Zum österreichischen Scheinwerfer auf »Deutschland«

16. Juli 2014 von Yoav Sapir in Geschichte

Irgendwann habe ich das RSS-Feed von http://www.geschichtsforum.de abonniert, da tauchen ab und an interessante Diskussionen auf, so etwa heute mit dieser Diskussion um den ganzen deutschösterreichischen Komplex, der hier ja öfter thematisiert wurde.

Der Initiator schreibt:

Wenn ich nach Österreich komme, dann fühle ich mich nicht wirklich "im Ausland".

Dem kann ich mich anschließen: In Wien fühle ich mich erst recht in Deutschland, wesentlich mehr als etwa in Berlin. Nun sollte man mir aber erwidern: "Das ist ja deine subjektive Sicht." Und so ist es tatsächlich, was uns zur eigentlichen Frage bringt: Gibt es, kann es überhaupt eine "objektive" Sicht auf Deutschland geben?

Vor mehr als fünf Jahren (wie die Zeit vergeht) habe ich hier über das "kleindeutsche" historische Museum in Berlin geschrieben, welches das Österreichische am Deutschen so ungefähr ab 1866/1871 ausgeklammert hat und dies, sofern sich die Dauerausstellung in dieser Hinsicht nicht geändert hat, wohl noch immer tut.

Auch in der oben verlinkten Diskussion wird die Meinung vertreten, Österreich hat mit dem modernen Deutschland kaum oder jedenfalls nicht so viel zu tun, da "Deutschland" als Nationalstaat erst 1871 - und alsdann eben ohne Österreich - entstand. Diese Meinung - ich will sie erst mal die "1871-These" nennen - teile ich bekanntermaßen nicht, zumal die staatspolitische Trennung von Österreich - etwa im Gegensatz zur offensichtlichen Nichtzugehörigkeit Frankreichs zu Deutschland - auch nach 1871, ja bis 1945 immer ein Dauerthema blieb und eben nichts mehr war als eine bloß staatspolitische Differenzierung. Aber diese 1871-These ist trotzdem nachvollziehbar, wenn man davon ausgeht, dass Deutschland ein rein nationalstaatlicher Begriff sein sollte (wobei dann noch das Problem bleibt, dass nicht 1871, sondern erst 1949 ein Staat namens "Deutschland" wirklich entstand, was Verfechter der 1871-These gerne vergessen).

Es erscheint mir also nicht absolut sinnlos, die Auffassung zu vertreten, bis 1871 habe es nur Preußen, Sachsen, Österreicher etc. aber eben noch keine "Deutschen im heutigen Sinne" gegeben. So gesehen, wird das Deutsche eben so definiert, dass es im nationalstaatlichen Sinne erst mit der Reichgründung 1871 beginnt (eigentlich ließe sich der Ansatz noch ins Jahr 1848 zurückverfolgen, doch dann ist Österreich wieder drin und zwar auf eine ganz zentrale Art und Weise, also lassen wir das, damit die 1871-These uns noch irgendwie erhalten bleibt). Das ist offenbar die offizielle Position der Bundesrepublik, wie diese sich in den zugelassenen Geschichtslehrbüchern oder etwa im Deutschen Historischen Museum ausdrückt. Diese Sichtweise ähnelt der Differenzierung zwischen "jüdischer" und "israelischer" Geschichte, wobei Letztere als Staatsgeschichte angesehen wird, die eben erst 1948 (oder allenfalls einige Generationen davor) beginnt.

Es drängt sich aber die Frage auf, inwiefern man dann zur deutschen Geschichte, also zu dieser spezifischen Geschichtskonstruktion, auch noch die ganzen Jahrhunderte bis zum 19. Jahrhundert, also die lange Zeitspanne vor der Entstehungsgeschichte von 1871, zählen darf. Man könnte und sollte ja noch die Vorgeschichte von 1848 einbeziehen, um 1871 zu erklären; aber wenn "Deutschland" tatsächlich erst 1871 entstanden ist, dann ist die ganze Geschichte des Alten Reiches bis 1806 keine "deutsche" Geschichte mehr, jedenfalls nicht im 1871-Sinne des Deutschen. Anders formuliert: Wenn "das Deutsche im heutigen Sinne" erst seit 1871 besteht, hat Karl der Große im Deutschen Historischen Museum eigentlich nichts zu suchen, jedenfalls ebenso wenig wie König David in einem Museum zur israelischen Geschichte.

Die größte Schwäche der 1871-These ist folglich nicht die staatspolitisch orientierte Auffassung an sich, sondern vielmehr die Inkonsequenz ihrer Verfechter, die dem Deutschen zwei sich widersprechende Definitionen auferlegen wollen: einerseits eine "völkische", die wie im Deutschen Historischen Museum bis in die germanischen Stämme der Römerzeit zurückreicht und alle seitdem entstandenen Staatsgebilde, wie etwa das Alte Reich, miteinbezieht; und andererseits eine modern-staatspolitische, die alle anderen Zusammenhänge ignoriert und nur noch den staatspolitischen Akt vom Januar 1871 gelten lässt.

Dass die 1871-These nicht so ganz dicht ist und nur aus "politisch korrekten", also mehr oder weniger psychologischen Gründen nunmehr die offizielle Position der BRD darstellt, dürfte klar sein; dass diese offizielle Geschichtskonstruktion - eigentlich: Geschichtspolitik - trotzdem nicht auf die "völkische" Vergangenheit bis 1871 oder 1848 verzichten kann, ist indes schon etwas schizophren. Beides zusammen ist wesentlich wackliger als die 1871-These an sich - es ist nichts anderes als ein Januskopf.

Woran es hierzulande nach wie vor fehlt, ist ein kritisches Werk zur Entstehung und Umdeutung des Deutschen und des Deutschlandbegriffs. Dabei meine ich mit "kritisch" nicht nur "NS-kritisch", sondern auch, ja wie es sich gebührt vor allem gegenwarts- und somit selbstkritisch, weil es, wie es jedem Historiker klar sein müsste, keine "objektive" Sicht auf Deutschland gibt oder geben kann. Ein solches Projekt wäre also eine große Erweiterung von Gerald Stourzhs exzellenter Analyse des "Österreichbegriffs", die an seine Methodik anknüpfen und diese auf den gesamten deutschen Raum anwenden sollte - oder noch genauer: auf alle deutschen Räume, auch jenseits von Mitteleuropa.

Dieses Thema war ja mein altes, leider bis heute unverwirklichtes Dissertationsvorhaben. Hoffentlich wird sich ein anderer dieses Vorhabens annehmen - und sollte es tatsächlich jemand versuchen, so wird er hier reichlich Material finden.

 


18 Kommentare zu “Zum österreichischen Scheinwerfer auf »Deutschland«”

  1. Zoran Jovic Antworten | Permalink

    Die Entwicklung einer Österreichischen Identität die sich nicht mehr als deutsch versteht ist eine Entwicklung seit dem 1945, von der Politik gefördert und bei jeder Gegebenheit wurde die Besonderheit von Österreich im Vergleich zu Deutschland gefördert (Probleme wie Salzburg das bis Napoleon ein eigener Staat war) ausgeklammert.

    Dafür gibt es mehrere Gründe.

    - Der neue Staat sollte legitimiert werden und sich nie wieder an Deutschland anschließen.
    - Die Österreicher wollten lieber die ersten Opfer als Täter sein.
    - Der Leid des Krieges hatte das Deutschtum diskreditiert.

    Wer sich das Abspalten einer Nation in Echtzeit sehen will der schaue sich mal die politische Situation heute in Montenegro an.

    P.S Bist angemeldet auf geschichtsforum.de???

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Was wäre also deine Position, wie deutsche Geschichte im Hinblick auf Österreich zu konstruieren ist - nach 1945 draußen, aber bis 1945 (also 1848/1866/1871 bis 1945) drinnen?

      PS. Bin nicht angemeldet, hab nur das Feed abonniert. Warum?

      • Zoran Jovic Antworten | Permalink

        Ich bin nämlich angemeldet auf geschichtsforum, bin auch jetzt ein relativ guter Schreiber (am Anfang hatte ich eine Wilde Phase).

        Im Grunde müsste man sagen ja bis 1945 drin, dann draußen. Auch wenn mein Geschichtslehrer (der eher links war, also kein FPÖ Wähler/wo es durchaus viele Deutsche gibt) mal einen Spruch gemacht hat der Suggeriert das Österreicher und Deutsche eine Nation wären.

        Wobei das HRE als Deutschland zusammenzufassen, hat auch seine Minuspunkte.

    • Ano Nym Antworten | Permalink

      (Probleme wie Salzburg das bis Napoleon ein eigener Staat war) ausgeklammert.

      "Steht es Deutschland oder steht es Österreich zu, Mozart als den Ihren zu reklamieren?" Für national gesinnte oder um die Darstellung der Nation bemührte Menschen kann man das natürlich nicht ausklammern, sondern nur klären:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Mozart#Mozarts_Nationalit.C3.A4t

      • Zoran Jovic Antworten | Permalink

        Ich würde sagen jeder Österreicher bis 1945 kann mit fug und Recht als Deutscher gesehen werden und als Teil der deutschen nationalen Geschichte. Natürlich auch von Österreich.

        Ich wüsste nicht warum sich nur einer sich auf Mozart beziehen sollte.

  2. Jonas Antworten | Permalink

    Wurde 1848 nicht die Kaiserkrone dem preussischen König angeboten und Österreich war damit schon draußen?
    Es ist unstreitig, dass Österreich im Alten Reich eine Hauptrolle (wenn nicht sogar lange Zeit die Hauptrolle) gespielt hat, nur das HRR gibt es seit 1806 nicht mehr und auch vorher hatte Preußen wenig Probleme gegen Österreich und den Kaiser in den Krieg zu ziehen, und niemand würde auf die Idee kommen dies einen Bürgerkrieg zu nennen. Und auch im Rahmen der Befreiungskriege gab es außer dem Gegner wenig Gemeinsamkeiten. Ein Aufruf "An mein Volk" kenne ich von Franz I. nicht, der verheiratete lieber seine Tochter. Und kurze Zeit später war es dann ja auch ein Österreicher, der ein erneuertes (klein- oder groß)deutsches Kaiserreich verhinderte.
    Danach stand immer mal wieder die Frage im Raum ob mit Österreich oder ohne. Die Frage wurde dann 1871 oder vielleicht besser 1866 final entschieden. Da änderte auch der Anschluss 1938 nichts mehr, weil der sich 1945 erledigt hatte, Gedankenspiele hin oder her. Und seit dem (immerhin fast 70 Jahre) ist das Thema völlig durch
    Österreich gehört spätestens ab 1871 genauso wenig zur deutschen Geschichte wie Westpommern ab 1949 oder Deutsch-Südwestafrika ab 1919.
    Ich gehe allerdings mit, dass es problematisch ist Arminius und Co. unter der Rubrik deutsche Geschichte einzuordnen. Die Stämme im heutigen Deutschland haben sich mit Sicherheit nicht als eines gesehen, aber sie müssen zur Betrachtung der deutschen Geschichte genaus herangezogen werden wie Rom und "Durchreisende". Und sei es um zu erklären warum das heutige Deutschland damals nicht völlig romanisiert wurde und ein zweites Frankreich wurde. Eine Eröffnung "Liebe Leute, das ist Otto I., der wohnte damals irgendwie hier, mit dem begann die Geschichte" würde mich jedenfalls zum sofortigen Gehen veranlassen. Wobei auch Otto als Ausgangspunkt alles andere als unstrittig wäre.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Das war 1849 und zudem erst nachdem die Habsburger sich geweigert hatten, Teil des neuen Reichs zu werden, und die bis dahin noch österreichische Führung der Frankfurter Nationalversammlung aufgegeben worden war.

    • Paul Stefan Antworten | Permalink

      Zur Zeit Mozarts war "deutsch" nicht nationalstaatlich gemeint, es gab ja keinen einen deutschen Staat, sondern viele deutsche Staaten, die auf ihre Souveränität pochten. Wer sich als "deutsch" bezeichnete, wollte eben kein Salzburger oder Österreicher sein.
      Die Tschechen haben übrigens auch eine Einladung zum Frankfurter Parlament bekommen, Palacký hat es aber abgelehnt, weil die Tschechen keine Deutschen seien und der Bund nur ein Fürstenbund gewesen sei (der König von Böhmen war Kurfürst des HHR).
      Man kann aber auch nicht so tun, als hätte es früher überhaupt keine Nationalidee gegeben, denn schließlich hieß das HHR seit dem späten 15. Jh. "HHR von deutscher Nation". Der Begriff "Deutschland" existiert (mindestens ?) seit dem 17. Jh.

      Die Sache ist kompliziert und ein "kritisches Werk zur Entstehung und Umdeutung des Deutschen und des Deutschlandbegriffs" wäre in der Tat wünschenswert.
      Was hält dich ab, Yoav?

  3. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    (...) Inkonsequenz ihrer Verfechter (...)

    Da ist was dran.

    Dieses Thema war ja mein altes, leider bis heute unverwirklichtes Dissertationsvorhaben.

    Einsicht wie Talent scheinen ja da zu sein, was hat Dich vom Vorhaben abgebracht?

    MFG
    Dr. W

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      2008 in Heidelberg, als ich schon wusste, dass es mit dem Rabbinat eine schlechte Idee war, habe ich parallel dazu eine Promotion am Historischen Seminar aufgenommen. Im zweiten Semester musste ich leider feststellen, dass der Prof. keine Ahnung hat, worum es geht, und mir eine ganz fremde (sagen wir mal: politisch korrekte) Herangehensweise auferlegen will. Dann habe ich das sein lassen und später sowieso Heidelberg verlassen. 2012 in Wien, als ich an der Uni einen Vortrag zum Thema gehalten habe, hat mir ein Prof. vorgeschlagen, es doch noch mal, und sei es auch an der Uni Wien, zu versuchen. Vielleicht komme ich noch dazu. Ehrlich gesagt halte ich nichts von den beiden Buchstaben, also wüsste ich momentan nicht, warum ich mir jenseits vom Bloggen die wesentliche größere Mühe einer Monographie machen sollte.

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        Unabhängig davon, ob die Beschäftigung im Rahmen einer Dissertationsschrift erfolgt oder anderweitig, ergäbe sich die Möglichkeit mit Deinen Deutschland-Kenntnissen und -Einsichten mal ein wenig "aufzutrumpfen" und Feuilletons und vielleicht auch TV-"Quatschrunden" ein wenig aufzufrischen.
        MFG
        Dr. W (der allerdings die bundesdeutsche Lage nicht so-o gut kennt, vielleicht wird dort ohnehin am Deutschlandbild sinnhaft gearbeitet?!)

        • Yoav Sapir Antworten | Permalink

          Da überschätzt du aber die bundesdeutsche Lage und vor allem die bundesdeutsche Bereitwilligkeit, kritisch über die eigene Identität nachzudenken.

  4. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Nun sollte man mir aber erwidern: "Das ist ja deine subjektive Sicht." Und so ist es tatsächlich, was uns zur eigentlichen Frage bringt: Gibt es, kann es überhaupt eine "objektive" Sicht auf Deutschland geben?

    Von der Menge breit getragene Sichten ("Theorien") gelten idR als 'objektiv', aus Sicht des Konstruktivisten kann hier natürlich nur ein Argument ad populum festgestellt werden, ein Argumentationsfehler also.
    Erkenntnis wird in "n:m"-Beziehungen zwischen Subjekten und Gegenständen (die auch Sichten oder Theorien sein können) verwaltet, moderne "westliche" Systeme basieren auf dieser Idee, der den "Pöbel" achtet, netter formuliert: die Meinung aller, die es zu aggregieren gilt, politisch, aber nicht bei der eigentlichen Suche nach Erkenntnis, das Wissenschaftliche meinend, die Wissenschaft ist leider leider nicht demokratisch konstituiert.
    MFG
    Dr. W (der sich für heute ausklinkt, sollte nicht noch besondere Nachricht anfallen)

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      * die den "Pöbel" achtet
      MFG
      Dr. W (der nichts gegen eine Vorschau oder gegen die Möglichkeit der nachträglichen Bearbeitung kommentarischer Nachricht hätte)

    • Skeptiker Antworten | Permalink

      Nur kommen oft genug die Erkenntnisse u. großen ideen eben aus den Reihen des Pöbels. ;-)

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