Falsifikation ist nicht alles

8. August 2014 von Joachim Schulz in Allgemein

Bei Internetdiskussionen zur Wissenschaft fällt immer wieder das Schlagwort Falsifizierbarkeit. Jede wissenschaftliche Theorie müsse falsifizierbar sein. An der Falsifizierbarkeit erkenne man sofort den Unterschied zwischen richtiger Wissenschaft und Pseudowissenschaft oder Esoterik. So einfach ist es aber nicht.

Falsifizierbar ist eine Theorie, wenn sie konkret genug ist, dass sie durch ein Experiment oder eine Beobachtung widerlegt werden kann. Zeigen Sie mir eine trockene Straße im Regen und ich muss die Theorie "Wenn es regnet, ist die Straße nass." zurückziehen. Dieser Satz ist, wenn ich ihn als Theorie verstanden haben möchte, falsifizierbar.1

In der Wissenschaftstheorie von Karl Popper ist Falsifizierbarkeit ein wichtiges Kriterium für wissenschaftliche Theorien. Dieser kritische Realismus besagt, dass eine Theorie rationalistisch, also auf Logik beruhend, erstellt und dann am Experiment kritisch überprüft wird. Die Überprüfung kann bei einer gemeingültigen Aussage niemals durch einen experimentellen Beweis erfolgen, denn eine Theorie hat eine unbeschränkte Menge an Anwendungsfällen, die selbstverständlich nicht alle überprüft werden können. Es bleibt also nichts anderes als eine Theorie solange als mögliche Wahrheit hinzunehmen, bis sie durch Beobachtung einer Abweichung wiederlegt ist. Diese Beobachtung einer Abweichung ist die Falsifikation.

Nicht in allen Ansätzen zur Wissenschaftstheorie ist Falsifizierbarkeit so zentral. Eine Theorie muss nicht am Experiment scheitern.2 So sind die spezielle Relativitätstheorie und die Lorentzsche Äthertheorie in ihren experimentell zugänglichen Aussagen identisch. Beide wären mit demselben Experiment falsifiziert. Beide haben bisher jeder Überprüfung standgehalten. Dennoch ist die Lorentzsche Äthertheorie gescheitert, weil sich auf ihr als Basis nichts weiter aufbauen ließ. Sowohl die Quantenelektrodynamik als auch die allgemeine Relativitätstheorie bauen auf die spezielle Relativitätstheorie auf und können, zumindest bisher, nicht mit einem Ätherkonzept in Einklang gebracht werden.

Dazu kommt die größere Tiefe der Relativitätstheorie. Während in der Lorentzschen Äthertheorie der relativistische Faktor einfach vom Himmel fällt3, kann er in der Relativitätstheorie aus sehr einfachen Grundannahmen hergeleitet werden. Die relativistischen Effekte wirken in der Äthertheorie künstlich herbeigeführt, in der Relativitätstheorie erschließen sie sich logisch aus grundlegenden Prinzipien.

Es gibt also durchaus Theorien, die aus anderen Gründen Scheitern als an der erfolgten Falsifizierung oder der fehlenden Falsifizierbarkeit. Umgekehrt halten sich Theorien bisweilen recht lange in der Wissenschaft, ohne je ihre Falsifizierbarkeit unter Beweis zu stellen. Weder die Stringtheorien, noch die Ansätze der Loop Quantengravitation haben es bisher geschafft, eindeutige experimentelle Vorhersagen zu machen, an denen sie gemessen werden können.

Natürlich liegt das zum großen Teil daran, dass auch die modernsten Teilchenbeschleuniger nicht den Energiebereich erreichen, in dem Effekte von Stringtheorie oder Quantengravitation zum Tragen kämen. Man könnte also einwenden, beide Theoriegruppen seien im Prinzip falsifizierbar, es fehle nur noch an der technischen Leistungsfähigkeit der Experimente. Das aber ist ein schwaches Argument, das ich genau so auch bei esoterischen Theorien gefunden habe. Auch die bestehen oft darauf, man könne ihre postulierten Effekte gerade noch nicht messen, aber prinzipiell sei alles überprüfbar.

Dass Stringtheorien anerkannter Teil der Wissenschaft sind, Rupert Sheldrakes morphogenetische Felder aber nicht, liegt nicht an ihrer Falsifizierbarkeit, sondern an ihrem Potenzial. Stringtheorien passen in die moderne Physik, es ist nicht sicher, aber sie haben das Potenzial, den Teilchenzoo etwas zu lichten und zu erklären, warum es gerade die Elementarteilchen gibt, die wir beobachten. Für die morphogenetischen Felder fehlt dagegen das Phänomen, das damit zu erklären wäre und sie passen nicht in das Bild, das wir zur Zeit von der Natur haben.

 

Anmerkungen:

1. Verwende ich ihn als Vorurteil, dann bestätigt die Ausnahme die Regel.
2. Auf den Konstruktivismus möchte ich in diesem Artikel nur in einer Fußnote verweisen.
3. Diese Formulierung stammt aus Hermann Minkowskis Vortrag Raum und Zeit

50 Kommentare zu “Falsifikation ist nicht alles”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Es gibt Bas van Fraassen, der das (naturwissenschaftliche) Theorienwesen schlicht so versteht, dass Theorien empirisch adäquat [1] sein sollen und sich dann im Entwicklungsverlauf der Wissenschaft ergibt, welche empirisch adäquate Theorien Sinn oder Erfolg bringen. [2]

    Die Maßgabe, dass Theorien nur dann wissenschaftlich sind, wenn falsifizierbar, kollidiert auch mit den Meta-Theorien über die (Natur-)Wissenschaftlichkeit.

    Feyerabend war's wohl, der Theorien i.p. Erstellung und Belastung sozusagen frei gab, "Theorienfreiheit" herstellte.

    MFG
    Dr. W

    [1] auch empirisch inadäquate Theorien können ihren Wert haben, die Forderung wäre hier, dass sie zumindest in einem Gebrauchsfall (Theorien beschreiben, erklären und erlauben die Vorhersage) leisten, zumindest einmal - eine Fußnote, die keineswegs dem Relativismus das Wort reden soll, sondern sich stattdessen um das Wesen der Sicht ("Theorie") bemüht
    [2] gemeint ist hier nicht der Utilitarismus, es soll schon um das gehen, das (gegeben) ist

  2. Stefan Antworten | Permalink

    "Zeigen Sie mir eine trockene Straße im Regen und ich muss die Theorie "Wenn es regnet, ist die Straße nass." zurückziehen."

    Nein. Das wäre die von Popper abgelehnte Sofortfalsifikation. Poppers These der Falsifikation zielt aber auf eine Systemfalsifikation ab.

    Eine Theorie wird gebildet, daraus leiten sich Aussagen ab. Diese Aussagen müssen falsifizierbar sein. Nun werden die Aussagen mit Beobachtungen verglichen. Stimmen diese nicht überein, dann sind die Aussagen falsifiziert noch nicht die Theorie selbst - aber mehr noch, auch die Aussagen müssen noch nicht falsifiziert sein. Es können ja auch die Beobachtungen, die ja auch nur auf Theorien beruhen, wie wir was beobachten, falsch sein.

    Ein WIderspruch von Aussagen einer Theorie und Beobachtungen, bedeutet erst mal nur einen Widerspruch im System. Dieser Widerspruch muss aufgelöst werden. Entweder in dem Aussagen neu formuliert werden können oder in dem wir ein neues Verständnis von Beobachtungen bekommen (also neue Theorien schaffen, was wir wie beobachten können). Oder in dem man zum Schluß kommt, dass die Theorie niemals passende Aussagen liefern kann.
    All das ist auch abhängig, wie mächtig Theorien sind. Wenn Aussagen Beobachtungen widersprechen, die seit langen, gut überprüft sind, wirds die Theorie, die diese Aussagen produziert schwer haben. Wenn eine Theorie gut überprüft ist und es nun Beobachtungen gibt, die der Theorie widersprechen, dann wirds die Beobachtung schwierig haben (siehe Überlichtgeschwindigkeit von Neutrinos).

    Meines Wissens produziert die LQG falsifizierbare Vorhersagen, die auch schon überprüft wurden. Hochenergetische Protonen, die die Erde erreichen und die mit der LQG erklärt werden können (GZK limit). 2005 wurden Laufzeitunterschiede an Markarjan 501 gemessen.

    Und da gehts nicht nur um das Potential, sondern auch wieviel geld da reingesteckt wird. Und ind ie Stringtheorie wurde viel Geld reingesteckt, da sind ganze Kampangen gelaufen, um sie am Leben zu erhalten (in die 80er stand sie ja kurz vor dem Ende). Wissenschaft ist nicht perfekt, sondern es wird auch viel politisiert.

    Aber das das Falsifikationsprinzip trotzdem funktioniert, deutet sich trotz des vielen geld für die Stringtheorie an. Der Knacks des in Cern beobachten Bs-Mesonen-Zerfall, der Chris Parkes zu der Aussage "Supersymmetrie ist vielleicht nicht tot, liegt aber nach den jüngsten Ergebnissen sicherlich im Krankenhaus" hinreissen hat lassen, sitzt tief. Und ob sich die Stringtheorie davone rholen kann, wird sich zeigen, wenn Cern wieder anläuft.

    Insofern leben wir in interessante Zeiten, denn das Ende der Stringtheorie wäre wohl viel spannender, als das weitere jahrzehntelange am Leben erhalten selbiger.
    Deswegen behaupte ich mal, das Falsifikationsprinzip funktioniert tadellos, trotz Politisierung in der WIssenschaft, trotz viel Geld - es geht nur niemals um Sofortfalsifikation., sondern um Systemfalsifikation und da können schon mal Jahrzehnte vergehen.

    • Stefan Antworten | Permalink

      Ergänzend: Also auch das Experiment ist eine Theorie nach Popper . Die Formulierung des Experiments, beschreibt unser momentanes Verständis über das was wir beobachten können, wie wir etwas beobachten und produziert daraus Aussagen. Diese Aussagen werden nun mit den Aussagen einer Theorie verglichen , die ebenfalls unser momentanes Verständis über die Wirklichkeit beschreibt.

      Weder sind Experimente - im Sinne von Poppers Falsifkation - noch die Beobachtung ansich, ein Zensor für Theorien. Beobachtung, Experiment, Theorien sind im Sinne eines Sytems gleichberechtigt und das System muss widerspruchsfrei sein. Die Widerspruchsauflösung, wobei sowohl Experiment als fehlerhaft sich herausstellen kann, als auch die Beobachtung selbst und auch die Theorie, sind der eigentliche Wissenschaffungs-Prozess.

      Und radikaler Konstruktivismus und kritischer Rationalismus widersprechen sich nicht. Ganz im Gegenteil, Wahrnehmungsurteile als Hypothesen zu betrachten, die sich als Wahrnehmungstäuschungen herausstellen können (z.B. durch evolutionäre Anpassung der Sinnesorgane) gehört zum kritischen Rationalismus dazu.

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        Bemühen sich Experimente nicht um Hypothesen bzw. deren empirische Bestätigung bzw. Widerlegung? Kann im naturwissenschaftlichen Sinne ein Behauptungssatz eine Theorie sein?

        MFG
        Dr. W (der Theorien als Sichten auf Daten und auf Theorien, also auf Sichten auf Daten, kennt)

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Auch eine Hypothese ist meist eine Theorie, also ein System von Aussagen über die Domäne, welche von der Theorie beschrieben wird. Die Stringtheorie beispielsweise ist sowohl eine Theorie als auch eine Hypothese. Von Hypothesen spricht man allerdings schon dann, wenn man noch keine gefestigte Theorie hat, kein System von Aussagen, wenn man also noch im Stadium der Vermutungen steckt. In der Physik gibt es aber nur wenige Hypothesen, die auf reinen Vermutungen basieren. Sogar hypothetische Teilchen wie Axionen kommen mit einer physikalischen Theorie daher, welche ein ganzes Set von zusammenhängenden Aussagen umfasst..

          • Dr. Webbaer | Permalink

            Behauptungssätze sind gerade keine Theorien.
            Bei der experimentellen Prüfung bedarf es einer Messtheorie.
            Sichten ("Theorien") sind Abfragen von Daten oder Abfragen von Daten, die von abgefragten Sichten stammen.

          • Dr. Webbaer | Permalink

            PS :

            Sichten ("Theorien") sind Abfragen von Daten oder Abfragen von Daten, die von abgefragten Sichten stammen.

            Wenn es keine Meta-Theorien oder generell Metaphysisches ist. - MFG, Dr. - der diese wichtige Unterscheidung nicht immer vornimmt

          • Martin Holzherr | Permalink

            @Dr. Webbaer 9. August 2014 10:22
            Sie schreiben: "Behauptungssätze sind gerade keine Theorien."
            Ich aber habe geschrieben: "Auch eine Hypothese ist meist eine Theorie, also ein System von Aussagen über die Domäne, welche von der Theorie beschrieben wird."

            In der Wikipedia liest man unter Theorie:

            Eine Theorie ist ein System von Aussagen, das dazu dient, Ausschnitte der Realität zu beschreiben beziehungsweise zu erklären und Prognosen über die Zukunft zu erstellen.

          • Dr. Webbaer | Permalink

            Gemeint ist hoffentlich dasselbe.

            MFG + schönen Sonntag noch,
            Dr. W

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Ein Experiment ist keine Theorie, hat aber als Hintergrund meist ein Modell der Wirklichkeit und zwar ein Modell, das auf einer Theorie basiert. Gerade darum kann ein Experiment eine Theorie falsifizieren. Weil das Experiment nämlich so aufgebaut ist, das ein mit der Theorie erklärbares Resultat erwartet wird. Falls man das erwartete Resultat nicht erhält, kann das Experiment falsch augebaut sein ( wie es bei den angeblich superluminalen Neutrinos der Fall war) oder aber das Experiment zeigt einen Widerspruch auf.

        • stefan Antworten | Permalink

          Das Experiment beruht genau so auf einer Theorie und die Schlüße die aus einem Experiment gezogen werden, müssen genau so falsifizierbar formuliert werden. Experiment gehört wie die Theorie und die Beobachtung zu einem System, das widerspruchsfrei sein muss. Ist es das nicht, ist entweder die Theorie falsch oder das Expoeriment (die Vorstellung, wie ich ein Experiment verwirkliche) oder auch die Beobachtung.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Verschiedene Gamma Ray Burst-Beobachtungen sprechen einmal für einmal gegen die Loop-Quantum Theorie. Dies zu

      Meines Wissens produziert die LQG falsifizierbare Vorhersagen, die auch schon überprüft wurden. Hochenergetische Protonen, die die Erde erreichen und die mit der LQG erklärt werden können (GZK limit). 2005 wurden Laufzeitunterschiede an Markarjan 501 gemessen.

      >

      Nach LQG sollten sich hochenergetische Photonen langsamer ausbreiten als niedrigenergetische. Doch bei GRB 090510 war dies nicht zu beobachen, bei GRB080916C jedoch schon.

      Es ist also zu früh von einer Bestätigung der Loop Quantum Gravitation durch Beobachtungen zu sprechen.

  3. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Wenn eine Theorie Beobachtungen widerspricht und es keinen plausiblen Fix gibt, der sie kompatibel mit den Beobachtungen macht, ist sie tot. Sich widersprechende Theorien können so aussortiert werden. Theorien, die die gleichen Voraussagen machen, die aber andere Fundamente haben, können per se nicht über die Falsifizierbarkeit selektioniert werden. Doch Falsifizierbarkeit ist in der Tat nur ein Kriterium unter anderen welches für oder gegen eine Theorie spricht. Theorien mit grösserer Erklärungsmacht und mit tieferen Erklärungen sind attraktiver und smarter als ihre vielleicht bodenständigen, aber weniger erklärungsmächtigen Gegenparte. Nicht immer aber ist der Fall eindeutig, kann also eine Theorie über die andere präferiert werden. Eine neue Theorie muss zudem unter Beweis stellen, dass sie mehr Wert hat als die alte Theorie. Bei den Stringtheorien fehlt dieser Beweis bis jetzt obwohl sie allgemeiner und vereinheitlichtender sind als etwa das Standardmodell. Stringtheorien haben als gewichtigen Nachteil, dass sie nicht nur die beobachtete Wirklichkeit sondern auch noch fast beliebig andere Welten erklären können, denn sie beschreiben ganze Landschaften, die erst nach einer Lokalisierung, sprich Parametrisierung, zu einer konkreten Welt werden. Sogar Stringverfechter sagen deshalb, dass Stringtheorien bis heute eher eine neue matematische Betrachtung der Welt sind als dass sie physikalische Theorien sind. Das eine Theorie zu mächtig sein kann zeigt gerade die Stringtheorie. Bis vor Kurzem galt die Existenz bezugsweise Nicht-Existenz von Supersymmetrie als KO-Kriterium, doch die Stringtheorien können scheinbar so parametriert werden, dass sie auch ohne Supersymmetrie auskommen. Everything Goes? Fallls ja spricht das nicht unbedingt für eine Theorie, sonder eher gegen sie.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      @ Herr Holzherr :

      Wenn eine Theorie Beobachtungen widerspricht und es keinen plausiblen Fix gibt, der sie kompatibel mit den Beobachtungen macht, ist sie tot.

      Es soll einmal ein Gedankenexperiment getätigt werden, jemand sagt: Wenn Sie diese (spezielle) Handlung vornehmen, es könnte ein Klerikaler sein, wird jemand (Gott) einen Blitz herabsenden und Sie sind 'tot'.
      Jemand versucht sich experimentell und nichts passiert, ein weiterer versucht sich und - Zack! - ein Blitz kommt und sein Ableben.
      Jetzt würden anzunehmenderweise welche anfangen zu streiten und einen 'Fix' vom "Klerikalen" fordern, dieser bleibt aber zäh bei seiner Theorie.
      Ist diese Theorie nun 'tot' oder hat sie dennoch einen Wert?

      MFG
      Dr. W (der selbst aber auch gerne den 'Fix' theoretisch einpflegen lassen würde, diese Nachricht eher spaßeshalber versandt hat, Kommentatorenfreund 'Joker' sei an dieser Stelle gegrüsst)

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Experimente müssen reproduzierbar sein und Beobachtungen statistisch ausgewertet werden. Das gilt nicht nur für naturwissenschaftliche Theorien, sondern spielt immer mehr auch in den Sozial- und Gesisteswissenschaften eine Rolle. In eine ähnliche Kategorie wie die Falsifizierbarkeit fällt auch die Attributierbarkeit, die Frage also ob eine bestimmte Beobachtung wirklich mit der Theorie erklärt werden muss oder ob es nicht auch eine alternative Erklärung gibt. Beides - Falsifizierbarkeit und die Frage ob die Zuordnung eines Phänomens oder einer Beobachtung zu der vermuteten Ursache gerechtfertigt ist - gehört zur notwendigen Skepsis auch gegenüber eigenen Theorien und angenommenen Ursachen.
        Azf den Versuch zu falsifizieren sollte man jedenfalls nie verzichten und auch alternative Erklärungen darf man nie ausser Acht lassen. Schon der Volksmund weiss, dass wer nur einen Hammer ( nur eine Theorie) hat, überall nur Nägel sieht.

        • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

          Experimente müssen reproduzierbar sein und Beobachtungen statistisch ausgewertet werden. Das gilt nicht nur für naturwissenschaftliche Theorien, sondern spielt immer mehr auch in den Sozial- und Ge[]isteswissenschaften eine Rolle.

          Es gilt sich, wenn Sie schon die Geisteswissenschaften ansprechen, dort ist die neomarxistische Denkweise [1] ein Problem, im naturwissenschaftlichen Bereich abzufeimen, wenn Angriffe von relativistischer Seite erfolgen.
          Insofern sind die gegnerischen Argumente, wie Ihr Kommentatorenfreund findet, ernst zu nehmen und bestmöglich zu beleuchten. Im Geisteswissenschaftlichen kann z.B. bestimmte Überlegung aus dem Hause Butler dadurch zurückgewiesen werden, dass die gegnerischen Überlegungen zwar nicht falsch ("widersprüchlich") sind, dass es aber eine bestimmte Systemgranularität (das Fachwort) zu finden gilt, auf der es sinnhafterweise zu arbeiten ist.
          Vgl. auch :
          -> http://apod.nasa.gov/apod/ap120312.html

          Der Schreiber dieser Zeilen, der auch hier, wie fast überall sonstwo, nur interessierter Laie ist, versteht bspw. Poppers wie gerade auch Feyerabends Bemühungen dementsprechend.
          Wobei Feyerabend deutlich "cooler" rüberkommt, Popper aber sittlich sehr stark gewesen zu sein scheint.

          MFG
          Dr. W (der Ihnen im Grundsatz also zustimmt)

          [1] manifestiert bspw. in Aussagen wie 'Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.' oder 'Es gibt nicht den Islam.'

    • stefan Antworten | Permalink

      "Wenn eine Theorie Beobachtungen widerspricht und es keinen plausiblen Fix gibt, der sie kompatibel mit den Beobachtungen macht, ist sie tot."

      Nein eben nicht. Am Anfang von allen steht immer eine Theorie. Auch wenn es sich um eine Beobachtung handelt. Weil Beobachtungen auf Theorien beruhen, wie wir die Welt sehen. Selbst dass die Welt dreidimensional ist, entsteht aus einer Theorie, die versucht widerspruchsfrei zweidimensionale Bilder in unseren Kopf, mit den Erfahrungen des Tastapperarts in Verbindung zu bringen.

      Offensichtlicher noch wird das ganze, wenn wir Beobachtungen haben, die z.B. von Radioteleskopen gesammelt werden, hier haben wir einen Haufen Papier, der erst interpretiert werden muss - und interpretiert wird er anhand einer Theorie. Das ist unsere "Beobachtung", die ist bei weitem nicht mehr offensichtlich, sondern erst durch komplexe Abläufe ersichtlich.

      Falifizierbar sind auch immer nur Aussagen von Theorien und auch die Beobachtung muss falsifizierbare Aussagen liefern. Bedeutet aus der Beobachtung bestimmte ich Sätze, die ich überprüfe. In Zusammenspiel mit Theorie und Beonachtungen, produziere ich falsifizierbare Aussagen aus der Theorie und aus der Beobachtung, die ich miteinander vergleiche und versuche ein widerspruchsfreies System zu schaffen.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Mein Fazit zu Beginn: Die Komplexität von Beobachtungen und Messungen beinträchtigen das Konzept der Falsifizierbarkeit nicht. Und ja: Falsifizierbarkeit sucht in erster Linie einen Widerspruch, eine Inkonsistenz und zwar eine Inkonsistenz zwischen physikalischer Realität, deren Abbild die Messung ist und sein will und der zu testenden Theorie, die etwas über die physikalische Realität aussagt.

        Messen ist auch eine Wissenschaft mit ihrer eigenen Theorie. Richtig.
        Oft misst man bei Experimenten eine indirekte Auswirkung einer Theorie und das, was man misst würde man fast unabhängig von der zu testenden Theorie so messen wie man es misst. Ein Beispiel: Jede Gravitationstheorie wird voraussagen können und müssen wie die Bahn des Merkurs um die Sonne verläuft, beispielsweise wie sich die Distanz zwischen Merkur und Sonne mit den Umdrehungen ändert. Den nächsten Punkt des Merkurs zur Sonne und die Veränderung seiner Position kann man mit der Newtonschen und Einstein'schen Gravitationstheorie vorausberechnen. Nur mit der Einstein’schen Gravitationstheorie erhält man Werte, die in Übereinstimmung mit den Messungen sind. Jede heutige und zukünftige Gravitationstheorie muss Voraussagen liefern, die mit den Messungen übereinstimmen.

        Messen wir die Realität oder ein Konstrukt? Und ist das relevant?
        Der Satz "wenn wir Beobachtungen haben, die z.B. von Radioteleskopen gesammelt werden, hier haben wir einen Haufen Papier, der erst interpretiert werden muss - ..." impliziert Messungen seien trügerisch, weil sie bereits das Resultat einer Verarbeitung sind. Hier gilt:
        1) Messungen müssen reproduzierbar sein und sie müssen x-Mal wiederholt werden. Messungen
        2) Die Messtheorie und die Probleme der Messung müssen verstanden sein
        3) Der zu erwartende Streufehler sollte durch die Messumstände quantifizierbar sein und dann auch in den Messungen auftauchen
        4) Das gleiche oder etwas in Bezug auf die Messabsicht äquivalentes kann und sollte eventuell auf alternative Weise gemessen werden

        Messen ist nicht unproblematisch. Doch Messungen können eine Theorie ohne weiteres widerlegen, vor allem weil physikalische Theorien meist unendlich viele sehr konkrete Werte voraussagen und weil jeder der vorausgesagten Werte mit dem gemessenen Wert übereinstimmen muss. Falsifizieren ist so gesehen gar nicht so schwer, denn es genügt eine Serie von Messungen aus einem kleinen Bereich, die den theoretischen Voraussagen widerspricht.

        Im Übrigen ist die im Sub Titel dieses Kommentars gestellte Frage, nämlich die, ob die Realität ein Konstrukt ist, für Physiker und auch für alle anderen Menschen nicht relevant, solange das nur die philosophische Sicht auf die Welt beeinflusst: Ob nun der Ball in einer 3-D-Welt vom Tisch rollt oder ob diese 3D-Welt in Wirklichkeit ein Hologramm ist oder etwa nur eine Simulation in einem Computer einer ausserirdischen Forschergruppe ist irrelevant, denn es ändert für uns nichts. Es wäre nur relevant, wenn es Konsequenzen hätte, wenn man also beispielsweise nachweisen könnte, dass wir in einer Simulation leben, weil sich Ungenauigkeiten ergeben wie man sie von der Fliesskommaarithmetik in unseren Supercomputern her kennt . Bis jetzt gibt es keine Anzeichen für eine derart imperfekte Welt

        Den Satz in ihrem Kommentar: "Falsifizierbar sind auch immer nur Aussagen von Theorien und auch die Beobachtung muss falsifizierbare Aussagen liefern. " verstehe ich übrigens nicht. Ist es nicht so, dass Messungen reproduzierbar und ohne systematischen Fehler sein sollten und dass dann die Messung entweder mit den vorausgesagten Werten der Theorie übereinstimmt oder eben nicht? Wahrscheinlich wollen sie einfach sagen, dass Theorien nur über Theorien falsifizierbar sind und dass wir folglich nie die Realität testen. Dazu habe ich mich weiter oben schon geäussert.

  4. Karl Mistelberger Antworten | Permalink

    > Stringtheorien passen in die moderne Physik, es ist nicht sicher, aber sie haben das Potenzial, den Teilchenzoo etwas zu lichten und zu erklären, warum es gerade die Elementarteilchen gibt, die wir beobachten.

    Ich bin in solchen Dingen sehr geduldig, aber ich fürchte, ich werde es nicht mehr erleben, dass aus dem Potential etwas Greifbares wird.

    • stefan Antworten | Permalink

      Nach 40 Jahren wirds einmal Zeit zumindest zu versuchen falsifizierbare Aussagen zu produzieren. Immer wenn es dazu kommt, heißt es, aber selbst eine Falsifikation bedeutet noch nicht das Ende, denn wir haben ja noch 10 hoch 100 Universen, eines wird davon schon passen.

      Der oben angesprochene Bs-Mesonen-Zerfall in Cern schränkt das Vorhandensein von supersymmetrische Teilchen massiv ein und damit steht die Stringtheorie an einen Scheidepunkt. Wenn Cern wieder anläuft und weiter die Supersymmetre einschränkt, ists mit der STringtheorie schneller vorbei, als man jetzt noch glauben würde.

  5. Statistiker Antworten | Permalink

    Soso, Falsifizierbarkeit ist also bähbäh..... Herzlich willkommenim Kreis der Esoteriker, Kirchengläubigen wie dem bräsigen Blognachbarn und sonstigen geistigen Analfabeten. Herzlich willkommen im geistigen Hull-Trullla-Land und viel Spaß beim geistigen Verwesen!

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Hier neige ich dazu, Ihnen zuzustimmen, wenn sie sich auf die die meisten Kommentare hier beziehen. Diese atmen nämlich den Geist des übersteigerten Skeptizismus, der sogar den von Natur aus skeptischen Naturwissenschaftlern misstraut. Letztlich weil sie sogar der Welt misstrauen und wohl zum Solipsismus neigen, also der Ansicht sind, das einzig Sichere sei ihr eigenes Ich.

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        @ Herr Holzherr :

        Letztlich weil sie sogar der Welt misstrauen und wohl zum Solipsismus neigen, also der Ansicht sind, das einzig Sichere sei ihr eigenes Ich.

        Das einzig Sichere ist dass etwas (vs. Solipsismus) existiert. - Irgendwo hat der Schreiber dieser Zeilen mal eine Aussagenmenge gefunden [1], die interessanterweise Fichte zugeschrieben wird, der dafür bei Schopenhauer besonderes Missfallen erntete, sie lautet in etwa:
        'Etwas ist. Und es ist, weil es ist, und es ist so wie es ist, weil es so ist, wie es ist.'

        MFG
        Dr. W (der die grundsätzliche Sicht des Systemteilnehmers (vs. Systembetreibers), die Erkenntnis betreffend, hier sehr angenehm oder korrekt beschrieben sieht)

        [1] weil der Schreiber dieser Zeilen ähnlich entwickelt hat, ganz laienhaft natürlich, und dementsprechend suchte vor einigen Jahren

  6. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Stringtheorien sind (momentan) nicht falsifizierbar, sie sind aber kompatibel mit der modernen Physik, dem Standardmodell, der Quanten-und Relativitätstheorie und sie erklären nicht nur die Gravitation sondern auch alle anderen existierenden Teilchen in einem konsistenten dichotomiefreien Modell. Das macht Stringtheorien interessant, auch wenn sie nicht falsifizierbar sind. Viele meinen ja, sie seien dennoch falsifiziert, wenn es keine Supersymmetrie gäbe. Doch das scheint nicht zu stimmen. Es gibt auch Stringtheorien, in denen es im Niedrigenergiebereich (LHC-Bereich) keine Supersymmetrie gibt. Dass Stringtheorien eine grosse Anzahl von freien Parametern haben und man damit sehr viele "Welten" modellieren kann, ist sicher ein Problem. Doch es ist kein Killerkriterium. Warum sollte unsere Welt die einzig mögliche sein? Warum sollten die beobachteten Naturkonstanten zwingend genau die konkreten Werte haben, die wir gemessen haben. Es stimmt zwar, dass kleine Abweichungen der Naturkonstanten von den festgestellten Werten nicht mit Leben im Universum verträglich wären. Doch warum sollten wir nicht das unheimliche Glück haben genau in einem Universum zu leben, wo es uns geben kann. Letztlich müssen wir ja in so einem Universum leben, aber das heisst nicht dass das Universum für uns geschaffen wurde.

    • Chrys Antworten | Permalink

      Die Autoren des verlinkten Preprints wünschen sich anscheinend nun so etwas wie eine Superstring Theorie, die ohne Superpartner der Standard-Partikel auskommt. Alles, was einem sonst dazu einfallen könnte, wurde schon einmal gesagt:

      … I think all this superstring stuff is crazy and it is in the wrong direction. … I don't like that they're not calculating anything. I don't like that they don't check their ideas. I don't like that for anything that disagrees with an experiment, they cook up an explanation—a fix-up to say “Well, it still might be true.”
      – Richard Feynman

      "Die String-Theorie ist ziemlich tot," hat Martinus Veltman im Interview bei Lars Fischer gesagt. So wird es wohl sein. Ohnehin werden Theorien praktisch nie durch Falsifizierung entsorgt—über dieses Thema hatte übrigens auch Josef Honerkamp in seinem Blog einmal geschrieben.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Die Stringtheorie ist mehr ein Ansatz und noch keine geschlossene Lösung und Edward Witten beschreibt sie als Physik des 21. Jahrhunderts, die sich ins 20. verirrt hat.
        Zu Resultaten haben stringtheoretische Ansätze vor allem in der Festkörperphysik und bei Extremzuständen der Materie (glueballs, Superflüssigkeiten mit Übergang zu Isolatoren, etc.) geführt.
        Der Artikel Brücke zwischen Stringtheorie und Festkörperphysik geschlagen zeigt, dass stringtheoretische Ansätze wie das Korrespondenzprinzip, welches es ermöglicht starke Quantenfelder in Beziehung zu Gravitationsfeldern zu bringen, so dass Berechnungen in der einen Sphäre auch Lösungen für korrespondierende Probleme in der andern Sphäre sind.
        Es scheint, dass die mathematischen Strukturen, die den Stringtheorien zugrundeliegen, noch nicht vollständig verstanden sind, aber das Potenzial haben physikalische Phänomene auf ganz neue Weise zu erklären.

        • Chrys Antworten | Permalink

          @Martin Holzherr

          String-Theorie in der Festkórperphysik — dazu würde mich echt mal ein Statement vom Philip Anderson interessieren.

          Komischerweise scheint die Superstring-Theorie überall wunderbar hinzupassen. wo abgehalfterte Superstring-Theoretiker ihr Auskommen zu finden versuchen. Von einem weiss ich, der als Analyst bei einer systemrelevanten franz. Grossbank gelandet ist und dort Option Pricing mit Supersymmetrie machen will. Vielleicht inzwischen nicht mehr, das war wohl noch vor der Krise von 2008.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Das Spektrum-Heft 01/2014 hatte eine Artikel Stringtheorie für Festkörper und auch in der Wikipedia gibt es einen entsprechenden Eintrag.

            Allerdings scheint die AdS/CFT-Korrespondenz (die die Anwendung der Stringtheorie in der Festkörperphysik erlaubt) eine super-symmetrische Yang-Mills-Welt zu beschreiben, die nicht der beobachteten Quantenchromodynamik entspricht, so dass es fraglich ist ob man mit dieser nicht zu unserer Wirklichkeit passenden Theorie gürltige Schlussfolgerungen ziehen kann.

          • Chrys | Permalink

            Hier haben wir ihn:
            P. W. Anderson (2013). Strange connections to strange metals. Physics Today, 66(4), 9-10.
            DOI: 10.1063/PT.3.1929

    • Stefan Antworten | Permalink

      "Dass Stringtheorien eine grosse Anzahl von freien Parametern haben und man damit sehr viele "Welten" modellieren kann, ist sicher ein Problem. Doch es ist kein Killerkriterium."

      Ist es nicht. Aber die Stringtheorie wird genau dann unwissenschaftlich, wenn Falsifizierungs-Experimente erdacht werden, aber gleichzeitig dazu gesagt wird, dass selbst eine Falsifizierung nicht das Ende bedeutet, denn dann gilt einfach ein anderes Modell der String-Theorie. Damit wird schlicht das Falsiifkationsprinzip umgangen, denn bei 10 hoch 100 Möglichkeiten, kann für immer und ewig behauptet werden, dass der gerade aktuelle Falsifikations-Test nichts aussagt. Das ist billig.

      Und nein, nichts spricht dagegen, dass es nicht mehr Welten gibt. Aber das bitte in eine falsifizierbare Aussage verpacken, sonst sind wir nämlich nicht mehr wissenschaftlich.

      Und ja, es gibt Spielarten der Stringtheorie, wo es im Niedrigenergiebereich keine Susy braucht. Nur hat man dann sich wieder ein Stückchen weniger Falsifizierbar gemacht. Abgesehen davon, dass weitere Teile - auch der StringtheoretikerInnen - diesen Gedankengang nicht mehr folgen wollen.

      Seit mehr als 40 Jahren umschifft die Stringtheorie, mittels massiver Förderungen, mathematisch elegant jeden Falsifikations-Test. Während andere Theorien mit weniger PR und schon tatsächlich bestandenen Falsikfations-Test (LQG) kaum beachtet werden.

      Es spricht nichts dagegen - ja nicht einmal Popper hat was dagegen gehabt - wenn Theorien anfangs nicht falsifizierbar sind und bei Falsifizierung ad-hoc-Thesen diese Theorie retten.
      ABER - und auch das hat Popper immer wieder verlangt - diese nach Falsifizierung durch ad-hoc-Thesen gerettete Theorie, muss danach noch mehr erklären können, sie muss noch mehr falsifzierbare Aussagen produzieren können.

      In die 80er war die Stringtheorie so gut wie tot, dann wurde ein mathematischer Trick gefunden, wie sie nicht doch selbstwidersprüchlich ist. Das hat unzählige neue Modelle geschaffen, die aber nichts - absolut nichts - zu einem Erkenntnisgewinn beigetragen haben. Es wurden nur neue unzählige Welten geschaffen, das hat die SciFi unheimlich beflügelt - aber auf Nachprüfbarkeit wird offensichtlich kein Wert mehr gelegt.
      Dann kam die Idee mit den Schwarzen Löchern bzw. großen Extradimensionen im CERN, wiederum wurde gleich dazu gesagt, eine Falsifizierung wäre kein Problem, dann wäre ein anderes Modell richtig. Nun ergeben erste Messungen, dass höchstwahrscheinlich Susy wegfällt und wieder wird tief in die mathematische Zauberkiste gegriffen, um die Stringtheorie zu retten.

      Und entgegen den Forderungen des kritischen Rationalismus, des Falsifikationsprinzip, wird mit jeder neuen Rettungsaktion die Stringtheorie nicht falsifizierbarer, kann nicht mehr erklären - nein, ganz im Gegfenteil, die Stringtheorie macht sich immer mehr unangreifbarer.

      Das hat schon lange nichts mehr mit Wissenschaft zu tun - das erfreuliche ist, dass wenn Cern anläuft und die Susy entgültig zu Grabe getragen wird, auch die Stringtheorie sterben wird. Denn - und da bin ich mir relativ sicher - bei der Ausrede "Susy gibts nicht bei Niedrigenergie" werden nur noch die wneigsten mitmachen, denn das ist in der WIssenschaftsgeschichte das klassische "Theorien Unangreifbar" machen, weg von einer Wissenschaftlichkeit.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Stringtheorien sind
        1) Kandidaten für eine grosse Vereinheitlichung von Quanten- und (allg.)Relativitätstheorie
        2) bieten eine mathematisch/theoretische Toolbox an mit neuen vielsprechenden Ansätzen wie der Komplementarität/Dualität (z.B. AdS/CFT) mit fruchtbaren Anwendungen nicht nur in der Teilchenphysik sondern auch in der Festkörperphysik
        3) Stringtheorien sind heute nicht noch offen , nicht abgeschlossen. Edward Witten beschrieb sie als Physik des 21. Jahrhunderts, die sich ins 20. Jarhhundert verirrt haben.

      • Joachim Schulz Antworten | Permalink

        Ich teile diese Einschätzung bezüglich der Stringtheorie, frage mich aber, ob die Loop-Quantum-Gravity eine Alternative ist. Gibt es mittlerweile einen funktionierenden Ansatz, aus den Loops die Eigenschaften von Elementarteilchen herzuleiten?
        Als Ansatz, die Raumzeit nahe der Planckskala zu beschreiben, ist sie sicher sehr brauchbar. Und in der Kosmologie kann sie gute Dienste leisten. Aber kann sie zur Lichtung des Teilchen-Waldes beitragen?

      • Chrys Antworten | Permalink

        Dass die LQG grandiose Voraussagen gemacht hätte, lässt sich meines Wissens nun auch nicht gerade behaupten. Beispielsweise schrieb Lee Smolin 2003:

        Photons of higher energy travel slightly slower than low-energy photons. […] Two photons produced by a gamma-ray burst 10 billion years ago, one redder and one bluer, should arrive on Earth at slightly different times. […] We very much look forward to the announcement of the results, as they will be testing a prediction of a quantum theory of gravity.

        http://edge.org/conversation/loop-quantum-gravity-lee-smolin

        Die gemessenen Resultate bestätigen diese Erwartungen dann offenbar nicht. In Nature, Editor's Summary, 19 November 2009, liest man:

        No evidence for the violation of Lorentz invariance was found in the GRB 090510 spectrum, at least down to a limit of the Planck length divided by 1.2. This argues against quantum-gravity theories where the quantum nature of space–time linearly alters the speed of light with photon energy.

        http://www.nature.com/nature/journal/v462/n7271/edsumm/e091119-06.html

  7. Reggid Antworten | Permalink

    wenn über die string theorie geschimpft wird ob ihrer fehlenden falsifizierbarkeit und voraussagen (ob jetzt gerechtfertigt oder nicht), wird oft vergessen dass string theorie auch einfach ein werkzeug ist, welches anwendung in unseren berechnungen zu prozessen, die wir tagtäglich in teilchenbeschleunigern sehen, findet. das macht string theorie an sich auch nicht "wahr" (was auch immer das genau heißen soll), aber es zeigt wie wichtig es ist in solche richtungen zu forschen. aus der string theorie kommen rechenmethoden welche inzwischen unverzichtbar für große experimente wie am LHC sind (beschrieben z.B hier: http://profmattstrassler.com/2012/08/15/from-string-theory-to-the-large-hadron-collider/), man kann die aus der string theorie kommende AdS/CFT korrespondenz (möglicherweise) dazu nutzen um quark-gluon-plasma (ein zustand den wir tatsächlich im experiment sehen), man kann sie nutzen um die eigenschaften von sog. glueballs, hypothetische bindungszustände nur aus gluonen, zu berechnen. ob es glueballs gibt wissen wir nicht, aber um sie im experiment zu identifizieren oder zu widerlegen müssen wir sie auch theoretische verstehen, und dazu können methoden der string theorie einen beitrag liefern. und auch glueballs würden in dem uns zugänglichen energiebereich liegen.

    wie gesagt, diese anwenungen des "werkzeugs" names string theorie macht keine aussagen darüber, ob die string theorie die gesuchte vereinheitlichung der kräfte ist und ihren anspruch als lang ersehnte quantentheorie der gravitation erfüllt. aber nützlich ist sie allemal, auch wenn solche eher technischen detals und rechenmethoden in einer öffentlichen diskussion natürlich meist nicht zur sprache kommen. da wird die string theorie von der einen seite meist nur unnötig und aufs lächerlichste gehypet, und von der anderen seite hört man nur "alles unsinn, muss man sofort alles in die mülltonne werfen". mit einer tatsächlichen wissenschaftlichen diskussion hat das natürlich nichts zu tun, aber das ist leider keine seltenheit in unseren medien

    • Stefan Antworten | Permalink

      Also ich bin wirklich kein Freund der Stringtheorie, aber tust du den KollegInnen der Stringtheorie ganz massiv unrecht. Stringtheorie ist nicht nur schlicht ein Werkzeug, sondern eine wissenschaftliche Theorie und diese muss falsifizierbar sein.

      Dass bei der Erforschung der Stringtheorie neue mathematische Werkzeuge entwickelt wurden, bei denen auch die Mathematik nur so staunt, ist unbestreitbar, ändert aber nichts daran,d ass die Stringtheorie eine wissenschaftliche Theorie ist und entsprechend sich auch überprüfen lassen muss.

      • Reggid Antworten | Permalink

        ich habe die string theorie auch nicht nur als reinen werkzeug bezeichnet, sondern wollte darstellen dass sie eben "auch" ein werkzeug ist. die erfolge (oder misserfolge) beim anwenden dieses werkzeuges machen eben keine aussage über die richtigkeit und falsifizierbarkeit als eigenständige theorie.

        meine aussage war einfach: selbst wenn die string theorie als kandidat für eine vereinheitlichte theorie versagen sollte (ich mache keine aussage darüber ob sie das tut oder nicht), dann ist sie immer noch ein nützliches werkezeug und wäre also selbst dann nicht umsonst.

  8. CountZero Antworten | Permalink

    Ein anderer Aspekt von 'Falsifizierbarkeit ist nicht alles', den ich zum ersten Mal bei Alan Sokal ('Beyond the hoax') gelesen habe, wurde hier noch nicht diskutiert:

    Eine Hypothese ('Theorie') macht eine überraschende Vorhersage, welche experimentell beobachtet wird. Man wird ein solches Ereignis viel höher bewerten als eine 'profanere' 'Nicht-Falsifikation' (= Stützung) der Theorie, dh. Theorien, welche zu solchen Ereignissen geführt haben, werden deutlich höher gemäß ihres 'Wahrheitsgehaltes' (dh. bestimmte Eigenschaften der Wirklichkeit korrekt zu beschreiben) eingestuft werden als Theorien, die einfach nur nicht falsifiziert wurden (z.B. Stringtheorie, die ja sowas ist wie Sagans 'Drache in der Garage').

    Beispiel für eine 'überraschende Bestätigung': die kaum zu glaubende Genauigkeit, mit der die QED das magnetische Moment des Elektrons vorhersagt (> 12 Dezimalstellen). Würde Stringtheorie tatsächlich (endlich) einmal sowas vorhersagen, sähe ihr 'wirklichkeitsbeschreibendes Potential' gleich anders aus...

  9. CountZero Antworten | Permalink

    Mit '... hervorgehen soll.' wäre ich ebenfalls einverstanden :-).

    Dh. im ursprünglich diskutierten Text würde es dann heißen: 'Die Stringtheorie soll ja das Standardmodell beinhalten.' Damit dürfte der aktuelle Stand der Entwicklung wohl korrekt widergegeben sein....

  10. Augenspiegel 33-14: Studien, Kilobot und Falsifikation - Augenspiegel Antworten | Permalink

    […] In Diskussionen darüber, was eine Naturwissenschaft ist (und was nicht), wird oft das Poppersche Wissenschaftsbild herangezogen. Insbesondere wird demnach die Falsifizierbarkeit als notwendiges Kriterium jeder naturwissenschaftlichen Theorie genannt. Das heißt: Eine Theorie muss Voraussagen machen, die überprüfbar sind. Treten die Voraussagen im Experiment ein, ist die Theorie nicht widerlegt. Umgekehrt kann ein anders ausgegangenes Experiment die Theorie widerlegen, also falsifizieren. Doch dieses Bild der Naturwissenschaften aus den 1930er Jahren ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Auch unabhängig von (radikal) konstruktivistischen Ansätzen reicht die Falsifizierbarkeit alleine als Bedingung nicht aus. Warum das so ist, hat der Hamburger Physiker Joachim Schulz diese Woche in seinem Blog aufgeschrieben. […]

  11. albert Antworten | Permalink

    @joachim, wenn eine theorie nicht falsifizierbar ist, dann handelt es sich um glaube, denn es gibt keine möglichkeit die aussagen, behauptungen zu überprüfen und in letzter konsequenz zu widerlegen. man kann es glauben oder nicht. die falsifizierbarkeit ist unverzichtbar.

    noch schlimmer ist es, wenn eine theorie falsifiziert wurde. dann ist es humbug und man muss den widerspruch auflösen oder die theorie in die tonne treten.

    sicher gibt es noch andere gründe die dazu führen können eine theorie, obwohl nicht falsifiziert, für falsch zu halten, was aber die bedeutung der falsifizierbarkeit nicht einschränkt.

  12. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    "Stringtheorien passen in die moderne Physik" und warum das so ist erklärt der Artikel What confirms a physical theory? recht gut. Die moderne Physik ist voller Theorien, die heute nicht falsifizierbar und damit nicht empirisch sind, die aber trotzdem validierbar sind, ist die Aussage des oben zitierten Artikels von Richard Dawid. Validierbar nach folgenden Kriterien:
    - NAA: no alternatives argument. Wenn es trotz grösster Anstrengungen keine Alternative zur Theroie gibt
    - UEA: unexpected explanatory interconnections. Die neue Theorie erklärt auf unerwartete Weise Dinge und Zusammenhänge, die sonst keine Erklärung gefunden hätten. Das ist analog zu einer empirischen Theorie, die unerwarteter Weise noch ganz andere Probleme erklärt als für die sie vorgesehen war
    - MIA: meta-inductive inference: Die Erfahrung mit anderen Theorien in ähnlichen Zusammenhängen zeigen, dass der Ansatz vielversprechend ist.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Edward Witten meint zur nicht empirisch erhärteten String Theorie: "Good wrong ideas are extremely scarce, .. and good wrong ideas that even remotely rival the majesty of string theory have never been seen". Im Interview in dem er das sagt bringt er dann auch das NAA(no alternatives argument)-Argument von oben:
      There are not any interesting competing suggestions. One reason, as remarked in "Unravelling," is that interesting competing ideas (twistor theory, noncommutative geometry, ...) tend to be absorbed as part of a larger picture in string theory. The competing interesting ideas have been very fragmentary and have tended to gain power when absorbed in string theory.

      Er bringt auch noch ein UEA ( unexpected explanatory interconnections)-Argument: Die String-Theorie nimmt nicht von vornherein an, es müsse Gravitation und ein Graviton geben, man kommt in ihr aber automatisch zu diesem Schluss oder in seinen eigenen Worten:
      I asked Witten how he responded to the claims of critics that superstring theory is not testable and therefore is not really physics at all. Witten replied that the theory had predicted gravity. "Even though it is, properly speaking, a post-prediction, in the sense that the experiment was made before the theory, the fact that gravity is a consequence of string theory, to me, is one of the greatest theoretical insights ever."

  13. Joachim Ripken Antworten | Permalink

    --------------------------
    "So sind die spezielle Relativitätstheorie und die Lorentzsche Äthertheorie in ihren experimentell zugänglichen Aussagen identisch. Beide wären mit demselben Experiment falsifiziert. Beide haben bisher jeder Überprüfung standgehalten. Dennoch ist die Lorentzsche Äthertheorie gescheitert, weil sich auf ihr als Basis nichts weiter aufbauen ließ. Sowohl die Quantenelektrodynamik als auch die allgemeine Relativitätstheorie bauen auf die spezielle Relativitätstheorie auf und können, zumindest bisher, nicht mit einem Ätherkonzept in Einklang gebracht werden.

    Dazu kommt die größere Tiefe der Relativitätstheorie. Während in der Lorentzschen Äthertheorie der relativistische Faktor einfach vom Himmel fällt3, kann er in der Relativitätstheorie aus sehr einfachen Grundannahmen hergeleitet werden. Die relativistischen Effekte wirken in der Äthertheorie künstlich herbeigeführt, in der Relativitätstheorie erschließen sie sich logisch aus grundlegenden Prinzipien."
    -------------------------

    Ist da Ockhams Rasiermesser nicht ein gutes Unterscheidungskriterium? Die spezielle Relativitätstheorie kommt mit weniger und "mächtigeren" Grundannahmen aus, wärend die Äther-Theorie vieles postulieren muss, damit die relativistischen Effekte "künstlich herbeigeführt" werden.

Einen Kommentar schreiben


+ 4 = elf