Ernst Nolte, das Menschliche und Auschwitz

6. Februar 2014 von Yoav Sapir in Holocaust

Vor kurzem habe ich hier die Historiker Timothy Snyder und Ernst Nolte in einen Vergleich gezogen und vermutet, dass dem Ersteren wegen dessen amerikanischer Siegerposition (unter anderem) ein ähnlich relativierender Ansatz weit besser gelungen ist als dem Letzteren. Diese Vermutung wird wohl nicht ganz abwegig sein und dennoch greift sie eindeutig zu kurz. Denn neben den Umständen wie dem zeitlichen und generationellen Abstand, der nationalen Identität etc. gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden, den ich nun darlegen möchte.

Dieser wesentliche Unterschied besteht m. E. in dem Niveau des Nachdenkens. Während Snyder den reflexiven bzw. geschichtstheoretischen Ball ziemlich flach hält und sich vor allem mit der desktriptiven Herausarbeitung seines "Bloodlands"-Konstruktes befasst, ging es Nolte (wie mir scheint) von Anfang an darum, aus seinen Forschungsobjekten wieder Subjekte zu machen, d.h. sich als Mensch den Tätern als Menschen anzunähern.

Mit diesem anspruchsvollen Vorhaben war Nolte (und ist wohl noch) seiner Zeit voraus, in der ja noch viele Überlebende da waren, die (aus verständlichen Gründen) klare Aufteilungen in Weiß und Schwarz, Gut und Böse, "menschlich" und "unmenschlich" bzw. "bestialisch" vorzogen. Darum konnte man eine Generation (noch) früher sogar der jüdischen Hanna Arendt ihre mischende Perspektive nicht verzeihen. Diese Problematik spielte sich aber hinter den Kulissen. Denn in der Öffentlichkeit galten scheinbar nur die Argumente. Nolte versuchte, den argumentativen Rahmen, also den Diskurs überhaupt, zu erweitern. Meines Erachtens wurde er damals nicht direkt dafür bestraft und ausgegrenzt, sondern wegen der psychologisch-emotionalen Konsequenzen, die sich aus einer solchen Erweiterung ins Menschliche hinein ergaben.

Im Prinzip lässt sich der Historikerstreit (der in Wahrheit freilich keiner war) auf zwei Deutungsansätze reduzieren, mit denen die so schmerzvolle Frage von "Auschwitz" - im Sinne von "Warum gerade die Juden?" - erklärt werden sollte, obwohl es beim Streit selbst oft nicht ausdrücklich darum ging:

Der eine Ansatz besteht in der langen Tradition des abendländischen Antisemitismus, der dem Juden eine kardinale Position zuweist und ihm eine antithetische Rolle unterstellt (s. "Die kulturelle Rolle des Juden als die abendländische Antithese"), welche den Juden wiederum, dialektisch natürlich, zur (negativen) Grundlage des Abendländischen schlechthin macht. Der europäische Antisemitismus hat für den Holocaust zweifelsohne eine Rolle gespielt, vor allem im Hinblick auf die Dimensionen, die fast paneuropäische Kollaboration usw. Allerdings geht der Antisemitismus, auch in seiner rassistischen Form, noch weiter zurück und vermag folglich keinen unmittelbaren Zusammenhang darzustellen, sodass fraglich bleibt, inwiefern diese Tradition der ausschlaggebende Grund war.

Der andere Ansatz fokussiert auf den unmittelbaren Zusammenhang, nämlich auf die präzendenzlose Epoche der Gewalt, die Hitler und dem Holocaust vorausging, angefangen mit dem ersten Weltkrieg und fortgeführt durch die "Weltrevolution" und die Schrecken, mit denen der Sozialismus in der Zwischenkriegszeit in Erfüllung ging. Tatsächlich kann man die nationalsozialistischen Lager nicht ohne ihre sowjetischen Vorgänger verstehen, also nicht ohne die blutrünstige Diktatur im Osten, an welcher Juden (aber wiederum nicht "die Juden") vor allem in der Anfangsphase ziemlich weitgehend beteiligt waren.

Beide Ansätze haben Vor- und Nachteile, zu beidem gibt es gute Argumente und Gegenargumente. Letzten Endes widersprechen sie sich nicht, sondern ergänzen sich: der eine erscheint mir wie ein Fernglas, der andere wie eine Lupe, aber beides ist doch wichtig. Nolte hat einfach eine andere Gewichtung vorgezogen als seine (linken) Kontrahenten, welche oft den religiösen Hintergrund betonten, um damit einen Zusammenhang mit dem (nicht- bzw. antireligiösen) Sozialismus zu eliminieren. Warum also der große Aufruhr? Nicht wegen der Wissenschaft und der Argumente, sondern, so möchte ich behaupten, wegen der Psychologie.

In meiner Interpretation hat Nolte die anderen stark verunsichert, indem er Hitler nicht so sehr als Prototyp (des Bösen, des Unmenschlichen, des Irrationalen), sondern eher in seinem unmittelbaren Zusammenhang, d.h. als Phänomen seiner Zeit verstehen und ihn somit in eine Relation zu seiner Umgebung bringen und, ja, tatsächlich relativieren wollte. Diese "Lupenperspektive" gab Hitler wieder ein menschliches Antlitz, was Noltes Widersachern (auch abgesehen von der eigenen politischen Position) wohl emotional-psychologisch unerträglich war.

Der Streit trug sich also auf der Oberfläche rund um Hitler, Auschwitz, die "Singularität" etc. aus, ging aber unter der Oberfläche m. E. um das Menschliche schlechthin, also darum, wie man das Menschliche und den Menschen versteht. War Auschwitz "unmenschlich", eine "singuläre" Ausnahme von einem sonst "menschlichen" Normalzustand?

Gemeinhin steht das Menschliche für Gutes und Positives. Allzu oft spricht man von den Lagern als Orten der "Unmenschlichkeit", beschreibt die Verfolgung der Opfer als "Entmenschlichung", definiert (zumindest in deutscher Übersetzung) die Verbrechen als solche "gegen die Menschlichkeit". Das gilt aber nicht nur für diesen spezifischen, nationalsozialistischen Zusammenhang, sondern allgemein für die Sprache. Als man vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" sprach, wollte man auf eine Verbesserung hindeuten. Denn wir Menschen wollen uns als im Prinzip gut und wohlwollend verstehen.

Ist dem aber wirklich so?

Diese Frage spielte bei mir immer wieder eine Rolle, wenn ich früher mit meinen Gästen die Topographie des Terrors besuchte (was inzwischen nicht mehr so möglich ist, weil diese öffentliche Gedenkstätte, im Gegensatz zu anderen Gedenkstätten und Museen, die Kohle selber kassieren will und externen Historikern wie mir den gewerblichen Zutritt verbietet). Die dortige Ausstellung finde ich ausgesprochen gut gemacht, wenn auch für "Laien" nicht leicht verständlich. Ein Teil der Ausstellung ist den Lagern gewidmet, die ja schließlich auch die Anweisungen ausführten, die vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin ausgingen. Was ich in diesem Teil so gut finde, sind Fotos von den Tätern in den Lagern, die diese in ausgesprochen normalen Situationen zeigen (etwa das berühmte Foto von Mengele im Chor). Diese Fotos veranschaulichen, wie wenig bestialisch und wie sehr menschlich die Täter eigentlich waren.

Hierin besteht natürlich die große Herausforderung für die Besucher, die mit "Auschwitz" nicht als Prototyp der Unmenschlichkeit, sondern ganz im Gegenteil, als Extremfall des Menschlichen konfrontiert werden. Denn nach Auschwitz sollte man, wenn man ehrlich ist, das Menschliche neu verstehen und für das, was mit "Humanismus" gemeint ist, vielleicht einen anderen Begriff finden. Vielen meiner Gäste, die fast ausnahmslos Juden sind, fällt bzw. fiel diese Konfrontation mit dem Menschlichen bzw. (letzten Endes) mit sich selbst schwer. Denn nicht nur unsere Auffassung bzw. Verdrängung von "Auschwitz" wird herausgefordert, sondern zugleich auch unser Selbstverständnis als Menschen und Individuen.

In diesem Sinne hat Nolte Hitler wieder menschlich gemacht und damit vor seinen Zeitgenossen einen Spiegel gehalten, dessen Bild, dessen Wahrheit über den Menschen die wenigsten ertragen konnten. Denn das hätte bedeutet, nicht nur den Glauben an die (etwa sozialistische) Utopie, sondern an den Menschen schlechthin aufzugeben. Wenn wir nun auf Snyder zurückkommen, der sich kaum in diese Tiefen hineinwagt, so erscheint der qualitative Unterschied ziemlich eindeutig. Auch hieran wird es vermutlich liegen, dass Snyder so viel besser aufgenommen wird und keine ähnliche Isolation zu befürchten hat, wie sie Nolte widerfahren ist.

 

PS.

Kürzlich hat sich die "Welt" mit Himmler befasst. Es geht nicht zuletzt um die Frage, wie man "Reichsführer-SS" und zugleich auch "Dein Heini" oder "Euer Pappi" sein kann. Aber dieser gefühlte Widerspruch entsteht, wie mir scheint, erst wenn man "Auschwitz" für unmenschlich hält. Betrachtet man das Phänomen jedoch als menschlich, vielleicht sogar (im negativen Sinne natürlich) als sehr menschlich, dann gehört, leider, das Morden zu "Pappi" wie "Pappi" zum Morden. Wie hat 2011 der ARD- oder ZDF-Korrespondent (ich weiß es nicht mehr) in New York, als er über den Jubel auf den Straßen berichtet hat, Osama bin Laden beschrieben? "Ein Familienvater", was ja auch stimmte.

 


26 Kommentare zu “Ernst Nolte, das Menschliche und Auschwitz”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Hierin besteht natürlich die große Herausforderung für die Besucher, die mit "Auschwitz" nicht als Prototyp der Unmenschlichkeit, sondern ganz im Gegenteil, als Extremfall des Menschlichen konfrontiert werden.

    Das scheint wohl so zu sein, es ist besser den "Vorfall" als menschenmöglich anzunehmen und somit als wiederholbar, als ihn ins explizit unmenschliche "Singuläre" auszulagern.

    Hitller war übrigens keineswegs nur der nervöse Schreihals, als der er allgemein notiert worden ist, vgl. bspw. mit diesem Tondokument:
    -> http://www.youtube.com/watch?v=DssYXUhJKZU (Besuch bei Mannerheim (Finnland), 1942)

    MFG
    Dr. W

  2. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Denn nach Auschwitz sollte man, wenn man ehrlich ist, das Menschliche neu verstehen und für das, was mit "Humanismus" gemeint ist, vielleicht einen anderen Begriff finden.

    Das muss aber nicht geschehen. Hitler war weder Christ noch Humanist, auch wenn aus zwei unterschiedlichen Lagern manchmal derart postuliert wird. - Der Humanismus beruft sich auf die Aufklärung und der Kollektivismus/Nihilismus war ein Ausläufer der Aufklärung, wie von Ratzinger auch unter einigem medialen Getöse angemerkt, aber nicht die Idee (sondern das "Sapere Aude").

  3. Paul Stefan Antworten | Permalink

    "Hierin besteht natürlich die große Herausforderung für die Besucher, die mit "Auschwitz" nicht als Prototyp der Unmenschlichkeit, sondern ganz im Gegenteil, als Extremfall des Menschlichen konfrontiert werden."

    Eine sehr gute Analyse, ich habe mich das auch schon gefragt. Gesellschaften werden vielleicht vielmehr durch bloße Gewohnheiten und soziale Kontrolle in der Spur gehalten, als durch "edle" Werte der Mitglieder, die gerne beschworen und besungen werden. Wenn die Spur verlassen wird, kann das Verhalten der Einzelnen schnell entgleisen, man sieht das ja an den jeweils aktuellen Bürgerkriegen.

    Einen anderen Begriff für Humanismus wird man wohl nicht erfinden. Aber man kann die Grenzen des Projektes "Humanismus" sehen. Es stammt ja aus der Antike, wo sich die Elite mittels des Literaturkanons zu kultivierten, "besseren" Menschen gebildet hat. Man kann sich das konkret vorstellen: Ein Seneca diktiert seinem Sklaven moralische Weisheiten auf das Papier.
    Bekanntermaßen ging dieses Bildungideal das erste Mal mit der Antike zugrunde, dann spätestens das zweite Mal mit dem Ersten Weltkrieg und Auschwitz.

    Warum funktioniert es nicht? Basiert es auf einem falschen Menschenbild, muss man sich einfach damit abfinden, dass es keine Rezepte für eine "menschliche" Gesellschaft gibt?

  4. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Im Historikerstreit wurde Nolte von Habermas vorgeworfen, den exzeptionalen Charakter von Auschwitz zu leugnen.
    Tatsächlich ergibt sich ein ganz anderes Menschenbild, wenn die Judenvernichtung während des NS-Regimes nicht als Singularität gesehen wird und man nicht vor allem Hitler und ein paar weitere Bösewichte oder die ganz speziellen Umstände der damaligen Zeit für das Geschehene verantwortlich machen kann.
    Insoweit als im NS-Regime Mitbürger vernichtet wurden, mit denen das deutsche Volk vorher noch zusammenlebte, gibt es wirklich vergleichbare Ereignisse auch noch nach dem Fall des dritten Reiches. In Kambodscha etwa wurden aus ideologischen Gründen von den roten Khmer 1.7 bis 2.2 Millionen Kambodschaner umgebracht oder im Ruanda-Völkermord 1 Million Tutsi getötet. In beiden Fällen waren die Opfer keine Fremden, keine Feinde im militärischen Sinn.

    Auschwitz ist trotzdem äusserst verstörend weil es ja nicht von Unzivilisierten, einem unverständlichen irrationalen Kult unterworfenen Menschen, begangen wurde. Vielmehr wurde die Judenvernichtung damals von vielen Deutschen scheinbar als vernünftig und rational begründbare Handlungsmaxime gesehen. Wobei die meisten Deutschen sich später damit entschuldigten, dass sie von der Vernichtung ja gar nichts wussten. Doch die Rassengesetze, die schon 1935, also vor dem Krieg, gegen die Juden erlassen wurden, kommen einer Vernichtung der Juden schon sehr nahe.Das mit den Nürnberger Rassengesetzen erlassene Blutschutzgesetz (Verbot der Eheschliessung zwischen Juden und Nichtjuden), das Reichsbürgergesetz (Deutscher ist nur wer der richtigen Rasse angehört) nahm den Juden praktisch alle Rechte. Wer aber keine Rechte mehr hat, ist mindestens gesellschaftlich bereits vernichtet. Und die meisten Deutschen scheinen mit diesen Nürnberger Rassengesetzen einverstanden gewesen zu sein. Deutschland war (schon) damals eines der führenden Länder in Europa und der Welt mit der höchsten Gelehrtendichte. Und diese Gelehrten liessen sich in der Mehrzahl bereitwillig einspannen. Ihre gesamte Gelehrsamkeit, ihr ganzes Herzblut gaben viele für ein rassissch reines Deutschland und für die Vernichtung von Mitbürgern, von denen viele zu den führenden Köpfen Deutschlands gehörten.

    So gesehen heisst das doch, dass uns vermeintliche Rationalität und Wissenschaftlichkeit nicht vor dem schützt, was im dritten Reich geschehen ist.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Nicht "vorgeworfen", sondern eher "unterstellt". Das war ja die Oberfläche. In Wahrheit ging es notwendigerweise um etwas ganz anderes, was nicht ausdrücklich artikuliert wurde, und dieser Frage gelten meine obigen Vermutungen.

      Ich sage "notwendigerweise", weil man im Rückblick leicht erkennt, dass die Unterstellungen nichts mit Nolte und seiner geschichtswissenschaftlichen Fragestellung zu tun haben (darum habe ich ja oben erwähnt, dass der Historikerstreit im Prinzip keiner war). Da Habermas wohl kein Bösewicht war, der Nolte *bewusst* verzerren wollte, ging es wohl um ein *unbewusstes* Missverständnis, also um einen klassischen Fall, wo der eine "X" sagt, aber der andere "Y" hört. Habermas wollte Nolte missverstehen und ihm etwas unterstellen, was er (Habermas) leicht angreifen konnte. Warum? Ich vermute, weil ihm (Habermas) die komplexe, nicht apodiktisch-theoretisch verurteilen sondern menschlich-praktisch verstehen wollende Fragestellung *psychologisch* unheimlich, unerträglich war.

      Die Nürnberger Gesetze, die du wohl nur nebenbei erwähnst, sind ein ganz anderes Thema, das den Rahmen unserer hiesigen Diskussion weit überschreitet. Aber so verunsichernd und "einer Vernichtung nahe kommend" waren sie wohl nicht, auch wenn sie sehr diskriminierend waren. Ihre stabilisierende, "wohltuende" Wirkung hat Hanna Arendt als Zeitzeugin eine Generation vor dem Historikerstreit analysiert (womit sie nicht sagen wollte, dass diese Wirkung "zu Recht" erfolgte - natürlich wurden die Gesetze von vielen Juden missverstanden. Aber auch Hanna Arendt, wie oben erwähnt, war eine, der es nicht ums Verurteilen sondern ums Verstehen ging, und sie wurde wie Nolte missverstanden und ausgestoßen).

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        Da Habermas wohl kein Bösewicht war, der Nolte *bewusst* verzerren wollte, ging es wohl um ein *unbewusstes* Missverständnis, also um einen klassischen Fall, wo der eine "X" sagt, aber der andere "Y" hört.

        Da gehen Sie aber pfleglich mit dem zählebigen Neomarxisten um. - BTW, aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen waren beide Positionen, also die von Nolte und die von seinen idR politisch angeleiteten Gegnern falsch.
        MFG
        Dr. W

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Vielleicht war für Habermas durch die Sicht Noltes auch die Rationalität einer Weltaneignung über die Philosophie in Frage gestellt. Dies zu obiger Aussage:

        Habermas wollte Nolte missverstehen und ihm etwas unterstellen, was er (Habermas) leicht angreifen konnte. Warum? Ich vermute, weil ihm (Habermas) die komplexe, nicht apodiktisch-theoretisch verurteilen sondern menschlich-praktisch verstehen wollende Fragestellung *psychologisch* unheimlich, unerträglich war.

        Wenn Nolte recht hat und das absolut Böse soweit Teil der menschlichen Natur ist, dass auch jedes vorgeblich rationale und vernünftige Denken von diesem Bösen infiziert sein kann, dann bedeutet das, dass auch Philosophieansätze wie Habermas "Theorie des kommunikativen Handelns" in der Luft hängen. Es gibt dann eben nicht mehr die Vernunft an und für sich, die einem allein schon weil es die Vernunft ist, sagt was richtig und was falsch ist.

        • Yoav Sapir Antworten | Permalink

          "Es gibt dann eben nicht mehr die Vernunft an und für sich, die einem allein schon weil es die Vernunft ist, sagt was richtig und was falsch ist." - dem kann ich nur zustimmen.

  5. Paul Stefan Antworten | Permalink

    @ Martin Holzherr

    "Auschwitz ist trotzdem äusserst verstörend weil es ja nicht von Unzivilisierten, einem unverständlichen irrationalen Kult unterworfenen Menschen, begangen wurde. Vielmehr wurde die Judenvernichtung damals von vielen Deutschen scheinbar als vernünftig und rational begründbare Handlungsmaxime gesehen."

    Dasselbe gilt doch auch für den Völkermord in Kambodscha oder Ruanda oder sonstwo. Keiner von den Tätern hält oder hielt sich für irrational.

    Vielleicht ist das besondere an der Judenvernichtung vor allem, dass es uns betrifft, als Nachfahren von Täter- und Opfergruppen.
    Man sollte nicht vergessen, das die zivilisierten und kultivierten Europäer meistens wenig Probleme mit den Verbrechen des Kolonialismus ihrer Zeit hatten und diese Verbrechen waren auch nicht von Pappe. Aber diese geschahen halt weit weg, bei den "Unzivilisierten".

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Das Besondere an der Judenvernichtung durch das NS-Regime ist die Systematik, die Gründlichkeit, Handwerklichkeit mit der dies ausgeführt wurde. Der Judenhass war in Polen und vielen anderen europäischen Ländernnicht kleiner als in Deutschland, nicht nur in Deutschland wurden die Juden wie zu vernichtende Insekten betrachtet. Aber das deutsche Volk hat dann quasi Hitler als Kammerjäger einbestellt, der mit deutscher Gründlichkeit den Volksschädling vernichtete. Sicher wurden auch von den Ideologen der Roten Khmer rationale Gründe für die Vernichtung des Klassenfeinds vorgebracht, aber nur in Deutschland wurden wohl Dissertationen zum Thema geschrieben, gab es Institute für Rassenhygiene und engagierten sich aufgeklärte, belesene Gebildete an der systematischen Beschneidung der Rechte der Juden.
      Oder verkürzt: Was der durchschnittliche europäische Judenhasser im Affekt beging, begingen die Deutschen während dem NS-Regime (scheinbar) in cold blood oder wollten es mindestens so erscheinen lassen.
      Letztlich bleibt für mich die Lehre: Was sich rational gibt, ist oft nur eine Rationalisierung.

  6. Ralph Antworten | Permalink

    Ich habe diesem ausgezeichneten Beitrag und den interessanten Kommentaren nicht viel hinzuzufügen.
    Mir ist allerdings in vielen anderen, alltäglichen Zusammenhängen durch den Kopf gegangen, dass im der Begriff der "Menschlichkeit" sehr viel Romantik mitschwingt, was eine objektive Sichtweise erschwert.
    Paul Stefan hat es hier so skizziert:
    "Gesellschaften werden vielleicht vielmehr durch bloße Gewohnheiten und soziale Kontrolle in der Spur gehalten, als durch "edle" Werte der Mitglieder, die gerne beschworen und besungen werden."

    Was den Holocaust betrifft frage ich mich, in wieweit auch der Neid auf eine geistige und soziale Elite eine Rolle gespielt haben könnte, die sich praktischer weise unter dem Sammelbegriff jüdisch klassifizieren ließ. Und das ist eine, wie ich finde stets aktuelle Frage. (Wobei man anstelle von "jüdisch" beliebige Merkmale unterscheidbarer erfolgreicher Gruppen nehmen kann.)
    Warum spielt dieser nahe liegende Gedanke eigentlich kaum eine Rolle in der Diskussion?

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Danke. Die Neid-Theorie wird doch diskutiert, aber nicht als ein eigenständiger Ansatz, denn letztendlich läuft sie auf "das Jüdische als Fremdes" und den "allgemeinen", d.h. weit zurückreichenden Antisemitismus zurück.

      Es ist ja klar, dass die Juden nicht wegen ihres (ob vermeintlichen oder tatsächlichen) Reichstums, Erfolgs etc. beneidet wurden, denn Deutsche, Franzosen, Polen etc., die denselben sozialen Status hatten, wurden nicht auf diese Art und Weise stigmatisiert (Stichwort: Spekulant oder "jüdischer" Spekulant? vgl. Rainer Werner Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" 1985 und die Kritik an sowie von Ignatz Bubis). Das heißt also, dass die Juden schon vor dem Neid, auch schon vor dem Erfolg, kurz: vor der Moderne ausgegrenzt wurden. Erst deswegen konnte später ein spezifisch antijüdischer Neid überhaupt entstehen. Darum lässt sich die Neid-Theorie als ein Aspekt des "allgemein-antisemitischen" Ansatzes verstehen.

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        Es ist ja klar, dass die Juden nicht wegen ihres (ob vermeintlichen oder tatsächlichen) Reichstums, Erfolgs etc. beneidet wurden (...)

        Der Neid könnte schon eine besondere, als eigenständig aufzufassende Rolle gespielt haben, Aly trägt hier nachvollziehbar vor:
        -> http://www.welt.de/kultur/history/article106502570/Der-Neid-trieb-die-Deutschen-zum-Judenhass.html

        Zudem haben viele jüdische Intellektuelle genervt, besonders diejenigen, die christlich oder nationalistisch oder kollektivistisch geprägt waren.

        BTW, wenn der Schreiber dieser Zeilen Juden, und er kennt einige, auf besonderes Talent anspricht, dann wird meist auf die Bildungsaffinität verwiesen; glauben tut er dies aber nicht.

        MFG
        Dr. W

  7. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Die deutsche Gründlichkeit, beim Autobau hochgelobt, beim Judenmord rätselhaft in ihrer Abgründlichkeit.
    Völkermord ist nirgends reiner Affekt, sondern wird von den Drahtziehern kaltblütig geplant. Diese Drahtzieher haben meistens mindestens eine gute Ausbildung.
    Offensichtlich schützt Bildung nicht vor Empathieverlust. Warum können sich Menschen derartig ideologisieren (lassen), dass die Empathie für Mitmenschen einer herausgegriffenen Gruppe völlig verschwindet? Das ist zweifellos auch ein gruppendynamischer Prozess. Wenn die Mehrheit nichts daran findet, erscheint es dem Individuum als "normal". So werden Normen langsam verschoben. Das schlimmste haben die Nazis dem Volk aber auch nicht auf die Nase binden wollen. Es gab m.W. keine Wochenschauen, in denen der Judenmord ausführlich als große, positive Leistung geschildert wurde. Man fürchtete wohl doch unerwünschte Sympathiereaktionen.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      In der 19. Minute stellt der Moderator die eigentliche Frage, die ich oben (11:44) angesprochen habe. Unterm Strich geht es ja nicht darum, wieso die Juden beneidet werden *konnten*, also was sie im Vergleich zu Nichtjuden so erfolgreich machte, sondern darum, warum sie dann tatsächlich beneidet wurden bzw. werden mussten, während andere, die ebenso erfolgreich waren, nicht so beneidet wurden. Dann sind wir eben beim Juden als Fremdem und Befremdlichem, beim "antithetischen" Juden und somit jenseits der Moderne, auf die sich Aly fokussiert.

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        In der 19. Minute stellt der Moderator die eigentliche Frage, die ich oben (11:44) angesprochen habe.

        Warum gerade die Juden? - Hmm, es hat auch Zigeuner getroffen, Schwarze galten ebenfalls als Untermenschen, mangels Masse hielt sich die Verfolgung in Grenzen, Slawen, ebenfalls laut nationalsozialistischer Rassenideologie Untermenschen, hat es aber später dann auch sehr hart getroffen. Zeugen Jehovas wurden auch verfolgt.

        Bei den Juden, ca. 500.000 im Reich und an der Zahl, war etwas zu holen, es lohnte sich hier zudem wirtschaftlich "mal ein wenig nachzuschauen", grundsätzlich hätte es jeden erwischen können. Zeitzeugen berichteten dem Schreiber dieser Zeilen, Katholiken, dass sie sich ebenfalls (langfristig) auf der Liste sahen.

        Was die Spezifität der Judenverfolgung ausgemacht haben könnte, war die kulturelle Unterschiedlichkeit, vereinfachend formuliert: der Jude schien das zu sein, was der Doitsche nicht war. Schwierig hier näher auszuführen, aber das Aufeinanderprallen von Doitschen und Juden scheint auch mentalitätsbedingt. - Ohne hier etwas besonderes gegen die Doitschen ausgesagt zu haben, natürlich; btw, Sarrazin meinte, etwas überinterpretiert, dass Derartiges überall hätte passieren können, dass aber nur im Reich die Voraussetzungen da waren es konsequent umzusetzen.

        MFG
        Dr. W

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        * dass Derartiges überall in nicht stabilen Demokratien hätte passieren können

  8. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Aja, vielleicht noch etwas Kritisches zum Artikel, Nolte hatte ja nicht sozusagen umfänglich recht, sofern er recht hatte:

    Tatsächlich kann man die nationalsozialistischen Lager nicht ohne ihre sowjetischen Vorgänger verstehen, also nicht ohne die blutrünstige Diktatur im Osten, an welcher Juden (aber wiederum nicht "die Juden") vor allem in der Anfangsphase ziemlich weitgehend beteiligt waren.

    Doch, das geht, das eine bleibt ohne das andere vorstellbar.
    Es ist auch ziemlich egal, inwiefern Juden den Kollektivismus und Internationalismus angeleitet haben oder angeleitet haben sollen, wenn die nationalsozialistische Mähmaschine einzuordnen und zu verstehen ist. Oder?

    MFG
    Dr. W (der bei Bedarf noch ein wenig konkreter wird)

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Im Nachhinein ist alles "vorstellbar". Aber als Historiker geht man ja davon aus, dass die Geschichte sich nicht à la Deus ex Machina entfaltet und es keine "Offenbarungen" gibt, sondern dass alle Prozesse, alle Entwicklungen schrittweise erfolgen, dass das Neue (z. B. die Gaskammern) immer eine Fortentwicklung des Alten (ein tödliches Lagersystem) ist. Insofern besteht die Aufgabe des Historikers u. a. darin, diese Prozesse zurückzuverfolgen.

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        Das wäre halt die Frage an Sie, wie Sie bestimmte Sichten oder Narrative entwickeln und wie Sie sich als politisch abhängig oder explizit politisch unabhängig aufstellen und publizieren.
        Ihr Kommentatorenfreund, der dies alles als politisches Gerühre kennt, auch Fritz Fischer oder den bedarfsweise in doitschen Medien seit Jahrzehnten hervorgeholten Moshe Zimmermann, den Sie auch kennen, daneben wären auf den d-sprachigen Bereich bezogen auch Uri Avneri und die Arendt zu nennen, wäre hier gespannt,
        MFG
        Dr. W

          • Dr. Webbaer | Permalink

            Ihr Kommentatorenfreund auch nicht.
            Letztlich geht es hier um Theorien, die erklären und beschreiben und auf das Gewesene eine sozusagen rückwärts-prädiktive Sicht zu pflegen haben.
            Die Sicht auf das Gewesene fällt nicht viel leichter als die auf das Zukünftige,
            Die Gaskammern waren bspw. eine amer. Erfindung und wurden auch nach der systematischen Judenvernichtung weitergepflegt, auch heute noch werden in einigen Ländern Strafgefangene qua Urteil getötet.
            Das 'tödliche Lagersystem' wurde als 'asiatische Lösung' auf die Armenier bezogen vom Führer begutachtet, vielleicht auch als Vorbild genommen, und hier müssen Sie ran.
            MFG
            Dr. W (der Sie um Ihre Aufgabe nicht beneidet, Ihnen aber eine Zukunft voraussagt, für so etwas eine Nase habend)

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