USA – Studie zu Religionen & Reproduktionserfolg

1. Juni 2010 von Michael Blume in Grundlagen

Heute möchte ich kurz eine Studie des Wiener Institutes für Demographie vorstellen, in der Vegard Skirbekk, Anne Goujon und Eric Kaufmann auf Basis der GSS (General Social Surveys) Fertilitätsraten verschiedener Konfessionsgruppen und Wechsel- bzw. Bleiberaten untersucht hatten.

Die Befunde entsprechen insgesamt dem bereits hier vorgestellten Vergleich Europa - USA von Frejka & Westhoff und auch weiteren Studien, der Volkszählung aus der Schweiz u.v.m. - religiös vergemeinschaftete Menschen weisen durchschnittlich deutlich höhere Geburtenraten als ihre konfessionslosen Mitbürger aus. Und wo (wie bei den nicht-schwarzen Protestanten) eine Unterscheidung zwischen fundamentalistischen, moderaten und liberalen Flügeln möglich war, weisen die strikter Religiösen auch die höheren Kinderzahlen auf.

 

 

Beachten Sie dabei auch die außerordentlich niedrige Geburtenrate der US-amerikanischen Juden, die sogar unter die Konfessionslosen gefallen sind. Dagegen wiesen die Juden in der Schweiz die höchsten Geburtenraten einer mehrheitlich inländischen Religionsgemeinschaft auf - obwohl sie auch dort Spitzenanteile an Akademikern, Berufstätigen in leitenden Funktionen und Stadtbewohnern aufwiesen. Des Rätsels Lösung ist die Ausprägung der Flügel: Das US-amerikanische Judentum ist (noch) überwiegend liberal geprägt, das Schweizer Judentum stärker konservativ und orthodox. Allerdings gibt es auch in den USA demografisch wachsende Gemeinden von Orthodoxen und Ultraorthodoxen, so dass dort - wie schon in Israel - mittelfristig von einer Verschiebung der Flügelgewichte auszugehen ist.

Interessant ist auch die Analyse der Wechsel- bzw. Bleiberaten (Transition via Retention rates), aufgeschlüsselt nach dem Vergleich der heutigen Religionszugehörigkeit mit der im 16. Lebensjahr.

Säkularisierung ist hier deutlich zu beobachten: 7.3% früherer hispanischer Katholiken gehören keiner Religion mehr an und dieser Anteil steigt über z.B. 13.8% ehemaliger Juden bis auf 19.7% früherer Hindus oder Buddhisten. Dennoch bleibt die Konfessionslosigkeit eine (schwankende) Minderheit, einerseits aufgrund der niedrigen Geburtenraten, aber eben auch aufgrund der hohen Wechselrate: Fast die Hälfte (44.1%) früherer Konfessionsloser gehört heute einer Religionsgemeinschaft an, am häufigsten moderaten oder fundamentalistischen Protestanten. Ebenfalls im Einklang mit bisherigen Befunden weisen die Autoren der Studie dabei darauf hin, dass sich vor allem weibliche Konfessionslose später Glaubensgruppen mit verbindlichen Familien- und Gemeinschaftslehren anschlossen.

Fazit

Auch diese Studie bestätigt das evolutionär-langfristige Bild eines Reproduktionsvorteils von biologisch veranlagter Religiosität und kulturellen "Konjunkturkurven" von Säkularisierungsphasen und religiösen Aufbrüchen, die von keiner Seite völlig "gewonnen" werden kann. Wir alle sind als Menschen Teil eines grandiosen, biologischen und kulturellen Evolutionsprozesses. der sich auch im Bezug auf die Religiosität und Religionen seit abertausenden Generationen entfaltet.

Die biokulturelle Evolution der Religiosität in Wellen.
Und warum der differentielle Reproduktionserfolg über mehrere Generationen hinweg gerade auch für Evolutionsforscher überhaupt interessant ist, lasse ich hier einfach "Charles Darwin" und die Biologen der Universität Tübingen selbst erklären:


23 Kommentare zu “USA – Studie zu Religionen & Reproduktionserfolg”

  1. Tobias Antworten | Permalink

    Regionalitaet der Statistik

    Moin, moin

    mir faellt auf, dass du die religioes hoeheren Geburtenraten immer sehr betonst, so als ob sie etwas Unerwartetes waeren. Dabei kommt mir das eigentlich recht trivial vor, den jede (?) groessere Religion hat ja in irgendeiner Form das "Mehret euch" Mem ;) in sich. Daher ist doch eigentlich klar zu erwarten, dass je religioeser eine Familie ist, desto fester haelt sie sich an dieses Gebot und desto hoeher ist ihre Kinderzahl. Konfessionslose haben diesen "Zwang" nicht. Ihre Kinderzahl wird eher davon abhaengen, wie Kinderfreundlich ihr Heimatland ist oder wie wichtig es aus anderen Gruenden ist, viele (oder wenige) Kinder zu haben. Im Normalfall sollten Konfessionslose daher immer weniger Kinder als religioese Mensche haben, oder?

    Die Transferraten sind natuerlich sehr interessant, kannst du mal dranschreiben, was die Abkuerzungen bedeuten?

    Ich hab mal die Hypothese vernommen, dass solche Transferraten stark vom Wohlstand des Landes abhaengig waeren. Weisst du denn, ob solche Transferraten schonmal regional aufgeschluesselt wurden?

    Viele Gruesse,
    Tobias

  2. Michael Khan Antworten | Permalink

    Auch diese Studie bestätigt das evolutionär-langfristige Bild eines Reproduktionsvorteils von biologisch veranlagter Religiosität

    Wo steht in der zitierten Studie irgend etwas zum Thema biologisch veranlagte Religiostät? Ich konnte dazu dort nichts finden. Ich bitte um nennung des entsprechenden Zitats bzw. der Seitenangabe.

  3. Balanus Antworten | Permalink

    Religiosität und Reproduktionsvorteil

    Besonders bemerkenswert finde ich Abb. 6 der zitierten Studie. Sie zeigt, dass bei der Fortschreibung der aktuellen Geburtenraten und Konfessions-Wechselraten (Modell H0) alle Konfessionen anteilsmäßig "implodieren" werden, mit Ausnahme der katholischen Hispanics und der "Anderen". Der Anteil der Säkularen bleibt hingegen konstant auf hohem Niveau.

    Aufschlussreich auch, dass die amerikanischen Katholiken nur dann einen evolutionären Reproduktionsvorteil aufweisen, wenn sie aus Mittel- und Südamerika stammen. Was lehrt uns das?

  4. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Tobias

    Auf die Fragen gehe ich gerne ein!

    mir faellt auf, dass du die religioes hoeheren Geburtenraten immer sehr betonst, so als ob sie etwas Unerwartetes waeren.

    Ja, ich habe mich auch immer gewundert, wie viele Leute dabei austicken. Du kannst den Test ja mal selber machen: Begebe Dich in einen beliebigen, deutschsprachig-"aufgeklärten" (o.ä.) Blog und schreibe einfach "Übrigens: Religiöse pflanzen sich im Durchschnitt erfolgreicher fort als ihre säkularen Nachbarn. Ist doch klar, oder?"

    Und dann schau, was (Dir) passiert! :-)

    Dabei kommt mir das eigentlich recht trivial vor, den jede (?) groessere Religion hat ja in irgendeiner Form das "Mehret euch" Mem ;) in sich.

    Wenn wir die Mem-Metapher hier anwenden wollten, würde ich das auch so sehen. Und die Folgerung wäre also, dass sich solche "religiösen Meme" also gerade nicht als Parasiten, sondern als Symbionten auswirken: Sie erhöhen den Reproduktionserfolg der Träger. Ob Dawkins und seine Jünger damit einverstanden wären?

    Daher ist doch eigentlich klar zu erwarten, dass je religioeser eine Familie ist, desto fester haelt sie sich an dieses Gebot und desto hoeher ist ihre Kinderzahl. Konfessionslose haben diesen "Zwang" nicht.

    Naja, am Anfang habe ich es auch für so einfach gehalten. Und so wurde der (einerseits eindeutige, andererseits sehr komplexe!) Zusammenhang von Religion & Demografie seit ein paar Jahren mein Forschungsschwerpunkt - denn es spielen auch weitere Faktoren eine Rolle. So predigen große Religionen nicht nur Kinderreichtum, sondern geben auch Modelle sozialer Organisation vor (z.B. Ehe- und Rollenmodelle), bieten Bildungs- und Betreuungseinrichtungen etc. Und stehen ständig vor der Herausforderung, sich mit Umweltveränderungen auseinander zu setzen. Und so kommt es z.B., dass in der Schweiz 2000 Zeugen Jehovas (traditionelle Ehe- und Rollenmodelle, kaum Kinderbetreuungseinrichtungen etc.) deutlich niedrigere Geburtenraten haben als z.B. protestantische Freikirchen mit Kindergärten und Doppelverdiener-Eltern.
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/...9.pdf

    Ihre Kinderzahl wird eher davon abhaengen, wie Kinderfreundlich ihr Heimatland ist oder wie wichtig es aus anderen Gruenden ist, viele (oder wenige) Kinder zu haben. Im Normalfall sollten Konfessionslose daher immer weniger Kinder als religioese Mensche haben, oder?

    Ja, wobei ich lieber vom "Regelfall" sprechen würde, weil es durchaus ja auch demografisch schrumpfende Religionsgemeinschaften gab und gibt (in den USA z.B. die Shaker oder derzeit das (liberale) Judentum) und uns in der Wissenschaft natürlich nicht nur interessiert, "dass" Sachen so laufen, sondern auch "wie". Zu Recht hat Fetchenhauer die Erforschung der "proximaten Mechanismen" des Reproduktionsvorteils als aktuell zentrale Aufgabe in der Evolutionsforschung bezeichnet (in diesem Buch:)
    http://www.chronologs.de/...;_knv_dok_nr=090501574

    Die Transferraten sind natuerlich sehr interessant, kannst du mal dranschreiben, was die Abkuerzungen bedeuten?

    Es sind jene aus der oben gezeigten Abbildung 2, hinter der jeweiligen Gesamtbezeichnung!

    Ich hab mal die Hypothese vernommen, dass solche Transferraten stark vom Wohlstand des Landes abhaengig waeren. Weisst du denn, ob solche Transferraten schonmal regional aufgeschluesselt wurden?

    Nein, Konversionen empirisch zu erforschen wäre spannend, ist aber bislang nicht mein Schwerpunkt. Bislang am Besten fand ich Finke & Stark, die jedoch von einem strikt ökonomischen Modell (religiöser Markt) ausgehen und wiederum demografische Faktoren bislang ausschließen. Für sie sind nicht-missionierende Gemeinschaften wie die Amischen oder orthodoxe Juden quasi Nicht-Anbieter...
    http://www.amazon.com/...us-Expanded/dp/0813535530

    Sicher lässt sich also sagen: Auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird da noch viel zu verzahnen und zu entdecken sein.

  5. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Michael Khan

    Wo steht in der zitierten Studie irgend etwas zum Thema biologisch veranlagte Religiostät? Ich konnte dazu dort nichts finden. Ich bitte um nennung des entsprechenden Zitats bzw. der Seitenangabe.

    Genau deswegen war der zitierte Satz ja auch verlinkt, und zwar zu diesem Artikel:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/...n.pdf

    Die vorliegenden Befunde der demografischen Studie fügen sich hervorragend in die dort bereits vorgestellten und evolutionär diskutierten Befunde.

    Eric Kaufmann, der Mitautor o.g. Studie, sieht das übrigens auch so. Er war umgekehrt so freundlich, in seinem neuen "Shall the Religious inherit the Earth?" den evolutionären Kontext und *verlegen-hüstel* auch meine Arbeiten ausdrücklich zu würdigen und zu zitieren. Die Befunde der Amisch-Fallstudie zitiert er im Buch und Online-Vortrag:
    http://www.chronologs.de/...arth-von-eric-kaufmann

    So entfaltet sich also zunehmend der interdisziplinäre und internationale Dialog auch auf diesem Gebiet. :-)

  6. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Balanus

    Besonders bemerkenswert finde ich Abb. 6 der zitierten Studie. Sie zeigt, dass bei der Fortschreibung der aktuellen Geburtenraten und Konfessions-Wechselraten (Modell H0) alle Konfessionen anteilsmäßig "implodieren" werden, mit Ausnahme der katholischen Hispanics und der "Anderen". Der Anteil der Säkularen bleibt hingegen konstant auf hohem Niveau.

    Ja, der Trend geht (übrigens ja auch erkennbar in Europa) zu wachsender, religiöser Vielfalt, wogegen Säkularisierung weiter stattfindet, mangels Geburten aber nicht zur Mehrheit zu werden vermag. Das war hier letztes Jahr auch schon einmal explizit Thema:
    http://www.chronologs.de/...-religi-ser-wettbewerb

    Aufschlussreich auch, dass die amerikanischen Katholiken nur dann einen evolutionären Reproduktionsvorteil aufweisen, wenn sie aus Mittel- und Südamerika stammen. Was lehrt uns das?

    Dass die katholische Kirche bislang echte Anpassungsschwierigkeiten an die Familienbedingungen der Wohlstands- und Wissensgesellschaft hat. Das kann man sehr schön auch in Europa sehen, wo Katholiken zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch eine um ca. 0,5 höhere Fertilitätsrate hatten als die Protestanten, diese dann zur Mitte des Jahrhunderts verloren und heute um fast 0,5 hinter den europäischen Protestanten liegen. Einige katholisch dominierte Länder wie Italien oder Spanien haben heute massiv niedrige Geburtenraten (die Religiösen zwar auch dort mehr als die Konfessionslosen, aber bei weitem nicht genug). Mehr zur vergleichenden Geschichte der Religionsdemografie bei Derosas et al.:
    http://www.amazon.com/...qid=1275507151&sr=1-1

    Wie also schon mehrfach (auch in der Amisch-Fallstudie) erwähnt: Demografisch-evolutionären Erfolg erreichen Religionsgemeinschaften durch die richtige Mischung aus Rigidität und Flexibilität:
    http://www.chronologs.de/...er-evolutionsforschung

  7. A.S. Antworten | Permalink

    Austicken

    @Michael Blume: Die Leute „ticken“ nicht „aus“, weil Sie die offensichtliche Tatsache beschreiben, dass religiöse Fundamentalisten mehr Kinder bekommen als rational planende Menschen. Das ist selbsterklärend, denn Religiösität korreliert nun einmal mit niedrigem Bildungsstand und Armut, und das sind Faktoren, deren Einfluss auf die Geburtenrate bestens bekannt sind. Sie „ticken aus“, weil Sie die höhere Geburtenrate religiöser Bevölkerungsgruppen mit Ihren eigenen, unbelegten und unbelegbaren Behauptungen zur angeblichen biologischen Grundlage für Religiösität vermischen.

    Außerdem „ticken“ manche Kommentator/innen vielleicht „aus“, weil Sie in Ihrer Wahrnehmung und Interpretation der Forschungslage extrem selektiv sind (um es freundlich und respektvoll auszudrücken, wie Sie es ja stets einfordern). Auf Hinweise zu wissenschaftlichen Studien, die Ihre Behauptungen widerlegen oder in Frage stellen, gehen Sie grundsätzlich nicht ein, und dort, wo Sie mal Fakten liefern, interpretieren Sie sie so, wie es Ihnen gerade in den Kopf kommt.

    Ein Beispiel ist die Tabelle zur Wechselwahrscheinlichkeiten zwischen Konfessionen in den USA. Diese Tabelle zeigt unmissverständlich, dass die Gruppe der Konfessionslosen eine der am stärksten wachseneden Gruppen ist. Sie machen laut Studie derzeit etwa 17% aus. Von diesen 17% wechseln 44% zu einer religiösen Konfession, das sind ca. 7.5% der Gesamtbevölkerung. Von den 83% der Religiösen wechseln aber insgesamt ca. 9.9% der Gesamtbevölkerung zu den Konfessionslosen (um das zu Berechnen muss man jeweils den Anteil der Wechsler auf den Anteil der betreffenden Religion beziehen, ich habe das im Kopf gerechnet und liege hoffentlich nicht zu weit daneben).

    Die Studie selbst zeigt übrigens ebenfalls einen deutlichen Anstieg dieser Kategorie (Abb. 3), und Abb. 5 und 8 zeigen, dass dieser Anstieg nicht durch zu niedrige Geburtenraten oder zuviele Konversionen zu den diversen Religionen abgebremst wird, sondern fast ausschließlich durch Einwanderung (und das unter der Annahme, dass die Einwanderer ihre Religion überproportional beibehalten).

    Aber das passt halt nicht in Ihre Gebetsmühle, also ignorieren Sie es und zeigen stattdessen eine Phantasiegrafik zur biolulturellen Evolution. Man könnte fast austicken -- wenn man an derlei Unfug nicht schon bestens gewöhnt wäre.

  8. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ A.S.

    Doch, ich nenne es schon ein "Austicken", wenn ich auf die gleichen Stereotype wieder und wieder antworten muss, weil selbst Leute mit akademischen Titeln beim Thema "Religion" ins Klischeehafte abdriften - anstatt sich einfach gründlich und fair zu informieren.

    Die Leute „ticken“ nicht „aus“, weil Sie die offensichtliche Tatsache beschreiben, dass religiöse Fundamentalisten mehr Kinder bekommen als rational planende Menschen.

    Nicht nur "religiöse Fundamentalisten" haben mehr Kinder als "rational planende Menschen", sondern auch z.B. Anhänger moderater Landeskirchen etc. Sie sehen das oben an US-Daten (ausdrücklich: moderate und liberal Protestants!), an Daten der Schweizer Volkszählungen, der World Value Surveys, den deutschen ALLBUS-Daten und zahlreicher weiterer Datenquellen, die ich hier wieder und wieder kostenfrei zur Verfügung stell(t)e. Warum interessieren Sie diese Daten und Befunde gar nicht? Warum kontrastieren Sie "Fundamentalisten" und "rational planende Menschen" als gäbe es zwischen Schwarz und Weiß keinerlei Grautöne? In Ihrem eigenen Forschungsfeld arbeiten und argumentieren Sie doch sicher differenzierter? Warum dann nicht auch im Bezug auf Religion(en)?

    Das ist selbsterklärend, denn Religiösität korreliert nun einmal mit niedrigem Bildungsstand und Armut, und das sind Faktoren, deren Einfluss auf die Geburtenrate bestens bekannt sind.

    Schon in der ALLBUS-Studie haben wir den Einfluss auch innerhalb verschiedener Bildungsniveaus untersucht (z.B. religiöse vs. konfessionslose Akademiker), auch in den Volkszählungen z.B. der Schweiz oder Australiens zeigten sich immer wieder Gemeinschaften wie orthodoxe Juden, Lutheraner etc., die höhere Bildung mit höherer Kinderzahl verknüpften. Wenn natürlich Klischees a la religiös = dumm = kinderreich schön verbreitet und eingängig sind - auch diese Daten zu gebildet-kinderreichen Gemeinschaften sind hier alle frei verfügbar und in der Spalte rechts finden Sie auch einen eigenen Blogbeitrag zum Thema "Bildung, Beten, Babys":
    http://www.chronologs.de/...on-iq-und-religiosit-t

    Sie „ticken aus“, weil Sie die höhere Geburtenrate religiöser Bevölkerungsgruppen mit Ihren eigenen, unbelegten und unbelegbaren Behauptungen zur angeblichen biologischen Grundlage für Religiösität vermischen.

    Der erste böse Wissenschaftler, der selbstverständlich auch für Religiosität (wie für Musikalität und Sprachfähigkeit) eine biologische Basis und kulturelle Ausprägung annahm, war Charles Darwin. Sogar (sehr gute!) Ursprungsvermutungen und Tiervergleiche hatte er schon formuliert!

    Heute erforschen buchstäblich Hunderte Wissenschaftler aus Natur- und Kulturwissenschaften diese Zusammenhänge gemeinsam, darunter führende Vertreter ihrer Disziplinen wie David Sloan Wilson (USA), Richard Sosis (USA/Israel) oder Eckart Voland (Deutschland). "Gott, Gene und Gehirn" ist gemeinsam mit einem Biologen - Rüdiger Vaas - verfasst. Und was auch religionskritische Biologen wie Franz Wuketits oder Humangenetiker wie Heinrich Zankl von diesen Forschungsansätzen halten, könn(t)en Sie ebenfalls auf diesem Blog lesen:
    http://www.chronologs.de/...u-gott-gene-und-gehirn

    Haben Sie das alles nicht wahrgenommen? Ist es Ihnen egal? Ich gehe fest davon aus, dass Sie über die Evolution von Sprache, Musik, Intelligenz etc. differenzierter argumentieren könnten. Nur bei Religion(en) brechen immer wieder die gleichen Klischees auf, was ich ohne Vorwurf, aber mit einigem Erstaunen zur Kenntnis nehme.

  9. Balanus Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Zurück zur USA-Studie:

    » Ja, der Trend geht (übrigens ja auch erkennbar in Europa) zu wachsender, religiöser Vielfalt,… «

    Das mag ja so sein, aber dieser USA-Studie und der Abb. 6 ist dieser Trend nicht zu entnehmen. Wenn (A) der Anteil der Säkularen stabil bleibt, und (B) mit einer Ausnahme (katholische Hispanics) alle großen Religionsgemeinschaften anteilsmäßig schrumpfen, und (C) nur die kleine Gruppe der sonstigen Religionen ein wenig wächst, dann hat man wahrhaftig nicht den Eindruck, dass die religiöse Vielfalt in den USA zunimmt. Zumindest Abb. 6 zufolge nimmt sie langfristig eher ab als zu.

    Was lehrt uns das?
    » Dass die katholische Kirche bislang echte Anpassungsschwierigkeiten an die Familienbedingungen der Wohlstands- und Wissensgesellschaft hat.
    «

    Nahe liegender scheint mir zu sein, dass auch bei den Katholiken das überkommene Familienmodell und Frauenbild (Kirche, Küche, Kinder) schwindet. Eine Entwicklung, die bei den Hispanics offenbar noch nicht sehr verbreitet ist.

    Außerdem: Wieso spielt bei den unterschiedlichen demografischen Entwicklungen einmal die evolutionsbiologische Fitness eine Rolle (Religionslose vs. hispanische Katholiken) und einmal nicht (sonstige Katholiken vs. hispanische Katholiken)? Oder meinten Sie mit "Anpassungsschwierigkeiten" die evolutionsbiologische Adaptation?

    Ich fürchte, lieber Michael, früher oder später werden auch Sie anerkennen müssen, dass Religion nur ein soziokultureller Faktor unter vielen ist, der die Familienplanung heutiger Menschen beeinflussen kann. Der von Ihnen angenommene evolutionäre Fitnessvorteil moderner religiöser Menschen ist eine Fiktion und beruht auf dem Missverständnis, dass aktuell hohe Kinderzahlen alleine bereits hinreichend wären, um eine höhere evolutionsbiologische Fitness zu konstatieren.

  10. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Balanus

    Wenn (A) der Anteil der Säkularen stabil bleibt, und (B) mit einer Ausnahme (katholische Hispanics) alle großen Religionsgemeinschaften anteilsmäßig schrumpfen, und (C) nur die kleine Gruppe der sonstigen Religionen ein wenig wächst, dann hat man wahrhaftig nicht den Eindruck, dass die religiöse Vielfalt in den USA zunimmt.

    Das haben Sie schon selbst beantwortet: Wenn der Anteil der Säkularen und damit auch der religiös Vergemeinschafteten je stabil bleibt und zugleich die großen Religionsgemeinschaften schrumpfen - dann heißt das, das an Stelle weniger großer viele mittlerer und kleinerer treten. So verbergen sich unter "den Protestanten" natürlich Hunderte, teilweise enorm unterschiedliche Gruppen.

    Ich fürchte, lieber Michael, früher oder später werden auch Sie anerkennen müssen, dass Religion nur ein soziokultureller Faktor unter vielen ist, der die Familienplanung heutiger Menschen beeinflussen kann.

    Ja, selbstverständlich! Etwas anderes habe ich nie behauptet! Ich hatte Sie doch vor wenigen Tagen selbst z.B. auf die Unterschiede der Fertilität von Wildbeuter- und Agrarvölkern hingewiesen... Religion ist nur ein Faktor, der sich potentiell geburtenfördernd auswirken kann und dies auch beobachtbar häufig tut!

    Der von Ihnen angenommene evolutionäre Fitnessvorteil moderner religiöser Menschen ist eine Fiktion und beruht auf dem Missverständnis, dass aktuell hohe Kinderzahlen alleine bereits hinreichend wären, um eine höhere evolutionsbiologische Fitness zu konstatieren.

    Wieso denn "alleine"? Die religionsdemografischen Forschungen stehen im Kontext mit zahlreichen weiteren Ansätzen der Evolutionsforschung, z.B. Psychologie (Jesse Bering), Soziologie (Richard Sosis) usw. Meine Promotion behandelte z.B. Religiosität aus der Perspektive von Hirnforschern:
    http://www.chronologs.de/...hop.de/artikel/1004739

    Entsprechend ist der Religionsdemografie in "Gott, Gene und Gehirn" auch nur eines von sieben Kapiteln gewidmet. Wollen Sie es sich nicht mal wenigstens aus einer Bücherei ausleihen, damit Sie wissen, was Sie zunehmend angestrengt "widerlegen" wollen?

    Und dass sich genetische Evolution über den (über Generationen) differentiellen Reproduktionserfolg entfaltet, ist ja nun wahrlich keine Erfindung der Religionswissenschaft, sondern eine Entdeckung der Biologie... Immer mehr Leute erkennen: Darwin hatte im Kern Recht, auch in der Frage der Evolution von Religiosität und Religionen! Und ich gehe jede Wette ein, dass man in kommenden Jahrzehnten peinlich berührt sein wird, wie lange das aufgrund ideologischer bzw. emotionaler Vorbehalte abgestritten worden ist. :-)

  11. Balanus Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    » Wenn der Anteil der Säkularen und damit auch der religiös Vergemeinschafteten je stabil bleibt und zugleich die großen Religionsgemeinschaften schrumpfen - dann heißt das, das an Stelle weniger großer viele mittlerer und kleinerer treten. «

    Keineswegs. Aus der Grafik (Abb. 6) geht nur hervor, das kleine Religionsgemeinschaften wachsen werden, und nicht, dass es mehr werden. Es kann ja so sein, aber logisch zwingend ist dieser Schluss m. E. nicht.

    » Wollen Sie es sich nicht mal wenigstens aus einer Bücherei ausleihen, damit Sie wissen, was Sie zunehmend angestrengt "widerlegen" wollen? «

    Nun, dass ich mir mit meinen Argumenten Mühe gebe, ist doch ein schöner Zug von mir ;-)

    "Widerlegen" will ich nur—ich wiederhole mich—Ihre These, dass aktuelle Geburtenraten Aufschluss gäben über den evolutionären Reproduktionsvorteil bestimmter Gruppen oder Gesellschaften. Sogar angesichts dieser USA-Studie, die für die nächsten 30 Jahre (gemäß dem H0-Modell) keine anteilsmäßige Zunahme der Religionsgemeinschaften prognostiziert, kommen Sie zu dem Fazit, dass auch diese Studie "das evolutionär-langfristige Bild eines Reproduktionsvorteils von biologisch veranlagter Religiosität" bestätigt.

    Sie verknüpfen mit schöner Regelmäßigkeit die aktuellen Kinderzahlen mit dem evolutionären Erfolg bzw. Vorteil bestimmter Gruppen. Nach meiner Kenntnis ist die Gelege- oder Wurfgröße aber kein direktes Maß für den Reproduktionserfolg einer genetischen Variante, sondern die Anzahl der Merkmalsträger nach einer genügenden Anzahl von Generationen.

    » Wieso denn "alleine"? Die religionsdemografischen Forschungen stehen im Kontext mit zahlreichen weiteren Ansätzen der Evolutionsforschung, …«

    Das "alleine" bezog sich auf den fehlenden Selektionsfaktor und auf die nicht vorhandenen genetischen Varianten, ohne die es auch keine differentielle Reproduktion geben kann (wir reden von der Jetztzeit und nicht von vergangenen evolutionären Prozessen). Ohne natürliche Selektionsprozesse und genetisch definierten Varianten macht eine Bestimmung der evolutionären Fitness "alleine" aus der Wurfgröße (Geburtenraten), soweit ich weiß, wenig Sinn.

    … dass Religion nur ein soziokultureller Faktor unter vielen ist, der die Familienplanung heutiger Menschen beeinflussen kann.
    »Ja, selbstverständlich! Etwas anderes habe ich nie behauptet!
    «

    Dann ist ja alles in Ordnung :-) .

  12. Ralph Würfel Antworten | Permalink

    Quereinstieg

    Ich befürchte, dass die beiderseitige Argumentation sich an dieser Stelle frontal ein wenig verkeilt hat. Deshalb steige ich mal von der Seite ein. Ich tue dies nicht als Wissenschaftler (denn ich bin keiner, höchstens ein selbsternannter Hobby-Philosoph).

    Die Religiosität, von der zuletzt die Rede ist, ist ja eigentlich die der drei monotheistischen Buch-Religionen und nicht Religiosität an sich (denn andere, wie etwa die des Buddhismus oder Hinduismus, sind soweit ich sehe, aus der Argumentation ausgeklammert) – deshalb sollte es eigentlich „abrahamitische Religiosität“ heißen.

    Ich vermute den eigentlichen Kern des Problems hier: wenn die in einem Buch festgehaltene Aufforderung zu Fruchtbarkeit und Vermehrung dazu führen sollte, dass sich die Menschen, die sich damit täglich damit auseinander setzen wollen oder müssen, auch daran halten, müssten eben diese Menschen das eigentlich auch mit den anderen Aufforderungen tun, die in diesem Buche (diesen Büchern) stehen. Und auch dies müsste sich auch auf die Biologie dieser Menschen auswirken. Ich befürchte, dem ist nicht so.

    Und anders herum: schriftlich festgehaltene, aber nicht-religiös motivierte Aufforderungen dieser Art dürften einen solchen Einfluss nicht haben. Ich fürchte, auch dem ist nicht so.

    Ich befürchte vielmehr, dies ist keine Frage des Glaubens, sondern einfach ein Resultat - bitte entschuldigen Sie den harten Ausdruck – der Manipulation von Menschen. Wenn sich Menschen nahezu beständig mit einer verpflichtenden Aufforderung beschäftigen müssen, egal welche Autorität (ob göttlich oder nicht)sie tätigt, werden die meisten sie auch einhalten - so lange sie ihnen gefällt und/oder nützt. Sollte das mal nicht mehr der Fall sein, löst sich so manch Höriger recht schnell von den Geboten – egal ob gläubig oder säkulär. Das kann also auch auf den Personal Trainer zutreffen, auf den Lehrer, den Politiker, den General ... (und deren Bücher natürlich).

    Oder kurz gesagt: nicht die (abrahamitische) Religiosität an sich fördert die Freude am zahlreichen Nachwuchs, sondern gewisse, mit Nachdruck wiederkehrende Aussagen und Aufforderungen, die eben dort zufinden sind. Nähme man sie aus dem Kontext und brächte sie in einen ähnlichen nicht-religiösen, würde mit Sicherheit das gleiche Ergebnis erzielt werden.

  13. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Ralph Würfel

    Danke für den Einwurf. Leider muss ich aber widersprechen.

    Selbstverständlich beschränkt sich die Evolutionsforschung zur Religiosität nicht auf die abrahamischen Religionen. Die (schon von Darwin angelegte) Definition als "Glauben an übernatürliche Akteure" schließt die Verehrung von Ahnen, Geistern, Göttern etc. selbstverständlich ein und auch Hindus und (quasi-theistische) Buddhisten weisen erhöhte Geburtenraten auf.

    Dann schrieben Sie: Oder kurz gesagt: nicht die (abrahamitische) Religiosität an sich fördert die Freude am zahlreichen Nachwuchs, sondern gewisse, mit Nachdruck wiederkehrende Aussagen und Aufforderungen, die eben dort zufinden sind. Nähme man sie aus dem Kontext und brächte sie in einen ähnlichen nicht-religiösen, würde mit Sicherheit das gleiche Ergebnis erzielt werden.

    Nein, auch das stimmt nicht. Wo säkulare Ideologien das versucht haben (z.B. das NS-Regime in Deutschland, die Sozialisten in Rumänien) sind sie gescheitert. Wir kennen (zumindest unter freiheitlichen Bedingungen) bis heute "keine einzige" (!) säkulare Bewegung, die über mehrere Generationen hinweg Geburtenraten über der Bestandserhaltungsgrenze erreicht hätte - aber zahlreiche Religionsgemeinschaften, denen das gelang. Die Amischen sind ein Beispiel (von vielen möglichen) dafür.
    http://www.chronologs.de/...er-evolutionsforschung

  14. Ralph Würfel Antworten | Permalink

    Überrascht

    Aber lieber Michael Blume - ich bin überrascht: ich habe den Eindruck, Sie wollen mich bewusst misinterpretieren.

    Ich schrieb ja nicht von der Evolutionsforschung zur Religiosität an sich, sondern von der in den letzten zwei Tagen geführten Diskussion! Diese bezog sich (zumindest unterschwellig) auf die Prämisse "Seid fruchtbar ...", die ich aus anderen Religionen nun mal nicht kenne.

    Auch finde ich Ihren Hinweis auf Hitlerdeutschland verfehlt, da es ja (wenn ich das sagen darf) Gottseidank nur 12 Jahre spukte und also gar nicht die Zeit hatte, entsprechend zu wirken und relevante Ergebnisse zu tätigen. Dafür aber ist es in anderer Hinsicht ein Paradebeispiel für meinen eigentlichen Punkt der Manipulation.

    Auf meine Argumentation sind Sie allerdings gar nicht eingegangen. Sie haben Sie nur genutzt, um einmal mehr bestimmte Satzgefüge in Ihre Beiträge einzubauen. Ist das eigentlich auch schon Manipulation?
    Seien sie versichert - alle an der Diskussion Beteiligten haben dies bereits mehrfach gelesen und verstanden.

    Tut mir leid, wenn das etwas genervt klingt, aber ich bin - bei aller Sympathie - mittlerweile geneigt, diesen Blog zu verlassen, da sich die Argumente nur noch um sich selbst drehen. Dabei hat die Natur des Glaubens doch so viel mehr Aspekte!

  15. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Ralph Würfel

    Das war eine wertvolle Rückmeldung, vielleicht gelingt es so, klarer zu sehen.

    Ich schrieb ja nicht von der Evolutionsforschung zur Religiosität an sich, sondern von der in den letzten zwei Tagen geführten Diskussion! Diese bezog sich (zumindest unterschwellig) auf die Prämisse "Seid fruchtbar ...", die ich aus anderen Religionen nun mal nicht kenne.

    Nun, m.E. ist die Religionsdemografie ein Teilaspekt des größeren Blogthemas und nicht von diesem abtrennbar.

    Auch finde ich Ihren Hinweis auf Hitlerdeutschland verfehlt, da es ja (wenn ich das sagen darf) Gottseidank nur 12 Jahre spukte und also gar nicht die Zeit hatte, entsprechend zu wirken und relevante Ergebnisse zu tätigen. Dafür aber ist es in anderer Hinsicht ein Paradebeispiel für meinen eigentlichen Punkt der Manipulation.

    Ja, vielleicht "in anderer Hinsicht" - aber eben nicht mit Bezug auf Demografie. Himmler war z.B. so verzweifelt darüber, dass seine SS-Leute im Schnitt weniger als zwei Kinder hatten, dass er das wahnwitzige Lebensborn-Projekt ins Leben rief. Säkulare Ideologien (ob brauner, roter oder sonstiger Färbung) haben es eben bislang "nirgendwo"(!) geschafft, auf Dauer höhere Fertilität unter ihren Anhängern zu erreichen. Deswegen wiederhole ich mich so gerne an dieser Stelle stereotyp: Wenn behauptet wird, Säkulare "können das auch", möchte ich als Empiriker dafür einfach einen einzigen, übeprüfbar-glaubwürdigen Beleg, eine Studie, ein Fallbeispiel.

    Seien sie versichert - alle an der Diskussion Beteiligten haben dies bereits mehrfach gelesen und verstanden.

    Naja, genau das kam mir nicht so vor. Ich finde es so schade, dass sich die Diskussionen immer wieder im Kreise drehen, immer mal wieder unterbrochen von deftigen Beschimpfungen von Leuten, die Religion einfach emotional "bäh" finden. Das löst bei mir schon etwas Frust aus - und wie ich lese, bin ich damit nicht alleine! :-)

    Vielleicht sind Blogs einfach auch nicht der richtige Ort für allzu fachliche Diskussionen, da die Beteiligten fachlich und sprachlich sehr verschieden sozialisiert sind und die Möglichkeiten direkter Kommunikation (wie Nicken oder Stirnrunzeln, Nachfragen beim Kaffee etc.) nicht bestehen.

    Tut mir leid, wenn das etwas genervt klingt, aber ich bin - bei aller Sympathie - mittlerweile geneigt, diesen Blog zu verlassen, da sich die Argumente nur noch um sich selbst drehen. Dabei hat die Natur des Glaubens doch so viel mehr Aspekte!

    Das ist eine gute Rückmeldung - denn so geht es uns also beiden. Was könnte eine Lösung sein? Ich denke, ich habe zur Religionsdemografie genug gemacht - wer bis jetzt noch Schwierigkeiten hat, nachzuvollziehen, dass sich Religiöse im Durchschnitt erfolgreicher fortpflanzen, der kann oder will das wohl einfach gar nicht. Weitere Diskussionen scheinen da nicht mehr viel zu bringen.

    Deswegen schlage ich vor, dieses Kapitel hier erst einmal abzuschließen und auf Natur des Glaubens zukünftig andere Aspekte des weiten Themas (und gerne auch wieder Gastbeiträge) zu behandeln. So wird es morgen im Rahmen des Kick it like Einstein-Bloggewitters einen Beitrag zum "Atheismus" in Nordkorea geben.

  16. Bernd W. Antworten | Permalink

    Publikation Deiner Befunde in "peer reviewed journal"?

    Michael Blume, 04.06.2010, 07:09, schrieb:

    Ich denke, ich habe zur Religionsdemografie genug gemacht - wer bis jetzt noch Schwierigkeiten hat, nachzuvollziehen, dass sich Religiöse im Durchschnitt erfolgreicher fortpflanzen, der kann oder will das wohl einfach gar nicht. Weitere Diskussionen scheinen da nicht mehr viel zu bringen.

    Ab und an verfolge ich die Diskussionen hier auch noch und dem oben beschriebenen Befund lässt sich auf deskriptiver Ebene wenig entgegensetzten. Was mir inhaltlich fehlt, ist ein konsistentes (handlungstheoretisches) Erklärungsmodell. Soweit ich sehe, hast Du das noch nicht vorgelegt, oder? (wie gesagt: ab und an). Formal wäre doch eine Darlegung deiner Überlegungen in einem "peer reviewed journal" schön (und notwendig). Ergänzt mit eigenen empirischen (international vergleichenden) Analysen, denen das von mir angesprochenen mikrotheoretische Modell zugrunde liegen würde.

  17. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Bernd W.: Danke! :-)

    Da nutze ich doch gleich kurz die Mittagspause, um "Danke" und "Ja" zu sagen. Gleich der erste Artikel mit Sven Graupner und Carsten Ramsel zum Thema in 2006 war ja bereits im (peer-reviewed) Marburg Journal of Religion:
    http://archiv.ub.uni-marburg.de/..._germ_2006.html

    Und in der Amish-Fallstudie hatte ich die komplexen Wechselwirkungen mal auf drei Ebenen herunter gebrochen (individuell, sozial und institutionell). Auf der Basis habe ich hier einige Schreibanfragen. Doch darüber hinaus wäre mir noch nicht ganz klar, wo ein konsistentes (handlungstheoretisches) Erklärungsmodell verortet sein sollte. In der Demografie? Der Biologie? Der Soziologie? Nochmal in der Religionswissenschaft, ggf. als Meta-Review wie jene der Bosch-Stiftung?
    http://www.chronologs.de/...emografie-und-religion

    Gibt es für so eine Themenstellung einen Artikel, den Du als beispielhaft bezeichnen würdest? Und wahrscheinlich ließe sich so ein notwendig interdisziplinäres Modell auch nur im Team ausarbeiten. Hmm... guter Gedanke... Wann hast Du Zeit? :-)

    Ernsthaft: Danke für die gute Anregung, die nehme ich gerne auf!

  18. Bernd W Antworten | Permalink

    @ Michael Blume

    Michael Blume, 04.06.2010, 12:52, schrieb:

    Da nutze ich doch gleich kurz die Mittagspause, um "Danke" und "Ja" zu sagen. Gleich der erste Artikel mit Sven Graupner und Carsten Ramsel zum Thema in 2006 war ja bereits im (peer-reviewed) Marburg Journal of Religion [...]

    Wenn ich ein Gutachter gewesen wäre, dann hätte ich u.a. kritisiert, dass

    - der Artikel auf der deskriptiven Ebene verbleibt und bi-/trivariate Analysen vorstellt, denen kaum mehr als ad-hoc Annahmen zugrunde gelegt werden. Weil aber keine experimentellen Daten vorliegen, müssen entweder post-hoc statistische 'Korrekturverfahren' (statistische Kontrolle via Regressionsmodellen) angewendet werden oder es müssen sehr plausible, gut begründete Hypothesen vorliegen.

    - in dem der Artikel den aktuellen Stand der Forschung nicht rezipiert wird. Ich beziehe mich gar nicht unbedingt auf die Religiosität, sondern bspw. auf das Einkommen (Bildung etc.) (Kapitel 3a etc.). Hier etwa Malthus als einzigen Beleg anzuführen, finde ich unbefriedigend.

    (- der Artikel 3d-Diagramme verwendet. 3d-Diagramme werden den Untergang des Abendlandes einläuten ;-)

    Und in der Amish-Fallstudie hatte ich die komplexen Wechselwirkungen mal auf drei Ebenen herunter gebrochen (individuell, sozial und institutionell). Auf der Basis habe ich hier einige Schreibanfragen. Doch darüber hinaus wäre mir noch nicht ganz klar, wo ein konsistentes (handlungstheoretisches) Erklärungsmodell verortet sein sollte. In der Demografie? Der Biologie? Der Soziologie? Nochmal in der Religionswissenschaft, ggf. als Meta-Review wie jene der Bosch-Stiftung? [...]

    Da ich Soziologe bin, würde ich soziologische (ggf. ökonomische und demographische) Erklärungsmodelle heranziehen. Die Untersuchung und Erklärung fertilen Verhaltens ist kein Neuland. Es gibt etwa ökonomische Erklärungsansätze, die G. Becker folgen oder soziologischere wie den 'value-of-children'-Ansatz. Häufig geht es doch um eine bewusste Entscheidung für ein (odere mehrere) Kinder. Diese Entscheidung lässt sich modellieren und das Ziel besteht darin, den eigenständigen Beitrag von Religion/Religiosität herauszuarbeiten -- unter Kontrolle anderer relevanter Einflussfaktoren. Dieses Modell lässt sich um mindestens zwei Perspektiven ergänzen, nämlich einer komparativen (international vergleichenden) und/oder intergenerationalen (Transmissionseffekte; was ja der Artikel von Skirbekk et al. macht).

    U.U. ließe sich auch vermuten, das es keine bewusste Entscheidung gibt und dass (religiöse) Normen "übermächtig" sind. In diesem Fall müsste sich zeigen lass, dass auch unter ungünstigen Bedingungen Kinder gezeugt werden.

    Dies im Rahmen von Fallstudien und mit qualitativen Methoden zu untersuchen, ist ein notwendiger Schritt. Ebenso wichtig sind jedoch auch quantitative Analysen.

    Gibt es für so eine Themenstellung einen Artikel, den Du als beispielhaft bezeichnen würdest? Und wahrscheinlich ließe sich so ein notwendig interdisziplinäres Modell auch nur im Team ausarbeiten. Hmm... guter Gedanke... Wann hast Du Zeit? :-)

    Vermutlich stimmt das; leider kenne ich keinen "beispielhaften" Artikel. Ich kann aber nicht glaube, dass es diesbezüglich noch keine wissenschaftlichen Anstrengungen gegeben hat.

    Auch wenn ich die Fragestellung nach wie vor interessant finde (ist ja nicht mein erster Kommentar :-) , so bin ich leider für die nächsten zwei Jahre ausgebucht.

    Ernsthaft: Danke für die gute Anregung, die nehme ich gerne auf!

    Es würde mich freuen!

  19. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Bernd W.

    Ja, das war ja auch unser erster, tastender Aufschlag in dem Gebiet und in der deutschsprachigen Religionswissenschaft hatte Demografie bis dahin so gut wie keine Rolle gespielt. Und wir waren noch jung! :-)

    Ernsthaft: Versprochen, 3D-Diagramme publiziere ich nie wieder, schließlich möchte ich nicht am "Untergang des Abendlandes" schuld sein...

    Wobei wir schon wieder bei der Demografie wären - Werden Deutschland, Europa islamisch? (Antwort: Eher nicht)
    http://www.chronologs.de/...nds-tzlich-mehr-kinder

    Danke für die kritisch-konstruktiven Anregungen, bis denn!

  20. Yadgar Antworten | Permalink

    @Michael Blume, 03.06., 14:47 Uhr

    Verlieren die Großkirchen (in den USA und anderswo)
    - weil sie zu liberal und damit zu unverbindlich sind?
    - weil sie sich gegen moderne Konzepte von Frauenerwerbstätigkeit stellen?
    - weil sie einfach zu groß und damit zu anonym sind, um alle nominellen Mitglieder wirksam an sich zu binden?

    Ihre Theorie kann nicht wirklich erklären, wieso es gerade unter den Bedingungen von Demokratie und Religionsfreiheit überhaupt noch Atheisten, Agnostiker oder auch nur moderat Religiöse gibt - eigentlich sollte der nichtreligiöse Teil der Bevölkerung längst auf eine winzige Minderheit zusammengeschrumpft oder (in den USA mit über 200jähriger Demokratie und Religionsfreiheit) sogar ganz verschwunden sein!

    Eine andere Frage: Pflanzen sich Menschen vor allem dann erfolgreich fort, wenn ihnen mindestens einmal in der Woche mit der Hölle (also einem Ort, an dem nach traditioneller christlicher Auffassung immerwährende unvorstellbare Qualen herrschen, mit denen verglichen selbst Auschwitz eine kuschelige Idylle ist!) für den Fall der Nichterfüllung ihrer Fortpflanzungspflicht droht?

    Es wäre einmal interessant, die Reproduktionsraten von (christlichen) Religionsgemeinschaften nach ihren jeweiligen Höllenlehren (immerwährende Qual vs. Vernichtungslehre vs. Allversöhnung) zu vergleichen...

    Bis bald im Khyberspace!

    Yadgar

  21. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Yadgar

    Vielen Dank für den lebendigen Kommentar, auf den ich gerne eingehe! Sie fragten:

    Verlieren die Großkirchen (in den USA und anderswo)
    - weil sie zu liberal und damit zu unverbindlich sind?
    - weil sie sich gegen moderne Konzepte von Frauenerwerbstätigkeit stellen?
    - weil sie einfach zu groß und damit zu anonym sind, um alle nominellen Mitglieder wirksam an sich zu binden?

    M.E. müsste man sich die Situation je im einzelnen anschauen, aber alle genannten Faktoren könnten durchaus eine Rolle spielen!

    Ihre Theorie kann nicht wirklich erklären, wieso es gerade unter den Bedingungen von Demokratie und Religionsfreiheit überhaupt noch Atheisten, Agnostiker oder auch nur moderat Religiöse gibt - eigentlich sollte der nichtreligiöse Teil der Bevölkerung längst auf eine winzige Minderheit zusammengeschrumpft oder (in den USA mit über 200jähriger Demokratie und Religionsfreiheit) sogar ganz verschwunden sein!

    Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass ich keine eigene Theorie vertrete, sondern Religiosität und Religionen im Rahmen der Evolutionstheorie erforsche. Und dies ging und geht nicht anders als durch Beobachten, das Formulieren und dann das Überprüfen von Hypothesen. Und dass sich biokulturelle Veranlagungen unterschiedlich ausprägen, ist evolutionär ein Normalfall: So würde niemand die Evolution von Sprache(n) oder Musik(en) bestreiten, weil es unter Menschen dazu unterschiedlich starke Veranlagungen gibt. Dieser Aspekt war hier im Blog und in einem Artikel von mir übrigens auch bereits Thema:
    http://www.chronologs.de/...gibt-es-noch-atheisten

    Eine andere Frage: Pflanzen sich Menschen vor allem dann erfolgreich fort, wenn ihnen mindestens einmal in der Woche mit der Hölle (also einem Ort, an dem nach traditioneller christlicher Auffassung immerwährende unvorstellbare Qualen herrschen, mit denen verglichen selbst Auschwitz eine kuschelige Idylle ist!) für den Fall der Nichterfüllung ihrer Fortpflanzungspflicht droht?

    In gewachsenen Religionen finden wir meist sowohl Verheißungen für ein Leben religiöser Pflichterfüllung wie auch Warnungen und Drohungen im Falle von Pflichtverletzungen. Dabei sei der Hinweis gestattet, dass sich Paradies- und Höllenvorstellungen nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der großen Religionen oft deutlich unterscheiden.

    Es wäre einmal interessant, die Reproduktionsraten von (christlichen) Religionsgemeinschaften nach ihren jeweiligen Höllenlehren (immerwährende Qual vs. Vernichtungslehre vs. Allversöhnung) zu vergleichen...

    Oh ja, für empirische Daten kann ich mich immer wieder begeistern! :-)

  22. Balanus Antworten | Permalink

    Einfluss der Religion auf Evolution

    M. Blume:
    » Doch darüber hinaus wäre mir noch nicht ganz klar, wo ein konsistentes (handlungstheoretisches) Erklärungsmodell verortet sein sollte. In der Demografie? Der Biologie? Der Soziologie? [...]«

    Bernd W.
    » Da ich Soziologe bin, würde ich soziologische (ggf. ökonomische und demographische) Erklärungsmodelle heranziehen. «

    D'accord.

    Andererseits wäre es sicher auch spannend, den evolutionsbiologischen Aspekt zur Diskussion zu stellen, etwa in dem hoch angesehenen Fachblatt "Evolution" (Impact factor: 4,7).

    Beim Rumstöbern habe ich eine australische Zwillingsstudie (mit Daten der Australian Twin Registry) gefunden, in der die Wirkung der natürlichen Selektion auf lebensgeschichtliche Merkmale (Alter bei Menarche, erster Reproduktion und Menopause) untersucht wurde. Dazu wurde die reproduktive Fitness der Frauen bestimmt. Unter anderem wurde auch der Einfluss der Religionszugehörigkeit ermittelt.

    Es zeigte sich, dass die katholische Frauen eine signifikant höhere reproduktive Fitness aufwiesen als andere Religionsangehörige oder Religionslose (etwa 20% "fitter"). Interessanterweise machte die Religionszugehörigkeit aber nur 1% der Varianz der Fitness aus—was immer das heißen mag… ;-) .

    Die Autoren schreiben:

    "For natural selection to cause evolutionary change in a trait, variation in the trait must be correlated with fitness and be genetically heritable and there must be no genetic constraints to evolution. These conditions have rarely been tested in human populations. "

    (Kirk et al. Natural selection and quantitative genetics of life-history traits in western women: a twin study. Evolution, 55(2), 2001, pp. 423–435 )

    Frage: Wäre eine ähnliche Studie mit den religionsdemographischen Daten denk- oder machbar?

  23. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Balanus

    Danke, eine sehr gute Frage!

    Wäre eine ähnliche Studie mit den religionsdemographischen Daten denk- oder machbar?

    Ich denke, schon. Aber wahrscheinlich müsste man schon beim Design der Datenerhebung interdisziplinär zusammen arbeiten, ganz zu schweigen von Begrifflichkeiten und Definitionen. Die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen steht eben quer zu den gängigen, disziplinären Abgrenzungen - was ihre Schwierigkeit, aber auch ihre Chance ist. Persönlich versuche ich daher so oft wie möglich, in gemischten Teams zu arbeiten. Und spreche am 6. Juli z.B. wieder auf Einladung der Biologen in Tübingen in deren Evolutions-Ringvorlesung (sog. klausurrelevant! ;-) ).

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