Wissenschaftskommunikation jenseits von PR und Journalismus


Nebenan auf Wissenschaftskommunikation-hoch-drei laufen seit etwas mehr als einem Monat interessante und auf alle Fälle Diskussionsbeiträge zum Thema Zukunft der Wissenschaftskommunikation, und das im Kontext einer aktuellen Arbeitsgruppe der deutschen Wissenschaftsakademien. (Die entsprechende Arbeitsgruppe in der letzten Runde hatte sich ja in punkto Internet und Soziale Medien nicht gerade mit Ruhm bekleckert; insofern: gut, dass das jetzt offenbar ausgewetzt werden soll!)

Einen aus meiner Sicht sehr wichtigen Aspekt vermisse ich allerdings bislang - und hoffe sehr, dass er noch angemessen behandelt wird. Es geht darum, wie wissenschaftsinterne Kommunikation, Forschung und Lehre das Kommunikationsverhalten von Wissenschaftlern prägen.

Kommunikation in der Wissenschaft

Forschung, die niemand kennt, ist nicht Teil des wissenschaftlichen Gesamtgefüges. Wichtiger Teil der Wissenschaft ist es daher, den Fachkollegen die eigenen Ergebnisse mitzuteilen. Diese Art von Kommunikation hat durchaus ihre Tücken. Man möchte natürlich kommunizieren, was an den eigenen Ergebnissen neu, wichtig und spannend ist - aber wer sich da zuweit aus dem Fenster lehnt, läuft Gefahr, dass die Kollegen "Hype" wittern; darunter kann der eigene Ruf gehörig leiden.

Zur innerwissenschaftlichen Kommunikation gehört es auch, die Unsicherheiten richtig darzustellen, alle sinnvollen Alternativen zur von einem selbst favorisierten Erklärung zu diskutieren und zu würdigen.

Bei der Lehre wiederum steht der größere Zusammenhang im Vordergrund. Vorlesungsthemen sind meist mit gutem Grund so allgemein, dass die eigene Forschung zwar als Schmankerl an geeigneter Stelle erwähnt werden kann - im weitaus größeren Teil der Vorlesung wird es um allgemeinere, zum Teil historische Ergebnisse anderer Wissenschaftler gehen.

Zumindest in den Naturwissenschaften setzt sich dieser Trend auch bei öffentlichen Vorträgen fort. Wer über die eigene Suche nach Exoplaneten, seine Forschungen zur Galaxienentwicklung oder seine Simulationen zur Planetenentstehung reden möchte, muss für ein repräsentatives allgemeines Publikum erst einmal zahlreiche Grundlagen legen, ohne die die eigene, speziellere Forschung gar nicht verständlich wäre.

...und die PR?

Dort, wo es bei der Wissenschaftskommunikation um PR, also um die Selbstdarstellung der betreffenden Institution geht, insbesondere um Pressemitteilungen, sind die typischen Wissenschaftler-Kommunikationsangewohnheiten zum Teil durchaus störend.

Wenn ich für das Max-Planck-Institut für Astronomie eine Pressemitteilung schreibe, muss ich einige dieser Angewohnheiten bewusst ablegen.

Ich muss bewusst darauf schauen, wo ein "Haken" ist, an dem man allgemeineres Interesse festmachen kann - inwieweit sind die Ergebnisse neu, aktuell, anders als alles, was davor kam? Für eine Pressemitteilung ist diese Aktualität ja leider Gottes immer noch ein Kriterium. Dass man der Wissenschaft damit nicht wirklich gerecht wird - da entscheidet sich erst nach Monaten bis Jahren, ob das Ergebnis relevant war - ist bedauerlich, aber auf diese großen Zusammenhänge kommt es hier nicht an. Richtiger "Hype" wird auch hier übelgenommen und ist kontraproduktiv, aber die Grenzen verlaufen anders als in der Wissenschaft selbst.

Ich darf nicht so erzählen, wie ich in einer systematischen Beschreibung (oder einer Vorlesung, oder einem öffentlichen Vortrag) erzählen würde: Nach einem Teaser zunächst die Grundlagen, Vorgeschichte, wichtige Konzepte, und dann nach geeigneter Vorbereitung das neue Ergebnisse. Das liest niemand; das neue Ergebnis muss prominent ganz vorne stehen. Zuviel Wissensgrundlagen machen den Text zu lang. Eine Pressemitteilung ist nicht die Sendung mit der Maus.

Auch die diversen Verästelungen, Alternativerklärungen, abzuklärende Komplikationen machen den Haupttext der Pressemitteilung zu unhandlich. (Bei meinen Pressemitteilungen gibt es diese Infos meist in einer längeren Textversion im Hintergrund.)

Ich darf mich nicht zulange bei den Unsicherheiten aufhalten - wie von Sibylle Anderl auf Planckton jüngst in "Die ungeliebten Grautöne" behandelt. Sonst wird die Schilderung zu kompliziert. Klare Aussagen sind gefragt.

Und ich muss die beteiligten Institutionen nennen - ansonsten ist die betreffende PR-Maßnahme für die Institution ja recht sinnlos.

Wissenschaftskommunikation jenseits der PR

Der jüngste Wisskomm-hoch-drei-Beitrag Journalismus bleibt für die Wissenschaft unverzichtbar konzentriert sich auf den Kontrast von Wissenschaftsjournalismus und Wissenschafts-PR. Das kann man machen, aber die in einiger Hinsicht interessanteste Konkurrenz, die sich aus den neuen medialen Möglichkeiten ergibt, fällt dabei unter den Tisch.

Wenn Wissenschaftler in Blogs oder auf Video (direkt oder z.B. als Vortragsmitschnitt) direkt mit der Öffentlichkeit kommunizieren, dann folgen sie, soweit ich sehen kann, in der Regel eben nicht dem PR-spezifischen Kommunikationsmuster. Sie reden über Unsicherheiten, und das zum Teil ausführlicher als in entsprechenden Presseberichten. Sie erklären Hintergrund und Vorgeschichte. Und sie haben keine Hemmung, neben dem aktuellen Anlass auch allgemeinere Zusammenhänge, Konzepte, Phänomene und Prinzipien zu erklären - vom Kommunikationsstil Teilen einer Vorlesung ähnlicher als einer Pressemitteilung. Aktualität kann einen Anlass liefern, aber oft geht es auch ohne sie.

Sicher haben solche Beiträge eine deutlich geringere Reichweite insbesondere als Pressebeiträge, die von bekannten Medienmarken profitieren. Zum Teil entspricht das einer geringeren potenziellen Reichweite (definiert als Zahl derjenigen Menschen, die den Beitrag lesen würden, wenn sie denn nur von seiner Existenz wüssten) und ist insofern in Ordnung - je gründlicher und tiefgehender die Behandlung eines Themas, umso geringer der potenzielle Leserkreis. Das eine Reihe von Blogs hier in einer Weise eine tiefergehend interessierte Klientel bedienen, die sich für die Massenmedien schlicht nicht rentieren würde, ist ein wichtiges Argument dafür, wie neue Medien und direkte Kommunikation die Wissenschaftskommunikationslandschaft bereichern. (Und ich bin nach wie vor, wenn auch durchaus mit Eigeninteresse, der Meinung, dass Medien, die solche tiefergehenden Beiträge geeignet kuratieren und den Lesern als Option zugänglich machen, damit ihren Lesern einen Mehrwert liefern würden.)

Ich bezweifle, dass für solche Blogbeiträge das Glaubwürdigkeitsgefälle gilt, das im Artikel Journalismus bleibt für die Wissenschaft unverzichtbar zwischen Journalismus und PR ausgemacht wird. Was zum Beispiel in diesem Buch hier steht spricht eher dagegen dass direkte Wissenschaftler-Aussagen als weniger glaubwürdig angesehen würden als das, was ein Journalist zum Thema schreibt.

Auch aus PR-Sicht der Institutionen wäre interessant, inwieweit Entscheidungsträger (also etwa Ministerialbeamte oder die Fachreferenten von Politikern) diesen direkten Einblick in die Wissenschaft nutzen. Ich kenne dazu keine Daten, wäre aber sehr interessiert daran, näheres zu erfahren. Gerade wissenschaftstypische vs. journalistische Auswahlkriterien dafür, welches Thema behandelt wird, müsste Direktkommunikationen aus der Wissenschaft für die Entscheidungsträger eigentlich attraktiver machen als herkömmliche Medienberichte - zumindest wenn es darum geht, einen einigermaßen repräsentativen Überblick über ein Forschungsgebiet zu bekommen, nicht gefiltert nach "human interest"-, Überraschungs-, Superlativ- oder persönlichen Bezugs-Kriterien wie bei der journalistischen Themenauswahl.

Schauen wir mal, was in dieser Hinsicht von den Kollegen auf Wissenschaftskommunikation-hoch-drei noch kommt: zu kommunizierenden Wissenschaftlern, deren Kommunikation gerade keiner PR-Zielsetzung folgt und gerade damit für Wissenschaftsinteressierte wertvollen Mehrwert liefert.

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