Schweizer und Deutsche machen Sinn

30. Januar 2010 von Anatol Stefanowitsch in Sprachgebrauch

In den Kommentaren zu meinem letzten Beitrag haben gleich zwei Leser die Vermutung geäußert, dass die Redewendung Sinn machen in den Schweizer Dialekten des Deutschen anders verwendet wird als in den bundesdeutschen. Nach Hektor Ks Eindruck wird die oft als „richtige“ Alternative empfohlene Redewendung Sinn haben in den ihm vertrauten Schweizer Dialekten gar nicht verwendet, während Sinn machen weit verbreitet ist. Matthias hat eine genauere Vermutung: seiner sprachlichen Erfahrung nach wird Sinn haben in der Deutschschweiz nur in verneinenden Zusammenhängen verwendet (hat keinen Sinn), während Sinn machen bevorzugt wird, um positive Aussagen zu machen.

Das sind zwei Hypothesen, die sich sprachwissenschaftlich sehr schön überprüfen lassen, und das will ich hier kurz tun. Dazu habe ich aus den Korpora (Textsammlungen) des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim jeweils eine Schweizer und eine bundesdeutsche Tageszeitung ausgewählt, für die dort Jahrgänge vorhanden sind, die etwa die gleiche Zeitspanne abdecken (so vermeide ich, dass Sprachwandelprozesse das Bild verzerren). Für die Schweiz war das das St. Galler Tagblatt, für die Bundesrepublik die Rhein-Zeitung (kann es etwas Bundesrepublikanischeres als das Rheinland geben?). Das IDS hat für beide Zeitungen Jahrgänge zwischen 1996/97 und 2008, wobei beim St. Galler Tagblatt einige Jahrgänge in der Mitte fehlen. In beiden Zeitungen habe ich nun die Häufigkeit beider Redewendungen in ihrer affirmativen (nicht verneinten) und negativen (verneinten) Form festgestellt. Dabei habe ich, um eine repräsentative Stichprobe zu bekommen, nach drei verschiedenen Wortstellungen von [es hat/macht (keinen) Sinn] gesucht. Die Ergebnisse sind interessant (sie gelten natürlich nur für die standardsprachlichen Varietäten, in den regionalen Dialekten beider Länder kann die Sache ganz anders aussehen).

Zunächst zeigt sich, dass machen und haben in beiden Varietäten gleich häufig mit Sinn verwendet werden -- Sinn machen macht jeweils 75 Prozent der Daten aus, ist also in beiden Zeitungen die deutlich häufigere Form:

Die Verteilung von Polarität bei _Sinn haben_ und _Sinn machen_ im deutschen und Schweizer Standarddeutsch

Hektor Ks Vermutung wäre als absolute Aussage also falsch (auch Sinn haben findet sich im Schweizerdeutschen), aber als Aussage über die relative Verwendungshäufigkeit ist sie richtig und gilt nicht nur für die Schweiz.

Wie sieht es nun aber mit der Frage aus, wie die Polarität (Bejahung/Verneinung) mit den beiden Redewendungen zusammenhängt? Um dies festzustellen habe ich eine Konfigurationsfrequenzanalyse mit den Variablen VARIETÄT, POLARITÄT und VERB gerechnet. Die Details dieses statistischen Verfahrens erspare ich Ihnen hier, schicke das genaue Ergebnis interessierten Leser/innen auf Anfrage aber gerne zu. Hier reicht es, zu sagen, dass sich bei dieser Analyse tatsächlich die Interaktion aller drei Variablen als statistisch signifikant (also als vermutlich nicht zufällig zustandegekommen) herausstellt. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Verb und Polarität und dieser unterscheidet sich in den beiden Varietäten.

Aber der Reihe nach. Sehen wir uns nach dem Zusammenhang zwischen Sprache und Redewendung (der ja nicht existiert), zunächst die anderen beiden Interaktionen von je zwei der drei Variablen an.

Zunächst gibt es einen kleinen Unterschied zwischen den Dialekten (bzw. den beiden Tageszeitungen) bezüglich der Häufigkeit, mit der die beiden Redewendungen insgesamt affirmativ oder negativ verwendet werden, dieser ist allerdings bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von mehr als 5 Prozent nicht als signifikat zu betrachten (d.h., er kann durchaus zufällig zustande gekommen sein):

Die Verteilung von Polarität bei _Sinn haben_ und _Sinn machen_ im deutschen und Schweizer Standarddeutsch

Dagegen ist unterscheidet sich die Häufigkeit der beiden Redewendungen in affirmativen und negativen Zusammenhängen über die beiden Varietäten hinweg signifikant (p < 0,001, falls es jemand genau wissen will):

Die Verteilung von Polarität bei _Sinn haben_ und _Sinn machen_ im deutschen und Schweizer Standarddeutsch

Die Redewendung Sinn haben kommt tatsächlich nur sehr selten in affirmativen Zusammenhängen vor -- diese machen nur 10 Prozent aller Verwendungen aus. Sinn machen ist dagegen in affirmativen und negativen Satzzusammenhängen gleich häufig.

Und dieser Zusammenhang, der sich ja in beiden Varietäten findet, ist in diesen unterschiedlich stark; er ist im Schweizer Standarddeutsch (bzw. im St. Galler Tagblatt) noch ausgeprägter als im bundesdeutschen Standarddeutsch (bzw. in der Rhein-Zeitung).

Die Verteilung von Polarität bei _Sinn haben_ und _Sinn machen_ im deutschen und Schweizer Standarddeutsch

Auch diese dreifache Interaktion ist, wie eingangs schon erwähnt, statistisch signifikant (ebenfalls auf dem 0,1%-Niveau).

Hektor K und Matthias, Herzlichen Glückwunsch: Ihre Hypothesen, die wir zusammengefasst als die Hektor-Matthias-Vermutung bezeichen wollen, kann als wissenschaftlich bestätigt (aber natürlich nicht bewiesen) gelten.

[Korrektur (30. Januar 2010, 12:44): Die Schweizer Zeitung heißt nicht, wie ursprünglich hier stand und in den Grafiken immer noch steht, „St. Gallener Tagblatt“, sondern St. Galler Tagblatt. --A.S.]

© 2010, Anatol Stefanowitsch


18 Kommentare zu “Schweizer und Deutsche machen Sinn”

  1. Lars Fischer | Permalink

    Nach meinem Sprachgefühl

    bedeuten die beiden Sachen aber keineswegs das gleiche (bzw dessen Verneinung). Sinn machen bezieht sich m.E. auf die innere Konsistenz von etwas, während Sinn haben die Erfolgsaussichten bewertet.

    Es gibt also Dinge die zwar Sinn machen, aber trotzdem keinen Sinn haben.

    Zum Beispiel hat der HSV gerade Ruud van Nistelrooy gekauft, um es doch noch in die Champions Leage zu schaffen...

  2. ali | Permalink

    Deutsch und Schweizer Dialekt

    Eine Anmerkung muss aber doch noch gemacht werden:

    Schweizer Dialekt und unsere Schriftsprache sollten klar getrennt werden. In der Wahrnehmung sind dies zwei völlig unterschiedliche Konzepte.

    Eine Schweizer Zeitung schreibt Deutsch (nur ohne Eszett und mit ein paar Helvetismen) und nicht Dialekt. Darum heisst das bei uns umgangssprachlich auch "Schriftdeutsch". Ob nun in einer Schweizer Zeitung Sinn 'gemacht' wird oder nicht, hängt wohl stark von den persönlichen sprachlichen Präferenzen und Sensibilisierung der Schreibenden ab. Ich würde zum Beispiel vermuten, dass je höher der sprachliche Anspruch, desto weniger 'macht' etwas Sinn (z.B. St. Galler Tagblatt gegen NZZ).

    Völlig anekdotisch kann ich hingegen sagen, dass in meinem Dialekt 'es macht keinen Sinn' intuitiv korrekter wirkt als 'es macht Sinn'. Aber ich spreche inzwischen ein ziemliches Esperanto und weiss nicht was meine Intuition noch wert ist.

    Grüsse aus der französischen Schweiz.

  3. Frank Roeschke | Permalink

    Sinn ergeben...

    ....SInn machen, im Sinne von Sinn erzeugen, ist doch eher einer göttlichen Instanz vorbehalten? Somit ist es doch wohl immer nur korrekt wenn sich 'Sinn ergibt'.

  4. Dierk | Permalink

    Ich kann mich jetzt nicht genau erinnern, aber erregen sich Sprachnörgler auch über die Formulierung Sinn ergeben, die doch dichter an Sinn machen denn Sinn haben ist?

    Ganz abgesehen davon, dass Sinn haben statisch ist, einem Phänomen also inherent Sinn zuschreibt, während ergeben und machen dynamisch sind, in einem Fall den Erkenntnisgewinn des Betrachters in den Mittelpunkt stellt, im anderen die Wechselwirkung zwischen Betrachter und Phänomen.

  5. Quackeltiki | Permalink

    @Frank Roeschke

    Zu Ihrem Einwand findet sich in der Sinn-Pentalogie des alten Blogs ein entsprechender Beitrag:

    http://www.iaas.uni-bremen.de/...innesfreuden-iii/

    Was ist eigentlich eine angemessen höfliche, doch natürlich "lockere" Grußformel für den Kommentarbereich eines Blogs? "MfG" (oder ausgeschrieben) mag ich nicht besonders. Naja, ist auch egal.

    Hochachtungsvoll untertänlichst
    Quackeltiki

  6. A.S. | Permalink

    Bedeutungen, Dialekt, Machen/Ergeben

    @Lars: Ja, die beiden Redewendungen haben unterschiedliche Bedeutungen, die ziemlich genau in die von dir beschriebene Richtung gehen (ich habe das hier diskutiert, aber dein Beispiel mit van Nistelrooy ist auf den Punkt genau.

    @Ali: Ja, Sie haben natürlich Recht, dass man zwischen gesprochenen Dialekten und Schriftsprache unterscheiden muss, ich habe ja im Beitrag selbst schon darauf hingewiesen. Aber natürlich beiinflusst die Sprache, die man spricht, auch die, die man schreibt, und in der Schweizer Schriftsprache lassen sich zahlreiche mehr oder weniger subtile Einflüsse der Mundarten feststellen. Ich habe auch bewusst das St. Galler Tagblatt verwendet, da ich ebenso wie Sie annehme, dass diese Einflüsse umso stärker herausredigiert werden, je überregionaler oder sogar übernationaler eine Zeitung ist.

    @Dierk: Die Sprachnörgler lieben die Redewendung Sinn ergeben und merken nicht, dass die Bedeutungen von machen und ergeben sich auch anderswo überlappen (z.B. „Zwei mal Zwei macht/ergibt Vier“). Ich habe auch darüber schon einmal etwas geschrieben, aber diese ständige Selbstverlinkerei zum Thema wird mir langsam peinlich...

    @Quackeltiki: Es scheint mir generell unüblich, Blogkommentaren Grußformeln hinzuzufügen, aber wenn, dann kann es natürlich nur die sein, die Sie hier verwenden...

  7. Steffen Rehm | Permalink

    Logik

    Sinn ist ein göttliches Produkt (Roeschke)
    Sinn ist ein Gehirnprodukt (Roth)

    Daraus folgt: Das Gehirn ist göttlich (Rehm)

  8. Frank Oswalt | Permalink

    @Steffen Rehm

    Sinn ist ein göttliches Produkt
    Sinn ist ein Gehirnprodukt
    ==================================
    Gott ist ein Gehirnprodukt

  9. Steffen Rehm | Permalink

    Wahn-Sinn

    Damit nun nicht der Trugschluss "Gott=Sinn" entstehen kann, sollte bedacht werden, daß auch viel Wahnsinn, Unsinn, Blödsinn und Stumpfsinn in Gehirnen produziert wird.

  10. MisterBernie | Permalink


    @Anatol: Ach, wer inzwischen oberste Instanz der Sinnmacherei ist, darf sich auch ohne Geniererei selbst verlinken.

    Mehr aufs Thema für sich bezogen, eine sehr interessante Feststellung.
    Wobei es mich immer noch wundert, dass sich die Sprachschützer so sehr auf gerade 'Sinn machen' als Ausgangspunkt für eine Dammbruchargumentation gegen Anglizismen kaprizieren.

  11. David Marjanović | Permalink


    Was ist eigentlich eine angemessen höfliche, doch natürlich "lockere" Grußformel für den Kommentarbereich eines Blogs?

    Gar keine. Blogkommentare sind keine Briefe.

  12. Matthias | Permalink

    Vielen Dank für die Arbeit!

    Diese Wortanalyse ist wirklich sehr interessant, danke für die Arbeit. Die sprachlichen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz sind immer wieder faszinierend, aber ich wäre nicht darauf gekommen, dass man das so systematisch untersuchen kann. Tolle Sache.

    Ach übrigens: You can say you to me :-). Ich stamme noch aus der Generation, die sich zuerst in Mailboxen herumgetrieben hat und per Computer grundsätzlich jeden Duzte. Und tue mich immer sehr schwer mit diesem neuen Trend, die Leute im Internet zu Siezen. Zumal die meisten viel jünger sind als ich.

    Apropos: Das "You can say you to me" wird ja verschiedensten Leuten zugeschrieben. Mein Vater hat mir den Witz in den Siebzigern mit Rudolf Minger in der Hauptrolle erzählt, der ja von 1881 bis 1955 Schweizer Bundesrat war und angeblich dem britischen Aussenminister auf diese Art das Du angeboten haben soll.

  13. R. Wenger | Permalink

    Schweizer und Deutsche machen Sinn

    Zum Zum Vergleich von Redewendungen im Dialekt und der deutschen Schriftsprache das St. Galler Tagblatt verwenden führt in eine Sackgasse, denn diese Zeitung wird ja nicht im Dialekt geschrieben, sondern in einem uns fremden Idiom. Ich verwende konsequent den Ausdruck „schriftdeutsch“ und nicht „hochdeutsch“, denn „hochdeutsch“, ist keine Alternative zu unsern Dialekten, denn diese sind ja, im Gegensatz zu Plattdeutsch, alles hochdeutsche Sprachen.
    Zu meiner Schulzeit haben wir synonym zu „ungefähr“ das Wort „etwa“ verwendet. Die Aussentemperatur beträgt etwa 0 Grad. Heute dominiert das unsinnige „in etwa“.
    Ein weiteres Rotes Tuch ist für mich die die Anwendung von „weil“. Die Formulierung „Ich bin müde, weil ich schlecht geschlafen habe“ wird durch das idiotische „ich bin müde, weil ich habe schlecht geschlafen“ ersetzt.

    René Wenger
    Margarethenstrasse 59
    CH-4053 Basel
    Tel. +41-61-692 86 27
    Fax +41-61-692 86 28
    wenger.rg@sunrise.ch

  14. A.S. | Permalink

    Idiotische Grammatik

    @René Wenger:

    Ein weiteres Rotes Tuch ist für mich die die Anwendung von „weil“. Die Formulierung „Ich bin müde, weil ich schlecht geschlafen habe“ wird durch das idiotische „ich bin müde, weil ich habe schlecht geschlafen“ ersetzt.

    Ja, das ist wirklich idiotisch, denn kausale Konjunktionen fordern im Deutschen nie Hauptsatz-Wortstellung.

    Ich wiederhole. Kausale Konjunktionen fordern im Deutschen nie Hauptsatz-Wortstellung.

    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verwendung von weil zum Anzeigen kausaler Zusammenhänge ohnehin nur neumodischer Unsinn ist. Das Wort sollte streng auf seine ursprüngliche Bedeutung „während“ beschränkt werden, so wie sie sich noch bei Friedrich Schiller findet (Das Eisen muss geschmiedet werden, weil es glüht.).

    Aber wie wollen Sie das den Sprechern des Deutschen klarmachen -- diese Idioten scheren sich keinen Deut um Logik oder Tradition und glauben doch glatt, Sprache sei zum Kommunizieren da.

  15. David | Permalink


    Ich verwende konsequent den Ausdruck „schriftdeutsch“ und nicht „hochdeutsch“, denn „hochdeutsch“, ist keine Alternative zu unsern Dialekten, denn diese sind ja, im Gegensatz zu Plattdeutsch, alles hochdeutsche Sprachen.

    "Richtig!" würde ich gern rufen; ich weiß aber leider nicht, wie die korrekte schriftdeutsche Aussprache lautet.

    Zum "weil": Putzig fand ich mal die Anekdote vom Professor für deutsche Literatur (weiß gar nicht, welche), der ein Referat mit der Begründung abbrach, es seien ihm jetzt zu viele "weil"-Sätze mit Hauptsatzwortstellung gefallen und in seiner Begründung und den weiteren Ausführungen selbst gleich zwei oder drei davon unterbrachte.

  16. Anakonda | Permalink

    Sinn machen

    Einen Sinn kann man nicht machen, den hat man von Geburt an, nämlich 5!! Es macht ja auch keinen Zweck, sonder hat Zweck. Diese Redewendung kommt aus der Schweiz, dem Land mit dem schlechtesten Deutsch aller deutschspr. Länder. Ein deutscher Journalist hat das aufgegriffen und der verdummt nun eine ganze Republik. Das ist unglaublich!

  17. Anakonda | Permalink

    Sinn machen

    Einen Sinn kann man nicht machen, den hat man von Geburt an, nämlich 5!! Es macht ja auch keinen Zweck, sonder hat Zweck. Diese Redewendung kommt aus der Schweiz, dem Land mit dem schlechtesten Deutsch aller deutschspr. Länder. Ein deutscher Journalist hat das aufgegriffen und der verdummt nun eine ganze Republik. Das ist unglaublich!

  18. Dierk | Permalink

    Liebe Anakonda,

    wenn Sie 'Sinn' einschränken auf die Bedeutung 'Wahrnehmungsorgane von Primaten', kann ein Text keinen 'Sinn haben', weder Autor noch Leser diesem einen 'Sinn geben' und überhaupt 'ergibt das alles dann keinen Sinn'.

    Durch wiederholte bloße Proklamation einer Falschheit können Sie weder die Realität ändern, noch eine das Falsche richtig machen. Die Sinnhaftigkeit Ihrer immer gleichlautenden Gezischel in den Kommentarspalten diverser Stefanowitsch-Artikel bleibt damit auf der Strecke - das macht einfach keinen Sinn, was sie da tun.

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