Geteilter Preis

8. Oktober 2013 von Joachim Schulz in Allgemein

Anlässlich des Physiknobelpreises, der dieses Jahr an Peter W. Higgs und François Englert für die theoretische Vorhersage des Higgs-Mechnismus gehen wird. Ist auf Twitter eine Diskussion entstanden, wie der Preis eigentlich aufgeteilt werden kann und ob er auch zum Teil oder ganz an das CERN hätte gehen können oder sollen. Dazu machen die Statuten des Preises sehr präzise Vorgaben:

§ 4.
A prize amount may be equally divided between two works, each of which is considered to merit a prize. If a work that is being rewarded has been produced by two or three persons, the prize shall be awarded to them jointly. In no case may a prize amount be divided between more than three persons.

Work produced by a person since deceased shall not be considered for an award. If, however, a prizewinner dies before he has received the prize, then the prize may be presented.

Each prize-awarding body shall be competent to decide whether the prize it is entitled to award may be conferred upon an institution or association.

Der erste Satz des ersten Absatzes legt fest, dass der Preis auf zwei Arbeiten verteilt werden kann. Der zweite Satz bestimmt, dass für eine Arbeit auch zwei oder drei Menschen gewürdigt werden dürfen. Im dritten wird aber eingeschränkt, dass maximal drei Personen insgesamt mit einem Nobelpreis bedacht werden dürfen. Schließlich wird im dritten Absatz noch dem Komitee die Kompetenz zugesprochen zu entscheiden, ob der Preis auch einer Institution gegeben werden kann. Das ist beim Friedensnobelpreis üblich, in der Physik noch nicht vorgekommen.

Die Option, den Preis zu Teilen oder nicht, ist bereits in allen denkbaren Kombinationen vorgekommen (hier die Liste aller Physiknobelpreise). So wurde der allererste Nobelpreis für Physik Wilhelm Conrad Röntgen allein für die Entdeckung der Röntgenstrahlung verliehen. Dieses Jahr bekommen Higgs und Englert gemeinsam den Preis für den Higgs-Mechanismus und 2004 wurde der Preis David J. Gross, H. David Politzer und Frank Wilczek zu je einem Drittel für die Entdeckung der Asymptotischen Freiheit in der Starken Wechselwirkung verliehen.

Zwei Forscher für je eine Arbeit erhielten den Preis zuletzt 1995: Martin L. Perl für die Entdeckung des Tau-Leptons und Frederick Reines für die Entdeckung des Neutrinos. Für zwei Arbeiten und insgesamt drei Personen gab es den Nobelpreis zuletzt 2009: Charles Kuen Kao für Lichtleiter für optische Kommunikation und Willard S. Boyle und George E. Smith für den CCD-Sensor, also mittelbar für Digitalkameras. In diesem Fall bekam Kao die Hälfte des Preisgeldes und Boyle und Smith je ein Viertel.

Damit sind schon alle Möglichkeiten ausgeschöpft, denn der Preis darf nicht an mehr als drei Personen gehen. Er kann verliehen werden für

  • eine Arbeit an
    1. eine Person,
    2. zwei Personen oder
    3. drei Personen oder
  • für zwei Arbeiten an
    1. je eine Person oder
    2. eine Person für die eine und zwei für die andere Arbeit.

 Organisationen

Das Komitee hätte auch entscheiden können, den Preis zu teilen. Eine Hälfte hätten sie für die Theorie an Higgs und Englert und eine Hälfte für das Experiment an CERN geben können. Das wäre dann die letzte der oben aufgezählten Möglichkeiten. Mit der Besonderheit, dass sich das Komitee für Physik erstmals entschieden hätte, eine Organisation auszuzeichnen. In dem Fall hätte das CERN die Hälfte des Preises bekommen und die beiden Menschen hätten je ein Viertel bekommen.

Bis vor Kurzem hätte ich das noch für eine gute Idee gehalten aber nach näherem Nachdenken halte ich das für falsch. Das CERN ist nämlich nicht der eigentliche Entdecker des Higgs-Bosons. Es wurde von den beiden Experiment-Kollaborationen ATLAS und CMS gefunden. Das ist jetzt keine Spitzfindigkeit, denn diese Kollaborationen sind nicht Teil des CERN, sondern Zusammenschlüsse von Arbeitsgruppen der experimentellen Teilchenphysik aus vielen Ländern. Die ATLAS-Kollaboration setzt sich zum Beispiel aus über 3000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 174 Institutionen aus 38 Ländern zusammen. CERN ist in dieser Kollaboration also nur eine von 174 Organisationen.

Hätte sich das Nobelpreis-Komitee dafür entschieden, ATLAS und CMS auszuzeichnen, so hätte der Preis für die theoretische Vorhersage nur noch an einen Wissenschaftler gehen können. Zudem wären nur die Experimente, die die Kollisionen gemessen haben, nicht aber der Beschleuniger ausgezeichnet worden, der die Strahlen einmaliger Brillianz und Energie bereitgestellt hat. Vielleicht ist ja irgendwann einmal ein Nobelpreis dran für die präzise Vermessung der Welt im Teraelektronenvolt-Bereich: An CERN für die Bereitstellung der Protonenstrahlen und an ATLAS und CMS für die Messungen. Dieses Jahr feiern wir die Beiträge von François Englert und Peter W. Higgs zum Verständnis, wie die Ruhemasse subatomarer Teilchen zustande kommt.

 


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