Geld Macht Atompolitik

22. August 2010 von Björn Lohmann in Energie

BMU Plakat Atomausstieg (Foto: Denis Apel)Wenn unterschriebene Verträge nichts bedeuten, Konzerne der Politik die Richtung vorgeben, und die Politik den Willen des Volkes ignoriert – dann klingt das nicht nach Zuständen in einer europäischen Demokratie. Weit gefehlt, wie das Gemauschel zwischen Atomenergie und Bundesregierung mal wieder zeigt.

Man weiß gar nicht so genau, worüber man sich in der aktuellen Atomenergiedebatte am meisten aufregen soll. Dass sie überhaupt geführt wird, obwohl die Energiekonzerne einen klar definierten Ausstiegsvertrag unterschrieben haben und nun damit brechen wollen? Oder dass die Regierung nicht nur den Willen des Volkes ignoriert, sondern auch noch dem zuständigen Ministerium Knüppel zwischen die Beine wirft, wenn es nicht sämtliche Wünsche der Atomkonzerne erfüllen will?

Kein Geld nirgends?

Oder sollte man sich am meisten ärgern über die ganzseitige Anzeige, die die vier Energieriesen gerade in den deutschen Tageszeitungen schalten? „Mut und Realismus für Deutschlands Energiezukunft“ heißt es darin. Sie beginnt mit ein Lobgesängen auf die erneuerbaren Energien, um daraus das Fazit zu ziehen: Wir brauchen Atom- und Kohleenergie auch weiterhin. Schauen wir uns die Argumente an:

Da heißt es sinngemäß: „Brennelemente- oder höhere Ökosteuern verhindern Zukunftsinvestitionen.“ Ist damit gemeint, dass die Atomkonzerne aufgrund der 2,3 Milliarden Euro jährlicher Brennelementesteuern nicht genug Geld für neue Kraftwerke haben? Wohl kaum, allein RWE hat 2009 – mitten in der Wirtschaftskrise, wo der Stromverbrauch der Industrie auf einem Tiefpunkt war, 7,1 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Und seit wann zahlt ein Energiekonzern Ökosteuern für neue, umweltfreundliche Kraftwerke?

Netze ausbauen - ja bitte!

Weiter heißt es, das Stromnetze müsse modernisiert und ausgebaut werden. Das unterschreibe ich nicht nur sofort, das fordern vor allem die kleinen Energieerzeuger, allen voran die Ökostromer, schon lange, doch eben die Initiatoren der Anzeigenkampagne vernachlässigen das Feld noch viel länger. Für das Stromnetz, das nötig wäre, um Europa so zu rüsten, dass es sich zu 80 Prozen durch erneuerbare Energien versorgen könnte, rechnen Studien mit rund 52 Milliarden Euro Investitionskosten. Die deutschen Energiekonzerne könnten das in zwei Jahren stemmen, die europäischen in weniger als einem einzigen. Warum wird also gejammert und nicht gehandelt?

Wörtlich heißt es: „Damit die Preise für alle bezahlbar bleiben, können wir bis auf Weiteres nicht auf kostengünstige Kohle und Kernenergie verzichten.“ Dass Kohle und Kernenergie in erster Linie aufgrund von direkten und indirekten Subventionen so günstig sind, lassen wir mal außen vor. Wir ignorieren auch besser, dass die vier Atomkonzerne selbst dann noch jedes Jahr Milliardengewinnen machen würden, wenn sie die auf den Verbraucher umgelegten Fördergelder für die Solarenergie – immerhin acht Milliarden Euro laut Anzeige – selbst tragen würden. Wir konzentrieren uns lieber auf das „für alle bezahlbar“. Sind damit die Inselstaaten gemeint, die beginnen, Festlandstaaten Landfläche abzukaufen, weil sie damit rechnen müssen, dass ihr Staat, die Heimat von Millionen Menschen, wegen der Klimaerwärmung in wenigen Jahrzehnten absäuft oder durch Fluten unbewohnbar wird? Oder sind damit unsere Enkel gemeint, auf die nach heutiger Schätzung jährlich dreistellige Milliardenbeträge zur Bekämpfung der Klimawandelfolgen zukommen, wenn wir nicht heute handeln – indem wir zum Beispiel Kohlekraftwerke auslaufen lassen? Vielleicht aber sind auch Menschen wie jene in Russland gemeint, die gerade durch die Waldbrände erst wieder die Folgen von Tschernobyl spüren.

Die Last der Bürger (i.e. Investoren)

Schön auch der Satz: „Ein vorzeitiger Ausstieg [aus der Kernenergie] würde Kapital in Milliardenhöhe vernichten – zu Lasten der Umwelt, der Volkswirtschaft und der Menschen in unserem Land.“ Bislang dachte ich, es geht in der aktuellen Debatte nicht darum, den Ausstieg aus der Atomenergie vorzuziehen – auch wenn ich die Idee gut finde. Und so richtig sicher, dass das Umwelt und Menschen in diesem Land Schaden nehmen ohne Atomkraftwerke, bin ich auch nicht, ebenso wenig wie die Volkswirtschaft. Schaden nehmen würden die Investoren der vier Atomkonzerne (die dann für ein paar Jahre ein paar Milliarden weniger erwirtschaften würden). Gewinnen würden dafür alle anderen Stromerzeuger und Hersteller sowie Serviceanbieter im Bereich der erneuerbaren Energien. In der Atomenergie arbeiten seit Jahren etwa 35.000 Menschen. Bei den Erneuerbaren sind es laut Bundesumweltministerium mehr als 300.000 Arbeitsplätze, Trend steil nach oben. Aber ach, arme Volkswirtschaft, armer Menschen, wenn es die Atomkraftwerke nicht mehr gibt.

Ein letzter Blick noch auf die Unterzeichner der Anzeigenkampagne: Was wie einen bunte Sammlung aussieht aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Prominenz entpuppt sich bei genauem Hinsehen als eine reine Sammlung Kohle- und Atomlobbyisten (was wenig überrascht) und Vertreter besonders energieintensiver Unternehmen – oder Investoren eben jener Branchen. Oliver Bierhoff, beispielsweise, ist Sohn eines ehemaligen RWE-Vorstandsmitglieds. Und so kann man die gesamte Liste durchgehen.

Sicherheit vor Rendite!

Vor zwei Jahren standen sechs Atomkraftwerke gleichzeitig still. Aus meiner Steckdose kam Strom, wie sah es mit Ihrer aus? Die sieben ältesten, störanfälligsten Kraftwerke könnte man sofort abschalten, und niemand würde es bemerken. Denn darum sollte es bei der Atomdebatte gehen: um die Sicherheit der Bevölkerung und nicht um eine Milliarde Rendite mehr oder weniger.

Foto: Denis Apel


28 Kommentare zu “Geld Macht Atompolitik”

  1. Mathias Antworten | Permalink

    ....

    Björn.. ich sehe es mittlerweile Lakonisch..
    Europas Staaten sollten die Netze Aufbauen, und dann eine Nutzungsgebühr erheben, die sich nach der Größe der Unternehmen, oder der Einleitung richtet.
    Dies würde die kleineren, Dezentralen Ökostromanbieter helfen zu wachsen, und die großen Stromanbieter benachteiligen.
    Und das haben die sich dann selbst zu zuschreiben.
    Der Staat(en) hätten neue Einnahmequellen..
    Staaten sollten sich von niemanden erpressen lassen, und schon garnicht so Dummdreist wie von der Atomlobby...

  2. Mona Antworten | Permalink

    Zeitungsanzeigen

    Ganzseitige Anzeigen in Zeitungen sind natürlich ein geschickter Schachzug der Atomlobby. Zum einen wird dem einfachen Zeitungsleser die scheinbare Wichtigkeit der der Sache, hier die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken, suggeriert und zum anderen werden die Zeitungen unter Druck gesetzt, ja nicht allzu kritisch über das Thema zu schreiben, da sie dadurch einen wichtigen Anzeigenkunden verlieren könnten. Sachliche Argumente werden dadurch leider zweitrangig. Manipulation durch Werbung, auch mit Prominenten, ist man ja bereits gewohnt. Allerdings ist es ein Unterschied, ob sich jemand ein überteuertes Haarshampoo andrehen lässt oder ob uns in ein paar Jahren einer von diesen alten Reaktoren um die Ohren fliegt.

  3. Jan Gottwald Antworten | Permalink

    Grundlastabsicherung

    Hallo,

    ist ja durchaus ein interessanter Text (auch wenn das mit dem Feuer und Tschernobyl Unsinn ist, eine Gefahr besteht hier nicht). Aber ich würde gerne mal wissen, da Sie ja den Ausstieg aus der Kernkraft vorziehen und auch die Kohlekraftwerke abschalten würden, wie die Grundlast, die aktuell zu 94% aus diesen beiden Formen abgedeckt wird, in Zukunft zur Verfügung gestellt werden kann.

    Mich bitte nicht falsch verstehen: die Kernkraft und die Kohle sollte man besser heute als morgen loswerden, aber man sollte auch realistisch bleiben: eine sofortige Abschaltung ist beim derzeitigen Bedarf an Energie sowie dem Stand der Technik einfach nicht möglich.

    Und auch die Abschaltung aller KKW's bis 2022 würde den Neubau von so vielen Grundlastfähigen Kraftwerken erfordern, das ist technisch in dieser kurzen Zeit einfach nicht realisierbar (wobei sich immer noch meine Frage von oben stellt was das für Kraftwerke sein könnten wenn Sie auch den Neubau von Kohlekraftwerken ablehnen).

  4. Cendrillon Antworten | Permalink

    Im Tal der ahnungslosen Öko-Gutmenschen

    Was sollen denn kleine, dezentrale Energieerzeuger mit einem teueren Hochspannungsnetz anfangen? Den Schweinegüllestrom nach Hinterindien exportieren?

    So ein Unfug. Die Ökofraktion hat von Technik soviel Ahnung wie ein Pottwal von der Kernspin-Tomographie.

  5. Björn Lohmann Antworten | Permalink

    @Jan Gottwald und Cendrillon

    @Jan Gottwald: Grundlast
    Die im Text verlinkte Studie, die aus Forschung und Wirtschaft kommt, nicht von einem Öko-Institut oder so, zeichnet folgendes Szenario: Bei 80 Prozent EE sind 20 Prozent Grundlast bereits abgedeckt. Hinzu kommen Wasserkraft, Biomasse und Geothermie. Interessanterweise addieren sich (empirisch ermittelt, und ich glaube, meteorologisch auch plausibel) Windenergie und Sonnenenergie grob zu einer Konstanten, so dass die Schwankungen geringer sind als oft befürchtet. Und zuletzt ist die installierte Überkapazität höher als bislang. Bei 100 Prozent Energie gilt Vergleichbares mit mehr Überkapazität. Das Ganze geht nur als europäisches Gesamtkonzept, weil dann jede Region ihre Stärken ausspielen und über ein modernes Stromnetz nach Bedarf verteilen kann.

    @Cendrillon: Nutzen der Hochspannungsnetze
    Für den kleinen, dezentralen Erzeuger sind natürlich direkt von Nutzen moderne, intelligente Netze, nicht unmittelbar die europaweiten Hochspannungsnetze. Die aber sind indirekt dennoch auch für die "Kleinen" wichtig, weil sie erst ermöglichen, dass eine rein erneuerbare Stromerzeugung funktionieren kann. Schon heute blockieren Atomkraftwerke die Netze, so dass Windparks abgeschaltet werden müssen oder bei starkem Wind eine Überlastung droht, weil AKWs nicht mal eben gedrosselt werden können. Und ob der Strom, der von Nord nach Süd (oder umgekehrt) fließt, nun von zehn großen oder tausend kleinen Kraftwerken stammt - die benötigte Leitungskapazität ist dieselbe.

  6. Cendrillon Antworten | Permalink

    Sweet lies

    Zitat:
    "
    Schon heute blockieren Atomkraftwerke die Netze, so dass Windparks abgeschaltet werden müssen oder bei starkem Wind eine Überlastung droht, weil AKWs nicht mal eben gedrosselt werden können
    "

    Für beide Aussagen gibt es nicht den allergeringsten Beweis. Die letztere Aussage ist übrigens nachweislich falsch.

    Zitat von Fritz Vahrenhold/ RWE:
    "
    Vahrenholt: Die Mär, dass Kernkraftwerke immer konstant rund um die Uhr laufen müssen, ist falsch. Ich kann eine Anlage in 15 Minuten auf die Hälfte der Leistung drosseln. Wenn ich das mit mit mehreren Anlagen gleichzeitig mache, habe ich einen gigantischen Hebel, um das Stromangebot in Deutschland auch bei schwankendem Angebot von Ökostrom stabil zu halten
    "

    Das sollte zum Allgemeinwissen gehören. Wer sich für Energiepolitik engagiert sollte wenigstens die elementaren Gundlagen kennen. Und die Räuberpistole, dass Windanlagen abgeschaltet würden ist eben das.

    Zitat:
    "
    Die aber sind indirekt dennoch auch für die "Kleinen" wichtig, weil sie erst ermöglichen, dass eine rein erneuerbare Stromerzeugung funktionieren kann.
    "

    Was haben Riesenwindparks in der Nordsee mit kleinen dezentralen Energieerzeugern zu tun? Diese Riesenwindparks werden von wem konstruiert und betrieben? Eben von den Riesen und nicht von den Zwergen.

  7. Björn Lohmann Antworten | Permalink

    Cendrillon: Bitte keine Stammtischreden

    Wenn Sie nur Propaganda loswerden wollen, suchen Sie sich bitte einen anderen Blog.

    Windkraftwerke werden regelmäßig abgeschaltet, obwohl sie eigentlich Priorität im Stromnetz haben (siehe z.B. http://www.wiwo.de/...tromnetz-der-zukunft-412399/ oder http://www.heise.de/...leswig-Holstein-278623.html ).

    Atomkraftwerke können nicht schnell genug gedrosselt werden, maximal zehn Prozent pro Minute. Die Reaktion muss aber in Sekunden erfolgen, damit das Netz nicht zusammenbricht. Das Hochfahren ist übrigens deutlich langsamer möglich und wäre ebenfalls wichtig, wenn der Bedarf steigt (siehe zur Regelträgheit auch Wikipedia: http://de.wikipedia.org/...erk#Grundlastkraftwerke ).

    Von Stromnetzen scheinen Sie noch weniger zu verstehen: Für die Netzlast ist entscheidend, wie stark die Schwankung ausfällt. Ob die nun ein riesiger Offshore-Park erzeugt oder Tausende einzelne Windräder in der gleichen Region. Davon ab wurden die meisten Windparks bislang von Mittelständlern gebaut, auch Stadtwerke, Kommunen und Bauern sind in den EE aktiv. Eben weil die vier Oligopolisten die Entwicklung verschlafen haben, haben sie ja so lange das Netz vernachlässigt.

  8. Mathias Antworten | Permalink

    @Cendrillon:

    Von Technik hat man also keine Ahnung, wenn man AKWs, nicht so toll findet?
    Hochinteressant.
    Das geht von Solarstrom, Windparks, Biomassereaktoren, Algenkraftwerken, Geothermie, Minigaskraftwerken, Blockheizkraftwerke uvvm..
    Schon heute kann mein Heimatlandkreis 47,1% seines Energiebedarfs, aus erneuerbaren Energien, selbst decken.
    http://www.potsdam-mittelmark.de/...e/energie.html
    Dies ist für uns ein Standortvorteil und Regionale Arbeitsplätze..

  9. Mona Antworten | Permalink

    Brennelementesteuer

    Auch wenn es mancher nicht verstanden hat, es geht hier nicht darum "ahnungslosen Öko-Gutmenschen" zuzustimmen, sondern um die Zukunft unserer Demokratie. Wenn sich die Regierung von den Stromkonzernen erpressen lässt, dann stehen nicht mehr Gemeinwohl und Steuergerechtigkeit im Vordergrund, sondern nur noch die Interessen der verschiedenen Lobbyisten. Es reicht doch schon, dass die Regierung vor den Hoteliers in die Knie ging und ihnen eine niedrigere Mehrwertsteuer angedeihen ließ.
    Die Regierung gestand den AKW-Betreibern längere Laufzeiten für ihre alten Reaktoren zu, dafür sollen sie von dem daraus erwirtschafteten Gewinn eine sog. Brennelementesteuer zahlen, diese ist Teil des Sparpakets mit dem die Auswirkungen der Bankenkrise abgefedert werden sollen. Nur, die Stromkonzerne möchten ihre enormen Gewinne, die sie durch die Laufzeitverlängerung erwirtschaften nicht so ohne weiteres teilen. Darum soll die Regierung einen Vertag unterschreiben, der vorsieht, dass sie lediglich einen einmaligen Ablass zahlen müssen, die Gesellschaft aber im Gegenzug sämtliche Risiken für die weitere Nutzung der Kernkraft übernimmt. Und diese dürften enorm sein, dass wissen auch die Stromkonzerne.

  10. Michael Khan Antworten | Permalink

    Regelung von Kernkraftwerken

    Nach meinem Kenntnisstand (basierend auf einigen Semestern Kerntechnik als Nebenfach) ist die kurzfristigen Herabregelung von Druckwasserreaktoren zwar technisch möglich, aber wenig wirtschaftlich und deswegen praktisch nicht wünschenswert. Die anfallende erhebliche Nachzerfallswärme muss aufwändig abgeführt werden. Dabei verbraucht das Kraftwerk viel Strom, anstatt welchen zu erzeugen.

    Gleichzeitig ist es aber aufgrund der Xenonvergiftung bei der plötzlichen Drosselung so, dass das Hochfahren für viele Stunden praktisch ausgeschlossen ist. Das heißt: Regelt man das Kraftwerk herunter, bleibt es eine Zeit unten.

    Wie es mit dem Weiterbetrieb im gedrosselten Zustand aussieht, kann sicher jemand aus der versammelten Expertenriege hier beantworten. Detaillierte und dedizierte Informationen habe ich momentan nicht parat, aber dennoch habe ich erhebliche Zweifel an der Wirtschaftlichkeit, ja sogar an der praktischen Durchführbarkeit einer solchen Betriebsart.

    Mit anderen Kernkraftwerkstypen sähe das anders aus, aber dank jahrzehntelanger Bremspolitik haben wir die hier nicht.

    Die wirtschaftliche Einsatzart von mit thermischen Neutronen betriebenen Kernkraftwerken ist die Grundlastsicherung bei Vollast.

    Und das ist keineswegs eine unwesentliche Nebensächlichkeit. Früher wurde durch allerlei Rechentricks von der Ökolobby versucht, die Nutzleistung erneuerbarer Energien hochzurechnen, beispielsweise, indem man die installierte Leistung mit der von konventionellen Kraftwerken vergleicht. Da kommt man auf dem Papier auf beeindruckendes Potenzial. Nur ist so etwas reine Augenwischerei.

    Das wird heute auch noch versucht, fuinktioniert aber offenbar nicht mehr so gut. Stattdessen wird heutzutage oft so getan, als sei Grundlastsicherung ein Konzept von gestern. So versucht man zu überspielen, dass es mit der Grundlasteignung erneuerbarer Energien in Deutschland hapert.

    Das Gegenteil trifft zu. Die zuverlässige Grundlastsicherung ist für eine moderne Industriegesellschaft unerlässlich. In der Zukunft sogar mehr als heute, dann mehr und mehr wird Nachtstrom dazu verwendet werden, die Batterien elektrischer Automobile aufzuladen. Heute ist das noch ein vernachlässigbarer Anteil, in 20 Jahren sicher ganz und gar nicht mehr.

    Vor zwei Jahren standen sechs Atomkraftwerke gleichzeitig still. Aus meiner Steckdose kam Strom, wie sah es mit Ihrer aus?

    Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde die kurzfristige Versorgungslücke durch Importstrom aus Frankreich gedeckt, und dort deckt die nukleare Stromerzeugung bekanntlich 70% der Gesamterzeugung. Für ausgefallene deutsche Kernkraftwerke sprangen französiche Kernkraftwerke in die Bresche.

    Worauf wollten Sie mit Ihrem Argument doch gleich hinaus?

  11. Jan Gottwald Antworten | Permalink

    nochmal zur Grundlast

    Ok, Sie sagen also, dass in einem gesamteuropäischen Rahmen (wenn alle zusammen an einem Strang ziehen) und gleichzeitig die Energieriesen von ihrem vielen Geld ein bisschen (mehr) abtreten, eine lückenlose Versorgung durch erneuerbare Energien möglich ist. Nun, dem stimme ich zu.

    Damit wird doch aber Ihr Text zu einem reinem Wunschtraum der mit der derzeitigen Realität nichts mehr zu tun hat. Die Energieriesen werden kein Geld abgeben (so wie es keiner gerne tut). Und auch eine Zusammenarbeit zwischen den Staaten Europas ist noch nicht so vorangekommen, dass derartige Projekte gestemmt werden können.

    Betrachtet man also die Realität und nicht das was (ohne Frage mit gutem Willen) möglich wäre, so muss man sagen: angesichts der derzeitigen Lage kommen wir in einen Engpass wenn wirklich 2022 das letzte KKW abgeschaltet wird.

  12. Björn Lohmann Antworten | Permalink

    Grundlast, die nächste

    @Michael Khan: Erst einmal Danke für Deine Informationen zum Betrieb von Atomkraftwerken. Was das angesprochene Argument betrifft, unterstützt Du mich doch letztlich: Es scheint in Europa mehr als genug Stromüberschuss zu geben, um den längerfristigen Ausfall von sechs Großkraftwerken zu kompensieren. Wobei ich nicht einmal sicher wäre, ob das nicht sogar national kompensiert wurde, weil Deutschland in dieser Zeit immer noch Netto-Stromexporteur war.

    Natürlich muss auch weiterhin die Grundlast gesichert sein. Ich bin kein Stromexperte, kann also nur solide gemachten Studien weitgehend unabhängiger Experten vertrauen - und die sagen, als ein gemeinsames europäisches Stromnetz ist das möglich.

    @Jan Gottwald: Damit wäre ich bei Ihrem Punkt. Wovon hängt es denn ab, ob es ein europäisches Stromnetz gibt, das entsprechend leistungsfähig ist? Von der Gesetzgebung in den EU-Ländern und auf EU-Ebene. Und um einen langen Weg kurz zu machen: Von den von den Europäern gewählten Politiker. Der Wille der Unternehmen oder der heute aktuellen Regierungen wäre also zweitrangig. Ich stimme allerdings zu, dass Europa nach wie vor in Europa nicht das Image hat, das es bräuchte, damit der Souverän solche Projekte erzwänge.

    Hoffnung habe ich aber von anderer Seite: Auch wenn die Energieriesen dafür kämpfen, ihre alten Kraftwerke möglichst lange nutzen zu dürfen, so kennen auch sie die Bedeutung erneuerbarer Energien. DeserTec funktioniert nicht ohne Netzausbau, ebensowenig die Offshore-Windparks. Und auch wenn es ein Rückversicherer ist, der DeserTec initiiert hat, so sind doch große Stromkonzerne im Boot. Tatsache ist, dass eine Komplettversorgung mit EE bis 2050 nur marginal teurer wäre, als den heutigen Strommix beizubehalten - und je weiter man in die Zukunft blickt, desto näher kommt der Punkt, an dem Atom- und Kohlestrom unwirtschaftlich werden.

    Und einen kleinen Abstecher in die Weltpolitik möge man mir erlauben: Es waren und sind gemeinsame wirtschaftliche Aktivitäten und gemeinsame Abhängigkeiten, die den Großteil Europas nach dem 2. Weltkrieg zu einer stabilen Region gemacht haben. Ein gemeinsames Stromnetz mit wechselseitigen Abhängigkeiten würde diesen wünschenswerten Aspekt weiter befördern.

  13. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Björn Lohmann: Quellen?

    Es scheint in Europa mehr als genug Stromüberschuss zu geben, um den längerfristigen Ausfall von sechs Großkraftwerken zu kompensieren.

    Zumindest gibt es offenbar ein funktionierendes Verbundnetz, denn sonst hätte diese Kompensation nicht gemacht werden können.

    Eben zu diesem Zweck - nämlich zum Auffangen von Ausfällen - braucht man auf der Produktionsseite eine gewisse Redundanz und damit eine Überkapazität. Genau darauf reitet die Ökolobby seit Jahrzehnten herum.

    Praktischerweise funktioniert das Argument in beide Richtungen:

    Kommt es nach einem Kraftwerksausfall nicht zu Stromausfällen, kann man mit dem Finger auf EVUs zeigen und behaupten, die Kapazität sei überdimensioniert und würde ausreichen, um heute schon die Abschaltung beispielsweise der Kernkraftwerke zu gestatten.

    KOmmt es aber zu Stromausfällen, kann man mit dem Finger auf EVUs zeigen und behaupten, konventionelle Kraftwerkstechnik sei unzuverlässig.

    Irgendwie passt es also immer.

    Nebenbei bemerkt: Dass allerdings 2009 trotz massiven Ausbaus der installierten Windenergieanlagen (rd. 1000 neue Anlagen und 2 GW mehr an installierter Leistung) der Jahres-Stromertrag durch Windenergie um 7% gegenüber 2008 fiel, ist eine unschöne Tatsache, über die man nicht so gerne redet. Das hätte sich mal eine konventionelle Kraftwerkstechnik leisten sollen - das Geheul in der Presse wäre gewaltig gewesen. Wenn es eine erneuerbare Energie trifft, ist man lieber still. Man will ja den ärgerlichen Zweifeln an der Grundlastfähigkeit nicht weiter Nahrung geben, die einfach nicht weggehen wollen. Nein, das sind nicht Zahlen der Atomlobby, sondern vom Bundesverband Windenergie e.V.:

    http://www.wind-energie.de/de/statistiken/

    Ich bin kein Stromexperte, kann also nur solide gemachten Studien weitgehend unabhängiger Experten vertrauen - und die sagen, als ein gemeinsames europäisches Stromnetz ist das möglich.

    Ich hoffe, das sind andere Experten als die, die in folgendem Artikel zitiert wurden:

    http://www.wissenslogs.de/...bei-wellenkraftwerken

    Dort steht:

    Allein aus den Wellen an der europäischen Atlantikküste könnten rund 300 Gigawatt Strom gewonnen werden, schätzen Experten. Das entspräche 250 bis 300 Atomkraftwerken.

    Leider fehlte da jegliche Quellenangabe für diese mir abenteuerlich erscheinende Behauptung, sodass man nicht nachprüfen kann, wer da wirklich was behauptet hat. Ich hatte das damals schon überschlägig nachgerechnet und Zweifel angemeldet.

    http://www.wissenslogs.de/...twerken#comment-17490

    Bei solchen Zahlen nützt auch eine massive Effizienzverbesserung nichts. Da fehlen ganze Größenordnungen.

    Obwohl meiner Rechnung eher beigepflichtet wurde, als dass sie wiederlegt wurde ...

    http://www.wissenslogs.de/...twerken#comment-17492

    ... blieb die Ausgangsbehauptung im Text des Artikels unverändert stehen, es gibt dort nach wie vor keine Quellenangabe.

    Schon bedenklich, finde ich.

    Sind die aktuellen Behauptungen zum Verbundnetz belastbarer?

  14. Mona Antworten | Permalink

    Neuste Studie

    Da die Stromkonzerne die oben erwähnte Abgabe nicht zahlen wollen, drohen sie mit dem Abschalten einzelner Atomkraftwerke. Wie in einer Studie berichtet wird, die der Frankfurter Rundschau vorliegt, könnte dies in naher Zukunft sogar notwendig werden, da die benötigte Reststrommenge geringer ausfallen wird, als die Menge des erzeugten Stroms durch Kernkraftwerke. Denn durch die Nutzung erneuerbarer Energien bekommen wir genug Strom und können auf Atommeiler langfristig verzichten.

    Quelle:
    http://www.fr-online.de/...96/4586134/-/index.html

  15. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Mona: Studie mit Vorsicht genießen

    Man müsste erst einmal lesen, was wirklich in der besagten Studie steht, nicht nur, wie die FR sie interpretiert.

    Da schon einmal der Anteil der EE an der Stromerzeugung sehr optimistisch angesetzt wird (50% im Jahre 2020, im Jahre 2009 waren es nur 16.3% laut Umweltministerium, bzw. 8.7% der Primärenergie), liegt die Annahme nahe, dass da etwas schöngerechnet werden soll. Angesichts des Auftraggebers der Studie ist das auch nicht unbedingt verwunderlich.

    Da muss man schon sehr vorsichtig sein. Von EVUs in Auftrag gegebenen Studien glauben Sie doch bestimmt auch nicht ohne weitere Verifikation.

  16. Michael Khan Antworten | Permalink

    Zahlen des BMU ...

    ... zu Anteil und Entwicklung der erneuerbaren Energien an Stromerzeugung Nutzenergieerzeugung (Strom, Wärme, Prozesswärme, Kraftstoffe) udn Primärenergie findet man hier:

    https://www.erneuerbare-energien.de/inhalt/42038/5466/

  17. Michael Khan Antworten | Permalink

    Interessante Details ....

    In den Statistiken des BMU zum Beitrag der EE an der Energieversorgung lassen sich übrigens manche interessante Details finden.

    https://www.erneuerbare-energien.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/ee_in_deutschland_graf_tab_2009.pdf

    Beispielsweise zeigt der vergleich zwischen Seite 10 (Beitrag zur Stromerzeugung) und Seite 11 (Installierte Leistung zur Stromerzeugung), dass über das Jahr gemittelt, die Windenergie nur 17% der elektrischen Energie liefert, die die installierte Leistung bei voller Nutzung über das Jahr theoretisch liefern koennte. Bei der Photovoltaik ist es sogar nur 7.7%. Ferner ist trotz der technischen Fortschritte und groeßeren Einzelanlagen keine Steigerung der Effizienz zu verzeichnen. Zumindest in punkto Windanlagen ist das ein Hinweis darauf, dass keine attraktiven Standorte mehr verfügbar sind.

    Es bleibt nur die Alternative der Aufstellung im Meer, sonst wird der Gesamtwirkungsgrad in Zukunft sogar sinken. Man sieht eigentlich schon in den letzten jahren einen dramatischen Einbruch, wie bereits angemerkt. Obwohl die installierte leistung weiter steigt, fiel der Ertrag 2009 hinter den Stand von 2007 zurück.

    Die Effizienz von Wasserkraft und Biomasse liegt deutlich hoeher, bei knapp 50% und mehr. Bei Wasserkraft ist allerdings kein weiterer Zuwachs zu verzeichnen, da ist das Potenzial weitgehend ausgeschoepft.

    Bleibt also als wirklich effiziente und wachstumsfähige EE die Biomasse. Die trägt in Deutschland bereits jetzt vier Mal so viel zur Stromerzeugung bei wie die Photovoltaik und koennte die Windenergie bald überholt haben. Da kann man sich schon fragen, ob die Subvention der Photovoltaik denn wirklich Sinn macht.

    Man moege entschuldigen, dass ich den üblichen unbelegten Austausch von Behauptungen durch harte Fakten unterbrochen habe. Ich werde es nicht wieder tun, jedenfalls nicht mehr heute.

    Nur eins noch: Wenn etwas dem Ansehen der Demokrate abträglich ist, dann verbreitete diese Unart, alles, was einem nicht passt, gleich zum Ende der Demokratie hochzustilisieren. Der demokratische Entscheidungsprozess muss nicht zwangsläufig dazu führen, das alles so läuft, wie man das selbst für richtig hält.

    Das hat nicht nur mit Wissenschaft nichts zu tun. (Wir sind hier in den Scilogs, auch wenn man das nicht jedem Blog anmerkt). Das ist auch nicht allein nur kindisch. Es ist vielmehr gefährlich und schädlich.

  18. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Mona: Interessenlagen

    Wenn jemand unbesehen glauben moechte, was eine von einem Industrieunternehmen in Auftrag gegebene Studie behauptet, weil das Unternehmen "Oekostrom" anbietet, dann halte ich das für naiv.

    Ich halte es im Gegenzug auch für falsch, in Bausch und Bogen alles abzulehnen, was von einem Industrieunternehmen kommt.

    Alle Unternehmen haben, genau wie andere Organisationen, definierte Interessen, die ihr Handeln und ihre Einstellungen bestimmen.

    Es bleibt jedem selbst zu überlassen, Behauptungen zu verifizieren und Plausibilitätschecks anzustellen. Wenn wesentliche Grundannahmen unrealistisch erscheinen, dann ist das erst einmal kritisch zu bewerten. Eine weitere Recherche ist dann angeraten. Egal, in welcher Ecke sich die Quelle verortet.

    "Die behaupten das" und "das ist so", ist nicht unbedingt gleichbedeutend.

  19. Mona Antworten | Permalink

    Jetzt mal langsam...

    Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken sind nicht nur technische, sondern auch politische Entscheidungen. Letztendlich war ja der Ausstieg ja schon beschlossen. Wenn jetzt die ganze Debatte wieder von vorne losgeht muss man sich auch mit eventuellen Risiken befassen dürfen, die, wenn sich die Atomlobby durchsetzt, wir alle tragen dürfen. Auch sollte sich eine Regierung nicht erpressen lassen, insofern sollten bei einer solchen Debatte nicht nur Lobbyisten das Wort haben. Denn nicht alles was technisch machbar ist und den "definierten Interessen" der Energiekonzerne nahekommt, sprich Geld bringt, ist auch gut für uns.

  20. Björn Lohmann Antworten | Permalink

    @Michael Khan: Studie

    Ich habe ja schon im Text darauf hingewiesen, auf welche Studie ich mich beziehe: http://www.roadmap2050.eu

    Auf mich machen Daten, Quellen und Interpretation einen soliden Eindruck. Ich beabsichtige schon länger, die Studie hier mal ausführlich durchzusprechen, bin leider noch nicht dazu gekommen, und werde es wohl auch die nächsten beiden Wochen nicht schaffen.

    Ich bin übrigens absolut auf Deiner Seite, dass man Schwächen der Erneuerbaren nicht ignorieren sollte. Deshalb braucht man ja die hohe Anfangssubventionierung, die vor allen in die Forschung und Entwicklung fließt. Und manches lief oder läuft auch bei der Förderung falsch (Windräder da wo kein Wind weht z.B.). Fakt ist aber, dass wir alle möglichst klimafreundlich Strom produzieren wollen, und dass unflexible Kraftwerke wie Kohle und Atom das ausbremsen. Entweder braucht man also eine Technik und ein Netz, dass diesem Problem begegnet (bloß könnte man dann auch gleich auf das Gros der fossilen Energiequellen verzichten, weil die Speichertechnologie weit genug wäre), oder man sollte so schnell wie technisch möglich aus den fossilen Kraftwerken aussteigen.

    Ich finde eine Haltung wie die von Wolfgang Clement entsetzlich, der behauptet, 100 Prozent Erneuerbare sei grundsätzlich nicht möglich, obwohl mittlerweile eine Reihe plausible Studien solche Szenarien aufzeigen (natürlich mit bestimmten Rahmenbedingungen und Grundannahmen, trivial ist das nicht, darauf weist ja niemand öfter hin als Du ;-) ). Diese abwehrende Haltung behindert nämlich die, die dabei sind, das "Unmögliche" umzusetzen. Und das sind Mittelständler und Stadtwerke, die nebenbei noch Jobmotoren sind und die Preise der Oligopolisten brechen können.

    Es profitieren nur die, die diese Anzeige geschaltet haben. Und hier liegt der Vorwurf an die Bundesregierung: Sie gibt Forderungen nach, die einzelnen Konzernen nutzen, aber Volkswirtschaft, Sicherheit und Umwelt schaden. Und so schlecht die letzte Hart-aber-Fair-Sendung auch war, die dort gestellte Fragen an die Politik fand ich gut. In Analogie zu den Verhandlungen um die Abgaben der Atomkonzerne fragte Plasberg, warum denn ALG2-Empfänger nicht gefragt würden, wie viel Geld sie gerne hätten - da könne man doch auch verhandeln.

  21. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Mona

    Wenn das alles so wichtig ist - und ich denke in der Tat, es ist wichtig - dann würde ich eigentlich erwarten, dass in der ganzen öffentlichen Debatte mehr wirkliche Fakten und Daten vorgebracht werden, anstatt dass man sich immer nur dieselben Phrasen um die Ohren hat.

    Und interessengetrieben ist die Argumentation aller beteiligten Unternehmen, nicht nur denen der "Atomlobby", sondern denen der "Ökolobby".

    Dagegen gibt es auch nichts einzuwenden. Man darf es aber auch nicht vergessen.

  22. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Björn Lohmann

    dass man Schwächen der Erneuerbaren nicht ignorieren sollte. Deshalb braucht man ja die hohe Anfangssubventionierung, die vor allen in die Forschung und Entwicklung fließt.

    Es gibt nun einmal Nachteile, die auch Subventionen nicht aufheben, beispielsweise das Problem der Verfügbarkeit und der resultierenden Nicht-Eignung für die Deckung des Grundlastbedarfs.

    Probleme gehen nicht weg, wenn man so tut, als gäbe es sie nicht.

    Ich finde eine Haltung wie die von Wolfgang Clement entsetzlich, der behauptet, 100 Prozent Erneuerbare sei grundsätzlich nicht möglich, obwohl mittlerweile eine Reihe plausible Studien solche Szenarien aufzeigen

    Damit hat er nun einmal Recht. zumindest, wenn man einigermaßen realistische Annahmen trifft.

    Fakt ist aber, dass wir alle möglichst klimafreundlich Strom produzieren wollen, und dass unflexible Kraftwerke wie Kohle und Atom das ausbremsen. Entweder braucht man also eine Technik und ein Netz, dass diesem Problem begegnet (bloß könnte man dann auch gleich auf das Gros der fossilen Energiequellen verzichten, weil die Speichertechnologie weit genug wäre), oder man sollte so schnell wie technisch möglich aus den fossilen Kraftwerken aussteigen.

    Tut mir Leid, aber das hier halte ich für eine wirklich schockierende Gemengelage aus Behauptungen und reinem Wunschdenken.

    Diese abwehrende Haltung behindert nämlich die, die dabei sind, das "Unmögliche" umzusetzen.

    Da haben wir ja schon den Sündenbock, wenn das mit dem Wolkenkuckucksheim wie erwartet doch nicht so klappt wie herbeigewünscht (und warum sollte es?). Es sind die Leute, die vorher immer mit lästigen Daten und Fakten ankommen und unbequeme Fakten aufzeigen. Schon klar.

    Es gibt durchaus umweltfreundliche Optionen für die Brückentechnologie in der Energieversorgung: Moderne Kernkraftwerke, deren Weiterentwicklung sträflich vernachlässigt worden ist, und langfristig die Fusionstechnologie.

    Es gibt nämlich in der Welt nicht nur Europa mit seiner stagnierenden Bevölkerung, seinen geringen Wachstumsraten und seiner fortschreitenden Deindustrialisierung.

    Wir können uns nicht endlos einreden, der Energieverbrauch lasse sich bei gleichem Lebensstandard immer weiter senken, nur weil wir energieintensive Bereiche der Produktionsindustrie ins Ausland ausgelagert haben. Das ist immer noch unser Energieverbrauch, denn es sind unsere Verbrauchsgüter, die da in China und anderswo entstehen. Bloß haben wir unser Problem zum Problem der Schwellenländer gemacht.

    Da braucht man einen größeren Wurf als EE, zumal sich bei den einzig wirklich effektiven Arten, nämlich Wasserkraft und Biomasse, sehr schnell Umweltprobleme ergeben, die denen der fossilen Energieerzeugung in nichts nachstehen.

    Die andauernde Selbsttäuschung, an der sich die Presse und selbsternannte Experten munter beteiligen, verzögert die technischen Entwicklungen, die wir wirklich dringend brauchen.

  23. Björn Lohmann Antworten | Permalink

    @Michael Khan: Argumente

    Hast Du mal in die Studie Roadmap 2050 reingeschaut? Ich bin kein Physiker, kein Elektriker, aber auch als Biowissenschaftler traue ich mir zu, Studien zu bewerten. Diese erscheint mir - wie einige andere mit ähnlichem Fazit - sehr belastbar, und sie zeigt klar, dass und wie 100 Prozent Erneuerbare in Europa möglich sind.

    Hier einfach Deine Meinung meiner Meinung gegenüber zu stellen, ist wenig fruchtbar. Ich möchte sehen, dass jemand diese Studien fachlich widerlegt, die zeigen, dass 100 Prozent Erneuerbare möglich sind. Bislang hat das niemand getan, obwohl es genügend finanzkräftige Interessen dafür gibt. Ich glaube, das sagt einiges aus.

  24. Carsten Schmidt Antworten | Permalink

    Grundlast

    Herr Khan überschätzt in meinen Augen die Notwendigkeit der Grundlast.

    Die "Grundlast" ist ein Fossil aus einer Zeit, als die Lastdaten, per Telefon und Werksfunk mündlich übermittelt, mit Kreide an die Tafel im Leitstand geschrieben wurden.

    Damals, also in den dreissiger bis sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, war es bei steigender Zahl der Stromverbraucher und Verallgemeinerung
    des Stromverbrauchs in der Tat sinnvoll, so wenige Erzeuger wie möglich einen so grossen Anteil an der Gesamtlast wie möglich bereitstellen zu lassen: Man kann eben nicht im Viertelstundenrythmus die Erzeugung von 19.000 WEA an die Tafel schreiben.

    Nun haben wir seit den siebziger und achziger Jahren des 20. Jahrhunderts Computernetze: Die Lastdaten werden mit Lichtgeschwindigkeit in die Leitstände übermittelt, dort kann man sogar verschiedene Regelszenarien online simulieren, ehe man Entscheidungen trifft.

    Insofern ist es von der Netzbetriebsführung her völlig irrelevant, ob 9 Erzeuger 45-95% der Last bereitstellen oder 50.000 Erzeuger zusammen zu jeder Tageszeit zusammen 100%. Das einzige, was die Netzbetriebsführung interessiert, ist, dass Spannung und Frequenz gehalten werden. Wenn das nicht gewährleistet ist, werden entweder Verbraucher oder Kraftwerke vom Netz genommen.

    Schon immer waren "Grundlast", "Mittellast" und "Spitzenlast" nur Abstraktionen. Es gibt kein "Grundlastkraftwerk", sondern nur Kraftwerke, die sich auf Grund ihrer Inflexibilität nur dazu eignen, Tag und Nacht auf Höchstleistung zu arbeiten. Solche Kraftwerke werden mehr und mehr hinderlich.

    Damit möchte ich gar nicht über die Probleme der Netzintegration Erneuerbarer Energien hinwegtäuschen, vergessen darf man aber auch nicht, dass die gesamte Netzstruktur eben auf diese Großkraftwerke ausgerichtet ist, daher kann eine Lösung eben auch nur darin liegen, diese nun in Bezug auf die neuen Herausforderungen zu optimieren. Darüber wird der Bedarf an Regelenergie grundlegend minimiert - allein durch die Zusammenlegung der 4 dt Regelzonen wurden in einer Studie im letzen Jahr etwa 500 Millionen EUR/a als Optimierungspotential genannt.

    Viele der Probleme sind also künstlich - nur verdienen die EVU sehr gut daran.

  25. Ortwin Antworten | Permalink

    Rolle der Bundesregierung im Atomstreit

    Das erschreckende ist ja, wie wenig Macht die Bundesregierung gegenüber den Energiekonzernen zu haben scheint. Für Merkel & Co scheint es ja wirklich nur noch darum zu gehen, den Konzernen einen faulen Kompromiß abzuringen, und diesen dann möglichst gut in der Öffentlichkeit zu verkaufen.

  26. Argentina Impuras Antworten | Permalink

    Geld Macht Atompolitik | Öko-Logisch?

    Öko-Logisch? ökonomisch! Jede Kilowattstunde Atomstrom wird mit gut 4,3 Cent aus steuermitteln subventioniert, so flossen bislang 204 Milliarden Euro Fördermittel in die Atomkraft und weitere 100 Milliarden Euro sollen noch hinzukommen. 204 Milliarden Fördermittel setzen sich zusammen aus direkten Finanzhilfen des Bundes als auch aus der Forschungsförderung. Hinzu kommen noch die Steuervergünstigungen in der Energiebesteuerung als auch die Regelungen bei den Entsorgungsrückstellungen und nicht zu Vergessen die Zusatzeinnahmen durch den lukrativen Emissionhandel. Da soll Mal jemand sagen unsere Lobbyisten wissen nicht was sie wollen.

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