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Wir lieben Produkte, die wir nicht verstehen

von Werner Große, 09. Oktober 2008, 19:26

... und wir kaufen sie – wild, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich habe keine Ahnung, was mein Handy noch alles kann. Ich lese selten Beipackzettel, Gebrauchsanweisungen nur, wenn das Kind schon im Brunnen liegt. Mein neuer Golfschläger wurde mit dem Satz beworben: „Für einen längeren Drive und eine bessere Performance“. Was immer das heißt, ich habe ihn gekauft.

Derzeit wird eine Rentnerin in den Massenmedien herumgereicht, die für 10.000 € ein „Zertifikat“ bei der City Bank erworben hatte. Jetzt wurde es mit Brief dieser Bank als wertlos deklariert, weil in Amerika gewisse Brüder Lehmann bankrott seien. Seither orakeln Finanzexperten darüber, was die alte Dame falsch gemacht haben könnte. Einigkeit besteht lediglich darin, dass sie das „Produkt“ nicht verstanden und dass sie den Verkäufer nicht richtig befragt bzw. der sie nicht richtig aufgeklärt hatte. Ich habe mir einige diesbezügliche Sendungen angeschaut und weiß trotz der Experten-äußerungen immer noch nicht, was Sache ist (damit Sie nicht nachschauen müssen: certificare = gewiss machen).

Andererseits: Seit der Inbetriebnahme meines neuen Golfschlägers ist weder mein „Drive“ länger geworden noch äußern sich meine Mitspieler über eine bei mir zu beobachtende „verbesserte Performance“. Was habe ich bei der Kaufentscheidung nur falsch gemacht? In meinem Fall orakeln keine Experten, sondern jeder Golfer weiß, dass durch den Kauf eines Schlägers niemand ein besserer Golfspieler wird, aber alle glauben es; zumindest in der Minute der Kaufentscheidung.

So ist das mit dem Wissen und dem Glauben im 21. Jahrhundert. Zwar wissen wir schon viel, doch noch ist glauben schöner. Dazwischen vermitteln die Medien mit Erfolg. Ein bisschen Wissen, vermauschelt mit einem gehörigen Schuß Glauben, und fertig ist die innovative Zauberwelt der öffentlichen Meinung. Wenn es mal dramatisch schief ausgeht, wie im Fall einer armen Rentnerin, können wir ja nachschauen, was wir hätten wissen können und wer es hätte wissen müssen. Spätestens dann „wusste“ es im Übrigen jeder „schon immer“ und wir können darüber eine Quoten-TV-Runde mit Experten machen. 

Ob die Finanzkrise auf das allgemeine Wirtschaftsgeschehen überspringt? Das ist eine Frage des Vertrauens, sagt die Kanzlerin, also eine Glaubenssache. Ich vertraue meinem neuen Golfschläger und tatsächlich treffe ich mit ihm ab und an den Ball. Nicht häufiger als mit meinem alten Schläger, aber immerhin auch nicht seltener. Die Wirtschaft wird also irgendwie weitergehen, trotz Finanzkrise. Schon deshalb, weil die Leute weiterhin den Werbesprüchen glauben und Produkte kaufen werden, die sie nicht verstehen, ganz gleich ob sie Geld haben oder nicht.

Meinem Golfclub haben sie den Beamer geklaut. Den brauchen wir dringend für die Regelabende und die Jahreshauptversammlung. Also hat man mich, Vorstandsmitglied und Medienexperte, mit der Ersatzbeschaffung beauftragt. Unser alter Beamer war prima, doch leider gibt es das Modell mit der vielsagenden Bezeichnung PT-LB10NTE nicht mehr. Dafür aber diverse Nachfolgemodelle mit ähnlichen Buchstabenkombinationen. Laut Händlerbeschreibung ist diesen Geräten der neuen „PT-LB-Serie“ gemeinsam, dass sie „Ihren Auftritt immer und überall in bestem Licht erscheinen“ lassen.

Cool, da greife ich zu. Wenn schon mein Golfschwung keine verbesserte Performance zeigt, dann doch wenigstens mein nächster Auftritt in der Vollversammlung. Dank Panasonic. Da glaube ich fest dran und meine Vorstandskollegen auch, schließlich bin ich der Medienexperte. Mein Risiko, wenn hinter dem Panasonic-Kürzel „PT-LB“ irgendwie doch „Lehman Brothers“ stecken sollte.

Bleibt nur noch die tiefgreifende Frage, warum wir denn Produkte lieben, die wir nicht verstehen. Wie sonst könnten wir dieses blinde Vertrauen in die Werbung sowie jenen Glauben an die selbstregulierenden Kräfte des Marktes aufrechterhalten? Aber schließlich glauben wir noch an ganz andere Dinge, auch wider jedes bessere Wissen.

Ich jedenfalls gehe jetzt einen Beamer kaufen, und zwar den PT-LW80NTE. Er hat eine Diebstahlsicherung und ist der beste - glaube ich wenigstens.





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Kommentare

  1. Monika Armand "Modern ausgedrückt":
    10.10.2008, 12:44

    Echt cooler Beitrag und ich glaube Ihnen ;-)

    Ich "glaube" auch, dass wir alle immer mehr dem "Glauben" und nicht dem "Wissen" anheim fallen.....

    So beschäftige ich mich gerade mit psychologischen Gutachten in Familiengerichtsverfahren. Eigentlich könnte ich unter alle Gutachten Ihre Feststellung schreiben:.....

    So ist das mit dem Wissen und dem Glauben im 21. Jahrhundert. Zwar wissen wir schon viel, doch noch ist glauben schöner. Dazwischen vermitteln die Medien (Gutachter...) mit Erfolg. Ein bißchen Wissen, vermauschelt mit einem gehörigen Schuß Glauben und fertig ist die innovative Zauberwelt (des Gutachtens)der öffentlichen Meinung .

    ...und müsste dann nicht mehr im Einzelnen belegen, dass die geäußerten Feststellungen der Gutachter meist mehr auf deren "Glauben", als auf deren "Wissen" basieren.

    Traurig aber wahr: Ein wissenschaftliches Studium scheint manche übermütig zu machen. So glauben sie doch, sagen zu dürfen: aus psychologischer Sicht ist Frau Soundso erziehungsfähig....was auch immer das heißt.....

  2. Martin Huhn Glauben und Wissen
    10.10.2008, 13:44

    Ist das wirklich so? Wissen wir tatsächlich mehr und geben wird das Wissen zugunsten des Glaubens auf? Die Naturgesetze sind besser erforscht, das stimmt. Doch meist hat diese Erkenntnis nur wenig Einfluß auf meinen Alltag, bis auf den technischen Fortschritt. Aber mir scheint, man glaubt nur mehr zu wissen. Dabei müßte man mal inne halten und sich fragen, was man wirklich weiß und was man glaubt. Wenn ich in ein Flugzeug einsteige, weiß ich dann, ob ich heil wieder lande? Ich weiß es nicht, ich glaube es. Ich kann es gar nicht wissen. Und selbst wenn es sich um Dinge handelt, die man überprüfen kann, ich kann nicht alle Produkte testen. Und ob in den Testberichten immer die Wahrheit steht?

    Unser Leben ist sehr durchsetzt von Glauben und Vertrauen. Ein sehr kostbares Gut, dieses Vertrauen, der Glaube.

  3. Werner Große @ Martin Huhn
    10.10.2008, 19:13

    Lieber Martin,

    ob wir mehr oder weniger wissen, ist eine sophistische Frage. Wichtig ist, dass wir das, was wir wissen, nutzen. Davon bringt mich nun kein wie auch immer relativierter oder infrage gestellter Wissensbegriff ab.
    Gerade wenn man eine sehr enge Definition von Wissen benutzt (empirisch nachprüfbar, falsifizierbar, um all den epistemologischen Filigrandiskussionen aus dem Weg zu gehen), bleibt genug für den Alltag übrig, um ihn wissend und weise zu gestalten. Gemessen daran ist es wirklich verwunderlich, aufgrund welcher blinden Annahmen Menschen Lebensentscheidungen treffen.
    Vertrauen? Da sprichst du ein hohes Wort gelassen aus. Vertrauen geht doch nur, wenn dahinter Wissen steckt. Wem ich vertraue, sollte Bescheid wissen, wenn ich selbst dazu nicht in der Lage bin. Vertrauen heisst doch nichts anderes, als in der betreffenden Frage auf das Wissen eines anderen zu bauen. Ob der dieses Wissen hat, muss allerdings ich entscheiden, und zwar wissend und wissentlich, weder glaubend noch gläubig.
    Nur dadurch wird Vertrauen ein kostbares Gut. Es ist schnell ruiniert, wenn man herausfindet, dass man sich in der Auswahl dessjenigen geirrt hat, der vorgab oder den Anschein hatte, es besser zu wissen. Du siehst, wir entkommen der Frage nach dem Wissen durch die Einführung des Vertrauens nicht.
    Glaube? Auch der ist ohne dieses Wissen hohl und kaum geeignet, das Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Soweit der Glauben Dinge betrifft, die nicht veri- oder falsifizierbar sind, mag er behaglich sein. Für die Lebensentscheidungen ist er allerdings ohne Bedeutung.

  4. Adalbert Rabich Finanzprodukte
    12.10.2008, 15:19

    Die gegenwärtige Geldmarkt-Krise beruht auf einer Variante: mangels objektiver Produkt-Liste mit Risiko-Ranking wird einem - meist bankbezogen - ein Produkt als zukunftsrenditesicher vorgestellt. Neben dieser Informationslücke ist die Lücke der Information für Wirtschaftsprüfer und Bankenaufsicht noch größer, zumeist fußen ihre Entscheidungen und Einschätzungen/Bewertungen auf dem Meldewesen (z.B. KWG §§ 13/14), d.h. eingereichten Informationen. Prognosen der Vermögensverwalter und Börsianer beruhen auf historischen Kursreihen (bei Aktien) und auf finanzmathematischer Protfoliotheorie, denen aber die Risikoeinschätzung aus bankbetriebener Erfahrung und dem Risikomanagement fehlen. Wer kann denn objektiv die einzelnen Risikoparameter berechnen oder schätzen, wer hält sich an Ehrenkodices? Man sollte sich mal die verschiedenen Bank-Zusammenbrüche und Gerichtsprozesse ansehen, z.B. das Verhalten der Wirtschaftsprüfer im sogenannten Löbbert-Prozess vor dem LG Münster, die an die Börse mit Hilfe der Sachsen-LB kamen. Und wer kontrolliert denn die Kontrolleure und ihre wahren Kompetenzen?

  5. Marcel Rödder Moderner Glaube
    15.10.2008, 12:58

    Heute glaubt keiner mehr an Wunder - jedoch jeder der Werbung, die wunderliches verspricht.

  6. Ursel K. Komplexität
    05.11.2008, 02:48

    Ja schon verrückt! Aber ich bin auch eher der Typ der auf shclichte Geräte setzt.Letztens war erst ein Artikel auf sms-puls.de wo es auch um die steigende Komplexität ging und umso Technik drinsteckt,umso mehr Fehler können passieren,also von daher...

    Ursel

  7. Ihsan Hallo
    19.11.2008, 23:20

    Zufall? Haben bei uns im Partykeller genau das gleiche Probleme gehabt mit nem verloren gegangenem Beamer. Wir gehen auch davon aus, dass er geklaut wurde :)

  8. manfred Alles nur Manipulation
    22.03.2009, 01:54

    Wollte auch kurz was dazu sagen, ich finde dass Werbung in dieser Art, oder generell Werbung einfach die MEnschen manipuliert und kein wirklicher postiver Effekt darin steckt.

  9. Gregor Hallo
    09.05.2009, 18:05

    Also ich finde solche Werbung ebenfalls graumsam. Wer braucht soetwas schon?

  10. peter hi
    19.05.2009, 19:43

    Ich finde, wenn Werbung passend zu den Interessen gestaltet wird, ist es nicht schlimm.

  11. Marco K. Manipulation
    24.05.2009, 16:27

    Man wird doch heute nur durch die Werbung in Zeitung, Internet, Radio und Fernsehen manipuliert. Das schlimme ist, man merkt es schon gar nicht mehr.

  12. M. kein Betreff
    22.06.2009, 00:15

    Leider ist es mittlerweile so weit.

  13. Karl Bednarik Arbeitsteilung
    22.06.2009, 06:45

    Dass wir Produkte lieben, die wir nicht verstehen, das liegt an der Arbeitsteilung.

    Nur wenige Menschen sind zugleich Chirurgen und Fernsehtechniker.

  14. Daniel gut
    14.10.2009, 19:32

    das ist ja echt mal ein geiler Artikel, mach weiter so !

  15. Henry Werbung, Werbung & nochmal Werbung
    05.01.2010, 13:43

    Alles ist mit Werbung zugekleistert die uns Produkte zeigen, die wir nicht brauchen aber trotzdem kaufen.

    Selbst bei (Computer)spielen hört dies nicht auf, es gibt ja nun sogar Werbung IM Spiel (bsp: in einem Rennspiel an den Zuschauerbänken)...

    [Richtig! Sogar in Kommentaren von Blogs wird Werbung gemacht, indem ein Link auf eine Werbeseite gesetzt wird. Es sei denn, der Administrator entfernt ihn wieder.]

  16. Angeliak Wie man es macht...
    05.01.2010, 13:53

    macht man es letzlich doch falsch.
    Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich nie
    entscheiden, ob ich zur "Masse" sagen möchte: "selbst schuld!", oder sie tröstend
    in den Arm nehmen soll und Ihr unterstützend helfen.

    Wir unterliegen scheinbar bedingungslos unseren intuitiven Zwängen.

  17. Birgit Warum sind wir denn nur so?
    05.01.2010, 21:00

    Dein Artikel stimmt! Hundertprozentig! Wir kaufen und Zeug, von dem wir nichts verstehen - benutzen es, ohne zu wissen, was wir tun.

    Sollte dann etwas schiefgehen, hat uns der Verkäufer falsch beraten oder das Ding hat nix getaugt.

    Doch sind wir nicht alle so?

    Erst euphorisch zum Abwicken - und danach enttäuscht über die "Bösen".

    Birgit

  18. Katja Herdentrieb
    05.01.2010, 21:12

    Von dem blinden Gehorchsam der Verbraucher gegenüber der Werbe-Industrie könnte sich so mancher zu Skepsis und Zweifeln neigender religiöser Mensch eine Scheibe abschneiden! >;->
    Dieses Phänomen lässt sich übrigens mit der Theorie der Massenpsychologie erklären - ich kann hierzu das Werk von Le Bon "Psychologie der Massen" nur empfehlen.

  19. aus Hamburg Leider ist das Neue nicht immer besser
    05.01.2010, 22:56

    Mir geht es genauso. Man benutzt eine Sache, die immer ihren Dienst tut. Doch dann kommt der Augenblick, wo dieses Ding den Geist aufgibt. Jetzt ist man vielleicht gezwungen, Ersatz zu beschaffen. Doch einen direkten Ersatz oder besser noch das selbe Gerät gibt es nicht mehr. Man erhält eine Sache mit Features, die keiner gebrauchen kann und ärgert sich, dass man stundenlang über der Bedienungsanleitung brüten muss.

    :o
    Bernt

  20. iPhonekönig Manipulation
    06.01.2010, 20:18

    Wir, die Käufer, werden von den Werbungen so manipuliert, dass es uns reicht das Produkt zu kaufen. Sie lassen uns in dem Glauben, dass das Produkt gut sei und wir vertrauen darin und kaufen es einfach.

    Meiner Meinung nach ist das ganze auch eine Vertrauensfrage. Die Firmen nutzen das Vertrauen der Konsumenten gnadenlos aus.

  21. Mutter Witze Profukte die wir nicht brauchen
    07.01.2010, 12:23

    Ich habe auch schon oft Produkte gekauft die ich überhaupt nicht brauche.

    Daher ist dieser Artikel sehr gut, viele kaufen etwas und später fragen Sie sich, warum habe ich es gekauft, ich brauche es doch nicht.

    Wie gesagt wir lieben halt Produkte die wir nicht brauchen, geben halt einfach nur gerne Geld aus...

  22. Funny kein Betreff
    12.01.2010, 02:01

    Viele Produkte welche man nicht besizt sind oft nur so lange interresant bis man sie besizt.

szmtag