Sprachbrocken 35/2012

31. August 2012 von Anatol Stefanowitsch in Allgemein

Mehrere deutsche Zeitungen berichteten in den letzten Tagen übereinstimmend, dass der Verein Deutsche Sprache den Vorstandsvorsitzenden der Kaufhauskette Karstadt, Andrew Jennings zum „Sprachpanscher des Jahres“ ernannt hat. Die Zeitungen stützen sich dabei auf den Bericht einer Presseagentur mit Sitz in Berlin. Wenn man den Berichten trauen kann, wirft man dem aus Großbritannien stammenden Manager (verzeihung, dem aus Großbritannien stammenden Schaffer/Macher [ist das richtig so, Herr Krämer?]) vor, in der Außendarstellung seines Unternehmens mit großer Konsequenz englische Wörter und Phrasen zu verwenden, wo nahezu poetisch anmutende deutsche Alternativen zur Verfügung stünden -- so verwende Karstadt etwa den Begriff Midseason-Sale, statt des deutschen Zwischensaison-Ausverkauf (bei dem man sich freilich das Wort Saison wegdenken sollte, wenn man denn wirklich etwas gegen Sprachvermischung hat).

Während der VDS Jennings bezichtigt, die Sprache des Erbfeindes England zu sprechen, wirft die SPD in Person ihres Parlamentsgeschäftsführers der Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, dem CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt vor, sich bei seinen Äußerungen über Griechenland verbal auf dem Niveau der unteren sozialen Schichten zu bewegen (die tatsächliche Formulierung kann ich hier aufgrund lizenzrechtlicher Probleme nicht wiedergeben). Zumindest berichteten das mehrere deutsche Tageszeitungen, die sich dabei auf die oben schon erwähnte Presseagentur mit Sitz in Berlin beriefen. Was genau Opperman mit seiner Äußerung gemeint haben mag, ergibt sich aus den Medienberichten leider nicht -- in Deutschland gibt es zwar sozial geschichtete Sprachvarietäten, aber diese unterscheiden sich vom sogenannten Hochdeutschen hauptsächlich in ihrer Aussprache, nicht im Vokabular für Konzepte wie „Austritt“ oder „Währungsunion“.

Vielleicht wäre es ohnehin besser, sich weniger mit der Sprache der Briten oder des Pöbels (ups, jetzt ist es mir doch herausgerutscht, das kann teuer werden) zu befassen, und mehr mit der deutschen Sprache in ihrer ureigensten Form: Dem Amtsdeutsch. Das tat letzte Woche eine Zeitung aus dem Rhein-Neckar-Raum, die dazu nicht einmal die Hilfe einer Presseagentur mit Sitz in Berlin benötigte. Sie präsentierte eine schöne Mischung aus vermeintlichen und tatsächlichen sprachlichen Kuriosita, die ich hier leider nicht wiedergeben darf (sie wissen schon, lizenzrechtliche Probleme). Aber glauben Sie mir, es sind wirklich lustige Wörter darunter, der Artikel hätte ihnen sicher Spaß gemacht!


7 Kommentare zu “Sprachbrocken 35/2012”

  1. Wentus | Permalink

    Lizenzprobleme und Moderation

    Schade, dass man nicht mehr nachlesen kann, worauf im Artikel angespielt wird. Ich habe jedenfalls beim Googeln zwar Artikel über Zebrastreifen und Windräder gefunden, aber nicht die Kuriositäten.

    Schade auch, nicht mehr sofort die Kommentare anderer diskutieren zu können, weil sie erstmal moderiert werden müssen.

    Die Segnungen der Technik wenden sich nun einmal schnell wieder gegen sich selbst: Früher musste man erst in die Bibliothek gehen, um einen Textverweis nachzulesen, heute muss man, weil ein Link zu einfach ist, Google-Recherchen ausführen.

    Auch ich habe schon unangenehme Erfahrung mit Spam in Internet-Formularen gehabt und muss einsehen, dass eine Moderation unumgänglich ist. Schade!

  2. Wentus | Permalink

    Digitale Elite

    Es war ein netter Versuch, Leser durch Schmeicheleien wie "digitale Elite" im Tweet zu locken. Es hat gewirkt. Eher ist die Zeitverzögerung durch die Moderation abschreckend.

  3. Phaeake | Permalink

    Suchhilfe, Interpretation, Ergänzung

    @Wentus: Suchen Sie die Internetpräsenz der Zeitung auf, welche die beiden genannten Flüsse im Namen trägt. Geben Sie bei Artikelsuche „Sprache“ ein. Der gesuchte Artikel steht dann unter demjenigen mit der Überschrift „Bata Ilic hatte sein Publikum fest im Griff“

    Meine Vermutung: Oppermann wollte mit seiner Kritik ("Sprache des Pöbels") an der Kritik Dobrindts nicht dessen Sprache im engeren Sinne ein niedriges Niveau attestieren, sondern eher dessen Diskussionsstil: Dobrindt hatte Draghi, dessen Handlungsweise er missbilligte, als „Falschmünzer“, also als Kriminellen bezeichnet. M.E. kann man „Sprache“ im umgangssprachlichen Sinn auch so verwenden.

    Heute ist in einer deutschen Zeitung von Weltniveau ein Artikel erschienen, der so perfekt zu den heutigen Sprachbrocken passt, dass ich vermuten muss, Herr Stefanowitsch habe ihn nicht gelesen, sonst hätte er auch von ihm berichtet: Ein britischer Professor hat in zahlreiche fremde Autos in seiner Wohnumgebung Schmähungen eingekratzt. Der Verdacht fiel wohl auch deshalb auf ihn, weil die Wortwahl gehobener als in Vergleichsfällen war: "very silly", "really wrong", "arbitrary"

    Übrigens: Ist „Kuriosita“ ein Tippfehler für Kuriosa / Curiosa oder die Kongruenz von Form und Inhalt?

  4. David | Permalink

    Zwischensaison-Ausverkauf?

    Die sprachhygienische Frevelhaftigkeit scheint mir bei "Saison" das geringste Problem zu sein. Korrekt wäre meiner Deutung nach vielmehr die nicht allzu ungewöhnliche und viel deutschere Übersetzung "Jahreszeit" für "season". Zudem könnte man davon absehen, "mid" etwas eigenwillig mit "zwischen" zu übersetzen und stattdessen ganz altmodisch bei "Mitte" bleiben. Zum Schluß kann man noch ganz crazy sein und das, was die English-Freaks in ein einziges Wort packen im Deutschen (!!!) in vieren (!!!!) unterbringen: "Ausverkauf zur Mitte der Jahreszeit". Im Ergebnis ist das wohl nicht nur richtiger als "Zwischensaison-Ausverkauf" sondern sogar etwas sexier und auch weniger debil.

    Aber so ist es wohl immer beim VDS: Keine Ahnung paart sich mit gar keinem Interesse und null Sprachgefühl. Am Ende steht bei der Lektüre solcher Einlassungen dann stets der nicht ganz wirklichkeitstreue Eindruck, daß die deutsche Sprache sich eigentlich nur noch zum Furzen eigne.

  5. David | Permalink

    FÜNF!!!!!

    Das sind sogar fünf Wörter! Fünf!

  6. impala | Permalink

    Abgesehen davon, dass Saison als Wort französischen Ursprungs von konsequenten Sprachpuristen natürlich genauso abgelehnt werden sollte wie das Englische season, ist die Vermeidung des Begriffs Jahreszeit hier schon richtig, da man in der Modebranche von Saisons spricht, deren Kollektionen sich nicht mit der aktuellen Jahreszeit decken. Jeder dürfte das Phänomen kennen, dass kurzärmlige Oberteile die Geschäfte erreichen, während in Berlin noch Minusgrade herrschen.

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