25 Jahre später: Die deutsche “Wiedervereinigung” neu betrachtet

7. Januar 2015 von Yoav Sapir in Geschichte

Die Reaktionen auf meinen letzten Text haben gezeigt, wie sehr mancher Leser die Vorstellung von einem deutschen Volk (nicht "Rasse", nicht "Staatsvolk") ablehnen will. Obwohl diese Vorstellung die jüngere deutsche Geschichte seit 1949 (Grundgesetz) bis 1990 (Einheit) maßgeblich gestaltet hat, ist ihre Ablehnung teilweise so vehement ausgefallen, dass man metaphorisch fast von einer allergischen Reaktion sprechen kann. Das veranlasst mich zu einer Frage, die ich hiermit an meine Leser richten möchte.

Wie erklärt ihr euch, wie würdet ihr insbesondere historisch die Ereignisse von 1989/90 erklären, ohne auf den in Deutschland traditionellen (also anti-nationalsozialistischen) Volksbegriff zurückzugreifen, der seit Fichte und als Alternative zu den angelsächsischen und französischen Modellen mit dem spezifisch deutschen, rechtsrheinischen Nationalismus zusammenhängt?

Und nun wäre es vielleicht angebracht, erst mal die Problematik zu erklären, die sich zumindest meinerseits, aber eigenlich auch für die historische Wissenschaft überhaupt bei der Entfernung des Volksbegriffs aus der deutschen Zeitgeschichte ergibt:

Seit Fichte und den Befreiungskriegen wurde der deutsche Volksbegriff auf eine Art und Weise gedacht, die ihn - ganz im Gegensatz zu den vorerwähnten linksrheinischen und transatlantischen Modellen - dem Staatsbegriff entgegenstellte.[1] Das ist keine Überraschung, wenn man die damalige Situation in "Deutschland" bedenkt, nämlich die Vielstaatlichkeit. Bis auf kleine Gebilde gab es kaum einen Staat, in dem nur Deutsche lebten. So entstand der deutsche Volksbegriff nicht in Anlehnung an, sondern im Gegensatz zu damaligen Staatsangehörigkeiten. So wie es im 19. Jahrhundert preußische, russische und österreichische Polen gab, gab es auch Deutsche, die nicht aufgrund, sondern trotz ihrer Staatsangehörigkeit als eine Ethnie aufgefasst wurden, in deren Namen die damalige Teilung überwunden werden sollte.[2] Diese romantische Prämisse, dass Staatsgrenzen und Staatsgesetze bei der Vorstellung eines deutschen Volkes keine Rolle spielen, wurde fortan so mächtig und wirksam, dass sie auch noch am Ende des 20. Jahrhunderts die politische Entwicklung dominiert und 1990 zu dem Deutschland geführt hat, das wir heute kennen.

So stand die Parole "Wir sind ein Volk" 1990 logischerweise in der Tradition des romantischen Denkens. Denn im westlichen, d.h. angelsächsischen oder französisch-republikanischen Volksverständnis waren die Bürger der BRD und diejenigen der DDR keineswegs ein Volk, im Gegenteil. Es waren, objektiv betrachtet so gut es geht, zwei international anerkannte Staaten mit einem jeweils anderen, eigenständigen Staatsvolk. Nun gab es natürlich viele in beiden Staaten, denen die damalige Zwei-Staaten-Lösung auf deutschem Boden gut und richtig erschien und nicht als etwas, was "überwunden" werden sollte.[3] Aber sie waren (und sind auch heute noch) in der Minderheit, während die Mehrheit in beiden unterschiedlichen, bis dahin noch eigenständigen Staatsvölkern doch sehr an der Vorstellung vom einen Volk, vom einen Ethnos hing - ungeachtet der Staatsgrenzen.

Ohne diese tief verwurzelte Vorstellung vom einen Volk, das wie im 19. Jahrhundert nicht mit der Geopolitik und dem Völkerrecht zusammenhing, sondern ihnen regelrecht widersprach, hätte es keine deutsche "Teilung" geben können - und erst recht keine "Einheit", sobald die imaginäre "Teilung" überwunden wurde. In Anspielung an Willy Brandt: Getrennt sein kann natürlich nur, was "eigentlich" zusammengehört. Und so kommen wir wieder auf die Frage, die ich an meine kritischen Leser stelle: Warum ist überhaupt "zusammengewachsen", was, wenn wir die Existenz einer deutschen Ethnie bestreiten, keineswegs zusammengehört?

Gerade weil diese Entwicklung im historischen Maßstab nur einen kurzen Augenblick, nämlich kaum 25 Jahre, zurückliegt, wundert es mich sehr, dass diese Zeitgeschichte nun von manchem Leser neu geschrieben werden soll, nämlich so, als hätte die Vorstellung vom grenzüberschreitenden, ethnischen, einen deutschen Volk keine Rolle gepielt.

Eben darum lade ich nun diejenigen ein, die meinen, in diesem heutigen, 1990 entstandenen Deutschland wäre diese ethnische Denkweise veraltet, marginal oder einfach irrelevant, ihre Position zu begründen. Bitte erklärt die deutsche "Teilung", die "Wiedervereinigung" und die "Einheit" in eurem jeweils persönlichen Sinne (gab es für euch überhaupt eine "Teilung"?). Gebt in den Kommantaren eure alternative, den traditionellen Volksbegriff unterminierende Perspektive auf die "Wir sind ein Volk"-Entwicklung von 1989/90. Denn, wie ich hier schon oft (etwa hier) erklärt habe, ist genau das "Geschichte": Nicht das, was war, sondern dessen heutige Interpretation, der jetzige Blick darauf.

Ich bin gespannt.

 

[1] Insofern ist der traditionelle Nationalismus in Deutschland nicht nur anti-nationalsozialistisch, sondern auch anti-faschistisch, weil überhaupt gegen den Staat und die Obrigkeit gerichtet. Aber das ist allenfalls eine Umschreibung, eine Charakterisierung und keine Definition, weil (National-)Sozialismus und Faschismus bekanntermaßen wesentlich spätere Phänomene sind, sodass jede Bezugnahme auf sie eigentlich anachronistisch ist.

[2] Ein gutes Beispiel hierfür sowie für die bis heute mächtige Wirkung der ethnischen Denkweise in Deutschland ist der Fall Goethe, der damals wie heute als Deutsche gilt, obwohl er nie die deutsche Staatsangehörigkeit besaß. Die ethnische, rückwirkende Vereinnahmung im Namen eines deutschen Volkes geht inzwischen soweit, dass sogar die ausländischen Kulturvertretungen der BRD, mit der Goethe nun ganz bestimmt überhaupt nichts zu tun hatte oder haben konnte, nach ihm benannt sind: http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/die-deutsche-identit-t-und-der-deutsche-pass-geht-beides-zusammen/

[3] Auch ich bin bekanntermaßen kein Anhänger der deutschen "Einheit" und halte die Mehrstaatlichkeit im deutschen Mitteleuropa für die bessere Perspektive auf die hiesige Vergangenheit und Gegenwart zugleich: http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/deutschland/


50 Kommentare zu “25 Jahre später: Die deutsche “Wiedervereinigung” neu betrachtet”

  1. Detlef Schulze Antworten | Permalink

    Ein Volk, oder eine Ethnie ist eine Gruppe von Menschen, die sich zusammengehoerig fuehlen und auch von anderen als eigenstaendige Gruppe anerkannt ist. Die Gruende fuer das
    Zusammenhoerigkeitsgefuehl koennen vielseitig sein (Religion, Sprache, Kultur,
    Geschichte, Geographie).

    Wichtig ist, dass Ethnien nicht statisch sind, sondern sich veraendern.
    Bei Ihren Artikeln habe ich immer den Eindruck, als wuerden Sie von statischen "Voelkern" ausgehen - das irritiert. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wenn Deutschland lange genug geteilt gewesen waere, sich zwei verschiedene Ethnien gebildet haetten. Genauso, bin ich davon
    ueberzeugt, dass aus Jugoslawien eine Ethnie haette hervorgehen koennen, trotz
    unterschiedlicher Sprache und Religion. Die Einwohner der USA sehen sich ja
    auch hauptsaechlich als US-Amerikaner und haben die ethnische Identitaeten
    ihrer Vorfahren ueberwiegend abgeworfen.

    In diesem Sinne sind "Deutsche" in erster Linie, Menschen, die als solche von
    anderen Deutschen wahrgenommen werden. Eine Ethnie entscheided wer dazugehoeren darf.

    Praktisch ist die Frage noch einfacher. Deutsch ist, wer einen deutschen Pass
    hat. Dementsprechend, war es 1990 eine Entscheidung, eine einheitliche
    Staatsbuergerschaft einzufuehren, weil die Menschen (oder gewaehlte Politker)
    das so wollten. Die Menschen hatten beschlossen, ihre beiden Ethnien zu
    vereinigen. Man haette sich auch mit Oesterreich, oder Frankreich vereinigen
    koennen. Und so ein bisschen macht man das ja auch im Zuge der europaeischen
    Vereinigung.

    Fakt ist doch, dass sich Ethnien staendig neu bilden, vereinigen und separaieren, wenn es
    fuer die entsprechenden Personen zum Vorteil scheint.

    Von einem "deutschen Volk" zu sprechen, welches nicht durch die
    Staastangehoerigkeit (den Pass) definiert wird, macht so viel Sinne, wie von
    einem Bayerischen oder Europaeischen Volk zu sprechen.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Die Menschen hatten beschlossen, ihre beiden Ethnien zu vereinigen.

      Es gab also deiner Meinung nach eine "DDR-Ethnie"? Kann man seine ethnische Zugehörigkeit "abwerfen"? Und wenn ja, warum haben es die ethnischen DDRler getan? Und warum wollten die BRDler ihre eigene "Ethnie" aufgeben, wenn es sie gab?

      Übrigens: Hast du in den USA gelebt?

      Von einem "deutschen Volk" zu sprechen, welches nicht durch die Staastangehoerigkeit (den Pass) definiert wird, macht so viel Sinne, wie von einem Bayerischen oder Europaeischen Volk zu sprechen.

      Die Fixierung auf den Pass bzw. die Staatsangehörigkeit ist wirklich interessant. Das ist im Prinzip westliches Denken, das in Deutschland bis zur Fremdbesatzung 1945 keinen Anschluss fand und erst mit der "Westbindung" indoktriniert wurde (wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass eine "deutsche" Staatsangehörigkeit erst 1934 überhaupt eingeführt wurde). Anscheinend mit großem Erfolg, wenn die deutsche, anti-westliche Philosophie so vehement abgelehnt wird. Aber auch wenn das heutige Staatsvolk erst 1990 entstanden ist: Wie erklärst du, dass die früheren Völker auf dem heutigen Staatsgebiet so sehr zueinander wollten? Was reichte dem BRD-Volk nicht aus, dass es mit einem, wie du sagst, vollkommen fremden Volk verschmelzen wollte?

      Übrigens: War also Goethe, der keinen deutschen Pass hatte, deiner Meinung nach kein Deutscher?

      • Detlef Schulze Antworten | Permalink

        "Es gab also deiner Meinung nach eine "DDR-Ethnie"?"

        Das laesst sich objektiv nicht sagen, weil Ethnie doch ein recht schwammiger Begriff ist. Viele haben sich sicherlich als Deutsch gesehen. Ich habe mich als DDR-Buerger gesehen und nie als Deutscher. Allerdings bin ich spaet geboren und habe nur meine Kindheit in der DDR verbracht. Als Kind reflektiert man solche Sachen nicht.

        "Kann man seine ethnische Zugehörigkeit "abwerfen"?"

        Na klar kann man das.

        "Und wenn ja, warum haben es die ethnischen DDRler getan?"

        Hauptsaechlich aus wirtschaftlichen Gruenden.

        "Und warum wollten die BRDler ihre eigene "Ethnie" aufgeben, wenn es sie gab?"

        Ich denke so richtig wollten die das gar nicht - auch aus wirtschaftlichen Gruenden.

        "Was reichte dem BRD-Volk nicht aus, dass es mit einem, wie du sagst, vollkommen fremden Volk verschmelzen wollte?"

        Von vollkommen fremd habe ich nie gesprochen. Ich behaupte auch nicht, dass es eine deutsche Ethnie nie gab, sondern dass "Deutschsein" eher subjektiv und schwammig definiert war. Mit Einfuehrung der Staatsbuergerschaft, gibt es aber eine ganz klare Definition. Pflichten und Rechte eines jeden Deutschen sind klar definiert und es ist auch definiert, wie man Deutsch werden kann. Wieso sollten wir also noch an dem schwammigen Begriff "Volk" festhalten, wenn es eine Staatsangehoerigkeit gibt?

        "Übrigens: War also Goethe, der keinen deutschen Pass hatte, deiner Meinung nach kein Deutscher?". Doch er war sicher Deutscher, obwohl er sich auch als europaeischer Kosmopolit betrachtet hat. Das heisst aber nicht, dass alle seine Nachfahren deutsche sind. Im Prinzip heisst dass nichts anderes, als dass er in Deutscher Sprache geschrieben hat und einen Deutschen Namen hatte.

  2. Weiche Antworten | Permalink

    Geboren bin ich 1964 in Augsburg. Aufgewachsen in Hannover. Die Familie meines Vaters stammt aus Frankfurt Oder, die meiner Mutter aus Leobschütz. Jenseits dieses Wissens wurde mir kein Heimatgefühl für diese Ort vermittelt. Ich selbst habe, von mir selbst überrascht, den Mauerfall mit Tränen in den Augen erlebt. Aber das Gefühl eines gemeinsamen Ursprungs der Bürger der DDR und der BRD gründete sich sicher nicht auf eine deutsche Volkszugehörigkeit, sondern eher auf den Verlust der staatlichen Einheit nach dem Zweiten Weltkrieg.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Aber das Gefühl eines gemeinsamen Ursprungs der Bürger der DDR und der BRD gründete sich sicher nicht auf eine deutsche Volkszugehörigkeit, sondern eher auf den Verlust der staatlichen Einheit nach dem Zweiten Weltkrieg.

      Aus dem Reich sind bekanntermaßen drei Staaten hervorgegangen, aber nehmen wir an, es wären zwei gewesen: Für die Nachgeborenen gilt die einstige Einheit sowieso nicht, sie sind in eine Realität hineingboren, in der das Reich sowieso nicht mehr existiert hat, und haben nichts anderes gekannt. Wie erklärt das also, deiner Meinung nach, ihre Parolen?

  3. Balanus Antworten | Permalink

    Vielleicht sollte man erst mal klären, wie aus der Parole “Wir sind das Volk”, die Parole “Wir sind ein Volk”, entstanden ist.

    Möglicherweise wird dann schon klar, dass ethnische Motive bei der „Wiedervereinigung“ nicht im Vordergrund standen, aber eben auch nicht im Wege standen, weil ja beiderseits der Grenze „Deutsche“ lebten.

    Man kann, glaube ich, in ethnischen Kategorien denken, ohne dass man den Ethnien eine große, wesenhafte Bedeutung beimisst. Wer sagt, dass Goethe Deutscher war, sagt damit lediglich, dass er kein Italiener oder Schwede war. Diese Unterscheidungen schaffen eine gewisse Ordnung in der Welt unserer Vorstellungen.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Richtig, die Wirtschaft war von größter Bedeutung für die DDRler. Aber nicht für die BRD, im Gegenteil. Und trotzdem war die Vereinigung gewollt oder zumindest akzeptiert. Das wäre bei einer Vereinigung mit einem postsozialistischen Polen wohl anders gewesen. Warum erschien also eine Vereinigung mit der DDR "logisch" oder "natürlich"?

      • Balanus Antworten | Permalink

        @Yoav

        Von wem war denn die Vereinigung gewollt, und vom wem bloß akzeptiert? Meiner Wahrnehmung nach waren es eine Handvoll Politiker, die aus leicht nachvollziehbaren (nicht-ethnischen) Gründen eine Vereinigung anstrebten (die hätten wohl auch nichts gegen eine solche Vereinigung mit Österreich gehabt), und dann gab es welche, die sich z. B. eine deutliche Verbesserung der Medaillenchancen bei den Olympischen Spielen versprachen. „Logisch“ und „natürlich“ konnte die Vereinigung wohl deshalb erscheinen, weil es Jahre zuvor eine räumlich-politische Trennung des Staatsgebildes Deutschland gegeben hat. Das Konzept der Ethnie muss da nicht unbedingt bemüht werden, finde ich (als ausgewiesener Nichthistoriker).

        Welche Belege oder Hinweise gibt es denn für die These, dass das Ethnische für die meisten BRDler eine wichtige Rolle gespielt habe, oder zumindest gespielt haben könnte? Für manche sicherlich, aber in der Masse? Allein schon die Entstehungsgeschichte der Parole „Wir sind ein Volk“ lässt doch vermuten, dass sich die „Ereignisse von 1989/90“ auch ohne den Rückgriff „auf den in Deutschland traditionellen (also anti-nationalsozialistischen) Volksbegriff“ erklären lassen. Wobei sich jedoch, wie gesagt, die Verwendung dieses Begriffes schon aus rein praktischen Gründen anbietet.

  4. Horst Antworten | Permalink

    Kurz gesagt, wir befinden uns immernoch im geistigen Stillstand seit der "Vertreibung aus dem Paradies"!

    Im nun "freiheitlichen" Wettbewerb um ..., mit systemrational-gebildeter Suppenkaspermentalität auf Schuld- und Sündenbocksuche (Staat & Kirchen), für die Hierarchien / Unterprogramme von und zu materialistischer "Absicherung".
    Die GLEICHERMAßEN unverarbeitete (stets nur zeitgeistlich-reformiert / gepflegt) und somit LEICHT stumpf-, schwach-, blöd- und wahnsinnig MANIPULIERBARE Bewußtseinsschwäche in Angst, Gewalt und "Individualbewußtsein", verhindert weiter die Möglichkeiten, der Kraft des Geistes der "Gott" ist und uns alle im SELBEN Maß durchströmt, von geistig-heilendem Selbst- und Massenbewußtsein, bzw. von Verantwortungsbewußtsein zur wirklich-wahrhaftigen / eindeutig-zweifelsfreien Vernunft im Freien Willen - Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch. Als Mensch aber anfing auch daraus ein Geschäft zu machen, war alles für'n Arsch, bzw. ist alles im geistigen Stillstand und seiner konfusionierenden Überproduktion von Kommunikationsmüll kapitulativ-entgültig MANIFESTIERT!? ;-)

    Wenn die wettbewerbsbedingte Spaltung nicht ein menschenwürdig-fusionierendes Ende findet, dann bleibt Mensch im Schicksal der "göttlichen Sicherung" vor dem Freien Willen verdammt.

  5. Matthias Antworten | Permalink

    Ich habe gerade auch noch den vorangegangenen Blogpost gelesen und muss mich da im Wesentlichen allen kritischen Kommentatoren anschließen, die hier gestellte Frage hat mich aber auch zum Nachdenken angeregt, ich will mich mal an einer Antwort versuchen:

    Abgesehen davon, dass die DDR-Bürger viele Freiheiten gewonnen haben und der "Unrechtsstaat" DDR überwunden wurde, hat der Mauerfall noch zwei wichtige Aspekte, auf die der Slogan "Wir sind ein Volk" Bezug nimmt:
    Die Grenze zwischen BRD und DDR war noch sehr jung, daher gab es viele getrennte Familien, Freundschaften, wirtschaftliche Beziehungen etc. die nun wieder zusammen kamen.
    Außerdem ist mit der Grenze auch die Gefahr eines Krieges zwischen Ost- und West-Deutschland verschwunden (und die Gefahr eines Krieges zwischen Ost- und Westblock zumindest deutlich gesunken).
    Beides könnte man versuchen, durch das Konzept eines Volkes und eines schwachen Nationalismus zu beschreiben: Ein "Volk" ist eine Gruppe von Menschen die durch Freundschaften, Familie, gleiche Sprache und Kultur und räumliche gekennzeichnet ist, es macht aus praktischen Gründen Sinn wenn politische Grenzen entlang der Grenzen zwischen Völkern gezogen werden (dabei soll "politische Grenze" nur eine Grenze zwischen verschiedenen Verwaltungsgebieten sein und nicht zwischen Menschen, also wie die Grenze zwischen den Ländern der EU, nicht wie die Außengrenzen der EU).

    Wichtig ist aber, dass ein Volk nur sehr schwammig definiert werden kann: Es gibt genügend Deutsche, mit denen mich nicht mehr verbindet als die Sprache (und manchmal nichteinmal das wirklich) und andererseits Ausländer denen ich mich viel mehr verbunden fühle. Außerdem gibt es keine klare Regel, wie stark denn die Verbundenheit sein muss, damit man von einem Volk sprechen kann und ab wann jemand nicht mehr zu einem Volk gehört. Damit eignet sich dieser Begriff natürlich wunderbar für allerlei Wortgefechte, jeder setzt die Grenze einfach immer da an, wo sie seine eigene Position am meisten stützt. Beispiel: Was ist eigentlich dieses "deutsche Volk" im Sinne des letzten Blogposts oder im Sinne von Pegida? (Wenn das geklärt ist, können wir auch sinnvoll darüber reden, ob damit "Rasse" gemeint war) Wenn ein Demonstrationszug skandiert "Wir sind das Volk!", müsste er eigentlich den Souverän einer Demokratie meinen - dazu gehören in Deutschland aber auch ein paar Millionen Muslime, also bezweifle ich, dass Pegida das so meint.

    Auf gar keinen Fall entstehen durch so ein diffuses Zusammengehörigkeitsgefühl irgendwelche "natürlichen Rechte eines Volkes" - diese Idee ist meiner Meinung nach tatsächlich eine der Säulen des Faschismus. Gehen wir nochmal zurück zur Trennung von BRD und DDR: Das Unrecht hier war höchstens im übertragenen Sinne, dass ein Volk geteilt wurde, sondern vielmehr konkret dass an der Grenze Menschen erschossen und Familien und Freunschaften getrennt wurden.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Bleiben wir auf der rationalen, geschichtswissentschaftlichen Ebene (ich hab nichts dagegen, wenn Kommentatoren darüber hinausgehen, werde mich jetzt aber nicht darauf beziehen). Du schreibst:

      "Abgesehen davon, dass die DDR-Bürger viele Freiheiten gewonnen haben und der "Unrechtsstaat" DDR überwunden wurde" - was hat das mit der Fantasie von einer "deutschen Einheit" zu tun? Jeder andere Ostblockstaat hat die sozialistische Diktatur überwunden, ohne mit einem anderen zu verschmelzen. Im Gegenteil, es sind dank der Freiheit oft genug neue Staaten entstanden, die unterm Sozialismus gar nicht da waren.

      "Die Grenze zwischen BRD und DDR war noch sehr jung" - die Grenze an Oder und Neiße ist noch jünger, trotzdem kam es nicht zu einer Vereinigung, als der Sozialismus an beiden Seiten überwunden wurde.

      Nun würdest du wohl die Sprache einbringen ("gleiche Sprache und Kultur", wie du sagst) - aber in Bayern und Österreich spricht man eine fast identische Sprache, während es zwischen Bayern und Brandenburg gravierende Unterschiede gibt - sowohl in der Sprache als auch in der Kultur. Nach der Teilung 1945 waren sowohl Brandenburg als auch Österreich von Bayern getrennt, aber zu einer "Wiedervereinigung" kam es für die Bayern gerade mit dem sprachlich wesentlich weniger passenden Teil des ehemaligen Reiches.

      "daher gab es viele getrennte Familien, Freundschaften, wirtschaftliche Beziehungen etc. die nun wieder zusammen kamen." - im süddeutschen Raum gibt es dieselben familiären und sonstigen Beziehungen, trotzdem kam es nicht zu einer Wiedervereinigung mit Österreich oder gar der Schweiz.

      "es macht aus praktischen Gründen Sinn wenn politische Grenzen entlang der Grenzen zwischen Völkern gezogen werden" - Das bedeutet, dass die "Völker" zuerst da sind. Dann kommen auch den Völkern entsprechende, also von den Völkern abgeleitete Grenzen bzw. Staaten. So schließt du eigentlich aus, dass die "Völker" in diesem Sinne über die Staatsangehörigkeit definiert würden, weil das ja voraussetzt, dass wir bei den Staaten beginnen und von den Staaten die Völker ableiten. Aber das wirft nochmals die Frage auf: Warum sind Bayern und Brandenburger "ein" Volk?

      Du siehst also hoffentlich die Problematik, die bei deiner Skizze bestehen bleibt. Du hast es bestimmt nicht so gemeint, aber eigentlich ist dein Erklärungsversuch ein gutes Beispiel für die inneren Widersprüche, die ich bei den heutigen Deutschen vermute.

  6. matthias Antworten | Permalink

    Es sind keine inneren Wiedersprüche, ich merke nur erst jetzt dass du ein bisschen etwas anderes erwartest hast, als ich geliefert habe: Ich wollte darlegen, was die Bedeutung der Wiedervereinigung Deutschlands ist ohne solche Plattitüden wie "ein getrenntes Volk hat sich wieder vereint" zu verwenden, du wolltest wissen warum es notwendigerweiße eine Wiedervereinigung sein musste. Und du hast auch Recht, alles was ich geschrieben habe hätte sich theoretisch auch erfüllen können, wenn BRD und DDR weiterhin zwei souveräne Staaten geblieben wären und nur die Grenze so durchlässig geworden wäre, wie z.B. die zwischen Österreich und Deutschland. Die Wiedervereinigung war also nicht notwendig, aber hinreichend dafür. Das schmälert jedoch nicht ihre historische Bedeutung (auch ohne irgendein "natürliches Recht eines Volkes").

    Was Bayern und Brandenburg angeht: Es fällt mir (als Bayer) doch wesentlich einfacher, mich mit einem Brandenburger zu unterhalten als mit einem Spanier (trotz intensivem Spanisch-Unterricht). Tatsächlich kann ich mich aber mit einem Südtiroler, Österreicher oder Schweizer genausogut verständigen - Dank des Schengener Abkommens ist mir das aber ziemlich egal dass dies andere Länder sind und ich kann heute über so manches historisches Problem (großdeutsche oder kleindeutsche Lösung? Gehört das Elsass zu Deutschland oder Frankreich?) nur noch müde lächeln. Die Frage nach Staatsgrenzen und der Abgrenzung zwischen unterschiedlichen Völkern wird innerhalb der EU also glücklicherweiße ein eher zweitrangiges Problem, das "nur noch" von organisatorischer und wirtschaftlicher Bedeutung ist. Eine souveräne DDR innerhalb der EU wäre so gesehen auch nicht schlecht - aber auch das wäre eine historisch bedeutsame Entwicklung gewesen.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      "Eine souveräne DDR innerhalb der EU wäre so gesehen auch nicht schlecht - aber auch das wäre eine historisch bedeutsame Entwicklung gewesen."

      Ja. Als Historiker erscheint mir ein pluralistisches, mehrstaatliches Deutschland sowieso viel natürlicher als ein künstliches Gebilde wie das heutige. Aber es geht ja nicht um mich (oder dich), sondern um die historische Entwicklung.

      Das historische Verständnis wird also dadurch nicht leichter, sondern schwieriger, dass sich die DDR wie jeder andere Ostblockstaat zuerst vom Sozialismus befreite und wirklich demokratisch wurde, bevor (und als Voraussetzung dafür, dass) im März 1990 eine Koalition gewann, die eine "Wiedervereinigung" anstrebte.

      Gerade deswegen, weil nach der Selbstbefreiung eine nicht notwendige, ja merkwürdige Selbstauflösung erfolgte, stellt sich dem Historiker die Frage, warum das so passiert ist, obwohl es dazu keine Zwänge gab. Warum stimmte das meiste Volk für eine Koalition, die es gar nicht als ein eigenständiges Volk betrachtete? Warum wurde aus "Wir sind das Volk" die für den Fortbestand jenes Volkes gefährliche Parole "Wir sind *ein* Volk" - hat der Großteil des Volkes sich selbst und seine Eigenständigkeit aus wirtschaftlichen Gründen verleugnet oder sich von vornherein gar nicht erst als solches wahrgenommen (wie 1919/20 sowie 1938 in Österreich)?

  7. zabki Antworten | Permalink

    Vielleicht beleuchtet es einen Aspekt, wenn man zwischen die Sätze "wir sind das Volk" und "wir sind ein Volk" einen weiteren interpoliert, nämlich "wir sind kein Volk" - d.h. "wir", die Bevölkerung der DDR, sind nicht ein Volk der DDR. Die DDR dürfte großenteils von ihrer eigenen Bevölkerung nicht akzeptiert worden sein, daher konnte es auch keine Bevölkerung der DDR geben, die sich selbst als Volk der DDR akzeptiert. Dann blieb eben - "wir sind ein Volk".
    Wie sollte eine "natürliche" mehrstaatliche Existenz von Deutschland aussehen, wenn man nicht die alten Länder zu selbständigen Staaten machen will? Was wäre z.B. mit Berlin-West?

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      ad 1.

      Eine unter den hiesigen Kommentatoren beliebte Sicht besagt, dass es kein deutsches Volk gibt außer im Sinne der Staatsangehörigkeit bzw. des Passes (daher ja mein Hinweis auf die - in diesem Fall heuchlerische - Heranziehung eines J. W. v. Goethe zur Benennung nationaler Kulturinstitute). Dann gibt es Deutsche, weil es deutsche Staatsbürger gibt, nicht umgekehrt und ohne Rücksicht auf emotionale Aspekte wie persönliche Identifikation etc. Deutscher ist dann, wer den deutschen Pass hat - keiner ist, wer ihn nicht hat. Ob man sich (mit oder ohne Pass) als Deutscher ansieht, spielt in dieser Sicht gar keine Rolle mehr.

      Das ist natürlich nicht meine Sicht auf die Dinge und ich habe hier in den letzten Jahren ausreichend Fälle und Beispiele gegeben, die zeigen, dass der "Glaube an den Pass" bestenfalls ein Mythos ist. Aber eben ein weit verbreiteter Mythos, wenn die hiesigen Kommentatoren irgendwie repräsentativ für die Gesellschaft insgemant sind. Wenn.

      Eine Anwendung dieser Logik auf die DDR schließt also aus, dass wir den Bürgern der DDR ihr eigenständiges Volksein "rückwirkend" absprechen, nur weil manche/viele von denen irgendwelche Probleme mit dem Regime oder Staatsform hatten. Tatsächlich muss die Logik auch nicht deswegen scheitern: In allen anderen Ostblockstaaten, nicht nur in der DDR, hatten viele Bürger große Probleme mit dem jeweiligen Regime, identifizierten sich also nicht mit der sozialistischen Diktatur in Polen, Rumänien, Ungarn etc. - aber waren sie wegen der fehlenden Identifikation keine Polen, Rumänen, Ungarn mehr?

      In all diesen Staaten konnte der Sozialismus ohne Aufgabe der eigenen Staatlichkeit überwunden werden. So auch in der DDR, nur dann passierte etwas, was aus der "Reisepass-Perspektive" ganz seltsam erscheint: Sobald die Demokratie erreicht worden war, wurde auch das eigene Volk aufgegeben.

      Insofern reicht dein Argument, nämlich die mangelhafte Identifikation mit dem Sozialismus in der DDR, mit deren Verfassung etc. nicht aus, um die Entwicklung des Jahres 1990 zu erklären. Denn dein Argument trifft auf alle Ostblockstaaten zu, doch nur in der DDR wurde ein Volk (im Sinne des Reisepasses) einfach gestrichen.

      ad 2.

      Das war hier im Blog oft genug ein Thema, s. hier: http://www.germanologie.eu

      Übrigens war Westberlin nach internationalen Maßstäben eine vor allem wirtschaftlich ziemlich große Einheit - es gibt wesentlich kleinere, weniger erfolgreiche Staaten, aber sie hören ja trotzdem nicht auf, eigenständig zu sein. Auch ohne Subventionen, ohne Mauer und ohne Fremdbesatzung hätte es keinen *Zwang* gegeben, Westberlin in den einen oder anderen Staat zu integrieren.

      • zabki Antworten | Permalink

        Die Polen hatten (großenteils) Probleme mit dem sozialistischen Regime, keinesweg aber mit Polen. Die Bevölkerung der DDR hatte (großenteils) ebensolche Probleme mit dem sozialistischen Regime, und ebensolche mit dem Staat DDR, der ja erst zusammen mit dem Regime entstanden war.

        • Yoav Sapir Antworten | Permalink

          Ja, aber alle drei Staaten bzw. Regimes auf dem ehemaligen Reichsgebiet sind 1945 unter Fremdbesatzung entstanden. Das Grundgesetz der BRD wurde dem dortigen Volk ebenso zur Abstimmung vorgelegt wie die erste Verfassung der DDR...

          Hinzu kommt, dass der Staat nicht aufgelöst werden musste, um das diktatorische Regime zu überwinden, im Gegenteil. Zuerst wurde das Regime überwunden, erst viele Monate später wurde auch der eigene Staat aufgelöst.

          Ich will hier natürlich nicht so tun, als ob ich nicht wüsste, was du meinst. Es ist einfach meine Aufgabe als Historiker, jedes Argument mit einem Gegenargument zu konfrontieren, auch wenn dies meinem eigenen Verständnis widerspricht.

          Was aber mich angeht, so bin ich der Meinung, dass du Recht hast. Die Polen hatten kein Problem mit dem polnischen Staat, weil er - mit oder ohne den Sozialismus - ihrem Selbstverständnis als Volk entsprach (auch heute noch sind 99% der polnischen Staatsbürger tatsächlich Polen, Minderheiten wie die Juden, die Kaschuben, die Ukrainer etc. sind also wirklich marginal).

          Parallel dazu hatten die Bürger der DDR hatten ein Problem - auch hier ungeachtet des Sozialismus - mit ihrem Staat, weil er ihrem Selbstverständnis als Volk nicht entsprach und auch nicht entsprechen konnte. Denn die Mehrheit empfand sich von vornherein nicht als ein eigenständnis Volk, auch wenn die Bürger durch die eigenständige Staatsangehörigkeit ein eigenständiges Staatsvolk waren. Während die Deutschen in Österreich auf eine separate Entwicklung spätestens seit 1866/1871, in der Schweiz sogar seit 1648 zurückblicken konnten, gab es für die Deutschen in der DDR keinen Grund, sich nur wegen der Staatsangehörigkeit als ein anderes Volk zu verstehen.

          In den Ländern östlich des Rheins - nicht nur in Deutschland und in Polen - kommt es eben nicht auf den Pass an. Nicht das Volk und die eigene Volkszugehörigkeit werden vom Staat abgeleitet, sondern der Staat hat dem Volk und dem ethnischen Volksverständnis zu entsprechen. Wo das unterm Sozialismus der Fall war, wie etwa in Polen und in Ungarn, konnte der Staat nach der Diktatur beibehalten werden; wo der Staat aber den ethnischen Prämissen nicht entsprach, wie in der DDR und der Tschechoslowakei, mussten neue Grenzen her.

          Das mag vielen Deutschen und insbesondere vielen meiner Kommentatoren nicht gefallen. Aber die Wissenschaft, auch so eine laxe Wissenschaft wie die historische (und überhaupt alle Geisteswissenschaften), richtet sich nicht nach den eigenen Fantasien. Wer trotzdem noch behaupten möchte, in Deutschland würde das ethnische Volksverständnis erst 25 Jahre nach der Wiedervereinigung "keine Konjunktur" mehr finden, hat einfach keine Ahnung, wo er lebt (was aber nicht heißt, dass seine Logik nicht beachtet werden sollte, weshalb ich hier in vielen Kommentaren eben mit dieser Logik und gegen meine eigene Sicht argumentiert habe).

      • Dietmar Hilsebein Antworten | Permalink

        Sie sind Historiker und sehen nicht, daß Führer, Volk und Vaterland Schnee von gestern ist?
        Wir können doch nicht so tun als hätte es Auschwitz nie gegeben. Ob BRD oder DDR -wo ein Haus -und Heerdenvieh ist, da gibt es auch Staaten! Sie kennen mich -ich ehre den Einzelnen. Und ob Staaten die Freiheit des Einzelnen ermöglichen oder ob Einzelne, die den Mut aufbringen, Freiheit zu erringen, damit Staaten freier werden können, das müßten Sie noch aufdröseln. Ich bin mir da nämlich nicht so sicher, was hier Henne und was hier Ei ist.

        • Yoav Sapir Antworten | Permalink

          Wo ein Kommentator völlig zusammenhangslos den Nationalsozialismus einbringt, da bin ich mir ziemlich sicher, dass weder die Problematik noch die Diskussion verstanden worden sind und stattdessen aus der eigenen Fantasie heraus reagiert wird.

          • Dietmar Hilsebein | Permalink

            Ist das so? Sehen Sie nicht, daß Begriffe durch die Geschichte belastet sind? Wir können nicht mehr unschuldig vom Volke sprechen. Ist das so schwer zu verstehen? Ich persönlich sehe im Volk nur das Heerdenvieh!

          • Yoav Sapir | Permalink

            Aber es kommt nicht auf Sie persönlich an, sondern auf Massenphänomene, die, wie die Entwicklung von 1989/90, die Karte Europas verändert haben.

            Begriffe sind nur ein Mittel zum Zweck und in dieser Funktion neutral: Sie helfen uns das zu verstehen, was wirkt. Es war der Volksbegriff, der die Bürger der Tschechoslowakei auch 75 Jahre nach deren Staatsgründung (also drei Generationen!) noch immer nicht zusammenwachsen ließ. Es war der Volksbegriff, der dafür sorgte, dass dort ohne Rücksicht auf die gemeinsame Staatsangehörigkeit und den gemeinsamen Pass über Generationen hinweg nicht eines, sondern zwei Völker lebten. Und es war der Volksbegriff, der verursachte, dass dort 1993 für zwei unterschiedliche Völker aus einem Staat eben zwei entstanden - genauso wie drei Jahre zuvor auf deutschem Boden für ein Volk zwei unterschiedliche Staaten zu einem wurden.

            Sehen Sie nicht, daß Begriffe durch die Geschichte belastet sind?

            Und wenn? Die historische Last ist eine Sache, die aktuelle Wirkung eine andere. Wenn wir nicht darüber sprechen dürfen, weil es uns nicht mehr politisch korrekt erscheint, dann ist das keine Wissenschaft mehr, sondern eine klassische Haltung von "Es kann nicht sein, was nicht sein darf".

          • Dietmar Hilsebein | Permalink

            Gut, einverstanden. Sie sind Historiker. Aber ich bleibe dabei: es läuft immer auf Hirt und Heerde hinaus. Grenzen sind eigentlich gar nicht nötig, wenn der Mensch begreift, daß er unter Menschen lebt und nicht unter Nationen. Es waren immer Sprachführer, die Menschen gegen Menschen aufhetzten unter dem Deckmantel der Nation oder des Volkes. Ich bin dafür, den Pfeil der Sehnsucht über den Menschen, der menschlich allzu menschlich ist, hinauszuwerfen. Mag sein, daß ich dabei ein Spinner bin. Das ist jetzt off topic -und ich nehme es Ihnen nicht krumm, wenn Sie es nicht freischalten.

          • Yoav Sapir | Permalink

            Grenzen sind eigentlich gar nicht nötig, wenn der Mensch begreift, daß er unter Menschen lebt und nicht unter Nationen.

            Das ist keine Aussage über die Geschichte, sondern über ihre eigene Wahrnehmung der Welt. Der Skeptiker würde sagen: Wenn ihre Wahrnehmung der Welt mit der Wirklichkeit übereinstimmt, warum ist denn die Welt doch so anders als das, was sie nach ihrer Theorie sein müsste? Aber das hat nun nichts mehr mit dem hiesigen Thema zu tun.

            Es waren immer Sprachführer, die Menschen gegen Menschen aufhetzten unter dem Deckmantel der Nation oder des Volkes.

            Wirklich? Immer? Keine Ausnahmen? Gab es keine positiven Entwicklungen im Namen des (ethnischen) Volkes? Etwa die bürgerliche Revolution 1848 in den deutschen Landen?

            Ich bin dafür, den Pfeil der Sehnsucht über den Menschen, der menschlich allzu menschlich ist, hinauszuwerfen.

            Schade nur, dass die Geschichte nicht über sich abstimmen lässt und sich ohne Rücksicht auf politische Korrektheiten oder darauf entwickelt, was dir oder mir richtig erscheint.

          • Dietmar Hilsebein | Permalink

            "Schade nur, dass die Geschichte nicht über sich abstimmen lässt und sich ohne Rücksicht auf politische Korrektheiten oder darauf entwickelt, was dir oder mir richtig erscheint."

            Ist die Geschichte ein Subjekt, das irgendeine Freiheit besitzt? Geschichte, über die wir sprechen, wird von Menschen gemacht. Und ich denke, da müssen wir ansetzen. Ich bin nicht dafür, sich der Geschichte masochistisch zu unterwerfen. Wenn wir aus der Geschichte nichts lernen können, so ist es eine tote Geschichte. Und was lernen wir aus der Geschichte? Ich und nur ich sehe den Frevel im Hirt und Heerde. Ich spreche ja nicht für andere. Wer bin ich denn?

          • Yoav Sapir | Permalink

            Die letzte Mode unter Historikern ist die Erkenntnis, dass man aus der Geschichte tatsächlich nichts lernen kann.

            Erstens, weil sie nicht dafür da ist bzw. war. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass ein Krieg geführt wurde, damit wir daraus was lernen. Überhaupt sollte die Gegenwart nicht so sehr in die Vergangenheit eindringen, auch wenn Geschichte immer der Rückblick aus der Gegenwart ist.

            Zweitens, weil das, was man vermeintlich aus der Geschichte lernt, sich gar nicht so sehr aus der jeweiligen Geschichte ergibt, mit der man sich befasst, sondern von seinen eigenen Prämissen und Überzeugung abgeleitet wird. So lernt jeder das, was er lernen will (und nicht, was die Geschichte etwas lehren würde). Die für uns Heutigen eigentlich unerreichbare Vergangenheit ist/war objektiv, aber unser Rückblick auf sie, nämlich die Geschichte, ist subjektiv. In Wahrheit gibt es nicht "die" Geschichte, sondern ganz viele. Und jede dient als Spiegelbild, in dem jeder das sieht, was er sehen ("lernen") möchte.

            Vielleicht mache hieraus ich noch einen Post zum Thema.

            PS. Dies ist nicht unbedingt meine persönliche Sicht als Person (nicht als Historiker). Etwa in Bezug auf meinesgleichen... Bei allem Respekt vor ethischen und moralischen Aspekten meine ich, dass wir Juden aus der Geschichte zu Recht gelernt haben, dass es auf jeden Fall besser ist, wenn wir bewaffnet sind.

  8. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Diese (verdruckste?) Fragestellung fiel hier auf:

    Warum ist überhaupt "zusammengewachsen", was, wenn wir die Existenz einer deutschen Ethnie bestreiten, keineswegs zusammengehört?

    Meint sie in etwa:
    'Warum ist überhaupt "Zusammenwachsen" etwas, wenn wir die Existenz einer deutschen Ethnie bestreiten?'
    ?

    --
    Aus liberaler Sicht meint das Zusammenwachsen zu (auch: staatlichen) Verbunden oder Bündnissen, wenn mehrheitlich Sichten geteilt werden, die einen Zusammenschluss als bi- oder multilateral wünschenswert erscheinen lassen, wichtig: mehrheitlich, die Menge der Stakeholder sozusagen betreffend.
    Geteilte Sprachlichkeit, Kultur und gemeinsames Streben böten sich hier als Kriteria an.

    MFG
    Dr. W

    PS:
    Wie "druckst" man diesbezüglich in Israel herum?

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        * der völkisch Nahe wäre unter anderslautenden Umständen womöglich nicht mehr der Nahe und Einzubindende, wenn sich nicht derart versprochen werden darf.

        Ihr müsst da mal ran an das Publikationssystem, es sollte innert eines bestimmten Zeitraums die Möglichkeit zur Korrektur bestehen, für Kommentierende, für Publizisten besteht diese bereits.

  9. Klaus Deistung Antworten | Permalink

    Theorie und Praxis
    Es gab ein Volk der DDR und ein Volk der BRD. Beide hatten entgegengesetzte politische Ansichten und gehörten entsprechenden Militärblöcken an. Im ehemaligen Gebiet der DDR gibt es keine Besatzungstruppen und Atom Waffen mehr – in den alten Bundesländern ist das anders...
    In der DDR gab es zwar Bezirke, die aber in vielen Fällen zentral geleitet wurden. Die BRD hatte eine Länderstruktur die teilweise selbständig waren und es heute noch sind. Während es in der DDR ein Bildungssystem gab, konnte man in der BRD sogar damit rechnen, dass ein Bundesland das Abitur eines anderen Bundeslandes gar nicht anerkannte. Das erinnert mich an die Kleistaaterei.
    Nun verlief der Vereinigungsprozess so, dass die Mehrheit die Minderheit unter ihre Fittiche nahm. Wo bleiben da Ethnien?
    Und wenn es um Betriebe ging, mussten sie modernisiert, verschrottet... werden, wurden billig verkauft, um damit Bauland zu gewinnen... Wer hat da an Ethnien gedacht?
    Zweifelsohne kam die DDR nicht so aus der Knete, wie die BRD. Sie trug u. a. allein die Last der Reparationen an die Sowjetunion. Und die schwache Wirtschaftsleistung Ende der 80er Jahre war ein Punkt, dass der Wille zu Veränderungen da war. Wie dann alles kam, war auch ein Beispiel zum Motto „Es wächst zusammen, was zusammen gehört(e)“.
    Wir nennen uns BRD – da wir keinen Friedensvertrag haben – sind wir noch das Deutsche Reich.
    „Mehrstaatlichkeit im deutschen Mitteleuropa für die bessere Perspektive...“ Das erinnert mich so an die deutsche Kleinstaterei – oder sehe ich etwas falsch?
    Es gab eine Sendung zum Pass, besonders zu dem der Schweiz – ein hohes nur mit Mühen erreichbares Ziel!

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Bei allem Respekt vor wirtschaftlichen Argumenten: Die Situation in der DDR war letztendlich immer noch besser als in anderen Ostblockstaaten, die es aber trotzdem noch gibt, während die DDR als einziger Ostblockstaat in einem NATO-Mitgliedsstaat aufgegangen ist.

      Das erinnert mich so an die deutsche Kleinstaterei – oder sehe ich etwas falsch?

      Dieser Begriff ist nicht wertneutral, aber ob klein oder nicht: Das deutsche Mitteleuropa war nie, nicht einmal unter Hitler, zu einem Staat vereint. Überhaupt widerspricht die Fantasie vom "einen" Deutschland den natürlichen, ja objektiven Umständen in Mitteleuropa.

  10. Klaus Deistung Antworten | Permalink

    „Fantasie vom "einen" Deutschland...“ In der DDR gab es 2 deutsche Staaten, vor Bismarck viele Kleinstaaten. Mit der hier genannten Fantasie bin ich so nicht konfrontiert worden – die Zeiten ändern sich...
    Da stelle ich mir die Frage: Welcher Staat ist denn ein Staat? In den meisten Staaten leben natürlich mehrere Völker – und die den schweizer Pass haben sprechen auch unterschiedliche Sprachen ganz offiziell. Sie bezeichnen sich doch als ein Staat?

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Ich verstehe die Frage nicht ganz. Natürlich ist die Schweiz ein (föderaler) Staat. Aber nicht Mitteleuropa. Iberien muss und soll nicht *ein* Staat werden. Auch Osteuropa braucht nicht *ein* Staat zu werden. Und auch Deutschland ist nicht *ein* Staat. Der einzige, der wirklich versucht hat, aus Deutschland einen einzigen Staat zu machen, war Hitler. Und selbst er war nicht ganz erfolgreich (die deutsche Schweiz blieb ja eigenständig).

      Dass die BRD den Anspruch auf "Deutschland" erhebt, ist eben das, was er ist: ein Anspruch, eine Behauptung. Das hat kein deutscher Staat vor 1949 gemacht und auch danach war die BRD der einzige. Dieser Anspruch ist die Ausnahme, nicht die Regel.

      • Ano Nym Antworten | Permalink

        "Deutschland" bezeichnet normalerweise die Bundesrepublik Deutschland und diese ist natürlich ein Staat (und nicht etwa zwei). Sie hinegegen gebrauchen das Wort "Deutschland" so, als handele es sich um eine Entität, die verschieden (insbesondere wohl auch flächenmäßig umfassender) ist von dem, was man gemeinhin als Deutschland bezeichnet.

        Der letzte Staatsmann, der sich anheischig machte, das deutsche Staatsgebiet zu vergrößern war m.E. nicht A. Hitler, sondern Muammar al-Gaddafi [1], ;-)

        Dass die BRD den Anspruch auf "Deutschland" erhebt, ist eben das, was er ist: ein Anspruch, eine Behauptung.

        Mir ist neu, dass die Bundesrepublik Deutschland überhaupt einen "Anspruch" auf Deutschland erheben soll. Wo haben Sie das gelesen? Im Deutschen hat es keinen Sinn, auf etwas einen Anspruch zu erheben, was bereits ein Teil des Anspruchstellers ist, ihm bereits gehört. Schweden, die deutschsprachige Schweiz oder der Ballermann sind weder Teil Deutschlands noch erhebt die Bundesrepublik Deutschland einen Anspruch auf diese Gebiete und ihre Bewohner. Königsberg ist Teil Russlands und Österreich ein von Deutschland verschiedener souveräner Staat. Da würde es mich jetzt schon interessieren, wie Sie auf eine von Null verschiedene Differenz zwischen Ihrem Großdeutschland und der Bundesrepublik Deutschland kommen.

        [1] http://www.spiegel.de/spiegel/a-692436.html

        • Yoav Sapir Antworten | Permalink

          Die Ansprucherhebung erfolgte 1949 eben über den neuen, präzendenzlosen Staatsnamen. Kein einziger deutscher Staat hieß bis dahin "Deutschland", sondern "Deutsches [Reich]" - beachte die adjektivische Form, die eine Vielfalt an Interpretationen und Existenzen zulässt.

          Als die DDR sich in diese Tradition stellte und sich den Namen "Deutsche [Demokratische Republik]" gab, bedeutete das, das diese Republik sich als deutsch verstand, als Teil Deutschlands (was das auch immer sein soll), aber sich nicht für identisch mit Deutschland hielt.

          Stell dir vor, die EU würde sich nicht "Europäische [Union]", sondern "Europa" nennen, ganz so, wie die BRD sich "Deutschland" nennt. Was würde das über die Schweizer sagen? Dass sie keine Europäer sind? Was würde das über die europäischen Israelis sagen? usw. usf.

          Sollte sich die EU wirklich so nennen, so käme das einem Besitzanspruch gleich, dem man zustimmen könnte, aber nicht müsste. Und genau so verhält es sich in Bezug auf die BRD. Kritisches Denken und eine kritische Perspektive auf Sprache und Sprachgebrauch ist von größter Bedeutung.

          Zur weiteren Lektüre: http://www.germanologie.eu/einfuehrung

          • Ano Nym | Permalink

            Natürlich. Von 1949 bis zum Beitritt der DDR hatte die Bundesrepublik einen Alleinvertretungsanspruch. Das nannte und nennt man schlicht "Imperialismus" [1]. Ich dachte, Sie meinten, die Bundesrepublik beanspruchte auch heute noch ausländische Ländereien.

            [1] http://de.wikipedia.org/wiki/Imperialismus

          • zabki | Permalink

            Ich verstehe das Problem nicht. Die offizielle Bezeichnung von Deutschland lautet "Bundesrepublik Deutschland" (so stehts auf meinem Personalausweis vom 31.5.2006). Das ist eine Bildung so wie die zahlreicher anderer Staaten, wie "Königreich Dänemark", "Republik Polen" usw. usw.

          • Yoav Sapir | Permalink

            In ihrer jeweils jahrhundertelangen Entwicklung waren Dänemark und Polen von der Einstaatlichkeit geprägt. Ganz anders in Deutschland. Die deutschen Äquivalente für Dänemark und Polen sind Preußen und Österreich, nicht "Deutschland" als Ganzes. Überhaupt ist die Idee, dass Deutschland ein Staatsbegriff sein soll, relativ neu.

          • Martin Holzherr | Permalink

            die Bezeichung "Deutschland" wird erst seit der Wiedervereinigung häufiger genannt als Bundesrepublibk Deutschland, also BRD. Mit andern Worten auch die BRD war sich bis zur Wiedervereinigung im Klaren, dass sie nicht ganz Deutschland darstellt. Häufig traf man auf das Bezeichungspaar BRD/DDR. Diese beiden Staaten wurden nach dem zweiten Weltkrieg und vor der Wiedervereinigung als Teile von etwas wahrgenommen was insgesamt Deutschland darstellte. Österreich dagegen scheint mir schon länger nicht mehr voll zu dem zu gehören was man Deutschland nennt.

            Interessanterweise ist das Zeitalter der Nationalstaaten immer noch nicht abgeschlossen, ja es kommt nicht einmal seinem Ende entgegegen. Obwohl viele das so sehen wollen. Das zeigt sich nicht nur an der Wiedervereinigung Deutschlands und an der Spaltung der Tschechoslowakei sondern auch an den Autonomiebestrebungen Schottlands und Katalaniens. Auch Israel ist ein gutes Beispiel dafür, dass Leute mit gleichem Hintergrund - meist als ethnisch gleich wahrgenommen - sich zu einem Staatsgebilde zusammenschliessen wollen, welches dann als Vertretung, vielleicht sogar als Alleinvertretung ihres "Volkes" angesehen wird.

    • Ano Nym Antworten | Permalink

      Ich verstehe Ihre Frage auch (schon logisch) nicht. Jedes Ding, das sich unter die Drei-Elemente-Definition [1] subsumieren lässt, ist ein Staat. Meine Kaffeetasse fällt nicht darunter, die Bundesrepublik Deutschland schon. Die Anwesenheit weiterer "Völker" auf dem Staatsgebiet ist wohl hinsichtlich der Subsumtion unschädlich. Und welche Sprache gesprochen wird, kommt in der Definition gar nicht vor.

      [1] http://de.wikipedia.org/wiki/Drei-Elemente-Lehre

      • Yoav Sapir Antworten | Permalink

        Ja, freilich ist die BRD ein Staat. Aber was hat das mit Deutschland zu tun?

        Lass uns zusammen Schritt für Schritt eine kritische Perspektive aufbauen:

        Die BRD erhebt seit 1949 historisch präzedenzlos den Anspruch auf "Deutschland". Dies ist eine Behauptung. So wie das offizielle Israel manchmal den Alleinvertretungsanspruch für alle Juden erhebt.

        Diese Behauptung, mit Deutschland identisch zu sein, muss man nicht gelten lassen, aber man kann es.

        Lässt man es nicht gelten, so stellt sich die Frage, ob Deutschland sich überhaupt staatlich manifestieren sollte (auch über das Judentum kann man dieselbe Frage stellen).

        Und wenn man der Meinung ist, dass Deutschland ein Staat (Betonung auf "Staat") sein sollte, stellt sich sofort die nächste Frage, nämlich, ob Deutschland ein Staat (Betonung auf "ein") sein sollte.

        Es gibt viele Wege, sich das Jüdische oder das Deutsche vorzustellen, damit umzugehen, sich dazu zu positionieren. Das gilt übrigens auch für Europa. Sollte Europa ein Staat werden? Man kann gegen Europa und die EU sein. Man kann aber auch für Europa sein und eben deswegen gegen die EU. Weil die EU nicht mit Europa identisch ist - ebenso wenig wie die BRD mit Deutschland oder Israel mit dem Judentum.

  11. Herwig Finkeldey Antworten | Permalink

    Die Frage zielt ja auf die Berechtigung des Staatswesen, das sich heute Deutschland nennt. Die alte Frage des Greifswalders: Was ist des Deutschen Vaterland? Sie wurde 1871 territorial entschieden, im Ius sanguinis von (ich meine) 1913 dann aber über das Blutsrecht definiert (auch damals schon reagierte die Politik nicht sehr glücklich auf verstärkte Zuwanderung, v.a. Polen seinerzeit). Und das obwohl - oder gerade weil? - es auch damals schon keinen Deutschen gab, der keinen sog. Migrationshintergrund hatte. Der Wahn vom Germanen, vom Urarier als Ausgangspunkt des deutschen Volkes, der dann so blutige Wirklichkeit wurde, hatte nie seine Verankerung in der Realität. Auch nicht im Himalaya. Das unterscheidet diesen Wahn von so manchen anderen Wahnvorstellungen, bei denen wenigstens einige Fixpunkte real sind.
    Insofern kann ich dem Volksbegriff für "die Deutschen" wenig abgewinnen. Von einer Allergie würde ich aber nicht sprechen, denn die kulturellen Dimension Deutschlands, die auch mich nachhaltig geprägt hat, lehnte ich nie ab. Das wiederum unterschied mich immer von unseren links-kritischen Geistern, die glaubten, die Ablehnung der deutschen Kultur sei eine progressive politische Haltung im Sinne eines obskuren "Antifaschismus".

    Zurück zum Volksbegriff: Dieser Gesamtwiderspruch in sich - also die Sehnsucht nach EINEM Volk, das es real nie gab - bestimmte und bestimmt die deutsche Geschichte. Es gehört trotz aller berechtigter Kritik an Rot/Grün zu den wichtigsten politischen Nachwendeentscheidungen, dass das Blutsrecht der Staatsbürgerschaft zumindest zum Teil aufgeweicht worden ist. Damals gegen konservative Widerstände.

    Und heute? Nun, ich sehe die Sach' pragmatisch: Es ist jetzt so, wie es ist. Das Gemeinwesen Dtl. ist demokratisch verfasst. Und wir sollten ohne ethnische Ausgrenzung von irgendwem das Beste daraus zu schustern.

    Grüße.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Sie wurde 1871 territorial entschieden

      Was bedeutet das *heute*?

      War es eine Entscheidung für alle Zeiten? Hatte Bismarck, hatten die Könige überhaupt eine Entscheidungskompetenz über Deutschland, über den Deutschlandbegriff? Warum hieß ihr Staatenbund eben nicht "Deutschland"? Warum erst 1949? Welche Rolle spielte die Erfindung einer "deutschen" Staatsangehörigkeit unter Hitler für die Erfindung von Deutschland als Staat?

      Seltsam, sehr seltsam. eine deutsche, jüdische, europäische Staatsangehörigkeit - was soll das bedeuten? Viel richtiger: eine israelische, bayrische, österreichische...

  12. Herwig Finkeldey Antworten | Permalink

    Ich würde mich nicht zu sehr an dem Namen aufhängen: Deutschland oder deutsches Reich. Der so viel zitierte Text Hoffmann von F. spricht ja schon von Deutschland, auch Heine schrieb "Deutschland, ein Wintermärchen" und dachte nicht nur nachts an Dtl.. Der Name 1871 war dann eher eine Konzession an die Fürsten, v.a. an Bayern. Den Vorgang nannte man aber damals schon Einigung/Einheit und sah in dieser Einheit Verwirklichung eines jahrhundertalten Traumes. "Welch eine Wendung durch Gottes Fügung" stand 1871 über dem Brandenburger Tor. Die realpolitische Nähe zur Romantik ist evident.

    Das Staatsbürgerrecht von 1913 ist für mich der viel interessantere Vorgang, Es kam nach 1890 zu einer massiven Immigration (zuvor eine Netto-Emigration) nach Dtl. und das mittlerweile trotz (oder wegen?) aller Macht so unsicher agierende Kaiserreich reagierte darauf völkisch. Das korrespondiert deutlich mit dem aufkommenden Sozial-Darwinismus, dem damaligen Denken von sozialer/gesellschaftlicher Hygiene, dem ebenfalls aufkommenden erbbiologischen Denken. Dass 1900 Fr. Nietzsche Mode-Philosoph wurde, ist ebenso wenig Zufall. In dieser Zeit nun also definierte sich das Reich als ein völkisches Gemeinwesen, kenntlich an dem neuen Staatsbürgergesetz, hieß damals glaube ich noch Reichsbürgergesetz. Hitler ist also keinesfalls der Erfinder Deutschlands, freilich die kompletteste Ausprägung und zugleich der kulminierende Höhepunkt des seit ca. 1890 beginnenden Irrwegs. Auf die scheinbaren Zumutungen der Moderne wurde mit völkischer Ausgrenzung reagiert um im erbbiologisch-rassistischen Wahn zu enden.....

    Tja und heute? Nun, eben nicht mehr völkisch, sondern die letztlich ja geschenkte Republik nutzen.
    Aber ich befürchte, dass es wieder Menschen in Dtl. (wer ist das?) gibt, die die moderne Entwicklung als Zumutung erleben und mit Ausgrenzung reagieren. Die deutschen wie die europäischen Rechten sind in der Revolte. Kein gutes Zeichen, denn die Revolte/die Straße ist nicht der Ort, an dem konservative Politik stattfinden sollte. Gehen die Konservativen auf die Straße, dann sind sie schnell nicht mehr bewahrend sondern alles umstoßend. Die letzte konservative Generation, die in Dtl. mit den republikanischen Verhältnissen unzufrieden gewesen war, war die Generation der 20er/30er Jahre. Mißverstehen Sie mich bitte nicht: Alarmismus liegt mir fern, wir sind nicht "schon wieder so weit"; nur macht es mir mehr Sorge, wenn Rechts-Konservativ auf die Straße geht und die Verhältnisse ändern will, als wenn es eine diffus links denkende, von mir aus leicht verwöhnte Jugend wäre.

  13. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Hans Haakes Kunstwerk Die Bevöllkerung zeigt, dass "Volk" heute für Viele ein problematischer Begriff ist:

    Die Arbeit bezieht sich auf den Schriftzug „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ am Reichstag. Der Künstler spielt mit dem Bedeutungsunterschied zwischen Volk und Bevölkerung: Der Begriff Bevölkerung schließt alle Menschen ein, die in einem Land leben. Hans Haacke hat sich bei seiner Aktion von einem Satz Bertolt Brechts inspirieren lassen: „Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung […] sagt unterstützt schon viele Lügen nicht.“

    Das Kunstwerk und seine Aussage wirkten interessanterweise tortz der zeitgemässen Botschaft aber immer noch kontrovers. Der CDU-Politker Volker Kauder sah darin den Versuch den Begriff Volk wegen einer kurzen Phase der deutschen Geschichte zu diskreditieren. Andere sahen darin den Versuch "er wolle den Bundestag dem deutschen Volk „wegnehmen“, und die Arbeit sei verfassungswidrig, ein Urteil, zu dem auch ein von der CDU in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten gelangte"

    Es scheint also Verwirrung zu herrschen. Einerseits kommt man ohne den Begriff "Volk" schwer aus, andererseits scheint der Begriff "Volk" viele Teile der Bevölkerung auszuzschliessen. Etwas was man heute als Exklusion brandmarkt.

  14. jade Antworten | Permalink

    Ich weiß nicht viel über die DDR, aber ich denke die Leute in der DDR hatten einfach keine Lust mehr auf den Staat in dem sie gelebt haben. Man konnte sie halt auch nicht zu einer bestimmten Staatsform zwingen bzw. nach einer gewissen Zeit kam halt doch der eigene Wille des Volkes durch. Wäre der ganze Quatsch mit der Mauer und dem ausufernden Staatssystem nicht gewesen, hätte es vielleicht keine Wiedervereinigung gegeben.

    Ich für meinen Teil zB. weiß nun was "Heimat" bedeutet. Nach 6 Jahren "heimatferne" (ca. 500 Km) und Rückkehr in dieselbe. Ich weiß nun, dass es "Heimat" tatsächlich gibt. Man kann diese aber nicht an objektiven Kriterien festmachen. "Heimat" ist ein Gefühl und für jeden anders. Nach diesen, meinen ganz persönlichen Gefühlskriterien käme auch eine theoretisch neue Grenzziehung zwischen Nord- und Süddeutschland in Frage. Einfach nur aus Gründen dieses "Heimatgefühls". Ob das in praxi Sinn machen würde wäre eine andere Frage.

    • fritz Antworten | Permalink

      Es genügt schon eine weit geringere Entfernung als 500 km vom bisherigen Wohnort zu haben um sich fremd zu fühlen. Z.B. wenn man aus einer Großstadt aufs Land (oder umgekehrt) zieht bemerkt man schon frappierende Unterschiede in den Ansichten auf bestimmte Dinge des Alltags.

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