Zu Galileis 450ten: Kontrovers wie eh und je


Dass sich an Charles Darwin die Gemüter entzünden, ist man ja gewohnt: Evolution, Kreationismus, Fundamentalismus, Menschen, Affen, das führt auch heute noch zu kontroversen Diskussionen.

Bei Galilei, könnte man denken, sei das alles ganz anders. Dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht andersherum wird heutzutage von so gut wie niemandem mehr als Kränkung empfunden.

Aber vielleicht gerade weil die Sachlage zu Galileis Entdeckungen in den Grundzügen bald klar war, ist Galileo selbst eine kontroverse Figur geblieben - Aufhänger für eine Stellvertreterdiskussion des Konflikts zwischen Glauben und Wissenschaft. (Um die andere aktuelle Galilei-Kontroverse, nämlich um die gefälschten Zeichnungen, geht es mir hier nicht.)

Dabei gibt es ein Grundmuster, das sich mehrmals wiederholt: Eine Überhöhung Galileis durch diejenigen, die der Kirche an diesem Beispiel so richtig am Zeug flicken wollen; eine übertriebene Gegenreaktion der Verteidiger; und, wenn man genauer hinschaut, ein vielschichtiges Bild eines Galileo Galilei, der durchaus auch etwas von dem Selbstvermarkter hat, als den seine Gegner ihn hinstellen möchten, aber ebenso sicher ein hervorragender Wissenschaftler war.

Fangen wir mit der Überhöhung an. Es ist kein Zufall, dass das folgende Bild im 19. Jahrhundert gemalt wurde (von Joseph-Nicolas Robert-Fleury, via Wikimedia Commons):

Galileo_before_the_Holy_Office

Es war schließlich ein plastisches Argument für die Notwendigkeit der Aufklärung,  wie die Kirche sich da am prototypischen Wissenschaftler vergangen hatte, und das trotzige "Und sie bewegt sich doch!", das Galilei nach der Verurteilung vor sich hin gemurmelt haben soll (ohne Belege und wohl erst spätere Erfindung) war das idealtypische Bild der Standhaftigkeit der Vernunft gegen die (physisch übermächtige) Unvernunft.

Das war wichtiger Hintergrund des Interesses für Galilei - von Napoleon, der die Gerichtsakten 1810 nach Frankreich überführen ließ, bis hin zu einer ganzen Reihe deutlich antiklerikaler Veranstaltungen zu Galileis 300tem Geburtstag 1864. Galilei als Ikone des Widerstands der Vernunft hat es dann ja sogar in die deutsche Fernsehwerbung geschafft - einen überzeugenderen Beleg, dass etwas in der Allgemeinheit angekommen ist, dürfte es nicht geben. Auch wenn es natürlich nicht immer richtig ankommt ("Die Erde ist eine Scheibe, Galileo!" - "NEIN!"):

Damit war Galilei andererseits ideale Zielscheibe für jene, die sich dem Widerstand gegen die (arrogante, von den Mächtigen gehätschelte, atombombenbauende) Wissenschaft verschrieben hatten. Es sind in vieler Hinsicht die üblichen Verdächtigen, die sich zu Galileo äußern. Arthur Koestler schreibt in Die Nachtwandler (1959):

In theologisch angehauchten Werken erscheint er als ein Störenfried, während die rationalistische Mythographie ihn als Jungfrau von Orleans der Naturwissenschaft oder als St. Georg hinstellt, der den Drachen der Inquisition erschlug. Es überrascht daher kaum, daß der Ruhm dieses hervorragenden Mannes in der Hauptsache auf Entdeckungen beruht, die er nie machte, und auf Heldentaten, die er nie vollführte.

und Paul Feyerabend schreibt in Wider den Methodenzwang (1976):

Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen.

Das ist natürlich eine besonders ergiebige Figur für Feyerabend, der Provokationen ja offenbar generell sehr zu schätzen wusste: dass die Rollen gerade umgekehrt waren, und dass jene, die sich als Verteidiger der Vernunft sehen, mit Galilei genau auf das falsche Pferd setzen.

In dieser Form hat sich die Kontroverse dann auch in unsere Zeit hinübergerettet. Mit genügend Verve, um auch 2008 noch zu einem Sitzstreit gegen einen Besuch des damaligen Papstes Benedikt XVI. an der römischen Universität La Sapienza zu führen. Weil sich Benedikt, damals noch Kardinal Ratzinger, sich 18 Jahre davor in seiner Schrift "Die Krise des Wissenschaftsglaubens" nicht klar genug von dem oben genannten Feyerabend-Zitat distanziert hatte.

In der WELT darf der Publizist Hans Conrad Zander aus Anlass des Boykotts mit "Warum die Inquisition im Falle Galilei Recht hatte" die volle Breitseite gegen Galilei und die "blinde, rücksichtslose Überheblichkeit, mit der [jener seine Argumente] ins Universum hinausposaunte" loslassen. (Ob es ein besonderer Anlass war, dass die WELT das Thema dann ein paar Jahre später mit "Galileo Galilei – übereifrig, skrupellos, verwildert" noch einmal aufgriff, weiß ich nicht.)

Zum erwähnten Grundmuster. In der Pro-Legende ist Galilei ganz einfach der Erfinder des Fernrohrs. In der Kontra-Legende ist er ein Betrüger, der sich eine fremde Erfindung angeeignet und als seine eigene verkauft hat. Schaut man genauer hin, dann gab es in der Tat kurz vorher bereits Fernrohre (Lippershey...), von denen auch Galilei erfuhr; wie er die existierenden Instrumente zu verbessern vermochte - mit einer Methode, die Krümmung von Linsen zu vermessen, überhaupt mit qualitativ sehr hochwertigen Linsen und dem geschickten Einsatz von Blendringen - und wie er damit insbesondere die Vergrößerung steigern konnte, ist aber durchaus ein beachtlicher Fortschritt und für Galileis spätere Entdeckungen entscheidend.

In der pro-Legende ist Galilei der erste, der sein Fernrohr überhaupt auf den Himmel richtete. In der Kontra-Legende herrscht Schulterzucken vor: das, was Galilei gesehen hat, sei mit einem Fernrohr ja nun wohl offensichtlich gewesen. Jeder hätte das gesehen, wenn er mit dem Fernrohr an den Himmel geschaut hätte. Big deal.

Ich habe letztes Frühjahr versucht, mit einem nachgebauten Fernrohr einige von Galileis Beobachtungen nachzustellen - nicht am Nachthimmel, aber in einer maßstabsgerechten Modellsituation mit hinterleuchteten, auf eine Folie aufgedruckten Bildern von Jupiter, Venus und Mond. So ein Galilei-Fernrohr hat ein verdammt kleines Blickfeld. Da überhaupt einen Zusammenhang zwischen den Jupitermonden und dem Jupiter herzustellen, und dann noch oft genug zu beobachten (und gut genug zu dokumentieren, und darauf zu kommen, dass sich eine wiederholte Beobachtung überhaupt lohnt!), um die systematische Bewegung der Monde um den Jupiter nachweisen zu können, ist allein schon eine beachtliche beobachterische Leistung.

Auf diese Weise geht es weiter. Die Gefangenschaft: Kerkerloch? Oder nobler Hausarrest mit Zugriff auf die beste Küche von Florenz? Die Belege: Überzeugend, aber von der Kirche ignoriert, oder damals so völlig unzulänglich, dass die Inquisition eigentlich recht hatte?

Immer wieder fallen dabei mal auf der einen, mal auf der anderen Seite nicht ganz unwichtige Aspekte unter den Tisch. Dass Galilei mit seiner Gezeitentheorie zum Nachweis der Erdbewegung aus heutiger Sicht schlicht falsch lag. Dass die Jupitermonde durchaus ein wichtiges Indiz gegen ein System sind, in dem sich Himmelskörper nur um die Sonne drehen können. Ach ja: Und dass der Umstand, dass Galilei sein System nicht beweisen konnte, überhaupt keine Rechtfertigung dafür darstellt, ihm einen Maulkorb umzuhängen und ihn unter Hausarrest zu stellen, sondern dass dieses Vorgehen selbst dann, wenn man den Galilei-Gegnern bei ihren Angriffen auf Können, Integrität und Leistung Galileis in allem folgte, scharf zu verurteilen wäre.

Das Bild, das ich beim bisherigen Stand meiner Beschäftigung mit Galilei habe, hat jedenfalls viele Facetten: Große handwerkliche, beobachterische und theorienbildende Leistungen, die ihn zu recht zu einem der auch heute noch angesehendsten Wissenschaftler machen - und nicht zuletzt eine Art des Vorgehens mit Experimenten, Beobachtungen und Theorien, die wegweisend für das ist, was an Forschung folgt. Eine deutliche Eigenwilligkeit, ein Talent zur Selbstdarstellung - aber andererseits: wem nützt ein wissenschaftliches Ergebnis, wenn niemand davon erfährt? - und sicher auch eine Überschätzung seiner eigenen politischen Wichtigkeit, für die Galilei mit seiner Verurteilung die Quittung ausgehändigt bekam.

Jedenfalls wurde Galilei, liest man einfach sein Geburtsdatum "15. Februar 1564",  heute vor 450 Jahren in Pisa geboren - aber auch das stimmt offenbar nicht, wie mir Daniel Fischer unten im ersten Kommentar bescheinigt. Was jedenfalls stimmt ist, dass das, was Galilei herausfand, die Grundlage unseres astronomischen Weltbildes ebenso schuf wie diejenige der wissenschaftlichen Beschreibung für die Bewegungen von Körpern. Und das, wofür er im Spannungsfeld von Wissenschaft und Religion steht, wird uns wohl auch noch in den nächsten Jahren in entsprechenden kontroversen Diskussionen beschäftigen.

Quellen

Fernrohr: Sven Dupré, "Die Ursprünge des Teleskops" in Sterne und Weltraum 1/2009, S. 44-54.

Galileo als Handwerker: M. Valleriani, “Galileis astronomische Werkstatt” in Sterne und Weltraum 2/2009, S. 42-51

Mechanisch-kosmologische Argumente: J. Büttner, “Wie auf Erden, so im Himmel” in Sterne und Weltraum 4/2009, S. 52-62

Rezeptionsgeschichte: E. Nenci, “Glaubenshüter und Paladine der Vernunft” in Sterne und Weltraum 7/2009, S. 50-59

Nachwirkungen in der Wissenschaft: J. Renn, “Galileos Revolution und die Transformation des Wissens” in Sterne und Weltraum 11/2008, S. 32-42

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39 Kommentare zu “Zu Galileis 450ten: Kontrovers wie eh und je”

  1. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    "Jedenfalls wurde Galilei heute vor 450 Jahren in Pisa geboren" - und auch das stimmt nicht: Es war der Nachmittag des 16. Februar 1564, denn die Stunden wurden in Pisa damals ab der Abenddämmerung gezählt. Oder auch der 26. Februar im gregorianischen Kalender, der 18 Jahre später eingeführt wurde und in dem praktisch alle wichtigen Lebensdaten Galileis angegeben werden.

    • Markus Pössel Antworten | Permalink

      Gut, das ist von den ganzen Galilei-Irrrtümern einer der unwichtigeren, aber unerwähnt sollte es natürlich nicht bleiben. Ich habe den letzten Absatz entsprechend geändert - danke für den Hinweis!

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Sicher war und ist Galileos Fall der Beginn eines Konflikts zwischen Glaubenssystemen und Wissenschaft - historisch gesehen jedenfalls. Der Autor des Welt-Artikels "Warum die Inquisition im Fall Galilei Recht hatte sieht das genauso. Letztlich verteidigt dieser Artikel die Kirche, weil Galilei ketzterisch und rücksichtslos gegen die herrschende, von der Kirche vertretene Weltsicht auftrat und damit nicht länger Bibel und Kirche als letzte Autorität anerkannte, was letztlich auch einen neuen Kulturkampf auslöste. Der Autor der Welt ist ein echter Konservativer indem der die herrschende Ordnung gegen einen Aufmüpfigen verteidigt. Damit das erlaubt wäre müsste man nach Ansicht des Autors handfeste Beweise für die eigene Ansicht haben und nicht nur Hypothesen, die Galilei nach Ansicht des Autors vorbrachte. Doch der damalige Inquisitor war damit nicht etwa ein Vorgänger von Popper und damit skeptisch gegenüber vorschnellen Schlüssen wie der Welt-Autor meint, sondern ein Hüter der Autorität der Kirche. Wenn Hypothesen nicht geäussert, also auch nicht publiziert werden dürfen, heisst das letztlich, dass sie nicht erörtert werden dürfen und sich andere Wissenschaftler nicht damit beschäfttigen dürfen. Allenfalls Galilei als Privatmann dürfte das dann. Übersetzt in die heutige Zeit und ins Politische wäre das die Aufforderung, radikale Kritik an der Gesellschaft dürfe nicht publiziert sondern allenfalls im stillen Kämmerlein gedacht werden.

    Diese Überlegungen zeigen, dass es hier um eine eminent politsche Frage geht. Es kann schon sein, dass Galilei damals in einer schlechten körperlichen und geistigen Verfassung war und sich (Zitat Welt) " in einem Zustand hochgradiger Erregung " befand, was sich in unbedachten Äusserungen spiegelte. Doch es geht heute eben nicht mehr um die Person Galilei sondern - um es noch ein bisschen weiter zu fassen - um den Konflikt zwischen als absolut behaupteten Wahrheiten und der Freiheit der Wissenschaft, ja der Diskursfreiheit überhaupt. Ein freier Diskurs kann auch heute noch ein politisches System gefährden und die meisten organisierten Glaubensgemeinschaften erlauben einen freien Diskurs nur solange er nicht die behaupteten Wurzeln des jeweiligen Glaubens in Frage stellt. Im Grunde muss das jede Kirche, jedes Glaubenssystems und jede autoritäre politische Ordnung auch heute noch so halten, weil sonst ein Umsturz droht.Die Wissenschaft kann aber damit leben, solange die Religion oder das autoritäre politische System nicht auch "Wahrheiten" verkündet, die im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen liegen. Zu Zeiten Galleis machte die Kirche - und ein Teil der gebildeten Welt - noch keine Unterschied zwischen Philosophie und (Natur-)Wissenschaft.Für die Kirche galt: Wenn Aristoteles - der damalige Hausphilosoph der Kirche - falsch lag, dann lag die Kirche falsch. Zudem hatte die katholische Kirche zur Zeit Galileis im Zuge der Gegenreform gerade viele Schriften auf den Index gesetzt und einen Katechismus aufgelegt, in dem in Form von Fragen und Antworten Rechtgläubigkeit gelehrt wurde.
    Die Tragik der damaligen Kirche war, dass sie nicht erkannte, dass sie mit der Ächtung der galileischen Lehre eine unnötige neue Front eröffnete. Jetzt stand nicht nur die katholische Lehre gegen die reformierte, sondern die katholische Lehre gegen die Wissenschaft. Mindestens war das die Gefahr, die der Kriche drohte, wenn Galilei Verständnis und Unterstützung fand. Was ja auch geschah.
    Im Rückblick war der Fall Galilei, wie die Reformation, ein weiterer wichtiger Schritt in dem vorgegebene Lehren und Autoritäten erfolgreich in Frage gestellt wurden. Damit gewann die Moderne weiter an Fahrt. Da Galilei nicht nur in Konflikt mit der katholischen Kirche, sondern auch in Konflkt mit der reformierten Kirche geriet bedeutete dies auch, dass nun ein weiteres weltanschauliches Lager in Europa möglich. Das Lager, für die die christliche Religion, egal ob katholisch oder reformiert, nicht mehr der letzte Masstab war. Figuren, wie Voltaire, die sich mit Hohn und Spott über die Kirche und den Glaben überhaupt äusserten waren so erst möglich. Auch der Atheismus war nun eine Option, gerade in naturwissenschaftlichen Kreisen.

  3. Ferdi Antworten | Permalink

    DIE WELT schreibt über das heliozentrische Weltbild: "Im spanischen Salamanca wurde jedenfalls seit 1561 schon das eine wie das andere Weltbild gelehrt. Doch weder das eine noch das andere ließ sich damals oder auch im Jahr 1633 schon wissenschaftlich beweisen. Bis zu einem solchen Beweis aber, hielt die Inquisition Galilei vor, müsse auch er ein wenig selbstkritischer und skeptischer mit seinen Thesen sein."

    Es war Galilei, der mit dem Anspruch auftrat, eine "absolute Wahrheit" zu verkündigen. Davon sollte er sich distanzieren.

    Zudem heißt es bei Wikipedia über das "Heliozentrisches Weltbild":

    "Das Relativitätsprinzip, das heute im Rahmen der Relativitätstheorie etabliert ist, geht davon aus, dass es prinzipiell keinen Punkt gibt, der vor anderen ausgezeichnet ist. Daher wird das heliozentrische Weltbild kaum mehr für kosmologische Anschauungen herangezogen, sondern ist – wie ursprünglich von Copernicus vorgesehen und dann von Kepler ausgeführt, um die Epizykeltheorie zu ersetzen – rein rechentechnischer Natur."

    D.h. im Rahmen der Relativitätstheorie ließe sich auch die Erde als feststehend annehmen. Lediglich aus rechentechnischen Gründen ist das heliozentrische System zu bevorzugen.

    • Paul Stefan Antworten | Permalink

      "Es war Galilei, der mit dem Anspruch auftrat, eine "absolute Wahrheit" zu verkündigen. Davon sollte er sich distanzieren."

      Was soll das denn heißen?
      Die Inquisition als Instanz für wissenschaftliche Korrektheit? Haben wir schon Fasching?

      Die katholische Kirche kannte damals wie heute nur eine absolute Wahrheit und wer sich an dieser vergriff, bekam damals Ärger mit der Kirche. Schlimmer als eine Kritik an kirchlichen Wahrheiten war es jedoch, die Autorität der Kirche in Frage zu stellen. Dann wurde es richtig lebensgefährlich.
      Warum hatte die Kirche damals überhaupt ein Recht, über wissenschaftliche Aussagen zu urteilen?

      • Ferdi Antworten | Permalink

        Dann ließ doch einfach mal den oben verlinkten Artikel von DIE WELT durch, bzw. nimm das daraus entnommene Zitat zur Kenntnis. Zudem kann man vom Standpunkt der Relativitätstheorie aus betrachtet auch die Erde als Mittelpunkt des Universums definieren.

        • Paul Stefan Antworten | Permalink

          "Zudem kann man vom Standpunkt der Relativitätstheorie aus betrachtet auch die Erde als Mittelpunkt des Universums definieren."

          Das bestreitet keiner, ist aber für den Fall Galilei völlig irrelevant. Damals kannte keiner die Relativitätstheorie. Es ist auch unerheblich, ob Galilei arrogant war und seine eigene "absolute Wahrheit" vertreten hat. Die Kirche hat sich einfach das Recht genommen, Menschen zu bestrafen, die andere Meinungen äußerten, welche die Autorität der Kirche in Frage stellten. Es wurde nicht nur eine Meinung verurteilt, sondern ein Mensch.
          Papst Urban VIII. hat beim Tod Galileis verboten, dass ihm ein öffentliches Denkmal oder Grabmal errichtet wird. Erst 1737 bekam Galilei in Florenz ein Grabdenkmal.

          Galilei kam noch glimpflich davon, Giordano Bruno landete kurz zuvor noch auf dem Scheiterhaufen (die Hinrichtung übernahm nach der Verurteilung die weltliche Macht).

          • Bernold Feuerstein | Permalink

            Heute dagegen würde Giordano Bruno wahrscheinlich mit seinen Schriften Esoterikläden bereichern und wie Herr v. Däniken durch die Talkshows tingeln.

          • Ferdi | Permalink

            "Die Kirche hat sich einfach das Recht genommen, Menschen zu bestrafen, die andere Meinungen äußerten, welche die Autorität der Kirche in Frage stellten."

            Also, ich könnte mir vorstellen, dass es aus damaliger Perspektive wohl weniger um die "Autorität der Kirche" als evtl. mehr um "Schutz der Gesellschaft vor gefährlichen Menschen" ging. So interpretiere ich den unten zitierten Satz von Paul Feyerabend: "Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht."

            In dem Artikel von Paul Badde heißt es dazu:

            "Carl Friedrich von Weizsäcker ging nach ihm noch weiter, als er als konkrete Konsequenz der Haltung Galileo Galileis einen direkten Weg zur Entwicklung der Atombombe erkannte. Ähnlich urteilte auch Bertolt Brecht 1938: "Galileis Verbrechen kann als Erbsünde der modernen Naturwissenschaften bezeichnet werden. Die Atombombe ist sowohl als technisches als auch soziales Phänomen das klassische Endprodukt seiner wissenschaftlichen Leistung und seines sozialen Versagens."

            Die brisante Frage, die sich (mir) stellt: Wer schützt uns heute vor so kranken Menschen, die Atombomben etc. entwickeln?

      • Ferdi Antworten | Permalink

        Ich meine diesen Artikel von Paul Badde: DIE WELT

        In dem oben verlinkten Artikel von Hans Conrad Zander wird Paul Feyerabend zitiert:
        "Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen."

        Paul Karl Feyerabend (* 13. Januar 1924 in Wien; † 11. Februar 1994 in Genolier im schweizerischen Waadtland) war ein österreichischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker. Er war von 1958 bis 1989 Philosophieprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley und lebte zeitweilig in England, Deutschland, Neuseeland, Italien, zuletzt in der Schweiz, wo er als Hochschullehrer an der ETH Zürich tätig war. (Wikipedia)

  4. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Ich erinnere mich an eine Radiosendung (Deutschlandfunk) vor Jahren über eine Neuübersetzung eines Briefes von Galilei an Christine von Lothringen, in dem er den Theologen und/oder dem Klerus vorwirft, Bibelworte nach Belieben und völliger Willkür auszulegen, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Ich kann den Satz nicht wörtlich wiedergeben, weil ich die Publikation leider nicht zur Verfügung habe.
    Vielleicht hat Galilei dies gegenüber den Kirchenvertretern nicht so ausdrücklich gesagt, aber sie werden deutlich gespürt haben, dass er so denkt. Es ging nicht nur um eine angeblich unbewiesene Theorie, es ging um die Autorität der Kirche, die Galilei in Frage stellte.

    Hier der link, leider ohne präzisere Angaben:

    http://www.deutschlandfunk.de/der-glanz-der-sonne-selbst.1247.de.html?dram:article_id=190263

  5. Ed Dellian Antworten | Permalink

    "Kosmozentrismus statt Heliozentrismus". Zu den wichtigeren Irrtümern im Fall Galilei zählt gewiss die Behauptung, er habe von Copernicus ein "heliozentrisches Weltbild" übernommen, d.h. ein Weltbild, in dem die Sonne das ruhende Zentrum des Kosmos ist. Tatsächlich hat schon Copernicus die Sonne n i c h t als ruhendes Zentrum der Welt gesehen. In Kap. X seines Buches von 1543 schreibt er, dass sich dieses Zentrum in der Nähe der Sonne befindet ("circa ipsum esse centrum mundi"). Das Copernicanische Weltbild ist also nicht "heliozentrisch", sondern "kosmozentrisch". Die "Experten" der römischen Kirche aber haben kurzerhand die Sonne, um die ja in der Tat die Planeten "copernicanisch" herumgeführt werden, mit dem ruhenden Weltzentrum gleichgesetzt - und haben sofort bemerkt, dass ein solches "heliozentrisches" System der Bibel widerspricht, also "häretisch" ist, was den, der solches lehrte, auf den Scheiterhaufen bringen musste, sofern er nicht widerrief, Galilei hat nun während der ganzen Auseinandersetzung mit der Kirche immer wieder betont, dass er n i c h t das Ruhen der Sonne im Weltzentrum behaupte, wie ihm unterstellt wurde; es hat nichts genützt, da ihn seine kirchlichen Verfolger zum Schweigen bringen wollten. Das konnten sie aber nur mit dem Vorwurf der Häresie erreichen. Also hat Galilei, um nicht verbrannt zu werden, widerrufen - freilich nicht die wahre Lehre des Copernicus, wie auch er sie vertrat, sondern die falsche und eben "häretische" Behauptung von der im Zentrum ruhenden Sonne,die man ihm unterstellte. In dem maßgeblichen Dokument ist von "Copernicus" keine Rede. Distanziert hat sich Galilei darin ausdrücklich von einer Lehre, die auch er für falsch hielt. Er hat also weder einen Meineid geschworen, noch hat er die Wissenschaft verraten. (Vgl. A. Fölsing , Galilei - Prozess ohne Ende, München 1983 S. 336 f.).

  6. Bernold Feuerstein Antworten | Permalink

    Die Debatte um die Causa Galilei ist m. E. stark (und damit schließe ich mich und meine folgenden Ausführungen ein) vom eigenen Umfeld und der zeitbedingten Sicht auf die Vergangenheit geprägt. Wir wissen heute einerseit ungeheuer viel mehr über den Aufbau der Welt als Galilei und seine Zeitgenossen. Auch mag unsere heutige Geschichtswissenschaft helfen, ein differenzierteres Bild zu gewinnen, aber dennoch fällt es sicher schwer, sich in die damalige Denkweise und Begrifflichkeit hineinzuversetzen. Eine der Hauptkonfliktlinien sehe ich zwischen der von Galilei mit begründeten 'modernen' Naturwissenschaft und der aristotelischen Philosophie. Das kirchliche Lehramt war in diesen Konflikt quasi zwangsläufig involviert, da es einerseits eine Deutungshoheit beanspruchte, und andererseits über die Scholastik (speziell den Thomismus) von aristotelischer Gedanken- und Begriffswelt beeinflusst war. Insofern konnten Angriffe auf den Aristotelismus als Angriff auf die Theologie gesehen werden. Ein Beispiel ist der Vorwurf des Atomismus, der (nach damaliger Sicht) der Transubstantiationslehre widersprach (auch wenn hier m. E. ein Missverständnis bzgl. des Begriffs 'Substanz' vorliegt). Auch geriet die Idee einer 'Hierarchie' der Wissenschaften hinsichtlich ihres Wahrheitsanspruchs durch eine sich emanzipierende Naturwissenschaften in Bedrängnis. Die oft zitierten Widersprüche zur Hl. Schrift waren m. E. weniger bedeutsam - zumindest für jene, die sich der Warnungen des Augustinus in seinem Genesiskommentar bewusst waren. Auch wenn die 'Rehabilitierung' Galileis reichlich spät erfolgte und Atomismus noch bis ins 19. Jh. für manche Philosophen ein Schreckgespenst war, so ließ sich das Papsttum nicht davon abhalten über die (schon zu Galileis Zeiten existente) Vatikanische Sternwarte selbst in die Naturwissenschaften einzusteigen. Das Weltbild des Kopernikus als 'mathematisches Modell' zu betrachten, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn es waren ja zunächst die ptolemäischen Epizykel, die aus heutiger Sicht eine Art Fourier-Entwicklung der geozentrischen Planetenbewegungen darstellen.

    • Ferdi Antworten | Permalink

      Ich möchte doch mal bitten, zur Kenntnis zu nehmen, dass Kopernikus (1473-1543) selbst Kleriker und sogar Domherr (in Frauenburg im Ermland) gewesen ist.

      Bei Wikipedia heißt es zu ihm:

      "Die Kurie in Rom war neuen Überlegungen gegenüber zunächst nicht grundsätzlich abgeneigt, sofern diese eine Lösung für das dringlichste Problem des Kirchenkalenders, die Bestimmung der exakten Jahreslänge, anboten, da wegen des zunehmend abweichenden Osterdatums schon länger über eine Reform des verwendeten Kalenders nachgedacht wurde.

      Eine Ablehnung der heliozentrischen Lehre erfolgte stattdessen von protestantischer Seite, allen voran Luther und Melanchthon."

      Aber ich bin mir sicher, dass es weiterhin Interessierte geben wird, die diese Fakten gerne unterdrücken möchten.

      • Markus Pössel Antworten | Permalink

        Fakten unterdrücken? Was sind denn das jetzt für Verschwörungstheorien? Bitte wieder etwas abregen.

        • Ferdi Antworten | Permalink

          Na ja, ich lese hier halt in verschiedenen Kommentaren die alten, falschen Stereotypen, die man platt ausgedrückt als "Wissenschaftsfeindlichkeit" (aus Angst vor Autoritätsverlust) bezeichnen könnte.

      • Bernold Feuerstein Antworten | Permalink

        Und ich gewinne den Eindruck, den honorigen aber unbequemen Platz zwischen allen Stühlen einzunehmen. ;-) Zum damaligen Lehramt der Kirche ist vielleicht noch zu sagen, dass es weder geozentrisch noch heliozentrisch dachte, sondern theozentrisch.

        • Ed Dellian Antworten | Permalink

          Die Kirche verteidigte zweifellos das geozentrische Weltbild des Ptolemäus, das auch der aristotelischen Lehre entsprach. Es war übrigens nicht nur "geozentrisch", sondern wie der ganze Aristotelismus "anthropozentrisch", d.h. im Zentrum stand hier "der Mensch" als Maß und Mitte aller Dinge: der "Beobachter" (Parallele zur modernen Physik beabsichtigt). Die Charakterisierung als "theozentrisch" verdient das Copernicanisch-Galileische Weltbild sehr viel eher; denn hier steht "der Kosmos" als göttliche Schöpfung im Mittelpunkt, als Maß- und Bezugssystem wissenschaftlicher Erkenntnis. Dass der Gegensatz zwischen anthropozentrischer Scholastik und kosmo- bzw. theozentrischer Renaissancephilosophie (von Cusanus bis Newton) auf eine Alternative "geozentrisch" vs. "heliozentrisch" verkürzt wurde (wobei "heliozentrisch" völlig daneben liegt, siehe meinen Kommentar vom 15.02.),
          ist ein Charakteristikum dafür, wie die materialistische Perspektive gerade auch von Kirchenkreisen erfolgreich durchgesetzt wurde, um die Lehre von den nicht kollidierenden "zwei Wahrheiten" (heute NOMA) aufrechterhalten zu können und den Wahrheitsprimat der Bibel zu sichern.

  7. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Der Artikel in der WELT von Badde ist schlicht eine völlig tendenziöse und absurde Umdeutung der ganzen Geschichte.
    Bellarmin als Verteidiger von Wissenschaftlichkeit aufzubauen, ist vollkommen unhistorisch. Man kann weder Galilei noch die Inquisition am Standard des heutigen Wissens messen. Aber warum musste die Kirche eine wissenschaftliche Diskussion mit einem Verbot entscheiden, anstatt das einer Diskussion in der gelehrten Öffentlichkeit zu überlassen? In solch einer Auseinandersetzung (z.B. Universitätsdiskussionen) hätte man Galileis Argumente zerpflücken können.

    Das die Inquisition relativ glimpflich mit Galilei umgegangen ist, bedeutet nicht, dass sie im Recht war. Der Papst habe das Urteil nie unterschrieben? Aber er hat verboten, dass einem "Ketzer" ein Grabdenkmal errichtet wird. (Nachweis auf Nachfrage)

    Wenn die Standards der Wissenschaft in der Kirche so hoch waren, warum kam es dann in derselben Epoche zu Hexenverfolgungen? Hätte die Kirche dann nicht alle Hexenverfolger verbieten müssen, ebenso den Hexenhammer mit seinen Verhöranleitungen? Die wissenschaftlichen Standards in der Kirche waren nicht höher als außerhalb.

    Was das ganze mit der Atombombe zu tun hat, bleibt völlig unklar, dazu müsste man den Kontext der angeführten Zitate von Weizsäcker und Brecht kennen. Der Autor erklärt nichts, ebenso fehlt eine Begründung, warum das heliozentrische Weltbild so gravierende "ethische und soziale Folgen" gehabt haben soll. Das sind reine Behauptungen, durch nichts gedeckt. Kopernikus These hat meines Wissens nicht zu einer Zerrüttung Europas geführt. Das haben eher die Religionskriege der Zeit gemacht.

    Die katholische Kirche hat immer bis heute gegen Autoriotätsverlust gekämpft, mit Worten und mit Taten und insbesondere früher oft auch mit unsauberen Mitteln. Wenn man sich nur ein bisschen mit Kirchengeschichte beschäftigt hat, springt der Machterhalt als "Staatsräson" der katholischen Kirche einem chronisch in die Augen.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      Der Autor erklärt nichts, ebenso fehlt eine Begründung, warum das heliozentrische Weltbild so gravierende "ethische und soziale Folgen" gehabt haben soll. Das sind reine Behauptungen, durch nichts gedeckt.

      Es wird wohl u.a. auch im Religionsunterricht gelehrt, dass das heliozentrische Weltbild im Gegensatz zum geozentrischen steht und dass sich ein Gegensatz zur Schöpfungsgeschichte herauslesen lässt.

      • Paul Stefan Antworten | Permalink

        Religiöse Folgen könnte es gehabt haben, wenn man denn soviel Wert auf eine wörtliche Auslegung der Bibel gelegt hätte. Aber die wörtliche Auslegung der Bibel war nie verbindlich, sie wurde von den Theologen immer schon auf verschiedene Weisen intrepretiert (der sog. mehrfache Schriftsinn, was bibeltreue Christen anscheinend nicht wissen).
        In der Schöpfungsgeschichte selbst steht m.E. nichts, was einem heliozentrischen Weltbild direkt wiedersprechen würde. Das findet sich in ein paar anderen Bibelstellen.

        • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

          Aber die wörtliche Auslegung der Bibel war nie verbindlich, sie wurde von den Theologen immer schon auf verschiedene Weisen int[er]pretiert (der sog. mehrfache Schriftsinn, was bibeltreue Christen anscheinend nicht wissen).

          Hüstel. - Die Katholische Kirche hat vor ca. 65 Jahren unter Papst Pius die Schöpfungsgeschichte zur Metaphorik erklärt.

          Glauben Sie Ihrem Kommentatorenfreund gerne, dass der Schöpfungsgeschichte widersprechende Lehren lange Zeit nicht gut in der o.g. Kirche ankamen und "Verwerfungen" auslösten.

          In der Schöpfungsgeschichte selbst steht m.E. nichts, was einem heliozentrischen Weltbild direkt wiedersprechen würde.

          Der Schöpfungsgeschichte, die auch heute noch in christlichen und jüdischen Kreisen wörtlich genommen wird, Folgende sehen dies teilweise bzw. sicher anders.

          --
          Macht aber nüscht, der Webbaer ist bei Ihnen, wenn Sie dem Christentum eine eher religions-untypische Toleranz unterstellen wollen, mit den bekannten Folgen.

          Übrigens an dieser Stelle noch schnell ein Lob dem ausgewogenen bzw. sachnah beschreibenden Artikel!

          MFG
          Dr. W

          • Paul Stefan | Permalink

            Das ist ein kleines Missverständnis aufgekommen. Die Schöpfungsgeschichte wurde natürlich wörtlich aufgefasst, deswegen meinte ich, explizit stehe da nichts gegen ein heliozentrisches Weltbild drin.
            Natürlich basiert der Schöpfungsbericht auf einem geozentrischen Weltbild. Die damalige Exegese war aber recht spitzfindig und nicht notwendig kontextbezogen. Das hätte sich richten lassen.
            Die ganze Bibel steckt voller Widersprüche, deswegen hat man ja die Auslegung mittel mehrfachen Schriftsinn gebraucht. Das durften aber nur die theologisch ausgebildeten Autoritäten (je nach Relevanz sogar nur der Papst oder ein Konzil). Da hat Galilei nach der Auffassung des Papstes wohl eine Grenze überschritten.
            Die explizit gegen die ein heliozentrisches Weltbild sprechenden Stellen stehen, meine ich, woanders, nicht direkt im Schöpfungsbericht. Ich habe sie aber jetzt nicht parat.

    • Ferdi Antworten | Permalink

      "Wenn die Standards der Wissenschaft in der Kirche so hoch waren, warum kam es dann in derselben Epoche zu Hexenverfolgungen?"

      Ja, die Kirche hat bei den Hexenverfolgungen mitgemacht - und das war definitiv ein Fehler. Allerdings dauerten diese Hexenverfolgungen bis ins 18. Jh. (letzter Hexenprozess gemäß Wikipedia: 19. August 1738) an, vor allem in protestantischen Regionen Europas. Wikipedia schreibt dazu: "Das Hexenbild des späten Mittelalters sowie das der frühen Neuzeit war eine Konstruktion von Intellektuellen..."

      Diese Themen sind ziemlich komplex und ich wehre mich lediglich gegen platte Stereotypen.
      Zum anderen zeigt mir das geschichtliche Urteil aber auch, dass die Kirche vorsichtig sein muss, sich an den "Zeitgeist" anzupassen. Sie tut gut daran, dies heutzutage in vielen Dingen nicht zu tun. D.h. wenn es der Kath. Kirche wirklich um Autorität und Macht gehen würde, dann hätte sie schon längst ihr Fähnchen in Sachen Sexualität, Verhütung, Kondome, Abtreibung etc. an den Wind angepasst. Da gibt es genug andere Institutionen, die den Menschen das um den Mund streichen, was diese gerne hören...

  8. Ferdi Antworten | Permalink

    Hier noch etwas zu Hexenverfolgungen (aus Wikipedia), was evtl. so manches Vorurteil entkräften könnte:

    Die weit verbreitete Meinung, Hexenverfolgungen seien hauptsächlich eine Erscheinung des Mittelalters gewesen, ist ebenso falsch wie die Meinung, die großen Wellen neuzeitlicher Hexenverfolgung seien vorrangig von der kirchlichen Inquisition angestrebt oder ausgeführt worden.

    und:

    Erste Verurteilungen von Hexen gab es im 13. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Inquisition, wobei jedoch die Zielsetzung der Inquisition zu beachten ist: zielten die in der Frühen Neuzeit dominierenden Hexenprozesse weltlicher Gerichte auf die Bestrafung vermeintlich Schuldiger, strebte die Inquisition die Umkehr und Rekonziliation der Beschuldigten an, was sich in der weniger häufigen Anwendung der Todesstrafe ausdrückt. Darüber hinaus war das Hauptaugenmerk der Inquisition nicht auf Hexen, sondern auf Häretiker gerichtet. Diese Priorität wird deutlich in der Anweisung Papst Alexanders IV. vom 20. Januar 1260 an die Inquisitoren, Hexen seien nicht aktiv zu verfolgen, sondern auf Anzeigen hin festzunehmen. Prozesse gegen Hexen sollten bei Zeitmangel zurückgestellt werden, die Bekämpfung von Häresien habe Vorrang. Die staatliche spanische Inquisition, gegründet im späten 15. Jahrhundert, lehnte Hexenverfolgung ausdrücklich ab. Die im 16. Jahrhundert folgende römische Inquisition schritt wiederholt gegen Hexenverfolgungen ein.

  9. Peter Siemroth Antworten | Permalink

    Der Artikel in der Welt ist doch wieder ein schönes Beispiel dafür, Zitate nach Belieben und völliger Willkür auszulegen, wie es einem gerade in den Kram passt. An dieser Stelle eine Aussage von Brecht gegen Galilei zu benutzen erscheint doch ziemlich frech. Brecht warf Galilei doch gerade seinem (vermeintlichen) Rückzieher vor, nicht sein (angeblich) selbstherrliches Beharren auf fragwüdigen Thesen. Im „Leben des Galilei“ läßt er Galilei sagen:
    „Ich hatte als Wissenschaftler eine einzigartige Chance. In meiner Zeir erreichte die Astronomie die Marktplätze. Unter diesen ganz besonderen Umständen hätte die Standhaftigkeit eines Mannes große Erschütterungen hervorrufen können. Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hypokratischen Eid der Ärtzte entwickeln können.“

    Und noch eine Bemerkung zu Ferdis Beitrag bzw. dem Welt-Artikel. Dort wird die Aussage Brechts zu Galilei / Atombombe mit der Jahreszahl 1938 datiert – so viel Hellsicht hatte selbst Brecht nicht. Immerhin startete das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe doch erst 1942.

    • Ferdi Antworten | Permalink

      Ich habe gerade mal gegooglet. Die Jahreszahl "1938" in dem WELT-Artikel ist ein (Schreib-) Fehler. An anderer Stelle im Internet wird die Jahreszahl "1967" in Verbindung mit dem Brecht-Zitat erwähnt - was natürlich wahrscheinlicher ist.

      • Peter Siemroth Antworten | Permalink

        Wenn's auch nichts mehr mit Galilei zu tun hat - Brecht starb 1956!

        • Ferdi Antworten | Permalink

          Keine Ahnung, warum da verschiedene Zahlen mit Brechts Zitat in Verbindung gebracht werden. Da ich mich wenig bis gar nicht mit Brecht befasse, war mir sein Todestag nicht bewusst. Bei Wikipedia habe ich zu "Leben des Galilei" noch gefunden:

          "Brecht fertigte 1945 mit dem Schauspieler Charles Laughton in Los Angeles eine zweite, englischsprachige Fassung an. Dabei stellte er die Verantwortung der Wissenschaft in den Vordergrund, indem er das vorletzte Bild des Stückes, vor dem Hintergrund der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, veränderte."

  10. Ferdi Antworten | Permalink

    Wenn man anderen vorwirft, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen, dann sollte man m.E. den Zusammenhang auch deutlich machen. Vor allem stellt sich die Frage, was Brecht mit dem "sozialen Versagen" Galileis meinte? Auf Wikipedia heißt es zu Brechts "Leben des Galilei":

    Die These lautet, dass Galilei durch seinen Widerruf zwar die Wissenschaft in ihrem einen Ziel, der Anhäufung von Wissen bereichert hat, aber das andere Ziel, das der Erleichterung des Lebens der Menschen verraten habe. [...] Das klingt im 14. Bild an als er Galilei sagen lässt, dass er die welthistorisch einmalige Chance gehabt hätte, ein „Gelöbnis“ der Naturwissenschaftler herbeizuführen, „ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden“.

    In diesem Kontext bezeichnet der Schweizer Hans Conrad Zander (vgl. zweiter von Markus Pössel erwähnter WELT-Artikel) die "Kultfigur" Galileo Galilei als einen "epochale Januskopf":

    Champion der Emanzipation der Wissenschaft aus kirchlicher Knechtschaft und Märtyrer moderner Geistesfreiheit, das ist, von vorn betrachtet, das schöne Gesicht der Kultfigur Galileo Galilei. Von hinten betrachtet aber ist dies die hässlichste aller akademischen Fratzen: ein Naturwissenschaftler, der übereifrig, skrupellos sein Wissen und seine Technik in den Dienst politischer Tyrannen stellt."

    Die Max-Planck-Gesellschaft verdeutlicht:

    "Als er den Regierenden in Venedig am 24. August 1609 sein erstes Fernrohr überreicht, denkt er aber noch nicht daran, es zum Himmel zu richten, sondern hat vor allem militärische Anwendungen im Sinn."

  11. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Ich verstehe nicht das Bedürfnis, aus Galilei einen "skrupellosen", asozialen Menschen im Dienst politischer Tyrannen zu machen, allein weil er das Fernrohr für militärische Zwecke verkaufen wollte.
    Wenn Sie kleinere moralische Defekte bei G. suchen wollen, sollten sie die großen in der damaligen Zeit nicht übersehen.

    Papst Gregor XIII. ließ ein Te Deum feiern, als er die Nachricht von dem Massaker der Bartholomäusnacht erhielt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bartholom%C3%A4usnacht#Reaktion_des_Papstes

    Ich empfehle eine Änderung des brillianten Zitats von Feyerabend, selbstverständlich kann man noch viele andere Versionen produzieren, sie passen alle (Vorsicht Sarkasmus):

    "Die Kirche zur Zeit der Protestanten hielt sich viel enger an die Vernunft als die Protestanten selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der protestantischen Lehren in Betracht."

    Zum Weiterspielen:
    "Die Kirche zur Zeit der XX hielt sich viel enger an die Vernunft als die XX selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der xx Lehren in Betracht."

    Da steckt doch viel Anmaßung dahinter ...

  12. Bernold Feuerstein Antworten | Permalink

    Hier noch einmal ein Zitat aus 'De Genesi ad litteram' von Augustinus:
    "Oft genug kommt es vor, daß auch ein Nichtchrist ein ganz sicheres Wissen durch
    Vernunft und Erfahrung erworben hat, mit dem er etwas über die Erde und den
    Himmel, über Lauf und Umlauf, Größe und Abstand der Gestirne, über bestimmte
    Sonnen- und Mondfinsternisse, ... und dergleichen zu sagen hat. Nichts ist nun
    peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit
    Berufung auf die christlichen Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge
    Behauptungen aufstellt, die falsch sind, und wie man sagt, den Himmel auf den Kopf
    stellen, so daß der andere kaum sein Lachen zurückhalten kann. Daß ein solcher
    Ignorant Spott erntet, ist nicht das Schlimmste, sondern daß von Draußenstehenden
    geglaubt wird, unsere Autoren hätten so etwas gedacht."

    Der Streit mit Galilei hätte mit Rückgriff auf diesen Kirchenvater leicht entschärft werden können.
    Schwieriger war die Frage, was seitens des Lehramts im Bereich der Philisophie als 'irrtumsfrei'
    angesehen wurde - hier mag der Vorwurf des Atomismus schwerwiegender gewesen sein als diese oder jene Polemik Galileis gegen das geozentrische Modell.

    • Paul Stefan Antworten | Permalink

      Das Augustinus-Zitat ist sehr interessant, aber der Schuss hätte für Galilei auch leicht nach hinten losgehen können. Schließlich impliziert er, dass die Kirche falsch lag. Überhaupt konnte es als Anmaßung erscheinen, wenn sich ein Laie (Nichttheologe) sich gegenüber Theologen auf die Aussagen von Kirchenvätern beruft. Woher nehme er denn als Laie die Kompetenz dies zu tun, hätte dann der Inquisitor fragen können.
      Galilei legte im "Dialog" die Verteidigung des geozentrischen Weltbilds einer Figur namens "Simplicius" in den Mund. Das war frech und nicht besonders klug. Der Papst fühlte konnte sich als "Einfältiger" bezeichnet sehen. Jemanden durch die Blume als Dummkopf zu bezeichnen war aber keine Ketzerei.

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