Was Kinder stark macht

4. Dezember 2013 von Katja Schwab in Gelassenheit

G.’s Kindheit war unglücklich und trostlos. Seine Eltern gehörten zur Oberschicht, hatten keine Freunde und waren auffällig misstrauisch und argwöhnisch. Dem kleinen G. mangelte es an elterlicher Zuneigung und Zuwendung. Kühl und kalt fühlte sich sein Zuhause an. Als er erwachsen war, absolvierte er ein Medizinstudium und entwickelte eine ausgeprägte Hypochondrie. Dann wurde er schwer krank und musste über ein Jahr das Bett hüten. Den Tiefpunkt markiert ein Suizidversuch. Doch plötzlich ändert sich sein Leben. Er heiratet und beginnt, sich als Arzt um andere zu kümmern. Als er gefragt wird, was sein Leben so grundsätzlich verändert habe, antwortet der fast 70-jährige G.: „Liebe.“

 

G. ist einer der Teilnehmer der Grant-Studie, einer einzigartigen Längsschnittuntersuchung, mit der amerikanische Forscher herausfinden wollen, wie ein Leben gelingt.[i] Seit mehr als 70 Jahren begleiten Wissenschaftler der Harvard Universität 268 Harvard-Absolventen der Jahrgänge 1939 bis 1945. Die Teilnehmer werden alle fünf Jahre medizinisch untersucht, beantworten mehrmals im Jahr unterschiedlichste Fragebögen und führen alle paar Jahre ausführliche Gespräche mit Psychologen. Der Psychiater und Professor an der Harvard Medical School, George Eman Vaillant, leitet dieses Mammutprojekt. Die Frage, was ein gelungenes Leben ausmacht, ist schwer zu beantworten. In der Grant-Studie wurde den Teilnehmern ein zufriedenes Leben attestiert, wenn sie alt und gleichzeitig psychisch und physisch weitestgehend gesund und zufrieden mit sich selbst waren. „Den größten Einfluss darauf, ob ein Leben gelingt, hat Bindung“, schlussfolgert Vaillant.[ii] Damit meint er herzliche, innige Beziehungen zu anderen Menschen. Ein gutes Verhältnis zu Eltern und Geschwistern sei „hoch signifikant“ für ein zufriedenes Leben, erklärt er in der ZEIT. Einhellig übereinstimmend berichten Forscher, die hinter das Geheimnis eines zufriedenen Lebens kommen wollen, dass die Qualität sozialer Beziehungen eine Hauptrolle spielt.

Doch wie ist es zu erklären, dass G. trotz unglücklicher Kindheit und widriger Lebensumstände in seinem letzten Lebensdrittel ein zufriedenes Leben führt? Auch Emmy Werner und ihre Kollegen haben im Rahmen einer 30-jährigen Längsschnittuntersuchung entdeckt, dass einige Kinder trotz nachteiliger und schwieriger Umweltbedingungen das Leben erfolgreich bewältigen können.[iii] Diese Kinder nannte Werner „resilient“, widerstandsfähig. Der Begriff ist abgeleitet vom lateinischen Wort resilire, was so viel wie zurückspringen, abprallen bedeutet. Damit begründete sie die Resilienzforschung.

Auch der salutogenetische Ansatz sucht nach Antworten auf die Frage: Was erhält einen Menschen gesund? Salus bedeutet Heil beziehungsweise Gesundheit und Genese ist das Fachwort für Entwicklung beziehungsweise Entstehung. Im Gegensatz zur Pathogenese wird der Blick nicht auf eventuelle krankmachende Risikofaktoren, sondern auf mögliche gesundheitserhaltende oder gesundmachende Schutzfaktoren gerichtet. Der Vater dieses Ansatzes, Aaron Antonovsky, war der erste Gesundheitswissenschaftler, der die Suche nach „generalisierten Widerstandsressourcen“ gezielt ins Zentrum seiner Forschung stellte.[iv] Als Schatzsuche statt Fehlerfahndung betitelt der Mediziner Eckhard Schiffer diesen Perspektivwechsel.[v]

Die Entwicklungsfenster von Menschen sind gerade in den ersten Lebensjahren besonders weit geöffnet. Deshalb ist es hier sehr wichtig, die Lebenswelt von Kindern derart zu gestalten, dass sie sich gesund entfalten und entwickeln können. Fast alle Eltern fragen sich: Was muss ich tun, um meinem Kind das nötige Rüstzeug für sein Leben mitzugeben? Wie kann ich mein Kind stärken? Wie kann ich mein Kind in schwierigen Situationen unterstützen?

Für Antonovsky liegt der Schlüssel zur Gesundheit im „Kohärenzgefühl“. Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl einer Person ist, desto gesünder müsste sie sein. Er definiert es als „umfassendes, dauerhaftes und dynamisches Vertrauen, dass das Leben und seine Anforderungen verstehbar, handhabbar und sinnerfüllt sind.“ Damit setzt sich das Kohärenzgefühl aus drei Komponenten zusammen. Mit Verstehbarkeit meint Antonovsky, dass eine Person Geschehnisse aus seiner inneren und äußeren Umwelt als geordnet, vorhersehbar und nachvollziehbar erlebt und Vertrauen darin hat, dass die Dinge sich so entwickeln werden, wie es aller Wahrscheinlichkeit nach zu erwarten ist. Dieses Vertrauen kann entstehen, wenn die Bezugspersonen des Kindes entsprechend auf das Kind reagieren. Durch bedingungslose Zuwendung und liebevolles Verständnis, Rhythmus und Rituale sowie verstehbare und klare Grenzen können Sie Ihrem Kind Halt und Sicherheit geben. So kann es lernen, die Welt auf seine Weise zu verstehen. Die zweite Komponente Handhabbarkeit beziehungsweise Machbarkeit zielt auf die Ressourcen, die einer Person zur Verfügung stehen, um die Aufgaben des Lebens zu bewältigen. Im Zentrum steht die Frage: Kann ich meinen Fähig- und Fertigkeiten sowie meinem sozialen Umfeld vertrauen, dass ich die Anforderungen des Lebens meistern werde? Wenn ein Kind von seinen Eltern unterstützt wird, kann es das Vertrauen in sich und sein soziales Netzwerk entwickeln. Unterstützung bedeutet, das Kind zur selbstständigen Problemlösung zu ermutigen, seine Eigeninitiative zu fördern und ihm in schwierigen Situationen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen getreu dem Montessori-Grundsatz: Hilf mir, es selbst zu tun. Es kann nicht darum gehen, dem Kind Aufgaben abzunehmen, denn so bleibt es hilflos und abhängig. Ein 6-jähriger Junge möchte eine Seifenkiste bauen. Wenn der Vater kritisierend eingreift und die Hauptarbeit übernimmt, wird sein Sohn lernen, dass der Papa alles besser kann und wahrscheinlich bald den Spaß am Handwerken verlieren. Der Junge hat am Ende zwar eine schöne Seifenkiste bekommen, aber ein Stück Selbstvertrauen verloren. Eltern sollten ihr Kind weder über- noch unterfordern, so dass sie ihm ausreichend Entscheidungs- und Handlungsfreiheit geben und genug Zeit und Raum zum Ausprobieren lassen. Die dritte und letzte Komponente ist die Sinnhaftigkeit beziehungsweise Bedeutsamkeit, das heißt, die Anforderungen des Lebens werden nicht als Belastung, sondern als Herausforderung verstanden, für die sich Anstrengung und Kampf lohnen.

Jedes Kind besitzt besondere Talente und Fähigkeiten. Sie zu erkennen, im Alltag wiederholt zu verstärken und dem Kind bewusst zu machen, ist eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern. Zu schnell und zu oft neigen wir Erwachsenen dazu, unseren Blick ängstlich auf die Schwächen zu richten, darauf, was unser Kind alles noch nicht kann. Dabei besitzt jedes Kind erstaunliche Fähigkeiten und Potenziale. Wir sollten immer wieder unsere eigene Sichtweise hinterfragen und unseren Blick für die Stärken unseres Kindes schärfen. Wenn wir Vertrauen und Zuversicht in unsere Kinder haben, vermitteln wir ihnen als Vorbilder Gelassenheit. Ermutigendes Elternverhalten fördert effektive Stressbewältigungsstrategien wie etwa die Mobilisierung von Unterstützung, den gelassenen Umgang mit Fehlern und die Fähigkeit zu Entspannung. Es hat sich auch gezeigt, dass Gelassenheit und Gesundheit in einem engen Zusammenhang stehen. Menschen mit einem ausgeprägten Kohärenzgefühl sind emotional stabil und blicken mit Zuversicht in die Zukunft. Sie fühlen sich häufig gesund und wohl, verfügen über ein positives Selbstwertgefühl und eine hohe Selbstwirksamkeit. Ein gut ausgeprägtes Kohärenzgefühl schützt vor Überforderung und führt allgemein zu einer besseren Befindlichkeit. Als Eltern müssen wir dafür kaum etwas tun, außer authentisch mit uns und unseren Kindern umzugehen, ihnen helfen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, und ihnen immer wieder neue Erfahrungen ermöglichen.

 

Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag", (2013), Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag.


[i] Vaillant, G. E. (2002): „Aging Well“, Boston: Little Brown Book Group.

[ii] DIE ZEIT (07/2010): „Glück ist nicht wichtig“, Interview mit Georg Eman Vaillant, von Christian Heinrich.

[iii] Werner, E. E. & Smith, R. S. (1982): „Vulnerable but invincible. A longitudinal study of resilient children and youth“, New York: Mc Graw-Hill.

[iv] Antonovsky, A. (1997): „Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit“, dt. erw. Ausgabe von Alexa Franke, Tübingen: dgvt-Verlag.

[v] Schiffer, E. (2001): „Wie Gesundheit entsteht - Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung“, Weinheim, Basel: Beltz Verlag.


4 Kommentare zu “Was Kinder stark macht”

  1. Horst Antworten | Permalink

    "Der Begriff ist abgeleitet vom lateinischen Wort resilire, was so viel wie zurückspringen, abprallen bedeutet."

    Resistente Spontanheilung, womöglich durch ein dickes Fell, oder doch besser durch eine aussergewöhnliche Bewußtseinsentwicklung, die sogar den herkömmlichen Prinzipien der Bezeichnung von menschlichem Leben gänzlich widerspricht???

    Es wäre geradezu phantastisch, wenn sich die bewußtseinsbetäubenden BEDINGUNGEN unseres "Zusammenlebens" im geistigen Stillstand derart und schnell ändern würden, so daß soziale Beziehungen nicht mehr in Ober- und Unterschicht klassifiziert stattfinden, und Liebe unter den Menschen von einer nicht der Rede werten Selbstverständlichkeit ist - das würde den ABSURDEN und systemrationalen "Forschern" mächtig in die Suppe spucken, bzw. sie würden wohl mächtig krank werden!?

    "Jedes Kind besitzt besondere Talente und Fähigkeiten."

    Die die Kinder meist nicht als etwas Besonderes empfinden, aber im Laufe ihrer "individualbewußten" Bildung zu systemrationaler Suppenkaspermentalität.

    Von unseren Kindern sollten gerade wir (V)Erwachsenen lernen und ZULASSEN, denn sie sind noch dichter dran, am Ursprung / am Geist unseres Sinn des Lebens - DAS geht allerdings nur, wenn MENSCH als ALLE die Möglichkeiten eines geistig-heilenden Selbst- und Massenbewußtseins anstrebt und entsprechend kommuniziert!!!

  2. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Verstehbarkeit (...) Handhabbarkeit (...) Montessori-Grundsatz (...) Sinnhaftigkeit (...)

    Klingt jedenfalls nicht schlecht. Was in den Bildungsstätten geschieht, ist dann wieder eine andere Geschichte.

    MFG
    Dr. W

Einen Kommentar schreiben


eins − = 0