Bologna - Zehn Jahre zwischen Idee und Umsetzungsversuchen
Ein Kommentar von Albert Albers und Tobias Deigendesch
Weit weg ist Bologna. Weit fortgeschritten ist der Bologna-Prozess! Soweit ist man sich einig - in Berlin, Bonn und den Landeshauptstädten - aber wie weit weg ist er von den Fakultäten, deren Dekanaten und Lehrenden? Wie weit ist der Bologna-Prozess in seiner Umsetzung in Deutschland tatsächlich gelungen?
Blickt man in die wenige Seiten starke Erklärung der Bildungsminister zum Europäischen Hochschulraum aus dem Jahre 1999 und heute zehn Jahre später in die Stätten universitärer Lehre, stellt man vielfältige und gut gemeinte Aktivitäten auf den adressierten Gebieten fest. Der Reformwille war und ist groß, führte jedoch häufig an den ursprünglichen Zielen vorbei.
Die grundsätzlich freiwillige (!) Umsetzung der Bologna-Erklärung mit ihren - im Sinne einer europäischen Einigung - wünschenswerten Zielen geschieht durch den Bologna-Prozess, dessen bekannteste Folge die Umstellung traditions- und erfolgreicher Studiengänge in das zweistufige Bachelor-Master-System ist. Dass dies die Bologna-Erklärung so nicht vorschreibt, ist vielen unbekannt! Die Einführung eines leicht verständlichen Systems mit vergleichbaren Abschlüssen ist insbesondere aus Studierendenperspektive, aber auch aus der Sicht derer späteren Arbeitgeber ein erstrebenswertes Ziel. Davon sind wir allerdings auch im zehnten Jahr der Erklärung noch weit entfernt. Während beispielsweise die früheren Diplomstudiengänge bundesweit einigermaßen einheitlich sowie für alle Interessensgruppen vergleichbar und einzuordnen waren, kennen wir nun Bachelor-Programme mit sechs, sieben oder gar acht Semestern Studienzeit. Unter den Studieninteressenten herrscht eine nachvollziehbare Unsicherheit. Gleiches gilt für Arbeitgeber, die nun sehr genau prüfen werden müssen, welche Kompetenzen sie von einem sechs-, sieben- oder achtsemestrig qualifizierten Bachelor und dem darüber hinausgehenden Master erwarten dürfen. Hinzu kommt die aus guten Gründen abwehrende Haltung einiger Disziplinen, die traditionsbewusst und dennoch nicht reformfaul weiterhin ihre Studiengänge und Abschlüsse anbieten. Wäre es für Sie eine beruhigende Vorstellung, von einem sechssemestrig qualifizierten Arzt behandelt zu werden? Wäre es für Sie eine beruhigende Vorstellung, dass ein Bachelor mit sechs-semestrigem Kurzstudium die Statik Ihres Hauses berechnet? Dies stellt die Frage nach der erreichbaren Berufsbefähigung. Da der Nürnberger Trichter soweit noch nicht erfunden ist, können mit den Bachelor-Abschlüssen des gestuften Modells nicht die Qualifikationsniveaus der bisherigen Magister-, Diplom- und Staatsexamensstudiengänge erreicht werden. Dies gilt es bei allen Diskussionen über Abschlüsse und die damit verbundene Berufsbefähigung zu beachten.
Wie steht es um die Verbesserung der Mobilität von Studierenden und Lehrenden, einer weiteren Kernidee der Bologna-Erklärung? Die kurze Studiendauer zum Erreichen der Abschlüsse durch die oft gewählte Art der Stufung und auch der erhöhte zeitliche Aufwand im Studium mit seinen verschulten Stundenplänen haben eher zu einer Verringerung der Mobilität bei den Studierenden geführt - auch wenn mit der Ratifizierung der Lissabon-Konvention die Grundlage zur Anerkennung von im Ausland erbrachten Leistungen geschaffen wurde. Gleiches gilt beim Praxisanteil der Studiengänge, der oft ebenfalls einer reduzierten Studiendauer geopfert wurde. Ist es richtig, eine stringent begrenzte Studiendauer durch ein Weniger an Mobilität und Erfahrung zu erkaufen? Hier ist ein Umdenken gefragt.
Der Forderung nach mehr Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung wurde in zweierlei Hinsicht Rechnung getragen. Die Einführung des Akkreditierungswesens als Qualitätssicherungssystem für Studiengänge hat zwar zu einigen wesentlichen Anregungen gut gestalteter peer-review-Verfahren geführt, allerdings herrscht noch in vielen Bereichen eine große Verunsicherung ob der Standards und der Qualität der Evaluationsprozesse. Insbesondere auch die Bedeutung und Anerkennung der aufgebauten Akkreditierungsstrukturen im internationalen Kontext lässt noch Fragen offen. Des Weiteren ist der personelle und finanzielle Aufwand im Rahmen der Programmakkreditierung vor dem Hintergrund der Leistungsfähigkeit der Hochschulen eine große Herausforderung.
Die Verabschiedung eines europäischen Qualifikationsrahmens und dessen geplante Umsetzung in einen nationalen Qualifikationsrahmen sind weiterer Aspekte europäisch motivierter Qualitätssicherung. Mit der linearen Aneinanderreihung von Qualifikationsstufen schränkt der Ansatz des Qualifikationsrahmens entgegen der in der Bologna-Erklärung hervorgehobenen "uneingeschränkten Achtung der Vielfalt der Kulturen" genau diese in Deutschland herrschende vielfältige Kultur des Nebeneinanders von dualer beruflicher sowie akademischer Bildung ein. Wir müssen eine Struktur schaffen, die dieser erfolgreichen Tradition den Rücken stärkt.
Der europäische Gedanke, die Idee, der Geist von Bologna sind begrüßenswert. In Deutschland haben wir es aber noch nicht geschafft, den Geist mit Übersicht und Weitblick aus der Flasche zu lassen. Zehn Jahre nach Bologna ist es an der Zeit, das Jammern zu beenden, gemeinsam anzupacken und den in Bologna angestoßenen Veränderungsprozess unter Bewahrung der erfolgreichen Elemente unseres nationalen Hochschulsystems zu Ende zu bringen. Dies bedarf der intensivierten Integration aller Interessensgruppen aus Politik, aus Wirtschaft und den Hochschulen, wie auch deren beständigen Willen zum Besseren und zum Wohle aller. Denn unsere Gesellschaft kann und darf sich eine Generation verunsicherter Nachwuchsakademiker und reformfrustrierter Hochschullehrer und Wissenschaftler nicht leisten.
Die Autoren:
o. Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Albert Albers,
Jahrgang 1957, ist seit 1996 Ordinarius und Leiter des Institutes für Produktentwicklung der Universität Karlsruhe (TH). Vor seinem Ruf an die Universität Karlsruhe war Prof. Albers bei der LuK GmbH & Co. OHG zuletzt Entwicklungsleiter sowie stellvertretendes Mitglied der Geschäftsleitung tätig.
In seiner Forschung konzentriert sich Prof. Albers auf die Modellierung von Produktentwicklungsprozessen sowie auf Methoden zur Unterstützung der Produktentwicklung im Maschinen- und Fahrzeugbau.
Prof. Albers ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), Mitglied und stellv. Vorsitzender der wissenschaftlichen Gesellschaft für Maschinenelemente, Konstruktionstechnik und Produktentwicklung WGMK, sowie Mitglied des Berliner Kreises - Wissenschaftliches Forum für Produktentwicklung. Seit 2008 ist er Präsident des Allgemeinen Fakultätentages.
Dipl.-Ing. Tobias Deigendesch ist akademischer Mitarbeiter am IPEK - Institut für Produktentwicklung Karlsruhe und forscht an Methoden der Kreativitätsunterstützung und des Wissensmanagements in der Produktentwicklung.
Er führt die Geschäfte des Allgemeinen Fakultätentages.
Weiterführende Links:
- Positionen der Mitgliedsfakultätentage zum Bologna-Prozess
- "Jetzt umlenken!" Kommentar von Prof. Dr. Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, in Spektrum der Wissenschaft 6/2009 (pdf)

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