Das kleindeutsche historische Museum

9. Februar 2009 von Yoav Sapir in Geschichte

Deutsches Historisches MuseumDie Aktualität der "österreichischen Frage" für die gegenwärtige deutsche Geschichtsschreibung lässt sich anhand des Deutschen Historischen Museums in Berlin-Mitte (unter den Linden) sehr gut veranschaulichen, welches als öffentlich-rechtliche Stiftung der BRD mehr oder weniger das amtliche Geschichtsverständnis derselben zur Schau stellt.

Dort wird nämlich österreichische Geschichte - ob als Geschlechtergeschichte der Habsburger oder etwa als die Präsidialmacht im Deutschen Bunde - kaum thematisiert. Ebenso wenig kommt Vorderösterreich bzw. die österreichischen Vorlande (v. a. im heutigen Bundesland Baden-Württemberg) kaum als solche vor. Eine wichtige Ausnahme bildet die zweimalige Belagerung Wiens durch die Türken sowie der von Preußen geführte Krieg gegen Österreich (eigentlich gegen den Deutschen Bund) 1866.

Im Frühjahr 2007 besuchte ich das DHM zwar nicht zum ersten Mal, aber als Teilnehmer an einer internationalen Gruppe, die eine Führung von einem der Mitgestalter der 2006 eröffneten Dauerausstellung bekommen hat. Dabei hat er vor allem die Entstehungsgeschichte der Daueraustellung erklärt und sich auch auf deren Schwachstellen bezogen. Auf meine Frage, weshalb das Thema "Österreich" in der Ausstellung in einem doch so geringen Maße aufgegriffen wird, hat er geantwortet (zwar nicht genau in dieser Formulierung, aber immerhin), dass nicht nur Österreich, sondern auch andere Nachbarländer - wie Frankreich und Dänemark (sic!) - unterrepräsentiert seien und nur insofern ins Blickfeld der Ausstellung geraten würden, als sie direkten Einfluss auf die deutsche Geschichte ausübten (daher die Einbeziehung der Türkenbelagerung Wiens, zu dessen Verteidigung ja auch "deutsche" Streitkräfte beitrugen). Dies rühre daher, dass sich das Gründungskomitee des DHM sehr früh bei der Entwicklung des Museumskonzepts für eine kleindeutsche (sic!) Darstellungsweise entschieden hat.

Die kleindeutsche Lösung der Deutschen Frage war jedoch bis Königgrätz nichts mehr als eine unter mehreren, damals (noch) unverwirklichten Möglichkeiten. Dies kann man etwa daraus ersehen, dass Deutschösterreicher bei der Frankfurter Nationalversammlung eine zentrale Rolle spielten. Die von den Gründern des DHM getroffene Entscheidung, Österreich "herunterzuspielen" und nicht als führende Kraft in der deutschen Geschichte darzustellen, ist folglich nicht in historischen Tatsachen verankert, die eher gegen diese Entscheidung sprechen, sondern in der heutigen Geschichtspolitik der BRD, die vorschreibt, dass Österreich sogar rückwirkend, d.h. auch für die Zeit bis 1945, aus der "deutschen" Geschichte zu entfernen ist.

Eigentlich ist die im DHM vermittelte Vorstellung von einer deutschen Geschichte, die sich sogar bis in die Antike erstreckt, geschichtswissenschaftlich bereits an sich sehr problematisch. Aber wenn man schon eine epochenübergreifende deutsche Geschichte konstruieren will, soll man natürlich versuchen, alle deutschen Gebiete, Bevölkerungen und Adelsgeschlechter einzubeziehen. Umso näher liegt die Reintegration Österreichs in die deutsche Geschichte, wenn man bedenkt, dass auch nach der gescheiterten Revolution 1848/49 nicht Preußen, sondern Österreich der wichtigste Faktor im deutschen Mitteleuropa war (vgl. die Olmützer Punktation 1850) und dass Preußen diese Stellung Österreichs erst bei den innerdeutschen Auseinandersetzungen in den 1860er Jahren erfolgreich anfocht.

Dass gerade Österreich seinen Platz in der amtlichen Geschichtskonstruktion nicht finden darf und stattdessen verdrängt wird, obwohl die neue Dauerausstellung mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende eröffnet worden ist, weist auf die kraftvollen Zwänge, mit denen wir heutzutage zu tun haben, und somit auch auf die hohe Aktualität der "österreichischen Frage" hin.

Im Hinblick auf diese Zwänge ist es wichtig zu bemerken, dass die heutige Geschichtsschreibung, die sowohl in Deutschland als auch in Österreich die politisch korrekte Geschichtspolitik untermauern soll, tatsächlich nicht den historischen Tatsachen, sondern dieser Political Correctness entspringt und von deren Zwängen bestimmt wird. Vor diesem Hintergrund ragt Karl Dietrich Erdmann heraus, der bereits in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre eine Auffassung deutscher Geschichte entwickelt hat, die Österreich mit einbezieht und dennoch nicht expansionistisch motiviert bzw. "braun" gefärbt ist. Erdmann stellt nämlich nicht die Mehrstaatlichkeit, sondern die kurzlebige Einstaatlichkeit der Deutschen als den Ausnahmezustand dar. Vor diesem Hintergrund hat er den Versuch unternommen, die geopolitische Lage seiner Zeit zu erklären und Österreich somit wieder in die deutsche Geschichtsschreibung zu integrieren: Erdmann, Karl Dietrich. Die Spur Österreichs in der deutschen Geschichte. Drei Staaten, zwei Nationen, ein Volk? Zürich: Manesse, 1989.

 

 


6 Kommentare zu “Das kleindeutsche historische Museum”

  1. Hakan Baykal Antworten | Permalink

    Ach, das Kleindeutsche ...

    Gut zu wissen, dass sich nicht nur wir Österreicher mit dem vergangenen Ruhm und dem verblassten Glanz beschäftigen.

    Nebenbei: Vor kurzem erzählte mir ein lieber Kollege davon, dass es Elfriede Jelinek unter die 100 wichtigsten Deutschen (oder so ähnlich) geschafft hat. Selbst er, ein Norddeutscher, war empört; ich meinerseits empfand den gerechten und tatenlosen Zorn des grantelnden Wieners.

    Wann bist du wieder in der kleindeutschen Hauptstadt?

  2. Yoav Sapir Antworten | Permalink

    @ Hakan

    Ohne die österreichische Problematik wäre die deutsche Zeitgeschichte für mich kaum so interessant...

    Ab dem 1. März bin ich dort (als Stipendiat im Bundestag). Ich wohne da in gesunder Nähe zum ägyptischen Falafelladen hinterm "Merkezi". Im Oktober geht's in der Kurpfalz weiter.

  3. Edgar Dahl Antworten | Permalink

    @ - Hakan: Elfriede Jelinek

    Grundgütiger, wer hat denn Elfriede Jelinek unter die 100 wichtigsten Deutschen gewählt?

  4. Edgar Dahl Antworten | Permalink

    Das österreichische Problem

    Mir ist das "österreichische Problem" von einer Freundin aus Bonn einmal folgendermaßen dargestellt worden: "Die Österreicher haben es fertig bekommen, Hitler zu einem Deutschen und Beethoven zu einem Österreicher zu erklären!"

Einen Kommentar schreiben

Dies ist eine moderierte Diskussion. Wir behalten uns vor, Kommentare gar nicht oder gekürzt zu veröffentlichen, um die Diskussion für unsere Leser möglichst relevant und interessant zu gestalten.


+ neun = 14