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Natur vs Pille

von Jörg Ewers, 22. Juni 2011, 10:44

Drüben bei den Scienceblogs hat Ulrich Berger mal wieder einen Fall von Komplementärdurchfall zu verarzten, was er durchaus fachkundig tut, weshalb ich mich zum Zuckerkügelchenglauben auch garnicht groß äußern werde. Vielmehr ist mir in seinem Bildzitat ein Satz aufgefallen, den ich doch kurz etwas genauer beleuchten möchte.
Die Zeitschrift forschen & entdecken fragt im Lead folgendes:

Können Wirkstoffe aus der Natur ebenso wirksam sein wie Pillen?

 

Worauf mir zuerst folgende Frage in den Kopf kam:

Sollten Leute die über Pharmazie im weitesten Sinne schreiben den Unterschied zwischen Galenik und Wirkstoff kennen?
Wahrscheinlich ja, zumindest wenn sie denn schon für den unkundigen Leser die Forschung in einem pharmazeutischen Fachgebiet einordnen wollen. Nun sei es, wie es sei, wer Parasitismus als Symbiose beschreibt, bei dem kann wohl auch die Zubereitung der Wirkstoff sein.

Der eigentliche Punkt, den die unkundige Autorin wohl meinte, war einen Gegensatz zu schaffen zwischen Wirkstoffen aus der Natur und dem was heute zusammengefasst mit wissenschaftsbasierter Medizin bezeichnet werden kann. Und auch da muss man sagen, scheitert sie.

Warum? Weil Wirkstoffe aus der Natur, fester Bestandteil der heutigen Pharmazie sind. Allerdings sind viele von ihnen so potent, dass sie verschreibungspflichtig sind, womit dann das werbende 'natürlich' rausfällt.  Fachmännisch verblistert und verpackt bleiben keine Anhaltspunkte, wo der Stoff mal herkam, ganz zu schweigen davon, das es in der Wirkung keine Rolle spielt.

 ⅔ der komplett neu entwickelten Arzneistoffe der letzten 25 Jahre  sind Naturstoffe, abgewandelte Naturstoffe oder Stoffe die das molekulare Wirkprinzip von Naturstoffen nachahmen.
Darum will ich es mir auch nicht nehmen lassen ein paar Beispiele zu nennen.

450px-Foxglove1.jpg
Digitalis Purpurea[1]
Digoxin Digoxin ist herzwirksames Steroidglycosid aus Digitalis purpurea (dem roten Fingerhut). Es wird hauptsächlich bei Herzinsuffizienz verwendet.

Lovastatin
Lovastatin ist einer der ersten HMG-CoA-Reduktase-Hemmer, welche zur Behandlung der Hypercholesterinämie eingesetzt werden. Isoliert wurde es zuerst aus dem Schimmelpilz Aspergillus terreus.

Jason Hollinger cc-by
Pazifische Eibe[2]

Paclitaxel
Paclitaxel ist ein Zytostatikum welches in der Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) produziert wird. Es hemmt den Abbau von Mikrotubuli, die essentiel für den Spindelapparat während der Mitose sind.

Warfarin
Warfarin ist ein Dicoumarolanaloga, also ein Gerinnungshemmer aus der Familie der Vitamin K Antagonisten. Dicoumarol wurde zuerst in vergorenem nordamerikanischen Süßklee entdeckt, der bei Rindern nach der Aufnahme inne Blutungen verursachte.

Cyclosporin
Cyclosporin ist ein cyclisches Undecapeptid was aus dem Pilz Tolypocladium inflatum isoliert wurde. Es ist eines der ersten Immunsupressiva das gezielt die zelluläre Immunabwehr unterdrückt, so das Abstoßungsreaktionen bei Organtransplantationen unterbleiben.

Enrico Blasutto cc-by-sa
Herbstzeitlose[3]

Colchicin
Colchicin ist ein Alkaloid aus der Herbstzeitlosen, einem Krokosgewächs und eins der ersten Mittel gegen Gicht, wofür es heute noch eingesetzt wird.

Theophyllin
Theophyllin (der kleine Bruder von Coffein, eine Methylgruppe weniger) kommt in Teeblättern, Kaffeebohnen und Kolanüssen vor und wird zur Behandlung von Broncialasthma und anderer obstruktiver Atemwegserkrankungen angewendet.

Die Klassiker wie ASS oder Penicillin lasse ich jetzt einfach mal außen vor, die wurden mittlerweile zur genüge vorgestellt und von monoklonalen Antikörpern oder DNA-vakzine  kann man wahrscheinlich auch noch einen eigenen Beitrag schreiben.

Man mag Big Pharma viel vorwerfen können, aber wenn sie einen Naturstoff finden, der sich als Arzneimittel eignet, dann sind sie sich auch nicht zu fein ihn zu vermarkten. Günstiger als aus der Natur kriegt man seine Wirkstoffe selten hergestellt.

Es ändert allerdings nichts am Zulassungsweg. "Natürlich" heißt nicht ungefährlich, genauso wenig wie "Chemie" automatisch böse ist (wie Sebastian schonmal angemerkt hatte). Alles was eine Wirkung hat, hat normalerweise auch eine Nebenwirkung.

Die Wirkung ist es, die am Ende zählt.

Bilder:

[1] Raul cc-by-sa

[2] Jason Hollinger cc-by

[3] Enrico Blasutto cc-by-sa

 

Dieser Beitrag ist auch als Podcast erhältlich:

EMV004 - Natur vs. Pille





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Kommentare

  1. olsch "Obwohl..."
    22.06.2011, 13:29

    Kleine Frage:
    Kommt nach dem "Obwohl" unter "Colchicin" noch was? Irgendwie steht das etwas zusammenhanglos da.

  2. Jörg sehr aufmerksam
    22.06.2011, 13:56

    @olsch

    Danke, da ist mir wohl ein Wort durch die Korrektur gerutscht. Wie gut, das ich einen aufmerksamen Leser habe.

  3. Sebastian R. kein Betreff
    22.06.2011, 16:42

    Danke für diese Aufklärung! Leider muss man ja immer wieder feststellen, dass diese Sache vielen Menschen eben nicht bewusst ist und man so oft auch keine wirklich produktiven/konstruktiven Diskussion führen kann. Oftmals ist es ja auch so, dass man sich Wirkstoffe aus der Natur "abguckt" und dann darauf basierend neue Medikamente entwickelt, die gezielter und besser wirken. Dort dann eine "Unnatürlichkeit" hineinzuinterpretieren, ist von vornherein einfach nur gewollt, aber echt unnötig.

    Zu den beiden Wirkstoffen Warfarin und Colchicin möchte ich eben nur mal was anmerken, was vielleicht allgemein von Interesse sein könnte:

    Warfarin wird, wie du ja schon sagst, als Gerinnungshemmer ähnlich wie Marcumar eingesetzt und ist wohl eines der ersten Wirkstoffe, dessen Dosisgabe individuell abgestimmt werden muss, da Menschen je nach Genotyp unterschiedlich darauf reagieren.

    Colchicin ist ein klassischer Wirkstoff, den jeder Zellbiologe kennen muss und der besonders gerne in Prüfungen abgefragt wird. Dabei handelt es sich um eine Substanz, die in einer Zelle an freies Tubulin (die Untereinheiten von Mikrotubuli) bindet und somit eine Depolymerisation von Mikrotubuli verursacht, wodurch Zellen sich nicht mehr richtig teilen können bzw. sich falsch teilen und dann absterben, da Mikrotubuli normalerweise für eine korrekte DNA-Aufteilung sorgen müssen.

  4. Jörg Anmerkungen
    22.06.2011, 17:51

    @Sebastian

    Bitte und danke für deine Anmerkungen. Was die abgewandelten Naturstoffe angeht kann ich dir nur zustimmen. Wichtig ist halt die Leitstruktur. Auf der Ebene von Natürlich / Unnatürlich über das für und wieder von Arzneistoffen zu reden ist meist wirklich wenig fruchtbar.
    Wafarin ist ja auch nur ein Derivat so gesehen, wobei in Deutschland hauptsächlich Phenprocoumon verwendet wird.

  5. Sebastian R. Habe gerade mal...
    22.06.2011, 18:35

    ..nachgeschaut und gesehen, dass Phenprocoumon als "Marcumar" verkauft wird. Bei diesen ganzen Wirkstoff- und Medikamentennamen blickt man irgendwann echt nicht mehr durch...

  6. Jörg Namen und Stoffe
    22.06.2011, 19:02

    @Sebastian

    Tja so ist das in der Pharmazie. Es gibt immer drei Namen, einen nach IUPAC, einen Wirkstoffnamen und einen Handelsnamen. Ich versuche mich immer an den Wirkstoffnamen zu halten, der ist relativ kurz und unabhängig vom jeweiligen Hersteller.

  7. Martin B. kein Betreff
    22.06.2011, 22:13

    Yeah, sehr schöner Beitrag. Ich habe hier einen halbfertigen zu Paclitaxel, die Geschichte zur Wirkstoffgewinnugn ist einfach zu lustig.

    Man hat den Wirkstoff aus der Rinde der pazifischen Eibe bei Screenings in den siebziger Jahren gefunden, infolgedessen die relativ seltene Eibenart ein Problem hatte. Der Wirkstoff liegt ja in der RInde nur in winzigen Mengen vor, weshalb man als Naturheiler die Rinde Schubkarrenweise verabreichen müsste.

    In diesem Fall hat die semisynthetische Modifikation eines Stoffs aus der IIRC europäischen Eibe quasi die Bestände der pazisfischen Eibe gerettet.

    Und ohne pharmazeutische Aufbereitung wäre der Stoff gar nicht nutzbar gewesen.

    Letztendlich war mir das aber zu dünn für einen eigenen Artikel, deswegen schimmelt der im Entwurfsordner vor sich hin (wie derzeit sowieso viele Artikel *seufz*)

    Scjönen Abend noch

  8. lionheart kein Betreff
    23.06.2011, 04:38

    ja und man kann big pharma auch nicht vorwerfen bekannte stoffe aus der natur in ihrer molekülform zu verändern - in der hoffnung, dass sie damit noch potent bleiben, oder gar sogar verbesserungen hervorbringen - denn nur dann lässt sich das ganze patentieren.

    der große unterschied ist aber, dass im gegensatz zur pflanze in dem chemischen pille nur ein monopräparat mit entsprechend großer dosierung verwendet wird.
    pflanzen sind in so fern besser, weil ihre wirksamkeit auch auf synergetischen effekten beruhen - die sich häufig auch gar nicht erklären lassen.
    die pflanze muss man so gut wie immer viel niedriger dosieren - was auch halt damit weniger nebenwirkungen verbindet.
    DAS ist der grund, warum naturheilkunde sanfter ist!

  9. Jörg Eiben sollst du suchen
    23.06.2011, 10:46

    @Martin
    Naja ich finds interessant, Biosynthese, bzw Hemisynthese aus dem Vorläufer der europäischen Eibe. Mittlerweile Ubertragung von Teilen des Stoffwechselwegs in Hefen.

    Mich interessiert der Stoff, also wenn du noch den Dreh findest, ich würds lesen! ;-)

    @lionheart

    ja und man kann big pharma auch nicht vorwerfen bekannte stoffe aus der natur in ihrer molekülform zu verändern - in der hoffnung, dass sie damit noch potent bleiben, oder gar sogar verbesserungen hervorbringen - denn nur dann lässt sich das ganze patentieren.

    Bioisostere Veränderungen sind Teil der Arzneimittelentwicklung und dann nötig, wenn Nebenwirkungen vermindert, Wirkung verstärkt oder physikalische Eigenschaften wie z.B. die Polarität (wichtig beim Übergang durch die Blut-Hirnschranke oder einfach für die Löslichkeit) angepasst werden müssen. Nur weil Stoffe in der Natur vorkommen und eine biologische Aktivität haben heißt es nicht, das sie für den Menschen gemacht wurden, kann man auch nicht davon ausgehen, das jeder Stoff nur weil er aus der Natur kommt, so wie er ist perfekt geeignet ist für die Behandlung von Menschen.

    Ich sag es ihnen ja nur ungern, aber eine pharmakologische Leitstruktur lässt sich nicht patentieren, das müssen sie für jedes mögliche isostere Molekül einzeln machen. Was dann 20 Jahre gilt, wovon sie 10 Jahre mit der Zulassung verbringen. Um dann 2 Monate später das Mittel eines Mitbewerbers mit gleicher Leitstruktur aber einer Methylengruppe weniger oder einem Ersatz eines Wasserstoffs durch ein Fluoratom vorzufinden.

    Sie müssen Wirkstoffe aus der Natur nicht verändern, um darauf ein Stoff- und/oder ein Verwendungspatent anzumelden.

    Davon ab, das Patente zwar einen Vorsprung geben, aber nicht Vorraussetzung sind um mit Arzneimitteln Geld zu verdienen.
    Acetylsalicylsäure z.B. ist längst patentfrei. 2008 alleine als Thrombozytenaggregationshemmer 532 Mio definierte Tagesdosen verordnet, das macht einen Umsatz von 21 Mio €, nehmen wir die Verordnung als nichtopioides Analgetikum sind wir bei 39 Mio definierten Tagesdosen (4,6 Mio €). Freiverkauf nicht eingerechnet.

    der große unterschied ist aber, dass im gegensatz zur pflanze in dem chemischen pille nur ein monopräparat mit entsprechend großer dosierung verwendet wird.

    Zeigen Sie mir eine nichtchemische Pille.

    pflanzen sind in so fern besser, weil ihre wirksamkeit auch auf synergetischen effekten beruhen - die sich häufig auch gar nicht erklären lassen.

    Warum nicht? Worauf sollen denn diese synergetischen Effekte beruhen, wenn man sie nicht erklären kann? Nur zur Erinnerung: Effekt = eine durch eine bestimmte Ursache hervorgerufene Wirkung

    die pflanze muss man so gut wie immer viel niedriger dosieren - was auch halt damit weniger nebenwirkungen verbindet.

    DAS ist der grund, warum naturheilkunde sanfter ist!

    Beispiele? Aber kein Pillepalle wie Husten Schnupfen oder Verstopfung. Tuberkulose, Typhus, Meningitis, Nierentransplantation, Krebs.

  10. lionheart kein Betreff
    23.06.2011, 15:27

    ok, Sie haben Recht, dass anscheinend heutzutage sogar Naturstoffe patentier sind.

    Die synergetischen Effekte beruhen auf meist auf mehreren hunderten Wirkstoffen. So haben Pflanzen die Fähigkeit sogar paradoxe Wirkungen zu zeigen: Bei Bluthochdruck den Blutdruck senkend, und bei zu niedrigem Blutdruck ihn erhöhend.
    Jede einzelne Wirkstoff Komponente besitzt keine dieser Fähigkeiten. Erst das Komplexe Zusammenspiel macht es möglich. Und ich denke auch nicht, dass es unmöglich ist, sowas zu entschlüsseln -> nur enorm aufwendig.
    Aufjedenfall so aufwendig, dass das noch moderne "Molekül Raten" (die Suche nach Wirkstoffen mit einer Wirkung) profitabeler ist.
    Aufjedenfall bietet die Phytotherapie noch viele ungehobene Schätze.

    Für Beispiele wenden Sie sich doch an ein modernes Phytotherapie Buch ihres vertrauens ;)
    Und sprechen Sie nicht so achtlos über Pillepalle Krankheiten. Immerhin wird der Großteil der Bevölkerung von Pillepalle Krankheiten geplagt. Da hat die Phytotherapie als wirkungsvolle und meist nebenwirkungsarme Methode ihre volle Berechtigung.
    Bei schweren Infektionskrankheiten und anderen Fällen, die ins Krankenhaus gehören, hat die Schulmedizin natürlich vorrang. Aber das ist prozentual gesehen weniger!

  11. Jörg @lionheart
    23.06.2011, 17:34

    Okay, vllt. sollte ich mich präzisieren. Dieser Post ist eine Reaktion, auf den Artikel einer Frau, die behauptet, das Natur und Pille ein Gegensatz wäre und Homöopathie wirksam wäre gegen Krebs.
    Beides stimmt nicht.

    Auch mit "synergetischen Effekten" sind Phytopharmaka nicht in der Lage Krebs zu heilen...
    Davon ab, das Homöopathie nichts mit Phytotherapie zu tun hat.
    Sollten sie ein Buch zur rationalen Phytotherapie suchen, empfehle ich ihnen den Wichtl, Teedrogen und Phytopharmaka: Ein Handbuch für die Praxis auf wissenschaftlicher Grundlage. Dort finden sie fundierte Fakten zur Behandlung verschiedener Leiden mit Pflanzenteilen und deren Extrakten, auf wissenschaftlicher Basis.

    Auch an Teedrogen werden gewisse Ansprüche an Reinheit und Identität gestellt, inklusive der Prüfung auf Mindest-/und Höchstgehalte verschiedener Inhaltsstoffe, um schädliche Nebenwirkungen für den Anwender auszuschließen, diese sind in Monographien des europäischen Arzneibuchs festgehalten.

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