang keiner nichtreligiösen Gruppe je vergleichbar gelang.

    In den Gesellschaften des Westens ist der Atheismus ja auch kein Nischenmodell mehr, sondern der stetig wachsende Mainstream. Er wird von Ihnen möglicherweise nur deswegen nicht als nichtreligiöse Gruppe wahrgenommen, weil es den organisierten Atheismus kaum gibt.

    Übrigens habe ich in meinem Bekanntenkreis gleich mehrere strenggläubige freikirchliche Familien. Diese sind in der Tat kinderreich und es gibt einen (von den Betroffenen selbst so wahrgenommenen) hohen sozialen Druck, gläubig zu bleiben, der schon fast den Ausgrenzungsmechanismen gleichkommt, wie sie beispielsweise bei den Zeugen Jehovas üblich sind. Und dennoch bröckeln immer wieder Familienmitglieder weg; und wenn, dann gleich ganz weg vom Glauben und nicht etwa in den katholischen oder evangelischen Mainstream. Ja, das ist nur eine persönliche Feststellung mit allenfalls anekdotischem Wert, aber sie passt zur beobachteten Zunahme des Atheismus.

  5. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Spritkopf

    Sie schrieben: Mich erschreckt, dass die Amish in so starkem Maße eine "genetische Monokultur" aufweisen, dass sie gleich mit mehreren Erbkrankheiten zu kämpfen haben. Als Erfolgsmodell würde ich das nicht gerade bezeichnen.

    Das sehe ich anders. Evolutionäre Fitness ist schlicht als Generationen überspannender Reproduktionserfolg definiert - und der ist bei den Amish (wie auch Hutterern, Haredim etc.) seit Jahrhunderten eindeutig gegeben, trotz des genetischen Flaschenhals-Effekts. Von irgendwelchen darüber hinaus gehenden Erbnachweisen ist der Evolutionsforschung m.W. nichts bekannt.

    Ihr Einwand scheint dagegen zu implizieren, dass erblich belastete Menschenleben irgendwie weniger wert bzw. lebensunwerter und also in irgendeiner Weise besonders in Abzug zu bringen seien. Doch dieser Meinung kann ich weder theoretisch noch ethisch etwas abgewinnen. M.E. kann man durchaus diskutieren, ob der intergenerationale Reproduktionserfolg als Bestimmungsgröße evolutionärer Fitness beim Menschen ausreicht, hier auf dem Blog wurde das auch schon getan:
    http://www.scilogs.de/...age-an-darwins-geburtstag

    Aber ich rate doch dringend dazu, negative Gefühle gegenüber kranken und behinderten Menschen nicht bewusst oder unbewusst mit wissenschaftlichen Argumenten zu verwechseln. Evolutionäre Fitness ist kein irgendwie geartetes "Geschmacksurteil", sondern ein Ergebnis empirischer Beobachtung.

    Und die Methode, ihre Mitglieder zu halten, indem sie sie von der Wissensgesellschaft isolieren und sie damit außerhalb der Amish-Gemeinschaft quasi nicht überlebensfähig machen, ist schon im evolutionären Sinne sehr fragwürdig. Damit handelt es sich nämlich um eine echte Nische, die, wenn sich die Rahmenbedingungen weiterhin in Richtung "Wissen als überlebensnotwendige Resource" entwickeln, den Lebensstil der Amish vor allergrößte Schwierigkeiten stellen könnte.

    Auch hier bin ich anderer Meinung. Zunächst: Jede Kultur sozialisiert ihre Mitglieder in ein besonderes Wissensgefüge - auch Sie und ich wären in einer anderen als unserer eigenen Kultur und Lebensweise weniger oder gar kaum "überlebensfähig". Die Frage ist also nicht, ob kulturelle Traditionen das tun (das tun alle), sondern ob es freiheitliche Gesellschaft Minderheiten erlauben sollten, auch alternative Subkulturen zu etablieren. Tatsächlich werden die Amish heute vor allem auch deswegen in den USA geschätzt, weil man ihnen zugute hält, auf solchen Freiheitsrechten beharrt zu haben.

    Ganz abgesehen von Fragen der Menschen- und Freiheitsrechte gegenüber dem Staat, die ich für zentral halte: Wenn wir schon evolutionär denken, so wäre m.E. eine in sich freiheitliche und vielfältige Gesellschaft auf jeden Fall (über-)lebensfähiger als eine staatlich normierte Einheitsgesellschaft! So sind ja viele Szenarien denkbar (z.B. Energiekrisen, Atomkriege o.ä.), nach denen die USA ggf. sehr froh sein könnten, landwirtschaftlich-energiesparsame Gruppen wie die Amish mit ihren Kompetenzen im Land zu haben. Das Entdecken und Erschließen von Nischen ist evolutionär gesehen etwas überaus Wertvolles und Innovatives, gerade auch wenn es zu mehr Vielfalt führt!

    In den Gesellschaften des Westens ist der Atheismus ja auch kein Nischenmodell mehr, sondern der stetig wachsende Mainstream. Er wird von Ihnen möglicherweise nur deswegen nicht als nichtreligiöse Gruppe wahrgenommen, weil es den organisierten Atheismus kaum gibt.

    Genau das ist m.E. der Punkt: Religiöse Traditionen sind durchschnittlich deutlich erfolgreicher im Schaffen von Gemeinschaften - von lokalen bis internationalen Gemeinden bis hin zu Familien. Atheisten tendieren dagegen sehr viel stärker zum Individualismus und also auch zu Kinderarmut, höheren Levels an Einsamkeit und wachsender Abhängigkeit vom Staat. Den geringen Organisationsgrad und die geringe Kinderzahl z.B. in humanistischen Verbänden bejubele ich nicht - sie machen mir eher Sorgen. Statt sich selbst zu organisieren, werden hier häufiger die Erwartungen auf den Staat übertragen - was diesen sowohl überfordert wie aufbläht.

    Übrigens habe ich in meinem Bekanntenkreis gleich mehrere strenggläubige freikirchliche Familien. Diese sind in der Tat kinderreich und es gibt einen (von den Betroffenen selbst so wahrgenommenen) hohen sozialen Druck, gläubig zu bleiben, der schon fast den Ausgrenzungsmechanismen gleichkommt, wie sie beispielsweise bei den Zeugen Jehovas üblich sind.

    Ja, diese Beobachtung lässt sich bestätigen: Umso stärkeren Zusammenhalt Gemeinschaften nach innen geben, umso stärker grenzen sie sich auch nach außen ab - und Aussteiger gelten sogar als besonders bedrohliches "Außen". Das gilt aber nicht nur für religiöse, sondern auch z.B. für politische und weltanschauliche Gruppen - oder ganze "sozialistisch-humanistische" Systeme wie die DDR oder Nordkorea, die sowohl geistige wie körperliche Aussteiger sogar mit Waffengewalt zum Bleiben zwangen (in Nordkorea: zwingen). Deswegen ist m.E. die Freiheit auch zum Gehen ein unverzichtbares Menschenrecht und gesellschaftliche Vielfalt überaus wichtig. Und niemand verbietet es z.B. humanistischen Verbänden, ebenfalls ein intensives Gemeinschaftsleben zu entfalten und dieses auch Ex-Religiösen anzubieten, die sich aus ihren alten Bezügen lösen wollen.

    Und dennoch bröckeln immer wieder Familienmitglieder weg; und wenn, dann gleich ganz weg vom Glauben und nicht etwa in den katholischen oder evangelischen Mainstream. Ja, das ist nur eine persönliche Feststellung mit allenfalls anekdotischem Wert, aber sie passt zur beobachteten Zunahme des Atheismus.

    Was eben bedeutet: Der Atheismus kann so lange wachsen, solange er sich aus Aussteigern kinderreicher, religiöser Familien (wie der Amish oder anderer Freikirchen) speist. Eigene, nachhaltige Gemeinschafts- und Familienstrukturen hat er dagegen bislang trotz Versuchen bis zurück in die griechische und indische Antike nie errichten können.
    http://www.scilogs.de/...weislast-der-antitheisten

    Das ist m.E. ein heftiger Befund, aber rein nach Datenlage scheinen Sie damit Recht zu haben.

  6. anrosgo Antworten | Permalink

    Warum...

    wandert eigentlich Dr.Blume nicht zu den Amish aus ?
    Würde irgendwie gut zu im passen.
    :-)

  7. Michael Blume Antworten | Permalink

    @anrosgo & Co.

    Gestern Muslim, heute Amish - und morgen wollt Ihr mich entlang weiterer Forschungsthemen noch zum Freimaurer oder Alien ernennen, wa? :-)

    Nee, lasst man gut sein: Ich lebe mein Leben sehr gerne und bleibe evangelisch-landeskirchlicher Schwabe mit Begeisterung für die Religions- und Evolutionsforschung! :-)

    Aber wenn Ihr das Abendland wirklich "retten" wollt, könntet Ihr Euch doch eine Scheibe bei den Amish abschneiden! Red doch mal mit dem Stammtisch drüber und berichte uns, @anrosgo! :-)

  8. Michael Blume Antworten | Permalink

    @anrosgo

    Es fällt mir etwas schwer, Ihren Gedankensprüngen zu folgen. Wenn Ihnen Christen und Religionsfreiheit also angeblich so viel bedeutet - warum verspotten Sie dann hier ausgerechnet die christlichen und in den sehr religionsfreiheitlichen USA lebenden Amish? Warum helfen Sie nicht mit, sie und ihre Lebensweise etwas bekannter zu machen und damit zum Nachdenken anzuregen?

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