Vom Fördern und Fordern zu Überförderung und Überforderung

16. Januar 2014 von Katja Schwab in Gelassenheit

Krabbelgruppen, Gebärdensprache für Einjährige, Kinderturnen, Englisch-Baby-Klassen, Musik-, Reit-, Tanzkurse, Schwimm-, Tennis- und Fußballtraining, Yoga und autogenes Training für Kinder, basteln, handwerken und fahrradfahren. Diese vielfältigen Angebote für Kinder stehen gleichberechtigt nebeneinander: ein Schwimmkurs ist wichtig, denn kein Kind soll ertrinken, der Musikunterricht ist wichtig für die Gehirnentwicklung, Sport ist wichtig für die motorische Entwicklung, Malkurse sind auch wichtig für die feinmotorischen Fähigkeiten und natürlich sind auch Sprachkurse wichtig, um die sprachliche Entwicklung in unserer globalisierten Zeit zu fördern. Alles ist wichtig.

 

Das Angebot, um Kinder optimal zu fördern, ist riesig. Unsere Kinder wurden zu keiner Zeit so stark gefördert wie heutzutage. Immer früher, immer mehr, immer besser. Kinder haben dadurch den gleichen vollen Terminkalender wie ihre Eltern. Jedes dritte Schulkind leidet unter Stress. Schätzungen zufolge zeigen drei bis zehn Prozent depressive Symptome.[i] Diese Anzeichen zeigen, dass einige Kinder die Förderung als Überforderung empfinden, der sie nicht gewachsen sind. Doch auch bei möglichen Verhaltensauffälligkeiten können Eltern auf ein weitreichendes Therapieangebot zurückgreifen: Logopädie, Physio- und Ergotherapie, LHS-Training, Dyskalkulie-Therapie, Anti-Aggressions-Training, BrainGym und Spieltherapie. Und damit unser Kind im Bildungswettbewerb nicht zu den Verlierern zählt, nutzen wir bei jeder kleinsten Normabweichung diverse Therapieangebote, wenn möglich auch parallel. Kinder, in die viel Zeit und Engagement investiert wird, geraten auch häufiger unter starken Erwartungsdruck. Je mehr Input, desto mehr Output – das ist die These, der viele Eltern folgen. Geben wir unserem Kind immer mehr zu essen, wird es aber nicht größer. Es wird nur dick. Viel hilft nicht immer viel.

Was Kindern heute fehlt, ist nicht das reichhaltige Angebot an Förderungsmaßnahmen, sondern echte Beziehungen mit authentischen Bezugspersonen. Die Masse von Erziehungsratgebern sowie soziale Vergleiche mit anderen Eltern und Kindern verunsichern Mütter und Väter. Auf Kinderspielplätzen vergleichen die Eltern, was ihre Kinder schon können oder eben noch nicht beherrschen – und denken sorgenvoll daran, was sie alles noch lernen müssen. Wir befürchten, dass unsere Kinder nichts lernen, wenn wir sie nicht fördern. Doch ist es nicht vielmehr so, dass Kinder sowieso die ganze Zeit über lernen und davon abgesehen man schließlich auch nicht den ganzen Tag lang lernen muss? Übertragen wir nicht unser eigenes Leistungsstreben, unsere eigene Atemlosigkeit, unseren eigenen Perfektionismus auf unsere Kinder? Gut wäre demnach nicht gut genug. So werden Kinder mit dem Anspruch groß, dass das gerade Erreichte allenfalls einem höher gesteckten Ziel dient, getreu dem Motto: Stillstand ist Rückschritt. Viele Kinder interpretieren das als „Ich genüge nicht “, „Ich bin nicht richtig, so wie ich bin“. Diese Kinder entwickeln ein geringes Selbstwertgefühl und wenig Selbstvertrauen – eine schlechte Grundlage für das Lernen und das Leben. Dabei sind Kinder kleine Forscher. Es drängt sie zu lernen, wofür sie bereit sind. Vertrauen wir der Kompetenz unserer Kinder, werden sie lernen, was sie brauchen. Lernen findet auf dem schmalen Korridor der Unter- und Überforderung statt. Unterstützen wir die Eigeninitiative des Kindes, in dem wir nur so wenig Hilfe wie nötig geben. Um neue Dinge zu lernen, brauchen sie die Sicherheit, dass sie Erfolg haben können und auch Misserfolge erleben dürfen. Das Kind kann viele der anstehenden Aufgaben und Probleme allein lösen. Und dazu braucht es unangestrengte und unaufgeregte Eltern, die ihm Orientierung geben. Die findet sich jedoch meist nicht im Ratgeberdschungel. Erst wenn Kinder über- beziehungsweise unterfordert sind oder sich beziehungsweise andere gefährden, sollten wir unterstützend eingreifen.

In dem Buch „Lasst mir Zeit“ beschreibt die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler zwei 18 Monate alte Kinder, die beide dieselbe achtstufige Steintreppe hinunter wollen.[ii] Tibi kann schon laufen und versucht zusätzlich eine Schubkarre mit hinunter zu transportieren. Vorsichtig und gekonnt balanciert er die schwere Last aus und bewältigt Stück für Stück den Abstieg. Auch Mari möchte die Treppe hinunter. Da sie zwar schon stehen, aber noch nicht laufen kann, nähert sie sich mit ihrem Gewichtsschwerpunkt vorsichtig der Stufe an. Nun liegt sie auf dem Bauch und lässt sich vorsichtig und behutsam nach und nach hinunter gleiten. Beide haben ihre selbst gestellte Aufgabe bewältigt und beide können stolz auf sich sein. Das Erlebnis „Das habe ich geschafft!“ stärkt ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Und beide sind für ihre jeweilige Entwicklungsstufe achtsam und geschickt vorgegangen, um die Aufgabe zu lösen. Wenn Kinder sich selbstständig auf ihre eigene Weise entwickeln dürfen, dann sind sie auf jeder Entwicklungsstufe sicher und geschickt. Wer von Ihnen weiß, wann Sie zum ersten Mal stehen konnten, wann Sie angefangen haben zu laufen? Es verliert an Wichtigkeit. Wichtig ist das Selbstbewusstsein, das Selbstvertrauen, das das Kind durch die selbstständige Bewegung erwirbt.

In einem Video-Beitrag über das Kleinkindlesen wurde die 3-jährige Charlotte gefragt, was sie gerne lese. „Mami, was lese ich gerne?“, gab sie die Frage an ihre Mutter weiter. Auch wenn Kindern tatsächlich schon im Kleinkindalter das Lesen beigebracht werden kann, ist immer noch zu bedenken, ob wir nicht sein eigenes Interesse untergraben. Sollten wir nicht warten, bis das Kind selbst seinen Wissensdurst an Buchstaben bekundet? Kinder sind nicht dazu da, unsere Erwartungen zu erfüllen, uns stolz und glücklich zu machen. Es ist sehr schwierig, aber sehr wichtig, unser Kind möglichst losgelöst von unseren eigenen Hoffnungen und Wünschen zu sehen. Die permanente Ausrichtung auf die Zukunft lässt die Eindrücke im Hier und Jetzt verblassen. Gerade Kinder haben die wunderbare Fähigkeit, den Augenblick zu leben. Im achtsamen Erleben des Moments entsteht Sicherheit, während der weitschweifende Blick in die Zukunft eher verunsichert. Wir können stärker darauf vertrauen, dass unsere Kinder lernen, was sie brauchen. Und sie lernen es in der Zeit, die sie dafür benötigen. Hier gibt es nichts zu beschleunigen. Erwartungsdruck lässt Kindern zu wenig Spielraum – im wörtlichen und übertragenen Sinne – um sich zu entwickeln.

Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag", (2013), Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag.


[i] Mehler-Wex, C. (2008): „Depressive Störungen“, Heidelberg: Springer Medizin Verlag, S. 21, 22.

[ii] Pikler, E. (3. Aufl. 2001): „Lasst mir Zeit. Die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen“, München: Richard Pflaum Verlag.


6 Kommentare zu “Vom Fördern und Fordern zu Überförderung und Überforderung”

  1. Horst Antworten | Permalink

    "... Entwicklung in unserer globalisierten Zeit zu fördern. Alles ist wichtig."

    Doch wofür, bzw. was wird globalisiert? Somit ist alles UNWICHTIG, und wird Mensch sich "individualbewußt" zu einer aussterbenden Spezies entwickeln - die Zunahme der degenerativen und zivilisatorischen Krankheiten sind ein deutliches Zeichen, daß Mensch SO ziemlich sicher kein größeres Hirn und ... ;-)

  2. Jana Antworten | Permalink

    Hallo,
    habe mir sehr gerne ihren Artikel gelesen- Mein Kleiner ist jetzt 10 Jahre jung und geht auf eine Ganztagsschule. Dort bekommen die Schüler bis zur 7. Klasse extra eine Unterrichtsstunde für Schulaufgaben, damit sie zuhause keine mehr auf haben. Trotzdem gibt es oft Tage, an dem er völlig erschöpft von der Schule kommt und sich für die Schulaufgaben noch aufraffen muss. Freizeit erst am Wochenende

  3. Seminar Redenschreiben Antworten | Permalink

    „Die Neugierde der Kinder ist der Wissensdurst nach Erkenntnis, darum sollte man diese in ihnen fördern und ermutigen.“
    John Locke

  4. Helen M. Antworten | Permalink

    Ab dem dritten Lebensjahr finde ich die Förderung der Kinder im Kindergarten sehr gut. Denn dort können sie sich frei entfalten und haben auch Spaß am lernen. Sie lernen was farben sind, welches die Grundfarben sind, wie Buchstaben aussehen und Formen zueinander passen. Alles spielerisch und praktisch. Das sollte man auch ab und an in Schulen anwenden - mehr Praxis und weniger Theorie

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