wissenslogs 10 JAHRE BOLOGNA

Was bedeutet der Bologna-Prozess für die Universität und ihre Studierenden?

Beitrag vom 15. Juni 2009, 06:57

Arend OetkerEine Stellungnahme von Dr. Arend Oetker
Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft

 

Ein Blick in unsere Geschichte zeigt: Humboldt entwarf die Universität als einen Ort der gleichberechtigten und selbstbestimmten Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, geeint von der Liebe zur Wissenschaft; und Helmholtz verteidigte 1877 die "alte Auffassung der Studierenden als selbst verantwortlicher junger Männer, die aus eignem Trieb die Wissenschaft suchen, und denen man es frei überlässt, ihren Studienplan sich einzurichten, wie sie es für gut finden."

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts müssen wir diese Auffassung von Studium und Universität angesichts der aktuellen Gegebenheiten etwas modifizieren:

Erstens: Die übergroße Mehrzahl der Studierenden besucht die Universität heute nicht mehr (nur) aus ‚Liebe zur Wissenschaft', sondern mit dem Ziel, danach einen interessanten und abwechslungsreichen Beruf zu ergreifen, was freilich kaum eine zu beanstandende Absicht ist.

Zweitens: Statt lediglich einer kleinen Elite steht die Universität heute großen Kreisen offen. Die Hochschule hat sich für die breite Gesellschaft geöffnet, wie überall in hochentwickelten Wissensgesellschaften. Auch das war wichtig, unvermeidlich und gut - und der Prozess wird sich fortsetzen, denn aus guten Gründen streben wir nach einer weiteren Steigerung unserer Akademikerquote. Was früher angemessen war, die Studenten selbstbestimmt und frei studieren zu lassen, es Ihnen zu überlassen was sie wollten, wie sie wollten und wo sie wollten, das hat sich unter dem Andrang der Massen nicht selten zu einem Zustand der Verwahrlosung entwickelt. Viele Hochschulen haben es sich bis weit in die Gegenwart hinein geleistet, die Studierenden mit ihrem Studium weitgehend allein zu lassen. Das kam vielleicht einer kleinen Minderheit exzellenter Studierender weiter zu Gute, ignorierte jedoch die Bedürfnisse der Mehrheit, die Orientierung, Betreuung und Berufsorientierung verlangt und benötigt. Die Folge waren überlange Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten. In der "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" spielten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Lernenden nur eine Nebenrolle.

Durch den Bologna-Prozess hat sich dies entscheidend gewandelt: Die Studierenden stehen nun im Mittelpunkt. Das gestufte System erkennt erstmals bei der Gestaltung von Studiengängen an, dass nicht jeder Student, der an die Universität kommt, später eine wissenschaftliche Karriere anstrebt. Viele Hochschulen haben die Reform genutzt, um den Praxisbezug des Studiums zu erhöhen und neben der Vermittlung von Fachwissen die Ausbildung von Schlüsselqualifikationen zu fördern. Insbesondere in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern, die bislang besonders hohe Abbrecherquoten aufwiesen, haben sich die Studienerfolgsquoten und die durchschnittlichen Studienzeiten deutlich verbessert. Freilich ist nicht alles Gold, was glänzt. So sind diese Ziele zum Beispiel in den Ingenieurwissenschaften noch nicht erreicht; hier gilt es, die Curricula - vor allem des Bachelorstudiums - noch einmal zu überprüfen und gegebenenfalls nachzusteuern.

Der Bologna-Prozess kann sich segensreich auf die (Neu-)Gestaltung der Studieninhalte und Studienbedingungen auswirken. Er will aber ideenreich und mit dem wirklichen Willen zur zeitgemäßen und zielgenauen Neugestaltung umgesetzt sein, und das geschieht leider nicht überall. So ist zum Beispiel nicht einzusehen, dass an einer deutschen ‚Bologna-Hochschule' alles seine strenge Ordnung haben muss. Hier wirken sich starre Vorgaben der Kultusministerkonferenz nicht selten nachteilig aus: So haben die Akkreditierungsvorgaben insbesondere im Masterbereich ("konsekutiv", "nicht-konsekutiv" und "weiterbildend") mit der studierten Realität nur wenig zu tun. Darüber hinaus lassen die Studienpläne vieler Bachelor- und Masterstudiengänge nur wenig Raum für individuelle Vorlieben und Berufsziele. Kurse aus unterschiedlichen Studiengängen flexibel zu einem individuellen akademischen Profil zu verbinden sollte künftig ebenso selbstverständlich werden wie ein deutscher Doktor, der zwar Bachelor, aber niemals Master war oder ein Bachelor, der zwar Geselle, aber niemals Abiturient war. Hier wäre mehr Freiraum für die Hochschulen wünschenswert - aber auch mehr Phantasie der Hochschulen. Auch in den neuen Strukturen kann man die akademische Freiheit zeitgemäß erblühen lassen - anstatt zu normieren oder schmollend einem unzeitgemäßen Ideal aus dem vorletzten Jahrhundert nachzutrauern. Man muss nicht erst nach Amerika schauen, um festzustellen, dass eine Humboldtsche Kultur auch in Bachelor- und Masterstrukturen gelebt werden kann. Die Studierenden wären die dankbaren Nutznießer!  
 


Veranstaltungshinweis:

  • 10 Jahre Bologna: Wo stehen wir?
    Zehn Jahre nach der Unterzeichnung der Erklärung und ein Jahr vor Erreichen des Zieljahres 2010 werden renommierte Vertreter aus Hochschulen, Politik und Unternehmen im Dialog mit den Akteuren des Bildungs- und des Arbeitsmarktes der Frage nachgehen, wo wir heute stehen.
    8.7.2009, 10:30 bis 17:30 Uhr, Berlin

Weiterführende Links: 

  • "Jetzt umlenken!" Kommentar von Prof. Dr. Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes,  in Spektrum der Wissenschaft 6/2009 (pdf)
  • 10 Jahre Bologna - Die Zukunft unserer Hochschulen Bloggewitter "10 Jahre Bologna - Die Zukunft unserer Hochschulen: Bologna-Übersichtsseite

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