Wissenschaftliches Zitieren: Elektronischer Herdentrieb?


In punkto Wissenschaft und Internet bin ich Optimist (siehe etwa Ich habe auch einen Traum). Andererseits: komplexe Systeme verhalten sich bekanntlich oft anders, als man vermuten würde. Ein Artikel des Soziologen James A. Evans von der Universität Chicago, veröffentlicht in der neuen Ausgabe von Science als Electronic Publication and the Narrowing of Science and Scholarship, kommt zu dem Schluss, die schöne neue Online-Welt fördere einen unschönen Herdentrieb: Im Vergleich zu früher, so Evans, neigten Wissenschaftler verstärkt dazu, die gleichen Artikel zu zitieren wie ihre Kollegen. Insgesamt habe die Vielfalt der zitierten Artikel abgenommen, obwohl eine immer größere Vielfalt an Artikeln online zugänglich sei.

Zeigt das: immer mehr Artikel verfügbar, immer weniger Artikel, die auch gelesen werden? Reflexionsloses elektronisches Kopieren-und-Einfügen aus den Artikeln der Kollegen statt eigener Recherche? Ich schöpfe Hoffnung aus dem Begleitartikel von Jennifer Couzin: Survey Finds Citations Growing Narrower as Journals Move Online (bei Science gibt es ja netterweise zu ausgewählten Fachartikeln redaktionelle Zusammenfassungen, in denen auch auf den Kontext des Artikels eingegangen wird). Da kommt unter anderem Carol Tenopier von der Universität von Tennessee in Knoxville zu Wort, die mit ihrem Kollegen Donald King zu dem Ergebnis kam: Wissenschaftler lesen mehr verschiedene Artikel als noch in den 1970er Jahren. Mehr lesen, weniger zitieren: das könnte heißen, dass dank effektiver elektronischer Suchmöglichkeiten ganz einfach gezielter zitiert wird, vermutet Biologe und Public Library of Science-Mitbegründer Michael Eisen, den Couzin ebenfalls interviewt hat.

Konsens darüber, wie die verschiedenen Resultate zu interpretieren sind, scheint es noch nicht zu geben (und in Couzins Artikel werden noch einige weitere Aspekte angesprochen, auf die ich hier nicht eingehe). Ich bin gespannt, wie sich die Forschung zu Wissenschaft und Internet weiterentwickelt, und bleibe zunächst einmal optimistisch.

 

 


7 Kommentare zu “Wissenschaftliches Zitieren: Elektronischer Herdentrieb?”

  1. Stefan Ohm Antworten | Permalink

    Google Scholar liefert jetzt ja auch die Anzahl der Zitierungen zu jedem Artikel mit. Was oft zitiert wird, kann ja nicht falsch sein. Es macht auch unangreifbar, da ja auf eine allgemein bekannte Quelle verwiesen wird. Und so wirkt dieses System selbst verstärkend.

  2. Michael Haller Antworten | Permalink

    Ich hätte vielleicht ein paar Gründe:

    * Ich hab schon in Journalen publiziert, in der die Anzahl der erlaubten Zitate beschränkt ist.

    * Dass heute mehr gelesen wird zu einem Thema als noch in den 70ern ist nicht verwunderlich: heute gibt's ja auch viel mehr Publikationen zu den unterschiedlichsten Themen.
    Das heisst aber auch: Die Leutchen hatten zwischendurch auch sehr viel Zeit, viel Unsinn zu schreiben:
    Es gibt eine Unmenge an schlechten Publikationen, die ich überhaupt nicht zitieren WILL, um sie nicht noch zusätzlich zu "würdigen".

    * Ich zitiere bevorzugt Reviews. Das ist bequemer (mea culpa, ich weiß, das ist nix gut).

    * Es gibt viele Artikel zum exakt gleichen Thema (und nicht einmal zum ca. gleichen Zeitpunkt eingereicht/publiziert, und wo man sich fragt, wie das überhaupt möglich ist...)

    * Es gibt viele unnötig kompliziert geschriebene Publikationen; ich wähle die aus, in der ich schneller die gesuchte Info finde und lasse andere außen vor.

    * Publikationen werden nicht gefunden, weil der Autor mal wieder ein Cleverle war und lieber eine neue Nomenklatur eingeführt hat, statt wirklich neue, relevante Ergebnisse zu publizieren (Gattung Baumanpinkler).

    * Artikel, für die horrende Preise verlangt werden (aus Nature, Science, oder von Verlagen wie Springer, Blackwell Sciences, und Co.) gehören eigentlich boykottiert (ich weiß, Blasphemie, wehe mir); soweit das geht, mach ich das auch. Ich publizier sowieso nur in frei zugänglichen Online-Journalen.

    * Artikel in irgendwelchen XY-Extraspezial-Kleinkleckersdorf-Journalen, die ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört habe und für die meine Uni sowieso niemals einen Account haben wird, werden ebenso von meiner Seite aus regelmäßig ignoriert. Die sind von den Preisen her sowieso meist erst wirklich unverschämt – und vom Inhalt her enttäuschend (nachdem man wochenlang auf sie gewartet hat; dass ProteinXY in Zellkultur10001 tatsächlichen aber auch den selben Effekt hat wie in Zellkultur10000 ist jetzt nicht unbedingt der Megahammer).

    * Manche Themen sind heute so komplex, dass man überhaupt keine Chance mehr hat, alles zu wissen. Folglich macht man es sich einfach und schaut, was der Vorgänger so alles zitiert hat.
    Und nan muss bedenken: die Naturwissenschaft ist weltweit in den Händen von Anfängern (haupts. Doktoranden; Postdocs). Die haben alle nur ein begrenzt Zeit, sind häufig schon im Labor überfordert und sollen dann noch schnell unter Druck Publikationen rausheizen. Da wird man halt etwas effektiver… Profs stehen oft genug nur als Seniorautoren mit hinten drauf, ohne auch nur eine Taste gedrückt oder auch nur einen µl pipettiert zu haben (war bei mir zumindest so).

    * Mir fällt noch wesentlich mehr ein, aber ich hör jetzt auf… ;-)

  3. Markus Pössel Antworten | Permalink

    @Stefan Ohm

    Das könnte sicher eine Rolle spielen, gerade wenn es um allgemeine Reviews und ähnliches geht. Andererseits kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Wissenschaftler auf der Suche nach Zitaten bei Google Scholar anfängt. Normalerweise dürften doch die Arbeiten, auf denen seine eigene Forschung aufbaut, ebenfalls veröffentlicht sein; die darin zitierten weiteren Arbeiten sind schonmal Zitierkandidaten, usw. - oder ist diese Art des Vorgehens heutzutage nicht mehr üblich?

  4. Markus Pössel Antworten | Permalink

    @Michael Haller

    Interessante Punkte. Insbesondere ist mir persönlich noch nie ein Journal mit beschränkter Zitatanzahl begegnet.

    Zwei der Gründe scheinen mir aber gerade in die Gegenrichtung von dem weisen, was Evans' Resultate sagen: wenn mehr gelesen wird und es viel mehr Artikel zum gleichen Thema gibt, sollte man dann nicht größere Zitatenvielfalt erwarten?

    Und die Orientierung an den Vorgängern (das lässt sich ja mehrere Ebenen weiterverfolgen) gab es sicher auch früher schon. Ebenso wie die obskuren und wenig zitierten Journale - die Geschichte (oder urbane Legende?) vom Doktoranden, der jahrelang forscht und dann erfährt, dass sein mühsam gewonnenes Resultat bereits 40 Jahre vorher in einer russischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, macht ja schon länger die Runde (und: klar, das dürfte in der Molekularbiologie und ähnlichen Fächern weniger ein Problem sein als z.B. in der Mathematik).

    Zu Reviews: Vom Zitieren des Reviews selbst bis zum Heraussuchen der passendsten im Review zitierten Originalartikel ist es ja nun auch kein großer Schritt. Solange die Leute Reviews noch lesen, sollte die Vielfalt nicht gefährdet sein...

    Insgesamt, wie oben schon geschrieben: ich weiss nicht recht, was von diesen Ergebnissen zu halten ist. Aber ich bin ziemlich sicher, dass sich schon jemand daran gemacht hat, genauer nachzuforschen, und ich bin gespannt, was herauskommt.

  5. Stefan Ohm Antworten | Permalink

    @ Markus Pössel

    Unter Studenten ist Google Scholar schon sehr beliebt und wird in Zukunft bei der Literaturrecherche weiter an Bedeutung zunehmen. Und die Studenten von heute sind ja die Wissenschaftler von morgen. Und einmal gelernte Techniken behält man ja erstmal bei.
    In meinem Auslandsjahr in England war Scholar selbst unter den Dozenten sehr verbreitet und viele haben begeistert von den Suchmöglichkeiten berichtet, da das System auch schnellen Zugriff auf die Artikel selbst bietet, Zugang vorausgesetzt.
    Für meine Blogbeiträge nutze ich es auch ausgiebig, da sich schnell mehrere Artikel zu einem Thema finden lassen, ohne in die Bücherei zu fahren. Für wissenschaftliche Arbeiten reicht die Internetsuche aber nicht aus, da besonders viele deutsche Journals nicht im Index von Google verzeichnet sind. So ist es jedenfalls bei uns in der Geographie.

  6. Markus Pössel Antworten | Permalink

    @Stefan Ohm

    Andererseits schliessen sich natuerlich elektronische Suchen und das Zurueckverfolgen von zitierbaren Artikeln, das ich beschrieb, nicht aus - ich weiss nicht, wie es bei Google Scholar ist, das ich bislang nur selten nutze, aber in der Teilchenphysik gibt es schon seit langem SPIRES (auch fuer viele Relativitaets-Artikel nuetzlich, die nicht im engeren Sinne Hochenergiephysik sind). Wenn ich da einen Ausgangsartikel habe, kann ich per Mausklick weiterverfolgen, welche weiteren Artikel dort zitiert sind; in der Regel sind elektronische Versionen zugaenglich (bei neueren Artikeln ueber das ArXiv, bei aelteren ueber die Sammlung gescannter Vorabdrucke des japanischen Forschungszentrums KEK). Und man kann sich die Artikelinformationen so ausgeben lassen, dass man sie direkt in den eigenen Text kopieren kann (in weiten Teilen der Physik heisst das: LaTeX mit Variationen).

  7. Markus Pössel Antworten | Permalink

    Nachtrag

    Der Economist hat dem Thema ebenfalls einen Artikel gewidmet - kein Glanzlicht des Wissenschaftsjournalismus, da die abweichenden Ergebnisse anderer Wissenschaftler (siehe der oben erwähnte Beitrag von Couzin) unter den Tisch fallen, aber die Leserkommentare haben mich auf eine weitere Idee gebracht.

    Da Publikationslisten nun einmal bei Bewerbungen auf akademische Stellen eine wichtige Rolle spielen, gibt es (das ist mir nicht selbst aufgefallen, aber das Thema kam am Instituts-Mittagstisch das eine oder andere Mal zur Sprache) einen unguten Trend zum Kleinhacken - dazu, aus derselben Menge an wissenschaftlichen Resultaten möglichst viele Fachartikel zu basteln. Die resultierenden Fachartikel liegen dann thematisch natürlich näher beieinander als sonst, und dementsprechend dürften sie sich auch in der Auswahl der Referenzen ähneln. (Womit wir nahe an Michael Hallers Argument wären, es gäbe mehr Artikel zu identischen Themen.)

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