SciLogs International .eu.be.es.de
scilogs Fischblog spektrum.de

Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?

von Lars Fischer, 23. Dezember 2007, 13:01

Heute überlasse ich - passend zur religiös geprägten Saison - dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume das Podium. Michael Blume beschäftigt sich unter anderem mit den biologischen Ursprüngen und Mechanismen der Religiosität; 2005 promovierte er in Tübingen über das Verhältnis von Neurowissenschaften und Religionswissenschaft

An der Uni Heidelberg veranstaltet er in diesem Semester das Seminar "Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion", an dem ich auch mitwirke. Kennengelernt habe ich ihn vor einer Weile über sein Religionswissenschafts-Blog, in dem er regelmäßig über derartige Themen schreibt. Heute berichtet er hier bei Abgefischt über mögliche biologische Grundlagen des Zölibats. Viel Spaß!

---

Glaube und Zölibat: bio-logisch erfolgreich?

Edward O. Wilson, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, stellte in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch On human Nature von 1978 fest: "Religion stellt die größte Herausforderung für die Soziobiologie des Menschen dar und ihre aufregendste Gelegenheit, als eine wirklich originale theoretische Disziplin fort zu schreiten." (S. 178, Übers. aus dem Englischen)

Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Wilsons Traum in Erfüllung gehen könnte. In spezialisierten Netzwerken wie den Evolutionary Religious Studies wirken längst nicht nur Forscher verschiedenster Nationen, sondern vor allem auch unterschiedlichster Disziplinen mit. Dabei treffen Evolutionsbiologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Neuromediziner, Soziologen, Ökonomen, Theologen, Philosophen und (vergleichende) Religionswissenschaftler nicht nur auf immer mehr Tagungen aufeinander, sondern nutzen auch das Internet, um in einer früher undenkbaren Geschwindigkeit und Tiefe empirische Daten und Thesen auszutauschen.

Dabei verdichten sich die Befunde von der Zwillingsforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Religionswissenschaft zu einem wachsenden Konsens, der gerade in seiner Selbstverständlichkeit verblüfft: Religiöse Veranlagungen scheinen völlig entsprechend zu etwa sprachbezogenen oder musikalischen, genetisch veranlagten Fähigkeiten mit hoher, kultureller Plastizität über Fitnessvorteile evolviert zu sein - und wohl auch weiter zu evolvieren. Eine schnell wachsende Zahl von Studien und auch psychologischen Experimenten belegt eine gesteigerte Kooperationsbereitschaft zwischen Religiösen sowie die Abwehr von Trittbrettfahrern und Assimilation durch kostspielige Verpflichtungen und Rituale.

Sogar die sprichwörtliche „Gretchenfrage“ (Gretchen an Faust: „Wie hälst Du’s mit der Religion?“) kommt inzwischen zu empirischen Ehren: Kostspielige Religiosität scheint tatsächlich als ein Indikator für Partnertreue und damit förderliches Merkmal sexueller Selektion zu wirken - und geht tatsächlich mit geringeren Raten etwa an Scheidungen und Alleinerziehenden in Religionsgemeinschaften einher. Also genau das, was Goethes Mephistopheles (in Kapitel 16) im spöttischen Kommentar zu Gretchens Frage vermutete:„Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“

Zumindest kann es nach Auswertung sowohl nationaler wie internationaler Daten und vor allem auch der Schweizer Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 (die jeweils als Vollerhebungen durchgeführt wurden) praktisch keinen statistischen Zweifel mehr geben, dass religiös vergemeinschaftete Menschen weltweit durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre konfessionslosen Zeitgenossen auch je der gleichen Einkommens- und Bildungsschicht.Ja, entgegen auch unseren frühen Erwartungen nimmt der reproduktive Abstand mit steigenden Freiheits-, Wohlstands- und Bildungsniveaus sogar zu! Denn während Menschen in klassischen Agrarwirtschaften kaum Alternativen zu einer hohen Kinderzahl als Arbeitskräfte und Altersversorgung hatten, werden Kinder in modernen Marktgesellschaften zu sehr kostenträchtigen Wertentscheidungen.

So blüht beispielsweise der Kreationismus in den USA nicht etwa, weil er haltbare, wissenschaftliche Argumente hätte - sondern weil tiefreligiöse Christen, Juden und Muslime durchschnittlich erheblich mehr Kinder bekommen und erziehen als die Befürworter des darwinistischen Naturalismus. Die Ironie in diesem Befund harrt noch der Aufarbeitung…

Sogar Zölibat…
Überraschenderweise lässt sich inzwischen sogar die religionshistorische Entstehung des Zölibats über Fitnessvorteile der Verwandtenselektion neu entschlüsseln. Diese ist an sich unumstritten: keinen Biologen wundert es, dass auch Menschen dazu tendieren, mit nahen Verwandten intensiver zu kooperieren und sich gegebenenfalls sogar für sie zu opfern, tragen sie doch eng verwandte Gensequenzen.

Aber genau das wird in klassischen Agrarwirtschaften zum Problem: weil die meisten schon aus ökonomischen Erwägungen (Arbeitskräfte, Altersversorgung, Schutz) viele Kinder anstreben, entstehen vor Ort expandierende Familienclans, in ständiger Verflechtung und Spannung auch um knappe Ressourcen (z.B. Land). Jeder lokale, religiöse Funktionär ist hier sofort dem (manchmal zutreffenden) Verdacht ausgeliefert, doch nur die eigene Familie nepotistisch zu begünstigen.

So erging es z.B. auch Jesus, der „kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten? Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.“ (Mt. 13,55-58)

Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Ja, der Austausch von Zölibatären. Religiöse Institutionen könnten anregen, dass Clans aus ihrem jeweiligen Geburten- und Erbenüberschuss einige wenige Akteure „spenden“, die (ohne eigene Familien zu gründen) anderswo Dienst tun - und dafür umgekehrt auch selbst Zölibatäre zugeteilt bekommen. Der einzelne Zölibatäre würde damit in der Fremde sehr viel religiös glaubwürdiger Ehebünde segnen und überwachen, Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden und andere Fitness-relevante Tätigkeiten ausüben können - und dürfte Gott, Mutter Kirche oder dem Sangha vertrauend zudem davon ausgehen, dass auch die eigene Herkunftsgruppe entsprechend Fitness-fördernd betreut würde. Hier läge also eine clevere Form indirekter Verwandtenselektion vor! (Siehe Schaubild)

Und auch diese These lässt sich empirisch testen. So müssten wir einerseits davon ausgehen, dass die Inhaber zölibatärer Rollen zur Sexualität klar Stellung beziehen: Sie müssten zur Unterstreichung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit insbesondere in klassischen Agrargesellschaften ihre eigene Abstinenz sowohl gegenüber hetero- wie homosexuellen „Versuchungen“ unterstreichen (diese also strikt verdammen) und sie müssten vor allem, im Kontrast zur eigenen Kinderlosigkeit, für eine möglichst hohe Fertilität der nichtzölibatären Laien eintreten. Dies lässt sich im Christentum, aber auch etwa in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sowohl historisch wie zeitgenössisch-vergleichend reichlich beobachten.

Daneben müsste die Akzeptanz des Zölibats milieuabhängig sein: in klassischen Agrargesellschaften mit Geburtenüberschüssen müsste eine sehr viel höhere Akzeptanz zölibatärer Rollen beobachtbar sein als in Marktgesellschaften mit niedrigen Geburtenraten. Dies ist nicht nur im Vergleich christlicher Länder (z.B. Afrikas und Europas) sondern ebenso in buddhistischen Gesellschaften (z.B. Birma und Japan) eindeutig der Fall. Auf die zunehmend datengestützte Präsentation dieser und unzähliger weiterer Thesen zu religiösen Phänomenen dürfen wir uns also in naher Zukunft freuen.

Noch kaum andiskutiert ist dabei die Frage, wie sich die Erkenntnis, dass Religion als ein Teil menschlicher Natur biologisch beschreibbar wird sowohl auf das religiöse Selbstverständnis wie auf die naturalistische Religionskritik auswirken wird. Und gerade die deutsche Wissenslandschaft muss sich fragen, warum in den Netzwerken interdisziplinärer und internationaler Evolutionsforschung zur Religion bisher deutschsprachige Wissenschaftler sowohl natur- wie geisteswissenschaftlicher Disziplinen nur sehr vereinzelt vertreten sind bzw. warum wir immer noch kein einziges solches Netzwerk im deutschsprachigen Raum haben.

 asdf





Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage
 Bei neuen Kommentaren per E-mail benachrichtigen.

Trackbacks

Natur des Glaubens: Wissenschaftsbloggen IST eine Karriere - Ein Erfahrungsbericht

Kommentare

  1. Jochen Bedersdorfer Keine Religion
    23.12.2007, 21:42

    Die untersuchten sozialen Verhaltensweisen haben nichts wirklich religiöses an sich. Sie gelten für alle durch Rituale gekennzeichneten Gemeinschaften.
    Für Religion - die Verbreitung höchst unwahrscheinlicher Thesen ohne jegliche Beweise - spricht keine der gemachten Beobachtungen.

    Es wird Zeit endlich diese altertümlichen Weltansichten durch modernere zu ersetzen, um die ganzen negativen Effekte von Religionen loszuwerden.
    Ich denke, dass das allgemein ein evolutionärer Vorteil wäre, nicht nur für solche like-minded Gruppierungen.

    Wer weiss welche guten Gene uns religiös motivierte Konflikte bereits gekostet haben! Wieviel weit fortgeschrittener wäre unsere Wissenschaft, wenn Religionen sie nicht systematisch unterdrückt hätten?

    Ich kann gut verstehen, dass deutsche Wissenschaftler kaum Lust haben für die Rechtfertigung von Religion als ein Teil menschlicher Natur (wofür es wenig Anhaltspunkte gibt) Forschungsgelder zu verschwenden.

  2. Michael Blume Empirie
    23.12.2007, 23:13

    Sehr geehrter Herr Bedersdorfer,

    danke für Ihren Beitrag, der in mehrfacher Hinsicht sehr interessant ist.

    Zunächst zu Ihrer Auffassung, dass es bei der Erforschung der Evolution von Religion um eine "Rechtfertigung von Religion" gehe. Interessanterweise erleben dass nicht wenige Religiöse anders, auch unter Theologen gibt es z.B. sehr kritische Stimmen, die im Erkenntnisfortschritt eine "biologische Funktionalisierung" befürchten. Eine einheitliche Agenda gibt es hier schlicht nicht - sondern empirische Forschung.

    Und die zeigt eben sehr eindeutig auf, dass säkulare Organisationen nur einen kleinen Teil der beobachtbaren Effekte dauerhaft zu erreichen vermögen. Einen großen Einfluss hatte z.B. die vergleichende Studie der Anthropologen Sosis und Bressler, die die Langlebigkeit säkularer und religiöser Gemeinschaften auch im Zusammenhang mit "costly requirements" verglichen. Abrufbar hier:
    http://www.anth.uconn.edu/...ndBresslerCCR2003.pdf

    Auch in meinem Forschungsschwerpunkt, dem Zusammenhang von Religion und Demografie, sind die empirischen Ergebnisse außerordentlich eindeutig: Religiöse haben deutlich mehr Kinder als Konfessionslose und wir haben bisher keine säkulare Gemeinschaft gefunden, die auch nur eine Generation hindurch ähnliche, reproduktive Erfolge wie z.B. orthodoxe Juden, Amish oder weitere Religionsgemeinschaften erzielt hätten. Auf Basis steigender Bildung und Einkommens nehmen die Unterschiede sogar zu. Eine kleine Zusammenstellung religionsdemografischer Daten gerne hier: http://religionswissenschaft.twoday.net/...047705/

    Nach bisherigem Erkenntnisstand zeichnet sich ab, dass gerade in der Annahme übernatürlicher Akteure wie Ahnen oder Götter (die im Dies- und/oder Jenseits belohnen und strafen können) der Clou liegt: wer wirklich annimmt, dass Kooperationen (einschließlich Ehen) von ggf. strafenden, allwissenden Akteuren überwacht werden, wird zu häufiger kontraktloyalem Verhalten tendieren. Damit wird die (erst durch kostspielige Signale glaubwürdige) Religiosität zu einem Indikator, der Kooperationsdilemmas auflöst und damit mehr ökonomische, politische oder eben (und biologisch m.E. am entscheidensten) reproduktive Kooperationen ermöglicht.

    Noch einmal: damit ist weder irgendeine religiöse Wahrheit bewiesen noch widerlegt und auch kein Werturteil abgegeben. Es handelt sich hier um eine von harten Daten inzwischen unterschiedlichster Disziplinen gestützte, empirische (und also ggf. falsifizierbare) Beobachtung, an der atheistische, agnostische und (wenige) glaubende Wissenschaftler gleichermaßen interdisziplinär arbeiten.

    Mit den besten Wünschen für schöne Feiertage!

    Michael Blume

  3. Edgar Dahl Die Biologie der Religion
    24.12.2007, 02:09

    Schöner Text! Aufregendes Thema! Falls es je ein deutsches Netzwerk zur Verhaltensökologie der Religion geben sollte, bin ich gern dabei.

    Dabei geht es selbstverständlich nicht um eine "Rechtfertigung", sondern einzig und allein um eine ERKLÄRUNG der Religion.

    Dass eine so verstandene Verhaltensökologie irgendwelche Implikationen für das religiöse Selbstverständnis oder die naturalistische Religionskritik haben wird, wage ich jedoch zu bezweifeln.

    Dass der Zölibat adaptiv sein kann, leuchtet mir ein. Dennoch bin ich hinsichtlich eines echten Selektionsvorteils der Religion skeptisch. Wie Dawkins betrachte ich die Religion eher als ein Epiphänomen.

    Ihre Überlegungen zur Korrelation von Religion und Treue legen eine Erklärung durch die sexuelle Selektion nahe. Dass Frauen religiöse Männer bevorzugt haben mögen, ist zumindest ein reizvoller Gedanke.

    Insofern man davon ausgehen muss, dass die natürliche Selektion ein opportunistisches Sexualverhalten der Männer prämiert hat, kann man auch überlegen, ob eine Interpretation im Sinne des Handicap-Prinzips möglich ist. Doch wenn ich mich recht entsinne, ist dieser Gedanke bereits von Dawkins aufgegriffen und letztlich verworfen worden.

    Was mir an Dawkins' eigenem Ansatz missfällt, ist, dass die kindliche Leichtgläubigkeit ("Glaube allem, was Deine Eltern Dir sagen!") lediglich die WEITERGABE, aber nicht die ENTSTEHUNG der Religion erklärt.

  4. Michael Blume Epiphänomen
    24.12.2007, 20:45

    Sehr geehrter Herr Dahl,

    danke für Ihre freundliche Rückmeldung!

    Religion als Epiphänomen zu betrachten war (vor allem nach Boyer) lange Zeit Mehrheitsmeinung, ist inzwischen aber sehr geschwächt. Lassen Sie mich nur drei Punkte kurz anreißen, die dagegen sprechen:

    1. Die Befunde belegen einen einfachen Beginn (schlichte Bestattungen) und von dort aus eine dynamische Zunahme an Aufwand un Komplexität (Sekundärbestattungen, Opfergaben, später Kultobjekte und -stätten etc.). Ein Epiphänomen, das aber immer "teurer" geworden wäre, ohne Nutzen zu erbringen, hätte aber eher ausselektiert werden müssen, kaum aber dynamisch zunehmen können.

    2. Interessanterweise haben wir Belege für religiöses Verhalten nicht nur bei Homo Sapiens, sondern auch bei Homo Neandertalensis - und auch dort mit zunehmender Tendenz. Auch dies spricht gegen ein quasi zufälliges Rauschen und deutet auf ein adaptiv zu lösendes Problem bzw. Potential hin - wie etwa die reproduktive Vorausplanung.

    3. Die rezenten Daten weisen sehr starke, kooperative und messbar reproduktive Vorteile durch religiöse Vergemeinschaftung auf. Wenn wir von einem reinen Epiphänomen ausgingen, müssten wir diese erst einmal wegerklären.

    Zur Dawkins-Prägethese sind besonders die Experimente des Kognitionspsychologen Jesse Bering (Belfast) mit Kindern sehr interessant. Diese deuten darauf hin, dass Kinder bereits eine intuitive Ontologie mit sich bringen, die beispielsweise von der Weiterexistenz Toter ausgeht - und die im Laufe des Aufwachsens tendenziell erst "verlernt" wird. Auch dies scheint mit adaptiven Vorteilen leichter zu erklären als über epiphänomenologische Thesen.

    Und Einflüsse religiösen Primings bei Erwachsenen konnte der Evolutionspsychologe Ara Norenzayan (Vancouver) ebenfalls nachweisen. Wurden Probanden vor Diktatorspielen unewusst religiös geprimet (religiöse Schlüsselwörter in Worträtseln), so verhielten sich die Probanden in den Diktatorspielen generöser.

    Also, noch einmal herzlichen Dank für Ihr ermutigendes Feedback - ich gehe auch davon aus, dass hier in nächster Zeit noch vieles zu entdecken und vor allem auch zu integrieren ist.

    Mit herzlichen Grüßen!

    Michael Blume

  5. Edgar Dahl Religion als Epiphänomen
    26.12.2007, 00:48

    Lieber Herr Blume, dies verspricht eine lange und interessante Diskussion zu werden. Um keines der von Ihnen genannten Argumente zu übergehen, schlage ich vor, sie der Reihe nach zu behandeln. Ihr erster Einwand, dass eine zunehmend komplexer werdende Eigenschaft darauf schließen lässt, dass sie bereits von Anfang an adaptiv gewesen sein muss, leuchtet ein, wenn wir von anatomischen Merkmalen wie einem Auge oder einem Gehirn sprechen. Was mir vorschwebt, wenn ich von der Religion als einem bloßen Epiphänomen oder Nebenprodukt der Evolution spreche, geht aber in eine andere Richtung.

    Die einfachste Erklärung scheint mir folgende zu sein. Über Jahrmillionen bestand insbesondere bei sozial lebenden Tieren ein Selektionsdruck auf mentale Fähigkeiten. Ein Zuwachs an sozialer Intelligenz, die es dem einzelnen Tier erlaubte, in der Hierarchie seiner Gruppe aufzusteigen, war adaptiv, da ein höherer sozialer Status mit einem höheren Fortpflanzungserfolg verbunden war. Die geistigen Fähigkeiten, die sich auf diese Weise herausgebildet haben, befähigten uns aber nicht nur dazu, soziale Probleme, wie zum Beispiel Interessenkonflikte, besser zu lösen, sondern sie befähigten uns irgendwann auch dazu, Fragen zu stellen: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Was hat es mit diesem Leben eigentlich auf sich? Und: Warum gibt es so viel Leid und Elend in dieser Welt?

    Der Verstand, der sich unter dem Druck größerer sozialer Intelligenz herausgebildet ha

  6. Edgar Dahl Die Wurzeln der Religion
    26.12.2007, 01:11

    Für mich sind die Religionen mit ihren Schöpfungsmythen sozusagen prähistorische Kosmologien - Versuche, die Frage nach der Herkunft der Welt zu beantworten. Die Antworten spiegeln dabei den jeweiligen Erkenntsnisstand unserer Vorfahren wider. Wie im Totemismus betrachteten sie sich beispielsweise als direkte Nachfahren eines Tieres - eines Löwen, eines Krokodils oder eines Känguruhs - das man fortan für heilig und unantastbar erklärte.

    Wenn man Religionen als archaische Kosmologien betrachtet, ist es auch nicht verwunderlich, dass es zahllose religiöse Vorstellungen gibt. Schließlich sind der Phantasie, wie diese Welt wohl entstanden sein mag, keinerlei Grenzen gesetzt. Wenn es Beschränkungen gibt, dann wahrscheinlich vor allem geographischer Art, insofern die Gottheiten, die man für die Schöpfung dieser Welt verantwortlich machte, jeweils der ökologischen Nische entnommen scheinen, in der die Menschen gerade lebten.

  7. Edgar Dahl Religionen als Antwort auf das Leiden
    26.12.2007, 01:39

    Religionen scheinen mir aber nicht nur eine Antwort auf die Herkunft der Welt, sondern auch eine Antwort auf die Herkunft des Leidens zu sein. Zumindest alle großen Religionen - ob Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus oder Jainismus - sind "Erlösungsreligionen". Sie erklären uns mit Hilfe verschiedener Mythen, wie dem "Sündenfall", der "Erbsünde", dem "Karma" und der "Reinkarnation", warum wir leiden und es beispielsweise Alter, Krankheit und Tod gibt, doch sie lehren uns auch, wie man dem Leiden entfliehen und erlöst werden kann.

    Ich glaube wirklich, dass nicht nur die Herkunft der Welt, sondern vor allem die Herkunft des Leids und Elends in dieser Welt den Auslöser für religiöse Spekulationen gegeben haben. Warum werden wir alt, krank und schwach, warum gibt es Erdbeben, Vulkanausbrüche und Wirbelstürme, warum gibt es Dürrezeiten, Hunger und Durst, und warum um alles in der Welt müssen die Menschen, die wir lieben, sterben? Konnte es in der Frühzeit der Menschen irgendeine andere Antwort darauf geben als: Wir werden für ein Verbrechen bestraft, dass wir, unsere Väter oder unsere Vorväter begangen haben?

  8. Edgar Dahl Noch einmal: Religion als Nebenprodukt
    26.12.2007, 02:14

    In meinen Augen sind Religionen also nicht entstanden, weil sie adaptiv sind und unseren Fortpflanzungerfolg erhöht hätten. Sie sind entstanden, weil uns unser immer größer und komplexer werdendes Gehirn (auf das tatsächlich eine reproduktive Prämie bestand!), plötzlich existenzielle Fragen vorlegte, auf die unsere Vorfahren eine Antwort finden mussten.

    Ich denke, dies ist eine recht simple Antwort. Doch zumindest momentan sehe ich keinen Grund, nach einer tiefer liegenden Ursache zu suchen.

  9. Michael Blume Danke!
    26.12.2007, 12:54

    Lieber Herr Dahl,

    danke für die munteren Beiträge - ja, das ist eine sehr niveauvolle Diskussion! Und lustigerweise vertrete ich da eine beinhartere Biologie als Sie: natürlich behandeln Religionen auch kosmologische und existenzielle Fragen. Würde sich der Aufwand nicht nur an Denken und Zeit, sondern auch an oft kostspieligen Ritualen, Opfern usw. nicht auch wiederum auszahlen, hätte dieses kosmologische bzw. existentielle Grübeln ausdünnen müssen. Dann hätten jene Menschen (die es ja auch heute gibt), die sich um Kosmologien oder Existenzfragen nicht scheren, den gesparten Aufwand in mehr Nachkommen investieren und die unproduktiven Grübler ablösen müssen.

    Das Gegenteil war und ist aber der Fall. Dass religiöse Vergemeinschaftung mit enormen Reproduktionsvorteilen einhergeht, vermute oder behaupte ich ja nicht nur - sondern überprüfe es mit einer wachsenden Zahl von Mitforschern seit mehreren Jahren. Sowohl weltweit (Word Value Survey), wie auch in Deutschland (Birg, ALLBUS) und besonders umfassend in der Schweiz (Volkszählungen 1970 bis 2000) haben wir inzwischen empirische Daten, die klar aufzeigen: umso religiös aktiver die Betreffenden, umso erfolgreicher werden (durchschnittlich) die Gene weitergegeben. (Eine kleine Datenübersicht, wie gesagt, hier: http://religionswissenschaft.twoday.net/...047705/ )

    Die Kosmologien etwa der Amish oder orthodoxen Juden haben aus naturwissenschaftlicher Perspektive recht wenig Erklärungskraft und ihre religiösen Vorschriften sind außerordentlich umfassend und kostspielig - aber reproduktiv sind diese Gemeinschaften seit Generationen um ein Vielfaches erfolgreicher als z.B. säkulare Wissenschaftler mit State-of-the-Art Kosmologien und Seminaren in zeitgenössischer Metaphysik. Die demografischen Daten sind da einfach eindeutig - und ich beobachte derzeit gespannt, ob und wo naturalistische Wissenschaftler harte, empirische Daten ignorieren, nur weil sie nicht in die jeweilige Weltanschauung passen... (-;

    Freue mich sehr auf weitere Diskussionen! Ihnen alles Gute!

    Michael Blume

  10. Michael Blume Urban-Beitrag
    26.12.2007, 13:12

    Konkret frage ich mich z.B., wie ich vor diesem Hintergrund etwa der Spektrum-Essay von Martin Urban (in Spektrum der Wissenschaft 01/08, S. 92f.) zu bewerten ist. Inhaltlich kann ich seinem Plädoyer für rationalen Zweifel und gegen (wörtlich) "die Bibel im Biologieunterricht" durchaus nachvollziehen.

    Nur ist es schon eine Ironie, dass Bibelglaubende "aus biologischer Sicht" etwas aufgeben würden, würden sie sich - wie gefordert - in den säkularen Mainstream einordnen. Denn der implodiert gerade nicht nur in Mitteleuropa mangels Kindern...

    Dass (wie Urban zu Recht bemerkt) der Anteil auch kreationistischer Positionen bis tief in die großen Kirchen hinein wieder wächst, hat ja die gleiche Ursache: auch die freundlich-liberalen Christen haben und erziehen zwar mehr Kinder als die Konfessionslosen, aber weit weniger als z.B. die Evangelikalen. Das kann man schlecht finden - aber haben uns nicht gerade die Naturwissenschaftler immer empfohlen, die Welt erst einmal zu verstehen, bevor wir sie bewerten?

    Naja, ich fürchte, sowohl die meisten naturalistischen Religionskritiker wie auch die meisten Religiösen werden sich wohl kaum aus ihren Schützengräben begeben - immerhin stabilisiert es ja die je eigene Identität, Feindbilder zu haben. Umso mehr genieße ich das Klima in den bisher seltenen Diskussionen, die darüber hinaus reichen.

  11. Edgar Dahl Korrelation beweist keine Kausalität
    27.12.2007, 13:09

    Ich bezweifle nicht im geringsten, dass es eine Korrelation von Religiosität und Kindersegen geben mag. Doch selbst wenn sie existieren sollte, ist sie erst einmal eben nur das - eine Korrelation. Die Frage ist, ob nicht nur ein statistischer, sondern auch ein kausaler Zusammenhang zwischen beiden besteht.

    Darüber hinaus scheint mir die Korrelation noch kein Indiz für eine genetische Grundlage der Religiosität zu bieten. Die höhere Kinderzahl religiöser Menschen mag schlicht auf moralische Normen zurückgehen, die beispielsweise eine Empfängnisverhütung und einen Schwangerschaftsabbruch verbieten.

  12. Edgar Dahl Reproduktiver Erfolg und sozialer Status
    27.12.2007, 13:26

    Es ist schon Jahre her, dass ich mich intensiver damit beschäftigt habe, doch nach allem, was ich weiß, ist der reproduktive Erfolg in erster Linie an den sozialen Status gekoppelt. Als man die Kinderzahl der Menschen aus dem Who's Who mit der Normalbevölkerung verglich, zeigte sich, dass die Oberen Zehntausend nicht nur das meiste Geld, sondern auch die meisten Kinder haben.

    Der Zusammenhang von sozialem Status und reproduktivem Erfolg ist biologisch leicht zu verstehen. Eine genetisch determinierte Eigenschaft wie der Ehrgeiz treibt die Männer dazu, auf der sozialen Stufenleiter nach oben zu klettern. Da diejenigen, die es schaffen, von den Frauen sexuell bevorzugt werden, hinterlassen sie nachweislich mehr Kinder.

    In meinen Augen müsste man jetzt einen ähnlichen Zusammenhang zwischen einer genetisch determinierten Eigenschaft religiöser Menschen und ihrem erhöhten Fortpflanzungserfolg finden.

  13. Edgar Dahl Ist Religion so paradox wie Altruismus?
    27.12.2007, 14:01

    "Lustigerweise vertrete ich da eine beinhartere Biologie als Sie: natürlich behandeln Religionen auch kosmologische und existenzielle Fragen. Würde sich der Aufwand nicht nur an Denken und Zeit, sondern auch an oft kostspieligen Ritualen, Opfern usw. nicht auch wiederum auszahlen, hätte dieses kosmologische bzw. existentielle Grübeln ausdünnen müssen."

    Ich sehe das nicht. Einem Schöpfungsmythos zu glauben, kostet nichts. Religionen werden erst dann teuer, wenn sie ihre Anhänger dazu bewegen, kostbare Zeit auf rituelle statt auf ökonomische oder sexuelle Zwecke zu verwenden. Abgesehen von Pfarrern (die immerhin ihren Lebensunterhalt damit verdienen), gilt dies aber nicht für die religiösen Menschen der Gegenwart und gewiss noch viel weniger für die Menschen der Vergangenheit.

  14. Edgar Dahl Einmal anders gefragt
    27.12.2007, 14:10

    Oder anders gefragt: Was KOSTETE es mich und was würde es mir EINBRINGEN, wenn ich vor dem Schlafengehen zwei Minuten betete und am Sonntag in die Kirche ginge, um an einer Kommunion teilzunehmen?

  15. Michael Blume Einwände
    27.12.2007, 15:14

    Lieber Herr Dahl,

    herzlichen Dank für die Einwände.

    1. Kausalität - Korrelation. Selbstverständlich "beweist" eine Korrelation alleine nichts, legt aber schon eine Vermutung nahe. Und die Vererbbarkeit religiöser Veranlagung wurde z.B. in Zwillingsstudien (Koenig, Bouchard et al.) inzwischen gut belegt. Auch passt der Befund hervorragend zu den paläoanthropologischen Befunden, die das Auftreten des Verhaltensmerkmals erst in der mittleren Altsteinzeit und eine dynamische Zunahme von dort nahelegen - und natürlich zu neurowissenschaftlichen Befunden, die Gehirnstrukturen mit religiösem Verhalten und religiöser Erfahrung korrelieren. Bei so klarer Korrelation würden wir bei jedem tierischen Merkmal selbstverständlich erst einmal von einer Adaption ausgehen - nur Religion darf wohl nicht adaptiv sein? (-;

    1a. Welche Mechanismen?
    Sie schrieben: "Die höhere Kinderzahl religiöser Menschen mag schlicht auf moralische Normen zurückgehen, die beispielsweise eine Empfängnisverhütung und einen Schwangerschaftsabbruch verbieten."
    Selbstverständlich, völlige Zustimmung! Weitere, pronatal wirksame Gebote wären z.B. die Beschränkung von Geschlechtsverkehr auf das Eheleben - ein schöner Anreiz zum früheren Heiraten. Oder die Überzeugung, dass Kinder "Geschenke Gottes" sind usw. Wussten Sie, dass es in der jüdischen Orthodoxie inzwischen üblich geworden ist, vor der Eheschließung einen Gentest zur Vermeidung von Tay-Sachs und anderen Gendeffekten zu machen? Religionen können außerordentlich vielfältig in der Entwicklung reproduktiv erfolgreicher Strategien sein.

    2. Sozialer Status - Reproduktionserfolg. Gerade dieser Zusammenhang besteht beim Menschen so pauschal nicht. Reiche, gebildete und mächtige Menschen bekommen weltweit durchschnittlich weniger Kinder als arme, weniger gebildete und diskriminierte. So haben z.B. Afrikaner derzeit weit mehr Kinder als Europäer und in Europa haben Zuwanderer und Arbeiter weit mehr Kinder als Akademiker usw. Aber ganz davon abgesehen: wir haben ja als erstes den Reproduktionserfolg innerhalb von Bildungs- und Einkommensklassen verglichen, mit sogar zunehmendem Ergebnis. Will heißen: bei reichen und gebildeten Menschen macht die religiöse Vergemeinschaftung einen größeren Unterschied als bei ärmeren, wenig gebildeteren. Religiosität hat hier ganz klar die Funktion einer unabhängigen Variable.

    3. Sie schrieben: "Einem Schöpfungsmythos zu glauben, kostet nichts. Religionen werden erst dann teuer, wenn sie ihre Anhänger dazu bewegen, kostbare Zeit auf rituelle statt auf ökonomische oder sexuelle Zwecke zu verwenden."
    Wie geschrieben: die Kosmologie und religiöse Lebensführung eines orthodoxen Juden oder Amish (auch der Laien) ist "sehr" teuer - und reproduktiv außerordentlich erfolgreich. Dabei ist es interessant, wie reproduktiv erfolgreich sich orthodox-jüdische Gemeinden an Großstädte angepasst haben (z.B. New York, Zürich, Tel Aviv etc.), während die Amish im agrarischen Umfeld reüssieren.

    4. Sie schrieben: "Was KOSTETE es mich und was würde es mir EINBRINGEN, wenn ich vor dem Schlafengehen zwei Minuten betete und am Sonntag in die Kirche ginge, um an einer Kommunion teilzunehmen?" Genug, um beispielsweise potentiellen Partnerinnen zu signalisieren: ich bin ein gläubiger Mensch, erfahre mich durch Gott gesehen, geborgen, aber auch verpflichtet und werde also das Ehegelöbnis auch vor Gott ernst nehmen, ggf. Scheidungen ablehnen und wahrscheinlich Fruchtbarkeit als einen Bestandteil des Ehelebens betrachten.

    Diesen Signalen entspricht (empirisch!): dass katholische Christen eher und stabiler heiraten, mehr Kinder haben und ihre Kinder wiederum religiös erziehen als die Konfessionslosen... (-;

    Herzliche Grüße

    Michael Blume

  16. Edgar Dahl Religiosität
    27.12.2007, 19:43

    Zunächst einmal: Ich habe nichts dagegen, dass Religiosität adaptiv sein mag. Ihre mögliche Adaptivität sagt ja nichts darüber aus, ob sie wahr oder falsch ist.

    Optimistisch zu denken, ist angeblich auch adaptiv, dennoch bleibe ich gern pessimistisch. In meinen Augen hat Schopenhauer nicht unrecht, als er schrieb, dass der Optimismus angesichts all des Leids und Elends in dieser Welt "eine wahrhaft ruchlose Denkungsart" sei.

    Bevor wir weiter diskutieren können, muss ich zunächst einmal eine Frage stellen: Was genau wird eigentlich gemessen, wenn man die Erblichkeit der "Religiosität" misst? Ist das Pathos, Phantasie, Demut, Dankbarkeit, Leichtgläubigkeit oder was?

    Ich denke, wenn wir die Antwort darauf haben, lässt sich besser darüber diskutieren, ob die Eigenschaft, die für "Religiosität" steht, wirklich fitnessmaximierend sein kann.

  17. Edgar Dahl Noch einmal: "Religiosität"
    27.12.2007, 20:22

    Ich glaube wirklich, dass es wichtig ist, festzulegen, was wir unter "Religiosität" verstehen wollen. Wenn wir nämlich Eigenschaften wie Neugierde, Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft herausgreifen, sprechen wir von Eigenschaften, die sich, grob gesagt, Kosmologen und Theologen durchaus miteinander teilen. Albert Einstein hat sich ja nicht ganz ohne Grund einer mitunter religiösen Sprache bedient.

    So wie ich es sehe, brauchen wir also eine Eigenschaft, die gläubige Menschen von ungläubigen trennt.

    Da ich bezweifle, dass die Religion adaptiv ist, bin ich skeptisch, dass wir eine solche Eigenschaft finden werden.

    Was unterscheidet Ossis von Wessis genetisch? Höchstwahrscheinlich nichts! Dennoch sind im Osten rund 75 Prozent ungläubig, im Westen dagegen rund 75 Prozent gläubig. Der einzige Unterschied, der zwischen ihnen besteht, ist die Erziehung, die sie genossen haben. Anders als den westdeutschen Kindern, sind den ostdeutschen Kindern keine Märchen vom guten Jesus erzählt worden, wie er übers Meer spazierte und Tote auferweckte.

    Wenn man sich die USA näher ansieht, scheint es eher die Intelligenz zu sein, die gläubige Menschen von ungläubigen unterscheidet. Während etwa 92 Prozent der Bevölkerung Theisten sind, sind 92 Prozent der Mitglieder der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften Atheisten.

    Ich bin gespannt, welche Eigenschaft Sie vor Augen haben, wenn sie meinen, dass gläubige Menschen gegenüber ungläubigen Menschen Fitnessvorteile haben.

  18. Michael Blume Beschreibung Religiosität (nach Darwin)
    27.12.2007, 22:06

    Lieber Herr Dahl,

    noch einmal danke für die gute Diskussion und die präzisen Fragen!

    Also: für Religiosität kann es nach derzeitigem Kenntnisstand der Religionswissenschaft ebensowenig eine abschließende, allgemeingültige Definition geben wie für andere Produkte des menschlichen Gehirns wie z.B. Musik, Politik oder Mathematik. Möglich sind (in allen Fällen) aber annähernde Beschreibungen, die sich interessanterweise wieder dem Sprachgebrauch annähern, den auch bereits Charles Darwin verwendete.

    Dieser definierte "Religion als den Glauben an unsichtbare oder geistige Kräfte" und ging (darin womöglich weitblickender als vieler seiner "Schüler", z.B. Dawkins) ganz selbstverständlich davon aus, dass sich auch diese Fähigkeit des Menschen über biologische Evolutionsvorteile entwickelt hat. (Abstammung des Menschen, Kap. 3, Abschnitt Gottesglaube, Religion)

    Heute würde man die Glaubens- durch die Verhaltenskomponente erweitern und ggf. statt der transzendenten Kräfte stärker auf die Personalität der übernatürlichen Akteure abstellen. Religiosität wäre demnach zu beschreiben als "Glauben an und entsprechendes Verehren von übernatürlichen Akteuren" (wie Ahnen, Göttern, Gott).

    Sowohl in den Zwillingsstudien wie auch in unseren religionsdemografischen Arbeiten wurden je beide Parameter erfasst, z.B. der Glauben über die religiöse Selbsteinschätzung (z.B. ALLBUS "Wie religiös schätzen Sie sich ein?", von 1 bis 10), das Verhalten über die Frequenz von Gebeten und Gottesdienstbesuchen. Beide erweisen sich als sehr eng miteinander korreliert, die religiöse Praxis ist jedoch ein stärkerer Indikator mindestens für den reproduktiven Erfolg.

    Mir ist auch immer noch nicht klar, wie irgendeine menschliche Fähigkeit außerhalb unseres Gehirns und also unserer genetischen Veranlagung manifestiert werden könnte. Und völlig analog zu anderen biokulturellen Fähigkeiten wie Musikalität oder Sprachfähigkeit muss sich die Veranlagung dann natürlich auch im soziokulturellen Umfeld entfalten. Ihrem Vergleich der Ost- und Westdeutschen stimme ich daher ausdrücklich zu: für die unterschiedlichen Levels an Religiosität sind natürlich keine genetischen Unterschiede verantwortlich, sondern der Umstand, dass in Ostdeutschland die Entfaltung und Tradierung von Religiosität nicht nur nicht gefördert, sondern sogar unterdrückt wurde. (Meine Familie entstammt übrigens den neuen Bundesländern.) Hier gilt also ebenfalls völlig analog zur Musik: Wer nie in die Praxis eingeführt wurde, wird nur selten zum Virtuosen werden.

    In Summa möchte ich Ihnen also versichern, dass sich Religiosität nicht in andere menschliche (bzw. auch tierische) Veranlagungen wie Neugier, Todesfurcht o.ä. auflösen lässt. Als paläoanthropologischer Startpunkt gilt ja die Bestattung sowohl unter Homo Sapiens wie Homo Neanderthalensis - in der damit erstmals ein Glauben an ein "Weiterwirken" der Toten und ein entsprechendes Verhalten ihnen gegenüber sichtbar wird.

    Dass Erfolg kein Wahrheitskriterium ist, sehe ich (wie eingangs geschrieben) ganz genauso (Optimismus - Pessimismus ist wirklich ein gutes Beispiel! (-; ). Für den einen mag Gott der zentrale Bezugspunkt menschlichen Lebenssinns sein, für den anderen eine Mitgliedschaft in der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften. Und ich möchte noch einmal betonen, dass die Mehrheit der Mitforscher in den Evolutionary Religious Studies Agnostiker oder gar Atheisten sind, aber eben naturwissenschaftliche Erkenntnisse als solche respektieren und suchen.

    Meine einzige Bitte ist und bleibt also die: dass gerade beinharte Naturalisten nicht plötzlich beginnen, empirischen Fakten auszuweichen, weil sie ihnen nicht ins weltanschauliche Konzept passen. Das erlebe ich leider immer wieder, auch im leider manchmal unnötig religionsfeindlichen Tenor in Spektrum der Wissenschaft.

    Religion erweist sich aber nun einmal als ein Teil der menschlichen Natur, ebenso evolviert wie Musikalität, Sprachfähigkeit und andere Vernlagungen unseres Gehirns, und ebenso naturwissenschaftlicher Beschreibung zugänglich. Und ich hoffe, dass sowohl religiöse wie atheistische Fundamentalisten endlich von ihren Bäumen herunter kommen und beginnen, auf der Basis harter, empirischer Fakten gemeinsam zu diskutieren, zu forschen und zu entdecken.

    Die gute Diskussionen mit Ihnen, Herr Dahl, hat mir ausdrücklich Mut gemacht, dass es in diese empirische Richtung laufen könnte. Danke dafür!

    Michael Blume

  19. Edgar Dahl Religion als Schicksal!?
    27.12.2007, 22:48

    Dass die Religion ein Teil der menschlichen Natur ist, kann man, denke ich, von beiden Perspektiven aus behaupten - sowohl von Ihrer wie von meiner.

    In Ihrer Perspektive gehört die Religion zur menschlichen Natur, weil die Religiosität in unserer DNA kodiert ist und aufgrund ihres fitness-maximierenden Effekts von Generation zu Generation weitervererbt wird.

    In meiner Perspektive gehört die Religion zur menschlichen Natur, weil sie ein Produkt unseres Gehirns ist, das uns angesichts der Schönheit der Natur und der Endlichkeit unseres Lebens fragen und staunen lässt. Sobald wir uns einmal unserer Fressfeinde erwehrt hatten und etwas Muße besaßen, konnten wir nicht anders, als eine "Weltanschaung" zu entwickeln, die die Fragen nach unserem woher und wohin beantwortet.

    Diejenigen Weltanschauungen, die sich übernatürlicher - oder etwas vornehmer: sakraler - Erklärungen bedienen, nennen wir Religion. Diejenigen Weltanschauungen, die sich lediglich natürlicher - oder von mir aus auch: profaner - Erklärungen bedienen, nennen wir Philosophie.

    In meinen Augen sind also sowohl die Religion als auch die Philosophie bloße Weltanschauungen. Sowenig uns bestimmte Philosophien angeboren sind, sowenig sind uns bestimmte Religionen angeboren. Angeboren ist uns, wenn überhaupt, nur das Staunen, das die Griechen nicht zu unrecht als die "Mutter der Philosophie" betrachteten.

  20. Edgar Dahl Definition der Religion
    27.12.2007, 23:27

    Ich hätte Religion ähnlich wie Darwin definiert, nämlich als den Glauben an übernatürliche Wesenheiten. Doch ich fürchte, diese Definition wird nicht genügen - jedenfalls nicht für Ihre Zwecke. Der bloße Glaube hat schließlich noch keinerlei Implikationen für unser Verhalten. Wenn ich glaube, dass eine Spinne diese Welt aus sich herausgesponnen hat, entstehen mir weder irgendwelche Vorteile noch irgendwelche Nachteile (es sei denn, irgendwelche Frauen würden sich ob meines absonderlichen Glaubens magisch zu mir hingezogen fühlen, was man mit guten Gründen bezweifeln darf).

    Auch Ihre eigene Definition, die neben dem Glauben auch die Verehrung einschließt, scheint mir nicht zu genügen. Selbst wenn ich der besagten Spinne jeden Tag eine Fliege "opferte", würden mir daraus weder Vor- noch Nachteile entstehen.

    Es kann also nicht der Glaube an irgendwelche beliebigen übernatürlichen Wesenheiten sein, der adaptiv ist, sondern nur der Glaube an Wesenheiten, die mit mir in Verbindung treten und mir ein bestimmtes Handeln auferlegen. Dieses Handeln kann mir dann zu meinem Vorteil oder zu meinem Nachteil gereichen. Wenn mir dieses Wesen sagt: "Alles ist eitel", mag ich mich (und meine Gene) in die nächste Schlucht stürzen; sagt es mir dagegen: "Sei fruchtbar und mehre dich", mag ich mich auf Brautschau begeben und mich (und meine Gene) fortpflanzen.

    Wenn es aber letztlich die Befolgung von bestimmten Handlungsanweisungen ist, die mir biologische Vor- oder Nachteile verschafft, dann scheint es mehr die Ethik als die Religion zu sein, die adaptiv oder maladaptiv ist.

  21. Michael Blume Weitgehende Zustimmung!
    28.12.2007, 08:14

    Lieber Herr Dahl,

    Ihren beiden Texten kann ich weitgehend zustimmen - mit einer kleinen Ergänzung.

    Ich denke nicht, dass Religiosität nur die Staunen-Dimension umfasst, sondern dass In-Beziehung-treten mit den übernatürlichen Mächten und/oder Akteuren. Sowohl zu Religionen wie säkularen Weltanschauungen treten als Teil der Verehrung daher regelmäßig z.B. Rituale, mythologische Erzählungen u.ä.

    Da das "Verehren" also schon regelmäßig das "Opfern" von Zeit, Energie und ggf. weiteren Gütern umfasst, darf es als Startpunkt betrachtet werden. Wir sind uns aber einig: adaptiv wird Religiosität (erst) dann, wenn daraus weitergehende Verhaltensnormen (kulturell) evolvieren. Daher stimme ich mit Ihnen auch darin überein, dass es keine Hinduismus- oder Katholizismus-Gene gibt, sondern plastische, religiöse Veranlagungen, die dann erst soziokulturell ausgeprägt werden. Genau in dieser Plastizität liegt ja auch ihr adaptiver Nutzen, es können sich z.B. auf neue Umweltbedingungen hin neue, religiöse Lehren entwickeln.

    Auf genau dieser Spur -einschließlich der Vermutung eines reproduktiven Vorteils, reproductive advantage- war übrigens auch schon Friedrich August von Hayek. Nun haben wir aber natürlich auch Daten dazu und können (etwa mit spieltheoretischen Experimenten) die Mechanismen beobachten. Hayek schlug übrigens vor, religiöses Wissen als "symbolische Wahrheit" zu bezeichnen, da es zwar faktisch nicht überprüfbar, aber evolutionär regelmäßig erfolgreich sei. Ich wäre da ein Stück zurückhaltender und würde lieber nur von "symbolischem Wissen" sprechen, da es ja um (sich auch ständig veränderndes) Orientierungswissen handelt, wogegen "Wahrheiten" auch in den Hochreligionen immer wieder nur erfahren/erahnt, nicht aber wirklich abschließend kodifiziert werden können.

    Zur Frage Religion als Schicksal - Ethik möchte ich noch einmal auf die Besonderheit des religiösen Glaubens hinweisen, der den adaptiven Vorteil ermöglicht. Denn einerseits stimmt es natürlich, dass ein Konfessionsloser, der sich z.B. Ehe und Familie ethisch verpflichtet fühlt, ebensoviel reproduktiven Erfolg erzielen kann wie sein religiöser Nachbar. Nur hat dieser den "Vorteil", dass sein Ehe- und Familienversprechen eben zusätzlich von geglaubten, übernatürlichen Akteuren beobachtet und ggf. belohnt oder bestraft wird. Das ändert einfach das spieltheoretische Setting (z.B. "Diesen Ehebruch wird schon keiner sehen..." - kann ein Religiöser nur unter Verleugnung seines Glaubens sagen), zumal die gemeinschaftliche Verehrung ja auch mit einer sozialen Kontrolle in der Gemeinde einhergehen. Und noch einmal: das ist nicht einfach nur vermutet, weder Sosis, Braessler noch wir haben auch nur eine säkulare, ethische Gruppe gefunden, die mehrere Generationen lang eine vergleichbar stabile Struktur mit hoher Reproduktivität aufgewiesen hätte.

    Ob es Ahnen, Götter, Gott also im ontologischen Sinn gibt oder nicht - schon der "Glaube" an sie erweist sich in der Absicherung ethischer Verhaltensnormen als nachweisbar wirkungsvoll. Das ist eine biologische Funktion, die sich säkular bisher nicht dauerhaft substituieren ließ.

    Mit herzlichen Grüßen

    Michael Blume

  22. Michael Blume Ergänzend... (Kibbuz-Erfahrungen)
    28.12.2007, 11:42

    ...zu unserer Diskussion darf ich noch auf die unterschiedliche Performance sowohl säkularer (oft: sozialistischer) und orthodox-religiöser Kibbuz-Gemeinschaften verweisen.

    Obwohl die orthodoxen Gründungen anfangs in der Minderheit waren, erwiesen sie sich als sowohl wirtschaftlich wie reproduktiv erfolgreicher. Während die meisten säkularen Kibbuzgründungen inzwischen eingegangen sind, floriert die religiöse Kibbuz-Szene.

    Und liest man Vergleiche (auch etwa israelischer Forscher) über die Gründe für das unterschiedliche Abschneiden, so passen die Befunde haarscharf in unsere Diskussion: so wird einerseits die höhere Kinderzahl mit der orthodoxen Religiosität erklärt, aber auch der wirtschaftliche Erfolg mit dem gegenseitigen Vertrauen auf Basis sowohl sozialer Kontrolle und "zusätzlich" religiöser Observanz.

    So verbrauchen z.B. religiöse Kibbuzniks pro Kopf durchschnittlich weniger Energie. Und das liegt nicht nur am Sabbat, sondern auch daran, dass jede Energieverschwendung "von Gott" sehr wohl registriert und also als Sünde gemieden wird, selbst wenn sie von keinem Menschen wahrgenommen wird. Hier entschärft der übernatürliche Akteur also das Allmende-Problem auf einem zusätzlichen Weg, wie es eine säkulare Ideologie ohne allwissende Beobachter nicht vermag.

  23. Adelinde Bauer Glaube und Zölibat ...
    28.12.2007, 17:04

    Als hätten sie's gewußt, die Religionsstifter, wie sie mit Hilfe ihrer zölibatären Priester ihre Anhängerschar und damit ihren Machtbereich vergrößern. Sehr interessant!

  24. Edgar Dahl Noch einmal: Sozialer Status und reproduktiver Erfolg
    28.12.2007, 21:03

    Bevor ich auf Ihren heutigen Kommentar zu sprechen komme, kurz eine weitere Bemerkung zu der bereits angesprochenen Korrelation zwischen sozialem Status und reproduktivem Erfolg.

    Ich habe mir gerade noch einmal einige Untersuchungen angesehen. Danach gleicht die gesellschaftliche Verteilung der Kinderzahl einer U-Form. Die meisten Kinder haben die reichsten Mitglieder der Gesellschaft, dann folgen die ärmsten und am Schluss folgt die Mittelschicht.

    Susan Essock-Vitale von der University of California hat beispielsweise normalsterbliche Frauen mit den Frauen verglichen, deren Männer im FORBES-Magazin stehen, also den 400 reichsten Männern. Wie sich zeigte, hatten sie signifikant mehr Kinder als ihre normalsterblichen Geschlechtsgenossinnen.

    In Deutschland hat Ulrich Mueller von der ZUMA in Mannheim die gleiche Untersuchung mit dem gleichen Resultat durchgeführt. Er hat sich dabei auf den WER IST WER, die Stammbäume des deutschen Hochadels ab 1800 und die westdeutsche Machtelite zwischen 1945 - 1989 gestützt.

    Die für mich vielleicht interessanteste Untersuchung stammt von Daniel Perusse aus Montreal. Angesichts der Verfügbarkeit von Schwangerschaftsabbruch und Verhütung hat er nicht die geborenen Kinder, sondern einfach die Zahl der Ehen, Verhältnisse und Seitensprünge gezählt. Dabei entdeckte er, dass je höher der soziale Status deines Mannes, desto größer die Zahl an Frauen, mit denen sie geschlafen haben.

    Soweit ich sehe, ist sozialer Status daher auch weit enger an reproduktivem Erfolg gekoppelt als religiöser Glaube. Auch wenn der Vergleich nicht ganz fair sein mag: Einem George Clooney werden sich immer mehr Frauen zu Füßen werfen als irgendeinem Mann von den Amish.

  25. Edgar Dahl Im Anfang war das Staunen
    28.12.2007, 23:23

    "Ich denke nicht, dass Religiosität nur die Staunen-Dimension umfasst, sondern das In-Beziehung-treten mit den übernatürlichen Mächten."

    Im Anfang war das Staunen. Das Staunen wirft Fragen auf: Woher kommt diese Welt? Warum gibt es so viel Leid und Elend auf dieser Erde? Und: Was passiert eigentlich nach meinem Tode? Erst die Antworten auf diese Fragen sind entweder als religiös oder philosophisch zu bezeichnen.

    Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Ich glaube, dass die Menschen ihr Staunen ihrem hochentwickelten Gehirn verdanken. Die existenziellen Fragen, mit denen sie sich plötzlich konfrontiert sahen, waren daher ein Nebenprodukt der Evolution unseres Gehirns. Damals wie heute suchen die Menschen sich einen Reim darauf zu machen, was es mit diesem Leben eigentlich auf sich habe. Entsprechend des Wissensstands fielen die damaligen Antworten offenbar etwas naiver aus als die heutigen.

    Sie hatten zu Beginn unserer Unterhaltung gesagt, dass jedes genetische Merkmal von von Beginn an adaptiv sein muss, um sich von einem simplen zu einem komplexen System entwickeln zu können.

    Ein Gen für Religiosität im Sinne eines Glaubens an übernatürliche Wesenheiten, kann aber, wie erwähnt, noch nicht adaptiv sein, weil der bloße Glaube an irgendeinen Schöpfer noch keinerlei reproduktive Vorteile mit sich zu bringen vermag. Selbst wenn die Menschen in einem zweiten Schritt dazu übergehen, nicht nur an einen Schöpfer zu glauben, sondern ihn sogar zu verehren, hat dies noch keinerlei biologische Konsequenzen, da das bloße Verehren noch keine reproduktiv relevanten Verhaltensweisen mit sich bringt. Ich verehre Richard Burton und ich vergöttere geradezu Sophia Loren, doch diese Form der Anbetung hat mich noch nie etwas gekostet und mir bedauerlicherweise auch noch nie etwas eingebracht. Es ist also ein dritter Schritt erforderlich: Der Glaube an einen Schöpfer, der ein persönliches Wesen ist, der mit mir in Beziehung tritt und mich dazu auffordert, bestimmte Dinge zu tun und andere zu unterlassen. Ist dies nach Ihrem ursprünglichen Ausgangspunkt nicht aber schon ein recht komplexes Glaubenssystem? Insofern es der dritte Schritt in der Entwicklung religiöser Glaubensvorstellungen zu sein scheint, müssen Sie zeigen können, dass bereits die beiden vorangegangenen Schritte biologische Vorteile mit sich brachten.

  26. Michael Blume Status - Religion
    29.12.2007, 08:33

    Zum Zusammenhang Status - reproduktiver Erfolg gäbe es viel zu schreiben. Zum Beispiel stellt sich die Situation für Frauen etwas anders dar als für Männer usw.

    Allerdings sehe ich nicht, wie das mit unserem Thema hier zusammenhängt. Denn wie Sie z.B. in der ALLBUS-Umfrage sehen können, besteht die höhere Reproduktivität religiöser Menschen AUCH INNERHALB der jeweiligen sozialen Schicht. Die religiöse Arbeiterfamilie hat mehr Kinder als die säkulare Arbeiterfamilie, der religiöse Millionär mehr Kinder als der säkulare. Die Frage hier ist also doch nicht, ob Geld, Schönheit, Klugheit etc. "auch" einen Einfluss auf die Kinderzahl haben, sondern ob Religiosität einen eigenständigen Einfluss hat. Und das ist, nach allen Daten, die ich kenne, weltweit so der Fall.

    Sehr schön finde ich daher auch das von Ihnen gewählte Beispiel: "Soweit ich sehe, ist sozialer Status daher auch weit enger an reproduktivem Erfolg gekoppelt als religiöser Glaube. Auch wenn der Vergleich nicht ganz fair sein mag: Einem George Clooney werden sich immer mehr Frauen zu Füßen werfen als irgendeinem Mann von den Amish."

    Nun hat sich George Clooney neulich in einem Interview dazu geäußert, dass er nun einmal keine Kinder wünsche. Und genau das ist der Punkt: es kommt evolutionsbiologisch eben nicht primär darauf an, wie viele Sexualpartner sich "vor die Füße werfen", sondern wie viele Kinder daraus entstehen. Und dabei hängt die durchschnittliche Amish-Familie eben die gesammelten Hollywood-Schauspieler ab.

    Ein Buch, dass das Thema übrigens recht breit behandelt, ist Eckart Volands neues "Die Natur des Menschen". Er behandelt kapitelweise differentielle Reproduktionsstrategien (z.B. bis in das Schwiegerelternverhältnis hinein), erkennt aber den massiven Reproduktionsvorteil durch religiöse Vergemeinschaftung an.

    Also: ja, es gibt sehr viele Einflußfaktoren auf das Geburtenverhalten wie Status, Aussehen, ökonomische Umgebung (ein sehr wichtiger Faktor!) etc. Aber nach allen verfügbaren Daten weist hohe Religiosität ihren reproduktiven Vorteil eben auch unabhängig davon auf - und darin liegt ihre Adaptivität.

  27. Michael Blume Wissen der Religionen - Kulturelle Evolution
    29.12.2007, 09:04

    Sehr geehrte Frau Bauer,

    herzlichen Dank für Ihren kurzen, aber präzisen und ermutigenden Kommentar!

    Wir müssen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht davon ausgehen, dass religiöse Akteure (auch Gründer oder Oberhäupter von Religionsgemeinschaften) bewusstes "Wissen" erfolgreicher Reproduktionsstrategien umsetzten. Vielmehr beobachten wir auf dem Feld der Religionen ein ständiges Entstehen von Neugründungen, -interpretationen und Absplitterungen, von denen es nur ein Bruchteil jemals auf eine relevante Größe bringt. Und auch von dieser kleinen Zahl von Gruppen wird wiederum nur ein Bruchteil historisch wirksam. Sowohl E.O. Wilson wie F.A. Hayek haben diese "kulturelle Auslese" beschrieben.

    Anders formuliert: zur Weltreligion steigen nur Gemeinschaften auf, die (auch) reproduktiv erfolgreiche Strategien entwickeln. Das geschieht häufig auch über interne Vielfalt, die sich dann im Wettbewerb misst. So waren sowohl Buddhismus wie Christentum im Anfang keinesfalls so einheitlich familienorientiert, wie es uns z.B. Eva Herman weismachen möchte. In der historischen Realität gab (und gibt) es ganz unterschiedliche Ansätze und Familienmodelle - und immer wieder setzten und setzen sich jene durch, die (auch) durch hohe Kinderzahlen ihre Position durchsetzen konnten. Derzeit haben z.B. in der Schweiz die traditionalistischen Gemeinschaften der Neuapostolischen Kirchen und Zeugen Jehovas sehr viel weniger Kinder als z.B. Frei- und Pfingstkirchen mit hohen Anteilen auch arbeitender Mütter (aber alle haben weit mehr Kinder als Konfessionslose). Und prompt überaltern NAK und Zeugen Jehovas und verlieren damit auch missionarische Ausstrahlung: die NAK musste vor wenigen Wochen zwei Berliner Kirchen an Moscheevereine kaufen usw.

    Der Clou der Religiosität (wie anderer biokulturellen Fähigkeiten wie z.B. Musikalität) besteht also gerade darin, dass sich aus der Vielfalt heraus immer wieder neue, erfolgreich an die jeweilige Umwelt angepasste Produkte herausbilden können, ohne dass es eines einzelnen "Intelligent Designer" dafür bräuchte. Evolution ist eine starke Theorie, ggf. noch viel stärker, als viele Wissenschaftler sich bislang träumen lassen.

  28. Michael Blume Am Anfang war der Ahnenkult
    29.12.2007, 09:16

    Lieber Herr Dahl,

    Sie haben völlig Recht: nach Ihrer These eines uranfänglichen "Staunens" wäre die Entwicklung adaptiver Vorteile und komplexer Glaubenssystme recht schwer zu erklären. Sie entspräche auch nicht den paläoanthropologischen Befunden: denn lange vor symbolischen Zeichnungen, Himmelsobservatorien etc. haben wir Befunde zunehmend komplexer Bestattungen.

    Die US-Anthropologen Craig Palmer und Lyle Steadman haben schon vor längerer Zeit den Ansatz der "descendant leaving strategy" entwickelt: tendenziell wurden und werden jene Eltern ihre Gene erfolgreicher weitergeben, die ihren Nachkommen erfolgreiche Lebens- und Reproduktionsstrategien übermitteln.

    Wie Craig & ich dann feststellten (und derzeit gemeinsam publizieren), passt das wunderbar zusammen: schon die Ahnung eines "Weiterlebens" der Eltern würde sich wiederum adaptiv auswirken, indem es die Verbindlichkeit der Weisungen erhöht.

    Entsprechend haben wir

    1. Anzeichen von Trauer und ggf. verarbeitendem Verhalten im Todesfall naher Angehöriger schon bei höheren Säugetieren wie Elefanten und einigen Affenarten

    2. Bestattungen als erste belegbare Funde, die auf religiöses Verhalten verweisen

    3. Belege aus der Kognitionspsychologie (v.a. Berings), wonach schon Menschenkinder eine "intuitive Theologie" des Weiterlebens Verstorbener vertreten, die ihnen dann erst teilweise "abtrainiert" wird.

    4. Sowohl komplexe Bestattungsrituale wie auch ausgereifte Mythologien über das "wichtige Wissen der Vorfahren" wie auch über Tote, die aus den Gräbern kommen, um Verfehlungen zu rächen bzw. nicht eingehaltene Gelübde zu sühnen in praktisch allen Weltkulturelen (sog. Universalie).

    Die Befunde deuten also eher darauf hin, dass am Anfang der Ahnenkult stand, der sich erst dann (mit auch steigender Bevölkerungsdichte) in abstraktere Formen kleidete. Das würde i.Ü. auch dazu passen, dass Religiöse ihre Götter gerne als Familienvorfahren ansprechen ("Vater!", "Mutter!") und auch untereinander Familiennomen pflegen ("Liebe Brüder und Schwestern.").

  29. Edgar Dahl Am Anfang war der Ahnenkult
    29.12.2007, 19:00

    Bevor ich mich etwas ausfürhlicher zu Worte melde, kurz eine Anmerkung zu Ihrem letzten Kommentar:

    "Sie haben völlig Recht: nach Ihrer These eines uranfänglichen "Staunens" wäre die Entwicklung adaptiver Vorteile und komplexer Glaubenssystme recht schwer zu erklären."

    Ich hoffe, Ihnen ist nicht entgangen, dass Sie sich hier einer groben Beweiserschleichung schuldig machen. Sie setzen kuzerhand die Adaptivität von Glaubenssystemen voraus, während es in unserer Diskussion doch gerade darum geht, sie erst einmal zu erweisen.

    Mein Ansatz hat keinerlei Probleme mit der Erklärung "komplexer" Glaubenssysteme. Für mich steht, wie erwähnt, das Staunen und Wundern am Anfang. Dieses Staunen und Wundern wirft Fragen nach unserem Woher und Wohin auf. Die erste Antwort, die sich unsere Vorfahren auf diese Fragen gegeben haben mögen, bestand vermutlich in einer Art Schöpfungsmythos. Der Schöpfer, an den man glaubte, ist dann wahrscheinlich schrittweise von einem zunächst unpersönlichem Wesen zu einem persönlichen Wesen und schließlich zu jenem komplexen Wesen geworden, an das beispielsweise Christen heute glauben. Dogmen wie die Trinität oder die Transsubstantiation sind sicher Glaubensvorstellungen jüngeren Datums, die erst auf der Grundlage einer immer ausgefeilteren Theologie entstehen konnten, in der man gezwungen zwar, Konsistenz in sein Glaubenssystem zu bringen: "Ist Gott höchstpersönlich auf die Erde gekommen oder war es vielleicht sein Sohn; und wenn es sein Sohn war, wie kann Gott dann nur eine Person sein; muss er nicht vielemehr aus mehereren Personen bestehen?" etc.

    Mit anderen Worten: Die wachsende Komplexität religiöser Vorstellungen lässt sich genau wie die wachsende Komplexität philosophischer oder juristischer Vorstellungen aus der zunehmenden Beschäftigung mit diesen Vorstellungen verstehen - ohne dass man auf irgendeine genetische und biologisch adaptive Grundlage zurückgreifen muss.

  30. Edgar Dahl Ein letztes Mal: sozialer Status und reproduktiver Erfolg
    29.12.2007, 19:40

    Der Zusammenhang zwischen sozialem Staus und reproduktivem Erfolg ist in der Tat nicht von unmittelbarer Relevanz für unser Thema. Mittelbar aber doch! Denn es geht darum, neben einer bloßen Korrelation von Religiosität und Kinderzahl eine Kausalität von Religiosität und Kinderzahl aufzuzeigen. Die Korrelation von sozialem Status und reproduktivem Erfolg hat hier sozusagen Vorbildcharakter, da wir hier auch den kausalen Mechanismus verstehen: Mehr Geld, mehr Frauen, mehr Kinder. Die Frage ist: Gibt es einen vergleichbaren kausalen Mechanismus zwischen Religiosität und Kinderzahl? Und wenn ja, wie sollte er aussehen: "Je frömmer, desto attraktiver und folglich mehr Kinder"!?

  31. Edgar Dahl George Clooney - Ein häufiges Missverständnis
    29.12.2007, 20:14

    "Nun hat sich George Clooney neulich in einem Interview dazu geäußert, dass er nun einmal keine Kinder wünsche. Und genau das ist der Punkt: es kommt evolutionsbiologisch eben nicht primär darauf an, wie viele Sexualpartner sich "vor die Füße werfen", sondern wie viele Kinder daraus entstehen. Und dabei hängt die durchschnittliche Amish-Familie eben die gesammelten Hollywood-Schauspieler ab."

    Dies ist, fürchte ich, ein grobes Missverständnis der Evolutionsbiologie. Die natürliche Selektion hat Männer prämiert, die ehrgeizig und erfolgreich waren, da "Erfolg sexy macht". Das genetische Programm "Versuche auf der sozialen Stufenleiter soweit als möglich nach oben zu klettern!" ist zu einer Zeit entstanden, als weder Verhütungsmittel noch Schwangerschaftsabbrüche in Sicht waren. Über Jahrmilionen hat es sich daher auch für Männer reproduktiv ausgezahlt, erfolgreich zu sein. Dass es sich im Zeitalter der Pille nicht mehr in derselben Weise auszahlt, ist kein Einwand gegen die Adaptivität eines hohen sozialen Status. Daher gefiel mir ja auch Perusses Untersuchung, in der er statt der Zahl der Kinder, die Zahl der Frauen zählte, mit denen arme und reiche Männer geschlafen hatten. Denken Sie sich für einen Moment die Pille weg und Sie werden sehen, dass erfolgreiche Männer mehr Kinder zeugen.

    Zudem darf man nicht den Fehler machen, zu unterstellen, dass wir dem biogenetischen Imperativ zur Fitness-Maximierung "bewusst" folgen. Die Menschen haben nie Sex gehabt, um ihre Gene weiterzugeben, sondern schlicht und einfach, weil sie Spaß daran hatten. Dass sie Spaß daran hatten, hat dann aber automatisch dafür gesorgt, dass sie ihre Gene weitergaben. Dass sich einige Menschen, wie offenbar auch George Clooney, bewusst gegen Kinder entscheiden, ist daher kein Einwand.

  32. Michael Blume George Clooney
    29.12.2007, 20:24

    Genau die von Ihnen beschriebene Entkoppelung von Sex und Geburten halte ich für hochinteressant. Und, nein, die kannte nicht erst George Clooney. Schon Wildbeutervölker haben ein differenziertes Verständnis von Sexualität und Verhütung, oft auch pflanzliches und technisches Wissen dazu, manchmal wird zusätzlich Infantizid praktiziert. Die Vorstellung, erst in den letzten paar Jahrhunderten hätten gebildete Europäer begonnen, über ihre Kinderzahl bewusst nachzudenken, halte ich für eurozentrisch.

    Ein schönes Beispiel für reproduktive Vorausplanung und die von Ihnen völlig zu Recht gesehene Entkoppelung von Sex und Geburten haben wir beispielsweise in der Bibel, Genesis 38: der biblische Onan will mit Tamar gerne Beischlaf haben, aber kein Kind zeugen. Also "lässt er seinen Samen zur Erde fallen" - Coitus interruptus. Und das ist in einer sehr alten, wahrscheinlich schon auf mündliche Überlieferungen zurück gehenden Schrifttradition. (Gott ist übrigens nicht einverstanden - er besteht auf Reproduktion... Schon hier war es also reproduktiv förderlich an ihn zu glauben... (-; )

  33. Edgar Dahl Sexualität und Reproduktion
    29.12.2007, 20:41

    Ich wollte selbstverständlich nicht sagen, dass es in der Vergangenheit nicht auch schon eine Entkopplung von Sexualität und Reproduktion gegeben hat. Sicher, Menschen haben zu allen Zeiten unerwünschte Kinder vernachlässigt, ausgesetzt oder gar getötet. Doch auch hier waren es eher die armen Teufel, die sich keine zusätzlichen Kinder leisten konnten und zu so grausamen Mitteln greifen mussten, als die reichen.

    Ich sehe mir jetzt mal das Kapitel aus Eckart Volands neuem Buch an. Bis gleich!

  34. Edgar Dahl Eckart Voland
    29.12.2007, 22:45

    Ich bin ein großer Bewunderer von Eckart Voland. Dennoch finde ich sein Kapitel zur Evolution der Religion nicht sonderlich überzeugend. Natürlich hat er recht, dass Religionen - wenn sie einmal enstanden sind - Vorteile mit sich bringen: Sie stärken das Wir-Gefühl, mögen die Opferbereitschaft des Einzelnen erhöhen und so weiter. Doch das ist nicht die Frage. Die Frage ist, wie konnte sich die Religion überhaupt entwickeln? Sofern wir nicht an Gruppen-Selektion glauben, müssen wir uns auf die Suche nach den biologischen Vorteilen für das Individuum machen. Inwieweit sollten Individuen, die Träger eines Gens für Religiosität sind und an Geister, Götter und Dämonen glauben, irgendwelche Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile gegenüber anderen Individuen haben?

    Die einzige Brücke, die mir von einer naturalistischen zu einer supernaturalistischen Weltsicht zu führen scheint, sind die von Voland angesprochenen "intuitiven Ontologien". Es könnte sein, dass religiöse Vorstellungen nicht einfach die Antwort auf die existenziellen Fragen sind, mit denen uns unser Neokortex plötzlich konfrontierte, sondern dass sie tatsächlich auf "magischen" und "animistischen Intuitionen" beruhen.

    Das Beispiel das Voland benutzt, ist aber wenig überzeugend. Wenn man durch einen Wald geht, in dem Feinde oder Raubtiere lauern können, ist es adaptiv, auf der Hut zu sein und sich bei dem leisesten Rascheln der Blätter in Sicherheit zu begeben. Inwieweit sollte nun aber derjenige, der sich nicht nur vor einem möglichen Feind oder Raubtier, sondern zusätzlich noch vor einem Geist versteckt, irgendwelche Überlebensvorteile haben? Furcht vor realen Gefahren ist adaptiv genug - es bedarf keiner zusätzlichen Furcht vor imaginären Gefahren. Eine solche Furcht vor imaginären Gefahren mag sogar maladaptiv sein.

    Kennen Sie "The Intuitive Magician" von Bruce Hood? Ich habe diesen Artikel letztes Jahr mal irgendwann gelesen und war recht beeindruckt. Er geht nicht soweit zu behaupten, dass wir alle "geborene Theisten" sind; doch nach ihm sind wir gewissermaßen "geborene Animisten". Ich sehe mir den Text heute oder morgen noch einmal an, um zu prüfen, inwieweit er die Adaptivität animistischen und magischen Denkens plausibel macht

  35. Michael Blume Staunen oder Ahnenkult
    30.12.2007, 00:09

    Ich verhehle nicht, dass ich die These eines uranfänglichen Staunens sehr schön finde. Nur gelten in der Religionswissenschaft und insbesondere in den interdisziplinären Evolutionary Religious Studies inzwischen sehr hohe Erwartungen: eine Evolutionstheorie zur Religiosität sollte die paläoanthropologischen Befunde einbeziehen (die mit Bestattungen beginnen und kosmologisch-symbolische Artefakte erst sehr spät aufweisen) und sollte ein Set empirischer Daten und ggf. (insofern neurobiologische bzw. kognitive Hypothesen enthalten sind) experimenteller Befunde aufweisen bzw. solche zu integrieren vermögen.

    Die "intuitiven Ontologien" in Volands Kapitel teile ich ausdrücklich, der Ausdruck stammt von Pascal Boyer ("Religion explained"), der damit 2002 einen sehr fruchtbaren kognitionspsychologischen Ansatz auf Basis ethnologischer Beobachtungen und auch experimenteller Fragen vorstellte. Und ich darf noch einmal darauf verweisen, dass v.a. Bering in inzwischen mehreren Experimenten mit Kindern eine solche "intuitive Ontologie" (er schreibt sogar von "intuitiver Theologie") vorweisen konnte, nach der schon kleine Kinder z.B. ganz selbstverständlich ein bestimmtes "Weiterleben" nach dem Tod annehmen.

    Auf Ihre Nachfrage also gerne noch einmal: ja, ich halte religiöse Vergemeinschaftung für demografisch nachgewiesen adaptiv, indem sie v.a. den Reproduktionserfolg vorausplanender Akteure (Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis) relativ zu säkularen Zeit- und Schichtgenossen beflügelt(e). Wie Sie gesehen haben, hat auch Voland die entsprechenden Daten nicht nur anerkannt, sondern auch in sein Buch übernommen.

    Der Glauben an und die Verehrung von übernatürlichen Akteuren (beginnend mit den eigenen Vorfahren bzw. Verwandten) bewirkte und bewirkt m.E.

    1. die Vermittlung von und Motivation zu erfolgreichen Lebens- und Reproduktionsstrategien (descendant leaving strategies oder symbolisches Wissen), wie auch schon die ersten Worte des biblischen Gottes an den Menschen formulieren "Seid fruchtbar und mehret euch!" (Gen 1,28) - und wie es heutige, demografische Daten reichlich belegen

    2. die Absicherung von Kooperationen durch deren wahrgenommene "Überwachung" durch die übernatürlichen Akteure, am evolutiv wohl wichtigsten dabei die Ehekooperationen. Auch hier lässt der Hintergrund der Goetheschen "Gretchenfrage" (Religiosität als Indiz für Kooperationstreue und also Vorteil in der sexuellen Selektion) nicht nur in der Theorie und vergleichenden Beobachtung erschließen (Ehen sind Universalien und fast weltweit werden sie unter Anrufung der übernatürlichen Akteure eingesegnet) - sondern vor allem auch wiederum empirisch am Vergleich des Heiratsverhaltens, Scheidungsquoten etc. belegen. (Z.B. Daten Schweizer Volkszählung)

    3. Damit die Glaubwürdigkeit religiöser Akteure wechselseitig bestärkt und die Kooperationsfähigkeit religiöser Gemeinschaften gesichert werden kann, enthalten religiöse Lehren regelmäßig "costly requirements" (regelmäßige Gemeinschaftsversammlungen, Initiationsriten, Opfer, Rituale, Kleidungs- und Speisegebote etc.), die nach innen als "ehrliche Signale" wirken und Trittbrettfahrer abschrecken. Auch dieser Aspekt der Theorie kann sich etwa auf empirische Arbeiten von Sosis und Bressler berufen - Religionsgemeinschaften mit mehr costly requirements haben durchschnittlich längere Lebensdauern als "liberale" Gruppen, säkulare Gemeinschaften profitieren dagegen von den costly requirements kaum.

  36. Michael Blume Intuitive Magician
    30.12.2007, 00:14

    Nein, den Text kenne ich noch nicht - aber er klingt sehr interessant! Danke für den Tip, das werde ich mir anschauen!

    Für Sie auf jeden Fall interessant dürfte Pascal Boyer sein, der übrigens ebenfalls Religiosität als Epiphänomen beschreiben wollte. Wie es aussieht, werde ich nächstes Jahr die Gelegenheit zu einer Tagung mit ihm zum Thema haben, wie sich überhaupt derzeit unglaublich viel vernetzt und tut.

    Und das war ja auch nur der Sinn meines Wissenslogbeitrags: aufzuzeigen, dass sich in der Kombination historischer und empirischer Befunde sowie vor allem verschiedenster Disziplinen derzeit im Bereich "Evolution religiöser Veranlagungen" sehr viel tut.

    Und da möchte ich ausdrücklich zum Mitdenken und Mitmachen ermuntern! (-:

  37. Edgar Dahl "The Intuitive Magician"
    30.12.2007, 01:36

    Ich kann Ihnen gern eine PDF-Datei des Textes schicken.

    Alternativ findet man den Text auch unter:

    http://www.dana.org/...cerebrum/detail.aspx?id=114

    Haben Sie schon irgendwelche genaueren Details oder gar das Programm zu der Tagung im nächsten Jahr?

  38. Edgar Dahl Paläoanthropologische Befunde
    30.12.2007, 01:55

    "Ich verhehle nicht, dass ich die These eines uranfänglichen Staunens sehr schön finde. Nur gelten in der Religionswissenschaft und insbesondere in den interdisziplinären Evolutionary Religious Studies inzwischen sehr hohe Erwartungen: eine Evolutionstheorie zur Religiosität sollte die paläoanthropologischen Befunde einbeziehen (die mit Bestattungen beginnen und kosmologisch-symbolische Artefakte erst sehr spät aufweisen) und sollte ein Set empirischer Daten und ggf. (insofern neurobiologische bzw. kognitive Hypothesen enthalten sind) experimenteller Befunde aufweisen bzw. solche zu integrieren vermögen."

    Was wir tun, wenn wir über die Ursprünge der Religion nachdenken, ist ja letztlich reine Spekulation. Daran ist selbstverständlich nichts auszusetzen, solange wir uns dieser Tatsache nur deutlich bewusst bleiben.

    So wie es sehe, setzen die paläoanthropologischen Befunde, wie etwa bestimmte Bestattungsriten, bereits eine Metaphysik voraus. Wir können also nicht mit den Bestattungsriten beginnen, sondern müssen weitergehen und das Weltbild zu rekonstruieren suchen, das diese Menschen besaßen.

  39. Edgar Dahl Die Metaphysik der Schimpansen
    30.12.2007, 02:17

    Ich habe vor einiger Zeit mal gelesen, dass bereits Schimpansen religiöse Riten kennen. Wenn es regnet und einfach nicht aufhören will zu regnen, nehmen sie sich angeblich Stöcke, tanzen im Kreis und bedrohen den Himmel.

    Angenommen, dies ist wahr. Müssen wir uns dann nicht drei Fragen stellen? Erstens, hat dieses Verhalten eine genetische Grundlage? Zweitens, falls es eine genetische Grundlage hat und Schimpansen tatsächlich "geborene Animisten" sein sollten, die hinter den Wolken einen Geist vermuten, den sie mit ihrem Verhalten einschüchtern oder beschwichtigen wollen, welchen biologischen Vorteil hat dieses Verhalten dann? Und drittens schließlich: Wie sind die Schimpansen zu dem Animismus gekommen, der sie den Himmel bedrohen lässt - sollten "animistische Schimpansen" tatsächlich größere Überlebens- oder Fortpflkanzungschancen haben als "naturalistische Schimpansen"?

  40. Michael Blume Jenseits der Spekulation
    30.12.2007, 14:37

    "Was wir tun, wenn wir über die Ursprünge der Religion nachdenken, ist ja letztlich reine Spekulation."

    Genau das ist es nicht mehr. Wie bei allen anderen Themen der Evolutionsforschung auch können wir das Evolutionsmerkmal Religiosität aus der Perspektive verschiedener historischer Disziplinen, der Genetik sowie mit vergleichenden Beobachtungen, Studien und Experimenten an zeitgenössischen Homo Sapiens Thesen entwerfen und überprüfen. Damit haben wir eine sehr viel breitere Datenbasis als zum Beispiel zum Brutverhalten der Dinosaurier - dennoch würden allenfalls Kreationisten sagen, wir könnten über das Leben der Saurier "nur spekulieren", weil doch die ganze Evolutionstheorie unbeweisbar und eine lückenlose Fossilkette nicht herstellbar sei...

    Ich kann mich da nur wiederholen: wenn sowohl Geistes- wie Naturwissenschaftler die (religiösen oder religionskritischen) Scheuklappen weglassen und sich auf empirische Befunde verschiedenster Disziplinen einlassen, lässt sich das Verhaltensmerkmal Religion ebenso erforschen wie Musik, Sprache etc. Und die Daten deuten klar darauf hin, dass es sich ebenso über (bis heute wirksame) adaptive Vorteile entfaltet hat: Phänotypen, die Verhaltensmerkmal R ausgeprägt haben, weisen beobachtbar deutlich höhere Paarungsstabilität und Reproduktionserfolge auf - auch unter Bedingungen, die andere Erklärungsfaktoren weitgehend ausschließen (z.B. orthodoxe Juden, Amish).

    Ich muss, ehrlich gesagt, schon manchmal schmunzeln, warum da plötzlich manche Naturwissenschaftler auf einem "Es kann nicht sein!" bestehen wollen, die doch den Religiösen stets empfohlen haben, sich vorurteilsfrei mit wissenschaftlichen Fakten zu befassen...

    "So wie es sehe, setzen die paläoanthropologischen Befunde, wie etwa bestimmte Bestattungsriten, bereits eine Metaphysik voraus. Wir können also nicht mit den Bestattungsriten beginnen, sondern müssen weitergehen und das Weltbild zu rekonstruieren suchen, das diese Menschen besaßen."

    Nein, wir brauchen kein geschlossenes Weltbild (das bieten auch heutige Religionen immer nur temporär), sondern lediglich die Fähigkeit von Menschen, "intuitive Ontologien" (Boyer, Voland) zu kreieren. Und dass Kognitionspsychologen wie Bering einen intuitiven Glauben an ein Weiterleben bei Kindern experimentell aufgezeigt haben, hatte ich bereits erwähnt.

    "Ich habe vor einiger Zeit mal gelesen, dass bereits Schimpansen religiöse Riten kennen. Wenn es regnet und einfach nicht aufhören will zu regnen, nehmen sie sich angeblich Stöcke, tanzen im Kreis und bedrohen den Himmel."

    Solche Beobachtungen wären, wenn sie seriös und verifizierbar sind, hoch interessant, sind aber mir und -soweit ich sehen kann- den Kollegen unbekannt. Und wir hatten z.B. auf der Evolution of Belief-Tagung in Delmenhorst einige Primatologen dabei, mit denen wir z.B. intensiv sexuelle Selektionsstrategien (auch im Hinblick auf die o.g. Gretchenfrage) diskutieren konnten. Auf erkennbar religioides Verhalten bei Schimpansen hätten sie uns, meine ich, hingewiesen, auch bei De Waal et al. habe ich bislang nichts darüber gefunden.

    Ihnen noch einmal danke für die gute Diskussion (die jedoch m.E. etwas Gefahr läuft, sich im Kreis zu drehen) - und von Herzen einen guten Rutsch ins neue Jahr! Vielleicht besteht ja einmal die Chance zu einem persönlichen Kennenlernen, ich würde mich freuen! (-:

  41. Ingo-Wolf Kittel, FA für pt. Medizin Zu Ursprung und (weiteren) Entwicklung von Religiosität
    30.12.2007, 16:04

    Bei der Diskussion um die mögliche Herkunft von Phänomenen, die wir heute wie selbstverständlich und damit zumeist ohne Gründe dafür anzugeben oder gar zu reflektieren "religiös" nennen, wird zwar immer wieder auf das Denken und Fühlen von frühen Menschen Bezug genommen. Für mich verblüffend ist aber die Tatsache, dass selbst Fachleute kaum belastbare psychologische Überlegungen dazu vorlegen. Am meisten habe ich bei meiner kursorischen Lektüre noch das ein Jahrhundert alte Werk von William James über "Die Vielfalt religiöser Erfahrung" angegeben gefunden.

    Aufgefallen ist mir außerdem, dass - wiederum wie selbstverständlich - zumeist auch davon ausgegangen wird, frühe Menschen hätten schon gedacht wie wir heute, eine Voraussetzung, die ich für methodisch fragwürdig halte; denn hier besteht die Gefahr, eigenes Denken schlicht anderen und insbesondere Menschen zu unterstellen, die vor zwei- bis dreihunderttausend Jahren gelebt haben: Überlegungen und Argumentationen auf dieser Ebene laufen besondere Gefahr schlicht zirkulär zu sein.

    Der einzige Wissenschaftler, den ich kenne, der ein derartiges Vorgehen vermieden hat, war der verstorbenen Princeton-Psychologe Julian Jaynes. Ich möchte daher auf sein 1976 erschienenes Werk "The Origin of Consciousness..." hier zumindest hinweisen. Über den Wikipedia-Eintrag zu Person und Werk sind weitere Informationen zu erhalten, insb. der komplette Text der deutschen Übersetzung seines Werks sowie eine Darstellung seiner wichtigsten psychologischen Überlegungen von mir, die auch über einen Klick auf meinen Namen hier zu erreichen ist.

  42. Edgar Dahl Bloßes Missverständnis
    30.12.2007, 16:40

    Ich fürchte, Sie missverstehen mich. Selbstverständlich sind die empirischen Daten zur Korrelation von Religiosität und Kinderzahl sowie die Untersuchungen zu den intuitiven Ontologien keine bloßen "Spekulationen". Spekulativ sind lediglich unsere Überlegungen zu den Ursprüngen religiösen Denkens: Wie hat alles angefangen? Mit dem Staunen? Mit einem Geistesblitz? Einem Mythos? Oder einem Gen, das seine Träger zu animistischen oder metaphysischen Gedanken verhalf.

    Wie erwähnt, bin ich durchaus bereit, die Existenz eines "religiösen Gens" anzunehmen. Ich will nur eine Antwort auf die Frage, inwieweit animistische Menschen gegenüber naturalistischen Menschen irgendwelche Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile haben.

    Unabhängig davon, ob die Geschichte über die Schimpansen (die ich mal bei Vitus B. Dröscher gelesen habe) wahr ist oder nicht - es ist ein gutes Gedankenexperiment. Wie sind sie zu ihrem animistischen Weltbild, das sie hinter den Wolken eine Person vermuten lässt, gekommen? Welchen adaptiven Vorteil sollten animistische Schimpansen gegenüber naturalistischen haben? Ist das nicht eine interessante und faire Frage?

    Sobald man die biologischen Vorteile animistischen, magischen oder religiösen Denkens aufgezeigt hat, befindet man sich auch auf einer weit besseren Grundlage, um den Zusammenhang von Reproduktion und Religion in heutigen Gesellschaften zu verstehen. Lassen Sie uns doch also erst kurz über die Schimpansen und dann über die Amish sprechen.

  43. Peter Roosen Homo Causalis?
    30.12.2007, 18:54

    Sehr geeehrte Diskutierende, insbes. Herr Blume und Herr Dahl,

    ich bin eben erst auf diese Diskussion hier gestoßen, habe sie mir in den letzten ca. zwei Stunden zu Gemüte geführt und bin sehr positiv von deren Niveau überrascht.

    Ein Aspekt, der m.E. noch nicht (oder nur am Rande) angesprochen wurde, ist einer, den ich zumindest teilweise in Hoods Web-Beitrag zu erkennen glaube: Die evolutionäre Entwicklung der diversen religiösen Praktiken (und auch Reproduktionsergebnisse) aus einem einfachen Prinzip heraus.

    Als solches sehe ich das Prinzip der evolutionären Nische. Jede (zufällig durch Mutationen entstandene!) Spezies versucht m.E., eine solche möglichst noch brachliegende Nische zu identifizieren und durch entsprechende Anpassung im Lauf der Generationen möglichst effektiv zu besetzen. Dies kann relativ kurzfristig sein, wie es wohl der Säbelzahntiger vorgemacht hat, oder eben langfristig, wie es die derzeit existierenden und schon lange existierenden Arten vormachen.

    Die ökologische Nische, die sich der Mensch wohl zu eigen gemacht hat, dürfte die möglichst gute Welterklärung durch Kausalität sein. Dieses ständige Fragen nach Ursachen und das Erkennen von Wirkzusammenhängen dürfte dem körperlich eher mittelmäßigen Homo Sapiens seinen spezifischen Selektionsvorteil gegeben haben.

    Für viele hunderttausend Jahre beschränkte sich aber die Kausalität auf die unmittelbaren Welterklärungen des Alltäglichen. Und wenn man halt keine real-kausalen Zusammenhänge (für Erdbeben, Feuersbrünste, Dürren, ...) finden kann, aber qua Genom auf das Erklären geradezu fixiert ist, muss man irgendwann auf die finale Erklärung durch Postulierung eines höheren Wesens zurückgreifen. Sobald dieses höhere Wesen im Sinne einer eines evolutionären Quantensprungs jedoch erfunden ist, ergeben sich m.E. viele der diskutierten Effekte geradezu zwangsläufig:

    Wenn es einen Gott als kausale Ursache für all die ansonsten unerklärbaren Naturphänomene (einschließlich echt zufälliger Effekte!) gibt, werden Menschen versuchen, diese Ursache in ihrem Sinne zu bearbeiten - wie jede andere Ursache unliebsamer Wirkungen auch. Diese Bearbeitung ist aber nichts anderes als die religiöse Kulthandlung in diversesten Ausprägungen.

    An diese Stelle scheiden sich auch die Atheisten von den Religiösen in ihren Verhaltensmustern, und zwar für mich ziemlich genau mit dem Effekt, den Herr Blume als Reproduktionsvorteil für Religiöse empirisch beobachtet: Wenn in einer (fast) ausweglosen Lage der Atheist in durchaus passender Erkenntnis des Erwartungswerts verschiedener (aber alle suboptimaler) Handlungsstrategien aufgibt, wird der Religiöse auf sein "gutes Verhältnis" zum diese Situation geschaffen Habenden vertrauen, der Situation einen "tieferen Sinn" beimessen und wider jegliche Wahrscheinlichkeit mit seinem Handeln weitermachen. Und in einer gewissen Zahl von Fällen damit auch erfolgreich sein. Somit im Sinne der längerfristigen Reproduktivität schon mal 1:0 für die religiöse Seite.

    Wie sieht es nun mit dem direkten Kinder-Bekommen aus? Während der Atheist verantwortungsvoll die Ressourcen abwägt, die er seinen Kindern widmen bzw. mitgeben kann, wird der Religiöse - insbesondere, wenn die generelle Lehrmeinung der entsprechenden Religionsgemeinschaft dies nahelegt - mit "Gottvertrauen" für eine größere Zahl von Nachkommen sorgen und die erforderliche Ressourcenlage vertrauensvoll auf die spätere göttliche Fügung verlagern. Auch diese Strategie bringt - von der Quantität her - zunächst mal einen direkten Selektionsvorteil für die Anhänger von Religionen. Also 2:0.

    Schließlich noch, um die Diskussion noch einmal ein wenig auf den ursprünglichen Inhalt des Zölibats zurück zu bringen, der Aspekt des Exports entsprechender Personen: Zölibatäre Priester (im allgemeineren Sinn) dürften in der gängigen Sichtweise die ideale Besetzung für die Bearbeitung der Causa Prima (also dem Gott) sein, weil sie sich mangels anderer Lebensinhalte gerade dem wesentlichen Wunsch der Gemeinschaft nach dessen Beeinflussung widmen können. Während jedoch in der Gruppe, in der der Priester heranwächst, das Wissen um dessen (allzu menschliche) Verquickung in übliche menschliche Beziehungskisten (Eltern, Geschwister, Besitz, ...) besteht - der Prophet gilt wenig im eigenen Land - , stören solche Effekte nach dessen Export in eine andere Gemeinschaft halt nicht mehr das gewünschte Bild dieses Individuums.

    Zusammenfassend sehe ich den Selektionsvorteil der einer Religiösität Verhafteten, hier ein wenig Dawkins folgend, als einen Nebeneffekt der zentralen genetischen Veranlagung, die uns durch die Extrementwicklung unseres Gehirns vor allem Wirkzusammenhänge suchen lässt (Homus Causalis). Ich glaube aber, dass diese Religiösität nur ein vorüber gehender Nebeneffekt bleibt, der sich totläuft, sobald die auf starke Gruppenreproduktion und -ausweitung ausgerichteten Handlungsparadigmen an natürliche Grenzen stoßen (ganz wesentlich hier: die Überbevölkerung).

  44. Edgar Dahl Momentan kann es unmöglich 2:0 stehen
    30.12.2007, 20:11

    "Zusammenfassend sehe ich den Selektionsvorteil der einer Religiösität Verhafteten, hier ein wenig Dawkins folgend, als einen Nebeneffekt der zentralen genetischen Veranlagung, die uns durch die Extrementwicklung unseres Gehirns vor allem Wirkzusammenhänge suchen lässt (Homus Causalis)."

    Lieber Herr Roosen, haben Sie herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Aber wenn Sie Dawkins zustimmen, dass die Religion nur ein Nebeneffekt ist, sehe ich nicht, wie es 2:0 zugunsten der Religion stehen kann.

    Wie auch immer, Ihre Überlegung ist in jedem Fall reizvoll. Im Sinne der Evolutionären Epistemologie kann man argumentieren, dass unser Erkenntnisapparat an eine kognitive Nische - den "Mesokosmos", wie Gerhard Vollmer ihn nennt - angepasst ist. Anders als der Mikrokosmos oder der Makrokosmos hat der Mesokosmos tatsächlich drei Dimensionen und alle Ereignisse erfolgen in ihm streng kausal. Da sich unser Gehirn mit seinen Erkenntnisstrukturen über Jahrmillionen an diese Welt der mittleren Dimensionen angepasst hat, können wir gar nicht anders, als kausal zu denken. Gezwungen, stets nach einer Ursache zu suchen, mögen sich unsere Vorfahren also nach der Herkunft der Welt gefragt haben. Was ist die Ursache dieser Welt? Wo kommt sie her? Wer hat sie geschaffen? - Dies ist aber auch der Ansatz, für den ich mich die ganze Zeit stark gemacht habe, als ich argumentierte, dass uns unser Gehirn staunen, wundern und fragen und schließlich eine primitive Kosmologie entwickeln ließ.

  45. Edgar Dahl "Woher" oder "Wozu"?
    30.12.2007, 20:22

    Möglicherweise war ich eben etwas oberflächlich. Bei näherem Nachdenken könnte man durchaus zwischen unseren Positionen unterscheiden. So könnte man etwa sagen, dass Ihr Ansatz mit der Frage "Woher?" und mein Ansatz mit der Frage "Wozu?" beginnt. Ihrer Ansicht nach begann die Religion gewissermaßen mit dem "kosmologischen Gottesbeweis" und meiner Ansicht nach begann die Religion eher mit dem "teleologischen Gottesbeweis".

  46. Michael Blume Neuer Schwung
    30.12.2007, 21:09

    Liebe Mitdiskutanten,

    herzlichen Dank für den neuen Schwung in der Debatte! Danke auch für die faire Klarstellung, Herr Dahl - immerhin stecken in den religionsdemografischen Daten jetzt über zwei Jahre harte Arbeit (und nicht nur von mir, auch z.B. von Carsten Ramsel, der in einem meiner Seminare mitwirkte und das Thema derzeit eigenständig als Magister- und jetzt als Promotionsthema bearbeitet oder von Dominik Enste, der am Institut der deutschen Wirtschaft Köln die Datensätze des World Value Survey auswertete), einschließlich des Diskutierens und Überprüfens immer neuer Alternativhypothesen vor Religionswissenschaftlern, Biologen, Theologen, Ökonomen und Journalisten und zuletzt im internationalen Rahmen. Erst jetzt, da die Daten mehrfach gesichert sind, laufen die ersten, vertieften Veröffentlichungen (neben Voland in seinem neuen Buch hatte aber schon Bild der Wissenschaft die Befunde in der Februar-Titelgeschichte auf einer ganzen Seite aufgegriffen... (-; ). Da hat die Aussage von der "reinen Spekulation" schon etwas getroffen, denn das ist sie beim besten Willen längst nicht mehr... Mir ist, als jungem Wissenschaftler, durchaus bewußt, was ich riskiere, wenn ich mit der Behauptung einer Religion-Reproduktion-Korrelation "raus gehe" - und ich tue das, weil sich die Daten als sehr stabil und stärker als erwartet erwiesen haben, in der Hoffnung, auch andere auf das Thema und seine Chancen aufmerksam zu machen.

    Schon unsere Diskussion hier zeigt m.E. auf, dass kein Mensch und auch keine Disziplin das Rätsel alleine knacken kann. Schon die Religionspsychologie alleine, hier stimme ich Herrn Wolf-Kittel ausdrücklich zu, ist ein Riesenthema - und die Frage der "Paläopsychologie" wäre ein noch größeres. Hier ist eine Menge ernsthafter, interdisziplinärer Arbeit zu leisten.

    Das gleiche gilt für die Primatologie - im ersten Entwurf dieses Wissenslogs-Beitrags hatte ich noch die Überschrift "Wenn der Religionswissenschaftler mit dem Primatologen..." erwogen, um genau diesen vielleicht auf den ersten Blick verblüffenden Strang religionsbiologischer Zusammenarbeit aufzuzeigen. In der Tat sind Primatologen für unser Thema wichtige Ansprechpartner. So habe ich über meinen Blog extra auch einen Artikel zur sexuellen Selektion von Andreas Paul eingestellt, eines deutschen Primatologen, den ich auf der Biology of Belief-Tagung kennenlernen durfte.

    http://religionswissenschaft.twoday.net/...376844/

    Zur Genetik hatte ich vor allem auf die Zwillingsstudien hingewiesen, die auf eine "normale", auf jeden Fall aber polygene Vererbbarkeit auch religiöser Veranlagungen hindeuten. Ein Paper von König & Bouchard dazu hier:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...347367/

    Und schließlich wären neben den kognitionspsychologischen auch die erkenntnistheoretischen Fragen zu beantworten, wie sie Herr Roosen mit dem "Homo Causalis" eingeworfen hat usw.

    Und genau diese Vernetzung auf Basis harter Daten und Beobachtungen erlebe ich derzeit v.a. auf internationaler Ebene - siehe hier: http://evolution.binghamton.edu/...y_scholars.html

    Und so etwas würde ich mir auch unter deutschsprachigen Forschern wünschen, da ich glaube, dass wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz eigentlich auch hervorragende Leute haben, die eigenständiges beitragen könnten.

    Gäbe es denn soviel spannendere Themen zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften als die Evolutionsbiologie der Religion? Wenn unsere Disziplinen (und Medien) sich endlich mutiger vernetzen würden, wäre da m.E. voneinander und miteinander viel zu entdecken. Ermutigt von Lars, wollte und will ich genau hierfür werben: weniger wilde Spekulation, sondern endlich seriöse, empirische, interdisziplinäre Forschung zur Evolution der Religion!

    Mit herzlichen Grüßen

    Michael Blume

  47. Edgar Dahl Sind wir geborene Thisten?
    30.12.2007, 21:20

    Lieber Herr Blume, herzlichen Dank für die Links. Sagen Sie, wo kann ich die Arbeit finden, nach der wir "geborene Theisten" sind?

  48. Edgar Dahl Nur eine einzige Frage
    30.12.2007, 21:37

    Lieber Herr Blume, ich hatte doch bereits zugestanden, dass ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Evolution der Religion keineswegs auf "bloßen Spekulationen" beruhen muss und dass ich mich einer entsprechenden Arbeitsgruppe sogar gerne anschließen würde.

    Es ist daher überhaupt nicht nötig, mich wieder und wieder darauf hinzuweisen, dass die in diesem Feld arbeitenden Wissenschaftler durchaus seriöse Forschung betreiben. Ich bezweifle dies nicht im geringsten.

    Worauf ich hinweise ist doch nur, dass die Forscher, die sich mit der Evolution der Religion beschäftigen, in zwei Lager geteilt sind - in diejenigen, die die Religiosität als ein bloßes Nebenprodukt der Evolution betrachten, und denjenigen, die die Religiosität für eine echte Anpassung halten. Und als Vertreter des ersten Lagers stelle ich Ihnen als Vertreter des zweiten Lagers nur eine einzige Frage: Worin könnten die Überlebens-und Fortpflanzungvorteile von "animistischen" gegenüber "naturalistischen" Menschen bestehen?

  49. Peter Roosen Evolution der Religion
    30.12.2007, 22:32

    Lieber Herr Dahl,

    obwohl ich auch eher Ihrem Standpunkt (der Religion als Nebenprodukt) zuneige, hatte ich gehofft, mit meinem Beitrag durchaus einen direkt evolutionsbiologischen Vorteil aufgezeigt zu haben.

    Ich möchte daher Ihre Frage "Und als Vertreter des ersten Lagers stelle ich Ihnen als Vertreter des zweiten Lagers nur eine einzige Frage: Worin könnten die Überlebens-und Fortpflanzungvorteile von "animistischen" gegenüber "naturalistischen" Menschen bestehen?" noch einmal aus meiner Sicht aufgreifen.

    Wenn meine Prämisse des Homo Causalis (als wesentliche Triebkraft der Nischenbesetzung im gesamtbiologischen Kontext) nicht ganz falsch ist, führt meine obige Argumentation aus dem Nebeneffekt der notgedrungenen Annahme eines höheren Wesens zur Welterklärung durch dessen soziologischen Einfluss auf die Handlungen des Einzelnen, der sich damit unterstützt wähnt, zu einer besseren Fitness hinsichtlich seiner Reproduktion. Diese Fitness erwächst nicht aus unmittelbarer "physischer" Verbesserung der Individuen, sondern aus einem geänderten Verhalten *aufgrund* einer physiologisch (großes Gehirn) bedingten anderen Weltsicht.

    So kann möglicherweise aus einem Nebeneffekt ein unmittelbar populationstechnisch wirksamer Haupteffekt werden.

  50. Edgar Dahl Deismus oder Theismus
    31.12.2007, 00:22

    Lieber Herr Roosen, so wie ich es sehe, vertreten Sie mit Ihrem Ansatz immer noch die Theorie der Religion als Beiprodukt der Evolution. Unser Gehirn ist von der natürlichen Selektion dazu geformt worden, kausal zu denken, weil das Verstehen des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung überlebenswichtig ist. Da wir dieses kausale Denken nicht ablegen können, wenden wir es intuitiv auch auf das Universum an und fragen: "Woher kommt diese Welt eigentlich? Da alles eine Ursache hat, muss auch diese Welt eine Ursache haben. Diese Ursache kann nur Gott sein." Nach diesem Ansatz ist die Religion offenbar ein Nebenprodukt unseres kausalen Denkens.

    Der Schritt, den Sie vom Glauben an Gott zum Verhalten der Menschen machen, scheint mir etwas übereilt. Unser kausales Denken führt uns zunächst einmal nur zu einer "ersten Ursache", nicht aber schon zum "lieben Gott", der sich um das Wohl und Wehe seiner Geschöpfe kümmert und ihnen Weisungen für das Leben auf Erden gibt. Diese erste Ursache könnte beispielsweise in dem unpersönlichen Gott der Deisten bestehen, an den Voltaire, Jefferson und möglicherweise auch Einstein geglaubt haben - ein Gott, der diese Welt geschaffen hat, sich um seine Geschöpfe aber in keiner Weise kümmert.
    Vom Deismus zum Theismus ist es noch ein langer Weg.

  51. Edgar Dahl Kurze Ergänzung
    31.12.2007, 00:40

    Um der Klarheit willen hätte ich der folgenden Bemerkung noch einen kurzen Satz hinzufügen sollen:

    Nach diesem Ansatz ist die Religion offenbar ein Nebenprodukt unseres kausalen Denkens. NICHT DER GLAUBE AN GOTT IST ADAPTIV UND UNS IN DIE WIEGE GELEGT, SONDERN DAS KAUSALE DENKEN IST ADAPTIV UND UNS IN DIE WIEGE GELEGT.

  52. Michael Blume Jesse Bering
    31.12.2007, 17:45

    Lieber Herr Dahl,

    mein Ruf nach mehr interdisziplinärer Vernetzung galt nicht mehr primär Ihnen - denn die Bereitschaft dazu haben Sie in unserer Diskussion nicht nur geäußert, sondern auch demonstriert! Ich hoffe auf weitere Meldungen! (-;

    Ernsthaft: Ihre Frage nach einem Bering-Artikel inklusive "intuitivem Theismus" und nach meiner Antwort auf den Reproduktionsvorteil einer "animistischen" versus einer "naturalistischen" Kosmologie finden Sie in diesem Bering-Artikel beantwortet:
    http://www.qub.ac.uk/.../Filetoupload,37940,en.pdf

    Denn wir kamen -ohne uns vorher gekannt oder auch nur gelesen zu haben- je von der experimentellen Psychologie wie von der empirischen Religionswissenschaft auf nahezu identische Schlussfolgerungen: dass der Vorteil "animistischen" gegenüber "naturalistischen" Glaubens darin liegt, dass "belebte" Akteure Weisungen durchsetzen und damit Kooperationsdilemmas auflösen können.

    Bei meinen Arbeiten war/ist das eben auch auf die Reproduktion bezogen: Naturalistische Evolutionstheoretiker wissen zwar, dass Reproduktionserfolg "der" Fitnessindikator ist, lassen sich aber von Naturgesetzen keine persönliche Lebensführung vorschreiben. Der Glaubende, der von Gott (oder einem Ahnen) "Sei fruchtbar und mehre Dich!" gesagt bekommt, unter Umständen schon. Andere Gebote (Kein Sex außerhalb der Ehe, Meidet Verhütung und Abtreibung etc.) hatten wir ja schon diskutiert. Empirisch wird sich das in höheren Reproduktionsraten der Religiösen niederschlagen - wie inzwischen empirisch reichlich belegt.

    Und weiter: der "Animist", der z.B. im Angesicht der Ahnen oder Gottes seinen Eheschwur geleistet hat, wird häufiger (schon aus Verehrung oder auch Angst vor den transzendenten Zeugen) geneigt sein, diesen dann auch einzuhalten als derjenige, der ihn "nur rational" betrachtet. Die Scheidungs- und Alleinerziehendenrate sollte sich also zwischen Religiösen und Konfessionslosen zugunsten der ersteren unterscheiden - was wiederum empirisch nachweisbar der Fall ist.

    Im Umkehrschluss werden übrigens auch religiöse Ehepartner in der sexuellen Selektion bevorzugt sein, da sie ebenjene Loyalität signalisieren. Und wiederum: empirisch beobacht- und belegbar.

    Religion mag also als Nebenprodukt entstanden sein, soweit ich sehen kann, ist sie heute hoch adaptiv. Vertreter der Epiphänomen-These müssten m.E. erst einmal die aktuellen Reproduktionsdaten tapfer ignorieren oder irgendwie wegerklären, dann auch noch eine Erklärung für die dynamische Zunahme religiösen Verhaltens in den letzten Jahrzehntausenden finden und schließlich diese auch noch auf der Basis steigender Kosten (durch ein "unnützes" Verhaltensmerkmal) begründen...

    Annahmen der Maladaptivität oder auch der Epiphänomenalität von Religion scheinen mir daher von der Datenlage her kaum mehr haltbar zu sein.

    Mit freundlichen Grüßen

    Michael Blume

  53. Edgar Dahl Sind wir geborene Theisten?
    31.12.2007, 21:29

    Lieber Herr Blume, tausend Dank für den Link! Der Text, den ich meinte, war allerdings Deborah Kelemen's Aritekel "Are Children Intuitive Theists?", Psychological Science 15 (5): 295-301, 2004. Haben Sie davon zufällig eine PDF-Datei?

    Nochmals vielen Dank und einen guten Rutsch!

  54. Ingo-Wolf Kittel, FA für pt. Medizin Differenzierungsvorschlag
    01.01.2008, 00:02

    Mir erscheint es hilfreich, die Bezeichnungen Religiosität und Religion wie folgt zu unterscheiden und damit auseinander zu halten:

    - Dem vielleicht weitest verbreitetem Verständnis nach liegt es nahe, unter einer "Religion" in erster Linie oder sogar (wozu ich aus bestimmten Gründen tendiere) ausschließlich ein Gesamt von (a) Überzeugungen zu verstehen, die (b) auf Vorstellungen oder Annahmen von entweder irrealen oder außer-, nicht- oder überweltlich vorgestellten "Wesen" beruhen (Geistwesen jeglicher Art, angefangen bei Naturgeistern bis hin zu Engeln, Teufeln und Dämonen sowie Göttern aller Art und Anzahl) und die (c) sprachlich zu einem "Glauben" genannten System von Vorstellungen, Ansichten, Meinungen sowie Überzeugungen und dazu gehörenden Handlungs- und Verhaltensanweisungen zusammengefasst sind. (Die möglichen Einwände gegen diesen Vorschlag sind mir bewusst; ihre Diskussion ist hier aber weder sinnvoll noch möglich.)
    - Als "Religiosität" könnte dem entsprechend die psychische Bereitschaft oder "Disposition" definiert werden, auf - unsinnliche... - Vorstellungen von Wesenheiten der genannten Art, insbesondere auf solche "transzendenter" Art reflexhaft oder willentlich auf genau dieselbe Art und Weise zu reagieren wie auf sinnlich vermittelte ("sinnvolle") Erlebnisse und Erfahrungen mit Lebewesen aus der realen Umwelt und anderen Naturerscheinungen.

    Diese Bestimmungen erlauben eine differenzierte und psychologisch recht genaue Systematik oder Typologie von Menschen im Hinblick auf ihre Haltung gegenüber allen Phänomenen, die als religiös angesehen werden. (Es ist nämlich durchaus möglich, den religiösen Charakter sämtlicher als religiös angesehener Phänomene mit psychologisch guten Gründen zu bestreiten; denn sämtliche, in der Tat alle sog. religiösen Phänomene sind nach meinen Kenntnissen psychologisch auch anders darstellbar.)

    Die vorgestellte Unterscheidung legt darüber hinaus und in guter Übereinstimmung mit religionshistorischen Fakten nahe, dass Religiosität konkretem "Glauben" historisch vorangegangen sein dürfte; denn ein religiöses System entwickelt nur, wem ein "religiöses" Erleben schon zuvor von wie immer entstandener Bedeutung und Wichtigkeit ist.

    Meine Unterscheidung erlaubt es weiterhin auch, folgende historisch kniffelige Frage besser einzukreisen und vor allem sachgemäß zu diskutieren: wie kann "Religiosität" vor Entwicklung spezifischer Religionen überhaupt entstanden sein?

    Bislang besteht m.W. nur darüber Konsens, dass dies irgendetwas mit dem Umgang früher Menschen mit Sterbenden und Verstorbenen zu tun hat oder haben muss. Unklar und historisch grundsätzlich auch nicht aufzuweisen, damit aber auch nicht direkt zu beweisen, sondern allenfalls psychologisch plausibel zu machen ist lediglich, wie es im Zusammenhang mit dem Erleben von Sterben und Tod zu Vorstellungen von einer Art gekommen ist, die wir heute als "religiös" ansehen oder zumindest so bezeichnen und klassifizieren.

    Eine Diskussion dieser Frage erfordert ein genaueres Wissen von der Natur und Eigenart von Vorstellungen und damit zweierlei:
    - 1. eine genaue Sach- und Begriffsbestimmung, zu der nach meiner Kenntnis (und fachlichen Einschätzung: gute) Vorarbeiten von Colin McGinn (in "Das innere Auge" 2007) und Dirk Hartmann (in "Philosophische Grundlagen der Psychologie" 1998) vorliegen, und
    - 2. eine hinreichend genaue Kenntnis von Entwicklungspsychologie und psychologischen Eigenheiten unserer Fähigkeit Vorstellungen zu "bilden".
    (Anders ausgedrückt: etwas zu imaginieren oder uns "innere Bilder" zu machen. NBI: Hiervor wird im "Ersten Gebot" Moses' bekanntlich abgeraten, und zwar so dringend, dass deswegen genauer von einem Bilder-Verbot gesprochen werden muss. Es wird nach meinen Erfahrungen jedoch kaum je auch nur erwähnt, geschweige denn beachtet und noch weniger befolgt. NBII: Es gibt eine Beziehung dieses Bilderverbots zur Paradieserzählung im 1. Buch Moses, die erkennbar wird, wenn sie strikt symbolisch gedeutet wird. "Ins Auge springt" dagegen die Verbindung des Bilderverbots mit der alttestamentarischen Verfluchung des Götzendienstes in "Buch der Weisheit" 14,12ff mit Angaben, deren hohe Bedeutung religionspsychologisch und vor allem religionshistorisch noch kaum erkannt und noch weniger ausgeschöpft worden zu sein scheint, allerdings mit Nachstehendem in bemerkenswerter Übereinstimmung steht.)

    Nach den Überlegungen des verstorbenen Princeton-Psychologen Julian Jaynes (in "Der Ursprung des Bewusstseins" 1976, dt. 1988/93 ) führt eine einfache Tatsache zum Verständnis des Ursprungs von Religiosität: irgendwann müssen frühe Menschen angefangen haben, sich in der Weise zu "erinnern", und zwar so, wie auch wir dies können: indem wir in unserem Innern, genauer im Kopf "an" Erlebtes denken, sei es weil es uns spontan "einfällt" oder "kommt", oder weil wir es uns gezielt wieder ausmalen. Nach Jaynes waren die ersten Elemente von dem, was sich in zig Jahrzehntausenden dann langsam zu dem entwickelt hat, was wir als religiöse Phänomene kennen, "schatten"-hafte Spontanerinnerungen an Tote. Und Erinnerungen sind nichts anderes als - Vorstellungen!

    Aus all dem ergibt sich die hochinteressante und evolutionär m.W. bisher nur von Julian Jaynes diskutierten Frage, welchen evolutionären "Nutzen" der Umstand hatte, dass irgendwann in der Anthropogenese die Fähigkeit, sich etwas vorstellen zu können, bei prähistorischen Menschen genügend ausgeprägt war, so dass spontan auftretende Erinnerungen an Tote für sie neben allen übrigen, durch Sinnesorgane vermittelten Wahrnehmungen deutlich bemerkbar, also ihrerseits eindrücklich wahrnehmbar, somit erlebbar und dadurch erstmals bewusstseinsfähig wurden. Es liegt nahe anzunehmen, dass es hier eine Beziehung zur archäologisch gesicherten Totenbestattung seit zweihunderttausend Jahren geben muss.

    Der lange historische Abstand bis zum Auftreten andersartiger und religiös spezifischerer Phänomene ist für evolutionäre Überlegungen m.E. eine Herausforderung besonderer Art. Die Frage nach dem evolutionärem Nutzwert uns bekannter religiöser Phänomene (insb. bei den historisch gesehen geradezu extrem jungen Hochreligionen) erscheint mir vor diesem Hintergrund nachgerade zweitrangig; denn es stellt sich die weitaus wichtigere Frage, welchen evolutionären Nutzen persönliche Erinnerungen an Tote haben können und hatten, aus der sich nach und nach als erstes offenbar die Ahnenverehrung entwickelt hat, die zudem von einer anthropologisch derart zentralen Wichtigkeit ist, dass sie bei naturnah lebenden "Naturvölkern" bis heute üblich und meinem Eindruck nach in verschiedensten Abwandlungen auch in allen übrigen religiösen Systemen enthalten ist.

    Julian Jaynes hat in seinem Werk in mir psychologisch plausibel erscheinende Überlegungen eine Antwort nahegelegt, die nicht gerade religiös erscheint, außer für solche Gläubige, nach deren Vorstellung schlicht alles, was existiert, ein Werk Gottes ist. so dass umgekehrt die Existenz der Welt die "Existenz" ihres Gottes geradezu beweist. Jaynes' Erklärung ist bescheidener: danach haben individuelle Erinnerungen an Tote schlicht den sozialen Zusammenhalt prähistorischer Menschen auf eine völlig neue und damit besondere Weise, nämlich nicht nur biologisch-genetisch, sondern auch noch über die neurophysiologische Fähigkeit individuellen Lernens vertieft und gefestigt. Dies ist eine Antwort, die nicht nur wie vorhin schon erwähnt verblüffend gut zu den Angaben in BdW14,12ff passt, sie sogar ergänzende und erweiternd; die psychologischen Thesen Julian Jaynes' passen auch auch zu ganz aktuellen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen, wie sie der Freiburger Psychosomatikers Joachim Bauer genau dreißig Jahre nach dem Erscheinen des Buches von Jaynes 2006 in seinem geradezu programmatischen Buch "Prinzip Menschlichkeit" dargelegt hat.

  55. Edgar Dahl @ - Kittel
    01.01.2008, 08:09

    "Jaynes' Erklärung ist bescheidener: danach haben individuelle Erinnerungen an Tote schlicht den sozialen Zusammenhalt prähistorischer Menschen auf eine völlig neue und damit besondere Weise, nämlich nicht nur biologisch-genetisch, sondern auch noch über die neurophysiologische Fähigkeit individuellen Lernens vertieft und gefestigt."

    Ich weiß nicht, ob es das gestrige Glas Champagner war, doch ich verstehe einfach nicht, worin die große religionsstiftende Bedeutung der "individuellen Erinnerung an Tote" bestehen soll. Unsere Vorfahren waren dem Tod noch stärker ausgesetzt als wir. Sie werden ihre Eltern, ihre Gefährten und ihre Kinder sterben sehen und sich vermutlich zeitlebens an sie erinnert haben. In meinen Augen mag der Tod sehr wohl Anlass zu metaphysischen Spekulationen gegeben haben. Doch weshalb sollte man von der "individuellen Erinnerung an Tote" so großes Aufhebens machen?

    Angenommen, unsere Vofahren hatten Mühe, den Tod zu verstehen. Sie konnten oder wollten einfach nicht glauben, dass die Menschen, die sie liebten und eben noch lebten, plötzlich tot und für immer gegangen sein sollten. Dies wäre sicher nur zu verständlich. Nehmen wir weiter an, dass sie, um sich über den Verlust ihrer Lieben hinwegzutrösten, annahmen, dass die Seelen der Toten in einem Schattenreich weiterleben. - All dies ist psychologisch verständlich und erfordert keinerlei biologische Erklärung. Der Glaube an eine unsterbliche Seele ist einfach ein Produkt ihres Gehirns, das sie vor die Frage stellte, was es mit dem Tod auf sich hat. Selbst wenn wir annehmen, dass der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele eine genetische Grundlage hat, sehe ich nicht, inwieweit denjenigen, die diese Vorstellung teilten, daraus irgendwelche Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile erwachsen sollten. Schließlich impliziert der Glaube, dass die Verstorbenen noch irgendwo herumgeistern, noch keinerlei Handlungsanweisungen, die adaptiv sind.

  56. Edgar Dahl Sind Kinder intuitive Theisten?
    01.01.2008, 08:28

    Meine Bitte hat sich schon erledigt - den erbetenen Text findet man unter:

    http://www.bu.edu/...ations/Intuitive%20Theist.pdf

    Frohes Neues Jahr allerseits!

  57. Edgar Dahl @ - Blume: Adaptionist oder Epiphänomenalist?
    01.01.2008, 09:07

    "Religion mag also als Nebenprodukt entstanden sein, soweit ich sehen kann, ist sie heute hoch adaptiv."

    Dies ist eine reichlich verwirrende Bemerkung: Sind Sie nun Adaptionist oder Epiphänomenalist?

  58. Edgar Dahl @ - Blume
    01.01.2008, 09:29

    "Vertreter der Epiphänomen-These müssten m.E. erst einmal die aktuellen Reproduktionsdaten tapfer ignorieren."

    Das sehe ich nicht. Wir können sehr wohl anerkennen, dass religiöse Menschen durch die Einhaltung bestimmter Gebote und Verbote mehr Kinder haben als areligiöse Menschen und dennoch daran festhalten, dass die Religion nur ein Nebenprodukt ist.

    Ein Beispiel, das mich tief beeindruckt hat, ist das "Post-Partum Koitus-Tabu" der Kalahari-Buschleute, das von den Frauen verlangt, sich nach der Geburt eines Kindes für vier Jahre des Geschlechtsverkehrs zu enthalten. Das Tabu ist in der Tat adaptiv, weil es den Frauen zu mehr überlebensfähigen Kindern verhilft. Wenn sie schon ein oder zwei Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes eine zweites bekämen, würden beide Kinder unter Unterernährung sterben. Die spärlichen Ressourcen, über die die Kalahari-Buschleute verfügen, erlauben es den Frauen einfach nicht, zwei Kleinkinder gleichzeitig aufzuziehen. Erst wenn das eine Kind entwöhnt ist, darf ein nächstes Kind zur Welt gebracht werden.

    Dieses Beispiel zeigt, dass religiöse Regeln adaptiv sein können, beweist aber nicht im geringsten, dass die Religiosität selbst adaptiv ist.

    Ähnlich wie das Inzest-Tabu kann sich das Koitus-Tabu auf natürlichem Wege herausgebildet haben. Die Menschen haben einfach aus der Erfahrung gelernt, dass inzestuös gezeugte Kinder weit häufiger Fehlbildungen aufweisen und den Inzest entsprechend verboten. Nachdem - auf welche Weise auch immer - Religionen entstanden sind, hat man das Inzest-Tabu zusätzlich religiös sanktioniert, um ihm eine größere Autorität zu verleihen.

  59. Edgar Dahl Kurze Ergänzung zum Inzest-Tabu
    01.01.2008, 09:47

    Das Inzest-Tabu mag natürlich auch eine genetische Grundlage haben. Offenbar haben wir tatsächlich, wie Westermarck vermutete, eine angeborene "Inzest-Scheu". Diese Inzest-Scheu mag auf einem genetischen Programm beruhen, das uns gegenüber denjenigen, "mit denen wir auf demselben Topf gesessen" haben, sexuell indifferent sein lässt. Aber auch in diesem Fall hätte es nichts mit Religion zu tun.

  60. Edgar Dahl @ - Blume: Religion und Kooperation
    01.01.2008, 10:18

    "Der Vorteil 'animistischen' gegenüber 'naturalistischen' Glaubens liegt darin, dass 'belebte' Akteure Weisungen durchsetzen und damit Kooperationsdilemmas auflösen können."

    Ich glaube, was Epiphänomenalisten von Adaptionisten unterscheidet, ist, dass sie "Ockhams Rasiermesser" respektieren und von zwei Theorien, die ein Phänomen gleichermaßen gut erklären, jeweils der einfacheren den Vorzug geben.

    Dies gilt, denke ich, auch für die Kooperation. Nicht erst Menschen, sondern bereits viele Tiere wissen zwischen zuverlässigen und unzuverlässigen Kooperationspartnern zu unterscheiden. Sie gründen ihre Entscheidung, ob sie mit jemanden kooperieren, auf ihre eigenen Beobachtungen oder die Beobachtungen anderer. Wenn jemand in der Vergangenheit seine Versprechen gehalten und jeden ihm erwiesenen Gefallen erwidert hat, ist er ein vertrauenswürdiger Kooperationspartner. Dass ein zuverlässiger Kooperationspartner seine Versprechen mit einem zusätzlichen Gelöbnis wie "Ich schwöre bei Gott" versieht, ist überhaupt nicht nötig.

    Voltaire hat einmal sehr schön beschrieben, wie zu der Zeit, da in Frankreich und Deutschland die Religionskriege tobten, in Holland Menschen verschiedener Religionen miteinander handelten. Auf dem "Markt" war es vollkommen gleichgültig, ob jemand Christ, Muslim, Jude, Buddhist, Agnostiker oder Atheist war - das einzige, was zählte, war, dass sie alle von dem gemeinsamen Handel profitierten.

  61. Edgar Dahl @ - Blume: Animismus und Animismus
    01.01.2008, 11:07

    "Der 'Animist', der z.B. im Angesicht der Ahnen oder Gottes seinen Eheschwur geleistet hat, wird häufiger (schon aus Verehrung oder auch Angst vor den transzendenten Zeugen) geneigt sein, diesen dann auch einzuhalten als derjenige, der ihn 'nur rational' betrachtet."

    Streng genommen, besteht der Animismus nur in der Überzeugung, dass alles in der Welt - jeder Käfer, jeder Baum, ja selbst jeder Felsen - "beseelt" ist. Der Glaube daran, dass ein Mammutbaum eine eigene Seele hat, schließt aber noch keinerlei religiöse Normen, Riten oder Opfer ein.

    Angenommen, wir müssen zwischen zwei verschiedenen Stufen des Animismus unterscheiden. Die erste besteht lediglich in dem Glauben an die Beseeltheit, die zweite schließt auch sittliche Forderungen ein. Insofern die zweite Stufe auf der ersten basiert, genügt es nicht, die Adaptivität der zweiten Stufe aufzuzeigen - man muss auch die Adaptivität der ersten erweisen!

    Wie aber kann der bloße Glaube an eine Seele Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile mit sich bringen? Dass ich daran glaube, dass ein Felsen eine Seele hat, verschafft mir genauso wenig biologische Vorteile wie der Glaube an Bertrand Russels "himmlische Teekanne". Oder irre ich mich da?

    Ich hatte letztens etwas zum Hellenismus gelesen und war überrascht, dass die griechischen Götter keinerlei moralische Forderungen stellten. Anders als Jahwe hat Zeus den Menschen nie irgendwelche Gebote gegeben, die sie bei Androhung von Strafe einhalten mussten. Selbst den Priestern war das Verhalten der Menschen gleichgültig. Sie waren für die Einhaltung der Riten, Opfer und Zeremonien zuständig, nicht aber für die Moral der Menschen. Mit anderen Worten: Zwischen dem Glauben und der Verehrung von Göttern und der Befolgung sittlicher Normen besteht nachweislich ein Unterschied.

  62. Michael Blume Boyer!
    01.01.2008, 19:07

    Lieber Herr Dahl,

    Ihre Überlegungen nähern sich tatsächlich immer mehr dem frühen Boyer an (auf deutsch als: "Und Mensch schuf Gott" erschienen), der für Sie sicher sehr interessant wäre! Kurz: Entlang der gleichen Gedanken wie Sie entwirft er das Selektionskriterium der "Mehrfachrelevanz": ein beseelter Baum, der nichts mit mir zu schaffen hat, erscheint (auf die Erkennung potentieller Chancen und Risiken evolvierter Gehirnstrukturen) weniger relevant als einer, der mich beobachtet und mein Leben beeinflussen kann. Ebenso wäre ein allessehender Gott, der leider gleich wieder alles vergisst, zwar logisch denkbar, hat aber weniger Relevanz als ein Gott, der alles sieht, erinnert, beurteilt und ggf. bestraft.

    Das Hellenismus-Beispiel ist geradezu hervorragend geeignet zur Verdeutlichung! In der Tat erhob der spätantike Götterhimmel sowohl in Griechenland wie Rom immer weniger moralische Forderungen an seine Anhänger, was traditionelle Apologeten zu heftiger Klage veranlaßte (vgl. heute zum Beispiel Peter Hahne, der gegen ein Christentum light "Schluss mit lustig!" fordert).

    Und was war die bzw. eine Folge? Sowohl in Griechenland wie Rom wurde heftig über einen Einbruch der Geburtenraten geklagt, Familien der Mittel- und Oberschicht gingen z.B. statt des anstrengenden Aufugs mehrerer Kinder dazu über, ihren Besitz einem zuvor adoptierten, bewährten Sklaven zu vermachen, der sie dafür "an Kindes statt" im Alter zu versorgen hatte. Die Unterschichten ließen sich dagegen in den Stadtstaaten zunehmend als Klienten versorgen - auch hier bedeuteten Kinder nur Kosten und Mühen und wurden gemieden. Wie verzweifelt z.B. noch Kaiser Augustus (der Volkszähler aus der Weihnachtsgeschichte! (-; ) diesen Werte- und Geburtenverfall mit staatlichen Maßnahmen aufzuhalten versuchte, können Sie z.B. hier lesen:
    http://statistik.baden-wuerttemberg.de/...8_11.pdf

    Die staatlichen Maßnahmen aber blieben allein erfolglos - die Wende brachte erst etwas anderes: nämlich der Aufstieg hochverbindlicher, monotheistischer Religionen - des Judentums und des Christentums. Deren Gemeinschaften waren bald gerade auch füpr ihre Ehe- und Familienverbindlichkeit bekannt, entsprechend (sexuelle Selektion!) schon zu Zeiten Paulus vor allem bei römischen und griechischen Frauen verbreitet, durchschnittlich kinderreicher, damit jünger und dynamischer und durch Verfolgungen nicht mehr aufzuhalten. Im Kern haben wir hier also ein hervorragendes Beispiel für genau den bereits mehrfach geschilderten Effekt: es setzen sich reproduktiv verbindliche Religionen unweigerlich am Ende durch, der biologische Religion-Demografie-Zusammenhang stellt sich gerade auch mittels kultureller Evolution immer wieder adaptiv her.

    Mit herzlichen Grüßen!

    Michael Blume

  63. Keinohrhase genetische Fittness @Dahl @Blume @Sophia Loren
    01.01.2008, 20:13

    "Sie hatten zu Beginn unserer Unterhaltung gesagt, dass jedes genetische Merkmal von Beginn an adaptiv sein muss, um sich von einem simplen zu einem komplexen System entwickeln zu können."

    Eine Bemerkung vorweg: Meine Herren, ich hoffe Ihre Diskussion erscheint bald als Buch. Das wäre lesefreundlicher als dieses Format, und wert wäre sie es!

    Gestatten Sie mir noch eine Anmerkung bzw. Frage zum oben widergegebenen Zitat von Herrn Dahl: Sind Sie beide sicher, dass Evolution so verläuft? Meines Wissens gibt es neben positiver Selektion von Merkmalen u.a. auch den sog. genetischen Drift, bei dem ein Merkmal sich zufällig durchsetzt oder weite Verbreitung findet.

    Nehmen wir an, ich wäre ein blendend aussehender extrem schneller Läufer und exzellenter Taktiker, der es vor 50.000 Jahren geschafft hat, mit einer kleiner Gruppe von Freunden, Familienangehörigen und Kumpanen endlich den afrikanischen Kontinent hinter sich zu lassen und in den Mittelmeerraum (oder wohin auch immer die damalige Wanderung erfolgte) vorzudringen. Als meine Gruppe und ich uns einigermaßen von den Strapazen erholt hatten, lagen mir als Anführer die Frauen buchstäblich zu Füßen, und ich zeugte 20 Kinder und hatte 100 Enkelkinder, die den neuen Kontinent für sich eroberten. Dass ich eine genetische Anlage zu Migräne habe, war an manchen Tagen zwar ein ziemlicher Nachteil, aber glücklicherweise spielte das nur alle paar Monate eine Rolle und konnte meine vielen Vorteile (s.o.) nicht annähernd aufwiegen. Da ich reproduktiv ziemlich erfolgreich war, leidet nun 10-20% der europäischen Bevölkerung unter diesen völlig überflüssigen und überhaupt nicht adaptiven Kopfschmerzattacken.

    Was ich sagen will: Es können m. E. sehr wohl genetische Merkmale mitgeschleppt werden und weite Verbreitung finden, die nicht adaptiv sind, selektionsneutral sind oder für sich genommen sogar einen kleinen Nachteil mitsichbringen - sei es durch Zufall (wenn es doch nicht meine Athletik und mein blendenden Aussehen waren, sondern wir uns schlicht nach Europa verirrt hatten und ich der einzige überlebende Mann unter 15 Frauen war - und dehalb so gute Fortplanzungschancen hatte) oder indem sie "Huckepack" mit durch einen evolutionären "bottleneck" schlüpfen.

    Könnte man so nicht auch für die ersten evolutionären Schritte auf dem Weg zu einer genetisch determinierten Religiösität erklären - bis dann zusätzliche Merkmale das neu entstandene System sogar von evolutionärem Vorteil sein ließen?

  64. Edgar Dahl @ - Keinohrhase
    01.01.2008, 21:16

    Das ist ein reizvoller Gedanke! Stimmt, es könnte sein, dass ein Gen für religiöses Denken rein zufällig entstanden ist und sich per Hukepack ausgebreitet hat, weil seine Träger über irgendein anderes genetisches Merkmal verfügten, das ihnen Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteile sicherte. Solange das "Gen für Religiosität" selektionsneutral war oder seine Nachteile durch die Vorteile, die es ihren Träger bescherte, aufgewogen wurde, konnte es einer Kontraselektion entgehen.

    Sie wollten offenbar noch etwas zu Sophia Loren sagen, oder?

  65. Edgar Dahl @ - Blume: Fragen
    02.01.2008, 03:58

    Vielen Dank für den Hinweis auf Pascal Boyer. Wie es aussieht, werde ich mir wohl die Originalausgabe besorgen müssen, da die deutsche Fassung nicht mehr lieferbar ist und es leider auch nie zu einem Taschenbuch geschafft hat. Es ist schon erstaunlich, dass ein offenbar sehr gutes Buch wie Pascal Boyers "Und der Mensch schuf Gott" zu Makulatur gemacht wird, während ein so fürchterliches Buch wie Manfred Lütz' "Gott: Eine kleine Geschichte des Größten" auf der SPIEGEL-Bestsellerliste landet - armes Deutschland!

    Als ich den Hellenismus angesprochen hatte, ging es mir nur um ein gutes Beispiel dafür, dass Religionen nicht eo ipso mit Anweisungen zu moralischem Verhalten einhergehen. (Dass Peter Hahne dieses Beispiel dazu missbraucht, uns mit dem Untergang des Abendlandes zu drohen, zeigt nur, dass er ähnlich leeres Zeug schwätzt wie Manfred Lütz.)

    Ich wollte aber eigentlich nur auf meine gestrigen Fragen zurückkommen:

    1: Sind Sie nun ein Adaptionist oder ein Epiphänomenalist?

    2: Wie erklären Sie sich die "Regentänze" der Schimpansen und die "Trauerrituale" von Elefanten?

    3: Worin soll die Adaptivität des Glaubens an eine Beseeltheit aller Dinge bestehen?

    Und die Zusatzfrage lautet:

    4: Wie gehen Sie mit den Daten um, die eine Korrelation von Religion und Kriminalität demonstrieren?

  66. Edgar Dahl Religiosität und Kriminalität
    02.01.2008, 04:08

    Um die Frage zur Interpretation der Daten zum Thema "Religiosität und Kriminalität" zu konkretisieren, hier besser noch ein Zitat von Gregory S. Paul (zitiert nach Dawkins): "Ein höheres Maß des Glaubens an einen Schöpfer und ein höheres Maß an Gottesverehrung korrelieren in den wohlhabenden Demokratien mit einer höheren Quote an Morden, Kinder- und Jugendsterblichkeit, Übertragung von Geschlechtskrankheiten, Teenagerschwangerschaften und Abtreibung."

  67. Michael Blume @ Keinohrhase
    02.01.2008, 09:16

    Herzlichen Dank für Ihren Beitrag - dass Ihnen unsere Diskussion gefällt, ist eine schöne Ermutigung!

    Und ich sehe das im Grundsatz ähnlich wie Sie. Nicht jedes Merkmal entfaltet von Anfang an seine Adaptivität (ein beliebtes Argument von Kreationisten: "Was soll ein halber Flügel genutzt haben?") und gerade entlang von Boyer, der frühe, religiöse Überzeugungen aus "normalen" kognitiven Funktionen ableitete, werden derzeit die spannendsten Experimente und Funde zu dem Thema gemacht. Boyer betrachtete Religion übrigens (ebenso wie Musik, Malerei und Lesen) noch 2001 als "parasitär", d.h. maladaptiv - die nach ihm gestalteten Experimente und Überlegungen weisen jedoch immer stärker auf Adaptionen hin. Bin gespannt, ob er auch schon selbst seine Meinung geändert hat.

    In Sachen "Buch zum Thema" nur soviel: kurz vor Weihnachten kam der Vertrag eines renommierten Verlages für genau ein solches Buch, das (wenn alles klappt) noch dieses Jahr erscheinen soll... Bitte drücken Sie mir Daumen, es wäre (neben der Promotion und x Artikeln) das Erstlingswerk. (-:

  68. Michael Blume @ E.D., Nachtrag Hellenismus
    02.01.2008, 09:23

    Zunächst muss ich Peter Hahne in Schutz nehmen: er hat den Hellenismus nicht als Beispiel verwendet, sondern ich habe ihn als Beispiel für eine auch heute stattfindende Kritik an der "Unverbindlichkeit" religiöser Überzeugungen gewählt. Ebenso wie damals die ethisch entleerten römischen und griechischen Religionen von den aufstrebenden Monotheismen v.a. auch per sexueller Selektion (starke Missionserfolge unter Frauen) und Reproduktionserfolg (größere und stabilere Familien, mehr Nachwuchs) abgelöst wurden, erleben wir ja auch heute das Ausdünnen säkularisierter Gemeinschaften gegenüber dem Wachstum "entschiedener", kinderreicher Gemeinschaften aus dem christlichen, islamischen und jüdischen Bereich.

    Und, nein, das ist keine Bewertung, sondern eine Beobachtung - die belegt, dass (auch) hier die kulturelle Evolution in die gleiche Richtung wie die biologische Evolution zielt, da die reproduktive Performance einen wichtigen "Vorteil" darstellt.

  69. Michael Blume @ Präzise Fragen Edgar Dahl
    02.01.2008, 10:04

    1: Sind Sie nun ein Adaptionist oder ein Epiphänomenalist?

    Natürlich beides. Die Nabelschnur ist eine Adaption, der Bauchnabel ein Epiphänomen dazu. Nur: umso kostspieliger ein Merkmal ist, umso größer ist der wirkende Selektionsdruck und umso unwahrscheinlicher die Einordnung als Epiphänomen. Religiöse Verhaltensausprägungen (nach aller Wahrscheinlichkeit polygen) können "sehr" teuer sein und haben dennoch beobachtbar im Verlauf der letzten paar tausend Generationen erheblich zugenommen. Schon dies scheint mir Annahme einer Adaptivität sehr wahrscheinlich zu machen - wie sie übrigens auch Darwin selbst mindestens für Aspekte religiösen Verhaltens selbstverständlich annahm. Und empirische Belege zum nachweisbaren, deutlich höheren Reproduktionserfolg religiöser Menschen liegen inzwischen ja reichlich vor.

    Religiöse Veranlagungen könnten also als Epiphänomene kognitiver Gehirnfunktionen enstanden sein - heute erweisen sie sich als biologisch hoch adaptiv. Der Unwille diverser Forscher wie z.B. Dawkins, die Faktenlage anzuerkennen, weist m.E. erstaunliche und vielsagende Parallelen zu Abwehrstrategien von Kreationisten auf: man möchte gerne das eigene Weltbild vor unliebsamen Erkenntnissen der Wissenschaft schützen. Gerade auch vielen deutschen Naturwissenschaftlern, in Säkularisierungsmythologien sozialisiert, fällt nach meiner Beobachtung oft recht schwer, sich eine Adaptivität von Religiosität auch nur vorzustellen.

    Einen sehr spannenden Kontrapunkt und ein Plädoyer für die Adaptivitätsannahme setzte der (übrigens ebenfalls atheistische) Evolutionstheoretiker D.S. Wilson mit "Beyond Demonic Memes - Why Richard Dawkins is Wrong About Religion" hier:
    http://www.skeptic.com/eskeptic/07-07-04.html

    2: Wie erklären Sie sich die "Regentänze" der Schimpansen und die "Trauerrituale" von Elefanten?

    Leider kenne ich keine seriöse Quelle zu einem Schimpansen-Regentanz und habe auch in der gemeinsamen Arbeit mit Primatologen noch nie davon gehört. Hier werden Sie mir also eine Portion gesunden Zweifels zugestehen...

    Die Beobachtungen zur Trauer von Elefanten und z.B. auch einigen Affenarten sehe ich als starken Beleg dafür, dass sich unter komplexen Säugetieren Gehirnfunktionen ausbilden können, an die später z.B. der Glauben an eine Weiterexistenz nach dem Tode anknüpfen kann. Dies passt m.E. auch zu den ersten, religionsbezogenen Funden, die wir bei Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis haben: Bestattungen.

    Daher sind für mich auch die als Trauer interpretierten Verhaltensmerkmale von Elefanten und Affen ein starkes Indiz dafür, dass nicht ein spekulatives "kosmologisches Staunen", sondern der soziale Umgang mit Ahnen als übernatürlichen Akteuren am Anfang der Evolution der Religion gestanden haben.

    3: Worin soll die Adaptivität des Glaubens an eine Beseeltheit aller Dinge bestehen?

    Aus evolutiv gut nachvollziehbaren Gründen behandeln wir unbelebte Dinge anders als belebte. Nur von belebten Akteuren akzeptieren wir z.B. direkte Gebote. Entsprechend sind a-theistische Religionen wie Buddhismus, Jainismus u.a. (in ihrer Hochtheologie, selten aber im Volksglauben) fast immer vom Wunsch nach der Überwindung der Wirkprinzipien geprägt wie auch "Ultradarwinist" Dawkins seine Jünger zur "Rebellion gegen die Tyrannei der Replikatoren" aufruft.

    Die Folge: beseelte Akteure nehmen wir nicht nur mit höherer Relevanz wahr, wir fühlen uns von ihnen auch beobachtet und akzeptieren Verhaltensgebote bereitwilliger. Entsprechend setzten und setzen sie sich in der kulturellen und biologischen Evolution immer wieder durch.

    Hinzu kommt, dass gerade o.g. Beobachtungen zur Trauer schon bei Tieren die Relevanz von Ahnen auch für sehr frühe Menschen mindestens nahelegen.

    4: Wie gehen Sie mit den Daten um, die in wohlhabenden Gesellschaften eine Korrelation von Religion und Kriminalität demonstrieren?

    Oh, das ist einfach. Wohlhabende Gesellschaften pflegen sich Migranten als günstige Arbeitskräfte zu holen, die (auch wegen des weltweiten Religion-Demografie-Zusammenhangs) meist aus religiösen Populatione stammen und dann auf Migrations- und Entwurzelungsprozesse, Sprach- und Bildungsprobleme sowie Diskriminierungen mit dem Rückbezug auf den Glauben (den mitgebrachten oder einen neu angenommenen) reagieren.

    Aber auch unter der einheimischen Bevölkerung werden verbindliche Religionsgemeinschaften oft auch für jene Menschen besonders attraktiv, die Krisen oder Brüche im Lebenslauf zu verarbeiten haben.

    Beide Fälle passen übrigens hervorragend in die adaptive Theorie: im Migrationsfall werden "warme Nester" gegenseitigen Vertrauens gerade auch zur Neugründung und Stabilisierung von Reziprozitäts- und Familienbanden gesucht. Und im zweiten Fall bieten die Gemeinschaften auch Einheimischen die Chance, sich im Rahmen einer ggf. neuen Gemeinschaft durch kostspieliges Engagement Vertrauen aufzubauen und Zugang zu stabileren, sozialen Verhältnissen zu finden.

    Eine bemerkenswerte Studie zur religiösen Gemeinschaftsbildung chinesischer Zuwanderer in den USA finden Sie z.B. hier:
    http://web.uni-marburg.de/...jr/art_ping_2007.html

    Obwohl Ping Ren den Religion-Biologie-Zusammenhang dabei gar nicht im Blick hatte, finden Sie hier auch reichliche Belege für den familienorientierten und reproduktiven Erfolg, der mit der religiösen Vergemeinschaftung der Zuwanderer einhergeht. In Deutschland finden Sie entsprechendes beispielsweise im Vergleich türkisch-kemalistischer zu türkisch-religiösen Familien.

  70. Peter Roosen Religion als Zwangsfolge der Kausalität
    02.01.2008, 11:56

    Ich möchte noch einmal auf die Rolle der Kausalität für die Entstehung und Verbreitung der Religiösität und in Folge auch der Religionen zurückkommen und dabei auch die m.E. künstliche Aufteilung der hier vorgestellten Sichtweisen in Adaptionismus und Epiphänomenalismus diskutieren.

    Wie Herr Blume denke ich auch, dass es einen geradezu fließenden Übergang von der Epiphänomen-Eigenschaft zu einem Adaptionsvorteil geben kann, wenn durch eine (von mir zuvor schon mal angesprochene) Veränderung der ökologischen Nischen ein ursprüngliches Epiphänomen zu einer veränderten Reproduktionsrate führt.

    Angenommen, meine "Homo-Causalis-Hypothese", also die primäre Besetzung der Nische einer bestmöglichen Welterklärung durch einen gewissermaßen genetisch vorgeprägten Hang zu Kausalitätszuweisungen der Vorgänge des täglichen Lebens seitens der Urmenschen ist einigermaßen zutreffend: Dann muss sich geradezu als Ultima Ratio ein höheres Wesen daraus entwickeln, das als Ur-Causa für alles dienen kann, was ansonsten unerklärbar bleibt. Soweit das Epiphänomen.

    Wie Herr Blume auch schon ausführt, bleibt dann noch die Separation von Deisten und Theisten. Solange auf einer fast menschenleeren Erde keine Konkurrenz zwischen diesen Richtungen existiert, werden sich beide entsprechend ihrer jeweiligen Dynamik entwickeln. Sobald aber eine Konkurrenz zwischen den Weltmodellen auftritt, wird diejenige Weltsicht einen Selektionsvorteil bringen, die ihre Anhänger stärker ausrichtet, hier also durch bindendere Vorschriften stärker "einnordet". Das ist aber gerade von den Vertretern *eines* *persönlichen* Gottes am ehesten zu erwarten. Ich habe hier zwei Wörter hervorgehoben, die m.E. zwei Aspekte unabhängig von einander beleuchten und gerade durch deren Kombination ein entsprechender Impetus im Sinne eines Selektionsvorteils erwächst:
    # Monotheistische Ansätze verzetteln sich nicht so schnell in Interpretationen, wie mehrere Götter miteinander in Wechselwirkung stehen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die direkte Beziehung zwischen Gott und Mensch. # Personifizierende Religionen produzieren qua "persönlicher Zuwendung" des Gottes zu seinen Schäfchen stringentere Handlungsvorschriften, die wiederum - zumindest bei den erfolgreichen Religionen - zu einem entsprechend reproduktionsfreudigen Gesamtkodex führen.

    Es hat ja durchaus auch andere Religionen gegeben, wie geschichtlich belegt ist. Doch diese wurden nicht selten von den heute Vorherrschenden in der geschichtlichen Entwicklung "plattgemacht".

    Verbindet also eine Religion beide Aspekte, wird sie in Konkurrenz zu anderen Welterklärungsmodellen der anhängenden Population voraussichtlich einen Selektionsvorteil bringen. Dieser entsteht jedoch erst, wenn eben diese Konkurrenzsituation auftritt.

    Andererseits kann ich die *Entstehung* der Religiösität nicht anders als ein Epiphänomen - eben jener starken Hinwendung zur Kausalität - nachvollziehen. Denn ein darüber hinaus gehender Erklärungsansatz für die Zusammenhänge von Phänomenen, konkret die Erfindung des Zufalls, ist ein ausgesprochen junger. Ich bin kein besonders wissenschaftsgeschichtsbewanderter Mensch, aber mich deucht, dass diese Idee bestenfalls 200 oder 300 Jahre alt ist. Vorher war Alles und Jedes kausal, was der generellen Fitness der Menschen im Alltagsleben in der mesoskopischen Welt des persönlichen Agierens ja auch angemessen war. Die verallgemeinerte Religion als kausalistisches Welterklärungsmodell wird jedoch ausschließlich von dieser neuen Erfindung der "echten Zufälligkeit" infrage gestellt. Insofern sollten wir uns also auch nicht wundern, dass die Religiösität eine derart weite Verbreitung genießt.

    Wenn man nun Spekulationen über die weitere Entwicklung von Welterklärungsansätzen anstellt und deren jeweilige Selektionsvorteile untersucht, so kommt es wohl stark auf die Randbedingungen an, die man für die Zukunft erwartet.

    Zunächst wird eine die Stochastizität explizit berücksichtigende Weltsicht eine ohne Causa Finalis und ohne teleologischen Imperativ sein. Insofern wird sie ihren Anhängern - insbesondere den Atheisten - weit weniger eine orientierende Marschrichtung vorgeben. Somit wird in direkter Konkurrenz beider Weltsichten die theistisch-religionsorientierte diejenige bleiben, die ihre Anhänger am effektivsten einnordet.

    Sollte es jedoch in Zukunft zu einer Krise kommen, die zum Überleben eine wiederum genauere Interpretation der Welt benötigt, *kann* dies dazu führen, dass der die Stochastik vieler Phänomene explizit berücksichtigende Atheismus in seiner wissenschaftlich-analysierenden Form die bessere, weil genauere Erklärungsalternative darstellt. Ob dies dazu kommt, hängt jedoch von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt, ob eine noch genauere Welterklärung wirklich zu einem gruppendynamischen Reproduktionsvorteil führt oder eine restringierte Welterklärung durch einfachere Kochrezepte nicht doch effektiver ist. Schließlich leben auf der Erde nicht nur kausal interpretierende Menschen, sondern auch jede Menge anderer Lebewesen, die weitaus weniger "Durchblick" durch die Zusammehänge besitzen, freudig vor sich hin.

  71. Michael Blume @ Herr Kittel
    02.01.2008, 12:19

    Danke auch für Ihren Beitrag zur Definition von Religion auf meinem Blog, auf den ich dort geantwortet habe.

    Nun zu Ihrem Definitionsvorschlag:
    > Als "Religiosität" könnte dem entsprechend die psychische Bereitschaft oder "Disposition" definiert werden, auf - unsinnliche... - Vorstellungen von Wesenheiten der genannten Art, insbesondere auf solche "transzendenter" Art reflexhaft oder willentlich auf genau dieselbe Art und Weise zu reagieren wie auf sinnlich vermittelte ("sinnvolle") Erlebnisse und Erfahrungen mit Lebewesen aus der realen Umwelt und anderen Naturerscheinungen. <

    An sich finde ich diesen Beschreibungsansatz (denn Produkte menschlichen Geistes wie Musik, Literatur, Mathematik, Wissenschaft, Religion können m.E. nur beschrieben, nicht aber abschließend "definiert" werden) sehr gut, habe jedoch gegen die Einordnung der Reaktionen "auf genau dieselbe Art und Weise" Einwände. So ist es ja gerade ein Merkmal der Religionen, dass sie eigene Verhaltensmuster entwickeln (z.B. Meditationen, Trancetänze, Gebetshaltungen etc.), die auch eigene, religiös gedeutete Erfahrungen induzieren können. Das ist m.E. schon eine eigene Verhaltenskategorie, die zwar auf sozialem Verhalten aufbaut (z.B. der Einnahme demütiger Haltungen gegenüber der Gottheit, was entsprechende Gehirnfunktionen begünstigen dürfte), aber nicht einfach mit ihm identisch ist.

    Nach meiner Auffassung weist also nicht nur die inhaltiche Seite der Religion(en), sondern auch die Verhaltens- und Erfahrungsseite die Emergenz eigener Phänomene auf, die es erlauben, von "religiösen Überzeugungen", "religiösem Verhalten" und "religiösen Erfahrungen" in der gleichen Art zu sprechen, wie wir musikalische Inhalte, Verhaltensausprägungen (z.B. Tanz, Orchesterrituale etc.) und natürlich Erfahrungen zugestehen können.

  72. Michael Blume @ Herr Roosen, Kausalität
    02.01.2008, 12:35

    Danke für Ihren Beitrag, dem ich weitgehend zustimme. Erlauben Sie mir nur, zwei Akzente anders zu setzen:

    1. Das kausale Denken ist sicher ein starker Motor auch der Konstruktion religiöser Weltanschauungen, keinesfalls aber der einzige. Ich glaube nicht, dass der Mensch jemals ein "Homo Causalis" in Reinform war, sondern sein Erkenntnisapparat hatte z.B. die bevorzugte Aufmerksamkeit für bewegte, willensbegabte, sozial agierende und potentiell bedrohliche Akteure (die auch Tiere zeigen) sicher längst entwickelt. Entsprechend konnte und kann z.B. der evolutive Vorteil von "belebten" Akteuren gleich an drei Aspekten ansetzen: einmal an der natürlichen Bevorzugung belebter Akteure in der Verteilung von Aufmerksamkeit, in der (von uns beiden gesehenen) höheren Verbindlichkeit personaler Gebote und in der emotionalen Wertschätzung geliebter Angehöriger ("Vater!"), die -wie Herr Dahl bereits einführte- sogar schon bei Elefanten und Affen finden können.

    2. Obwohl ich zustimme, dass religiöse Überzeugungen neue Formen (durch regelmäßige Zusammenkünfte und kostspielige Anforderungen ggü. Trittbrettfahrern "abgeschirmte") der Vergemeinschaftung ermöglichen und z.B. D.S. Wilson sehr stark für die "Gruppenselektion" votiert, hat mich dieses Konzept noch immer nicht ganz überzeugt. So schien das Zölibat ein sehr starkes Argument dafür zu sein, dass sich "einige wenige für die Gruppe opfern" - mir scheint aber (siehe Wissenslog-Beitrag) auch das Zölibat gut auf die klassischen Reproduktionsboni individueller und verwandschaftlicher Art zurückführbar zu sein. Insofern stehe ich Neuauflagen der "Gruppenselektion" zwar offen, aber noch nicht wirklich überzeugt gegenüber. Ich sehe die Gefahr, dass wir "Gruppe" als Black-Box-Begriff verwenden, der die evolutiven Prozesse innerhalb dieser Gruppe eher verschleiert als klärt.

    Schon in Naturreligionen wird z.B. meist sehr genau zwischen den "symbolischen" und "alltäglichen" Erzählungen unterschieden, beispielsweise in Art und Milieu der Erzählung. Kluge, sprechende Tiere oder Helden, die die Sonne besuchen, werden nicht für Alltagserfahrungen gehalten.

    Ansonsten freut es mich wirklich sehr, dass unser (von ganz unterschiedlichen Ausgangsannahmen ausgehende) Austausch durchaus auch zu zunehmend vergleichbaren Modellen zu konvergieren scheint!

  73. Michael Blume Trennsatz verschluckt
    02.01.2008, 12:44

    Vor den Satz "Schon in Naturreligionen..." hätte natürlich noch gehört: "Zur differenzierten Betrachtung des Kausalitätsbegriffes würde ich plädieren zu berücksichtigen".

    Jetzt den Absatz im Ganzen also:

    Zur differenzierten Betrachtung des Kausalitätsbegriffes würde ich plädieren zu berücksichtigen: Schon in Naturreligionen wird z.B. meist sehr genau zwischen den "symbolischen" und "alltäglichen" Erzählungen unterschieden, beispielsweise in Art und Milieu der Erzählung. Kluge, sprechende Tiere oder Helden, die die Sonne besuchen, werden nicht für Alltagserfahrungen gehalten.

  74. Peter Roosen @Herr Blume, Kausalität
    02.01.2008, 13:21

    Lieber Herr Blume,

    ich wollte mit dem Homo Causalis nicht gesagt haben, dass das kausale Denken das einzige Schema darstellt, dass zu Religion führt. Ich halte es jedoch nach wie vor für das Wesentliche. Sie führen die bevorzugte Aufmerksamkeit bereits der Tiere für bewegte .... Akteure an. Dies ist bestimmt korrekt, aber die Frage ist für andersherum, was den Mensch vom Tier unterscheidet. Und hier sehe ich nach wie vor die extrem verstärkte Hinwendung zur Kausalität. Auch die Tiere nehmen diese bereits wahr und bauen sie in ihr jeweiliges Weltbild ein - das zeigt nicht zuletzt die Möglichkeit, Tiere zu konditionieren.

    Was sie aber (gegenüber dem Menschen) stark unterscheidet, ist die im tierischen Fall nicht vorhandene Verselbständigung dieses Denkschemas. Zumindest habe ich in den populärwissenschaftlichen Publikationen zum Verhalten von Primaten noch nie eine Erwähnung gefunden, dass selbst unsere schlaueren Verwandten die Ursache-Wirkungsketten über das unmittelbar praktisch anzuwendende Maß hinaus weiter treiben würden. Insofern halte ich diesen Punkt weiterhin für zentral im Verständnis einerseits des Menschenbegriffs, andererseits aber auch im Zusammenhang mit der Entwicklung von Religionen, wie weiter oben ausgeführt.

    Bezüglich der Interpretation des Zölibats hatte ich weiter oben in der Kommentarkette auch bereits einen Erklärungsansatz aufgezeigt, der nicht zuletzt auch den Effekt des "Propheten im eigenen Lande" mit berücksichtigt. Die von Ihnen angesprochene "Gruppenselektion" sehe ich als Fähigkeit zur Motivation ähnlich Denkender zu gruppendynamisch gewünschtem Verhalten und Überzeugung Andersdenkender an den geografischen wie auch soziologischen Gruppengrenzen. Keinesfalls möchte ich Gruppe als Black-Box interpretieren, sondern als ein aktives Interaktionsgeflecht, das sich durch eine gegenüber "Außenstehenden" durch abgeschwächte Interaktionen (zumindest der positiven, konservativen Art) auszeichnet.

    Die Unterscheidung von symbolischen und alltäglichen Erzählungen, die sie als mögliche Bremser der Kausalitätserklärung anführen, dürfte aber durchaus wiederum fließend zu beobachten sein. Selbst in unseren "fortschrittlichen" monotheistischen Religionen gibt es schließlich so was wie Heilige, Wallfahrtsorte, verehrte Märtyrer und dergleichen. Hier vermischen sich diese beiden Pole doch frappant, oder?

    Wie schon geschrieben: Wenn Menschen nicht anders als kausal denken können (und ich glaube, dass dies extrem lange so war, siehe meinen letzten Beitrag), *muss* Religion entstehen. Sonst hängen irgendwann Wirkungen ohne Ursachen in der Luft. Ich denke, das lässt sich auch in der historischen Entwicklung einzelner Religionen erkennen (und ich meine, es wäre weit vorne in diesem Thread auch schon mal angesprochen worden): Von den Naturreligionen zu den Gedankengebäuden der rezenten Religionen ist ein ganz klarer Weg zu immer mehr Komplexität erkennbar, die einzig dazu dient, kausale Beziehungen zwischen den verschiedenen Aspekten religiöser Aussagen zu flechten. Und zumindest in der katholischen Kirche führt dies letztlich zu geradezu absurden Stilblüten, die man eigentlich nur noch mit der alten Vortragenden-Weisheit kommentieren kann: "Wenn du dein Gegenüber nicht mit Argumenten überzeugen kannst, dann verwirre es so lange mit Unsinn, bis keine Gegenwehr mehr kommt." :-)

  75. keinohrhase genetische Fitness II @Dahl @Blume
    02.01.2008, 14:21

    ...herzlichen Dank für Ihre Antworten. Nur zur Ergänzung und Illustriation ein aktuelles Beispiel für den evolutionären Effekt, den ich zu beschreiben versucht habe, aus dem heutigen SPIEGEL ONLINE:

    http://www.spiegel.de/...sch/0,1518,526100,00.html

    Herr Dahl, ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich Sophia Loren ebenfalls verehre und wünschte, sie würde mit uns diskutieren!

  76. Michael Blume @ Herr Roosen, Kleinohrhase
    02.01.2008, 14:49

    @ Herr Roosen:

    " Die von Ihnen angesprochene "Gruppenselektion" sehe ich als Fähigkeit zur Motivation ähnlich Denkender zu gruppendynamisch gewünschtem Verhalten und Überzeugung Andersdenkender an den geografischen wie auch soziologischen Gruppengrenzen. Keinesfalls möchte ich Gruppe als Black-Box interpretieren, sondern als ein aktives Interaktionsgeflecht, das sich durch eine gegenüber "Außenstehenden" durch abgeschwächte Interaktionen (zumindest der positiven, konservativen Art) auszeichnet."

    Sehr schön formuliert! Völlig d'accord!

    Zur Kausalität: ja, als ein treibendes Moment gerade auch der "Theologien" lässt sich das durchaus beobachten. Wobei ich noch einmal betonen möchte, dass das "symbolische" Wissen der Religionen gerade auch in den Weltreligionen neben dem "empirischen" Wissen steht. Vermischungen sind da eher schädlich, ein Dialog in gegenseitiger Unabhängigkeit scheint am erfolgreichsten - wie es wohl auch schon zwischen Jägern/Kriegern und Schamanen bzw. weisen Lehrer(inn)en der Fall war.

    Ein ganz aktuelles Beispiel, zu dem ich Ende kommender Woche in Leipzig sprechen werde, sind z.B. die UFO-Kulte. Gerade ihre Beanspruchung "wissenschaftlicher" Argumente bringt UFO-Gläubige schnell in Schwierigkeiten - wenn sich dann eben die Venus als unbewohnbar herausgestellt hat, die Wüstenbilder in Südamerika als Prozessionsstraßen, das Marsgesicht als Felsformation usw. ist gleich das ganze Glaubensgefüge bedroht. Daher entwickeln sich dort sehr viele Verschwörungstheorien - und die Raelianer haben es z.B. geschafft einen strikt "atheistischen Kreationismus" zu kreieren, der einerseits die Religionen als "abergläubisch und wissenschaftlich überholt" betrachtet, andererseits aber daran festhält, dass die Menschheit nicht evolvierte, sondern von einer anderen Spezies quasi "gepflanzt" wurde.

    Umgekehrt sind auch die Naturwissenschaften selten tiefer gesunken, als in den Jahrzehnten, in denen man die (vorläufigen) Erkenntnisse des Darwinismus in angeblich absolute Weltanschauungen transformierte und u.a. Eugenik, Rassismen und eine Verherrlichung von Kriegen gerade auch aus biologischen Instituten und Lehrstühlen strömte.

    Deswegen kann ich nur sagen: es scheint eine sehr gesunde Entwicklungen zu sein, dass sich empirische Beschreibung und letzte Deutungen auch in Europa wieder in unterschiedene und voneinander bei allem Dialog unabhängige Zuständigkeiten ausdifferenziert haben. Und als Religionswissenschaftler quasi von Haus aus "Wanderer zwischen diesen Welten" kann ich nur sagen: auf beiden Seiten gibt es helle Köpfe, aber auch ein gerüttelt Maß Ignoranz und Vorurteile über den je anderen...

  77. Michael Blume @ Kleinohrhase
    02.01.2008, 15:02

    Danke für den Link!

    Für die Zwecke unserer Diskussion wäre es nun sehr interessant zu überlegen, ob sich das Wissen um diese vererbbare Krankheit nicht sogar auf Reproduktionsverhalten und ggf. Heiratschancen der Betroffenen auswirken dürfte. Denn die "reproduktive Vorausplanung" bildet einen gravierenden Unterschied, der m.E. zur treibenden Dynamik der Evolution von Religion gehört (Menschliche Fragen: Will ich Kinder? Kann ich mich auf das Wort des Partners verlassen? -> Pronatale Gebote, Gretchenfrage).

    Näher an Ihrem Thema sind z.B. die Dor Yeshorim, die orthodox-jüdischen Glauben mit Erkenntnissen der Gentechnik verknüpften - und damit die Anzahl von Kindern mit schweren, genetischen Behinderungen deutlich verringerten. Siehe hier: http://www.shidduchim.info/medical.html

    Mich überrascht übrigens, dass man dieses Thema in Deutschland kaum diskutiert hat, in den USA gab es gerade auch in Kirchen und Wissenschaft viel Pro und Contra. Aber bei uns glaubt man wohl immer noch zu oft, religionsbezogene Themen seien für "echte Wissenschaftler" uninteressant... Schade, eigentlich.

  78. Martin Huhn @ohneohrhase
    02.01.2008, 15:07

    "Herr Dahl, ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich Sophia Loren ebenfalls verehre und wünschte, sie würde mit uns diskutieren!"

    Die wird aber zu diesem Thema sicher nicht viel beitragen können. ;-)

  79. Edgar Dahl @ - Martin Huhn: Sophia Loren
    02.01.2008, 15:49

    Ja, ich fürchte, Sophia Loren ist katholisch - doch ihr kann ich das nachsehen...

  80. Michael Blume Loren - Clooney
    02.01.2008, 15:59

    Ja, Sophia Loren...

    Katholisch, zeitlebens mit dem gleichen Mann verheiratet, zwei Kinder - passt wunderbar in die These!

    Ebenso wie der konfessions- und prompt kinderlose George Cloney (eine geschiedene Ehe), den bereits Herr Dahl als Kontrast zu den Amish in die Debatte einführte...

    Ich schätze beide sehr, aber als Religionswissenschaftler haben wir ja ohnehin immer für alles Verständnis...

    Und mir wird dank unserer Diskussion klar, dass ich nicht das harte Brot der Religionsdemografie in Deutschland und der Schweiz, sondern einfach der Hollywoodgrößen hätte korrelieren müssen - dann hätten sich sogar die deutsche Wissenschaftslandschaft und ihre Leitmedien längst ohne Vorurteile und empirisch mit der Frage der Evolution der Religion befasst! (-;

  81. Edgar Dahl @ - Blume: Vielleicht noch ein Tick präziser
    02.01.2008, 16:20

    1: Sind Sie nun ein Adaptionist oder ein Epiphänomenalist?

    "Natürlich beides. Die Nabelschnur ist eine Adaption, der Bauchnabel ein Epiphänomen dazu."

    Tut mir leid, doch diese Antwort verstehe nicht. Wie kann man beides zugleich sein?
    Entweder ist man davon überzeugt, dass der Glaube an übernatürliche Wesenheiten eine biologische Anpassung ist oder man ist es nicht!

    Die Religion ist ja nicht das einzige Thema, bei dem sich Darwinisten uneins sind. Auch beim Thema der Vergewaltigung haben wir ja zwei Lager; eines, das annimmt, dass die Vergewaltigung lediglich ein Nebenprodukt des opportunistischen Sexualverhaltens der Männer ist, und eines, das annimmt, dass die Vergewaltigung eine spezielle von der natürlichen Selektion geformte biologische Anpassung darstellt. Auch in dieser Debatte gibt es nur ein "entweder-oder", nicht aber ein "sowohl-als-auch".

  82. Edgar Dahl Epiphänomen oder Adaption?
    02.01.2008, 16:36

    "Religiöse Veranlagungen könnten also als Epiphänomene kognitiver Gehirnfunktionen enstanden sein - heute erweisen sie sich als biologisch hoch adaptiv."

    Wenn das Ihre Meinung ist, dann sind Sie ganz klar ein Epiphänomenalist und mit Herrn Roosen und mir einer Meinung. Der Glaube an übernatürliche Wesenheiten ist ein bloßes Nebenprodukt unseres Gehirns und seines kausalen sowie teleologischen Denkens. Dass sich religiöse Normen, wie etwa das erwähnte post-partum Koitus-Tabu als adaptiv erweisen können, leugnet kein Mensch - auch Dawkins nicht. Was haben Sie, wenn ich fragen darf, eigentlich gegen Dawkins?

    "Der Unwille diverser Forscher wie z.B. Dawkins, die Faktenlage anzuerkennen, weist m.E. erstaunliche und vielsagende Parallelen zu Abwehrstrategien von Kreationisten auf: man möchte gerne das eigene Weltbild vor unliebsamen Erkenntnissen der Wissenschaft schützen."

  83. Peter Roosen @ Hr. Dahl - Entoder weder? :)
    02.01.2008, 17:01

    Lieber Herr Dahl,

    auch wenn ich mich hinsichtlich der *Entstehung* der Religion eher als Epiphänomenalisten sehe, kann ich schon recht gut Hr. Blumes Antworten des "sowohl als auch" nachvollziehen. Ich meinte eigentlich, in meinem Beiträgen auch die mögliche Symbiose der beiden Sichten von meiner Seite aus dargestellt zu haben.

    Der Gag evolvierender Systeme ist ja gerade, dass ab einer gewissen Komplexität Epiphänomene dermaßen komplex sind, dass sie in ihren Einzelauswirkungen nicht mehr sauber logisch von adaptiven Veränderungen getrennt werden können. Adaptive Veränderungen bedeuten (zumindest in meinem Verständnis) ja, dass eine unmittelbare Auswirkung auf die Fitness zu beobachten ist. Das heißt aber letztlich, es sind Epiphänomene mit Selektionswirkung. Da letztere aber in beliebigen Stärkegraden, und dann auch noch unterschiedlich stark je nach vorherrschender lokaler Randbedingung, vorliegen kann, sehe ich ein Kontinuum zwischen den idealisierten polaren Modellen von "Epiphänomen" und "Adaption".

    Daher nach wie vor meine Sichtweise: Was als Epiphänomen einer besonders starken Kausalitätsorientierung begann, wird - wahrscheinlich schon sehr früh - einen gruppenstärkenden Effekt im Blume'schen Sinne und damit zunehmend die Qualität einer Adaption entwickelt haben, deren objektiv messbare Auswirkungen (nach Blume) nicht zu verleugnen sind.

  84. Edgar Dahl Noch einmal: Animismus
    02.01.2008, 17:04

    3: Worin soll die Adaptivität des Glaubens an eine Beseeltheit aller Dinge bestehen?

    "Aus evolutiv gut nachvollziehbaren Gründen behandeln wir unbelebte Dinge anders als belebte. Nur von belebten Akteuren akzeptieren wir z.B. direkte Gebote."

    Ich fürchte, das ist keine Antwort auf meine Frage, da wir bereits zwischen verschiedenen Stufen des Animismus unterschieden haben:

    Angenommen, wir müssen zwischen zwei verschiedenen Stufen des Animismus unterscheiden. Die erste besteht lediglich in dem Glauben an die Beseeltheit, die zweite schließt auch sittliche Forderungen ein. Insofern die zweite Stufe auf der ersten basiert, genügt es nicht, die Adaptivität der zweiten Stufe aufzuzeigen - man muss auch die Adaptivität der ersten erweisen!

    Noch einmal pointierter: Zu glauben, dass ein Baum oder ein Felsen eine Seele haben, ist das eine, zu glauben, dass sie mir die Zehn Gebote auferlegen, etwas anderes.

  85. Michael Blume Epiphänomen - Adaption -> Exaptation
    02.01.2008, 17:12

    Ich bitte einfach zwei Aspekte klar zu unterscheiden: heute wirkt Religiosität durchschnittlich deutlich reproduktiv erfolgreich (evolviert also weiter) und die zunehmende Emergenz des Verhaltensmerkmals in der Geschichte von Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis spricht m.E. ebenfalls ganz klar dafür, dass es sich bei Religion um eine biologische Anpassung handelt. Und zwar um eine erfolgreiche Anpassung v.a. an die Fähigkeit zu biografischer und dann auch reproduktiver Vorausplanung, die z.B. die Entscheidung für oder gegen (weitere) Kinder, für oder gegen Ehepartner (bzw. logisch erst den Ehekontrakte an sich) mit sich bringt. Diesen Übergang von retrospektiver zu prospektiver Reproduktionsplanung kann man spieltheoretisch übrigens wunderbar modellieren und aufzeigen, wie erfolgreich dabei geglaubte, übernatürliche Akteure werden - das wäre aber wohl eher Thema eines eigenen Wissenslogbeitrags.

    Also, klare Antwort: Das Verhaltensmerkmal Religion ist längst eine erfolgreiche Adaption, kein Epiphänomen mehr. Zur "Entstehung" der religiösen Veranlagung schließe ich dagegen epiphänomenologische Erklärungen ausdrücklich nicht aus und sehe die kognitionspsychologische Forschung nach Boyer und vor allem Bering, aber auch z.B. Palmer dabei auf sehr gutem Weg. Die kognitiven Fähigkeiten und "intuitiven Ontologien" unserer Vorfahren, aber auch z.B. die schon bei anderen Säugetieren beobachtbare Trauer halte ich für wichtige Kandidaten, aus denen heraus sich das neue Fähigkeitenbündel und Verhaltensmerkmal bildete (und bildet).

    Wenn Sie von mir also gerne ein einziges Label haben wollen, dann wäre ich nach S.J. Gould wohl (insofern wir von der Evolution der Religion sprechen) ein klarer "Exaptationist".

    In der Exaptation erschließen sich biologische Merkmale eine neuartige Funktion - und genau diesen Effekt sehe ich im evolvierten und evolvierenden "Fähigkeitenbündel" Religion gegeben.

    Und meines Erachtens verdichten sich die interdisziplinären Erkenntnisse zur Evolution der Religion derzeit so schnell, dass gemeinsame, empirisch fundierte Modelle nicht mehr unmöglich scheinen.

    M.E. außerordentlich spannend (aber wohl wieder den Rahmen unserer hiesigen Diskussion sprengend): da die Exaptation "Religion" schon beim Frühen Menschen mindestens zweimal konvergent evolvierte, könnten wir darüber spekulieren, ob auch andere Spezies bei Erreichen der biografischen und reproduktiven Vorausplanung religiös adaptieren würden. Elefanten und Affen haben Sie ja als weitere "Kandidaten" bereits ins Spiel gebracht - und ich würde sogar so weit gehen, bald einmal mit Kosmobiologen über die Religiosität von intelligenten Extraterrestriern zu spekulieren! (-;

  86. Michael Blume @ Animismus
    02.01.2008, 17:39

    Lieber Herr Dahl,

    Sie verlangen ja schon eine fast geschlossene Fossilkette! Sind Sie zu Kollegen eigentlich genauso streng, die z.B. die Adaptivität von Flügeln behaupten, ohne bisher den Nutzen von Stummeln eindeutig und lückenlos belegen zu können? Oder halten Sie Flügel eher nur für ein Epiphänomen statt einer Anpassung? (-;

    Jetzt aber im Ernst: ich empfinde Ihre Fragen als außerordentlich präzise und hilfreich, so muss interdisziplinärer Dialog -wenn auch anstrengend und zeitintensiv- funktionieren! Danke dafür.

    Zur Frage: Zunächst einmal möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich von einer Erstrelevanz von Ahnenverehrung ausgehe, weder von kosmologischem Staunen noch von einem Ur-Animismus. Dass auch schon nahe, tierische Verwandte z.B. Trauer und also Ansätze von Erinnerung und ggf. Vergegenwärtigung zeigten, führten Sie ja freundlich ein. Und über diese Schiene wäre sowohl der soziale Bezug zu den übernatürlichen Akteuren wie auch eine gewisse Gerichtetheit der tradierten "descendant leaving strategies" naheliegend: wenige Ahnen werden ihren Kindern und Enkeln empfehlen, auf keinen Fall Kinder zu bekommen... (Und wenn, wird diese Überlieferung schnell wieder kulturell aussterben - vergleiche z.B. Shaker und Amish) Wir haben, wie bereits mehrfach geschrieben, als bislang älteste, paläoanthropologische Befunde zu religiösem Verhalten Bestattungen von Sapiens und Neandertalern, Tierfigürchen, Mischwesen (also Hinweise auf Animismus) wie auch Himmelsobservatorien (also Hinweise auf Kosmologien) erst deutlich später.

    Ich darf zu Ihren Animismus-Überlegungen(das entsprechende Kapitel aus meiner Diss ziehend) aber noch einmal auf Boyer verweisen, der ganze sieben prä-religiöse, kognitive Präferenzen zur Konstruktion religiöser Akteure benannte:

    1. Ein Ensemble intuitiver ontologischer Erwartungen
    2. Eine Neigung, die Aufmerksamkeit auf Kontraintuitives zu richten
    3. Eine Tendenz, Kontraintuitives im Gedächtnis zu behalten, insofern es
    eine Fülle von Schlussfolgerungen ermöglicht
    4. Ein System für Erkennung (und übermotivierte Erkennung) von
    Aktivität und Wirken
    5. Ein Ensemble von Systemen des sozialen Bewussteins, die der
    Vorstellung von gut informierten Akteuren besondere Relevanz verleihen
    6. Ein Ensemble intuitiver moralischer Gewissheiten
    7. Ein Ensemble sozialer Kategorien, die Legitimierung bedürfen

    Interessanterweise konnte Boyer seine Schlussfolgerungen nicht nur ethnographisch, sondern auch experimentell unterfüttern. So können Menschen "intuitiv" angeben, dass "Gott ist allmächtig und allwissend. Aber Er ist nur mittwochs da." eine Erfindung des Wissenschaftlers, "Ebenholzbäume belauschen die Gespräche, die in ihrem Schatten gehalten werden" dagegen echte, naturreligiöse Mythologie war. Der Grund (nach Boyer): die Nur-Mittwoch-Einschränkung reduziert irritierend Relevanz, während die lauschenden Ebenholzbäume den (ohnehin beliebten) Bäumen weitere Relevanz zuweisen.

    Sie erleben das gleiche Phänomen derzeit im Hinblick auf nicht oder umstritten identifizierte Flugobjekte bzw. Himmelserscheinungen, die in großen Teilen der Öffentlichkeit sehr bereitwillig als "Besucher von fremden Sternen" aufgefasst werden. Dies nicht, weil empirische Belege dies nahelegten, sondern weil an uns interessierte, ggf. mit guten oder bösen Absichten aufkreuzende Machtwesen einfach sehr viel "relevanter" und also "spannender" wirken, als nur z.B. Wetterbalone oder unbeseelte Naturphänomene anzunehmen. Und schon haben wir selbst unter ganz modernen und gebildeten Menschen eine tiefe Faszination für entsprechende Bücher, Filme und Dutzende von UFO-Mythen, sogar Kultgemeinschaften...

  87. Peter Roosen @ Herr Blume: Lowlights der Historie
    02.01.2008, 17:48

    Lieber Herr Blume,

    Ihr Beispiel der UFO-logen ist für mich eigentlich auch nur die Darstellung einer weiteren Religion - wobei deren Anhänger Ihrer Aussage nach (ich kenne mich da überhaupt nicht aus) zumindest ihrer Breduille bewusst sind und somit erste Anzeichen einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema zeigen. Ich vermute mal, dass ein größerer Teil von ihnen durchaus nachvollziehbaren wissenschaftlichen Belegen gegenüber offen ist, was man von den gängigen monotheistischen Weltreligionen eher nicht behaupten kann.

    Dass einzelne Schergen gewisser Weltsichten auch jeweils aktuelle naturwissenschaftliche, wenn auch meist eher vorläufige Erkenntnisse per Missinterpretation zu schlimmen Sachen missbrauchen, stelle ich nicht in Abrede. Genau wie dieses passiert ist und wohl auch immer wieder passieren kann, gibt es zahlreiche Beispiele besonders in der Kirchengeschichte, bestimmt aber auch im Islam oder sonstigen Religionen. Den Unterschied, den ich zwischen den wissenschaftlichen und den religiösen Gedankengebäuden jedoch sehe ist folgender: Während die Missbräuche wissenschaftlicher Aussagen, nicht zuletzt wegen objektiver, nachvollziehbarer Einwände anderer Wissenschaftler, in der Regel recht kurz andauern, dauern die religiös motivierten Verirrungen nicht selten Jahrhunderte lang an. Ich kann mich nicht erinnern, dass entsprechende Verirrungen jemals religionsintern kritisiert und letztlich abgestellt worden sind. Außerdem befleißigen selbst höchstrangige Vertreter der religiösen Gemeinschaften der Unterstützung entsprechender Rituale.

  88. Michael Blume (UFO-)Glauben und Wissenschaft
    02.01.2008, 20:25

    Lieber Herr Roosen,

    die vergleichende Wahrnehmung wissenschaftlicher und religiöser Wahrheitsansprüche, ihre politische Missbräuche usw. wäre sicher ein eigenes Thema - und vielleicht (da sind wir uns wohl einig) auch kein ergiebiges. Ich persönlich schalte da inzwischen immer schon ab, wenn wieder Hexenverbrennungen gegen Kulturrevolutionen, Glaubensverfolgungen gegen Stalins "Säuberungen" und die Inquisition mit Nordkoreas Geheimdienst verglichen wird. Zur wirklich sachlichen Klärung trägt das in der Tat selten bei und ich genieße es sehr, dass Atheisten, Agnostiker und Religiöse im Rahmen der Evolutionsforschung über dieses polemische Stadium auch hinweggekommen sind.

    Interessanter scheint es tatsächlich, die oft fließenden Grenzen zwischen wissenschaftlichen und religiösen Wissensansprüchen empirisch zu betrachten. Wussten Sie z.B., dass sich bei den Raelianern längst auch aus einem vermeintlich "wissenschaftlichen Atheismus" ein UFO-Glaubenssystem samt eines "atheistischen Kreationismus" (ja, komplette Ablehnung der Evolutionstheorie!) entwickelt hat? Hier, mit Video:

    http://religionswissenschaft.twoday.net/...578340/

    Ohne dass hier jetzt weiter vertiefen zu wollen: auch die neuen UFO-Gemeinschaften entwickeln sich mit bemerkenswerten Parallelen zu früheren Religionen und die Entstehung und Verbreitung der UFO-Mythologien bietet hervorragendes, vergleichendes Material zur Religionsentstehung in jüngster Zeit. Zu ihrem großen Problem aber gehört, dass ihre Annahmen beständiger Falsifikation ausgesetzt sind - während die klassischen Religionen auch neue Erkenntnisse zu integrieren gelernt haben.

    Wäre aber wohl wieder eher ein eigenes Thema, freue mich schon auf die Debatte nächste Woche an der Uni Leipzig dazu, hier also nur angedeutet...

    Herzliche Grüße!

    Michael Blume

  89. keinohrhase God in the brain @Dahl @Blume
    03.01.2008, 10:30

    ...vielleicht bringt dieser aktuelle Artikel aus dem New England Journal of Medicine neues Wasser auf Ihre Mühlen!

    Soweit ich es beim kurzen Überfliegen erfasst habe, kann man aus den Daten der funktionelle Bildgebung offenbar eher darauf schließen, dass religiöse Gefühle ein Epiphenom sind...

    free full text at:
    http://content.nejm.org/cgi/content/full/358/1/6

  90. Edgar Dahl Exaptation
    03.01.2008, 13:13

    Lieber Herr Blume,

    entschuldigen Sie bitte, wenn ich dann und wann etwas schroff klinge. Diese Schroffheit ist nur ein "Nebenprodukt" meiner Bemühung, auf den Punkt genau zu fragen. Ganz im Ernst, ich bin außerordentlich dankbar für unsere kontroverse Diskussion, die mir als die fruchtbarste auf diesem Blog erscheint - und das haben wir ausschließlich Ihnen zu verdanken!

    Mit dem Label "Exaptionist" bin ich einverstanden, auch wenn ich mich selbst damit nicht identifizieren kann und mich - zumindest fürs erste - noch weiter als Epiphänomenalist bezeichne.

    To be continued...

  91. Edgar Dahl Die Adaptivität der Religion
    03.01.2008, 13:45

    Ich will versuchen, meine Position noch einmal zu präzisieren: Religiosität besteht im Glauben an übernatürliche Wesenheiten. Der bloße Glaube an übernatürliche Wesenheiten selbst kann noch nicht adaptiv sein. Adaptiv kann er erst werden, wenn er mit der Verehrung und vor allem mit dem Gehorsam gegenüber übernatürlichen Wesenheiten einhergeht. Sind wir uns soweit einig?

    Inwieweit die Verehrung und der Gehorsam gegenüber einem übernatürlichen Wesen adaptiv ist, hängt nun ausschließlich von den Forderungen dieser "Gottheit" ab. Wenn sie ihren Anhängern befiehlt "Seid und fruchtbar und mehret euch", dann kann sich der Glaube an diese Gottheit reproduktiv bezahlt machen. Wenn sie dagegen ein Leben in Einsamkeit und Enthaltsamkeit fordert, geht sie auf Kosten unserer Reproduktion und ist insofern maladaptiv. Sind wir uns darin auch einig?

    To be continued...

  92. Edgar Dahl Maladaptivität des Christentums
    03.01.2008, 13:59

    Interessanterweise war das Christentum, zunächst sogar maladaptiv. Wenn die Anhänger der "Sekte Jesu" ihren Herrn beim Worte genommen und ihre Familien verlassen hätten, um ihm nachzufolgen, wären sie nämlich schon nach einer Generation ausgestorben: "Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein."

    Auch hier zeigt sich also wieder, dass es nicht der religiöse Glaube per se, sondern die Befolgung von sitlichen Forderungen ist, die adaptiv oder maladaptiv sein kann.

    Ich habe gleich noch einmal eine Frage zum Ahnenkult. Bis gleich!

  93. Edgar Dahl Noch einmal: Religion und Adaption
    03.01.2008, 14:19

    Was ich gerade gesagt habe, ist im Prinzip identisch mit dem, was ich schon zu Beginn unserer Diskussion angemerkt hatte, als ich schrieb:

    "Es kann also nicht der Glaube an irgendwelche beliebigen übernatürlichen Wesenheiten sein, der adaptiv ist, sondern nur der Glaube an Wesenheiten, die mit mir in Verbindung treten und mir ein bestimmtes Handeln auferlegen. Dieses Handeln kann mir dann zu meinem Vorteil oder zu meinem Nachteil gereichen. Wenn mir dieses Wesen sagt: 'Alles ist eitel', mag ich mich (und meine Gene) in die nächste Schlucht stürzen; sagt es mir dagegen: 'Sei fruchtbar und mehre dich', mag ich mich auf Brautschau begeben und mich (und meine Gene) fortpflanzen.

    Wenn es aber letztlich die Befolgung von bestimmten Handlungsanweisungen ist, die mir biologische Vor- oder Nachteile verschafft, dann scheint es mehr die Ethik als die Religion zu sein, die adaptiv oder maladaptiv ist."

    Das einzige, was ich eventuell zugestehen müsste, ist, dass eine auf göttlicher Autorität basierende Ethik eine größere Verbindlichkeit entfalten mag. Ich sage bewusst "mag", weil ich immer wieder erstaunt darüber bin, wie Menschen, die an einen Gott, an ein Jüngstes Gericht und an eine ewige Verdammnis in der Hölle glauben, trotzdem so viele Verbrechen begehen können.

  94. Edgar Dahl Ahnenverehrung
    03.01.2008, 15:48

    "Zunächst einmal möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich von einer Erstrelevanz von Ahnenverehrung ausgehe, weder von kosmologischem Staunen noch von einem Ur-Animismus. Dass auch schon nahe, tierische Verwandte z.B. Trauer und also Ansätze von Erinnerung und ggf. Vergegenwärtigung zeigten, führten Sie ja freundlich ein. Und über diese Schiene wäre sowohl der soziale Bezug zu den übernatürlichen Akteuren wie auch eine gewisse Gerichtetheit der tradierten "descendant leaving strategies" naheliegend: wenige Ahnen werden ihren Kindern und Enkeln empfehlen, auf keinen Fall Kinder zu bekommen..."

    Dieser Gedankengang erscheint mir durchaus plausibel. Dennoch würde ich gerne wissen, wie der Übergang von der Trauer um unsere Vorfahren über den Glauben an eine unsterbliche Seele unserer Vorfahren bis hin zur Befolgung sittlicher Gebote unserer Vorfahren genau aussehen könnte.

    In jedem Fall scheinen wir mit der Trauer beginnen zu müssen. Doch welchen Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteil sollte uns das Trauern um unsere Verstorbenen bescheren? Insofern die Trauer einer zeitlich begrenzten Depression entspricht, ist es sogar denkbar, dass die Trauer maladaptiv ist, weil sie uns verletzbar macht.

  95. Michael Blume @ Keinohrhase
    03.01.2008, 19:09

    Danke, starker Artikel! Und, ja, auch der deutet in die Richtung, dass verschiedenste Gehirnregionen epiphänomenologische Ansätze beispielsweise zu Musik, Kunst oder eben Religion hervorgebracht haben!

    Und jetzt ist es unsere empirisch-beobachtende Aufgabe, herauszufinden, ob diese Merkmale je weiterhin nur Epiphänomene sind, oder sich zu Exaptationen entwickelt haben. Und für die Religion halte ich es, wie gesagt, für religionsdemografisch eindeutig: es bestehen enorme, reproduktive Vorteile!

    Also: Epiphänomen -> Exaptation! (-:

  96. Michael Blume @ Dahl: Trauer, Frage
    03.01.2008, 19:16

    Über Beobachtungen trauernder Verhaltensweisen schon bei Tieren (Elefanten, Affen) waren wir uns einig. Ich sehe in ihr ein Epiphänomen der Verwandtenselektion, die damit einen wesentlichen Startpunkt zur Exaptation von Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis geleistet hat.

    Da ich nun aber schon eine ganze Batterie von Fragen (gerne) beantwortet habe, erlauben Sie mir, Ihnen nun auch eine Frage zu stellen. Wie sonst als durch Exaptationen sollen neue Adaptionen entstehen?

    Konkret und ernsthaft gefragt:
    1. Halten Sie Vogelflügel für eine Adaption oder ein Epiphänomen?

    2. Wie erklären Sie sich die Evolution der Flügel? Hatten z.B. schon Stummel die gleiche Funktion?

  97. keinohrhase God in the Brain II @Blume @Dahl
    03.01.2008, 19:54

    ...lassen Sie mich bitte kurz versuchen, in Ihre nachwievor hochinteressante Diskussion vermittelnd einzutreten:

    Ich denke, Herr Dahl würde sofort zugestehen, dass heutige Religionen (die ja mehr oder weniger komplexe, hochentwickelte Systeme sind) so ausgestaltet sind, dass sie reproduktive Vorteile mitsichbringen - dass Ihre empirischen Daten also stimmen. Wenn religiöse Gefühle eine genetische Grundlage haben, wird sich diese also gerade in unserer Population weiter verbreiten - die Evolution geht schließlich immer weiter.

    Aber was Herr Dahl zu bezweifeln scheint, ist, dass religiöse Gefühle evolutionär VON ANFANG AN reproduktiv von Vorteil waren. Ihr "Heraufdämmern" in unseren Vorfahren - ich vermute, es geschah lange bevor man aus genetischer oder anthropologischer Sicht von Homo sapiens sapiens sprechen konnte - war für ihn ein Epiphänomen.

    Ab wann sich ggf. ein solches, anfangs selektionsneutrales Epiphänomen durch Ausgestaltung von Religionen oder Kulten o.ä. zu einem eigenständigen Reproduktionsvorteil entwickelt hat und die entsprechende genetische Grundlage positiv selektiert wurde, dürfte für alle Zeiten unlösbar sein...

    Herr Dahl, habe ich Sie richtig verstanden? Sie wissen schon, meine Ohren...

  98. Michael Blume Annäherung
    03.01.2008, 20:15

    Lieber Herr Dahl,

    ich habe tatsächlich das Gefühl, dass sich unsere Positionen im Verlauf dieser Diskussionen sukzessive annähern! Spannend!

    Sie schreiben:
    "Religiosität besteht im Glauben an übernatürliche Wesenheiten. Der bloße Glaube an übernatürliche Wesenheiten selbst kann noch nicht adaptiv sein. Adaptiv kann er erst werden, wenn er mit der Verehrung und vor allem mit dem Gehorsam gegenüber übernatürlichen Wesenheiten einhergeht. Sind wir uns soweit einig?"

    Mit einer Einschränkung: ich sehe Religiosität von Anfang an in der Kombination von Erfahrung, Verhalten und kognitiver Überzeugung. Wenn wir vom Startpunkt Trauer ausgehen, gehen ja (z.B. beobachtbar bei Affen und Elefanten) die soziale Erfahrung und vor allem die Verhaltensäußerungen (Beschützen, Tragen, Aufrichten, Anstupfen etc.) der kognitiven Überzeugung z.B. an ein Weiterleben nach dem Tod sogar "voran".
    "Dennoch würde ich gerne wissen, wie der Übergang von der Trauer um unsere Vorfahren über den Glauben an eine unsterbliche Seele unserer Vorfahren bis hin zur Befolgung sittlicher Gebote unserer Vorfahren genau aussehen könnte."

    Das scheint mir recht einfach. Schon das Verhalten trauernder Tiere gegenüber den Toten knüpft an normales, reziprokes Verhalten an. Bei der Tagung in Delmenhorst war es ein eigenes Gesprächsthema, als ein (streng atheistischer) Psychologe darüber sprach, dass auch er selbst sich den Wünschen seiner verstorbenen Mutter weiter verpflichtet fühle - obwohl er doch als Extinktionist "wisse", dass sie nicht mehr existiere. (Und denken wir z.B. an die rituellen Bestattungen auch in säkular-atheistischen Populationen!)Schon dieser ganz "natürliche", reziproke Instinkt löst also weiterwirkende Verhaltensimpulse aus, die durch Glaubensüberzeugungen nur noch verstärkt werden müssen.

    "Inwieweit die Verehrung und der Gehorsam gegenüber einem übernatürlichen Wesen adaptiv ist, hängt nun ausschließlich von den Forderungen dieser "Gottheit" ab. Wenn sie ihren Anhängern befiehlt "Seid und fruchtbar und mehret euch", dann kann sich der Glaube an diese Gottheit reproduktiv bezahlt machen. Wenn sie dagegen ein Leben in Einsamkeit und Enthaltsamkeit fordert, geht sie auf Kosten unserer Reproduktion und ist insofern maladaptiv. Sind wir uns darin auch einig?"

    Ja, völlig! Und wieder können wir hier ganz klassisch bei der Biologie starten: Wir finden es völlig natürlich, dass Eltern dazu tendieren, den Reproduktionserfolg ihrer Nachkommen zu maximieren - denn schließlich sind es die eigenen Gene. Schon intuitiv werden also Vorfahren ihren Nachkommen eher "Seid fruchtbar und mehret euch!" (etc. pp.) auf den Weg geben als "Aber pflanzt Euch auf keinen Fall fort!". Das ist ja der Witz an Palmers "descendant leaving strategies": sterbende Vorfahren pflegen der versammelten Familie Weisungen wie "Seid gut zueinander.", "Du, Franz, bleib immer Deiner Resi treu." und "Vertragt euch und sorgt mir gut für die Martha, wenn ich nicht mehr bin." mit auf den Weg zu geben.

    "Das einzige, was ich eventuell zugestehen müsste, ist, dass eine auf göttlicher Autorität basierende Ethik eine größere Verbindlichkeit entfalten mag." - Genau das tritt jetzt ein! Nachkomme A befolgt nun Großvaters Weisungen nur aus Anhänglichkeit, Nachkomme B aber "zusätzlich" aus dem Glauben, dass Großvater aus dem Jenseits zuschaut und gebrochene Worte ggf. zu rächen vermag. Das macht B nicht zu einem besseren Menschen - nur zu einem durchschnittlich reproduktiv erfolgreicheren.

    Und falls es doch zu maladaptiven, religiösen Überlieferungen kommt?

    "Interessanterweise war das Christentum, zunächst sogar maladaptiv. Wenn die Anhänger der "Sekte Jesu" ihren Herrn beim Worte genommen und ihre Familien verlassen hätten, um ihm nachzufolgen, wären sie nämlich schon nach einer Generation ausgestorben: "Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.""

    Exakt! Deswegen wird diese Stelle heute in den Kirchen fast ebenso ungerne gepredigt wie z.B. die Todesstrafe für Ehebruch, 3.Mose 20,10 (nach dem Koran droht dafür übrigens nur das Auspeitschen, die Steinigung hat die Orthodoxie aus der Bibel übernommen.). Denn was passiert denn faktisch? Es entstehen ständig Dutzende Religionen und innerhalb auch nur einigermaßen erfolgreicher Gründungen praktisch sofort verschiedene Auslegungen und Flügel. Die allermeisten UFO-Religionen sind beispielsweise schon längst wieder eingegangen und die größte Gruppe (Raelianer) träumt vom Klonen...

    Und wer wird sich in diesem inter- und innerreligiösen Wettbewerb immer wieder durchsetzen? Natürlich jene Gemeinschaften, die auch reproduktiv erfolgreich sind - also z.B. die christlichen Amish statt der (ebenfalls christlichen) Shaker. Nicht nur das frühe Christentum, sondern auch der Buddhismus sind so sehr schnell aus einer asketischen Spur in eine religiöse Arbeitsteilung zwischen zölibatären Funktionären und reproduktiv dafür besonders geforderten Laien evolviert. Und aus beiden Religionen haben dann wiederum sogar ehemalige Mönche durch die Heirat mit ehemaligen Nonnen Reformbewegungen ohne Zölibat geschaffen (so Martin Luther in Deutschland und Shinran in Japan). Und dieser reproduktive Wettbewerb geht weiter und kann als (bio-)kulturelle Evolution viel schneller neue Reproduktionsstrategien etablieren, als es ein nur biologischer Prozess je könnte. Wenn Eva Herman z.B. predigt, die Alleinverdienerehe sei schon immer biblisches Gebot gewesen, kennt sie die Bibel nicht (u.a. Polygamie, Leviratsehe etc.) und vor allem nicht die Geschichte, in der bis vor wenigen Jahrhunderten das oikos-Modell mit dem Arbeitseinsatz aller (Väter, Mütter, Kinder) die religiöse Norm bildete. Erst in der frühen Industrialisierung entwickelten protestantische Freikirchen die Alleinverdienerehe, die sich dann erfolgreich ausbreitete (u.a. niedrigere Sterblichkeit von Müttern und Kindern, höhere Bildungs- und Wirtschaftserfolge etc.) und später auch von den katholischen Christen übernommen wurde. Und derzeit können wir anhand der Schweizer Daten den reproduktiven Erfolg beispielsweise der Pfingstkirchen mit Rekordraten Teilzeit-arbeitender Mütter sehen, während die Neuapostolische Kirche und die Zeugen Jehovas mit sturem Traditionalismus und ohne eigene Kinderbetreuung unterjüngen und verfallen (dabei aber immer noch mehr Kinder als Konfessionslose haben).

    Und würden wir 1.000 Menschen auf einer einsamen Insel aussetzen, so würden sie binnen weniger Generationen religiöse Überlieferungen entwickelt haben, die historisch auf Fragmenten erinnerter Herkunftsreligionen basierte, aber wiederum reproduktiv an ihre neue Umwelt angepasst wäre.

    Von Hayek formulierte dies m.E. genial so, dass der Religion-Demografie "nicht intrinsisch, sondern historisch" sei - sich also im Wettbewerb immer wieder bilde. Ein schönes Beispiel hatten wir ja übrigens schon diskutiert : den Verfall des Hellenismus gegenüber den verbindlichen Monotheismen!

    "Ich sage bewusst "mag", weil ich immer wieder erstaunt darüber bin, wie Menschen, die an einen Gott, an ein Jüngstes Gericht und an eine ewige Verdammnis in der Hölle glauben, trotzdem so viele Verbrechen begehen können."

    Nun ja, der Evolutionsprozess fragt ja erst einmal nicht nach Gut oder Schlecht, er findet statt. Auch Aggressivität etc. gehört zu unserem evolutionären Erbe, weil sie in der Vergangenheit adaptiv waren.

    Meine These und Intention wäre völlig falsch verstanden, wenn Sie den Eindruck hätten, ich würde behaupten, dass religiöse Menschen grundsätzlich moralisch besser oder immer erfolgreich wären. Das behaupte ich nicht (und die wirklich Weisen der Religionen übrigens auch nicht...). Ich sage nur: wir haben inzwischen überwältigend starke, auch empirische Belege dafür, dass vergemeinschaftete Religiosität als biokulturelle Fähigkeit genetisch-neurobiologisch veranlagt und biologisch adaptiv (meinetwegen: exaptiert) ist - also mit durchschnittlich höherem Reproduktionserfolg einherging und -geht.

    Auch die Religion wird damit als Exaptation und als Teil der menschlichen Natur naturwissenschaftlich beschreib- und besser verstehbar, wie es im Grundsatz auch schon C. Darwin in der "Abstammung des Menschen" vermutet hatte.

  99. Theophil Isegrim Na, ich weiß nicht so recht
    03.01.2008, 20:29

    "Interessanterweise war das Christentum, zunächst sogar maladaptiv. Wenn die Anhänger der "Sekte Jesu" ihren Herrn beim Worte genommen und ihre Familien verlassen hätten, um ihm nachzufolgen, wären sie nämlich schon nach einer Generation ausgestorben: "Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein."

    So ist die Stelle aber nicht gemeint. Zum einen hat Jesus viele wieder nach Hause geschickt, die mit ihm gehen wollten. Zum anderen hat sich Jesus an andere Stelle über die Ehe geäußert. Da hob er das Scheidungsrecht - bis auf eine Ausnahme - auf (was einige Christen heutzutage wieder einführen ;-) ) und mahnte absolute Treue an, bezeichnete begehrliche Gedanken schon als Ehebruch (Bergpredigt). Ehelosigkeit kommt nach seinen Worten eh nur für sehr wenige in Betracht. Petrus war verheiratet und Jesus hat nicht die Auflösung seiner Ehe gefordert. Petrus war halt nur eine zeitlang auf "Geschäftsreise".
    Den Haß darf man auch nicht wörtlich verstehen, weil er sich mit den anderen Worten Jesus widerspräche. Man soll ja noch nichtmal seine Feinde hassen. Es ist besser als ein ganz starker Ausdruck für die Liebe zu Jesus zu verstehen. Die Liebe zu Jesus soll so groß sein, daß man in Vergleich dazu seine engen Familienangehörigen haßt.
    Das ist nicht die einzige Bibelstelle mit sehr starken Ausdrücken, die man nicht wörtlich zu verstehen hat. Beispielsweise, wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde verführt, dann reiß es aus. Wenn man dem folgen würde, dürfte man in den Kirchen nur Menschen mit rechter Augenklappe antreffen.

    Mal ein plastisches Beispiel zur oben genannten Bibelstelle. Nehmen wir an, da ist ein atheistischer Vater mit einer Tochter im Teeniealter. Das Mädchen ist klug und begabt, begeistert sich für die Wissenschaften und Papas ganzer Stolz. Plötzlich sieht er die undankbare Göre in einer Bibel lesend und es scheint ihr sogar zu gefallen. Der Vater ist alles andere als begeistert, ballt drohend die Faust zum Himmel und beschwert sich beim allmächtigen Zufall, wieso gerade ihm das widerfahre. Danach verbietet er seiner Tochter die Bibellese und auch sonstigen Kontakt zu Christen. Laut Bibel sollen Kinder den Eltern folgen. In diesem Falle muß die Tochter es aber nicht tun, soll sie sogar nicht, sondern soll sich weiter um ihren Glauben mühen. Sie muß es ja nicht offen tun und den Vater provozieren, aber in diesem Falle hat der Vater kein Weisungsrecht.

    Die starke Ausbreitung des Christentums hatte auch weniger mit der "Reproduktion" zu tun, sondern viel mehr mit dem missionarischem Eifer. Nachdem es allen langsam dämmerte, daß Jesus nicht nur für die Sünden der Juden, sondern für alle Menschen gestorben war, wurde das Evangelium den Heiden verkündet. Hinzu kam die Christenverfolgung in Jerusalem, so daß die Judenchristen in andere Länder flüchten mußten. Das begünstige die Verbreitung der Botschaft. Eine weitere Begünstigung war Rom. Zu der Zeit war ja quasi alles Rom und Paulus konnte sehr gut durch die verschiedenen römischen Provinzen reisen, zumal die Straßen sehr gut ausgebaut waren.

    Ich finde es generell schwierig die Ausbreitung des Christentums so eng an die Kinderzahl zu koppeln. Es heißt so schön, es gibt Kinder Gottes, aber Enkel hat Gott keine. Soll heißen, der Glaube wird nicht vererbt, der kann auch nicht anerzogen werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß man mit einer christlichen Erziehung zum Glauben findet ist natürlich höher als ohne (logisch, wenn man sich nicht damit beschäftigt geht das auch schlecht), aber längst keine Garantie. Da gibt es so einige, die sich davon abwenden. Nehmen wir nur mal die Pfarrerstocher Gudrun Ensslin. Und das ist kein Einzelfall. Ich kenne so einige Kinder fromme Eltern, die man nicht mehr sieht.
    Wie das Ganze bei den Amish aussieht, weiß ich nicht. Würde mich aber interessieren. Wissen Sie etwas über die Fluktuation bei den Amish Herr Blume?

  100. Michael Blume Ja zu @keinohrhases Vermittlung (-:
    03.01.2008, 20:29

    "Aber was Herr Dahl zu bezweifeln scheint, ist, dass religiöse Gefühle evolutionär VON ANFANG AN reproduktiv von Vorteil waren. Ihr "Heraufdämmern" in unseren Vorfahren - ich vermute, es geschah lange bevor man aus genetischer oder anthropologischer Sicht von Homo sapiens sapiens sprechen konnte - war für ihn ein Epiphänomen."

    Das sehe ich zunächst genauso wie Herr Dahl. Religiosität entstand auf der Basis von Epiphänomenen (wie Trauer), die ganz klassisch zu einer Anpassung exaptierten. Mit Wilson & Gould: "Byproducts can become exaptations, which in turn can become adaptations."

    "Ab wann sich ggf. ein solches, anfangs selektionsneutrales Epiphänomen durch Ausgestaltung von Religionen oder Kulten o.ä. zu einem eigenständigen Reproduktionsvorteil entwickelt hat und die entsprechende genetische Grundlage positiv selektiert wurde, dürfte für alle Zeiten unlösbar sein..."

    Warum so schnell aufgeben? Im Gegensatz zu den Dinosauriern, über deren Brutverhalten wir forschen, haben wir einige Milliarden zeitgenössische Vertreter der Gattung Homo Sapiens zum Erforschen. Wir können Verhaltens- und Zwillingstudien, Genanalysen, Experimente und Gehirnscans durchführen, psychpharmakologischen und medizinische Befunde integrieren und uns außerdem auf einen Reichtum historischer und prähistorischer Befunde stützen. Und Ansätze religioiden Verhaltens können wir sogar bei einigen Säugetieren beobachten und dazu noch die Gattung der Neandertaler einbeziehen, die unsere (auch religiöse) Evolution bis vor wenigen Jahrzehntausenden konvergent begleitet hat.

    Es mag sein, dass wir irgendwann an absolute Erkenntnisgrenzen stoßen - aber für die kommenden Jahre und Jahrzehnte sehe ich erst einmal riesengroße Chancen! Und hoffe, dass wir sie nutzen!

Artikel kommentieren
szmtag