Guttenberg gegangen – Wir Wissenschaftler und unsere (vermeintlich?) höhere Moral aber bleiben

1. März 2011 von Michael Blume in Phänomene

Nun ist Freiher Karl-Theodor zu Guttenberg also zurück getreten. Jubel allerorten? Bei mir bleibt ein schaler Beigeschmack über die erlebte Gruppendynamik unter Akademikern und Wissenschaftlern. Als ob Mißstände im Wissenschaftsbetrieb nicht schon seit Jahren jedem bekannt sein konnten, der oder die sich "wirklich" interessierten...

Und besser als das Internet selbst kann ich das Unbehagen auch gar nicht illustrieren: Zur Meldung des Minister-Rücktritts bei abendblatt.de erscheint eine Google-Anzeige zur - offenkundig käuflichen - Erlangung einer "Ehrendoktorwürde" unter Beteiligung von (welchen?) Universitäten. Heuchelei, geradezu kunstvoll zu einem Gesamtbild unserer Wirklichkeit arrangiert...

 

Gruppendynamiken - auch unter Akademikern

Als (promovierter...) Religionswissenschaftler mit Freude auch an Feldforschung begegne ich Licht und Schatten von Gruppendynamiken immer wieder. Einerseits ist der Mensch ein soziales Wesen, benötigt verläßliche Sozialbeziehungen von Anfang an und erlebt Gemeinschaft oft als beglückend und sinnstiftend. Andererseits wird das "Wir" aber auch fast unweigerlich gegen "Die" abgegrenzt und schleicht sich in jede Gruppe die gefährliche Überzeugung moralischer Überlegenheit ein. Einige religiöse Überlieferungen versuchen daher auch dagegen anzugehen. In der christlichen Tradition steht dafür beispielsweise das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner, in dem ein Andersglaubender die Frommen an spontaner Hilfsbereitschaft übertrifft. Oder auch die Errettung der zum Tode durch Steinigung verurteilten Ehebrecherin, da Jesus den Versammelten aufträgt: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein."

Unsere Gesellschaft ist gnädiger geworden. Ehebruch gehört beispielsweise zu den Vergehen, die heute - gerade auch von uns "Gebildeten" - als Privatsache eingeordnet und (außer bei einigen kirchlichen Arbeitgebern) auch kaum mehr mit beruflichen oder politischen Konsequenzen bewehrt werden. Umso überraschter war und bin ich, nun als Religionswissenschaftler einen stellenweise selbstgerechten, gruppendynamischen Furor meiner eigenen Kolleginnen und Kollegen gegenüber Karl-Theodor zu Guttenberg zu erleben. Verstehen wir uns dabei nicht falsch: Ein Plagiat ist keinesfalls ein "Kavaliersdelikt" (ist Ehebruch inzwischen eines?) und die Folgen - Aberkennung des akademischen Titels, öffentliche Kritik & Beschämung - hat sich der Freiherr selbst zuzuschreiben. Nur: Offenkundig hat es einen Minister zu Guttenberg gebraucht, damit sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler endlich einigen Zuständen ihrer eigenen Zunft stellen! Rührt daher ein Teil des Zorns?

So berichtete der SPIEGEL bereits 2009 über "die Doktor-Macher" - einen Ring von hunderten (!) Hochschullehrerinnen und -lehrern, Vermittlern und Kunden, die sich letztlich gegen Geld akademische Titel erschlichen. Haben Sie einen allgemeinen Aufschrei dazu gehört? Empörte Briefe, Stellungnahmen von Hochschulverbänden, Forderungen nicht nur nach öffentlicher Bloßstellung sondern auch sofortiger Entlassung aller beteiligten Universitätsbeschäftigten, Bloggewitter zur Ehrlichkeit in der Wissenschaft? Kaum. Das Thema systematischer Korruption in unseren eigenen Reihen war uns Akademikern allzu peinlich, wurde weitgehend totgeschwiegen und verblieb weitgehend bei den Staatsanwaltschaften. Im kollektiven Gedächtnis dürfte das Spuren hinterlassen haben.

Wenn wissenschaftliches Betrügen so verdammenswert und gefährlich ist - warum diskutieren wir erst jetzt darüber, wo ein Außenstehender überführt wurde? Wo blieb die empörte Debatte über die seit Jahren bekannten Zustände in unseren eigenen Reihen?

Schon Jahre vor der SPIEGEL-Enthüllung - 2005 - war in der renommierten Wissenschafszeitschrift "Nature" das beklemmende Ergebnis einer Studie veröffentlicht worden, das Frank Ochmann vom Stern angesichts der Causa Guttenberg zitierte:

Bedenken Sie einmal folgendes: Im Jahr 2005 erschien in der wissenschaftlichen Zeitschrift "Nature" eine Studie, in deren Rahmen 3600 Fragebögen an Forscher auf den unteren und mittleren akademischen Stufen verschickt worden sind. Anonym sollten sie angeben, ob sie in einem Katalog von "nicht tolerierbarem Verhalten" eine oder mehrere Fehlleistungen entdeckten, die für sie selber zutrafen. Dabei ging es um glatte Fälschung, fragwürdige Beziehungen zu Studenten oder Probanden, das Weglassen von Ergebnissen, die einem nicht in den Kram passten und auch um Plagiat. Ein Drittel der Forscher bekannte sich dann schuldig, in mindestens einem Fall innerhalb der zurückliegenden drei Jahre die Regeln akademischer Redlichkeit gebrochen zu haben. Es sei an der Zeit, diese Zustände nicht länger zu verharmlosen, mahnten die Autoren der Studie. Offenbar habe sich auf breiter Basis ein Verhalten eingeschlichen, das nicht mehr toleriert werden dürfe.

Ochmanns verblüffend einzige Schlussfolgerung: Guttenberg müsse strengstens bestraft werden. Keine Frage des STERN, warum die deutschsprachige Wissenslandschaft nicht schon damals auf diese Studie reagierte. Warum Medien das Problem nicht auf die Titelseiten hoben und Interviews dazu führten. Warum die wissenschaftliche Selbstverwaltung offenkundig keinen generellen Handlungsbedarf erkannte. Warum es erst einen Minister-Fall braucht, um die Republik an wissenschaftliche Standards zu erinnern. Auch wir Akademiker fallen bisweilen in den ur-alten und auch religionsgeschichtlich gut belegten Reflex zurück: Entsenden wir einen einzelnen Sündenbock in die Wüste - und wir hoffen, als Kollektiv (noch einmal) reingewaschen zu werden.

Werden wir nicht.

Das Internet beginnt nach Politik und Medien nun (endlich) auch die Wissenschaft zu hinterfragen

Das Internet verändert die Spielregeln und neben vielen negativen Erscheinungen (z.B. Spamming, Flaming, Mobbing) bewirkt sie auch ein mehr an "demokratischer" Kontrolle. Das World Wide Web hat bereits die politische Kommunikation grundlegend verändert. Auch Medien (vgl. BILD und bildblog.de) werden zunehmend online diskutiert. Und mit dem Fall Guttenberg erfolgte nun die erste, öffentliche Diskussion einer mit "summa cum laude" bewerteten, wissenschaftlichen Arbeit. Andere werden folgen: Jene von weiteren Politikerinnen und Politikern, Künstlern, Managern, Medienschaffenden, Bloggern - und nicht zuletzt von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst.

Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen in der Versuchung, uns selbst für die besseren Menschen zu halten - genau deswegen, weil wir das eben nicht sind. Auch wir leben Mechanismen der Eitelkeiten und Gruppendynamiken, der Verdrängung, des Schönsprech. Und auch wir benötigen daher demokratische Kontrolle, umso mehr wir öffentliche Gelder beanspruchen und in das Leben anderer eingreifen. Gerne glauben wir, über die vermeintlich niederen Instinkte "des Volkes" erhaben zu sein, das doch in Wirklichkeit schon längst geahnt hat, wer Doktortitel seit Jahrzehnten entwertet.

Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten also endlich über Prüfanforderungen und Benotungen diskutieren - und darüber, inwiefern juristische und andere geisteswissenschaftliche Arbeiten überhaupt wissenschaftliche Qualitätsanforderungen erfüllen. Wir werden über Seilschaften und Zitierkartelle lesen und darüber, wer schon als Studierender gegen Geld anderer Leute Arbeiten angefertigt hat. Und wir werden feststellen, dass sehr vieles davon schon längst subkutan bekannt und von der Öffentlichkeit "eingepreist" war - während wir Akademiker und Wissenschaftler uns noch als die letzte und edelste, allenfalls durch bedauernswerte Einzeltäter verunreinigte Priesterkaste verstanden. Wenn wir Ehrlichkeit in der Wissenschaft wirklich erreichen wollen, so werden wir - schmerzhaft - auch bei uns selbst damit anfangen müssen. Mit einer direkten Erkenntnis kann jede und jeder von uns damit beginnen: Auch wir haben erst den Fall eines Minister zu Guttenberg gebraucht, um Ehrlichkeit in der Wissenschaft als dringendes Thema zu entdecken...


37 Kommentare zu “Guttenberg gegangen – Wir Wissenschaftler und unsere (vermeintlich?) höhere Moral aber bleiben”

  1. A.S. Antworten | Permalink

    Wie bitte?

    Wer glaubt, dass Ehrlichkeit erst durch Guttenberg zu einem dringenden Thema in der Wissenschaft geworden ist, der hat die diesbezüglichen Diskussionen in den Universitäten, Forschungsgesellschaften und wissenschaftlichen Berufsverbänden offensichtlich nur sehr am Rande verfolgt. Dass die ÖFFENTLICHKEIT sich erst jetzt dafür interessiert, ist eine richtige (aber triviale) Beobachtung. Dass die Wissenschaft das Thema bisher ignoriert oder gar unter den Teppich gekehrt hat, ist eine -- ich habe mir vorgenommen, hier in Zukunft nett zu sein -- diskussionswürdige Unterstellung.

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    @A.S.

    Oh, dann haben Sie doch sicher kein Problem, die empörten Interviews und Stellungnahmen aller Hochschulverbände, die Rufe nach Entlassungen aller beteiligten Universitätsbeschäftigten, die massenhaft unterzeichneten Protestbriefe etc. nach dem vom Spiegel aufgedeckten Betrugsring bzw. der Nature-Studie aufzuzeigen?

    Nein, lieber @A.S., nicht nur die vermeintlich dumme Öffentlichkeit, auch der Wissenschaftsbetrieb hat insgesamt allzu wenig Interesse gezeigt. Und Hochmut bleibt Hochmut, ganz egal, von wem er gelebt wird. Überprüfen Sie gerne Ihre eigene Logik: Zu vielfachen, empörten Stellungnahmen aus der Wissenschaft kam es erst, als die Öffentlichkeit das Thema entdeckte und breit diskutierte. Was sagt das über den Zustand unserer Selbstverwaltung aus?

    Übrigens, falls Sie Freude an Paradoxien haben: Unter den wenigen Medien, die sich damals über den Fälscherring von Universitätslehrern lauthals erregten - war die BILD... Die wusste auch damals schon, dass es längst öffentliche Stimmungen gibt, die ein weniger schmeichelhaftes Bild von uns Akademikern zeichnen. Und mit Arroganz alleine werden wir das nicht mehr repariert bekommen.

    PS: Sie haben doch neulich erst in einem sehr starken Blog-Artikel Google gelobt. Oben haben Sie nun einen Beleg dafür, dass Google auch mit der Vermittlung von falschen Doktortiteln Geld verdient. Werden Sie sich dazu äußern? Oder ist das Ihres Erachtens nur ein Kavaliersdelikt?

  3. Martin Huhn Antworten | Permalink

    Ich beobachte die Arbeit von Guttenberg schon etwas länger kritisch.

    Bei Kundus hat er vorschnell gehandelt, aber danach stritt er jegliche Schuld ab. Der damalige Generalinspekteur und ein Staatsekretär mußten gehen.

    Beim Todesfall auf der Gorch Fock passierte kaum etwas, dann wurde ein Untersuchungsteam zur Gorch Fock geschickt und bevor dieses eintraf, war plötzlich der Kapitän seines Kommandos enthoben.

    Und nun die Plagiatsaffäre.

    Ich sehe einen Mann, der Fehler macht, aber andere sollen dafür büßen. So geht das einfach nicht. Auch seine Rücktrittsworte passen zu ihm. Er habe zwar Schwächen und Fehler, aber eigentlich sind die anderen Schuld, daß er nicht weitermachen kann. Er will Schaden von den Soldaten und seiner Familie abwenden.

    Was ist das nur für eine Art von Selbstwahrnehmung?

    Ich weiß nicht, warum ich dabei immer an den "Humanist" Mielke denken muß. Der seiner Meinung nach die Menschen liebte.

    http://www.youtube.com/watch?v=5SWbr8CMhH4

  4. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Martin Huhn

    Ja, auf den Guttenberg-Fanseiten wirst Du mich auch nicht finden. Zumal ich (gerade auch als Religionswissenschaftler) beim Thema Adelsverehrung bei allem Verständnis für Romantik eher kritisch bin - und schon lange war, bevor die entsprechenden Debatten aufkamen.
    http://www.chronologs.de/...n-thema-des-hinduismus

    Nur ist es doch schon eine besondere Ironie, dass wir Akademiker selbst die Mediengestalt gebraucht haben, um unser ureigenes Thema zu entdecken und uns darob mehr zu empören als über ganze Betrügerringe an unseren Universitäten...

  5. Martin Huhn Antworten | Permalink

    @ Blume

    Ja, auf den Guttenberg-Fanseiten wirst Du mich auch nicht finden.

    Na, da bin ich beruhigt. Das hat sich nämlich ein wenig so angehört.

  6. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Martin Huhn

    Na, sagen wir mal so: Ich kriege immer wieder ein schlechtes Gefühl, wenn sich eine johlende Masse über die vermeintliche Schlechtigkeit eines oder einer Einzelnen erhebt. Klar ist, dass Guttenberg mit einem früheren Rücktritt allen viel erspart hätte. Aber umgekehrt hätten doch auch wir schon viel früher das Thema Fälschungen und Titelverkauf entdecken müssen. Da ist strukturell etwas eingerissen - bis zu Google hinein.

    Dass Jesus also der Ehebrecherin eine zweite Chance gab, halte ich für eines der stärksten Gleichnisse. Und habe die letzten Tage öfter mal daran denken müssen.

  7. Michael Khan Antworten | Permalink

    Konkrete Fälle

    Dass einigermaßen vage Auflistungen wie die in dem zitierten Spiegel-Artikel oder statistische, anonymisierte Aufzählungen wie die in dem Nature-Paper kein Beben in der wissenschaftlichen Welt provozieren, verwundert mich nicht. Was soll man mit so wenig konkreten Informationen anfangen?

    Jeder weiß doch beispielsweise, dass es - wahrscheinlich in jeder Disziplin, allemal in jeder, in die ich direkten Einblick habe - gestandene Wissenschaftler in hohen akademischen Funktionen gibt, die ihre Mitarbeiter die ganze Arbeit machen lassen und grundsätzlich darauf bestehen, als Autor, oft auch als erster Autor genannt zu werden. Aneignung fremder Arbeit in Reinkultur, das ist weder neu noch selten. Niemand braucht zu einer solchen Erkenntnis eine Nature-Studie. Das ist einfach jedem weithin bekannt. Passiert da was? Nein. Passierte da jemals was? Nicht wirklich. Nicht alles, was bekannt ist, kann nämlich auch abgestellt werden.

    Dass man ein gewisses Grundrauschen (zähneknirschend) hinnimmt, bedeutet aber nicht, dass man bereit ist, auch grobes Fehlverhalten hinzunehmen.

    Wichtig ist in meinen Augen, wie in konkreten Fällen, beim Verdacht des groben Verstoßes gegen den wissenschaftlichen Verhaltenskodex verfahren wird. In solchen konkreten Fällen, denen ich mehr Bedeutung beimesse als besagten vagen Auflistungen, sehe ich durchaus energisches Eingreifen der wissenschaftlichen Welt und das ernsthaften Bemühen um Aufklärung des Sachverhalts und Sanktionierung der Missetäter. Da sehe ich ganz und gar keinen Versuch, das Ganze unter den Teppich zu kehren, bis man von den Medien zur Aufklärung gezwungen wird.

    Beispiel:
    http://en.wikipedia.org/...the_discovery_of_Haumea

    Ehebruch ist übrigens meines Wissens in Deutschland kein strafrechtlich sanktionierbares Vergehen mehr, somit also kein (Kavaliers- oder anderes) Delikt.

  8. Martin Huhn Antworten | Permalink

    @ Blume

    Ich weiß, wenn man sich über die Sünden anderer aufregt, will man eigentlich oft nur von den eigenen ablenken. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist aber auch, daß Fehlverhalten korrigiert werden muß.

    Ich finde es immer wieder schön, daß Jesus mit, wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein, zitiert wird. Leider wird das Ende nicht zitiert. Als alle weg waren sagte Jesus zu der Frau, sie solle nicht mehr sündigen. Diese Bibelstelle wird oft als Freifahrtsschein für die Sünde mißbraucht, was dieser auf keinen Fall ist. Jesus stellte oben und unten sowie Recht und Unrecht nicht auf den Kopf. Erstmal bleibt Sünde Sünde, die vermieden werden sollte. Der weitere Umgang damit ist ein anderes Thema (welches hier zu weit führen würde. :-) ).

  9. Lars Fischer Antworten | Permalink


    Offenkundig hat es einen Minister zu Guttenberg gebraucht, damit sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler endlich einigen Zuständen ihrer eigenen Zunft stellen!

    Was ja so nicht stimmt. Ich kann mich von früher gut erinnern, wie oft die Frage im Raum stand, wieviel der Doktor heutzutage noch wert sei und was man denn unternehmen kann. Als ich im Diplom war, haben wir durchaus recht offen darüber diskutiert, welcher Anteil aller publizierter Papers Schrott ist und warum, Stichwort smallest publishable unit. Insofern hat A.S. Recht: Das ist schon seit geraumer Zeit in den Wissenschaften Thema (zumindest in einigen. Vielleicht schwankt das von Fachgebiet zu Fachgebiet).

    Nur: Wer sich als Einzelner gegen die Zustände wehrt, wird i.d.R. sofort von der Masse der Profiteure abgestraft und kaltgestellt. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren hätte es selbst den offenen Brief der Doktoranden nicht gegeben. Das Internet ist einfach der einzige Raum außerhalb der klassischen Strukturen, in dem sich Wissenschaftler organisieren können, um sich gegen Missstände zu wehren. Wir sehen jetzt die Anfänge solcher Bestrebungen, aber es wird wohl noch ein Weilchen dauern, denke ich...

  10. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Lars Fischer

    Ja, so habe ich es auch erlebt: "Unter der Hand" wurde da schon viel getuschelt und "man" wußte, dass man sich Doktortitel (wie auch z.B. Thailänderinnen) gegen Geld "bestellen" konnte.

    Aber offen durfte es nicht angesprochen werden - man wäre dann als Nestbeschmutzer angegangen worden. Erst wenn das Fehlverhalten "bei anderen" auftrat (z.B. "Importbräute" aus der Türkei - oder eben die "Dissertation" von Guttenberg) wurden die Themen "entdeckt".

    Und das scheint mir jetzt auch das Entscheidende zu sein:

    1. Wir sollten dranbleiben und das Thema nicht als erledigt betrachten. Wieviel akademische Weihen und Titel wert sind, hängt auch davon ab, ob der Wissenschaftsbetrieb jetzt zur Tagesordnung übergeht oder dran bleibt.

    2. Wir sollten so ehrlich sein, auch uns selbst als Menschen zu sehen, die die gleichen Stärken und Schwächen wie andere haben und deren Traditionen und Strukturen also ebenfalls fehlgehen können. Ich hoffe auch, dass das Internet einen Beitrag dazu leisten kann, dunklere Ecken auch des Wissenschaftsbetriebes auszuleuchten, Mieses und Miefiges zu entlarven und damit Verbesserungen anzustossen.

  11. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Michael Khan

    Dem stimme ich zu! M.E. sind wesentliche Strukturen in unserem Wissenschaftsbetrieb dringend reformbedürftig! Beispielsweise erlebe ich, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland im Mittelbau nur prekär und befristet beschäftigt sind - und also so gut wie keinerlei Handhabe haben, um sich gegen Ausbeutung zu schützen, eigene Ideen voran zu bringen oder auch Fehler anzusprechen. Niemand will sich unbeliebt machen, was sowohl mutige Arbeiten wie auch das Aufdecken von Mißständen ganz klar erschwert. und das ist sogar für die Professoren selbst schlecht, denen dadurch ein kritisch-konstruktives Umfeld entgeht. Zudem befördert es die Neigung unter (teilweise verzweifelten) Leuten im Mittelbau zu Seilschaften, überzogenem Konkurrenzdenken oder gar Betrug (Nature-Studie!) - immerhin geht es da nicht selten ganz existentiell um den Lebenslauf, die Familie, "die letzte Chance" etc.

    Mehrfach hatte ich bereits in der Religionswissenschaft solche Strukturprobleme, sogar in Publikationen, angesprochen und auch schon Verbesserungsvorschläge vorgebracht. Und kann nur hoffen, dass solche Überlegungen nicht mehr als Majestätsbeleidigungen oder gar Nestbeschmutzung mißverstanden werden, sondern als Aufforderung, auch an uns und unseren Wissenschaftsbetrieb kritisch-konstruktive Fragen zu stellen - um der Wissenschaft selbst und der Menschen willen.

    Die Sache Ehebruch = kein Delikt (mehr) sehe ich allerdings nicht so banal. Denn wenn diese Argument gälte, würde es dann eben umgekehrt bedeuten, dass es genauso okay wäre, Ehebruch wieder unter (Todes-?)strafe zu stellen - wenn es nur so im Gesetz stünde. Nein, von scharf urteilenden Akademikern wüsste ich da doch schon gerne, "warum" sie Vertrauensbruch A so und Vertrauensbuch B völlig anders bestraft wissen wollen (oder eben nicht). Wenn es bei der Antwort "Steht halt so im Gesetz" bliebe, ließe mich das eher gruseln...

  12. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Dem stimme ich zu! M.E. sind wesentliche Strukturen in unserem Wissenschaftsbetrieb dringend reformbedürftig!

    Da stimmen Sie allerdings etwas zu, das ich nicht gesagt habe. Meine Aussage war, dass es im Wissenschaftsbetrieb, wie auch anderswo, ein großes Maß an verbreiteter Unehrlichkeit auf vergleichsweise niedrigem Level gibt. Das halte ich allerdings nicht für ein Problem, dem man per Reform bekommen kann.

    Anders ist es aber mit richtig erheblichen Vergehen, da sehe ich funktionierende und entschlossene Mechanismen am Werk, zumindest in den Disziplinen, mit denen ich zu tun habe. Das ist natürlich nur ein Subset, und er beschränkt sich auf ein relativ eng umschriebenes Feld der Naturwissenschaften.

    Aber gut, ich klinke mich an dieser Stelle aus der Diskussion aus.

  13. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Michael Khan

    Na, da bin ich jetzt aber doch beeindruckt: Die aufgedeckte Verfehlung von Herrn zu Guttenberg sei also himmelschreiendes Unrecht, die - von mir hier verlinkten - noch ganz frischen Enthüllungen beispielsweise über ganze Doktormacher-Ringe jedoch nur "ein großes Maß an verbreiteter Unehrlichkeit auf vergleichsweise niedrigem Level"??? Und auch die Nature-Studie (über ein Drittel räumt schwerwiegendes Fehlverhalten innerhalb der letzten drei Jahre (!) ein!) kein Hinweis auf Reformbedarf im Wissenschaftsbetrieb?

    Da mag ich nur hoffen, dass die Öffentlichkeit kritischer ist bzw. wird. Gegenüber dem Politik-, Medien- UND Wissenschaftsbetrieb...

  14. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Die aufgedeckte Verfehlung von Herrn zu Guttenberg sei also himmelschreiendes Unrecht, die - von mir hier verlinkten - noch ganz frischen Enthüllungen beispielsweise über ganze Doktormacher-Ringe jedoch nur "ein großes Maß an verbreiteter Unehrlichkeit auf vergleichsweise niedrigem Level"???

    Nein, nichts von dem ist meinen vorherigen Kommentaren zu entnehmen. Ich schlage erntshaft vor, wir beenden an dieser Stelle die Diskussion. Es war wohl ein Fehler, hier zu kommentieren.

  15. Elmar Diederichs Antworten | Permalink

    @Michael Blume: bitte differenzieren

    Wenn nicht unterschieden wird, zwischen effizienten Verfahren der Kontrolle des wissenschaftlichen Fortschritts und Ehrlichkeit als Wert in de Wissenschaft, dann aus de von dir geforderten Debatte gar nichts herauskommen.

  16. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Elmar

    Warum so kompliziert? Ich halte es da mit einem einfachen Grundsatz: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, muss sich damit auseinander setzen, dass mehrere Finger zurück zeigen. Wir Akademiker sind keine besseren Menschen und unsere Strukturen sind nicht über jede Kritik erhaben - und zwar umso weniger, umso lauter wir so tun...

  17. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    Warum 'erst jetzt' in der Öffentlichkeit breit diskutiert wird...

    ...liegt doch auf der Hand:

    Der Herr Baron und Ex-Verteidigungsminister ist sehr prominent und (angeblich) bei einer Mehrheit der Bevölkerung 'sehr beliebt' (ob es der aufgeklärtere Teil unsere Mitbürger ist, der sich bedenkenlos blenden ließ, weiß ich nicht und spielt hier auch keine Rolle).

    Ein von bestimmten politischen Kräften medial als 'Hoffnungsträger der Nation' inszenierter Verteidigungsminister ist - zumal in von ihm selber verkündeten 'Kriegszeiten' - natürlich in der öffentlichen Wahrnehmung jemand ganz anderes als ein 'Dr. Normalbürger'.

    Wenn diese 'Lichtgestalt' dann als lumpiger Betrüger enttarnt wird, und er dann tagelang - unterstützt von 'ehrenwerten' KollegInnen aus der hohen Politik - mit Ausflüchten und peinlichen Notlügen um die Wahrheit herumeiert und bis zuletzt (auch bei seiner Rücktrittserklärung wieder) seinen Betrug als 'Fehler' verniedlicht, dann ist das ein handfester Skandal.

    Da ist dann natürlich die Aufregung groß. Aber mal eine Frage an Sie: Warum sind Sie darüber so verwundert, dass Sie schreiben müssen:

    'Wenn wissenschaftliches Betrügen so verdammenswert und gefährlich ist - warum diskutieren wir erst jetzt darüber, wo ein Außenstehender überführt wurde?'

    ???

  18. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    "Voodoo-Korrelationen"

    Im Jahr 2009 sind zwei Arbeiten erschienen, die sich mit Zirkelschlüssen in der bildgebenden Hirnforschung (zuerst unter dem Namen der "Voodoo-Korrelationen" diskutiert) beschäftigten.

    Die erste, Vul et al., Puzzlingly High Correlations in fMRI Studies of Emotion, Personality, and Social
    Cognition, Persp. Psychol. Sci. 4: 274-290, fügte eine Liste mit Namen bei, in der die fragwürdigen Arbeiten direkt genannt wurden.

    Die zweite, Kriegeskorte et al., Circular analysis in systems neuroscience: the dangers of double dipping, Nature Neuroscience 12: 535-540, sprach von einer entsprechenden Blacklist, veröffentlichte aber keine Details.

    Obwohl das zweite Journal wesentlich besser bekannt ist, erfuhr nur die erste Arbeit ein hörbares Medienecho: Binnen Tagen nach der Vorveröffentlichung des Manuskripts gewitterten Blogs, dann berichteten Newsseiten und schließlich Journals darüber. Allerdings ist die zweite Arbeit binnen kurzer Zeit schon über 120-mal zitiert worden, obwohl es eine theoretische und sehr schwierige Arbeit ist.

    Was zeigt das? Die Medien brauchen scheinbar konkrete Namen, um eine Geschichte aufzugreifen, während sich die wissenschaftliche Community selbst auch von Ideen beeinflussen lässt.

    Letztlich gibt es Mittel und Wege der Datenselektion oder gar -Manipulation, gegen die kein Reviewer etwas tun kann. Replikationen, die bestehende Befunde auf den Prüfstand stellen, gelten als langweilig oder sind oft gar nicht möglich (ein Nebenbefund der Voodoo-Diskussion, siehe auch Ioannidis et al., Nature Genetics 41: 149-155); und selbst wenn sie scheitern, können die alten Befunde weiter in den Bibliotheken stehen.

    Ich denke, alle diese Aspekte deuten darauf hin, dass Ehrlichkeit in der Wissenschaft unerlässlich ist, dass aber auch wirksame Kontrollen nötig sind und der wissenschaftliche Publikations- sowie Beurteilungsprozess verbesserungsfähig ist.

  19. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Gunnar Glitscher

    Weil mich a) Wissenschaft so fasziniert, dass ich mir bessere Strukturen wünschen würde und weil ich es b) unerträglich finde, dass sich viele von uns "Gebildeten" einerseits über das "gemeine Volk" erheben wollen, andererseits aber gar nicht sehen, dass wir den gleichen Mechanismen unterliegen. Ich hätte mir die Empörung schon damals bei den "Doktor-Machern" gewünscht und hoffe jetzt, dass die dringend notwendige Debatte um Ehrlichkeit in der Wissenschaft nicht gleich wieder mit dem "Glamour-Faktor" einschläft. Wir haben jetzt so "unsere" Moral als Wissenschaftler betont, dass wir jetzt nicht einfach zurück zur Tagesordnung sollten. Mindestens eine Neufassung der Prüfungsordnungen wäre m.E. nötig, wie sie Koenneker und Lingenhöhl zu Recht fordern:
    http://www.wissenschaft-online.de/...edium=twitter

  20. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Stephan Schleim

    Vielen Dank - und volle Zustimmung! Und das zeigt eben auch, dass wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genau so funktionieren wie andere Menschen auch (und z.B. über "Personalisierungen" viel stärker angesprochen werden). Und es würde unserem eigenen Anliegen und Betrieb gut tun, wenn wir das auch öfter reflektieren würden, statt auf "die Öffentlichkeit" bzw. "die Politik" herab zu sehen. Wir sind Teil des Ganzen und stehen nicht per se moralisch darüber. Danke für Deine guten Beobachtungen dazu!

  21. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Der Punkt a), Freude am Forschen und das Interesse an der Optimierung von Strukturen, dürfte in der Wissenschaftsgemeinde Konsens sein. Die unter b) in den Raum gestellte Unterstellung einer verbreiten, heuchlerischen Hybris der Wissenschaftler gegenüber 'dem gemeinen Volk' möchte ich zurückweisen, denn gerade heute kommt die Wissenschaft ihrer Bringschuld, neue Erkenntnisse 'dem gemeinen Volk' nahe zu bringen, in offensiver und vielfältiger Weise nach.
    Die wissenschaftlichen Arbeitsprinzipien haben sich als außerordentlich erfolgreich erwiesen - ihre Früchte prägen unseren Alltag, unser Leben.

    Und deswegen muss die Gesellschaft - nicht nur die Wissenschaft -darauf achten, dass Studenten, Doktoranden und alle in Forschung und Lehre Tätigen nicht bei ihrer Arbeit nicht betrügen.

    Bewusstes Täuschen ist auch Selbstbetrug und der Tod der wissenschaftlichen Arbeitsmethode - auf dieser Basis funktioniert Wissenschaft schlicht nicht.

    Mit 'moralischen' Bedenken hat die Empörung bei der Aufdeckung von Wissenschaftsbetrug also nur bedingt zu tun.

    Was im aktuellen Fall aber ein Novum darstellte, war der verheerende Eindruck, Politik und politisches Taktieren seien mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo Politik in manipulativer Absicht sich selber zur Quasiwissenschaft erhebt, die der echten Wissenschaft überlegen und übergeordnet sei.

    Es war die Bundeskanzlerin, die - als Promovierte (!) - den 'Sündenfall' beging, aus der Fähigkeit eines Menschen zu betrügerischem Handeln eine besondere Eignung für hohe Ämter abzuleiten, denn dass es sich um ein und den selben Menschen handelte, wusste sie natürlich sehr genau.

    Bei einer ehrlichen Beurteilung der Angelegenheit, hätte sie zu dem Schluss kommen müssen: Wer in großem Umfang bei der Erstellung einer Dissertationsarbeit betrügt und dies für alle sichtbar durch Lügen verschleiern will, kann kein Vertrauen für ein wichtiges Amt genießen.

    Wie wir wissen, argumentierte sie anders und berief sich dabei auf eine sinistre Scheinlogik, die ihr Politikverständnis in ein mehr als dubioses Licht stellt.

    Die verzweifelten, politisch motivierten Vertuschungsbemühungen waren letztlich der Versuch, Unwahres als wahr erscheinen zu lassen - Politik erhob sich in den Rang einer (Pseudo-) Wissenschaft, der Wissenschaft vom Betrug, Politik kam plötzlich als 'Betrugswissenschaft' daher, die der etablierten Wissenschaft überlegen sei.

    Und genau das brachte die akademische Welt dann vollends auf die Palme. Ihre Frage, warum es nicht schon früher zu ähnlich überschäumender Empörung gekommen sei, signalisiert, dass Sie die Beweggründe der Revoltierenden nicht nachfühlen können und daher zu dem Schluss kommen, die Aufregung sei unehrlich.

    Nein, das ist sie nicht. Dieser Sturm der Empörung ist echt und er ist begründet. Dass er unvermittelt einsetzte, ist ein gutes Zeichen dafür, dass zynisch und anmaßend agierende Akteure, die den Bogen demokratieschädigend überspannen und meinen, die Wissenschaft habe sich ihnen unterzuordnen, in einer aufgeklärten Gesellschaft, keinen Erfolg haben.

    Diesen Aufstand der wissenschaftlichen Welt muss man als redlicher Wissenschaftler unterstützen. Der Verweis auf eventuelle frühere Gelegenheiten ist ebenso müßig wie die Klage, dass der Wandel in Ägypten erst in diesen Wochen standfand und nicht schon 2005.

    Spätestens dann, wenn nicht nur ein 'Sündenbock', sondern ganze Herden von Böcken den Acker der Wissenschaft besudeln wollen, muss man etwas dagegen unternehmen. Solche Solidarität befördert das 'Hygienebewusstsein' der 'Retter' für Sauberkeit im wissenschaftlichen Betrieb besser, als manche nachträgliche Nörgelei.

    Auch die Beantwortung der Frage, wie eine von Plagiaten durchsetzte Dissertationsarbeit mit einem 'Summa cum laude' bewertet werden konnte, wird nur dann gelingen, wenn sich Studenten und Wissenschaftler gegen politische Bevormundung auch künftig wehren.

    Sie verspüren einen 'schalen Beigeschmack', weil einer, der sich sich der Unwahrheit mehr verpflichtet fühlte, als der Wissenschaft strauchelte?

    Ich nicht, denn das wäre unfair gegenüber jenen, die den Doktorgrad ohne systematischen Betrug und ohne Hofstaat erwarben.

  22. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    Ein 'nicht' zuviel im Kommentar oben

    Also so:

    Und deswegen muss die Gesellschaft - nicht nur die Wissenschaft -darauf achten, dass Studenten, Doktoranden und alle in Forschung und Lehre Tätigen bei ihrer Arbeit nicht betrügen.
    ---------

    Meine Damen und Herren - ich habe diesen Kommentar in mühevoller Kleinstarbeit ganz alleine angefertigt, und er enthält - natürlich - auch noch weitere Fehler, was niemanden mehr schmerzt, als mich selber und was ich selbstverständlich von ganzem Herzen bedauere. ;-)

  23. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Gunnar Glitzscher

    Ihr Bedauern nehme ich mit Hochachtung zur Kenntnis und bitte darum, NICHT zurück zu treten! :-)

  24. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    Randerscheinung

    "Ein Drittel der Forscher bekannte sich dann schuldig, in mindestens einem Fall innerhalb der zurückliegenden drei Jahre die Regeln akademischer Redlichkeit gebrochen zu haben. Es sei an der Zeit, diese Zustände nicht länger zu verharmlosen, ..."

    Na und? Wahrscheinlich liegt die wirkliche Zahl um einiges höher als ein Drittel. Würde man nach Verstößen gegen die Verkehrsregeln fragen, kämen selbstverständlich weit höhere Zahlen heraus. Wäre das ein Grund, "diese Zustände nicht weiter zu verharmlosen"? Ganz sicher nicht. Beträfe das Ergebnis der Studie schwere Verstöße, vergleichbar dem Fall Guttenberg, wäre das etwas anderes. Aber die sind selten.

    "Am Sonntag meldete sich dann der erste Autor, der in den Arbeiten von Professoren (!) unzitierte Entnahmen von seinen eigenen Texten gefunden habe." Ja, das habe ich auch schon gefunden - ein einziges Mal in Jahrzehnten.

    An den Universitäten liegt vieles im Argen. Man muß wohl sagen: So schlimm wie seit ein paar Jahren ging es möglicherweise nie zu, kaum mehr etwas erinnert an das, was mit "Universität" einst gemeint war. Aber das, was Sie hier ansprechen, ist, so sehr es die Öffentlichkeit erregt - nicht erst sein dem Fall Guttenberg, auch da haben Sie Unrecht - ist eine Marginalie, die vom Wichtigen ablenkt.

  25. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Ludwig Trepl

    Nun, ich hatte bewusst mit dem Posting bis nach dem Rücktritt gewartet, weil es ja gerade nicht darum gehen sollte, "abzulenken". Aber spätestens jetzt sollten m.E. wir Wissenschaftler den moralischen Furor schon auch auf unsere eigenen Zustände beziehen - um der Sache Wissenschaft und unserer Glaubwürdigkeit willen. Sonst wäre die allfällige Empörung im Übrigen auch schlicht als Heuchelei entlarvt.

  26. Ingo Bading Antworten | Permalink

    Hat mit Wissenschaft gar nichts zu tun

    Das Thema Guttenberg hat einfach etwas mit EHRLICHKEIT zu tun. Es ist vielmehr ein Merkmal der politischen Kultur unseres Landes, daß es erst eines Aufschreis in der Wissenschaft bedurfte, bis man auch in der Politik merkte, daß jemand, der lügt, kein guter Politiker ist. Und Punkt. Es hat VERZWEIFELT lang gedauert. Was alles über die politische Kultur unseres Landes aussagt.

    Wäre Guttenberg zuvor Banker oder Manager gewesen und hätte betrogen, wäre der Sachverhalt ganz genauso. Nur daß es vielleicht solchen keinen Aufschrei in der Bankwelt oder in der Wirtschaftswelt gegeben hätte wie jetzt in der Wissenschaft.

    DIESBEZÜGLICH hatte sich die Politik "verkalkuliert".

    Alles außerordentlich traurige Zeichen.

    Frau Merkel tut so, als ob Unehrlichkeit ein Kavaliersdelikt wäre. DAS ist der Skandal. Ein riesiger Skandal. Sie sagt sozusagen, die Deutschen wären politisch noch nicht reif genug, um zu verstehen, daß Ehrlichkeit kein Kriterium für gute Politik und gute Politiker ist.

    Pfui Teufel.

  27. Michael Blume Antworten | Permalink

    Schriftliche Rüge

    Anfang Februar hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft zwei Wissenschaftler des Plagiats bei einem Forschungsantrag überführt - also bei der Einwerbung von Geldmitteln.

    Die Konsequenz? Entlassung? Titelaberkennung? Ermittlungen, Strafzahlungen, öffentliche Bloßstellung?

    Aber nein - eine anonyme "schriftliche Rüge", das war's...
    http://www.dfg.de/...semitteilung_nr_05/index.html

  28. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    Rosstäuscherei

    Richtig, es ging um einen Antrag, nicht um eine Dissertationsarbeit. Der Fall ist mit deutlichen Worten bewertet und gerügt worden, auch vom Vertrauen (das hier beschägt wurde) ist die Rede. Die Betroffenen werden sich gut überlegen, ob sie künftig nochmals wissenschaftliche Prinzipien durch die Nichtkenntlichmachung von Zitaten verletzen.

    Man kann natürlich darüber diskutieren, ob eine Rüge in diesem Fall als Sanktion ausreichend war.

    Aber nun zu fordern, dieser Fall müsse
    in gleicher Weise öffentlich diskutiert werden, wie die Affäre Guttenberg, schießt weit über das Ziel hinaus und übersieht die völlig unterschiedliche Sachlage, Bedeutung und Dynamik beider Fälle.

    Für mich wird jetzt deutlich, lieber Herr Blume, dass es Ihnen nicht so sehr um die 'Rettung der Wissenschaftskultur' geht, als um das Beschädigen des Ansehens derer, die Ihren Parteikollegen Herrn Guttenberg zu Recht massiv kritisieren.

    Hätte der EX-Minister nicht so hartnäckig geleugnet, betrogen zu haben, wäre die Angelegenheit für ihn glimpflicher verlaufen - vielleicht wäre er sogar noch im Amt.

    Die Schuld dafür, dass er nicht mehr im Amt ist, trägt er ganz alleine. Auch wenn die Rolle des Doktorvaters und der Uni Bayreuth noch nicht geklärt ist, muss man doch sehen, dass kein Mensch den für einige scheinbar immer noch 'sehr tollen Baron' gezwungen hat, zum Betrüger zu werden.

    Fragen Sie doch bitte ruhig mal die überaus geniale und lebenserfahrene Bundeskanzlerin, warum sie ihrem Superstar nicht geraten hat, die Sache offen zuzugeben, in Sack und Asche vor das Volk zu treten und um Vergebung seiner Sünden zu bitten.

    Aber das schaffen heutzutage offenbar selbst diejenigen nicht mehr, die an allen Klassenzimmerwänden Holzkreuze sehen wollen und in jedem 5. Satz vom lieben Gott reden.

    Nicht die akademische Welt ist auf dem hohen Ross unterwegs, sondern heuchlerische Rosstäuscher und Antidemokraten, die im Namen des Buchstaben 'C' den Bürgern ein X für ein U vormachen wollen.

    Ich schließe mich dem Kommentator Ingo Bading an und sage zu dieser Form von Schlamm-Politik:

    Pfui Teufel!

  29. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Gunnar Glitzscher

    Da kann ich mich nur wiederholen: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, auf den zeigen mehrere Finger zurück. Und wer immer nur Andersdenkende beschimpft, Missstände in den eigenen Reihen aber klein redet, entlarvt sich selbst. Nein, ich hätte im obigen Fall keine Entlassung der Wissenschaftler gefordert. Aber mir auch gegenüber zu Guttenberg etwas mehr Fairness im Umgang gewünscht. Ich reagiere skeptisch, wenn Leute die Moral allzu laut nur für sich reklamieren und andere auch gleich mit dem Teufel beschimpfen...

  30. MountainKing Antworten | Permalink

    Ehebrecherin

    "Dass Jesus also der Ehebrecherin eine zweite Chance gab, halte ich für eines der stärksten Gleichnisse. Und habe die letzten Tage öfter mal daran denken müssen."

    Nun steht pikanterweise dieses Gleichnis auch unter starkem Plagiatsverdacht, es war mit großer Sicherheit nicht Bestandteil des originalen Evangeliums, sondern wurde von einem späteren Bearbeiter dem Verfasser ("Johannes") untergeschoben. Mit dem historischen Jesus hat es dementsprechend wohl herzlich wenig zu tun, was natürlich an der Wirkung im Rahmen der christlichen Theologie und Geschichte sowie der moralischen Wertigkeit nichts ändert. So wie ein Verteidigungsminister, der seinen Job gut macht, ja eigentlich auch keinen Doktortitel braucht. :-)

  31. Michael Blume Antworten | Permalink

    @MountainKing

    Die Jüdische Allgemeine hat ganz ähnliche Beobachtungen (mit einer guten Prise Humor) gemacht, hier:
    http://www.juedische-allgemeine.de/...view/id/9762

    Und der Präsident der Berliner Humboldt-Uni, Prof. Olbertz, hat inzwischen auch gemeint, die Wissenschaft solle Guttenberg für die angestoßene Debatte dankbar sein, Zitat:
    »Eigentlich sollten wir zu Guttenberg sogar dankbar sein«, sagt Jan-Hendrik Olbertz. »Sein Vergehen hat eine gesellschaftliche Debatte über die Qualität wissenschaftlicher Leistungen ausgelöst, die wir schon längst hätten führen sollen. Doch die Wissenschaft war offensichtlich nicht in der Lage, sie selbst auszulösen.«

    http://www.zeit.de/...Wert-des-Doktortitels?page=3

    Wenn das mal nicht ein salomonisches Schlusswort ist... ;-)

  32. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Zitat:

    'Da kann ich mich nur wiederholen: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, auf den zeigen mehrere Finger zurück.'

    Das ist ein bequemes 'Killerargument', mit dem man jede Form von Kritik verurteilen kann.

    Kein Lebensbereich ist ohne Mängel - Menschen sind nicht perfekt. Sollte man deshalb zu jedem Vergehen schweigen?

    Wohin Schweigen führt, kann man am hässlichen Beispiel der Missbrauchsskandale u. a. im kirchlichen Bereich sehen.

    Und nun? Dürfen Geistliche deswegen nicht mehr von der Kanzel herab den Menschen ins Gewissen reden?

    Die Wissenschaft funktioniert, ohne sie wäre unser Leben ein anderes. Die Strukturen lassen sich sicher verbessern -aber nur, wenn wir die Missstände erkennen und beseitigen wollen (so gut es eben geht).

    Der aktuelle Fall war sicher ein guter Beitrag zur Intensivierung dieser - seit es Wissenschaft gibt - ständig laufenden Prozesse.

    Mitmachen heißt die Devise, herumnörgeln hält da nur auf.

  33. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Gunnar Glitscher

    Hmmm, jetzt haben wir ein Problem - ich sehe keinen Grund, Ihren letzten Kommentar zu widersprechen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Ihrem letzten Beitrag einfach zustimme? Denn, ja, so sehe ich es auch! :-)

  34. Klaus Schäfers Antworten | Permalink

    Wenig Hoffnung auf Besserung.

    Es scheint wenig Hoffnung zu geben, dass sich noch einmal etwas ändert. Aus Bayreuth wird alle Kritik nur abgewiegelt. Alle Schuld läge bei Guttenberg, Google seit damals noch nicht so gut gewesen, um das Plagiat zu erkennen und das "summa cum laude" sei ansonsten gerechtfertigt gewesen.
    Das halte ich insgesamt für inakzeptable.
    Jemand, der dich mit der Materie so gut auskennt, dass er Gutachter einer Dissertation wird, sollte auch ohne Google erkennen, dass der Inhalt nicht über die aktuelle wissenschaftliche Diskussion hinaus geht. Ein "summa cum laude" kann wohl kaum für eine Arbeit vergeben werden, welche nur den aktuellen Stand der Wissenschaft wiedergibt.
    Außerdem sollte erwartet werden, dass jemandem, der voll In der Materie beheimatet ist feststellt, dass der Inhalt mit anderen Publikationen übereinstimmt. Genau deshalb ist dies ja auch Prof. Dr. Andreas Fischer-Lescano aufgefallen. Den Gutachtern aber offensichtlich nicht.

    Bei SPON gab es einen guten Artikel dazu, was in Deutschland offensichtlich falsch läuft: http://www.spiegel.de/...ium/0,1518,747408,00.html

    Leider scheint das so, dass solche Worte einfach verhallen. Die Herrn Gutachter sind nicht fähig Selbstkritik zu üben. Es wird nur abgewiegelt und demnächst wieder zur Tagesordnung übergegangen.

    Oder auch kurz: "machen wir schon immer so", "haben wir noch nie anders gemacht" und "da könnte ja jeder kommen".

  35. Euro vs. DM Antworten | Permalink

    @ Gunnar Glitscher - Sind Sie des Wahnsinns?

    Zitat:
    "Wohin Schweigen führt, kann man am hässlichen Beispiel der Missbrauchsskandale u. a. im kirchlichen Bereich sehen."

    Ihre Schlussfolgerung:
    "Mitmachen heißt die Devise, herumnörgeln hält da nur auf."

    Dann gehen Sie doch ins Kloster und machen es mit.

    Nein! Von innen wird sich nichts Tun. Das Warum können Sie an Ihrem schönen Beispiel aus dem kirchlichen Bereich studieren.
    Verbrecher müssen vor Gericht und in jedem Fall muss ein Berufsverbot auferlegt werden plus eine fallabhängige Strafleistung.
    Das geht nur von außen. Der Staatsanwalt muss her. Verbrechensbekämpfung ist hier das Stichwort.

    Amtsmissbrauch, Veruntreuung, Bestechlichkeit, Vetternwirtschaft, Bildung einer Kriminellen Vereinigung, Gemeinschaftlicher Betrug, das reicht schon mal für eine Untersuchungshaft.

  36. Stefan Wehmeier Antworten | Permalink

    Apokalypse

    "The greatest tragedy in mankind's entire history may be the hijacking of morality by religion."

    Arthur C. Clarke

    Die Heilige Schrift ist eine besondere Form von Science-Fiction: die Extrapolation auf der Technologie der Makroökonomie. Wird sie über einen zu langen Zeitraum von Moralverkäufern missbraucht, kommt es zur größten anzunehmenden Katastrophe:

    http://www.deweles.de/willkommen.html

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