Arabische Nächte


In der Wissenschaftsgeschichte Europas gibt es eine große Lücke von einigen Jahrhunderten, da sie mit den großen Enzyklopisten um Ptolemäus (ca 150 n.Chr.) abbricht und dann meistens erst mit Copernicus (um 1500) fortgesetzt wird. Wollen wir aber eine lückenlose Geschichte ohne zeitliche Sprünge erzählen, müssen wir den Schauplatz wechseln: zu den Arabern!

Arabische Astronomie

Die Wissenschaft im arabischen "Mittelalter" begann zu blühen, als man im 1./7. Jahrhundert begann, die Schriften der Alten zu übersetzen; als erster großer systematischer Übersetzer gilt Ibn al-Muqaffa. Der Islam propagiert Bildung sehr stark und so zitiert z.B. Strohmaier in seinem Buch über Avicenna den Propheten mit den Worten "Sucht das Wissen und sei es in China" (S.159) in [1]. Dabei ging es vor allem um das Anhäufen und Sammeln von Wissen, was auch in bürgerlichen Kreisen im Islam als chic galt. Ärzte erstellten also eine gigantische Sammlung von Rezepten und Therapien, was bei einer derart empirischen Wissenschaft fundamental ist. Die Kosmologie beschränkte sich - wie bei den Christen zu dieser Zeit - auf die Rezeption und später Diskussion von Aristoteles. In dieser Entwicklung schreibt man gerade Ibn Sina (Avicenna) die Rolle zu, die aristotelische Logik als Fundament jeglicher Theologie und Philosophie in Islam und Christentum etabliert zu haben. [2]

Im Zuge der Islamisierung in der Epoche der Abbasiden (750-1258) durchzogen die Araber ganz Nordafrika vom Nahen Osten bis in den Maghreb (=Westen), im heutigen Marokko und Teile (Küstengebiete) von Mauretanien. Der Karawanenhandel blühte also und mit ihm wurde auch das astronomische Wissen in diese Gebiete gebracht, die niemand mehr betreten hatte, seitdem altrömische Feldherren in der Nähe von Atar ihr Fähnchen aufgestellt hatten. Dieses Land, das wir heute Mauretanien nennen, besteht im wesentlichen aus Trockenheit (arabisch: sahara), also Wüste: es gibt florierenden Fischfang an der Küste, aber - abgesehen von ein bißchen Eisen, das man jüngst im Norden entdeckte - keine Bodenschätze, die es auszubeuten gilt. Folglich sind die Mauretanier ein sehr friedliches Volk, da sie im Laufe der Geschichte von allen Eroberern schonend behandelt wurden: Es gibt kein Gold wie bei den Inkas, kein Erdöl wie bei den Saudis, keine Edelsteine und nur wenige fruchtbare Ländereien im Süden des heutigen Landes am Senegalfluss... Es ist ein recht kleines Volk, das Volk der Mauretanier, auf einem riesigen Stück Land, bedeckt mit Saharasand.

Es sind übrigens nicht Mauren, sondern Mauretanier, die hier friedlich zusammen leben - und darauf legen sie Wert. Hier mischten sich im Laufe der Zeit berberische Einflüsse mit maurischen und negroafrikanischen zu einer illustren Schmelze. Das alte Volk der Mauren, das seinerzeit (in unserem Mittelalter) Spanien besetzte, gibt es heute nicht mehr - zumindest nicht in einer Nation.  

In dieser sengenden Weite schlummert eine ganz andere Art von Schätzen: Schätze. die belegen, welch prägenden Einfluss die islamische Welt für unsere Kultur hatte, insbesondere im Mittelalter. Schätze, für die glücklicherweise keine Kriege geführt werden, denn Wissen wird nicht weniger, wenn man es mit anderen teilt. Die Schätze Mauretaniens sind Bücher des Wissens und der Weisheit. Wieviel fortschrittlicher die Medizin zu Zeiten der Kreuzzüge im Islam war als im Christentum, belegen zahlreiche Beispiele aus der Geschichte des Deutschen Ordens u.a. In Aachen lernt man weiters noch heute die Geschichte von mittelalterlichen Geschenken eines Sultans, die von Wanderkaiser Karl dem Großen und seiner Gefolgschaft nicht verstanden wurden.

Ein Besuch bei unseren Freunden in Schingette und Wuadan in Mauretaniens ältesten Bibliotheken lehrt uns ebenfalls die große Wissensvielfalt im arabischen Mittelalter. Allein Schingette zählt ca. 16 private Bibliotheken, deren Besuch sich lohnt!

Hier kann man sechshundert Jahre alte Manuskripte selbst anfassen - konserviert durch Wüstensand und nur wenig von Termiten angefressen. Solche Schätze gilt es zu konservieren!
Die UNESCO hat sie zwar als Weltkulturerbe anerkannt. Da aber kein Geld fließt, kann auch nichts für sie getan werden. Wir sammeln daher privat und bitten kundige Konservatoren, das Land zu bereisen, um den Mauretaniern modernes Konservieren zu ermöglichen. Kontakt: info at wuestenwandern.de

 

Das Astronomiebuch von Schingette

Mindestens eines der Bücher in Schingette handelt von Astronomie; es liegt in der größten aller Bibliotheken, nämlich der von der Familie Habot. Wie damals üblich weist es Beschreibungen der damaligen Weltbilder auf, zeigt Mondstationen und erklärt das zustandekommen der Phasengestalten des Mondes. Es ist auf persisch verfasst und stammt aus dem 10./15. Jahrhundert: als Kopie eines früheren Buches. Das besondere daran ist, dass es ein Planetensystem darstellt, bei dem die Sonne im Zentrum steht. Zum Zeitpunkt seiner Niederschrift war Schingette zwar immernoch der Startpunkt aller Pilgerreisen (hadsch) aus dem Maghreb, aber es hatte keine direkte Verbindung mehr zu Europa, wo die christliche Reconquista bereits in der Mitte des 13. Jahrhunderts die Abbasiden vertrieben hatte. Es ist also nicht ausgeschlossen (und eigentlich sehr wahrscheinlich), dass es die kopernikanische Idee auch in Mauretanien gab bzw. sie von östlichen islamischen Gelehrten stammt und dorthin kam. 

Vielmehr ist umgekehrt bezeugt (siehe [1]), dass Copernicus sich auf Versionen des Aristoteles stützte, die im maurischen Spanien von jüdischen Gelehrten aus dem Syrischen oder Arabischen ins Lateinische übertragen worden waren - also keineswegs Originale, sondern arabisierte Schriften. Daraus können wir schließen, dass die Idee vom Heliozentrismus bereits auf direktem Westweg aus dem alten Griechenland nach Mauretanien gekommen war und nicht erst mit den französischen Touristen des 20. christlichen Jahrhunderts.  

Wir sehen also: Nicht nur für Pilgerer ist Mauretanien eine Reise wert! Auch wissenschaftshistorisch ist es von großem Interesse.
         
Die Spezialisten für sichere (ungefährliche) Reisen nach Mauretanien in kleinen Gruppen (familiär) sitzen bei www.wuestenwandern.de Die beste Reisesaison ist November bis April - also, wie wär's mit einer Flucht vor der grauen Jahreszeit oder dem Adventsstress in die Stille der Wüste?!

Ich selbst will auch dort sein und würde mich freuen, meine KOSMOlogs-LeserInnen auch persönlich kennenzulernen.


Ob man Begriffe wie "Mittelalter" von der christlichen Geschichte auch auf andere Kulturen übertragen darf, ist sehr umstritten. Ich meine hier stets den Zeitraum vom Aufkommen des Islam im 6. Jahrhundert bis hin zu den wissenschaftlichen Umwälzungen, die ab Copernicus eingeläutet wurden. In dieser Zeit (des Koppernik) begann eine starke Rückbesinnung auf die Antike und mithin die "Renaissance" (Wiedergeburt) im wahren Wortsinn.

Literatur

  1. Ulrich Rebstock: Maurische Literaturgeschichte, Ergon Verlag, Würzburg 2001
  2. Wolf-Dieter Seiwert [Hrsg]: Maurische Chronik, Kiepenheuer Verlag Leipzig, Weimar, 1988
  3. Gotthard Strohmaier: Avicenna, becksche Reihe, 1999
  4. Dominik Perler, Ulrich Rudolph: Logik und Theologie. Das Organon im arabischen und im lateinischen Mittelalter, Leiden: Brill 2005

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