Glyphosat für den Regenwurm

10. März 2016 von Sören Schewe in Allgemein

Es geht um den Wurm - und Glyphosat, welches aktuell dank der Grünen und medialer Multiplikatoren wieder reichlich en voque ist. Zu Messergebnissen und Nachweis-Methoden wurde schon reichlich gesagt, sehr wenig allerdings zum praktischen Einsatz. Ein Aspekt ist dabei vor dem Hintergrund einer nachhaltigen Landwirtschaft recht interessant.

Die 30er-Jahre waren ein recht staubiges Jahrzehnt in den USA. Zu dieser Zeit entstand die "große Staubwolke", bestehend aus Ackerboden, der sich mit dem Wind sprichwörtlich vom Acker machte. Das Pflügen hatte den Boden einfach zu stark gelockert. Getrocknet durch den Wind gab es dann kein Halten mehr. Ein Umdenken war nötig und stieß eine Entwicklung an, die bis heute anhält. Die aus diesem Desaster entstandene Direktsaat oder auch pfluglose Bodenbearbeitung - auf Englisch No till-Farming - gewinnt daher zunehmend an Bedeutung.
Letztes Jahr hatte ich anlässlich der Veröffentlichung des Bodenatlas diese Form der Bodenbearbeitung anhand eines Blogbeitrages von US-Landwirt Brian Scott beschrieben, der seine Felder übrigens nur so bewirtschaftet:

Klar, eine verbesserte Bodenstruktur ist natürlich der Grund für dieses Verfahren. Brian beginnt seine Argumentation aber anders, weshalb ich hier kurz auf den Artikel des Scientific American zurückgreife. Während ein Pflug bis zu 25 cm des Bodens umwälzt und dabei Pflanzenreste der letzten Ernte untergräbt, agiert ein Grubber nur an der Oberfläche und ermöglicht dem Boden so eine eigene Struktur, die von den dort lebenden Organismen bestimmt wird. Als weiteren Vorteil erwähnt Brian die Stoppel-Rückstände, die auf den Feldern bleiben, wenn gerade nichts neues wächst. So können Regen und Schnee langsam hindurch in den Boden sickern, anstatt einfach abzufließen und Boden mitzunehmen. Klar, wenn es schüttet wie aus Eimern, passiert das trotzdem. Der dritte Vorteil geht raus an alle Regenwürmer, denn die pfluglose Bearbeitung spart auch Fahrten über das Feld, was direkt zum Thema der Verdichtung führt. Die wird dadurch reduziert, es bleiben mehr Lufträume im Boden für die Tiere und so kann auch hier Wasser besser versickern.

Interessant wird es jetzt bei den Nachteilen:

Trotz offensichtlicher Vorteile der pfluglosen Bodenbearbeitung bringt die Abstinenz eines Pfluges aber auch Probleme mit sich, kann Unkraut doch nicht mehr mechanisch bekämpft werden. Gut, da gibt es natürlich Wege, um den Unkraut beizukommen: Brian hat da zum Beispiel mit **Round Up (Anmerkung: das ist das Produkt, welches Glyphosat enthält)** gute Erfahrungen gemacht – bei den Autoren des Bodenatlas natürlich Grund für Schluckauf. Eine weitere Herausforderung sind die schon als vorteilhaft erwähnten Rückstände der letzten Ernte, die zu Trägern von Krankheiten werden können und damit die nachfolgende Ernte infizieren. Normalerweise werden diese Rückstände einfach untergepflügt, was hier natürlich flachfällt. Hier bietet sich der Wechsel der Fruchtfolge an, also unterschiedlicher Pflanzensorten, die nicht mit den gleichen Krankheiten/Schädlingen zu kämpfen haben. So werden Krankheitszyklen und die Vermehrung von Schädlingen unterbrochen. Der gerade auch wirtschaftlich brisanteste Faktor bei der Entscheidung zur pfluglosen Bodenbearbeitung ist die Zeit. Ein Feld, das über Jahrzehnte gepflügt wurde, ändert sich nicht über Nacht. Der Aufbau der Bodenstruktur braucht in der Regel einige Jahre. Unnötig zu erwähnen, dass damit auch die Erträge erst nach und nach steigen. Was Brian hier aus seiner Erfahrung als Landwirt beschreibt, deckt sich durchaus mit den Aussagen im Bodenatlas (Seite 18-19), wenn man die typischen Seitenhiebe kurz ignoriert.

Welch Dilemma! Die Regenwürmer et al. feiern, weil ihnen niemand auf die Nüsse geht, Brian und Kollegen sparen Diesel und damit Geld und CO2. Es könnte alles so perfekt sein - und dann braucht es Glyphosat.

Von der FAO gibt es ein kleines Buch über die Entwicklung der Direktsaat in Süd-Brasilien, die dort seit Mitte der 80er-Jahre nicht mehr aufzuhalten ist. Einer der genannten Gründe ist eine deutliche Vergünstigung des Glyphosats, das seit Mitte der 80er in Brasilien produziert wird. Gleichzeitig verbesserte sich auch die Verfügbarkeit anderer Herbizide, wodurch sich das Unkraut wie beschrieben leichter kontrollieren ließ.

Ich halte sehr viel von der pfluglosen Bodenbearbeitung. Eine aktive Bodenfauna - zu der eben auch der Regenwurm gehört - ist schon für sich ein starkes Argument. Aber auch Land Degradation - also der Moment, wenn sich der Acker vom Acker macht - ist global eine Herausforderung (in den USA und später Brasilien etc. war es der Grund für die Umstellung auf Direktsaat). Leider zählt das alles gerade nicht, weil man eben auch Glyphosat benötigt.

Ich fand es daher einfach mal wichtig, diesen Aspekt des Ackerbaus aus Sicht der landwirtschaftlichen Praxis nochmal zu erwähnen.


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Ein Kommentar zu “Glyphosat für den Regenwurm”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Glyphosphat wird (von einigen) verdächtigt, Erdwürmer zu schaden. So liest man zur Bildunterschrift von Darwin's worms, our worry folgendes:

    Over the past 150 years, pollution, pesticides and overuse of soils have lead to a decline of soil biodiversity including earthworms.

    Auch in der Forschungsliteratur wird man fündig:

    Based on the eminent role of earthworms in soil systems, the increasing use of glyphosate­ based herbicides worldwide may have irreversible negative impacts on agroecosystems

    Generell finden man in der Forschungsliteratur viele Berichte über sublethale Effekte von Glyphosphat auf Erdwürmer.

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