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Bloggewitter: Bologna zeigt Wirkung

von Werner Große, 15. Juni 2009, 09:00

... auch die erwünschte? 2010 naht und damit das konzeptionelle Ende des Prozesses, der Europa auf ein effektiveres Bildungsniveau bringen soll. „Zum Wohle aller“, sagen die einen, „zum kulturellen Niedergang“, die anderen.

Was sagen die Betroffenen? Ich habe sie gefragt. Ich habe die 250 Studierenden angeschrieben, die ich in den vergangenen vier Semestern in einem Bachelor-Studiengang Medienwissenschaften unterrichtet habe. Ich habe sie eingeladen, meinen Platz hier in den „Allwissenden Medien“ als Gastautor zu übernehmen. Ich habe 250 ambitionierte Kandidaten für Berufe wie PR-Manager, Pressesprecher, Journalisten, Filmemacher, kurz zukünftige Meinungsbildner und Informationsvermittler gefragt.

Es hat sich niemand gemeldet!

Dafür schrieb ein anderer, Älterer: „Lieber Herr Grosse, fast wäre ich versucht gewesen, mich als Leiter des Dezernats für akademische Angelegenheiten und Prüfungsamtsleiter der [...]-Hochschule ’als Betroffener’ bei Ihnen zu melden. Aber es ist natürlich richtig und wichtig hierbei zunächst an die Studierenden zu denken. Bin auf das Ergebnis jedenfalls gespannt.“

Das war ich bis dahin auch! Das Null-Ergebnis habe ich dann Freunden aus dem akademischen Mittelbau erzählt, die spontan in die Bresche gesprungen wären, Assis, die die Module planen und Fragen beantworten müssen, die völlig überarbeitet sind und die trotzdem zur Feder gegriffen hätten. Nun schreibe ich selbst.

Vorweg: Es geht nicht um Humboldt. Es geht um die Studierenden. „Reicht es für die Klausur, wenn man sich die Word-Dokumente ausdruckt und davon lernt?“, ist die wörtlich formulierte Sorge.

Als ich jüngst einen halbleeren Hörsaal ermahnen musste, dass es wohl nicht angehe, wenn 90 Studierende in der Anwesenheitsliste  eingetragen, aber nur 60 (!!!) leibhaftig zu sehen seien, schrieb mir anschließend eine ‚Nichtbetroffene’: „... ich muss funktionieren statt mich selbst in meinem tempo zu bilden. eigentinteresse und motivation gleich null, sondern auftaktierter stundenplan. das viele studenten und lehrende da schlapp machen (anfangen zu tricksen, um den druck gerecht zu werden), empfinde ich als ein ganz natürlicher prozess, ...“

  

Der Geist von Bologna scheint tatsächlich das Studium auf die allgegenwärtige Zeit-ist-Geld-Ideologie gestutzt zu haben. Die Europaformel dieses „ganz natürlichen“ Bildungsprozesses lautet denn auch:

1 B. A. = 180 LP = 5400 h

mit der akademischen Währung 1 LP = 30 h.
Falls Sie nicht ganz verstehen, lautet das in Worten: Den Grad eines Bachelors erhält man für 180 Leistungspunkte, für die man 5400 Stunden Arbeit aufzuwenden hat. Setzt man noch 120 Leistungspunkte, sprich 3600 Arbeitstunden, drauf, darf man sich Master nennen. Ganz so simpel ist das wohl nicht gedacht, im Ergebnis aber vielleicht bewirkt.

Das zentrale Reizwort lautet neudeutsch Workload, früher hieß es Arbeitspensum. Den Workload muss die Kandidatin und muss der Kandidat absolvieren, mit Nachweis u. a. per Sitzschein! Man denke nur: Die Stechuhr in Platons „Schule von Athen“, das Fließband in Humboldts Universität! Welch eine Perversion von „Bildung“ und „Wissen“, welch eine Perversion aber auch der „Arbeit“! Neulich hatte ich mich hier über die Begriffe „Arbeit“, „Leistung“ und „Wirkung“ hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Verwendung ausgelassen. Ich hatte vorgeschlagen, die „Wirkung“ unseres Tuns stärker zu beachten und zu bewerten, wenigstens dort, wo Information das Produkt ist.

Und nun soll die Akademie das Sitzfleisch der Studierenden vermessen, wie einst Humboldts jüngerer Bruder die Anden? Kann das wirklich sein? Die Frage mögen andere versuchen zu beantworten, jene vor allem, die sie letztlich als Entscheider zu verantworten haben.

Was mich umtreibt – und was mich hier zur Feder greifen lässt –, ist die Lage der Studierenden. Was macht sie schweigen? Möglicherweise war meine Aufforderung zur Blog-Autorenschaft nicht attraktiv genug, was ich nicht glaube. Sicher war sie nicht repräsentativ im statistischen Sinn. Die ausgebliebene Antwort jedoch ist, zumindest in dieser Totalität, auf den ersten Blick entsetzlich vielsagend. Was immer meine Phantasie als Ursache zulässt, ist zunächst schrecklich für einen, der vor 40 Jahren studiert und rebelliert hat.

Sind die Studis von heute bereits mundtot?

Oder nur angepasst? Gar ausgebrannt, bevor es richtig losgeht? Haben sie Angst? Wissen sie nicht, wie ein Aufstand geht? Mein Helfersyndrom stünde bereit! Sind sie vielleicht fauler? Wohl kaum, denn Faulheit ist Generationen übergreifend.

Nein, es könnte auch anders sein. Was, wenn sich die Bildungsexperten meiner Generation über Bologna die Köpfe heißreden, während die Betroffenen gar kein Problem damit haben? Was, wenn eine Generation auf dem Weg ist, die schlank und formgerecht in die Idee vom schnellen Studium mit einer maximalen Verwendbarkeit hineinpasst? Wäre das so schlimm?

Ich muss gestehen: Vermutlich nicht, zumindest nicht in historischer Betrachtung. Das Abendland würde wohl ein weiteres Mal nicht untergehen. Es hat das liberal-nationale Wartburgfest von 1817 mit seiner Bücherverbrennung ebenso überstanden wie die schlagenden Burschenschaften des 19. Jh.s mit ihrem Schmissfetischismus, auch die wilhelminischen Studenten-Stutzer, die akademischen Mitläufer der Nazi-Zeit, die tüchtig-strebsamen 50er-Jahre-Studiosi und selbst uns 68er-Revoluzzer. Warum sollte Europa Bologna nicht verdauen können? - "Weil Bologna keine Studentenbewegung, sondern politisch oktroyiert ist", sagen Sie? Stimmt. Aber es könnte eine Studentenbewegung auslösen, wenn die Betroffenen es denn wollten und täten.

Das vorrätige Wissen bleibt unangetastet 

Nun bleibt das vorrätige Wissen, das Füllhorn der Bildung, von den jeweiligen bildungsreformerischen Moden weitgehend unangetastet. Es ist – so sagt mein Credo hier in den „Allwissenden Medien“ –  gut in Texten, Bildern und Tönen gespeichert.  Wie viel davon die jeweils lebende Generation aufsaugt, steht auf einem anderen Blatt. Doch ist es ihre Sache, die Fehler bei dem Wie und Was selbst auszubaden. Ich meine das weniger wirtschaftlich, als vielmehr hinsichtlich der Zufriedenheit, des Wohlbefindens und der Selbstachtung.

Die über 18-Jährigen sind heute wahlberechtigt, sie brauchen keine Barrikaden und Säbel, sie riskieren weder Karzer noch Exmatrikulation, um mitzubestimmen. Sie haben Studentenparlamente und nehmen Teil an der Auswahl ihrer Lehrer. Sie könnten ihr Schicksal anpacken.

Soll ich sie dabei alleine lassen? Natürlich nicht. Ich kann ihnen etwas von Aufklärung, Emanzipation, Menschenbild und Bildung erzählen, eventuell auch vorleben. Entscheiden müssen sie selbst. In vierzig Jahren werde ich nicht mehr dabei sein, wenn die jetzt Studierenden sich fragen lassen müssen: „Was habt ihr eigentlich 2009 gemacht, außer Credit Points gesammelt?“ Auf eine Antwort wäre ich gespannt, auch heute schon.   





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Kommentare

  1. Paula Schramm Keine Zeit
    15.06.2009, 14:32

    Die Revolte fängt diese Woche mit den Bundesweiten Studeierenden Streiks an. Aus meiner Erfahrung sind die Studierenden völlig überarbeitet und ohne eigeninitiative. Bei mir beschweren sie sich recht ordentlich.

    Ich wünsche ihnen noch viel Erfolg mit ihren Studierenden und dass sie dem fehlenden Drittel ihr Abwesenheit nachsehen.

  2. Martin Huhn Keine Zeit?
    15.06.2009, 14:50

    Wenn Werner Große 250 Studierende fragt und es kommt überhaupt keine Antwort, dann soll es an der mangelnden Zeit liegen? Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen.

  3. Paula Schramm Nicht nur.
    15.06.2009, 16:33

    Natürlich liegt es nicht nur an der Zeit, ich sagte ja schon Eigeninitiative geht gegen null. Verständlicherweise, ist sie doch in den neuen Studienplänen nicht erwünscht.

  4. Werner Große Keine Zeit - nicht nur
    15.06.2009, 16:38

    @ Paula Schramm: Natürlich sehe ich den Studierenden die schummelnde Abwesenheit nach. Ein reinigendes Gewitter hat das auch schon längst gerade gebogen: Sie sind alle (mit Freude :-)) wieder da. Die Frage ist nur, wo Sie jetzt fehlen. Denn irgendwo müssen sie fehlen angesichts des vorgegebenen Systems.

    @ Martin Huhn: Du hast recht, es muss an etwas anderem liegen als an der mangelnden Zeit. Es bleibt aber dabei, dass es ein Systemfehler sein muss. Denn vermutlich haben sich nicht die Menschen gewandelt, wenigstens nicht in so großer Zahl in so kurzer Zeit, sondern das System.

  5. Helmut Wicht @ Grosse: Bologna zeigt Wirkung
    15.06.2009, 17:10

    "In vierzig Jahren werde ich nicht mehr dabei sein, wenn die jetzt Studierenden sich fragen lassen müssen: „Was habt ihr eigentlich 2009 gemacht, außer Credit Points gesammelt?“ Auf eine Antwort wäre ich gespannt, auch heute schon."

    Ja.

    Aber heute und jetzt müssen auch wir Hochschullehrer uns fragen und fragen lassen, was wir eigentlich tun können und/oder getan haben, um den Umbau der Universitäten zur höheren Paukanstalt zu verhindern.

    MIR fällt im Augenblick leider nichts anderes als Argumentieren, Sarkasmus, Polemik, Demagogie und öffentlichkeitswirksames Wehgeschrei ein: aber ich fürchte, es wird nichts nutzen. Bildungspolitik, hat ein Herr Professor Vobruba aus Leipzig gerade in der FAZ geschrieben, sei eben dadurch gekennzeichnet, dass sie völlig verantwortungslos sei. Kein Bildungspolitiker wird für den Mist, der er baut, zur Rechenschaft gezogen.

    Bessere Ideen?

  6. Werner Große @ Helmut
    15.06.2009, 21:10

    "bessere Ideen?"

    Nöööö. Höchstens in Ergänzung noch die (ohne besser sein zu wollen): Ich kann mich z. B. erinnern, wer mir den Begriff Relexion (geistige nicht optische)ins Gehirn gepflanzt hat. Der Mann hieß Adolf Hübner und war ein Lehrer, einer gegen den Zeitgeist. Ich bin ihm unendlich dankbar dafür, auch wenn ich es ihm nie sagen konnte. Ich erinnere noch andere Sternstunden dieser Art. Wir können versuchen, gute Lehrer zu sein. Ich weiß, dass du einer bist, deshalb füge ich das zu deiner Aufzählung hinzu.

  7. Werner Große Fehlerteufel
    15.06.2009, 23:20

    Sorry, ich sehe erst jetzt den Tippfehler in meinem letzten Kommentar, der zu Miss- bzw. Unverständnis führen muss: Ich meinte Reflexion und nicht Relexion

  8. Ole OT: Studenten, Lehrer,…
    16.06.2009, 10:38

    Ich habe hier jetzt einige Texte zum Bologna-Prozeß gelesen und habe zu allen eine Frage: Ist es jetzt eigentlich (gleichgeschaltete) Pflicht, von „Studierenden“ und „Lehrenden“ zu schreiben? Klingt schlecht, behindert – zumindest bei mir – den Lesefluß.

  9. Martin Huhn @ Ole
    16.06.2009, 10:54

    Das wird verwendet um der Bezeichnung "Studenten und Studentinnen" oder auch um das "sensationelle" "StudentInnen" zu umgehen.

  10. KRichard Falsche Frage?
    16.06.2009, 16:28

    Sie haben die 250 gefragt, ob sie Ihren Platz als Gastautor einnehmen wollen.

    Vielleicht hätten Sie fragen sollen, wer sich gerne in einem wissenschaftlichen Internetformum mit einem eigenen Beitrag profilieren möchte. Und sie hätten sagen sollen, dass sie nicht jeden nehmen - sondern nur den/die Beste(n).

    :-)
    Karrieregeile Studenten kann man mit den eigenen Waffen schlagen.

  11. Martin Huhn Versuch
    16.06.2009, 16:40

    Ok, KRichard, dann probiere ich es mal.

    Wer von den Studenten hier möchte gerne in einem wissenschaftlichen Blogportal aus dem Hause Spektrum der Wissenschaft seine Erfahrungen mit Bologna schildern. Bisher haben wir überwiegend Beiträge von Lehrenden und keinen von Studierende. Der Beitrag kommt dann in den Bologna-Blog und der wird nur noch diese Woche befeuert (lesen kann man ihn natürlich noch weiterhin). Vorschläge bitte an mich. ( huhn@spektrum.com )

    P.S.: Wir nehmen nicht jeden, sondern nur den/die Beste(n)!

    Das P.S. war nur ein kleiner Scherz am Rande ;-)

  12. Werner Große @ KRichard
    16.06.2009, 16:51

    Bei allem Sarkasmus: Ich suchte keinen „karrieregeilen Studenten“. Ich suchte eine(n) Betroffene(n), der oder die die eigene Betroffenheit ausdrücken mag. Und ich kann Ihnen versichern, dass die Mehrzahl der Studierenden, die ich kenne, nicht in Ihrem Sinne „karrieregeil" ist. Insofern war meine Frage die richtige. Verstehen Sie bitte mein Anliegen, KRichard, ich selbst bin hier nicht Hit-süchtig oder Zahlen-geil. Aber es ist schon bemerkenswert, wie Martin Huhn es wohl auch empfindet, dass die Studierenden u. a. hier so wenig präsent sind.

  13. Lorenz Maurer beschweren sich nicht...
    16.06.2009, 18:25

    Oft werde ich als "Studierender" gefragt, direkt, persönlich oder auch nur indirekt durch die Medien, was ich denn von diesem "Bachelor" und der ganzen Umstellung halte. In vielen Einführungsveranstaltungen meines Studiums habe ich erzählt bekommen, dass ja nun vieles "anders" sei und dass sich ja "alle" erst umstellen müssten etc.

    Ich habe nicht studiert bevor es den Bachelor gab. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung was ich "verpasse" oder was bei mir nun mehr "verschult" ist als bei Magister/Diplom. Ich kenne es allerhöchstens vage aus Erzählungen.

    Sicherlich ist das kein Argument stillschweigen zu bewahren, aber es ist zumindest für mich ein Problem über den Bachelor zu "meckern", was ja anscheinend häufig erwartet wird.

  14. Robert Klinzmann kein Betreff
    16.06.2009, 18:51

    Mit Interesse habe ich diesen Beitrag verfolgt und möchte nun die subjektive Sicht eines Studenten der noch auf Diplom studiert, aber mit BSc-Studenten jeden Tag kommuniziert, wiedergeben.

    Was ist bei der Umstellung auf BSc/MSc-Mathematik hier an der TU Berlin passiert: Nichts. Das ist natürlich nicht ganz richtig. Fleißig wurden neue Studien- und Prüfungsordnungen ausgearbeitet, die dem formalen Rahmen genügen (wenn überhaupt). Inhaltlich hat sich jedoch fast nichts verändert. Eine Vorlesung mehr wurde Pflicht, ansonsten sieht das Studium fast wie die ersten sechs Semester Diplom aus. Aber eben nur "fast".

    1.) Denn die Prüfungslast ist enorm gestiegen. Nach den Grundlagenvorlesungen ist hier jede Veranstaltung ein einziges Modul, man muss sich also nach jeder Vorlesung prüfen lassen. Wieviel Vorlesungen hört ein fleißiger Mathematikstudent: maximal im Durchschnitt drei. Mit dem Nebenfach ist man gut ausgelastet. Die Frage, ob solche Prüfungen dem Studenten im Sinne des Verstehens etwas bringen, ist noch niemand gekommen. Wissen, dass nur in vielen Stunden eingepaukt wurde, um es abzurufen, ist eben kein Wissen, das man anwenden kann. Und eigentlich wollen wir doch genau das vermitteln: Wissen, dass man benutzen kann, um damit weiter zukommen. Wenn Studenten Gebetsmühlenartig Wissen wiedergeben, hat keiner etwas davon.

    2.) Niemand hat scheinbar auch nur eine Minute lang darüber nachgedacht, ob die alten Lehrmethoden optimiert werden können. Die Ausrede, dass es schon immer so wie es ist gut gelaufen ist, lasse ich nicht gelten. Es gibt neue Ansätze im Lernen und Lehren, sogar sehr fachspezifische, die man durchaus in die Neugestaltung von Veranstaltungen/Modulen hätte einbringen können. Stattdessen wird Altes umgelabelt, wenn überhaupt. Hier hat man eine wirklich echte Chance verpasst, die Lehre positiv qualitativ aufzuwerten, auch ohne dass man dafür mehr Personal bräuchte.

    Man sieht: eigentlich ist alles wie beim Alten, nur die Prüfungslast wurde hochgefahren. Ob letzteres zum besseren Verstehen beiträgt wage ich zu bezweifeln.

    Ich als Student stelle mir folgende Frage: Wieso wird sich eigentlich darüber aufgeregt, dass die Situation so ist wie sie ist? Es war klar, dass von oben herab kommandiert, das BA/MA-System kommen wird. Es gab genügend Zeit sich damit auseinanderzusetzen und vernünftige studierbare BA/MA-Studiengänge auszugestalten. Oft geschah wenig, stattdessen wurde alles einfach bekämpft, ohne wirkliche Erfahrungen gesammelt zu haben und man zerschnitt das Diplomstudium in zwei Teile mit wachsender Prüfungslast.

    Im Prinzip sind an dem jetzigen Desaster alle Statusgruppen mitverantwortlich, ich fühle mich dabei auch angesprochen.

    Am Ende möchte ich dennoch erwähnen, dass ich mindestens zwei Mathematik-Fachbereiche an anderen Universitäten kenne, die sich ernsthaft Gedanken über die Ausgestaltung der neuen Studiengänge gemacht haben. Teils sind dabei, im Vergleich zur üblichen Lehre, neue Ansätze entstanden, die sehr mutig sind, aber durchaus Früchte tragen können (ich bin mir sogar sicher auch werden).

    Wieso gab es damals so wenig Mut und Interesse für neue Ansätze?

  15. Martin Huhn @ Lorenz
    16.06.2009, 22:00

    Ich erwarte keine Meckerei, aber schon etwas Engagement, wenn es für die Studenten um so ein wichtiges Thema geht, denn sie so ein Studium nimmt ja ein paar Jahre des Lebens in Anspruch.

    Es wird auch nicht nur drüber gemeckert. Michael Wink sieht Bologna nicht so schlecht und der Kommentator JLuebeck komt auch zu einem positiven Fazit, wie man in seinem Blogbeitrag Der Muff unter den Talaren kommt wieder hervor nachlesen kann.

  16. Martin Huhn @ Robert
    16.06.2009, 22:09

    Bis auf die wohl unsinnig erhöhte Prüfungslast hört sich auch das nicht so negativ an.

    "Wieso gab es damals so wenig Mut und Interesse für neue Ansätze?"

    Ich bin mal gespannt, ob jemand darauf antworten wird/kann.

  17. rotfell kein Betreff
    16.06.2009, 22:19

    Sehr schön geschrieben!
    Ich konnte zwar keinen eigenen Blogeintrag damit füllen, will aber gerne ein paar Punkte von Studierendenseite aufführen, die mir bekannt sind.

    Problematisch war/ist in einigen Unis die Umstellung von Diplom auf Bachelor, da plötzlich manche Scheine nicht mehr angeboten werden und die älteren Semester, die noch auf Diplom studieren, im Zugzwang sind, sich schnell die restlichen Scheine zu holen. Und in manchen anderen Unis wissen die Diplom-Studenten nicht einmal, welche Scheine noch wie lange angeboten werden und bekommen darüber auch keine Information.

    Das betrifft jetzt nicht mein Fach, habe ich aber von Studenten an anderen Unis gehört und stelle mir diese Situation echt mies vor. Wie fühlt man sich, wenn man nicht weiß, ob man überhaupt noch an der Uni fertig studieren kann? Und man nicht weiß, ob einem die Scheine an einer anderen Uni angerechnet werden und man dort vielleicht eine Zurückschulung von Hauptstudium Diplom zum Bachelor im soundsovielten Semester mitmachen müßte, um fertig zu werden. Diesen Druck stelle ich mir echt immens vor.

    Auch in der Biologie in Heidelberg kam es (aber erst vor kurzem) zu Überschneidungen von Stammvorlesungen im Hauptstudium, als manche Vorlesungen en block wegen dem Master angeboten wurden, während andere weiterhin den normalen "Einmal die Woche die gesamte Vorlesungszeit über"-Tonus hatten, je nachdem welches Hauptfach und welche Nebenfächer man gewählt hatte. Die Uni ging scheinbar davon aus, daß alle Diplomer fertig seien, was jedoch noch nicht der Fall war. So konnte es auch hier zu Verzögerungen, Überschneidungen und Vernachlässigung mancher Vorlesung kommen. (Ich könnte mir vorstellen, daß so vielleicht aus 90 plötzlich 60 werden, weil 30 in einer anderen Vorlesung sitzen und die Studenten untereinander hoffentlich die Mitschriebe tauschen). Aber wir Bio-Diplomer in Heidelberg sind wirklich noch glimpflich davon gekommen im Vergleich mit anderen Unis. Es gab Infoveranstaltungen, wir haben meines Erachtens tolle Ansprechpartner im Dekanat sitzen und uns wurden nicht die Vorlesungen unter dem A... weggekürzt, sondern nur umsortiert (soweit ich das weiß). Ich kenne keinen Bio-Diplomer in HD, der nicht scheinfrei ist. Die meisten meiner Freunde stecken jetzt in Prüfungsvorbereitungen bzw. in der Diplomarbeit, also auf der Zielgeraden.

    Ein anderer Punkt ist die Sache mit den Auslandsemestern, von denen es immer wieder in verschiedenen Fächern heißt, daß man sie unbedingt haben müßte und daß man sich ohne solche überhaupt nicht bewerben müsse. Besonders, wenn man sich den straff durchorganisierten Stundenplan der Bachelor ansieht, fragt man sich, wann diese denn ins Ausland sollen?

    Ebenso ist es nicht so, daß alle Bachelor automatisch einen Anspruch auf einen Master-Studienplatz an der gleichen Uni haben. Auch hier werden Auswahlverfahren gemacht, d.h. im Zweifelsfall, daß ein mittelmäßiger Bachelorstudent überhaupt keine Chance auf einen Masterplatz hat, also Richtung Wirtschaft gucken muß und da auch nix findet, da es kaum Arbeitsstellen für Bachelor gibt. Na, wenn das kein Erfolgsdruck ist, weiß ich ja auch nicht, was sonst.

  18. KRichard @Große: zynisch und schlimm
    17.06.2009, 04:33

    Mein Beitrag war absichtlich sehr zynisch formuliert.
    Denn es ist schlimm, wenn von 250 zukünftigen Meinungsbildern bzw. Führungskräften keiner etwas zu einem Thema zu sagen hat, welches ihn betrifft.
    Und noch viel schlimmer ist es, wenn man in diesem Zusammenhang an die kürzlich stattgefundene Europa-Wahl denkt.
    Es sind überwiegend ältere Leute zur Wahl gegangen.
    d.h. die jüngeren Leute haben kein Interesse daran, sich an Entscheidungen über die eigene Zukunft zu beteiligen.
    Sieht so jemand aus, der sein eigenes Schicksal anpackt?

  19. Helmut Wicht @ alle - studentisches Engagement
    17.06.2009, 17:15

    Ich komme gerade von der "Bildungsstreik" Demo in FFM. Klar bin ich mitgelaufen.

    Knapp zweitausend, würde ich schätzen. Vom Campus Bockenheim auf den Campus Westend gelatscht, dort im Hörsaalzentrum die Veranstaltungen gesprengt.

    ICH war's aber nicht, der den Feuermelder eingeschlagen hat.

  20. Werner Große @ alle
    17.06.2009, 18:36

    Für mich wird die Frage nach der Betroffenheit der Studierenden eher rätselhafter.
    Es macht wohl keinen Sinn, 1. ohne Nachweis zu konstatieren, dass die ersten BA-Jahrgänge selbstverständlich unzufrieden sein müssen, und 2. daraus abzuleiten, dass sie dann gefälligst aufmüpfig zu sein haben.
    Eher gibt mir der Kommentar von Lorenz Maurer (siehe oben 16.06.2009 | 18:25) zu denken, wenn er sagt: „Ich habe nicht studiert bevor es den Bachelor gab. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung was ich ‚verpasse’ oder was bei mir nun mehr ‚verschult’ ist als bei Magister/Diplom“. Das könnte ein Schlüssel sein.
    Denn auffällig ist ja, dass die bereits Studierten trauern, zumindest hier: Dass die älteren Jahrgänge hineinhorchen, wie denn wohl das Befinden sei. Und wenn der Student Robert Klinzmann (16.06.2009 | 18:51) auch Versäumnisse in der Vergangenheit sieht („Wieso gab es damals so wenig Mut und Interesse für neue Ansätze?“), dann macht mich das wirklich nachdenklich. Auch Rotfell (16.06.2009 | 22:19) sieht hauptsächlich Probleme bei der Umstellung.
    Dass Helmut Wicht (17.06.2009 | 17:15) „klar ... mitgelaufen“ ist, ehrt ihn ein weiteres Mal. Und offensichtlich war er nicht alleine und auch nicht der Jüngste. Das ehrt die Jungen.

    P. s. für dein persönliches Kleinhirn bestimmt, lieber Helmut (oder wo sitzt eigentlich anatomisch der Schalk): Hoffentlich führt die Sache mit dem Feuermelder nicht zu einer Grundsatzdiskussion über Gewalt gegen Sachen, die könnte Jahre dauern :-).

  21. Martin Huhn @ Große
    18.06.2009, 11:16

    "Es macht wohl keinen Sinn, 1. ohne Nachweis zu konstatieren, dass die ersten BA-Jahrgänge selbstverständlich unzufrieden sein müssen, und 2. daraus abzuleiten, dass sie dann gefälligst aufmüpfig zu sein haben."

    Da gebe ich Dir recht. Wenn jemand zufrieden ist, warum sollte man ihm dann etwas anderes aufschwatzen, damit er unzufrieden ist. Aber dazu müßte man sich die ganze Problematik genauer ansehen. Wer kommt mit der neuen Art zu studieren klar und wer nicht. Mich stimmt nämlich etwas anderes nachdenklich.

    "Die an einigen Hochschulen eingerichteten psychologischen Beratungsstellen verzeichnen entsprechend einen gestiegenen Zulauf, der 2008 im Vergleich zu 2004 bis zu 130% betrug – Tendenz steigend."

    aus Bloggewitter: Quo vadis, Bachelor und Master?

    Wenn nun außerordentlich begabte Studenten fragen, wo denn nun das Problem ist und andere nicht mehr ganz mitkommen - was sie früher geschafft hätten - dann kann man sich ruhig mal ein paar Gedanken drüber machen.

    Aber, ob das sich verschlechternde Wohlbefinden einiger Studenten an Bologna liegt, oder ob sie weniger belastbar sind etc. darauf ist nicht einfach eine Antwort zu finden.

  22. Klaus Hindorf kein Betreff
    23.06.2009, 16:52

    Zitat:

    "Es hat das liberal-nationale Wartburgfest von 1817 mit seiner Bücherverbrennung ebenso überstanden wie die schlagenden Burschenschaften des 19. Jh.s mit ihrem Schmissfetischismus..."

    Kleine Korrektur, Herr Große: Schlagenden Burschaften gibt es auch noch im 21. Jahrhundert. Sonst ist Ihr Text in Ordnung.

  23. Die Studentin Die Stimmungslage
    15.07.2009, 11:19

    Leider bin ich erst heute zufällig auf den Blog gestoßen und auch wenn
    es nun schon eine Weile her ist, dass hier heftig diskutiert wurde,
    würde ich gerne noch etwas zur Diskussion beitragen.

    Ich bin Bachelor-Studentin für Medienwissenschaft (nicht an der Uni
    Braunschweig) und somit eine weitere "Betroffene", von denen sich bisher
    ja nicht sehr viele zu Wort gemeldet haben. Auch ich kann jedoch nur aus
    meinem persönlichen Erfahrungsschatz berichten und möchte auf keinen
    Fall den Anspruch erheben, repräsentativ für alle Bachelor Studenten zu
    sprechen.

    Das angesprochene Argument mit der fehlenden Zeit halte ich in der Tat
    nicht für sehr abwegig. Um genau zu sein, sind sämtliche mir bekannte
    Bachelor-Studenten völlig überarbeitet. Als Bachelor-Studentin hatte ich
    in den ersten vier Semestern durchschnittlich über 25 Wochenstunden
    Pflicht-Seminare und --Übungen sowie Vorlesungen, Praktika und
    Blockseminare an Wochenenden im Semester zu meistern. Eine mindestens
    ebenso große Belastung stellen jedoch mehrere Projektarbeiten,
    Hausarbeiten und Vorträge, die nebenher erstellt werden sollen, dar.
    Hierzu kommen natürlich (in meinem Studiengang durchschnittlich) acht
    abschließende Prüfungen nach Ende der Vorlesungszeit. Ich würde
    schätzen, dass ich allein durch Pflichtarbeiten auf eine
    Arbeitsbelastung von etwa 60 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche komme.

    Wer sich freiwillig bei Studentischen Organisationen engagiert oder sich
    gar die Zeit nimmt mehrmals pro Woche Sport zu machen, sollte früh
    aufstehen, ein sehr gutes Zeitmanagement haben und auch einhalten sowie
    Nachtschichten nicht scheuen. Ich treffe mich sehr gerne mit Freunden
    zum Kaffeetrinken etc, doch ich versuche das möglichst an
    Sonntagnachmittagen am Anfang des Semesters zu tun, denn spätestens nach
    der zweiten Semesterwoche ist auch dieser Zeitraum verplant. Die Zeit
    Literaturempfehlungen von Professoren zu lesen habe ich nicht, auch wenn
    ich dies bei besonders interessanten Themen manchmal gerne machen würde.

    Bei meinen Kommilitonen beobachte ich eine ähnliche Situation. Eine
    Freundin hat vor wenigen Tagen auf Facebook kommentiert es sei kaum zu
    glauben, dass sie sich tatsächlich auf den Prüfungszeitraum freue denn
    dieser seit deutlich entspannender als der derzeitige Vorlesungszeitraum.

    Die notwendige Konsequenz aus der hohen Arbeitsbelastung ist, dass wir
    kürzen müssen wo es nur irgendwie möglich ist. Konkret heißt das, dass
    besonders Vorlesungen gelegentlich ausfallen müssen. (Hier wird nicht
    wie in Seminaren und Übungen eine Anwesenheitsliste geführt) Anstelle
    dessen kann dann z. B. ein Projekttreffen durchgeführt werden. Gekürzt
    wird meist leider jedoch auch an freiwilligem Freizeitengagement. (Denn
    auch hier gibt es (natürlich) keine Anwesenheitsliste) Viele
    Studentische vereine an meinem Studienort klagen über einen massiven
    Rückgang an engagiertem Nachwuchs.

    Ich selbst führe die enorme Arbeitslast im Studium darauf zurück, dass
    sämtliche Inhalte des Diplomstudiengangs von den vorherigen zehn in die
    nun sieben Semester gepresst wurden. (Mein gesamter Bachelor-Studiengang
    hat insgesamt lediglich acht Semesterwochenstunden, weniger als der
    Diplomstudiengang, eine Projektarbeit wurde von 450 auf 210 angesetzte
    Arbeitsstunden verkleinert und die Abschlussarbeit wird sicher auch
    kleiner ausfallen).

    Das vergangene Semester habe ich im Ausland verbracht. Obwohl ich dort
    ebenfalls Lehrveranstaltungen besucht und "Punkte gesammelt" habe, werde
    ich das verpasste Semester an der deutschen Universität komplett
    nachholen müssen, denn um meinen Bachelor-Titel zu erhalten habe ich
    einen genauen Plan an Lehrveranstaltungen zu absolvieren, von denen
    keine durch die der ausländischen Universität ersetzt werden kann.

    Ich finde es nicht gut, dass ich mir mein Studium kaum so gestalten
    kann, wie ich es gerne möchte. Ich kann mir die Zeit nicht frei
    einteilen, denn sie ist verplant mit den vielen Lehrveranstaltungen, die
    nur zu dem Termin stattfinden zu dem sie in meinem Stundenplan stehen
    und zu denen ich (meist) auch kein alternatives Fach wählen kann.

    Den im Beitrag und auch im Kommentar von "rotfell" (16.06.2009)
    angesprochenen Druck unter dem wir stehen kann ich nur bestätigen. Ich
    habe nicht selten das Gefühl, dass wir nicht miteinander sondern
    gegeneinander studieren. Vorlesungsunterlagen, Lernhilfen oder
    Zusammenfassungen werden nur unter sehr guten Freunden ausgetauscht. Je
    besser die anderen sind, desto schlechter ist man selbst. Diese
    Einstellung finde ich schrecklich, sie scheint aber vorherrschend zu sein!

    Eine bereits angesprochene Ursache für den Druck ist der enorme
    Konkurrenzdruck, etwa bei der Vergabe der Masterstudienplätze. Eine
    weitere Ursache, die damit in Zusammenhang steht, ist für mich, dass
    viele Masterstudiengänge derart spezielle Zulassungsvoraussetzungen
    haben, dass Studenten, die einen Bachelor in einem ähnlichen, nicht aber
    im unmittelbar vorangegangenen Studiengang der selben Hochschule haben,
    nur durch besondere Zusatzleistungen überhaupt eine Chance haben in das
    Zulassungsverfahren aufgenommen zu werden. So müsste ich als
    Medienstudent für sämtliche Kunst-, Film- und Journalismusstudiengänge
    zusätzlich mindestens ein paar Monate, in manchen Fällen sogar mehrere
    Jahre Berufserfahrung im betreffenden Berufsfeld vorweisen können.
    Andererseits, und das erhöht den Druck weiterhin, zögern Arbeitgeber
    immer noch stark, Bachelorabsolventen zu beschäftigen. Die häufigste
    Forderung hier sind ebenfalls mehrere Monate Praxiserfahrung und somit
    Praktika. Die meisten Arbeitgeber wiederum möchten nur Praktikanten
    aufnehmen, die bereits andere Praktika (natürlich im gleichen
    Berufsfeld) absolviert haben. Abgesehen davon, dass es also ein sehr
    großes Problem darstellt überhaupt noch einen guten Praktikumsplatz zu
    finden und man froh sein kann, wenn man ohne oder für einen Niedriglohn
    (mit einer Entlohnung in Höhe eines "Mindestlohns" würde sich manch ein
    Student schon unverschämt reich fühlen) arbeiten und somit die überall
    geforderte Praxiserfahrung sammeln darf, arbeiten wir also in der
    wenigen Freien Zeit, die wir zwischen dem Ende der Prüfungen und dem
    Beginn des neuen Semesters haben (bei mir meist zwei bis sechs Wochen),
    als Praktikant in verschiedenen Unternehmen. Auch wenn man es kaum
    glauben mag, fühle ich mich dabei meist fast wie im Urlaub, denn wenn
    ich am späten Nachmittag in den Semesterferien von der Arbeit nach Hause
    kommen, stellt sich auf einmal das sehr ungewohnte Gefühl ein,
    mindestens bis zum nächsten Tag keine Verpflichtung mehr zu tun zu
    haben, normalerweise stehe ich ständig unter Strom zu stehen.

    Mein Semester im Ausland hat mir gezeigt, dass studieren auch bedeuten
    kann, sich seinen Tag selbst völlig frei einteilen zu können oder nach
    eigenem ermessen in der Bibliothek zu Themen zu recherchieren. Vor allem
    aber, dass es auch bedeuten kann, sich mit anderen Studenten
    auszutauschen, gemeinsam Zeit zu verbringen, zu diskutieren usw. Dafür
    hatte ich bisher in meinem Studium schlichtweg kaum Zeit. -- Hätte ich
    sie mir genommen, wäre ich häufig alleine da gestanden.

    Für mich stellt das Studium keine Zeit der Orientierung, des
    selbständigen Arbeitens und des Lernens dar, sondern eher eine durch
    enormen Zeitruck geprägte Phase, die es so gut wie möglich zu meistern
    gilt. Obwohl ich den höchst möglichen Schulabschluss habe, bald
    zusätzlich noch einen akademischen Titel und unter den besten meines
    Jahrgangs bin, bin ich mir nicht sicher ob ich im Anschluss an mein
    Studium einen Arbeitsplatz bekommen werde von dem ich mich ernähren
    kann. Ich glaube meine Kommilitonen sehen dies ähnlich und anstelle
    einer Revolution gegen das System, wird versucht sich so gut wie
    moeglich an das System anzupassen, so hart wie moeglich zu arbeiten und
    sich zu beweisen um bei den derzeit doch überwiegend negativen
    wirtschaftlichen Aussichten überhaupt irgendwie eine Chance zu haben

    Der Spiegel hat in seiner Ausgabe vom 15. Juni eine Studie über uns
    "Kriesenkinder" vorgestellt und unter anderem die Fragen behandelt,
    warum wir auf unsere derzeitige Krisensituation so reagieren wie wir
    reagieren, nämlich eigentlich gar nicht bzw. mit Resignation und warum
    wir keine Studentenbewegung haben. Ich glaube bei einem derart
    durchstrukturiertem Studium, dem Druck mindestens genauso gut sein zu
    müssen wie die anderen und dem damit verbundenen Individualismus bei dem
    jeder selbst für sich sorgt (ich erwarte nicht jemals eine staatliche
    Rente zu bekommen) ist irgendwo zwischen Bologna und Wirtschaftskrisen
    das Wir-Gefühl auf der Strecke geblieben, das andere
    Studentengenerationen verbunden, motiviert und angetrieben hat ihre
    Meinung zu äußern, sich zusammenzuschließen und gemeinsam stark zu sein.

    PS: Das alles soll keine Beschwerde über irgendetwas oder irgendwen sein, ich wollte nur darstellen, wir meine Sicht der Dinge derzeit ist. Vielleicht ändert sich ja das Ganze auch so schnell wieder, wie es entstanden ist.

  24. Martin Huhn @ Die Studentin
    16.07.2009, 15:06

    Das war ein interessanter Einblick in den Studentenalltag. Konkurrenzdruck gab es immer schon - wobei sich gar nicht mal die Besten durchsetzen, sondern wer die besten Beziehungen hat - aber es scheint sich alles verschärft zu haben.

    Wobei ich das mit dem Bachelor und der Wirtschaft nicht zu negativ sehen würde. Wenn die Wirtschaft den Bachelor nicht akzeptieren sollte, es aber nur wenige Master gibt, und ansonsten nur Bachelor, was soll die Wirtschaft dann machen?

  25. Werner Große @ Die Studentin und Martin Huhn
    16.07.2009, 19:42

    Ich weiss nicht, ob die Arbeitsbelastung heute größer ist als für die Generationen zuvor. Und Martin Huhn hat recht, wenn er im Prinzip sagt, dass wohl nicht eine ganze Generation von Hochschulabsolventen keine Anstellung finden wird. Natürlich hat man auch bei einer 10-prozentigen Arbeitslosigkeit gute Chancen, schließlich finden dann immer noch 90 Prozent einen Job. Aber das ist wohl nicht das Problem.
    Ich komme nur langsam dahinter, was die jungen Leute so kollektiv leiden lässt. Und wenn mein Gedanke richtig sein sollte, dann kann ich das gut nachempfinden: Es ist das Las Vegas Syndrom. Ich wusste, dass ich bestimmte Ziele erreichen werde, wenn ich Entsprechendes tue. Ich bekam von der Gesellschaft eine kalkulierbare Gegenleistung für das, was ich selbst einbrachte. Das war nicht sehr üppig und ich bin auch nicht Millionär dabei geworden, aber es war abschätzbar fair. Das scheint vorbei zu sein.
    Inzwischen hat die Schnäppchen- und Arschkarten-Gesellschaft ein seltsames Glücks- bzw. Pechräderwerk erfunden. Auch wenn einschlägige Politiker von „Leistung muss sich wieder lohnen“ reden – sie sorgen für das Gegenteil. Bei Pilawa bekommen Sie 10.000 € für Antworten, die im wirklichen Leben keinen Cent wert sind. Sie können eine hervorragende Examensarbeit schreiben und kriegen den Job nicht, weil der schon für den Neffen des Freundes des Großaktionärs reserviert ist.
    Was sollte, könnte man denn heute werden? Alles oder nichts ist die Antwort in einer auseinander driftenden Gesellschaft. Mit durchschnittlicher Leistung und Glück bekommst du Bonusmillionen, mit Pech badest du die durchschnittliche Leistung eines solchen Glücksritters bei Hartz IV aus. Wer antritt, als normaler Mensch ein normales Leben führen zu wollen, hat schon verloren. Ich strebte ein Abitur an und wusste, dass mich das irgendwie ernähren würde. Eine Bäckerlehre hätte das auch garantiert. Die Gesellschaft war damals nicht reicher als heute, daran liegt es nicht. Aber das System ist unzuverlässiger geworden.
    Heute muss man wohl einen Großteil seiner Zeit und Energie darauf verwenden, möglichst viele Lose zu kaufen, damit man mitspielen darf. Früher ging man arbeiten und dann einkaufen. Für eine Stunde Arbeit bekam man als Gegenleistung in der Größenordnung eine Stunde Arbeit eines Mitbürgers. Heute bekommt man dafür ein Flugticket oder auch nichts.
    Dieses System hat offenbar die Hochschulen erreicht.

szmtag