Sprachbrocken 36/2012

8. September 2012 von Anatol Stefanowitsch in Allgemein

Literaten kommen im Sprachlog selten zu Wort, aber warum eigentlich? Schließlich stolpere ich bei meiner Suche nach Sprachbrocken ständig über Hinweise auf deren sprachlichen Genius, da müsste doch etwas zu holen sein. Diese Woche zum Beispiel lese ich auf nachrichten.at über den portugiesischen Schriftsteller Antonio Lobo Antunes, dass er mit „seiner unkonventionellen, energievollen und dichten Sprache, seinen an Atmosphäre und Metaphern reichen Texten … Fans weltweit“ begeistere. Und diese Metaphern klingen dann zum Beispiel so: „Ich mag es, die Buchstaben zu malen. Aufs Glas (des PC-Schirms) zu sehen, ist wie Liebemachen mit Kondom. Ich schreibe ohne Kondom.“ Ein harter Kerl ist er also, der nicht lange fackelt und seinen Kugelschreiber hinsteckt, wo er will. Und ich will nicht, das wir uns hier im Sprachlog mit textuell übertragbaren Krankheiten anstecken. Und deshalb kommen Literaten im Sprachlog selten zu Wort.

Ein Ganzkörperkondom für die deutsche Sprache wünscht der Verein Deutsche Sprache – wenn sich Sprachen schon nicht davon abhalten lassen, miteinander herumzumachen, dann doch bitte ohne den Austausch von Wörterflüssigkeiten. Wie die Leser/innen des Sprachlogs wissen, versuche ich seit vielen Jahren, darauf hinzweisen, dass die deutsche Sprache erwachsen ist und selber wissen muss, was sie tut. Und ab und zu finde ich damit sogar Gehör, wie z.B. beim ORF. Allerdings wird dort so getan, als gebe es unter Sprachwissenschaftlern einen Streit über Vorzüge und Gefahren von Lehnwörtern. Den gibt es aber nicht. Es gibt nur phantasierte Gefahren seitens der Sprachnörgler, und seitens der Sprachwissenschaftler/innen die Erkenntnis, dass Entlehnungen keine Krankheit, sondern eher eine dringend benötigte Bedeutungstransfusion darstellen.

Das Schlusswort überlassen wir heute einem weiteren Literaten, dem Schweizer Erzähler Werner Renfer, dessen lyrisches Werk nun, wie ich aus der Neuen Zürcher Zeitung erfahren habe, gerade entdeckt wird. Und in diesem lyrischen Werk geht es manchmal sogar um Sprache, zum Beispiel, wenn er schreibt: „die Grammatik / ist ein verbrauchter, entkörperter Almanach / den ich nach meiner Art neu erschaffe“. Wo er sie neu erschafft, sagt er nicht. Jedenfalls nicht in seinen Gedichten, denn die folgen ausnahmslos brav den grammatischen Regeln, die wir alle tagtäglich anwenden. Aber wenigstens kann eine „entkörperte“ Grammatik keine gefährlichen Reime übertragen.


6 Kommentare zu “Sprachbrocken 36/2012”

  1. CB | Permalink

    Der Text auf ORF.at macht Sie außerdem zum Engländer, je nachdem, wie man den Satz "sagt der englische Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch" interpretiert: ein Sprachenwissenschaftler englischer Provenienz oder ein Sprachwissenschaftler, der sich mit der englischen Sprache befasst.

  2. Wentus | Permalink

    Lehnwörter

    Lehnwörter dienen meistens zur genaueren Unterteilung eines Wortfeldes. Der "Verein deutsche Sprache" möchte jedoch bei althergebrachten Wörtern bleiben und eine genauere Bestimmung vermeiden. Wenn wir ihn gewähren lassen, kommt es zu einer "Verein"-fachten deutschen Sprache.

  3. Markus Schäfer | Permalink

    Die Sprachwissenschaftler vom VDS

    In der Kinder-Beilage der WAZ wurde kürzlich der Verein deutsche Sprache auch mit Sprachwissenschaftlern gleichgesetzt, die auf "die Gefahren von Wörtern aus dem Englischen" (oder so ähnlich) hinweisen.
    Hoffentlich hat das kein Kind gelesen oder gar ernst genommen.

  4. janWo | Permalink

    Zum Herrn Renfer fällt mir irgendwie nur ein einziges Wort ein: Bedeutungsschwangerschaftsabbruch

  5. phaeake | Permalink

    Antonio Lobo Antunes' Kugelschreiber?

    Statt zum Kugelschreiber hätte ich metaphorisch zum Kolbenfüller gegriffen. Man hat doch auch "genug Tinte auf dem Füller" und nicht etwa Paste im Kuli. auch die Assozation Pen-Penis verlangt nach einem echt-männlichen Schreib-GERÄT.

  6. willi wamser | Permalink

    Gas satt

    Zwei Anmerkungen zur poetisch-pragmatischen Entlehnarbeit:

    Der Naturwissenschaftler Jan Baptist Helmont (1579-1644) führt - neben dem heute eher unbekannten "archeus" ("aura vitalis seminum, vitae directrix") das Wort "Gas" in die naturwissenschaftliche Terminologie ein. Er lehnt sich dabei an: Pate ist das griechische "Chaos", weiland mephistophelischer (Goethe) Provenienz, wie wohl manch Sprachnörglervereinsvorsitzender bang zu riechen gezwungen ist.

    Und ein Poet hat 1781 den Duden-Wettbewerb von 1999 ökonomisch elegant gelöst. Gesucht war eine Analogie zu "satt von Essen") im Bereich "Getränke".
    Kaspar Friedrich Lossius schrieb:

    "Sie aß an seinem Tisch und trank
    aus seinem Becher satt.-
    du guter Reicher habe Dank
    für deine edle Tat."

    Sapienti sat?

    Beides gelesen in Wolfgang Boettcher (2009): Grammatik verstehen, Bd.1: Wort; Tübingen: Niemeyer, S.186f.

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