"WLAN beschädigt Spermien!" - Stimmt das?
Ein Gespenst geht um im Internet - in Form einer Nachricht, die von den schädlichen Auswirkungen drahtloser Netzwerkverbindungen (WLANs) auf menschliche Spermien berichtet. Im Kern geht es darum, dass eine Team argentinischer Wissenschaftler die Auswirkungen von Laptops mit eingeschaltetem WLAN auf menschliche Spermien untersucht haben, und dabei anscheinend herausgefunden haben, dass mit eingeschaltetem WLAN die Spermien weniger beweglich waren, zusammen mit einer erhöhten Bruchzahl der DNA in den Spermien.
Diese Artikel (hier eine Übersicht englisch-sprachiger Artikel, und hier eine Übersicht deutsch-sprachiger Artikel, vor allem "Die Krone" hats nicht so wirklich kapiert - die Spermien wurden nicht abgetötet) beziehen sich allesamt auf eine Studie, die vor kurzem in "Fertility and Sterility" erschien, hier der Link, leider nicht kostenlos verfügbar (ich sehne mich nach dem Tag, in dem Journalisten direkt auf die original-Forschung verlinken, damit wir Wissenschafts-Blogger nicht im Speicher des Internets rumwühlen müssen).
Aber schauen wir uns die Studie an. Die Forscher haben mit Samen-Proben von 29 Spendern gearbeitet, da schrillen bei mir schon die ersten Glocken - 29 ist zu wenig, um wirklich statistisch signifikante Ergebnisse zu bekommen *- dafür braucht man schon das fünf-fache, doch dazu später mehr. Der Versuch verlief wie folgt: Die Spermien wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, eine Gruppe wurde für vier Stunden unter einem per WLAN-verbundenen Laptop ex vivo mit Temperatur-Kontrolle aufbewahrt, die andere Gruppe wurde für vier Stunden ohne Laptop ex vivo mit Temperatur-Kontrolle aufbewahrt. Die Ergebnisse, die Journalisten aufhorchen lassen: in den WLAN-Spermien hatten 25% aufgehört, sich zu bewegen, und in der anschließenden Auswertung war die DNA in 9% der Spermien beschädigt. In der Gruppe ohne Laptop bewegten sich 14% nicht mehr, und nur 3% hatten beschädigte DNA. Schlussfolgerung der Wissenschaftler, begierig übernommen von Journalisten: WLAN macht Spermien kaputt. Aber stimmt das auch?
Zum Versuchsaufbau: ex vivo bedeutet, dass der Versuch im künstlichen Umfeld außerhalb des Organismus durchgeführt wurde, hier in einer Wasserschale. Mein Kritikpunkt: Innerhalb des Hodens bewahren komplizierte Systeme die Spermien vor allem möglichen Schäden, insbesonders Hitze. Um wirklich bedeutungsvolle Ergebnisse zu erhalten, müssten die Forscher also die Laptops samt eingeschaltetem WLAN nahe an ein in vivo-System bringen, also die Hoden, damit wir sehen können, ob das lebende System den Einfluss des Laptops ausgleichen kann - in anderen Worten, ob dann noch Grund zur Besorgnis besteht. Der Hoden sollte das meiste von den Spermien abhalten - und solange wir keine WLAN-Laptops dadrin rumtragen, sollte alles OK sein.
Außerdem stößt mir sauer auf, dass die Forscher keine Unterscheidung zwischen WLAN und Laptop gemacht haben - frühere Studien haben gezeigt, dass die Hitze der Laptops genug ist, um Spermien zu beschädigen. Hier scheint durch die Temperatur-Kontrolle des Systems zwar Hitzeschaden ausschließbar, aber man kann trotzdem nicht 100% unterscheiden, ob jetzt der Laptop oder das WLAN der Täter ist. Hätten die Forscher den Versuch mit einem WLAN-dongle, der per Verlängerungskabel weit weg vom Laptop angeschlossen ist durchgeführt, so könnten wir besser unterscheiden. Leider haben die Forscher kaum mit einem Laptop ohne WLAN-Funktionalität verglichen, sondern da nur die Strahlung verglichen - eine ähnliche Studie mit den Gruppen "Laptop ohne WLAN" und "Laptop mit WLAN" würde hier Wunder vollbringen.
Nochmal zum Probenumfang - wir haben zwar "nur" 29 Spender, von denen aber mehrere Millionen Spermien - das macht die Ergebnisse der Forscher statistisch signifikant, also unter 5% Fehlerwahrscheinlichkeit. Die Spermien der Spender wurden vor der Studie auch auf etwaige Probleme untersucht, hier gibts also nichts zu meckern. Trotzdem sind 29 Spender mir zu wenig - mit mindestens 100 wärs besser bestellt, um Schwankungen und Probleme, die von den Forschern übersehen wurden, auszugleichen.
Interessant wäre auch, wie sich ein größeres WLAN auf Spermien auswirkt - also wie ein WLAN-Router einige Meter entfernt von ex vivo-Spermien sich auf deren Beweglichkeit auswirkt. Ich tippe: Gar nicht, sonst hätten wir Deutschen schon länger ein offensichtlich biologisch-bedingtes Fruchtbarkeitsproblem (anders als der momentane Trend zur Kinderlosigkeit).
Zusammenfassend - ich finde, die vorliegende Studie hat mit der drastischen Sprache der oben verlinkten Artikel nur wenig zu tun. Sie hat zu viele Unzulänglichkeiten (kaum Unterscheidung "Laptop mit WLAN"/"Laptop ohne WLAN", zu wenige Spender, und ist ex vivo) um irgendwelche endgültigen Schlüsse zuzulassen, vielmehr zeigt die Studie den zukünftigen Weg für viele andere ähnliche Studien auf. Dass man Laptops zu Gunsten männlicher Fertilität wegen der Hitze besser von seinem Schoß weghält, war schon länger bekannt.
Ich bin gespannt, wie sich die deutsch-sprachige Presse in den nächsten Tagen auf diese Studie stürzt und pack schonmal das Popcorn in die Mikrowelle.
*Nachtrag: Wie Tilo in den Kommentaren richtig schreibt, ist meine Attacke auf die statistische Signifikanz im zweiten Absatz falsch, die Studie ist schon statistisch signifikant (wie in den Kommentaren beschrieben).
Literaturnachweis:
Avendaño, C., Mata, A., Sanchez Sarmiento, C., & Doncel, G. (2011). Use of laptop computers connected to internet through Wi-Fi decreases human sperm motility and increases sperm DNA fragmentation Fertility and Sterility DOI: 10.1016/j.fertnstert.2011.10.012Geschrieben in Wissenschaft & Medien | 13 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink



